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Samburgiſches
agazin,
oder
geſammlete Schriften,
Aus der
Naturforſchung und den angenehmen
| Wiſenſchaften uͤberhaupt. Era
Des —— — Ste.
Mit Königl. Pohln. und Churfuͤrſtl. Saͤchſiſcher FZreybeit.
Hamburg und Leipzig
bey Georg Chriſt. Grund und Adam Hein, Sl,
1754 —
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Ei aͤchter Briet
von einem
italieniſchen Herrn f vr —* ei
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ben Di der. Sarantuk
"the Geatlenun s — for Sept 1793,
„Wein Herr! =
# hrem Belange zu ende ik
#7 nen eine Nachricht von Der it
‘des Billes einer Taranful in bei
DR . menfchlichen Körper, Ich will ih⸗
hen aur *— genaue Nachricht von allen von mit be⸗
— obachteten Umftänden geben, indem ich einmal das
Werkeug bey der Cur eines, armen Bauersmannes,
von dieſem SIR war ‚gebiffen Meer ge⸗
* —X a y 2° nass m; —
4 J 2
Bon der Tarantul ſelbſt will ich ihnen Feine Ber
ſchreibung geben, weil ich verfichert bin, daß fie da .
von vollfommen unterrichtet find. Ich mill ihnen
nur erzählen, was fich in meinem $ande auf einem
kleinen Dorfe, la Torre della Annunziata ges
nannt, ungefähr zehn Meilen von Neapel, woicheben
damals, als diefes gefchah, zugegen war, zuaetra
gen hat. —* —
Im October haben alle Studenten in Neapel,
welche einige Bekanntſchaft auf dem Gate haben, -
- . Erlaubniß, aufdas Sand zu geben. Sch hatte alfo
auch die Freybeit, meinen Geburtsort zu befuchen,
und weil ich mich damals in dem Collegio zu Neapel
auf die Muſik legte, fo nahm ich allemal, wenn ich
Auf das Sand gieng, meine Geige mit.” 7 ;. „?
An einem Tage gefchahe es, daß einarmer -_
Mann auf der Straße krank ward, und man ſah gar
‘ bald, daß diefes die Wirkung einer Tarantul ſey,
weil das Landvolk gewiſſe untruͤgliche Zeichen hat,
woran es ſolches erkennet, und beſonders ſagen ſie,
daß einen die Tarantul an den obern Rand des Oh⸗
res, oder an das Ohrlaͤppchen, und zwar, wenn man
auf der Erde ſchlafend liegt, beißt. Der verwundete
Theil wird drey Tage nach dem Biſſe ſchwarz, en |
pi Stunde, da man gebiffen worden. Sie fagen
* ferner, daß, wenn niemand da wäre, der den Ver—
wundeten heilen Fönne, diefer die Wirfung des Bife
ſes alle Tage zu eben der Stunde, drey bis vier Stun» ·
den hinter einander, fühlte, bis er fo toll würde, daß
er in Zeit von einem Monate drauf gienge, Eini⸗
ge, ſagen fie, / haben drey Monate gelebt, nachdem
fie-gebiffen worden. Aber diefes legtere kann ichniche
ER * glauben.
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von dem Biſſe der Tarantul ‚ai
glauben. Denn man laͤßt niemals jemanden an fo _
einer Krankheit ſterben, ſondern der Prieſter mu a
ihm vorgeigen, und ihn alfo heilen, und es kann fi
ein. Menfch erinnern, daß irgend einer daran gefom
ben ift. ‚Aber zur Sadıe. |
Ein armer Mann ward, tie oefagt 5; auf der
Straße franf, und weil der. Priefter nicht zu Haufe
war, fo bathen mich verfchiedene Perfonen , dem ars
men Teufel vorzufpielen, Wenn idy nicht verſchiede⸗
ne gute Freunde beleidigen wollte, fo mußte ich ſchon
Bingehen, Als ich bin kam, fahe ich einen Mann
auf der Erde ausgeftrecft liegen, und es fhien, als
wenn er eben in den legten Zügen läge. Als mid)
das Volk zu Gefichte befam, rufete es: Spielt,
fpielt die Carantella! Diefes iſt ein Stückchen,
welches man bey folchen Fällen fpielet. Ich batte
diefes Stückchen niemals gehöret, und konnte es alfo
nicht fpielen. Ich fragere: Was ift es denn für- ein
Stuͤckchen? Sie antrworfeten, es wäre eine Art von
einer Gique. Ich verfuchte verfchiedene Giquen,
aber es half nichts, und der Mann blieb einmal fo
unbeweglich liegen, als das andere. Die Leute ſchrien
immer fort, ich ſollte die Tarantella ſpielen. Ich
ſagete, ich koͤnnte fie nicht ſpielen; aber wenn fie je»
mand mir vorfingen wollte, fo wollte ich fie gleich lers
nen. Ein altes Weib erboth ſich mir, diefes gute
Werk zu verrichten, aber ſie ſang das Stückchen ſo
unverſtaͤndlich, daß ich mir keinen Begriff davon ma⸗
chen konnte. Es kam aber eine andere Frau, wel.
che mic) es lehren wollte. Ich lernete es auch von.
ihr ungefähr-in Zeit von zehn Minuten, denn es war
* Ich habe es hier in Noten geſetzt beygefüge.
A3 Indem
Indem ich diefes Stückchen Ternte, "und die erſten
zween Tacte nad) und nach traf, fing der Mann eben
fo allmählich an, ſich zu bewegen, fprung fo fhnell,
mie der Buh / au, gleich als ob er Durch eine fehrec-
liche Erfcheinung wäre aufgemerfer worden, und fh
ſich überall wild um, und alle Gelenfe feines Körs
pers waren in Beivegung. Da ich aber Hoch niche
das ganze Stücchen konnte, fo hoͤrete ich auf zu fpie=
fer weil ic) nicht glaubete, daß es dem Maine was
helfen würde. ' Doch fobald ic) aufbörete zu fielen,
fiel der Mantı nieder, fchrie fehr laut, Und verdrehte
fein Geſicht, feine Füße, Armen und alle Theile ſei⸗
nes $eibes, kratzete mit ven Händen auf der Erde,
und wandte und Frümmete fich fo heftig, dag man
klar fehen konnte, er fen in großer Todesangft. ZH
war außer mir felbft, und eilte fo fehr, als ic) Fonnte,
den übrigen Theil von dem Stückchen zu lernen, Als
ich es konnte, fpielete ich näher ben ihm, etwan zwölf
Schuh weit von ihm. Den Augenblick, als er mich
hoͤrete, fprang er wieder auf, wie vorher, und tanzete
fo fehr, als man nur tanzen kann, aber fehr wild. Er
beobachtete ven Tact beym Tanzen vollfommen, doch
beobachtete er weder gewiffe Regeln, noch Geberden,
fondern hüpfete und rannte bin und ber, und machte
ſehr Fomifche Pofituren, welche einigermaßen den
&inefifchen Tanzen glichen, welche wir zumeilen auf
dem Theater gefehen haben. Ueberhaupt war alles,
mas er that, fehr wild. Er ſchwitzete über und über,
und dann fchrien die Leute: Befchwinder! ges
ſchwinder! Ich follte nämlich das Stückchen ges
ſchwinder fpiefen. Ich fpielere auch fo geſchwind,
daß ich Faum länger fpielen konnte, da ne der
| — Mann
—
—— —
J
bon dem Biſſe der Tarantiif, m 7
Mann immer fort tanzete. Ich war fehr abgemat⸗
tet, und ‚obgleich verfchiedene Perfonen : : hinter, mir
waren, welche theils den Schweiß von meinem Ges
Fichte abwifcheten, eheils mir mit einem Fächer fühle
Luft zuwedelten, (denn es war ungefähr um zmey
Uhr Nachmittags) theils das andringende Volk von
mir Abhieleen, ſo ſtund ich doch bey meiner langen
Geduld viel aus’y"denn'ich fpielte, ohne zu viel zu füs
en, ‚fiber‘ zwey Stunden, ohne im geringften *
en.
* "Ye der Mair ungefaͤhr eine Stunde —
Harte, gaben ihm die Leute einen bloßen Degen, wel⸗
‚chen er bey der Spiße in die Hand nahm, und aus
Der einen Hand in die andere ſchleuderte, in welcher
er ihn im Gleihgervichte hielt, und inzroifchen immer
fort tanzete. Die Leute mußten, daß er einen Degen
verlangete; denn Fur; vorber, ehe er ihn befam, kratzete
er fich ſehr ſtark in die Hände, als ob er das Fleiſch 3
davon abreißen wollte. |
Als er ſich die Hände brav BR Hatte, faffete
er den Degen bey dem Gefäße an, und flach auch i inden - |
obern Theilfeiner Füge, und ungefähr nach fünf Minus
' "ten bluteten feine Hände und Füße fehr ftarf. Er bebiele
den Degen ungefähreine Biertelftunde in den Händen,
“und ſtach fich zuweilen in-die Hände, zumeilen in Die
‚Süße, indem er wenig oder garnicht inne hielt; worauf
er den Degen weglegere und fort tanzete,
Als er ganzermüdee war, fingeran, fich langſamer
zu bewegen: aber die Leute bathen mich, ich follteineben _
dem vorigen Tempo fort ſpielen, und als er ſich nicht
“nad demſelben bewegen konnte, fo bewegete er nur ſei⸗
— nach dem NSeinpo. Endlich, nachdem er zwo
44 =. lüne‘ 5
8 DondemBiffederZarantuk
Stunden lang getanzet hatte, fiel. er ganz ohne Bewe⸗
gung nieder, und ich hoͤrete auf zu ſpielen. Die Leute 9
ben ihn auf, fuͤhreten ihn in ein Haus, ſetzeten ihn in ein
groß Faß Soll laulichtes Wafler, und, ein Wundarʒt
ließ ihm zur Ader. Als er.im Bade war, blutete er an
‚beyden Händen und Füßen ,.und es gieng eine große .
Menge Blut von ihm. Nachdem fie ihn hierauf verbun-
den harten, legeten fieihn in ein Derte, und gaben-ihm
eine Her ʒſtaͤrkung ein, welche fie ihm einzwangen, weil
er die Zähne fehr zufammen biß, Fünf Minuten Demarp
ungefaͤhr ſchwutzete er ſtark, ſchlief ein, und ſchlief 5 bis
6 Stunden. Als er aufivachete, war er vollfommen: ‚gen
fund,aber ſchwach wegen des vielen von ihm gegangenen
Blutes. Vier Tage hernach war er völlig wieder herge⸗
ftellet ; denn ich ſah ihn auf der Straße geben. Es war
merkwürdig, daß er ſich kaum auf irgend etwas befann,
was mit ihm vorgegangen war. Erempfand auch nies.
mals feine Schmerzen wieder, welche aud) niemand in
folchen Fällen wieder fühler, ausgenommen , wenn er Re
von der Tarantul vonneuem gebiffen wird.
Soviel weiß ich von der Tarantul. Ich hoffe, es
ſoll ihrer Neugier Genuͤgen thunz und da fie ein großer
Maturfündiger find, fo mögen ſie nach Gefallen darüber.
philoſophiren. Ich habe nicht noͤthig, meine ſchlechte
Schreibart zu entſchuldigen. Sie muͤſſen ſie mir verzei⸗
ben, weil ich nur ihrem Befehle habe gehorchen wollen.
Wenn ſie — mehr zu befehlen haben, ſo ſchreiben fie,
5 wer
Ihrem
ueberſetzt Din
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FRRBRNENTR N.
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Theodor Tportefopn @Bating, *
saenefenen. ‚Rectoris in Stalin
Abhandlung
ietinıfgen iösersen
m Borberichte |
1; —— Begriffe, welchen man dem —
ligen Herrn Buͤrgermeiſter Anderfohn, und den
dieſer vornehme Gelehrte wiederum feinen
deutſchen Landesleuten beygebracht hat, ſollte man
wohl nicht glauben, daß es in dem kalten Island Leu⸗
te gaͤbe, die etwas beſſer als ihr Vieh waͤren, vielwe⸗
niger aber ſolche, die ihren Geiſt uͤber den Poͤbel zu
erheben, und ihre Vernunft durch ſchoͤne, gruͤndliche
und nuͤtzliche Wiſſenſchaften aufzuklaͤren ſucheten. Es
wuͤrde uͤberfluͤßig ſeyn, hier etwas wider dieſe Schrift
zu erinnern, da ſelbige ſchon hinlaͤnglich von einem
gelehrten Dänen, dem Herrn Horvebow, welcher fich
ſelbſt auf koͤniglichen allergnaͤdigſten Befehl ein Paar
Jahre im Sande aufgehalten hat, zur Gnüge wider-
leget worden. Vielleicht wird aber eine kleine Schrift,
die wir hier unfern $efern mittheilen wollen, aud) et»
was dazu beptragen, daß 8 ſehen Eönne, wie fehr
man
10 0 Mbandlung —
man ſich irren wuͤrde / wenn man ſolche Erzaͤhlungen
etlicher Kaufleute, welche alles nur nad) der kurzen
Elle ihres Verſtandes gemeſſen, vor der Zeit wuͤrdi⸗
gen eur) it einigem Glauben oder Benfalle zu
beehren. D —9 Schrift iſt urſpruͤnglich in lateini⸗
—— — fuͤhret we a
Differtatiimeula de Montibus iae Chryftallinis,
auctore Theoddrd EN fcholae
Scalholtenfis eo tempore Rectore. Es ift alfo eine
handlung von. denisländifchen Eisbergen; aber
a vl ekerläsekkkh Fahrt ul
ide nsbefondere, die im aten $. genennet werben,
Sie ift dem damaligen Commereienrathe und Amt -
manne oder Gouverneur von Island, Heren Ehriftian
Muͤllern, durch eine lateinifche Ode zugeeignet, wel.·
che ſowohl von dem quten Geſchmacke des Bertaf
fers, als die ganze Schrift von feiner Gelehrfar 9
ein unfehlbares Zeugniß ablegt. Was aber fo
den Dre en Cntel
des berühmten isländifchen Schriftftellers und Prob
ſtes Arngrim Johnſon, oder wie er gemeiniglicy ge⸗
nennet wird, Arngrimus Jonas geweſen; ein Bru⸗
der des Biſchofs John Widalin, deflen Lebenslauf in
den Dänifchen gelehrren Zeitungen, N. 10. vom gten
März 1752. befchrieben worden, und deflen recht de
woſtheniſche geiftfiche Beredtſamkeit und Schriften.
ihm in feinem Vaterlande ein unvergeßliches Denk⸗
maal errichtet; und ein Wetter des Oberlandrichters
Paul Widalin, der fih um die Rechte, Alterehümer
und Poefie feines Baterlandes eben fo verdient ge
macht bat, als diefer leßtere Geiftliche umdie Kirche,
Die Abhandlung felbft ift bisher noch nicht gedrude
ser — gewe⸗
von den islaͤndiſchen Eishergen. m
geweſen. Es iſt aber eine‘ Abſchrift davon, wenn es
e felbft die Urſchrift iſt, einem Anverwandten des
erfaffers , gleiches Zunamens, der ſich gegentoärtig
auf der Univerſitaͤt in Leipſig aufhält, von ohngefahr
in die ‚Hände gerathen nachdem ſie von einem Freun⸗
de 'deffelben “in einer Auction in Kopenhagen ' war
gekauft worden, Weil man min nach dem 'Urthelle
verftändiger Gelehrten, dieſes Eleine Werk für wwürs
Dig, ‚gehalten ‚ Öffentlich im Drucke zu erfcheinen, und
da man geglaubt’ hat, daß die deutſche Sprache es
ejern nah beliebter machen Fönnte ,'fo: hat ſein
obengedachter Beſitzer ſelbſt auf ſich gefiommen), es
ins Deutſche zu überfegen, und mic einigeh”Anmers
Fungen zu erläutern; und er hoffet dabey, daß der güs
— Leſer Diejenigen Fehler‘, die ihm entweder in den
Sachen ſelbſt, oder in der Schreibart vorkommen
möchten, defto williger überfehen ‚werde, je feltener
bisher eine deutſche Arbeit von isländifchen Ham
en, feiner geneigten Beurtheilung dargeſtellet hat/
da ihn nichts ſo ſehr aufmuntern⸗ wird, mit der Zeit
etwas beſſers zu liefern ; be en gute na. *
ner erſten Bemühungen. NASSEN, Hans
#,;0 ! in.‘
ei de] K . 1777
.
Er}
Is Kern "ER Söchfle Biene der Welt,
dem Hiob feine unendliche Macht und Weis—
heit vor Augen ſtellen wollte, nahm er die Beweife
nicht nur von der wunderbaren und die Gränzen aller
menfchlichen Erkenntniß überfteigenden Grundlegung
des großen Weltgebäudes her, fondern auch von den
darinne befonders vorkommenden Fleinen Dingen, als
dem Reg; dem. mc und dem Eife: "
nft
20
ſonſt der die bloß.die Schalen der Sachen
anzufehen gewohnt find, eben nichts fonderliches, das
zur Darlegung der göttlichen. Bollfommenbeiten des
allweifen Schöpfers dienen Fönnte, zu finden vermey⸗ |
nen. Die Worte des heiligen Geiftes, Hiob 38, 22,
find dieſe: Biſt du denmda gemefen , wo der Schnee
herkonmt? oder. haft du gefehen, wo der ‚Hagel
herkoͤmmt? u. ſ. w. Und der ‚Prophet Eſaias redet
von eben deinfelben im 55. Cap; 10.0. Man kann
| auch davon die alten und neuern Weltweiſen nachſe⸗
ben, als unter dieſen den. Olaum Magnıftp Lib. I.
Hiſt. Septemtr. ıc.; 2. ‚und‘ die. große Zierde des ges
lehtten Nordens den D. Thomas Bartholin de uf
nivis Cap. 2. p-8. unter jenen aber den Plinius im 17.
3.2. Cap. und den Theophraftus in 5. B. de caufis
plantarum.. Inſonderheit aber. verdiener bier: eine |
Stelle des Pindarus augeführt zu werden „Olymp.3 3.
Boexe Yewv Barıneus dweryäs. ygurdus vDadeu mo-
Av aPaızou TE goWai. Der große König der
„Götter :befeuchtete. die Stadt (Rhodus) durch die
Kuͤnſte des Bulcanus, mit goldenen Schneeflocen.
Dieſe Worte des ſinnreichen Pindarus, wird, wohl
der gemeine Mann, für nichts anders als eine nichte
bedeutende Erdichtung, einer verächtlichen Fabel aite _
ſehen, oder fich einbilden können , daß der Schnee et⸗
was nüßliches in ſich babe, Allein der durchdrinn
gende Geiſt eines Borrichius, löfer diefen Knotenauf
einmal —* wann * ſpricht*: * wird ER: fleife
Er: - figen
. Deortu & —— G p. m. IL. -Enim veroin
niiubus illis plebi calcatis oleum latere aurei coloris,.
‚quod terris as immulgeat non diffeulter
Val.
—
von den islaͤndiſchen Eisbergen.
af geh ui aufmerkſomen Chymiſten nicht ſchwer > |
„wann e8 noͤthig iſt, zu zeigen, Daß in dem Schnee,
das gemeine Volk mit Füßen tritt, ein, wie
„Sol gefärbtes Del, Das die Erde fruchtbar macht,
„verborgen ſey. Aus welchen Worten denn, fo
wohl als auch aus den angeführten Zeugniffen. der -
heiligen Schrift Flärlich erhellet, daß in der Natur
nichts fo geringe fey, und wenn es dem Unverſtaͤndi⸗
gen noch fo veraͤchtlich vorkaͤme, daß es einen, der
es recht und vernünftig betrachtet, nicht von der bes -
wundernsmürdigen Weisheit des höchiten Wefens
überführe. Uebrigens hat der große Maturfündiger
Thomas Bartholin, von dem Nutzen des Schnees,
(de vfu niuis) und diefes berühmten Mannes eben
ſo berühmter Bruder, Eraſmus Bartholin, vonder
Bildung des Schnees, (de forma niuis) geſchrieben.
Und wenn ich mich gleich als ein Zwerg, mit diefen
Kiefen gar nicht vergleichen darf; fo habe ich mir doch
vorgenommen, von den islaͤndiſchen Eisbergen, eine
kleine Abhandlung zu ſchreiben, wann ich zuvor von
ihrem Namen und Lage, etwas werde geſagt haben:
wuͤnſche aber dabey, ; daß dieſelbe erleuchtetern "Ges
lehrten, Gelegenheit geben moͤchte, ſich die Muͤhe zu
nehmen, meine Muthmaßungen von dieſem Eife,
ku ihre gründliche —— * zu verbeſſern.
Dieſe Eisberge, * fo wohl i in unſern aͤte⸗
ſten Jahrbuͤchern, als in der itzigen gemeinen Spras
H. mit dem it" Pt oder SUN: wann
von
age * ‚oftendet ee Bi mh
J necellitas;
14 Ang, 1.
von mehrern geſprochen wird, genennet, und in der
einzelnen Zahl, heißen fie. Joͤkull. Woher aber
dieſes Wort feinen Urſprung babe, iſt noch nicht
ausgemacht. HN
—— EZ zz
von den islaͤndiſchen Eisbergen. 15
ſeyn, ſondern auch die erſte Haͤlfte ihres Namens, die
andere aber von Hul erhalten, haben, ‚und fo viel ſa⸗
gen wollen, als Joͤrdkul, Erdkaͤlte; um des Wohle,
klangs Willen aber, ſey das r und d aus der Mitte
weggenommen, und das a in 6 verwandelt worden.
Und da die heilige Schrift fetbft diefer Meynung bey-
zupflichten fcheint, Hiob 38. v. 29. fo will ich ihren.
Freunden niche widerfprehen*. ... — .
N 2 N Mn j wi N n 2,8,
BVielleicht Tiefe fich aber denoch wider diefe letzte Mey⸗
— Kar man. fie. eh! „ohne die hufdige
areprsetietpung für die heilige Schrift zu verlegen, ver⸗
laſſen könne: da es derſelben Werf gar nicht-ift , und
die Phyſik und 5 zu lehren, und alſo 3
+ 4 [2
„orientalische Ausdruck, bier nichts weiter beweife, als
Wwas er beweifen fol, nämlich die Größe des Schoͤ⸗
‚pferd: und BEE andern die Schrift von denen, die
zu erſt dieſes Wort erfunden und gebraucht haben,
‚nicht bat Fönnen zu Rathe gezogen werden, weil die
„Eiöberge mit diefem ihrem Namen viel eber , als die
a in Norden befatınt gemefen find: Und daß die
Naturlehre, eben fo wenig Theil an feinem Urſprun⸗
F haben möge, kann man leicht een man
„bedenkt, daß alle, oder doch die meiften Sprachen,
„and alfo auch ihre einzelnen Wörter, von dem unwiß
ſenden gemeinen Volke ‚erfunden, und darnach erſt
„von den Gelehrtern nur ind Reine gebracht worden;
Er aber insgemein mehr auf dag, was in die Sinne
„talk, als auf abgefonderte Begriffe, und ‚auf bie in
„nerliche Natur, Befchaffenheit und. Herkunft eines
Dinges zu fehen pflegen, Eben dieſes könnte niche
‚nur die legte, fondern auch die beyden mitteliten Her⸗
leitungen des Worts Joͤkull verdächtig machen. Sie
ſcheinen alle auf gar zu.abgefonderte Begriffe, und fuͤr
‚Den gemeinen Mann gar zu tieffinnige, ober doch Ar
„weitbergeholte Betrachtungen gegruͤndet zu ſepn e N
| i PET: älte
£ / —
ww.
f
\
J
N — J
ws: Abhandlung " R9G —
“4 Kata # —* ’ all 26" sid un ad Rn, et ;
Wir werden aber bier nicht von demjeni
Schnee oder Eife Handeln, das auf den Spißen der
LUFT. ABO en "Berge
Kälte des Eiſes wird nur gefühlt, fat aber nicht im;
‚ die Augen, wieder Eisberg. Daß diefer mit der Beit
zunehme, zeigt fich nicht gleich bey ap: erften Anblis,
fe, da er doch vermuthlich, gleich einen Namen er>
fordert. Und ehe man fagen kann, daß er aus der Erz
de gekommen, muß man ſchon lange mie ihm, ‚ode
zum wenigffen mit der Naturlehre, einige Befan
ſchaft gehabt haben. Daher verwirft auch der V
- faffer die Meynung, die den Berg will Eiskälte heifs
fen laffen ‚nicht ohne Utfache. Die von der Erdkal⸗
te, ſcheint er dem heiligen Schriftfteller zu Gefal-
len, aber wenn man fo fagen darf, ohne Norh, bey ihren
, Würden zu laffen. Diejenige aber, Die zwifchen dies |
“ fen beyden angeführt if, koͤmmt einem ver die Spra⸗
che verſteht, nicht nur um der oben gedachten Urſa⸗
chen , fondern auch um des wunderlichen Klanges und
der Bebeutung willen, welche fie dem Worte beylegt,
ungereimt vor: es würde namlich alsdann Joͤkull fo
viel fagen , ald Jookkull, das if, er vermehrte die
Kälte: und wer wird wohl einen Berg —
denn eine ganze Gattung von Bergen ſo heißen? Die
erſte Meynung ließe ſich alſo vielleicht noch am beſten
vertheidigen wenn man fagt, daß die erſte Sylbe
von Fake, die letzte aber nur nicht von Auf, ſondern
"von ‚der Enöfplbe ull berfomme. Solche‘ Nenn⸗
"wörter, wie das Jake, verlieren mehrentbeils, füs
wohl in einigen Fällen ihrer Biegungen, als auch in
den von ihnen abftamnıenden Wörtern, nicht tur das
e,al8 die Endfylbe , fondern werden auch in dem *
o
> * —
Ara
%
"N
buchſtab der erften Gylbe,-etwag verändert. (
heißt Jake ſchon in der dritten und ſechſten Endu
"der mehrern Zahl, Joͤkum. Alſo iſt hier aus um defto
miehr klar, wie in einem abſtammenden Worte 9
Von den is landiſchen Eisbergen. | Pr
Berge liegt, wie das auf den Alpen welches Silius
ya yt —*
Clauſas niuibus rupes ſuppoſtaque cælo
ar ı Saxa, | Mn '
mit Schnee umhuͤllte Kfippen, und Selfen darauf
Ider Himmel ruht, „ nennetz auch von demjenigen
nicht, welches" wir mit fo vielen andern Theilen des
Erobodens gemein haben, das bald zufrierer, und -
! PONTITOR | bald
der erftern Sylde, fich in ein 5 habe verwandeln koͤn⸗
"nen. Die letztere ull aber ift in den iSlandifchen Nenn⸗
woͤrtern und Beywoͤrtern, eine nichtfeltene Endfplbe. _
* Sn den leßtern giebt fie mehrentheils, wie die latei—
„.. nifche ; ofus , eitten oft gar zu großen Ueberfluß gu er⸗
kennen, wie.in oͤrull, vofch, voller Feuer, vöfull, der:
gerne ſtolpert, ſoikull, falfch und voller Betrug. Wenn
man alſo annehmen wollte, dag Jokull ehemals. ein,
Beywort gewefen, oder Doc) nach Art der Beywörter
. gebildet worden, fo wiirde «8 fo viel, als voller Eis⸗
” fchollen bedeuten, und der Berg würde ſtillſchweigend
dabey verftanden. Will man aber diefed nicht, und
wenn es num ein geborned Nennwort feyn muß or
haben wir auch folche, die ſich auf ull endigen, als
Dingull oder Digull, ein hangender Schleim, Höfull,
ein Meßgewand, ir. a. m. Vieleicht ift im Anfange
fo ein Berg, entweder al ein einziger ungeheurer Eid»
klumpen, oder auch als ein Ganzes, das aus fo vies
len Eheilen al8 zufammen gefrornen Stücken beſteht,
angeſehen, und dabey nicht gefragt worden, ob dieſe
von den Klüßen oder von der Erde waͤren erzeuget
„worden. Weil aber der Verfaffer, bier eigentlich kei⸗
nen Wortforfcher, fondern nur einen Naturforſcher
abgiebt, fo bat er bloß die verfchiedenen möglichen,
Herleitungen dieſes Wortes anführen, und dem Leſer
ſelbſt uberlaffen wollen, diejenige zu wählen, die ihm
- am beften gefiele. Br }
13 Band. BB.
*
F
RR
18 +19 Sbhandlung a # ie . ) |
—— he wieder aufgeldſt wird; auch nicht von demjenigen,
as manchmal der Wind und die Wellen von Groͤn⸗
land auf unſere Kuͤſten treiben, und welches unſern
Landesleuten nicht wenig Schaden thut; fondern von
denjenigen, welches auf dem flachen Sande von fic)
felbft entſteht, bis es fehr hoben Bergen gleich koͤmmt
in die Hoͤhe ſteigt, und beſtaͤndig da bleibt. Dieſes
Eis iſt es, wie ich dafür halte, welches Silius im
3. D. glaciem aeui, ein immermwährendes Eis nen»
net. Wir aber wollen ihm gegenwärtig den Namen
der Eisberge beylegen, welcher ihrer Geſtalt und A |
fur am gemäßeften zu feyn ſcheint.
Dieſe Eisberge nun ſind in dem öfflichen Theile
Sslands, in dem Amte Skaptafells-ſyſla befind«
lid), mo zwifchen andern von folchem Eife mehren»
theils freyen Bergen, mwüfte und unfruchtbare Sand»
bänfe oder Hügel liegen, Die von denen in der Nach⸗
barfchaft wohnenden Skeidar aar joͤkull und Brei⸗
da⸗merkur⸗ joͤkull genennt werden, und ohngefaͤhr
fuͤnf Meilen, oder eine Tagereiſe lang ſind. Ihre
eite aber iſt noch ungewiß, weil man es gemeinig⸗
lich, wegen der entſetzlichen tiefen und breiten Kluͤf⸗
te die darinne find, für unmöglich hält, darüber zu
gehen.
Zwar hat vor etlichen Fahren, ein —————
ger Mann, John Ketelſon mit Namen, gelebet,
deſſen noch lebende Dienſtbothen mir folgendes; wels
ches fie aus feinem eigenen Munde gehoͤret, erzäblet
haben: Es habe nämlich) diefer Mann einmal verfus
chen wollen, ob es nicht möglicy feyn ſollte, die Brei⸗
te dieſer Berge zu erforſchen. Er waͤre aber, nach⸗
dem er darauf zween Tage zugebracht, is
a
-
von den islandiſchen Eisbergen. 19
men und hätte gefagt, daß er hinter dem einen Eis.
berge, eine ſehr weite fandichre Gegend , und in der
Mitte: einen einzelnen, von allen andern abgeſonder⸗
ten und ziemlich mit: Graſe bewachfenen Berg, allwo
auch eine, Heerde Schafe und Hauch, der (mie er
glaubte) aus einer Feuerftäte hervor fliege, gefehen
hätte: welches Letzte er aber, wegen des gar zu hohen
und fleilen Eifes, das ihn verhinderte ‚herunter zu
fteigen , nicht zur Gnuͤge unferfuchen Ffonnen,
Was aber von dem Kauche, welcher nach) feiner
Meynung aus einer Feuermäuer gekommen ‚zu bala
ten ſey; Davon moͤgen feharffichtigere Leute urtheilen.
Denn ich gehe hier mit Fleiß die Maͤhrchen des ges
‚meinen Volkes, ‚als wenig glaubwürdig borbey *,
Ma IR RE Ana a
* Dieſe Maährchen, die aber bey den wenigſten unter
dem Poͤbel ſelbſt geglaubt, aber Doch, weil fie fpaße
haft find, erzablet werden, fagen, daß an folchen Dre
"ten, die fich wohl bemohnen ließen, und dabin doch ni®
mand Fommen Fanıı, noch alte heidnifche Niefen und
Rieſenweiber, bald wie Die im Heldenbuche vorkom⸗
men, wohnen, die mit den Leuten die in ihre Gewalt
kommen, allerhand Theil! grauliche, Theils luſtige
Sdtreiche vornehmen. Wielleicht ıff die game Sache
im Anfange darum erdichtet worden, damitfie junge
. Beute abfchrecken follte, fich in die Gefahr zu begebett,
. Welche derjenige allerdings laufen muß, der fich auf
folche wegen des Eifed und der Witterung, der großen
fuffe, und der ſchrecklichen Klufte, und am allermeis
ſten wegen der innerlichen Bewegung, davon wir une
. ‚ten etwas weiter fehen werben, fürchterliche Berge
zu wagen unterfanat? Weit wabrfebeinlicher iſt die
Meynung derer, Die da glauben, daß in folchen Eine
oͤden Mifferhater , die ihr Leben verbrochen, und der
Gerechtigkeit entflohen oder auch ihre Nachkoͤmmlin⸗
2 ge
/
20 Albhandlung A
um nur dey dem zu bleiben, was ich amartigcu
meiner Hauptſache erwaͤhlet. Dieſes aber iſt, nicht
hier die Beſchreibung einer Landſchaft zu liefen; ſon⸗
dern nach meinem wenigen Vermoͤgen, einige Ders
‚borgene Wirfungen, weiche die allgemeine Mutter,
die Erde, die ſich mit dem Himmel vereiniger, in
unferm Eife —— Bar: ‚ etwas |. zu
Wilkejnchen. Kuna
J r 3 gi: * 8 13107 J
Die gemeinſte und von den ice angenomme:
‚ne Meynung, von dem Urſprunge diefer Eisberge, ift,
daß fie von dem Schnee, der fich auf den Bergenim
Winter gehäufet habe, und im Sommer nicht wie⸗
der aufgelöfet worden , entftanden find; weil die Ber⸗
ge allezeit Fälter als das platte Land find,und im Herbite
aa mit AR bedeckt, im. Fruͤhjahre aber. fpäter
davon
ge ſich aufhalten moͤgen. Denn wenn wir gleich hiervon
in den neuern Zeiten keine zuverlaͤſſige een
haben; fo finden wir doch in unfern alten Gefchich
etliche Erempel davon, bie wirklich Glauben ver *
nen. ES würde überflüßig ſeyn, zu fragen : wiefie denn
dahingekommen waren ? Denn ein Menſch, dem es um
ſein Leben zu thun ift, findet wohl Wege, die hundert
andere nicht finden. Und wie follte er dieſes nicht
fönnen, da wo es auch die Schafe gekonnt haben?
Ich will aber-bierdurch nur die Moͤglichkeit, und nicht
die Gewißheit diefer Meynung behaupten. Es koͤnn-⸗
te auch ſeyn, daß der Rauch aus einer Deffnung | der
Erde, von unterirdifchem Feuer hergekommen waͤre:
da dieſes ſich nicht felten in ſolchen Eisbergen ſpuͤren
laͤßt. Sonſt ſollte man wohl nicht denken, daß ſich
Feuer und Eis, an einem Orte mit einander vertragen
| RER: denn es hier die Erfahrung nicht lehrte.
von den tlindiſthen Eisbergen. 21
davon befrehet werden, und alfo habe fich dieſes Uebel
von denſelben auch auf das flache fand ohne Maaf
und Ziel ausgebreiter. Wir wollen aber: bald feben,
wie wenig diefe Meynung, fo wahrfcheinlich fie auch
‚vorfömmt, der Wahrheit gemäß fe.
Daß iefes Eis aus dem auf den höchften Ber⸗
gen zufammen gehaͤuften Schnee nicht entſtanden ſeyn
muͤſſe, erweifen felbft ihre fo unterfchiedene weſentli—
- Schnee fchäumende vder dem Schaume ähnlihe
ir
‚che Eigenfchaften: Denn folhes Eis, wie das auf,
den Eisbergen, davon wir hier reden, iſt durchfichtig,
blaulicht, derb und hart, und giebt dem Pferdehufe
‚nichts nach, wann er nicht mit Eifen befchlagen ift.
Dev Schnee hingegen ift weißer, locferer und wei—
“her. Daher fpeicht Sambertus Danäus *: „Er
„fey nur eine aus einander gefallene zerfallende Wol—
fe, welche fich, wegen der gar zu ftarfen Kälte, die
„fie zuſammen haͤlt, zwar nicht in Tropfen, ober
„doch in etwas dichtere und weißliche Theile oder
„Schneeflocken, welche die Kälte an einander gebun-
„den, zertheilet, und alsdann auf die Erde fälle. ,,
Diefem fälle auch) Comenius in vem Hauprftücke von -
den Lufterfcheinungen (de meteoris) bey, wann erden
Tropfen (fpumefcentes guttas) nennet. Und warum
folfte er ihm dieſen Namen nicht mit Rechte gegeben
baben? Da der Schnee, fo fange er Schnee ift, von
der Luft ausgedehnet wird: welches Plutarchus in ſei⸗
33 u
%
1 ER nubis diffolutio, quae in guttas quidem propter.
nimium frigus cam konfhüngens eliquari non poteft,
. fed in. floccos et denfiores. quasdam paärtes a u
compactas et albicantes adeo, rumpitur et in terram
decidit. Phyficae Chriftianae Cap. 23. 9. 10
!
—
—
u "Abhandlung:
nem Gaftmahle durch die vortreffliche —
daß der Schnee, wann er zerſchmelzet, einen Laut und
ind, den er in ſich gehabt, von ſich gaͤbe, nicht
wenig bekraͤftiget. Hiervon kann man auch den be⸗
ruͤh nten Thomas Bartholin de ufu nivis Cap. 3.
den Seneca Natural. Quaeſt. Cap. 13. den Macros
bius lib, 7. Saturmal. Cap. 12. den Magnenius
Difput. 3. de Atomis Cap. 2. Propof. 47. nachfeben.
Daß aber im Gegentheile das Eis nicht ſchneeweiß,
ſondern blau ſey, hat then längft — in acht
genommen, Georgi. J. viniel
Quinque tenent coelum zonae, quarum vna ik
„semper fole rubens et torrida femper abigne,
„Quam circa extremae dextraque leuaque trahuntur
'„Caerulea glacie coneretae atque imbribus atris.
Und daß es hart und derb fey, lehret ohne alle Des
weile die Erfahrung felbft; imgleichen, daß der
Schnee, er ſey nun von dem Froſte ſo derb geworden,
/
als ee wolle, dennoch mehrentheils dem Pferdehufe
nachgebe; und daß er fich nicht in durchfichtiges Fig
verwandeln laffe, wenn er nicht vorher zu Waſſer ges
worden, . Denn wer hat wohl jemals durchfichtiges '
Eis, das aus lauter unumgefhmolzenen Schnee ent.
fanden waͤre, gefehen? Zwar ſieht der Hagel Dem
Schnee in etwas ahnlich, aber er ift doch unmittel—
bar vorher Fein Schnee gewefen, fondern, nad) des
„ben angeführten Danaͤus Meynung, welchem auch
Comenius in dem 6 Cap, von den $ufterfcheinungen
beyfaͤllt, ein Waſſ ertropfen, der im Herunterfallen
von dem Froſte in Eis verwandelt worden, koͤmmt
aber — wegen der Marian yo
| | ‚hen
' J
von den islaͤndiſchen Eisbergen. 23
chen Luft, felten dem ordentlichen Eife an der Härte
gleich *. | i “
Woollte man mit dem Ariſtoteles fagen, daß bende
im Grunde oder in der Haupfquelle einerley wären,
, B 4 naͤmlich
Der Unterſchied zwiſchen dem Urſprunge (der Erzeu⸗
ung) des Schnees und des Hagels ſcheint dieſer zu
Fun: daß der. Schnee aus den. feineften Waffertros
pfen entitehet, die fo Klein und fo leichte find, als die
Luft felbft: der Hagel aber aus den größten. Wann
dieſe in den Wolfen zerftreuete Eröpfchen zugefroren,
das ift, wann fie von der Warme, die fie ſonſt aus⸗
dehnet, und flüßig machet, verlaffen worden, und
alsdann an einander ſtoßen; bleiben ihrer fo viele
beyfammen bangen, als Die Luft und ihre eigene
Schwere, die fie wieder von einander bringen koͤnnen,
e8 zulaffen. Da aber die auf folche Weile zufammen-
gefügten Theilchen wegen ihrer unendlich verfchiede-
nen runden oder ecfichten Geſtalt nicht Teicht fo auf
einander paffen fönnen, daß nicht zwifchen den Theis
len, die einander berühren, vielmals einleerer Raum
bleiben follte; fo wird diefer durch die Luft gefüller.
Und alſo ift leicht zu erratben, woher e8 Eomme, daß
der Schnee weich iſt, und daß er, wann erzerfchmel-
jet, Luft von fich giebt: denn bier wird er wiederum
durch die Warme in feine Eleinften Theile aufgelöfer,
welche alddann weit naher zufammen rücken, und
nicht einmal den vierten Theil des vorigen Raumes
- einnehmen. Daber Eönnte man vielleicht mit befferm
Rechte fagen, daß der Schnee darum fo viele Luft in
fich enthalte, weil er fo locker iff, ald daß er darum
locker fey, weil er von der Luft ausgedehnet werde.
Der Hagel hingegen ift von zweperley Art, und wird
„auf zweyerley Weife erzeuget. Denn entweder wer-
„den ein oder mehrere große Waffertropfen , Die fich in
der Rufe vereiniget haben, in Eleine Eisftücken ver⸗
“wandelt, melche dann durchfichtig find, und fonft
eben die Eigenfchaften wie anderes Eid haben, aus⸗
— Bl genom⸗
J
nämlich Waffer, und daher müßte ſich Teiche das ein
ne in das andere verwandeln: fo räumen wir diefes
willig ein, wann man nur zum voraus fegef, daß fie
erft ihre vorige Geſtalt verloren haben, und run nihe
mehr Schnee und Eis, fondern Waffer find. So
lange aber ein jedes ſeine vorige Geſtalt behaͤlt, ſind
fie doch in ihren übrigen weſentlichen Eigenſchaften
gar ſehr uncerfchieden: da der Schnee leichter, weis
cher und lockerer, das Eis aber fhwerer, härter und
dichter ift. Und wie nimmermehr ein Glas. in feis
nen vorigen Teig zerfallen, oder aus einen ‚Becher,
von ſolchem Eezte, das ſich nicht Falt mir dem Ham»
mer ziehen läßt, eine Schüffel werden wird, ohne
genommen daß fie, mann zwey oder mehrere Hagel:
> Förner wiederum an einander. frieren, nicht fo _derb
und hart find, als die-einfachen, und als fonft ordent⸗
liches Eis, weil mehrentheild noch Fleine Zwilchen-
"räume da bleiben: oder auch, eg fallen große Schnee-
Flocken, die von der Luft und der Kalte ſchon dichte
zuſammen gepreffee worden, durch einen waͤrmern
Luftſtrich, welcher ihre Außerften Theile oder fo zu fa:
gen Oberfläche einigermaßen in Waffer aufzulöfen an⸗
faͤngt, wiederum in eine kalte Gegend, mo dieſe ihre
halbgeſchmolzene Oberfläche nochmald vom Froſte er⸗
griffen, und gleichfam in eine Rinde oder Nuß von -
Eife, deren Kern der noch unverfehrte Schnee aus⸗
macht, verwandelt wird. Allein, diefe Gattung 5
kann, wegen des enthaltenen Schnees weder durch-
fichtig, noch fo hart feyn, als die erſte. Ben bey:
den aber wird der Schnee eben fo wenig unmittelbar
zu Eife, als umgekehrt, das Eis zu Schneefloden.
Doch fallt oft Schnee ind Waffer, und wann ihm
„die Kälte keine Zeit laßt, fich aufzulöfen, nass es
mit ein: folches Eis aber hoͤret dadurch auf, durch⸗
nn 43 ca ee
J
*
von den islaͤndiſchen Eisbergen. 25
Huͤlfe des Feuers sound wie ein Weizenkorn Feine
ft uchtbare Aehren vom ſich giebt, wenn es nicht zuvor
in der Erde durch die Faulung gehoͤriger maßen da»
zu vorbereitet worden; ſo iſt es auch klar, daß das
Eis ſich niemals in Schnee verwandele, wenn es
nicht. erſt durch die Wärme aufgelöfer, "und. in die
‚Höhe gezogen wird, und alsdann in der Luft Die. Ges -
ftale des Schnees oft. ‚nger: und ebenfalls, daß aus
dem Schnee Fein Eis werde, went er nicht zuvor
durch die Waͤrme serfehntelzet , in einem geſchickten
Behaltniſſe aufgehoben, und endlich vom Frofte zu
Eife gemacht werde, ' Ein ſolches Behaͤltniß aber iit
unumgänglich noͤthig. Denn das Flüßige und Naſſe
will, wie Ariſtoteles ſpricht, nicht gern in feinen eis
genen, wohl aber in fremden Graͤnzen bleiben :. wie
das Wafler, das für ſich allein nicht ſtehen kann,
ſondern zerfließt, aber ſich ohne alle Mühe. in einene
Gefäße aufbehalten laͤßt.
Wir geben alfo zwar zu, Daß es auf den Bergen
"ale fen, als auf dem flachen Lande; nicht aber,
daß dieſe Kälte unaufgelöften Schnee in Eis vers
wandeln fönne, Wenn aber diefes Eis von den
Bergen auf das flache Land foll gefallen ſeyn, wo
ſollte das Waſſer / wohl auf ihren hoͤchſten Spitzen
ein Behaltniß gefunden — darinn es haͤtte ſtille
ſtehen und zufrieren koͤnnen? Wäre es nicht der Na—
tur und Vernunft gemaͤßer, zu glauben‘, daß der zer
ſchmolzene Schnee oder Eis gleich aus einander ges
floſſen wäre? Und wo follten die großen Klippen, R
die hier und Dort aus dem Eife hervorragen, und von
demſelben auf allen Seiten umgeben find, hergekom⸗
men Km? Be NOR wird man tagen; —* "e Men |
Ü 17 ur i di & dig
J *
26 Abhandlung
dig im va — und von den Re mit forte
geriffen worden. Wie find. fie denn ‚aber über das
Eis gekommen? denn fie find ja ſchwerer, und wür«
den nicht leicht mic herunter. gefallen feyn, wenn fie
nicht fbon vorher ganz und gar im Eife gefteckt haͤt⸗
ten. Denn eg ift.niche zu glauben, daß diefes Eis
folche Klippen drey bis vier Meilen auf dem flachen
Lande wie ein Keil fortgefchoben hätte, da man nicht
ſieht, daß es durch Die Enge des Raumes dazu ges
nöthiget worden,
Man könnte einwenden, daß unter dem Eife
weit größere Haufen von folchen Klippen ftecken, und
daß bie hervorragenden Steine nur durch die Hiße
der Sonne eneblößet worden. Allein, wenn diefes
wäre, fo müßten aud) alle die übrigen "eneblößr wer⸗
den, ſobald ſich die erſte Grundlage unſern Augen
darſtellete. Aber die Erfahrung zeiget das Gegen⸗
theil. Dieſes Eis iſt auf dem platten Lande zu Ber⸗
gen geworden, und faſſet in ſich große Klippen, fo-
wohl in feiner Oberfläche, als in der Mitte und in
dem unterften Grunde. Und es fälle daſſelbe nicht
nur von den Bergfpigen, fondern oft aus den tiefften
Klüften heraus, und hat eben das Eis wiederum
hinter fid) liegen: welches ganz anders feyn müßte,
wenn es die Klippen bloß durch die Gewalt des Fal⸗
les einen fo weiten Weg von ihrer urfprünglichen
Wohnung gebracht hätte. Selbſt die Geftalt diefer
Steine fcheinet unfere Meynung zu beftätigen: denn
die meiftenfind, ‚obgleich nicht gänzlich, doc): einiger
maßen rund, wie man e8 an ſo vielen und ‘großen .
Haufen, die unter den Bergen liegen, wahrnimmt:
dahingegen diejenigen, Die aus andern Bergen weggeriſ⸗
fen werden, länglicht oder eckicht zu-feyn —
fe’ 3iel-
| von denisländifchen Eisbergen. 27
WViuirlrielleicht möchte auch jemand+denfen, daß die
in diefen fandichten Gegenden befindlichen Fluͤſſe fo
vie'e Eisſtuͤcken an ihre Ufer. geworfen hätten, daß
daraus dieſe Berge, enrftanden wären. Wenn wie
aber die Sache genauer betrachten; fo finden wir,
daß diefe unreinen und fchlammichten Slüffe ſehr ſchnell
laufen, und daher niemals oder ſelten zufrieren, wann
ie nicht durch eine gar zu große Menge Schnee uͤber⸗
ältiget werden. Nun ift Dasjenige Eis, das uns
aufgelöften Schnee in fich enthält, niemals; und däs
Bingegen dasjenige, Das aus lauter reinem Waſſer be⸗
ſteht, allezeit durchſichtig. Denn je einfacher und
reiner ein durchſichtiger Koͤrper iſt, und jemehr er von
allen fremden Theilchen frey iſt, deſto leichter laͤßt er
die Strahlen des Lichts durchfallen. Man kann alſo
durch die erſte Gattung des Eiſes alles ſehen, was
unten im Waſſer iſt: die letztere aber, die aus Schnee
zerbrochenen Eisſtuͤcken und Waſſer zuſammen ge⸗
froren, iſt ſo beſchaffen, daß es dem Auge nicht moͤg⸗
lich it, es durchzudringen. Nun wollen wir bende
‚Gattungen, die einfache-und die zufammengefegte,
‚gegen das Eis unferer Eisberge halten, fo werdet
wir fehen, daß diefes mit dem reinen einfachen Eife
gänzlich) überein fommt. Und alfo glauben wir aus
diefen und oben angeführten Gründen zur Gnuͤge er⸗
wieſen zu haben, wie wenig wahrſcheinlich es ſey,
daß ſolche ungeheure Berge aus unaufgeloͤſtem Schnee,
oder aus zuſammengehaͤuften Eisſtuͤcken entſtanden
ſind, welches doch die gemeine Meynung behauptet.
Nunmehr wollen wir uns denn allmaͤhlig vorbereiten,
unſere Muthmaßungen davon an den x
| zu legen.
* Senn folget —— m
1. Sch
Von der Zubereitung der wilden
I. v 9
Schreiben
77 pa
dr Zubereitung.
der
witdenCafanen Bien ä
Aus dem
ne. —— Octobr. 1751.
enn ich ihnen, mein herr, nach ſo *
* bisher vergeblich gemachten Verſuchen,
die indianiſchen Marronen einiger⸗
maßen u nußen, meine eigenen erzähle, ja was noch
mehr ift, wenn ich ihnen auch die Berficherung. gebe,
daß fie mir glücklich von ſtatten gegangen ſind, ſo
weiß ich eben ſo wenig, ob ſie meine Freyheit geneigt
aufnehmen, als ob fie mir Glauben beymeſſen wer
den. Koͤnnte mein Verfahren nicht ohne viele Muͤhe
und ſonderliche Koſten ausgefuͤhret werden: ſo wollte
ich ſelbſt nicht daran denken, es bekannt zu machen.
Allein, da weder das eine, noch das andere dazuerfor⸗
dert wird; ſo koͤnnte ſichs vielleicht jemand einfallen
laſſen, den Berfuch nachzumachen, und diefe Hoffnung
berechtiget mich um deftomehr zu meinem Entſchluſſe,
je gewiſſer ich weiß, daß mich andere, die die Probe
weder anſtellen koͤnnen, noch wollen, wenigſtens kei.
ner Neigung, das Publiam zu hintergehen, oder je⸗
manden unnoͤthige Koſten zu beng werden be⸗
Bodgen koͤnnen.
”
Ich
ho s#
Caſtanien zur Viehmaſt. 29
Ich bin nicht gleich mir meinen erften Verſuchen
glücklich gemefen. Anfänglich hoffte ich ein Brenmoͤl
aus dieſen Marronen heraus zu ziehen: allein fie ga⸗
ben deſſen ſehr wenig, und fein Geſtank iſt unertraͤg⸗
lich. Sein einziger Vorzug beſteht darinn, daß es
ſich in der ſtrengſten Kälte haͤlt, ohne zu gerinnen
Weil alſo dieſer erſte Verſuch ungluͤcklich ablief; ſo
gedachte ich dieſen Fruͤchten ihre Bitterkeit zu beneh⸗
men, damit ſie zu einer guten Maſt fuͤr —
nd: Schafe dienen fönnten.
Ich ſchuͤttete in Diefer Abſicht eine Sage angel Sf
ten‘ Kalk auf die Erde, und legte einige mit- einer
Pfrieme drey bis viermal durchbohrte Marronen dar⸗
uͤber her. Sie lagen etwa drey bis vier Finger hoch
über: einander, und wurden mit einer neuen Lage von!
ungelöfchtem Kalke bedeckt. Diefes alles befprengetel
ich nach und nach mit Waffer, bis fich der Kalk völd _
fig aufgelöfer hätte, Nachdem es Falt geworden, zog
ih) Die Marronen mit einer weiten Harke heraus, und‘
that fie in ein Faß, an deſſen Boden ein Zapfen be=
findlich var. Ich ließ friſches Waſſer darauf ſchuͤt⸗
ten, und alles mit einem hoͤlzernen Spatel gemaͤchlich
durch einander ruͤhren, bis ſich aller Kalk abgeſondert
hatte, da denn das Waſſer abgelaſſen wurde, Dieſes
Berfahren roiederholte ich zwey bis dreymal, und
ließ endlich die Marronen vier und zwanzig Stuna
- den. im frifchen Wafler fteben, um ihnen alle ihre
Bitterkeit zu benehmen. Endlich ließ ic) das Waſ⸗
ſer ab, und die gefchälten Marronen wurden dem
Viehe unter anderem Futter vorgeworfen. "Anfangs
ließ ich ihm nur wenig, nach und nach aber mehr geben,
damit er das Vieh erſt daran N und ich
fchreia 3,
30 Von der Zubereitung der wilden ꝛc.
ſchreibe es dieſem Futter ee zu daß «sin kur⸗
zer Zeit dick und fert wurde... nn 69
Dieſes gluͤcklichen Foreganges: ungößßhtet, ſchien
mir doch das Verfahren etwas zu langweilig und be⸗
ſchwerlich. Daher ſuchete ich es folgendermaßen zu ver⸗
kuͤrzen. Ich ver fertigte Kalkwaſſer. Ich goß auf: unge ·
faͤhr ein Achtel eines Scheffels ungelöfchten Kalfs) den
ich in einen Eleinen, am Boden mit dichter Leinwand bes
legten Laugenbottich, tragen ließ, zwanzig bis vier und
zwanzig Maaß (pintes) Waſſer. Als der Kalk wohl ges
löfchet war, zog ich das mie dem Salze des. Kalks ange⸗
füllte Waſſer durch die Röhre des Bortichs ab, und ließ
die, durchbohrten Marronen 'eine Zeit lang in dieſem
Waſſer kochen. Wenn ſie weich genug waren, wurden
ſie geſchaͤlt, alsdann vier und zwanzig Stunden i in fri⸗
ſchem Waſſer geweicht, und endlich dem Viehe mit vie
lem Vortheile und Nutzen zur Maſtung gegeben.
Das von den Marronen bitter gewordene Kalkwaſ⸗
& habe ich. auf ein StuͤckLandes tragen laſſen worauf ich
kuͤnftiges Fruͤhjahr Kohl zu pflanzen gedenke, um durch
dieſes bittere Salzwaſſer vielleicht die, meines Willens,
bisher noch unübermindlichen Erdflöbe zu vertreiben...
© Sch willindeffen doch niemanden rathen, Die fo zubes -
reiteten Marronen frächtigem oder fängendem Viehe zu
geben, denn ob ich aleich nie bemerfet habe, daß fie de=
nen, die man zum Schlachten damit mäftet, den gering« |
ſten Schaden getban hätten, fo wollte ichs doch in den
beyden erwähnten Fällen um defto weniger mager, je
weniger man noch bis ißt die Krankheiten der Thiere
und ihre Mittel Fennet, und je behurfamer man mit ih»
nen umgehen muß, um ihre Geſundheit, befonders im
critiſchen Umſtaͤnden, keiner Gefahr yo | |
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Ze Ada Er — a 2 ae e -
1) . v —* J
rer t EHER
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Mr J — 98 N. Br
Phyoſikaliſche Abhandlung
von denen in
Ban vorhondenenEſencheueen
durch
fe chymiſche Verſuche derethm
und 3
nebſt einem beygefuͤgten Verſuche
1* mit dem | |
eiien in der blauen Garde,
Herausgegeben R
‚©. © "m OR
' De Georg. L. II. 490.
* „Felix qui potuit rerum — cauſas.
ME? Hat zwar in Bi älteften Zeiten Leute gege⸗
ben, welche dem edlen Triebe gefolget, ihre
Aufmerffamfeit auf die Reiche der Natur zu
— die wenigſten aber haben das Vermögen bes
ſeſſen, in das Innerſte der Natur einzudringen, die
Art der Zufammenfeßung eines jeden Dinges zu enfe
wickeln; die Theile deffelben genau zu, beftinnmen,
und endlich die Wirfung eines jeden derfelben insbee
fondere zuverläßig anzugeben. Der ——— der
ier⸗
32 Von den im Blute vorh. Eiſentheilen,
hier zu gehörigen Huͤlfsmittel, der die Anzahl i
Beobachtungen ziemlich verfeinern mußte, lege
"Meg, ihren, gehofften Zweck nad Wunſche zu erhal⸗
ten. Nehmen wir vollends dazu, daß fie "eben nicht
—
—
die groͤßten Helden in der Chymie geweſen, und ih⸗
—2 gruͤndliche Kenntniß von den Verhätrniflen
v auflöfenden mineraliſchen Geiſter gegen einat
bengewohnet: fo wird man fic) in diefem Felde we⸗
f
nen meines Erachtens die größten Hinderniffe in e
nig Zuverlaͤßiges von Ihnen verfprechen fönnen. Dem
fey nun wie ihm wolle: fo würde es dennoch ein ftrafz
barer Undank feyn, womit man ihre Afche. fehändere,
wenn man alle ihre hierauf verwendete Mühe mit
ganz verächtlichen Augen anfehen wollte. Dem zu
geithweigen, daß wir öfters aus. ihren Fehlern Gele⸗
genheit nehmen koͤnnen, kluͤger zu werden, und die
Naturen der Dinge genauer und forgfältiger ‚ als fie
gethan haben, „zu unterfuchen: fo find doch auch Als
le ihre Berdienfte um die Naturkunde fo gar geringe
nicht, daß es uns gleich viel gelten Fönnte, ob fir je⸗
mals hierinnen einige Verſuche gerhan, oder nicht.
Gewiß, wir wiirden ohne fie in eben diejenigen Feh⸗
Ier verfallen, die wir iho an ihnen verbeffern koͤnnen.
Die Naturfunde nämlich, har dieſes Schickſal mit als
len andern Wiffenfchaften gemein gehabt, daß in ih⸗
rem erſten Anfange Licht und Finſterniß mit einander
rungen, und die Klarheit und Deutlichkeit derſelben
mit dem dickeſten Nebel der Vorurtheile und des
Aberglaubens angefuͤllet lagen. Die Zeit zog allmaͤh⸗
lig den gluͤcklichen Nachkommen dieſe Decke von ih—
ren Augen weg, und man fieng nunmehro an, die
Natur und ihre Geſetze nicht * wie — nach
einen
/
und dein Eiſen in der blauen Farbe— 33.
ſeinen Begriffen und Gutachten zu bilden; fondern
durch emfige und genaue Unterfuchung derſelben feine
Begriffe der Einrichtung und Wirfungsart ver Ra -
tur gemäß einzurichten, Cine Bemühung, die dem
menfchlichen: Sefchlechte Ehre macher! Die Kennts
niß der Natur weiſet uns die Lage, in welcher wir an
dieſes Ganze angepaſſet ſind. Dieſes Ganze zeiget
eben ſo wohl, als der geringſte ſeiner Theile, auf das
herrlichſte von der Weisheit und Macht feines große
| fen Werfmeifters, und ein Naturforfcher ift deswe⸗
gen am gefchiekteften, Gott nach feinen Eigenfchaften
und Volikommenheiten zu erfennen, zu loben und zu
preifen, Der Nußen der Naturkunde breitet ſich
auch endlich bis auf die $ehre von dem gefunden und
- franfen Zuftande unfers Körpers aus; Sie zeiget
die wefentlichen und zufälligen (heterogenen) Theile
unfers Baues, und folglich, was demſelben nüglih
oder ſchaͤdlich ift, und ich werde nicht zu ‚weit: geben,‘
- wenn ich fage, daß fich ohne fie fein rechtſchaffener
Arʒt denken läßt. Da ich nun die Arztneygelahrtheit
zu’ meiner Hauptbeichäfftigung gemacht habe: ſo für
che ich diefelbe, in diefer Abfiche mit der Naturlehre
x auf das genauefte zu verbinden. Denn nichts ift
mieiner Meynung nach rühmlicher, als die Ehre Got«
tes, und. den Mugen des Nächften zu befördern. Ges
genwärrige Abhandlung mag meine Leſer urtheilen
laſſen, mit mas für gluͤcklichem Erfolge. ich diefer
Wiſſenſchaft obgelegen, und ob ich Zeit und Fleiß
auf dieſelbe ganz vergeblich gewendet. Ich habe mir
itzo vorgeſetzt, einen Beſtandtheil des Blutes zu un⸗
terſuchen, der in einer gewiſſen chymiſchen Arbeit ei⸗
ne beſondere Wirkung hervor bringt, und von wel⸗
* Dand, C | cher
34 Bon den im Blutevorh. Eifentheilen,
cher unfere Vorfahren feine genaue Kenntniß ‚befeffen
haben. Meine Leſer werden mir erlauben, einen Fleis
nen Vorbericht dießfalls zu ertheilen, der mich veran⸗
laſſet, mein Augenmerk auf dieſe Materie zu richten.
Ich werde mich ſowohl hierinnen, als’ auch im fol-
genden, aller möglichen Kürze und Gründlichfeit bes
dienen. Durch einen ungefähren Zufall murde uns vor
- jenen vierzig Sgabren eine blaue erdigte Farbe entdecket.
Sie hielte die Proben der ſtaͤrkſten ſauern Geiſter,
ohne dadurch etwas von ihrer Schönheit zu verlieren.
Man konnte nunmehro in der Mahlerfunftdie theure
Ultramarinfarbe gänzlich entbehren. Zum Färben
aber konnte man ſie wegen ihrer erdigten Theile niche
gebrauchen *, Dem ungeachtet wurde anfangs die
Art ihrer Zufammenfegung fehr geheim gehalten. Es
widerfuhr ihr aber ein gleiches Schickſal aller andern.
Künfte. Man kam dahinter, daß fie aus zwey Theie '
Ien Blut, zwey Theilen MWeinftein, und eben fo vielen
Theilen Salpeter im Feuer geſchmolzen und. alfalifie
vet, bernach mit Waſſer . aufgelöfet und wiederum
mit fauren Salzen nfedergefchlagen wurde; und fie
ift nunmehro unter dem Namen Berliner Blau übers
all bekannt. Hieruͤber entftunden nun bey den Na⸗
turkuͤndigern verfchiedene Meynungen, was eigentlich
das Blaue bey diefem Mengfel verurfache. Mit eis
nem bloßen Niederfchlage von alfalifhen und ſauren
Salzen onnten fie es nicht bewerfftelligen ; ; Daher
2 macheten:
* Ich habe aber auch nachhero bey angeſtellten Verſu⸗ |
chen bemerket, daß fie die Laugenſalze nicht verträgt,
und von denfelben augenblicklich, ohne das geringfte
ee behalten, in eine ii Sarbe verwan⸗
delt wir
J
und dem Eifen in der blauen Farbe. 35
een e Schtuß, daß der, run iu un
mittelbar im Blute ſey. Diefen Theil ſelbſt aber in
dem Geblüte aufzuſuchen, es von den andern gehörig
‚Abzufondern, war ihnen zu weitläuftig, oder fie wuß⸗
‚ten eg nicht recht anzufangen, zumal da fie in den al
‚wen $ehrfagen von _dem Blute feine Spuren fanden,
die ſie auf den rechten Weg geführet hätten.” Und
alfo blieben ſie hierbey ftehen. Ich babe: zwar diefe
Farbe felbit zum öftern gearbeitet, ohne mein Abfehen
auf die im Bluͤte hierzu nüglichen Theile zu haben.
u.
—
Als ich aber einige Zeit an einer andern blauen Far—
be gearbeitet hatte, und dieſelbe auf keinerley Weife
zu einer beftändigen Dauer bringen Eonnte, ſo lenkete
ich meine Aufmerffamfeit einzig und allein auf die im
Blute verhandenen Theile, welche bey dem berliner
Blau den fanern -Geiftern fo heftigen Widerftand
thun. Da mir diefe Theile aber annoch unbekannt
waren, fo hatte id) auch zugleich vonnoͤthen, auf al-
Te andere Begebenheiten, fo hierbey vorfommen,
gleiche Aufmerkſamkeit zu verwenden, an:
Ich nahm alfo zwey Theile getrocknetes Ochſen⸗
blut, und zwey Theile reinen Salpeter, und vermifch-
te folches mit gnugſamen Kohlenftaube, verpufte es
gehoͤrig, und erhielt ‚es fo lange im Feuer, bis es zum -
{
ne re Hal ET 2
Sluffe Fam: bierinnen ließ ich es eine Weile ftehen,
damit es vecht alfalifch wurde, fodann aber ließ ich
es erfalten. 23 ea
Erſte Beobachtungen dieſer Arbeit. r
Er Bey dem Berpuffen bemerkte ich -erfllich: da,
wenn der Salperer ſchon laͤngſt abgebranne war, Das
sr — | ‚ea Blur
36 Zentenim tee Et, ; |
Blut dennoch. beſtaͤndig mit einer ſehr b Ko
Zlamme und ſtarkem Schwefelgeruche brannte. ir
Zmwente Beobachtung,
Daß ſich diefer Schwefeldampf, da die ie .
in Fluß Fam, fo ftarf vermebrere, wie bey den Men
fallen, wenn man’ ſolche abtreibet , geſchieht dieſes
waͤhrete ſo lange, als die Materie im Fuſte ſtund.
Und je groͤßer die Hitze war, je groͤßet war der Rauch.
Dritte Beobachtung.
Wenn man etwas filbernes über diefen. Rauch
hielte, ſo wurde ſelbiges augenblicklich wie verguldet,
hielte man es etwas laͤnger daruͤber, ſo wurde es fu.
pferfarbigt, endlich aber ſchwarz.
Ich nahm diefe Begebenheiten alle zufammen,
und Take den Schluß , daß nothwendig bierinnen
ein. Schwefel vorhanden ſeyn müffe, und daß ber
fange Aufenthalt defielben bloß von dem alfalifchen
Salze herrühre, von welchen derfelbe (figirer) gebuns
‚den, und nicht gleich weagelaffen wuͤrde. Das An
Taufen des. Silbers aber war ohne dem ein unftreitie
ger. Beweis des Dafenns oder der Wirfung eines
Schwefels. Um aber hinter die Gewißheit diefer
Sache zu kommen, ſo ſtellete ich IE ER
Erfier Verſuch.
Ich nahm ein Theil Schwefel ,. und ‚vier Teile
‚Of, mengte ſolches fehr zart unter einander, ‚gab
ihnen die ftärffte Hige, daß es gleich i in Fluß gerieth,
und bn ließ ich es kalt werden N, . Hierauf le
S ſete
* Hierbey verſpuͤhrete ich eben dieſe Yhanomena , mie
bey der Alkaliſirung des Blutes mit dem ——
iſen in der blauen Farbe, 37:
ſete ich dieſe Maſſ e mit warmen Waſſer auf, und
filteiete fie gehörig, da befam ic) eine, der aus dem’
Blute gemachten (außer dem bittern Geſchmacke) an
Geruch und Farbe ganz ähnliche Lauge. Endlich
ſchritte ich mit diefer auge zu dem Niederſchlage mit
der Alaune vsque ad punctum ſaturationis. Dieſer
Niederſchlag war nicht blau, ſondern weiß, und Ana;
— u das Lac Sris. |
Zweyter Verſuch ES.
Ich — wiederum mit diefer Sauge, und mit
einer Solution von (Blum gFtis) Eifenvitriof, einen
andern Berfüch. Ich goß nurteinige Tropfen von:
diefer. Solution hinzu, und da befam ic) fogleich ei⸗
nen fehr fhönen grünen Niederſchlag. Und jemehr
ich von dem aufgeloͤſten Vitriole jugoß, jedunfelgrüs
„ner derfelbe wurde, Fam ich aber gar zu-ftarf damir,
ſo wurde es endlich ſchwarz. Dieſer getrocknete und
auf Kohlen geworfene Niederſchlag, gab einen ſchwe⸗
felichten Geruch und blaulichte Flamme. Ich ſah
alſo daß meine Meynung falſch war; daher ließ ich
ſie fahren, und ſuchete nunmehr bieſe Theile lieber
ſelbſt aus der vorher geſchmolzenen —— zu er⸗
forſchen.
ala Dritter Verſuch
Ich loͤſete demnach mein obiges eh,
Mengfel mit warmen Waffer auf, filtrirte es gehö- -
rig, nahm einen Theil davon, und praͤcipitirte ihn,
wie gewoͤhnlich, mit einem aufgeloͤſeten Alaun, und
— Eiſenvitriol, um zu fehen, ob fie fattfam
Baus C3 geſchinol ·.
38 Von den im Btuteosrh hEiſentheiler
geſchmolzen war. *, und ich befam ein fe *
und dunkeles Berlinerblau. ne
Nunmehro aber war, ich. vielmehr. obacht, die
Urfache von diefer Blaue zu euforfchen, Hier u ſchie⸗
ne mir nun nichts geſchickter zu ſeyn, als ein reiner
(piritus Otri) Salpetergeiſt, welcher ſich mit dem
alkaliſchen Salze wiederum vereiniget, oder ein ſoge ·
nanntes Otrum Regeneratum ausmachet, das jenige
aber was nicht zu der Natur des alkaliſchen *
gehoͤret, fahren und zu Boden fallen laͤßt. | *
Vierter Verſuch.
Ich nahm alſo wieder einen Theil ie Den |
J und goß hierzu ſo viel reinen Salpetergeiſt, bis
das Vorwallen auf beyden Seiten gehoben war, de;
ſchlug ſich ſogleich eine ziemliche Menge eines ſehr hell⸗
braunen und zarten (Croci) Pulvers ju Boden, das
Aluidum hingegen blieb heil und Flar. ch ließ es
erſt recht ſetzen, ſodann aber. goß ich es ab, evaporirte
es vsque ad cuticulam, und ließ es anfchießen, da ben,
Fam ich einen fehr zarten Salpeter, welcher auf. dem;
Feuer fehr hurtig brannte, und dieſes wollte ich eben.
haben. Den: ‚erhaltenen Präcipitat: edulcorirte ich
vorher etliche mal mit reinem Waſſer, un) ließ ihn
bernad) trocken werden. ——
Fuͤnfter Verſuch. —
Nun verſuchete ich, die Natur dieſes getrockneten
— von allem ar —— —— ae et⸗
was
© ch habe — daß, je —— das Mengfel ge⸗
—* je heller um weißer die Lauge ah
iii weil der Schwefel endlich nach und
- verbrens
| Ssahäßee Pre zu lerrien.) Zu dem Ende: nahm
ich alſo ein gutes Aquafort ‚und goß es darauf, da
loͤſete ſich derſelbe mit einer kleinen Erhitung des
Glaſes, worinnen er war, vollkommen auf *; Hier»
aus nahm ich eine‘ metalliſche Natur diefer Theile |
‚wahr , id) präcipitirte fie daber wieder mit einem reis
nen und aufgelöfeten alfalifchen Salze, und da fielen
‚eben dieſe vorhero aufgelöfeten Theile roieder zu Bo⸗
den, und die Lauge war wieder a einem —* ge J—
worden.
Sehfter Verſuch. —
Weil ich nun bemerket hatte, daß dieſe Theile
— Natur waren, fo machte id, um die Nas
tür diefes Eroci noch näher Fennen zu lernen, "einen
Verſuch mit einem guten Magnete. Hier wurden
die zarten Theile alsbald ſehr begierig von demſelben
angezogen), und ic) wurde nunmehro verſichert, daß 5
a. u wirklich aus Eiſentheilen beſtehe. |
Bi | Siebenter Verſuch.
36 Keen ‚abermals ‚mit diefem getrockneten,
—* ausgelaugten Niederfchlage einen neuen
Verſuch. Ich goß naͤmlich zu dieſer Materie etwas
deſtillirten Weinepig, rübrete es wohl unfer einander,
und ſetzte es einige Tage, in gelinde : Digeftion; hier
5 er fi SE ein pri vitriolifcher Ges
17 ins 3 RO ſchmack.
— tele As wann ei nah darinnen vorhan⸗
ift, fich mit au fer, und Die Lauge gelblich färbet.
iefes pflegt gemeiniglich bey den metallifchen Kir
pern Ba fen ie mit ſauern ‚Seilern, aufgelöfe t ei werden,
au geſchehen |
40 Von den im Blute 0 |
ſhmack. ¶ Ich ooh nachgehends nochsetivas Waffe
darzu, ließ es durch einen Filz laufen, rauchete es
ein wenig ab, und ſetzete es hernach in die Kaͤlte zum
Anſchießen. Als ich nad) einiger Zeit wieder zu dem
Glaſe kam, fand ich in demſelben einen ſehr ſchoͤnen
and hellgruͤnen Bitriol, welchen, angefchoflen war.
Von diefem löfete ich etwas in warmen Wafler auf,
und goß es zu einer. wohl: faturirten. folutione Galla-
zum; davon wurde fie augenblicklich" ganz. Kowan
wie von allem Bitriol gefchieht. Pe: on
Achter Verſuch
Weiter verſuchete ich dieſen Eiſencroeum nun⸗
in auch in einen feiner Natur gemäßen und dich-
ten, Körper zu reduciren. Ich that zu dem Ende eis
ne gewiſſe Duantirät in einen Schmelztiegel,gabibm
recht. ftarf Feuer und ſetzete ihm ein gewiſſes
Phlogiſton zu. *, trieb. es mit dem Balge fo lange,
bis es anfieng zu fließen, darnad) goß ich es in ein
Gieß zeug aus, und ließ es kalt werden. Ich verſu⸗
chete es nachmals mit dem Hammer, ‚allein es ließ
ſich nicht recht Hämmern, fondern war mehr brüchig.
Uebrigens wurde es.von dem Magnete ſehr ſtark ans
gezogen., Hier fieht man nun, daß die Eifentheile
einzig und allein die Grundurfachen find, welche bey
— Dir ge * * — 9
|
wer ar
* Es if — daß die Käfig und Befehmeidigei
der Metalle einzig und allein von dem principio in-
" Rammabili abhangen, und erbellet fol ches Ha klar a öRe-
dudtio des Calcis metallorum durch tigen ı Körper
Siehe hiervon Bechers , Phyf, fubt., —— en
Heren Stahl, Neumann, und abe ns 3—
+
und dem Eiſen in der blauen Farbe. 41
Es zeiget dieſes ſchon ein Niederſchlag mit dem bloßen
Laugenſalze und Vitriol, welcher, fo man mit dent
Vitriole nicht zu ſtark Emm, ſchon etwas ins Blaue
fällt. *, und bey der Schmelzung des Laugenſalzes
mit dem Blute, wird daſſelbe, mit den darinnen
vorhandenen zarten Eiſentheilen erſtlich recht ſtark ge⸗
ſchwaͤngert, und verurſachet alſo bey dem Niederſchlage
mit dem Alaun und Virriol, das Blaue.
el Ne
——— Neunter Verſuch.
Endlich trieb mich die Begierde, das Berbältif
| in Abficht auf die Vielheit derer ſowohl im Ochſen⸗
als Menfchenblute vorhandenen Eifentheile zu beftime
men. Ich nahm alfo zwey Pfund gerrocnetes Och⸗
ſen⸗ und eben ſo viel getrocknetes Menſchen⸗Blut,
ſchmelzete jedes insbeſondere in einem Schmelztiegel,
und verfuhr übrigens in allem fo damit, wie ich bes
veits im vierten Berfuche gemeldet habe. ° Der Pro»
duet des Eifenfaffrans war aus dem Ochfenblute am
Gewichte 23 art, 3 Gran, aus dem Menſchenblute
* © Diefes find nun: meine — mit dem Blute
wodiec ich die in irn ea —— Eiſentheile,
en Ai E „ rare ‚und
* Niemand wird! Jugnen, daß jeder Vitriol etwas von
"meta ige non ey fi ab re. Denn ee, ;
weiſet die 16 Eimfliihe Werfertigung des Eifen- und Rus
pfervitriols aus feinen eigenen Metallen, undiwieders
unm die Scheidung diefer metalliichen Theile aus den
“men natürlichen Arten des Vitriols.
—* —— alle dem kann man die eigentliche Quantitaͤt ſo
nicht beſtimmen, weil allemal von: Dem "ges
“ ——— zurück Babe fo, ch mche
—
42 Bondenim Blute vorh Eiſentheilen,
|
und das, bey der Verfertigung des berliner Blaues
hieraus. entſtehende Farbeweſen klar genung entdecket
habe. Im Folgenden werde ich noch einen Beweis
aus dem Eiſen ſelbſt führen,‘ daß aller Zweifel, den
meine. Leſer etwan hegen dürften, „gänzlich über den
Haufen fallen muß. - Benläufig muß ich nod) erin⸗
nern, daß, weil man ftatt des Blutes, auch Knochen,
Horn, Haare, und dergleichen, welche. insgefammt
‚erftlich aus den flüßigen Theilen ihre Nahrung und
Wachsthum erhalten, zu der blauen Farbe gebraucht,
hieraus zu ſchließen ift, daß in benfelben ebenfalls
folche Eiſentheile vorhanden. ſeyn müflen, und daß
man folche auf vorerwähnte Art, ſowohl in diefem,
als auch in dem Pflanzenreiche (wenn anders melche
in denfelben vorhanden find) entdecken koͤnne. Ich
Fönnte bey diefer Gelegenheit: etwas von den Wirfuns
gen diefer Eifentheile i in dem Geblüte, und von dem
Nutzen des Eiſens in der Arztneykunſt, außer dem,
was wir fehon von dem Gebrauche der eröffnendenund
ftärfenden Eifenmittel wiffen *, mit. einfließen laffen.
Allein da diefes wider meinen "vorgefeßten Endzweck
iſt, ſo verſpare ich ſolches zu einer beſondern Abhand⸗
lung von dieſer Materie, und werde deswegen zu dem
im Vorhergehenden verſprochenen, und aus dem Ei⸗
ſen ſelbſt zu fuͤhrenden Beweiſe meiner Verſuche
ſchreiten. Um der Deutlichkeit willen werde ie die
Erfahrungen, fo wie ich. fie aus. meiner Arbeit erlan ⸗
get babe; — — ae a ee
yo
4 ” Ber die Lehre des — PN Bocrbanvend ‘de
» Tono ſtricto et laxo viſcerum vecht verſteht/ der wird
Ach der Eiſenmittel mit Bug bedienen win
TER h
| Pen der siauenSnehe; 43
aa Verſuch
Ai 9 mie
Mo eifeni in der — *
Bey dieſer Arbeit habe ich alle Vorſicht gebrau.·
Ba deren man fich zu bedienen hat, wenn man in _
eine Sache gewiß gehen will. In dieſer Abſicht
nahm ich ſehr reine Feilſpaͤne von Eiſen, beſprengete
dieſelben mit reinem Waſſer, und ließ ſie ſtehen, bis
fie zuſammen geroſtet und trocken waren; alsdenn
ſtieß ich ſie im Moͤrſel, ſchlug ſie durch einen Flohr,
und auf dieſe Weiſe wiederholete ich dieſe Arbeit, bis
ich genung von dieſem Roſte hatte. Er ſchien mir
aber noch etwas zu harte zu meinem Vorſatze zu ſeyn;
deswegen that ich denſelben in einen Schnehtegen
ſetzete ihn ins offene Feuer, und ließ ihn einige Stun⸗
den recht durchbrennen, nach diefem brachte ich den’
Eifenroft auf einen Keibeftein, machete ihn ‚fo Flar,:
als möglich war, und ließ ihn hierauf wieder trocken:
werden, nahm zwey $oth davon, und verſetzete dieſel⸗
ben mit zwölf Loth Salpeter,, etwas rohem Schwe⸗
9 me J——— — verpufte ſolches
DOM — FODeEN ‚JR
Ben Diefe Arbeit wobl von fatten ‚geben ſoll ſo
oͤmmt es darauf an, daß man die rechte Quantitat
"vom Schwefel teifft.. Ohne denfelben geht es gar
nicht an, weil die Eiſentheile vor ſich mit dem Raus
genſalze wicht recht vereiniger werden; iſt im Gegen:
theile gar zu viel von ſelbigem darunter, vereiniget
ſch das, Eiſen fo ſehr mit dem Schwefel‘, und die
Lauge von Bine gefehmolzenen Mengſel wird von ber
en Farbe des Schwefels und dem blauen Farbe:
Ye des Eiſens ganz, ſtahlgrůn / wenn fie d di ‚den
Silz
44 Von den im Blute baren,
zuſammen, und brachte es hernach zum Fluſſe, wor« _
"innen id) es eine gute Weile erhielte, Nad) diefem
ließ ich ſolches kalt werden, loͤſete es mit reinem
warmen Waſſer auf, und goß es durch Loͤſchpapier.
Sch koſtete dieſe Eiſenlauge erſtlich und da ſchmeckte
ſie nebſt dem alkaliſchen Geſchmacke ſtark, bitter und
etwas (cauſtiſch) etzend, und war alſo von der Blut⸗
lauge, davon ich noch etwas ſtehen hatte, hierinnen
nicht das geringſte unterſchieden. Endlich ſchlug ich
dieſe Eiſenlauge mit aufgeloͤſetem Alaun und etwas
Eiſenvitriol nieder. Er wollte anfänglich nicht recht
dunkelblau werden, und das Waſſer auf dem Nie⸗
derſchlage war nd) ſehr truͤbe; alleinich merfetebald,
moratı eg fehlete, und feßete derohalben noch etwas.
Vitriol zu der Alaune, weil derſelbe nicht genug zu»
fammenziehend war, und goß es nad) und nach zu
dem Miederfchlage. Hierauf, änderte es fich bald,
mein Niederfchlag wurde fo dunfel, daß er ganz ſchwarz
ausſahe, und das Waſſer darauf war nunmehr hell
und klar. Ich mar daher fehr vergnügt, dag ich. in:
diefer Arbeit eben fo glücklich gervefen war, alsindem
Vorhergehenden, ob fie aber den Verſuch mit den ſau⸗
rren Geiſtern halten wuͤrde, konnte ich itzo noch nicht
gewiß wiſſen. Deswegen ließ, id) dag Waſſer davon
erftlich durch Papier laufen,und goß ſodann zu ein wenig
dieſer Farbe, eh etwas Vitrioloͤl we einem andern "Sr
ls
J seen if, nachmals aber * eh Nied er⸗
ſchlage mit dem Vitriole ſchwarz. Dieſe Quanti itaͤt
aber habe ich um deswillen nicht eigentlich beffimmet,
weil ich fie annoch vor mich hen ih, Pi ie ch
überdieß nicht einem Lichte: Haie
‚verzebret, indem ed andern d —*
und dern Eifen inder b blauen Farbe. 45
Salpetergeiſt, und wieder zu einem andern den ſauren
rieb jede ins eſondere recht unter einander,
und da wurde I 8 ‚brennend davon an Farbe, daß es
‚Die Yugen recht blendete, ich ſtrich etwas auf Papier,
da vertrieb es fich ganz unendlich weit, ‚ohne daß man
den 1 Grund, des Papieres. fahe, und ic) konnte von der
Dauerhaftigkeit und Schönheit diefer Farbe nichts
‚mehr verlangen. Wer fiehr hieraus nicht die Gewißheit
und Wichtigkeit der Entdeckung, von den im Blute vore
andenen Eifentheilen, dadurch man zugleich zu der Era
en gelanget , daß das Be elinerblau ſowohl aus
Blut als Eifen gemachet werden Fann *, und zwar mit
letztern noch mic weniger Arbeit undKoften, des Nutzens
annoch zu gefchweigen, der uns ferner in der Arztney⸗
kunſt hieraus erwachſen duͤrfte. Auf dieſe oder eine aͤhn⸗
liche Weiſe, kann man auch mit andern metalliſchen Kor⸗
pern Verſuche anſtellen, vielleicht ſind in einem und dem
andern beſondere Farbeweſen enthalten, von welchen
wir ebenfalls noch keine Kenntniß beſitzen.
Ich habe es demnach nicht fuͤr ganz unnuͤtze J
halten, diefe angeftellten Berfuche mitzutbeilen, und -
‚vielleicht werden wir durch einen fortgefegten Fieiß in
dieſer Arbeit von geſchickten und gründlichen Natur⸗
forſchern noch mit mehrern Wahrheiten bereichert,
deren Nutzbarkeit an uns ſelbſt angepaſſet werden
kann. Uebrigens habe ich das gute Vertrauen zu
meinen Leſern, daß fie mich nicht anders, als auf eis
ne vernünftige Art beurtheilen, und von dem Gegen⸗
J theile,
* Das Anlaufens des Stahls leget ſchon ein Zeugniß
hiervon ab, daß das Eiſen in das Blaue geht, went
man mit felbigens gehörig amgeht
‘46 I EUR ein ee
Öfheite, weidhee ich sen er Sin de
a rfüchen u finden getraue
anders als wach, und alfo eben, if
ich ale babe, ‚ überzeugen werden:
weder ch, noch ſonſt jemand Dadurch volltame 4
ac A * mener werden duͤrfte. u. m /
Be
s. €. 8. Sei
— Abhandlung —
von
— Suserofe
J ME TR Se
ie Tuberofe ift unftreitig eine der vortrefflich⸗
@ ſten Blumen. Sie gehoͤret zu den auslaͤn⸗
diſchen, und zwar zu den indianiſchen Ge⸗
waͤchſen Aus Indien brachte man ſie zuerſt nach
Wälfhland, alwo fie il lacinto Indiano tuberofo ge ·
nannt wurde. Don da kam fie in unfere deutfche
Gegenden. Ihr entlegenes Vaterland iſt es aber
nicht allein, ſondern vornehmlich das Durchdringen-
de ihres füßen Geruches, wodurch fie bey ung ſchaͤtz⸗
bar wird; Einigen Derfonen gefällt daneben die que
te weiße Farbe der Blüte; ingleichen, daß Ddiefe an«
genehme Blume den Herbit zieret, auch langfam ver⸗
bluͤhet, ‘indem fich eine, ED —— Di: — an
dem Stengel öffnet, — |
Man |
⸗
vom der Tuberofe. 47
Man hat zwo Arten von EN ‚Bine eins
—— eine gefuͤllte * Beyde tragen. weiße Blur
men, die Fleinere und jartere Blaͤtter, auch einen ans
mutbigern Geruch, wie die großen weißen Lilien has
ben/, ſonſt aber diefen fegtern fehr ahnlich find... Ob
es noch eine gefüllte vorhe Tuberofe giebt, kann ich
nicht beftimmen. Herr Arnold Friedrich von Har⸗
tenfels bezeuget ** ſie ſey von ihm nicht gefehen,
it fommt meine Erfahrung: überein, ungeachter
ich folche Pflanze ſehr gefuchee babe. ‚Sollte diefels
be vorhanden ſeyn: fo müßte man fie, ihren. großen
Seltenheit wegen, der. weißen gefüllten: vorziehen,
Daß fonft diefe letztere den Preis vor der weißen ein
ww behaupte, ift leicht zu erachten.
Es erfordert unſer Gewaͤchs viele Wartung. Ich
finde mehr als eine Perfon 'gleich in meiner. Nach⸗
barfchaft, die daſſelbe bisher in feinem: Fahre zur
Blüte bringen Fann. Die Urfache davon ift bloß
dieſe daß man die hinlaͤngliche Aufſicht fehlen laͤßt.
Beſagtes Knollengewächfe mag durchaus keine
Kälte leiden. Es verlanget daher, in-einen Blu⸗
mentopf gepflanzer zu ſeyn, damit man denfelben,
wenn Nachtfroͤſte, oder andere rauhe Witterungen
einfallen, in Sicherheit bringen, und allenfalls zu
fich ins Haus nehmen könne, Leget man die Knol⸗
Ien in den ordentlichen Gartenboden „ ſo geſchieht
es gar zu ante ; *— im Fruͤhjahre nach dem Her⸗
| vorſchießen
* Myadirkhlim ——— ZT RER “ flore Amplici, et
pleno,
* Sp dem eriten Theile feines neuen Garten les
Frankf. am Mapnu 1746. 8. a. * 1086. un —
-
vorfchießen des * — EN m
Herbfte, ehe die Blüte vorbey, und das Laub
geworden ift, ein eintreffender — ——
Schaden zufuͤget. BR. en
Der Frühling ift bie Zeit, da man 5.6 Blumen»
töpfe zur. Hand nimmt, und die Knollen: einlegen,
Am füglichften thut man dieſes im Maͤrz. Will
man aber die Pflanzen fruͤher, als ordentlicher Weiſe
geſchieht, zur Bluͤte treiben, mag man ſchon im
Februar ſolche Verrichtung vornehmen
" Bey dem Einlegen verfaͤhrt man ——
maßen: Man wirft in den Topf, unten auf den Bo⸗
den etwas Sand, damit das Waſſer fünftig defto
eher abziehe. Ueber den. Sand bringet man eineffeis-
fche, Kun fette, aber zugleich leichte und lockere Er»
be... Eine zähe, thonichte und Freidigte Erde; tauget
gar eiche teil, ihrer Steifigfeit und —9* wegen,
in derfelben vornehmlich. die Würzelchen des Knollen
mit größter Schwierigkeit die Nahrung fuchen muͤß⸗
ten. Je lockerer und leichter hergegen die Erde ift,
deſto wenigern Widerftand finden Wurzeln, Keim,
WRegen, Luft und Sonne, von derfelben, und deſto
eher und beffer fönnen folglich die Pflanzen fortfoms
men, en — Erde zu unſerm — iſt
Die
. Die — Bartengebeimniffe, wovon zu rain
bera 1738. 800 die erfte, und 1752 8vo die neuefte
beutfche Yusgabe bervortrat, weifen auf der 8 Geite -
dreſn Jenner zum jährlichen Pflanzen der Knollen an.
‚Allein diefe Schrift ift nach dem — Horis :
zonte eingerichtet, und überdieß von fchlechtem Ins
> halte. . Man findet. bier. Geheimniffe,, die keines
Durchleſens werth, und J ein kauderwaͤlſches von
eingefleider find.
ji —* von der Zube. 4
—R man ein Drittheil von wohlberweſetem
| Küpmifte, ein Drittheil von vermoderter Weidener⸗
dey und ein Drittheil on guter Gartenerde, mit ein⸗
ander vermenget. Hat man dieß Voermengete im
den Topf heworfen ſo bringet man daruͤber, in er
Mitte ein wenig Sand, worinn man: den Knollen
pflanzer, fo, daß der Sand denfelben und feine Wur⸗
zeln unmittelbar: umgiebt. Um den Sand herum
druͤcket man von neuem jene vermengte Erde. Mit
ſolcher bedecket man endlich den Knollen oben zween
Queerfinger body. Der Sand, den man auf gedachte
Urt angebracht hat, ift das ficherfte Mittel wider die
Faͤulung des Gewaͤchſes. Doc) brauchet er niche
(die auf den Wurzeln zu liegen. Darneben fies
bet man waͤhrend / des Setzens dahin, daß dieſe letz⸗
tern nach allen Seiten wohl ausgebreitet werden, das
mit ſie allenthalben ihre Nahrung auffaffen mögen.
Auf daß ſich auch die Knollen nicht unter einander
die Mahrung entziehen, fo bringet man in jeden Blu⸗
mentopf nur ein einzig. Stuͤck. Und. die Erfahrung |
bekraͤftiget, daß fodann die Blumen am größten und
ſchoͤnſten ausfallen. Ehe man das Stück in den
Topf ſetzet, werden die Wurzeln bis auf die Halb»
feheide ihrer Länge abgeftuger , auch wo fih noch alte
Erde an denfelben befinden follte, wohl von ſolcher
gereiniget, Die dürren Fafern bricht man gänzlich.
ab; Vermoderte Stuͤcke, die, wenn man fie unten
ein wenig mit dem Meffer fchabet, allda Fein weißes
Fleiſch mehr zeigen, find untüchtig, von neuem ges
Pilänigee zu.mwerden.
Gleich nad) dem Einlegen begießet man hen Topf +
nie laulichtem Waſſer, damit fic). bie Erde deſto
Dh. - - -D beſſer
Zr 3 Abhandichg
beſſer anſetzet. Darauf ſtellet man J einen war⸗
men, aber auch luftigen Ort. Eine Stube, die mit⸗
gelmäßig geheizet ift, ſchicket fi wohl hierzu, wen
man nur zuweilen bey fchöner Witterung, die Senfter
öffnet. Iſt die Wärme des Zimmers gar zu ſtark
und anhaltend, ſo grünet und fchießet das Kraut zw
ſchnell hervor, und dag weichlich gemöhnte Gewächfe
any nachmals, wenn es völlig draußen ftehen: foll,
nich gewohnt werden, die, geringfte. kalte: Luft zu
erfragen. Aus der Stube bringe. man. den Topf,
fobald draußen die Witterung warm wird, täglic) in
den Mittagsſtunden an die freye Luft. Nimmt die
warme Witterung weiter zu: fo ftellet man das Ges
fhirre ganze Tage binaus, Kommen feine Nacht⸗
feöfte mehr, fo läßt man es endlich, nad) der Mitte
des Manmonate, auch die Mächte hindurch, draußen.
Es ift aber nicht nochtoendig, daß man den Topf nach
dem Pflanzen eben in eine warme Stube ftellen
müffe, fondern man fann ihn auch bis oben an den
Rand in ein Miſtbeet, oder in lautern frifchen Pfer-
demift, fenfen, und Fenfter Darüber decken, auch des:
Nachts, um den Froft abzuhalten, Strohmatten
über die Senfter legen. Es verftehee fich, von felbft,
daß der Topf fodann ebenfalls zum öftern: freye Luft
haben müffe, und die Pflanze hiedur ch nachau vach
zu einiger Haͤrte zu gewoͤhnen ſey.
Je groͤßer die Knollen ſind, die man pflanzet,
deſto ſchoͤner wachſen Kraut, Stengel und Blumen
hervor. Nicht nur anfanges in der Stube, feßet
‚man den Topf gerne an ein Fenfter, wodurch ihn die
Sonnenftruölen wohl £reffen ‚fondern auch nachge⸗
hends in dem Garten, mu Am ein —
ad
— Zr F
0 monde Tuberoſe. 51
Pag zu ſeiner ordentlichen Stelle angewieſen werden.
Am beſten iſt es, wenn er die Sonne den ganzen Tag
it, indem die Tuberoſe ungemein viel Waͤrme lies
‚be. Dieß leßtere ift eine neue Urfache, warum fie
eher im Topfe, als in dem Gartenboden gedeyet.
‘Denn wenn die Sonne auf den Topf ſcheint; fo iſt
die Hitze flärket, als wenn die Strahlen auf das: platz
te and fallen. Ganz vecht verfaͤhrt man .mmttider
-Tuberofentopf noch dazu an eine Mauer "gejiclet
wird, wo die von derſelben —— eg
ie gleichfalls ergreifen. ls: ST
Unfere Blume lieber, nebft der ie, — die
Nie. Man muß fie auf. das fleißigfte begießen.
Es iſt eine thoͤrichte Kegel, wenn Andreas de la
Croix * feßet: Man folledie gepflanzten Knol⸗
len nicht eher begießen, bis die Erde ganz
trocken ſey. Vielmehr iſt gleich von dem Pflan-
zen an, bis nach der Blütezeit, immer dahin zu fer
ben, daß die Erde niemals ganz frocfen werde, In
den heißen und duͤrren Sommertagen verlanger das
Gewaͤchſe fogar alle Abende eine neue Befeuchtung,
Doch gießt man freylich jedesmal ganz gelinde, gleic)
als wenn ein fanfter Regen darauf file, damit ein
heftiger Stoß des Waſſers nicht die Erdtheilchen,
die es in die Pflanze zur Nahrung führen foll, wies
der mit ſich fortreiße. Beſitzt man aufgeſammletes
Regenwaſſer, , fo ift daffelbe zum Begießen dag beftes
Verurſachet das öftere Begießen, daß fich die Obers
“er der Erde harte — ſo ruͤhret man
dieſelbe
In feinen Deliciis et arcanis Siorum. "Ein 1697:
8. auf der 42 ‚Seite,
—
52 Abhandlung I.
dieſelbe ein wenig auf ‚damit. $uft und Feuchtigkeit |
von neuen defto feichter eindringen mögen. Will die
Erde oben ſchimmlicht werden; fo räumer man das
Schimmlichte hinweg , und bringet, ſtatt deflen,
friſche Erde herzu. Bey dickem Nebel und Duͤn⸗
fen den Topf aus der freyen Luft zu entfernen, iſt fo
nothwendig nicht. Denn was die Pflanze von ders
gleichen Dünften einfauget, verdünnee die nachmalige
Sonnenmwärme in: ihr wieder, fo, Daß es allenthal«
ben durch die Dunftlöcherchen der Blätter, Bluͤte
und Stengel herausgeht, Mn —
Hat man den Topf nad) dem Pflanzen an einen
Ort gefeget, wo ihn zwar Fein Froft, aber doch auch
feine binlängliche Wärme treffen kann; fo pflegen
mehr als zweene Monate zu verftreichen, ehe man
etwas Grünes auflaufen ſieht. In dem mittelmäf
fig.geheijten Zimmer, oder in dem Miftbeete, trei-
ben die Knollen weit eher. Ein DBerpflanzen ver
aufgelaufenen Stüde, welches andere* verlangen,
ift ganz unmig, und hemmet auf eine Zeitlang das
Wachsthum. NEE 4
Der in der Mitte des Krautes aufſchießende
Stengel waͤchſet zweene bis drey Fuß, ja wenn der
Topf eine außerordentliche fette Erde und guten Platz
hat, vier Fuß hoch. Waͤhrend des Fortwachſens
ſtecket man einen Stab dabey, und befeſtiget den
Stengel hieran mit Baſte, damit ihn der Wind nicht
einbiege. Schon im Auguſt, wenigſtens im Herbſt⸗
monate, ſtellet ſich die Blüte ein. Eine Blume
bricht nach der andern an dem Stengel auf, und giebt
* 3. €. die gedachten Gartengebeimniffe, Ey & |
vonder TZuberofe. 53
‚den angenehmften Geruch. Am ſtaͤtkſten führer
man ſolchen des Abends. Bringt man den Tubero⸗
ſentopf in ein Zimmer, wo Fenfter und Thuͤren ver ·
ſchloſſen werden; fo erfuͤllet der ſuͤße Geruch der Bluͤ⸗
te das ganze Zimmer ungemein, Ja er iſt fo durchs
Dringend, daß er verfchiedenen Perfonen Mare wird, '
af ihr Kopf vertragen kann.
Im Herbft oder Weinmonate —— fi die
Bim Daher laͤßt man keine Feuchtigkeit weiter
auf die Pflanze kommen, ſondern ſtellet ſie an einem:
Dre, wo fie für Regen und Thau Schuß hat. So
‚dann wird der Stengel trocken. ft er vertrocknet;
fo ſchneidet man ihn nahe an der Erde weg. Wenn
hierauf das übrige Laub gleichfalls duͤrre geworden;
fo nimmt ınan die Knollen aus der Erde, reiniget fie
von diefer, und verwahret fie, den Winter über an
‚einem luftigen, trockenen und ein wenig warmen
Orte. Die ift beffer, als wenn man fie im Topfe
bis zum Fruͤhjahre ſtehen laͤßt, wie Timotheus
von Rol* und Here von Hartenfels ** wollen
Denn warum foll,man die alte Erde den Winter hin-
durch aufheben? Sie hat ihre Kraft, verloren, und».
pfleget doc) im Fruͤhjahre weggefchüctet zu, werben,
weil fie zum Wiedereinlegen- der Knollen nicht fo tüche Ä
eig iſt, wie eine andere gute Erde. Ja, wo fie im
SE — een | in big behalten bat; 12 |
an D3
beein 77 Seite feines neuen‘ lamenbleine,
von 1687. 12. 4 *
In dem LT —— & al a we
er Seite. pi * aueyſe nach
rn abi nr
wird fie den Knollen ganz ſchaͤdlich, indem dieſe des ·
wegen zu ſchimmeln und zu faufen’anfangen. Ed
einige Perfonen die Tuberofe zwey Jahre hindurch
ohne Umſetzen, in demſelben Topfe ſtehen, fo ni‘
daher die Blume nie beſſer, wohl aber fehlechter, -
Hat man es gewager, das Gewächfe in den *
dentlichen Gartenboden zu pflanzen, und- allda
Sommer über gebührend zu warten; ſo muß man es
vor dem Winter frühzeitig , ehe ein.eif eintritt, her⸗
aus nehmen. Sind Stengel und: Kraut alsdenn
noch nicht trocken genug; ſo hebt man: den: Knollen‘
mit den Wurzeln fo aus, daß fie noch mit genugſamer |
Erde umgeben bleiben, und feger fie fürs erfte in eis
nien Topf, den man für Reif und Soft in Sicherheit
bringt. So erfolget: denn bald Die nörhige Dürre
des Stengels und Laubes, daß man jenen wegfchneis;
den), und den — wüig von eo Ey ——
hr Tann. 4
Den Winter Aber ſi nd die — * vor den |
| Mäufen zu bewahren. Man leget fie deswegen gang“
loſe in eine Schachtel, oder, man bindet fie mit einem
Bindfaden ati einander, und haͤnget fie unter der
Decke einer Stube fo auf, daß bie Bee öben, 3
und das $aub unten, fich zeigen.’
Es traͤget die Tuberoſe in un fern faken Ceg en⸗
den nicht leicht Saamen. Sondern wenn die
vorbey iſt, ſo vertrocknen die Huͤlſen, worinnen das
Saat kommen ſollte, und fallen nach und nach ab.
Der beſte Saame iſt ſonſt der, welcher am naͤheſten
em der Erde, und in ben Hulſen am eg am
Sten-
55
Stengel fich RR Wenn alfe der. Stengel bey»
nahe ‚alle Blumen: hervorgebracht hat, fo ſchneidet
man bie: ‚obern insgefammt weg, und läßt nur drey
ober viere der unterjten zum Saamen ſtehen. Wollen
ſich nachmals die Huͤlſen bald oͤffnen, ſo nimmt man
fie ab, und aus denſelben die ſchwarzen Saamenförs
ner Beraus. "Solche fäet man im Weinmonate, ganz
duͤnne in ein Geſchirre mit guter Gartenerde, und
laͤßt fie zwey Jahre unverändert darinnen ftehen.
Doc) hat man fie, während diefer Zeit, vor der Käls
te zu verbergen, auch mit Begießen, und fonft, wohl
zu warten. In den zweyen Jahren entfpringen denn,
aus dem geſaͤeten Saamen kaum ſolche Knollen, die
zum Berpflanzen tuͤchtig find; - Sie haben noch nicht
alle — einer kleinen Eichel erhalten.) =»
Wa” mah zen, Jahre hindurch unausgenom⸗
men ftehen läßt, es ſeyn nun die ganz jungen, oder
auch alte fragbae Knollen, das hat man in dem ano
dern Yahte, und vornehmlich, im Fruͤhlinge/ dadurch
zu erfriſchen dag man gute feifehe Gartenerde oben
auf die vorigjährige ftreuet. Hiermit hilfe man die»
fer leßtern, die zumal durch das öftere Begießen fehr
abgenußet worden, zu ziemlichen Kräften wieder,
In Indien und Italien kommt der Tuberoſen⸗
ſaame gewiſſer und beſſer zur Zeitigung ‚als bey uns.
In Deutſchland geſchiehet die Vermehrung dieſer
Blume gemeiniglich durch die jungen Knollen, die
fi) an die Mutter feßen, und gerne von derſelben
abſondern laſſen. Wenn man alſo die Mutter in
die Erde bringen will, fo nimmt man die Nebenknol⸗
— D 4 len
6 Abhandlung on Ä 2 uberoſe.
len gelinde von ihr eg, und pflanzet jedes: Stuck
derſelben beſonders. In dem andern Jahre find fie
ſchon tragbar. Ja noch in dem erſten gruͤnen ſie
ſchoͤn hervor, und eines und das andere der groͤßern
Stuͤcke koͤmmt wirklich zur Bluͤte. Demnach ge⸗
het die Vermehrung aus den Nebenknollen weit ger
ſchwinder fort, als Die aus dem Saamen.
WVerwahret man die Knollen den Winter ins
durch ‚in einer Schachtel, fo darf dieſe weder an ei⸗
nem feuchten, noch gar zu warmen Drte, ihren Pla
oben. Steher fie an dem erflern, fo faulen. die.
Knollen leicht. Befindet fie fich an dem legten, fo
keimet unſer Gewaͤchſe, ehe man fichs verfieht, zu⸗
mal gegen den. Fraͤbling. Thut es dieſes, fo *
man am ſicherſten, wenn man es gleich nunmehr pflan⸗
zet. Will man die Knollen uͤbers Land verſchicken;
ſo wickelt man fie in Baumwolle, und. Biernächft i in
Papier. Man bevecker fie, nachdem ihre Reife weit
* ai, auch mit mehrern Dingen , damit MN
Froſt und —*T7 ſi icher RR
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333 Ira TE TEE * VI.
2
ünlerſuchung
» (4 8. Lebens -
und
fr Sof des Homer |
u Aus dem Engliſchen überfegt: u EFT
m Epriftian item Agricola, F—
Poſoren zu Fienftäde in der ——
Mannsfeld.
Dritter Abſchnitt.
Hoi ein jeder," der auf das. Steigen und
| Fallen: der ‚Staaten Achtung giebt, finden,
daß, nebft.den Sitten auch ihre Spiache
Biefelben bendes.in ihrem Wachsthume, als in ihrer
Abnahme begleitet... Die Sprache. ift Die, Ueberliee
ferung unferer Gedanken; und. wenn dieſe edel, frey,
und ruhig ſind, fo wird ihnen auch unſere Rede bey»
des im Schwunge, als ihrem Inhalte nach, gleich·
kommen. Auf dieſe Weiſe wird eine Zufammer kunft
von geiſtvollen und verſtaͤndigen Männern, welche.
die Angelegenheiten einer gs ‚oder‘ eines. Staates
7 zu
— uUnterſuchung des Lebens |
zu beſorgen haben, - wofern fie: anders: ihre Befehle
nicht etwa unter der Hand von einem Höheren erhal
ten, natürlicher Weife Redner und Beredtſamkeit |
bervorbringen. Eben dieſe Maͤnner werden, wenn
ſie ihre Stadt verlaſſen, und ſich außer derfelben um»
ſehen, mit-eben. den freyen und ‚glücklichen Ausdrü-
en vor den Gegenftänden fprechen, die ihnen ber
Anblick der Natur darſtellet; und wenn in einem weis
ten Sande viele dergleichen — ** ſind, die eine
Sporache, aber in verſchiedenen
fo wird vie Sprache —* den Fer —S
erndten, und mit neuen Woͤrtern, Redensarten, und
verblümten Ausdrücen bereichert werden, nachdent
die Gemuͤthsart oder natuͤrlichen Neigungen der ver⸗
ſc iedenen Voͤlker beſchaffen ſind; da zu "Heicher Zeit
ein jedes feine eigenen wird: genehm halten, weil fich
ihre Vorſteher in ihrem freyen Staate derſelben be⸗
dienen,
Man kann es nicht ohne ein Fleines Erſtaunen
bemerfen, was der Anfang des menſchlichen Geſchlech⸗
tes vor eine veraͤchtliche Figur auf den Gemaͤ lden
vorſtellet, die die Alten davon entworfen
9 . Cum prorepferunt primis Animalia terrie, i f
„Mutum- et ie ad glandem atque
propter, 50.51
V —** et pugnis, Abi fuftibus, atque ita *
vrutnabant armis, quae poſt fabricauerat vſusz
"Donec Verba, quibüs voces a nötarent, F
Nominoguei inuenere * — A
1 on ar en; inf
| Dnapi ih A lo Si
u —*8 Sat. IM. 2 * eu’
j
und den Schriſten des. Homerus. 59
WW ‚glaubten, allem Anſehen nach, dag die Sprache.
die erſte Bezaͤhmerinn der Menſchen geweſen ſey,
und ihren Urſprung von gewiſſen rohen zufaͤlligen
- $äutten befommen: ‚habe, welche dieſe nackete Gefells
ſchaſt von herumkletternden Sterblichen von unge⸗
fäbe ı ‚von fich gab. **,
Dieſes zum: Grunde gefege, fo. wird folgen, baß
fie diefe Laute anfaͤnglich in einem weit hoͤheren Tone
ausſtießen, als wir itzt unſere Worte thun. Sie
wurden vielleicht veranlaſſet, wenn ſie in irgend eine
Leidenſchaft, in Furcht, Verwunderung, oder Schmer⸗
zen *** gerierhen; und fie gebrauchten alsdenn eben
vieſen Laut, wenn entweder der Gegenſtand oder Zu⸗
fall wiederfam, oder wenn fie nicht wußten, wie fie.
at beſchreiben was ſie von ſeiner Gegen⸗
wart
er — *, 2 un @rANmAgS ; zadnsı 7272
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"ANZ ZHN ‚annAAuynuer „AA | x ounuadovrss zoarus
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ITW na TuS avrönaras uwo, Tu Öerögar ‚xapmss. Kaı
’ — ver umo * arms. de Band, vxo TH
evußdgovros Idleromerss — Tas Pavas 6’ AEHMOY.
“x EITKEXYMENHE song, ex 78 nalolıyov AIAPOPOYN
BL 772 777 Pe 6. fi Alodoe · Saxta Pi. ar,
Kr Kar yae sıX0s ardgunss. EN IPEIA AsyS To _ xeore⸗
„sw Barns zuagdes yardai, vous 78 weafns x Tu
zearloırus auras, x va IIAOH xus rss DAZXONTAZ -
Rare * xæ⸗ —Ao——— —
ul. — Meran —
60 unterſuchung des Lebens
wäre fühleten. Es konnten auch nicht —
oder der Ton gewiß ſeyn; ſondern wenn ſie, durch
die Wiederkunft der Leidenſchaft, in der ſie dieſelben
erfunden hatten, angereizet, ihren Schlund weit auf⸗
thaten, und verfchiedene von dieſen lautenden Zei
chen sufammenfeßeten, fo ſchienen fie felbige alsdenn
zu fingen, Daher bedeutete avdzew anfänglich nur
bloß fprechen , oder eine Stimme von ſich geben,
welches ißt, mit: einer kleinen Verkuͤrzung, &dew;
fingen heißt. Und daher rühren auch die alte Mey⸗
tung, die uns fo ſeltſam vorkoͤmmt daß die Poeſie
„eher, als die Profe geweſen ſey ,, ; m —
Der Erdbeſchreiber Strabo, ein: —— und
mit dem Alterthume wohl bekanmer ‚Mann, ergäßlet |
uns, daß Radmus, Pberesydes und‘.
am erften den Wohfklang von der Rede —
und das in eine Proſe verwandelt haͤtten, was
her allezeit Poeſie geweſen wäre... Und der ſoſe
bewunderte Beurtheiler des Erhabenen, hat in *
Ueberbleibſeln einer Abhandlung, die wir unglücflicher
Weiſe verloren haben, folgende merkwuͤrdige Gedanken:
„Die Abmeſſung der Wörter, ſaget er, koͤmmt |
„eigentlich der Dichtkunſt zu, weil dieſelbe die ver ·
ſchiedenen Leidenſchaften und ihre Sprache vorſtel⸗
„let, ſich der Erdichtungen und Fabeln bedienet, wel⸗
‚che natürlicher. Weife MWopiklang u und Harmonie her⸗
„vorbringen. Aus dieſer Urſache erklaͤreten ſich die
Alten in ihren gewoͤhnlichen Unterredungen lies
Det in I DORt, als in — > ——
* Marder‘ * weis 70 ER vn —— en. J
ELLE ar war Aubesı. . Kar Mu mas mudos aa mie
Wars
und der Schriften des Homerus. -6ı
Haͤtte ich es mit einem andern zu thun, fo wuͤrde
ich mir die Mühe nehmen müffen, den Zufammen-
“hang zwiſchen dem erſten und. legten: Theile diefer
Meynung zu zeigen: allein Zw, Hochgebornen
‚werben leichtlich einfehen, daß et dafuͤr hielt, daß das
geben der Alten weit mehr allerley-Zufällen und Ges
fährlichfeiten ausgeſetzet geweſen ſey, als da die
Staͤdte erbauet waren, und die Menſchen von der
Geſellſchaft und einem gemeinen Weſen befchüger
wurden; und daß folglich ihre Reden auch weit hitzi⸗
ger und verbluͤmter geweſen ſeyn muͤſſen. Erlauben
ſie mir nur hinzu zu ſetzen, daß die Zuſammenſetzung der
Namen, Tragödie und Comödie, Tex ywdıaz'Ko-
pudız, welche Vorſtellungen der alten Lebensart ma»
ven, unftreitig beweiſen, daß fie urfprünglich gefüns
gen worden, da fie: gefpielet, und nicht mwiederholet
wurden, wie fie itzt geſchehen. Ich zmeifle auch im
geringften nicht, daß nicht die erften Dinge, melche
in Griechenland der. Schrift anvertrauet worden,
als Drafel, Gelege, Zauberzertel, Weißagungen, in
Verſen abgefaffer gewefen, Und doch hießen fie nur .
bloß, Eren, Worte oder Neden *; wie fie aud) die
a u sank Sof
Mei, de ar apuoın zaraczwalerau. " Tavrapa zaı 0
was Sumargss MaAdor Tas oixsıss way Aoyns n aalat.
— Aovyus #egı METPOT, awoszasuar.
6Es ſind noch ei Spuren von dieſem poetifchen
Schwunge in den Abfchilderungen der morgenlandi:
ſchen Sitten geblieben, welche in den alteften Nach:
.. Fichten der Mauren und Spanier aufbehalten find;
wo auf jeder Geite Mährchen vorkommen, und die
Geſpraͤche von verliebten Materien in einer frepen
Versart fortlaufen. Als zum Erempel:
Abena-
‘62 Unterſuchung des ebeus |
erſten Rsmer;; saus eben demi-Grunde,; FATA
nannten, von einem Worte; runde Er
von ſich geben, oder ſprechen bedeutet deutet sr
Ef 2) Äh J——
anc 3 Abenainar! ; —
20 Moro de la Moreriat its: re — 134 13332
id 0 >El dia que tu ‚nacifie al aan
nd 57 Ghandef’ fennales avia: Mur I N
u. 2. Bflava Ja: Mar en Calma di no
dl 2. Ba: Luna;Eftava — men
Maoro que en tal figno — nn san
137 Ne deve dezir Mentira. ——
And in eben dem Geiſte: Ahr ı mariepe
= Reduan! fife te acuerda *8
lg > 0. que me difte la Palabra, —— In —
5. Que me darias a Jar—
1 en una noche ganada: ‚ ara
"2%. Reduan! di tu lo cumples ° ° .lny -
darede paga doblada: II SPRITZEN E
J fi tu no lo cumplieffes vls
defterrarte he de Granada, J—
Hiſtor.de las Guerras eiviles ——
Dieſe Romane ſind ſo alt, daß ſie von den Arabern |
als Beweiſe ihrer Gefihichte gebrauchet werden. |
® FARI: Das hiervon abgeleitete Wort war anfangs
in der. einzelen Zahl nicht gebräuchlich ; fondern fie
nannten diefe Dinge gemeiniglich Fata Jovis , ich
glaube von dem alten Drafel zu Dodona, dag. dem
Juviter geheiliget war. So ſaget Virgil der große
Nachahmer der alten Sprache: Et fic Fata Jovis
poſeunt. Aeneid. VI. Jedoch nach der Zeit erhielt
es, vonder Wichtigkeit des Inhalts, die gegenwaͤr⸗
tige — Die wrichen machten, da ß e ſi ch
doch dem fen, wie ihm: fen, fo ift fo viel gewiß, daß
die erften Theile der Sprachen, die fuͤt Mutter⸗
ſprachen gehalten werden, größtentheils raube, uns
abgeaͤnderte, unperfönliche einfplbichte Wörter find,
welche gemeiniglich die -heftigften Leidenſchaften
und Gegenſtaͤnde ausdruͤcken, die am meiſten ruͤhren,
und ſich in einem einſamen wilden Leben von ſelbſt
|
EzR,: 52 Pr . 2 1?)
4 sis 3,4 3 J u I
Nun ' 3 Dit: % U 33% IE "Aus
einer genaueren Nichtigkeit zu -befleißigen anfiengen,
ein zufammengefegted Wort von dem einfachen Sara,
und nannten es Orrpara; nicht nur Reden, fondern
Reden Gottes, ©xos Dara: Gate yıntı m
° Ha.diefer Weg den Urſprung einer Sprache aufzu⸗
„‚fpüren, diefelbe in ein ungemeines Licht feget, fo wird
es nicht undienlich ſeyn, dieſes mit ein paar _folchen
Exempeln zu erläutern, die am meiſten mit‘ der or⸗
dentlichen Art zu leben verbunden find. Die beyden
gebraͤuchlichſten Wörter, die im Sebraͤiſchen Speife
und Nahrung bedeuten, Lechom und Terepb, bedeus
. ten ju gleicher Zeit dag eine Sechten, und das andere
Raub oder Gepluͤndertes. Gur heißet auswärts
geben reifen, und die beygefügte Net deffelben, ers
ſchrecken, in Surcht feyn: und Ger oder Gur, ein
_ Seemder, und ein junger Loͤwe. Das alte Wort im
Sriechiſchen, daß Reichthum bedeutete, Ana, bedeu⸗
. tet urfprünglich nicht8 anders ald Raub, die Frucht -
des Krieges und der Geeräuberey , und koͤmmt von
Aaw, abigo, her, von welchem das noch gebräanchliche
Wort ano feine Zeiten bildet: und die vielen ver>
Beisein Wörter, die fie haben, Gutes und Befferes
mit anzuzeigen, baben\.ihren Urfprung von der
Staͤrke und GBemeltibätigkeit bekommen.‘ Dieſe
verſchiedene Bedeutungen eines und eben deffelben _
Worts, welche bey allen Mutterfprachen wahrzuneh:
men find, muffen denenjenigen, Die mit ber befondes
| sen
r + BEL.
I,
—
64 Hnlinterfuchung des Lebens
Aus ei ‘Folgerungen: erheller, daß ——
Sp die auf Die oben, befchriebene Art gebilder
worden, voll’von Metaphern, und zwar der fühnften,
vermegenften und nactuͤrlichſten Metaphern bat ſeyn
muͤſſen. "Denn Wörter, die gänzlich von der rohen
ie nein r und: in Een * Leiden⸗
Br fehft,
— Art und — derſelben betann find, zu
einer ſtarken Heberzeiigung dienen. Die ausnemachte
Urſache davon iſt die: Berbindung ‚welche, dieſe ver:
ſtchiedenen Bedeutungen mit den damals: herrſchenden
Sitten hatten. Einige von diefen Verbindungen find
in einer wohleingerichteten Lebensart, und bey der
Veraͤnderung der Sitten verloren gegangen : . andere
- aber bleiben noch beftändig,, als zum Erempel: 30:
..nab, Caupona, Hofpita, und Sonab, Scortum, er
retrix, Hhasbar, reich werden, und Bhaſar,
Zehenden bekommen, ein, Hrieſter ſeyn nebſt
dert andern von eben der Art. Allein es giebt. —*
einen Begriff von einer ſehr abſcheulichen Lebensart,
wenn mir finden, daß das Wort RKarab, welches fo
- „viel. heißer, lg ſich naͤher zu jemanden mad * Er
binzumachen, zu gleicher Zeit fo viel eek er "ald
.. Fechten Brieg fuͤhren; und davon. koͤmmt das Wort
RKerab, eine Schlacht, ber. Diefes. erinnert mich -
an das erfchreekliche Bild, ‚welches uns ——
re bat. ;
u
De
Hr xgoras nina Gurss ar 'arandar la PR
‚Bene ngsıccw de Tor nTroVA dare. Ku —*
nn Zehen Emmsigıns gas Madnn. BB. %
Der Bater- Ricci ſaget in feinem. chriſtlichen Zuge
nach China ausdruͤcklich daß ihre Sprache bloß in
‚einfplbigten Wörtern beſtehe. Eben dieſes ſcheint
auch bey den alten Aegyptern ſtatt gefunden zu haben,
fo, wie wir es ſelber an dem größten Theile der Bor: |
— Sprachen bemerken: hnunen. AIR,
-
und der Schriften des Homerus. 65
ſchaft, als: Schieden, Zorn ; odverMangel;! (welche
gar leichte'den Menſchen einen Laut auspreſſen, )
erfunden worden, werden dieſes fanatiſche Weſenund
Schrecken ausdruͤcken, seine Geſchoͤpfen begegnet,
die wild und wehrlos leben *.Wir muͤſſen uns
ihre Rede, als gebrochen, ungleich und ſtuͤrmiſch vor⸗
ſtellen. Ein Wort oder Laut vertrat, nach) Befchaf-
fenheit feiner Gleichförmigfeit mit vorfchiedenen Des
griffen, die Stelle fuͤr ſie alle, eine Eigenſchaft, die
wir oͤfters faͤlſchlich fuͤr Staͤrke und Nehdruck hal⸗
ten, da fie doch ein wirklicher Mangel fr
Jedoch laſſet uns nunmehro «einen aber Weg
nehmen, und ſetzen, daß die Umſtaͤnde der rohen Ges
ſellſchaft ein wenig beſſer geworden; daß ſie anfangen
ihre kauderwelſche ſelbſt gemachte ·Sprache zu ver⸗
ſtehen, in einer ertraͤglichen Sicherheit leben, und ſich
in Freyheit befinden, ſich rund und ſich herum umzu⸗
ſehen: in Be a wird die — und
RE ——— das
*At varios Lnure — —;X kübegit
Mittere; et —2 — nomina rerum. 9
rg — — —J
x Nam fnit ——— tempus, cum in agris 'homings
. . paflim, — more vagabantur, et — —— ferino
vitam propagä ant; nec ratione Animi quicquam, ſed
pleraque viribus Corporis adminiftrabant. Nondum
diuinae religionis, non humani offieii ratio colebatur. —
Nemo legitimas viderat muptias; non certos quisquam
infpexerat Liberos: hon jus aequabile, quid vtilita-
tis haberet, acceperät. Ita‘propter errorem atque
infeitiam, caeca ad temeraria dominatrix animi cupi-
nouditas ; ad fe explendam viribus * ——
— —— Satellitibus.
* =» we .:M, T. Ciceronis ———— Lib, 1.
3 Band, E
66 . Unterfuchung des Lebens
das Erftaunen nachfolgen. ‚Die Verwunderung ift
die eigene Leidenſchaft roher und unerfahrner Sterbli·
chen, wenn fie von Furcht befreyet find. Der große
„Kunftrichter unter den Alten hat fie den jungen
‚Leuten zugefehrieben : ein mwißiger Kopf von den
-Meuern leget fie dem Frauenzimmer bey, und einer
‚von den feineſten Aufſaͤtzen, die in unferer Sprache
geſchrieben find, fehränfer fie auf die YTarren ein.
‚ der Kindheit der Staaten etwas ähnliches von der
Öffentlichen Berfaflung an fich haben: fie haben nur
diejenige Art, ſich auszubrücen, welche ihnen die
rauhe Berbefferung der Zufälle, die vielleicht erſchreck⸗
lich’ genug geweſen, und die fie ausgeftanden, erthei-
len Eann. Sie find unwiſſend und ohne Endzwecke,
und werden von der Furcht regieret, unddem Gefähr-
ten derfelben, vem Aberglauben. Es ift eine unge
* Leere in ihrem Verſtande; ſie wiſſen weder,
was ſich zutragen wird, noch auch nach was vor ei⸗
ner Ordnung die Dinge ihren Lauf nehmen werden.
Ein jeder neuer Gegenftand frifft fie unbereitet an;
fie ftarren und fperren das Maul auf, wie Kinder,
melche die erften deutlichen Borftellungen befommen.
Se Worte druͤcken dieſes ‚was fie fühlen * aus;
nd
rg menla no — —RX —
Kivorrss un nxosor aA one ——— J *
Artyaıoı neg@aıcs » Toy mungor KW
EQvpov sin Farra. Au). ‚IPOMHO@ETE:
Diefe Nachricht von den erften Eterblichen iſt von
dem gelehrten und fcharffinnigen Weltweiſen beſtaͤtiget:
Üınos va Tas mewrus, sure yayanıs yon, ar un DIo-
GE
Es ift gewiß, daß die Menfchen überhaupt in
Ps
und der Schriften des Homerus. 67
und gleichwie die Entfernung von dieſen Laufſchran⸗
ken der Unwiſſenheit und Verwunderung bis zu
dem Stande eines weiſen und erfahrenen Mannes,
den wenia Dinge in Verwunderung fegen, und dem:
die Schickfale der Völker , und die Gefege und
Schranfen unferes Zuftandes befannt find, fehr groß
ft: ſo iſt auch nach Proportion die Sprache beſchaf⸗
‚fen, und trägt die Zeichen von den dazwiſchen aufge
fürten Schaufpielen an fich.
Es wäre etwas leichtes , Diefe Mennung mit vie⸗
fen grammatifalifchen Erempeln zu bemeifen; allein
fie koͤnnen nur von Männern verftanden werden, die,
wie Ew. Hochgebornen, e8 in ihrer Gewalt ha⸗
ben, ſich derſelben nach ihrem Belieben wieder zu er⸗
innern. Ich will nur bemerken, daß die Türken,
Araber, undı Indianer, und überhaupt die meis
ften Einwohner des Orients, eine ein einfames $e-
- ben führende Art von Volk find. Sie reden nur fel«
ten, und niemals lange ohne Bewegung; wenn fie
aber, nach ihrer Art zu reden, ihren Mund aufthun,
und einer feurigen Einbildungskraft freyen Lauf laß
fen, fo werden fie poetiſch und voller Metaphern.
Das Sprechen ift unter fo einem Volke eine Sache
von Wichtigkeit, wie wir aus ihren gewöhnlichen Ein:
leitungen abnehmen fönnen; denn ehe fie ihre Ge
danfen zu eröffnen anfangen, fo berichten fie, daß fie
ibren Mund auftbun; daß fie das Band ih⸗
ver uch loͤſen; — ihre — erſchal⸗
2 len
eus Tıyog u, euuus sa" was FES Fugovras na
TUR BIANTUS , WE% na Atysraı xaTa Toy Yayava.
en Torırin. Br
63 Unterfichung des Lebens‘
len — und mit ihren Lippen ſprechen
wollen *Dieſe Eingänge haben eine große Aehn⸗
lichfeit mie den alten Arten der Vorreden in dem
Homer, Hefiodus ımd Orpheus,/ worinnen nn
nen Dirgil zuweilen ‚nachfolget. = =
Wenn demnad) eine unverbrüchliche und hoth⸗
5 Verbindung zwiſchen der Gemuͤthsbeſchaf⸗
fenheit einer Nation und ihrer Rede ſtatt findet, ſo
muͤſſen wir glauben, daß in dem Anfange einer je⸗
den Sprache eine Vermiſchung von Einfalt und
Verwunderung angetroffen werde; und daß ſich die
Mundart mit den Umſtaͤnden und Neigungen eines
Volks zugleich verbeſſern muͤſſe. Wenn wir die,
welche chomer redete, naͤher betrachten, ſo finden
wir, daß ſie keine urſpruͤngliche iſt, ſondern von
‚andern weit älteren abgeleitet worden‘. Doch. fehei>
net. fie von einem ſehr Eleinen Stamme , den die
‚Pelasger ** und alten Einwohner der mitternädht-
lichen Theile von Griechenland redeten, entiproß
fen zu ſeyn. Den größten Theil ihrer Zufäße befam
fie von Afien, ram REN >
* Man fehe die arabifchen Dastschräße, ) nee aus
diefer Sprache uͤberſetzet ſnd.
** Te yaynızss yap cm eyw was EU
Ins TIEAAZTOY, runs de yns AERNYETRS 1 mar
Eus Ö” Avaxtos suAoyus szaWwuo ihr
Tevos TIEAASTDON' nv Te xagreras —
Kaı wacay Aluν us de AAyos egxeras
Zrguum TE mwgos Qvrovros mAıs ngurw. *
Aα. IKETIAEZ.
«
und der Schriften des Homerus. 69
die Vermittelung von Cypern und Rrera *% Dies
fe; amd andere Inſeln, welche vornehmlich unter der
Bothmaͤßigkeit Der Rarier flunden, wurden am
erften bevölkert ‚und im den zum geben norhmwendis
gen Künften unterrichtet. | Sie liegen den Kaufleus
ten,’ die aus den itzt benamten Laͤndern ſeegelten, am
bequemſten; und es waren entweder Aandelsleute,
oder Perſonen, die ſich wegen irgend einer verwege⸗
nen That, die ſie zu Hauſe **verüber hatten, ges
nörhigee ſahen, auswaͤrts zu reiſen, welche die erſten
Unterweiſer der alten Griechen abgaben **8..
Dieſe Zufaͤlle begegneten einer Himmelsgegend,
welche die Menfchen eben nicht zur Einfamfeit ges
neigt macht, und den Müßiggang verbietet.‘ Die
Mothrvehbigfeif der: Arbeit und Erfindung ; ein
wachfender Handel, und, mehr denn fonft irgend et⸗
was, Die Menge von niemanden‘ abhangender Res
gierungen, und aufeinander eifrigen Städte, brachte
gar bald eine edlere Sprache auf, als irgend eine
von den Müttern war, Sie war ap eins
u ae RRLEHZ RR fälig,
* (Kenn n 2 warn erıurdı 74 Yaraoon PB web van
„EAAHNEN aögunera zegı ıuı Iaraccay warlar.
Agısoreri. ‚Hörırix. PB.
* Danaus, Kadmus, u. f. w. Siehe die Marmora
Arundel. Epoch. 9. betreffend Neyraxoyrogos: UND die
Bee Anmerkung. h
* To⸗ PTTEEL 2777777 xeovor, 7; Kyle ev rois Baedapois
Toy —R& — ngievv apxev: Kaı Aavaos ner 4
„Aryualıs Geuyan, Aepyos xæ ⁊ x. Kudlos ds 0 Zudwvog
"ou eßaoıravos. Kages TE Tas Nuoss narwusr. TleAo-
— de ovuracns o Tayızıs Hero) autalnce.
ö . -Iroxgal. EAsın; Eyrwwıov,
— a — und — wie =“ *
Ihre politiſche Schreibart wuchs mit ihrer buͤrger⸗
lichen Verfaſſung, und war in ihrer Groͤße, als ſie
die meiſten Angelegenheiten von dieſer Art, und von
der aͤußerſten Wichtigkeit zu beſorgen hatten:
und wenn ſie ein wuͤſtes kriegeriſches Volk ihrer Frey⸗
heit beraubt hatte, ſo nahmen ſie ihre Zuflucht zu der
Weltweisheit und Gelehrſamkeit. Die Rathsver⸗
ſammlungen eines freyen Staates werden vermittelſt
des Sprechens unterhalten, und dieſes fuͤhret gar
bald die Wohlredenheit und die Kuͤnſte zu uͤberreden
ein. Wenn dieſelben —* oder in dem gemeinen
Weſen gefaͤhrlich werden, ſo legen ſich die Menſchen
auf minder ſchaͤdliche Gegenſtaͤnde.
Dieſes waren die merkwuͤrdigen Zeitpunfte, mel
che die griechifche Sprache durchgangen if. |
‚gieng ganz gemächlich durch Diefelben „ und *
Zeit von einem jeden einen Eindruck zu bekommen.
Sie daurete lange , und überlebte die lateinifche
weit, wie fie auch vor derfelben ihren Anfang nahm,
Die Urfache war, daß die Griechen, mitten unter
allen Unruhen ihres Landes, dennoch beftändig Frey⸗
beit und Befchäfftigung genug hatten, entweder mit
öffentlichen Angelegenheiten oder mit der Gelehrſam⸗
feic, um etwas von ihrem Geifte und ihrer Sprache
am $eben zu erhalten, welche allemal unferen
Glüdsfällen folgen, und ſich nach unferen Umftänden
und Zuftande richten wird *. Denn wovon reden
wir denn wohl anders? Aus — Grunde muß
eine
e Format enim ı Natura prius nos Zune ad omnem
Fortunarum habitum — Horat. —
und der Schriften des Homerus. 7r
eine blühende und gluͤckliche Nation, die im Anfange
Feine übertriebene Zucht gehabt hat, und nad) einer
‚fangen Bemühung und vielen Berfuchen zur Boll
kommenheit in’ allen Friedens, und Kriegesfünften
gelanger ift, eine ſolche Nation muß die edelfte
Sprache reden; fie hat aber auch Dagegen wegen der
Unbeftändigfeie der menfchlichen Dinge, für ihre
Dauer feine Sicherheit,
Nach fo einer: Ausführung erwarten Ew. Zoch»
gebornen fonder Zweifel, was endlich zulegt here
aus kommen wird? Es iſt diefes, mein Lord!
„Da die griechifche Sprache, Durch den oben er-
„wähnten Fortgang, fo weit gebracht war, daß fie
„alle die beſten und vortrefflichften Empfindungen
„der Menfchen ausdrücken Fonnte, und einen hins
SR Vorrath von ihrem urfprünglichen,
„in Erftsunen fegenden, metaphor iſchen er⸗
ſten Anfange behalten hatte; in diefem zeitpunkte
Achrieb Homer.
Sch weiß nichts, das uns von der Wahrheit
diefes glücklichen Umftandes beſſer überführen fönnte,
als wenn wir die Erſcheinungen der Gottheiten
betrachten, die er in fein Gedichte eingeführet hat.
Der größte Theil derfelben ift natürlich , und fie find,
wenn mir die ägyprifchen Allegorien, welche er ges
meiniglich feinen Göttern * in den Mund legt, auss
‚nehmen, in der herrſchenden Sprache des Landes er⸗
sähler. Es ift in der J— iu einer Regel ges
macht, ua
* Wenn der Dichter — in ſeiner eigenen Perſon
erwaͤhnet ; fo führt er fie gemeiniglich mit gar, fie
ſagen, ein.
72 Unterſuchung des Lebeng
F I: man den gemeinen Begebenheiten,
bes. Lebens ihre einfaͤltige Tracht ausziehen, und ſie
„einer höheren Gewalt zuſchreiben ſolle, damit ihre
„Wuͤrdigkeit unterſtuͤtzt werde; dem; lebloſen Dingen
„aber muͤſſe man ein: Leben ertheilen, ‚und fie. mit
„einer Perfon und‘ ſich dazu ſchickenden Eigenfchafe
Iten bekleiden: Allein es glauben wenig, daß die
gewoͤhnliche Sprache zu der damaligen Zeit se
taphoriſche Kleivung getragen habe. Indeſſen wür>
de es fonft nicht zusentfchuldigen feyn, wenn man poe ⸗
tiſche Ausdruͤcke in den Mund eines andern, als des
Dichters ſelbſt legen wollte; Es wuͤrde wirklich eine
falſche Schreibart ſeyn, und es iſt ein gemeiner 3
Sehler in vielen vortrefflichen Werfen, Den große
Abichreiber des Homerus, welcher ein.
würdiges. Gedichte aus den: zwey ‚andern. verfertiget
hat, ſcheint einem recht aufrichtigen Richter, in die⸗
ſem Stuͤcke ſeiner Urſchrift nicht, gleich gekommen zu
ſeyn. Es iſt der ſinnreiche Monſ. de la Motte,
von dem ich rede, welcher den Aeneas für einen bey
weiten zu großen‘ Dichter: hält und geſteht, daß er
nicht umbin gekonnt: habe, ‚biefe uneigentliche Urt
fich auszudrücken, Durch das ganze andere und dritte
Buch der Aeneis zu fühlen ; allwo der Held in feiner
Erzählung niche minder verbluͤhmt und figuͤrlich iſt,
als der Dichter ſelbſt in der übrigen u 50. |
Daß Virgil fo lange nad) dem Feldzuge Des
— und in einer, für die- damals üblichen Sit⸗
‚ten
* Siehe Boileaus Dichtkunſt.
* Difcours fur P Ode: et Refponfe "4 Refle&ion de
Monf. Defpreaux fur Longin.
/
und der Schriften des Homerus. 73.
ten viel zu ausgeputzten Sprache gefchrieben hat, das
Bias Sebler nur deſto merklicher. Allein, in
dem trojanifchen Zeiten hatte ihre, Sprache. ſowohl,
als ihre Sitten, noch vieles von der morgenlandiſchen
rt am ſich Ihre Gottesgelahrtheit war, eine Fa⸗
l, und ihr moralifcher Unterricht, ‚eine allegoriſche
Erzählung. Wenn Drismus um den $eichnam
feines erfchlagenen. Sohnes „bath,,. forteöftete ihn -
Achilles mit einer parabolifchen Geſchchte von den
Gefaͤßen, aus welchen Jupiter einem jeden Men⸗
ſchen feinen Theil von Gluͤck und Ungluͤck austhei—
let*; und Glaukus erzaͤhlet dem Diomedes:
„Wie die Blaͤtter der Baͤume erſt hervorſprießen,
„und hernach abfallen; 6 find Pie — der
sfterhlichen Menſchen rn. ren sh
Vierter Abſchutt
Jet der Mütter, von welcher Seife, —
abſtammet, den gemelnen Sitten, unter wel⸗
hen fie gebildet ift, und dem Ecitifchen“ Zeitpunkte
br Dauer, hat den vornehmſten Einfluß in dieſel⸗
be die Keligion des Landes, und die Sitten der
Zeiten. Dieſe letzteren Härten mir unter den ges
meinen Sitten der Nation begriffen werden fon>
nen; allein ihr Einfluß, vornehmlich) in die Art und
den Geiſt der Sprache, iſt groß genug, um eine
Pefondere Betrachtung zu verdienen.
Ich werde bald Gelegenheit haben, * ler
fprung beydes der oe Zee als Be:
J az
* Dias Pr Kai ir
uUnterſuchung des ebens
ur
te näher zu unterfuchen. Vorige ift es
hinlänglid) zu fagen, daß fie von der großen Murter
beiliger und bürgerlicher Stiftungen, dem Rör
nigreiche Aegypten herfamen. Diefes weife Volk
ſcheint die Zuͤgel der menſchlichen Leidenſchaften,
und die Art, eine weitlaͤuftige Geſellſchaft zu he
ren, fehr zeitig bemerket zu haben. Sie fahen die
allgemeine Neigung der Menfchen, dasjenige zu bes
wundern, was fie nicht verftehen, und eine Ehrfurcht
für unbefannte Kräfte zu hegen, von denen fie fü ch
einbiſden, daß ſie ihnen viel Gutes oder Boͤſes zus,
fügen Fönnen, Sie richteten ihren gottesdienſtlichen
Glauben, und ihre feyerlichen Ceremonien nach die⸗
ſer Gemüchebefchaffenheit ein ; machten ihre Gebräus
‘che gebeimnigvoll, und: überlieferten ihre allegoris
fehen $ehren unter vielen Binden einer tiefen und
frommen Heimlichkeit. 3973
Q TEKNON!ZYAETOIZI NOOIZIL DIEAAZEO, TAOZEHN
EYMAA’ BIIIKPATENN ZTEPNOI2I A"ENSEO OHMHN”.
So fomm, mein Sohn! berbey mit achtfamem Ge:
muͤthe,
Die Bun halt im Zaum; bewahre in der Bruſt
Den Goͤtterſpruch —
Daher koͤmmt jene Menge von zen En
zahlungen die Götter betreffend, welche die erften
griechiſchen Weifen, die nad) Aegypten reiſeten,
gewiß verſtunden und * Juͤngern auslegten **,
si unter
Bi Oepeus we Meseuier. In fragment. Oehınoı Erur.
** Diodorus, der Sicilier, füget, nachdem er die na⸗
gürliche Bedeutung der Allegorie, daß —— *
ohn
\
N
* ax
und der Schriften des Homerus. 75
unter welche ich, nach einigen Gefchlechten, : den.
Heſiodus und Homer rechne, Allein da ſie nach⸗
bero indie Hände gewiſſer, mit einer: hißigen Ein⸗
bildungskraft begabter Menfchen geriethen, welche,
glaubten, daß fie fo gut erfinden: fönnten,, als ihre:
Lehrmeiſter, wurden: den erftern-wiele muͤndlich übers
lieferte Erzählungen angebänget ; Die zumeilen unges
ſchickt genug/ zuweilen 'aber fo befchaffen waren,
dag fie in einer buchftäblichen Erzählung ein ertraͤg⸗
liches Stuͤck ausmachten, aber; lauter Berwirrung
anrichteten, wennman fie. bey der Allegorie an- -
wenden. wollte. Dergleichen find alle die IPOI
AOTOI, (heiligen Weberlieferungen.) deren fo
ofte von dem Herodotus gedacht wird, mit der Er⸗
Flärung, daß er es nicht wagen wolle, fie bekannt
zu machen; und von’ eben Diefer Arc ift auch der
©EIOZ. AOTOZ, die göttliche Ueberlieferung,
die Drpbeus feinem liebften Schüler empfiehler,
und von dem erften Vater zu einem ganz anderen
Endzwecke angeführet war *, S. ;
Dieſer allegorifche Gottesdienſt fand, da er nach
Griechenland verpflanzet wurde, an demſelben ei-·
—— nen
Sohn des Jupiters und der Ceres, oder daß der Wein
die Frucht der Erde und der Feuchtigkeit ſey, dieſe
merkwuͤrdigen Worte hinzu: ovußarn de vera awah
Ta Ta dmzuna, dia zwr OPÖIKNN TIOIHMATDN, xaı
TE FAGNCAYOUNE NAT Tas TaAITAS, wur ar 5 Sans
weis anugreis ssopew va ala magos. Buß. y. Welches
die eigentliche Befihaffenheit und Abficht der orpbis
ſchen Sebrauche deutlich zu erkennen giebt.
"_# Eis da @EION AOTON PArlas, Turw wgoredeme.
Iuftin. Martyr. O Aoyos wapawsTinos areos EAAyvas,
nen ” eine chen" Beähfeifehe —
Boden.) Erſchlug in den: Gemuͤchern der Grie⸗
chen. tiefe Würze, "als welche graͤulich unwiſſend/
und von keinen Nebenmeynimgen worher eingenom⸗
men waren Sie machten von ihrer eigenen Art
Zuſatze jr demſelben Hund er war in wenig Men⸗
ſchenaltern ihren Sittenreinverleiber, mit der Spra⸗
che verwiſcht, und gewann einenallgemeinen Glau⸗
ben.“ Sdo war er befehaffen, ais Homer in der
Belt erſchien Er hatte feine: munterſten Kräfte
serreicher, und die Anmuth der Neuigkeit und Ju⸗
„gend noch nicht· verlorenDas iſt die Kriſis,
Werte ſich (ein jeder befleißiget, in der herrſchenden
Schreibart zu reden; und dieſes mit der fruͤhzeitigen
metaphoriſchen Art der Sprache zuſammen genom⸗
men / macht einen: wichtigen Grund aus, warum
wir in den’ alfen Schriſten —* a. Allegorie
— 3 la rl man
Wir haben Bänfige ——— wie * der feſte
Slaube einer Sekte macht, daß die Menfchen im
der genehmgehaltenen Redarr fprechen und ffhrei-
ben. Sie’ führen diefelbe in ihre Angelegenheiten
ein, fpielen auf fie an in ihren Ergoͤtzlichkeiten, und
enthalten. fich ihrer in feinem Theile des, $ebens;
vornehmlich. wenn fid) Die DR in ihrer Blüche, und
gluͤcklichſtem Zuftande zeiget. Denn Ew. Hochge⸗
börnen wiflen, "daß dieſe Dinge bey. den Alten ih⸗
ren Frühling und Sommer ſowohl halten, als.
die natüiclichen Gewaͤchſe; und daß, fie nach einer ges
wiſſen Zeit, gleich, den alt gewordenen Pflanzen, die
Schönheit und Leben verloren, nicht geaghret wur⸗
den, und zuletzt gar vergiengen.
Was
chri ten des Homerus. 77
Was die Dichtkunſt weiter vor Vortheile von
einer ſo gebildeten Religion einerndten kann, das
wird weiter ‚unten zu erſehen ſeyn. Laſſet uns nuu⸗
mehro die. Sitten der Zeiten betrachten, darunter
ich die Handthierungen und Studien. verſtehe, die
im Schwange I find, Fund denenjenigen, die fie in ein
nem vor zuͤglichen Grade; befigen, ‚bie meie eo
gumeg? vbringen, 4
Sie folgen benfalls den: Stäcsumftänden einer
Marion, Bey dem obengedachten Foregangte find
Diejenigen Künfte, ‚die dem menfchlichen, Leben. den
‚größten Nutzen verfchaffen, ich meyne die, fo-unfere
natürlichen Mängel erſetzen, die erſten, welche ihre
‚Erfinder berühmt machen ; mit der. Zeit aber, wenn.
ſich der Reichthum eingefunden hat, ziehen die Aus⸗
beſſerer des Bergnuͤgens und die, Spfinber der
Pracht unfere Aufmerkfamfeit auf fichs -,
Aus den Nachrichten, die wir allbereite von dem
Zuftande Griechenlandes gegeben haben, iſt leicht
‚zu ſchließen, daß, „da; Homer lebte, die Erſte⸗
„ten noch beftändig die vornehmften gervefen ſeyn
„muͤſſen. Ein gluͤcklicher Umſtand, der ihn für
zwey Laſtern bewahrete, welchen der vortreffliche
Londgin den Verfall der Dichtkunſt ſchuld giebt;
für einer unerſaͤttlichen Begierde nad) Reichthum,
und was cr aryevesarov Tla$os nennt, eine. nieder-
trächtige Muth benebmende Leidenſchaft, für
Die Liebe zu en Be au
ıffen waren zu der Zeile in der &tar die
gehe aaa — und der Ei für ð das
3* gemeine A
E; Di ryes Trnun nd. cin Aauger.
| |
ef
78° Umterfirhung des Lebens 1.
gemeine Beſte der geliebteſte Charakter. Ein
Mann , der feine Stadt tapfer verttheidiget ihre
Herrſchaft erweitert, oder fein Leben für ihre Sache
eingebuͤßet hatte, ward als ein Gott verehret: die
Siebe zur Freyheit und Verachtung des Todes, nebft
ihren edelften Folgen, der Ehre ’ Reduchkeit und
Maͤßigkeit/ waren Wirklichkeiten. Die Noth
erforderte, wie ich geſagt habe, dieſe Tugenden *,
Ohne fie fand feine Sicherheit des Lebens oder Gluͤck⸗
feligkeie ftatt. Denn da ein jeder Staat, das will
fo viel fagen, beynahe jede Stadt, von ihrer krie⸗
‚gerifchen und anwachſenden Nachbarinn beneidet wur⸗
de, fo mußte man eines von beyden erwählen, ſich
entweder mit der Schärfe der Waffen zu vertheidi-
gen, oder auf eine fchimpfliche Art der Untevorügtung |
Und Sklaverey zu unterwerfen.
„Und es ift fein Wunder, wenn ein Menfch, der
dieſe Tugenden von der TTorh und den Dingen
\ \ „felber lernet, felbige beſſer verſteht, als ihn die
' „Schulen oder — darinn — ——— ——
„nen;
*0 * * xbeo⸗ axeiroc, Cdie Seiten des Thefeus, |
Eurz vor. dem trojaniſchen Kriege) nreyner arsgwna sh,
.xugw AV EEYoIS, x Kwodeo vaxgını „.x0 cunaTw e@-
“Mais pas eoınav zmeeQuns xaı RramaTEs. mpas der va
an Gvouı Xeunass swieizas, ade wei arA 'vBes: vu
xaporlas vmegndara, naı amoAavorras 705 dvranews e ow=
Farı mas minpin , amı Tw agaren , ‚Amledas Ti, as
- Napaıgn vo wagarınla. Ada de xaı dinaservm xaı
A 70 ı0or as vo PiAartpmmeor , ws ‚wroiun TB adınem,
na bobm 75 Adna, Tu worin swansıras N
"ı-00plyug wegen To wm augen durauevss.
Mwragge @HBETZ. ., «
—
und der Schriften des Homerus. 79
„nen; und daß die Borftellungen folder. wirkli⸗
„hen Charakter die Kennzeichen der Wahrheit. an
ſich fragen, und jene, fo von erdichteren Ver⸗
‚ „bienften und erfonnenen Muftern bergenommen
„ſind, weit verdunkeln.
So ſehen wir alſo, daß die Gluͤcksumf aͤnde,
die Sitten und die Sprache eines Bolts genau
zuſammen verbunden find, und nothmendig einen
Einfluß in einander haben. Die Menfchen erhals
ten ihre Empfindungen von ihren Gluͤcksumſtaͤnden;
find diefelben fchlecht, fo ift es ihre beftändige Bes
mühung, wie fie felbige verbeffern, find fie.aber
gu, wie fie diefelben genießen wollen: Und
diefer Neigung richten fie beydes ihre Auffühe
* als ihren Umgang, und nehmen die Sprache,
Mine, und Art an, welche der Beſchaffenheit der
verſchiedenen Charakter eigen ift.
In den meiften gtiechifcben Stätten gewon⸗
nen eben die bürgerlichen Berfaflungen und Geſetze
gleich eine ordentliche Geſtalt, als Homer auf. die
Welt kam *. Die erſten Entwürfe derſelben waren
uͤberaus einfältig ʒ indem ſie ihren Urfprung von
—— den
© Gie hatten feine wohleingerichtete ‚Sammlung vom
Geſetzen, ober ordentlichen Plan einer bürgerlichen
* Berfaffung, vor dem Onomakritus. So ſagt Ari⸗
‚ ftoteles, Ovouaxpurs Yaronays agurs da L£i7) Noyo=
Serum. Daul.o.
* —E yag wexass Nouxs Aay amABS Mas wo Aupßapızas.
„, Rridngopogsrre yag 0 EAAnın, za Tas yuraszas —
70 map ala. Ova Ta 10mm vu aggain an zu 0
— sundn KanTar fl.
Agınor Ha. 8.
a Unterſuchung des Lesengtnn
oh Bein ſen der damals herrſchenden rohen Le⸗
bensart erhielten,’ Das große Geſetz der Gaſtfrey⸗ |
beit machte den vornehmſten Theil der Unterweiſung
aus. Einem Fremden Leid zuzufuͤgen, der feine
Zuflucht unter euer Dach genommen, an eubem· Ti⸗
ſche mit geſpeiſet / oder ſich ben euren Feuer nieder⸗
gelaſſen hatte, das ward zur groͤßten und allerverab⸗
ſcheuungswuͤrdigſten Gottloſigkeit gemacht. Die
übrigen waren don gleicher Art; allgemeine Verbote
der Gewaltthaͤtigkeit, oder ſich Anordnungen von
Sitten die wir für unnoͤthig oder barbariſch halten
twirden. Die Stämine fiengen nur erſt an, inner»
Halb ihrer Mauren’ und neuen umzäunten Städre in
Sicherheit zu feben, und hatten noch weder Zeit noch
Geſchicklichkeit gehabt, ‚eine. häusliche gute Verfaſ⸗
fang over yunftmäßige Gefege einzurichten; und noch
vielweniger ‚ an öffentliche gute Anordnungen zu den⸗
fen, wie ſie ihre Bürger aufziehen wollten. Sie
iebten nach der Natur und wurden von dem
natuͤrlichen Gewichte der Leidenſchaften regieret,
fo vie es in eine jede menſchliche Bruſt gelegt iſt.
Dieſes machte‘, daß fie ohne allen andern Zwang res
Deten und bandelten, als den ihnen ihre eigenen an⸗
gebornen Begriffe von dem Guten oder, Boͤſen,
Rechten oder Unrechten anthaten, nachdem ein
jeder von innen getrieben wurde." Dergleichen
„Sitten geben die narirlichften Gemaͤhlde, und be⸗
„queme Worte an die Hand, fie zu ſchildern,
Sie häben eine ganz befondere Wirfung auf, die
Sprache nicht nur in fofern als fie natürlich, fon-
dern auch in ſofern, als fie aufrichtig und Auf, ſind.
So lange als- eine. Nation einſaltis und nn,
eibt,
und der Sthriften des Homerus. gu
bfeiber, fo bekoͤmmt alles, was fie fagen, von der
Wahrheit ein Gewichte. Ihre Empfindungen find
ſtark und redlich; und dieſe bringen allemal gefchickte
Worte hervor, fie auszudrücken *. Ihre Leidenſchaf⸗
ten find aufrichtig und vechefchaffen, nicht verfälfchee -
oder verftellt, und brechen in ihren eigenen und unge»
kuͤnſtelten Redensarten und ungezwungenen Ausdruͤ⸗
‚den aus. Gie; find nicht zu der Plauderhaftigfeie
und ‚den kleinen artigen Manieren gewoͤhnet, die eine
gefünftelte Rede entkräften. Sie find auch nicht mie
Spisfündigkeit und falfhem Wiße angefüller, als
welche ſich beyderfeits in einem jeden Sande erſt fpäte
zeigen, und in Griechenland lange nach den troja.
nifchen Zeiten zum Borfcheine kamen. Und dieſes
ift, nach meiner Meynung, die Urfache, „.mwarum Die
„meiſten Nationen an ihren alten Dichtern ein fo "
„großes Vergnügen finden *,,, Wir fühlen, be
fie eine zierlihe Schmeicheley und eine geſchminkte
Falſchheit an fid) nehmen, den Nachdruck ihren
Worte, und die Wahrheit ihrer Gedanken.
In dem gemeinen eben ift der wißige und ats
tige Mann anigo, fonder Zweifel, der vorzüglichfte
Charakter: allein,er ift nur eine mittelmoͤßige Per,
fon und fein Held f; weil er eine Perfon vorſtellt,
N: | fuͤr
—3 Quin ipſe (Tiberius) compoſitus alias, et velut elu- -
‚&tantiuın Verborum, folussus promtiusque loquebatur,
quotiens fubveniret. I) Tacitrus.
—— Graecorum ſunt antiquiſſima quaeque
Scripta vel Optima — — 8 1Y
| Horat.ad Auguftum Ep I. Lib. III.
. + Bellus Homo, et Magnus vis idem Cotta vidıri:
Sed qui beilus Homo eft, Cotta prfil/us Homo eft.
“ Martial. Epigramun. Lib. 1. 10,
13 Dand.
!
82» Unterfuchung des Lebenß
für welche ſchwerlich ein Pag oder Raum in einen ;
epiſchen Bedichte zu finden iſt. Bey einer Sache
von Wichtigkeit, da die Gefahr erheblich ift, und die
Ausführung Behutfamfeit und Much erfodert, witzig
thun, das iſt pofienveißerifch und abgeſchmackt.
Virgil roußte die Wichtigkeit diefer Nachahmung »
der alten Sitten fehr wohl; und borgte von dem |
Ennius feine altgewordenen Ausdrücke, und. den
ftarfen veralteten Schwung feiner lehrreichen Gedan⸗
‚Een. ga er hat fogar viele alte Gebräuche angenom»
men, die bey Opfern, Spielen, und Einweihungen
üblich waren, ja felbft Gefeßformeln, nachdem es die:
Einrichtung feines vortrefflichen Gedichtes zulaffen
wollte, Kt Kate
we « 4 ⸗
Fünfter Abſchnitt.
Ondem wir die Urſachen entwerfen, die den größten
Einfluß in eine Sprache haben, werden wir auf
einen Gedanfen gebracht, welcher den wahrhaftig.
Tugendhaften Vergnügen erwecen muß. Wir
< finden, daß ohne Tugend Feine wahre Dichrkunft
ftatt finden kann. Sie hängt von den Sitten einer
Nation ab, welche ihren Charakter bilden, und ihre .
Sprache befeelen. Sind ihre Sitten. rechtfhaffen
und aufrichtig, fo wird ihre Rede denfelben ähnlich
feyn, und ihnen Gerechtigkeit wiederfahren laſſen.
Und wenn wir höher- fteigen, und fie nicht nur als
rechtſchaffen, fondern auch als edel und beldenmäfs
fir vorausfegen, wie wir thun müffen,. wenn mir von
Sitten reden, die ſich für die Dichtkunſt ſchicken ſol⸗
len, was iſt dieſes anders, als die Tugend ſelbſt, in
— | aller
und der Schriften des Homerus. 83
aller ihrer Hoheit und Glanze? Ew. Hochgebornen
muͤſſen dieſelbe zuweilen in dieſer herrlichen Kleidung
geſehen haben, und werden es mir vergeben, wenn ich
mich in die Unterfuchung eines fo liebenswürdigen Ge
genftandes einlaſſe. ft dasjenige, was wir. den Hel⸗
denmuch nennen, ‚wohl in der That etwas anders,
als eine uneigennuͤtzige Liebe zu dem menfchlichen Ger
ſchlechte und unſerm Baterlande, die feine Befabs .
. ren erfchreden, und feine Beſchwerlichkeiten er.
miüden ? Wenn er diefeg nicht iſt, fo. muͤſſen die gefel«
tigen Seidenfchaften, und die. edeljten. Neigungen, in
einem epifchen Gedichte die Dberhand haben. Es iſt
wahr, ſie koͤnnen ſich veraͤndern, und in verſchiedenen
Charaktern auf eine verſchiedentliche Art zeigen: Sie
koͤnnen ferner. ihre Schatten haben, und muͤſſen zumei-
n auf einem dunklen Grunde entivorfen werden, um
&. eine Erhöhung zu geben; allein fie müffen
doch allemal Die vornehmſten F Figuren auf dem Ges
mälde fenn, wenn fie anders ein wirkliches und dauers
haftes Bergnügen verfchaffen follen.
Jedoch es biethet fih ein anderer Schluß dar, wel⸗
der fo feltfam zu feyn fcheint, daß man nicht weiß,
was man damit machen fol. Denn Elinge.es nicht
etwas verrätberifch an dem Hofe des Apollo, zu ſa⸗
gen, daß ſich eine ausgezierte Sprache für einen
: großen Dichter: nicht ſchicke? Und doch befürchte ich,
wenn anders der Sag wahr ift, „.Daß niemand etwas
„fchön befchreibt, als was er gefehen, und in Feiner
„Sprache und Mundart mit Fertigfeit und als. ein
„Meifter vedet, als in der, an die er fich gewoͤhnet
„bat, ,, wir werden Demfelben benpflichten müffen.
Wem es nur bekannt iſt, was man eigentlich fuͤr die
3 Auss
—
uUnterſuchung des Lebens J—
ie der Schreibart hält, und welches die Ge
genſtaͤnde find, die gemeiniglich i in diefer Art abgehan⸗
belt werden, ber wird es mir leichtlich vergeben, wenn
ich mir Fein Bedenken mache, diefen Schluß daraus
zu ziehen. Ich will nur bemerfen, daß das, was wir
Auszierung nennen, eine Sprache verringert. Es
machet manche Wörter veraltet; es fperret uns in
einen Winfel ein, erlaubet uns nur eine einzige Gat⸗
tung von artigen Redensarten, und beraubet uns
mancher vielbedeutender Wörter, und ftarfer fhönee
Ausdrüde, welche wir, wie Dirgil, auf die Gefahr
wagen muͤſſen, altoäterifch und baurifch zu feheinen.
Eine Sprade, die durch und durch nach dem heus
tigen Verſtande ausgezieret ift, wird niemals zu der
Einfalt der Sitten herabfommen, die zu der epi⸗
ſchen Dichtkunſt unumgaͤnglich nothwendig erfor⸗
dert wird: und wenn wir die Sitten erdichten,
muͤſſen wir uns auch ebenfalls bemuͤhen, die Schreib⸗
art nachzuahmen. Ich habe allbereits gezeiget, was
vor einen ſchlechten Fortgang wir von einem ſolchen
Verſuche erwarten koͤnnen; und es wäre etwas leichtes,
mit Exempeln zu beweiſen, daß weder Gelehrſamkeit
noch Witz hinreichend iſt, uns fuͤr Vergehungen in
dieſem Stuͤcke zu bewahren. Allein es iſt eine un—⸗
- angenehme Arbeit: Saffer ung dahero lieber ein Bey⸗
fpiel erwählen, wo wir eher loben, als tadeln, koͤnnen.
Der Name Kenelon ftellt uns das Bild eines
Mannes vor, der fi ich durch alle liebenswürdige Eigen
fhaften bervorgethan bat. Gleich einem mächtigen
Zauberer, erweckt er in unferer Einbildungskraftächte
Tugend, fürftliche Wiffenfchaften, und anmurbige
Sirten. Seine vollfommene Kenntniß des Alter⸗
’
\
” und der Schriften des Homerus. 85
thums, und ſeine reiche Einbildungskraft ſchien ihn
geſchickt zu machen, die Folge der einfaͤltigen und lehr⸗
reihen Odyßee zu fchreiben. And doch wiffen wir,
daß fein bezauberndes Werk der Eritif * nicht entgans
gen iſt, und daß nur folche Theile davon derfelben auss
geſetzt find, die eine Dermifchung der alten und
neuern Sitten verfuchen, das ift, wenn er den alten
Heldenmuth mit Staatstünften vereinigen, und
die Dichtkunſt Staatsgruͤnde predigen laffen wollen.
Man wird es vielleicht nach dieſem für überflüßig
halten, wenn ich bemerfe, daß ein mit einer unum«
fchränften Gewalt verfehener Hof, einen fchädlichen
Einfluß, beydes auf die Verfchiedenheit der Charaktere
in einer Nation, als auf den Umfang ihrer Ausfprache
haben muß. Wir dürfen uns nur rund um uns hers
um umfehen, wenn wir gewahr werden wollen, wie
manche von den feinften Sändern in Europa unter -
betrüglichen Geſetzen, und einer willkuͤhrlichen Regies
rung feufzen, und unfelige Bemweife von der Wahrbeit
dieſer Anmerfung abgeben, Unter ſolchen Regieruns
gen werden niche nur Sachen von Wichtigkeit nach *
Gefallen regieret, ſondern es muß ſich auch jedermann;
in dem gleichguͤltigſten Umſtande des Lebens, nach
dem Muſter des Hofes richten. Exempel haben
eben ſo viel Macht, als Befehle; man darf nur nach
einer Kopey beydes reden und ſchreiben, und kein
—— Wort darf die Ohren des ſich irrenden
J 53 Großen
* — * Avantures de Telemaque. Eine eben fo
grauſame als unbillige Schrift ;_ ohne eine andere Ge:
‚ Iegenheit zu haben, als die das Feuer. einer. erhabenen
— und die Unvertraͤglichkeit der Sitten
| dargereichet
.
86 Unterſuchung des Lebens
Großen berühren. Auf diefe Weiſe verlieren manche
- Dinge ihren Namen, over werden Durch uneigentliche
Benennungen gemildert; und wo man dieſe gun
haben kann, fo rufet man Umſchreibungen herb
unſere Furch zu bezeugen, daß wir jemanden —
gen möchten, wenn wir die klare Wahrheit *
* *
Es iſt mich außer dieſem etwas erſtaunliches daß *
in ſo einem Lande einen durch die Geſetze beſtaͤtigten
Zwang in Abſicht auf das Schreiben giebt; welches
noch weit aͤrgere Folgen nach ſich ziehen muß. Was
vor ein beweinenswuͤrdiger Anblick ſind nicht dieſe
Laͤnder heutiges Tages, die vor Zeiten die Muͤtter der
Gelehrſamkeit und Scharfſinnigkeit waren? Wie uns
fruchtbar find fie an aͤchter Gelehrfamkeit! Wie ger
Dreher iſt das wenige, das fie: hervorbringen, und
das die Kennzeichen’der Gewaltſamkeit und des uns
natuͤrlichen Zuftandes an fich trägt, in welchem es
einpfangen und zur Welt gebracht iſt! Anftatt diefer
männlichen Öefinnungen, welche-der Tugend und dem.
$after Gerechtigkeit toiederfahren laſſen; anſtatt die⸗
ſer kuͤhnen Abſchilberungen von Meuſchen und Dine
gen des — nee (des Jahr⸗
hunderts,
* Da # " Cardinaf Richelieu die Ei une Akademie
; genoͤthiget hatte, den Cid, ein Stuͤ des berühmten
Corneille, in die Cenſur zu nehmen, fchrieb der Ders
faſſer einen Brief an den Liebling des Cardinals, M
de Boisrobert, darinn er ihm meldet: Jattens avec
beaueoup d’Impatience les ferttimens de PAcademie,
afın d’ En ce que dorefenavant-je dois —
Ausques la, je ne pnis travailler — — &
nolſe einployer un Mot en feurete
M. Peliffon. Hift * — rnit.
—
* und der Schriften des Homerus. 37 .
|
hunderts, daran wir am meiften Antbeil nehmen, )
muͤſſen fie ſich damit begnügen, daß fie die überbfies
bene Stüdfe von Wiönchshiftsrien durchſehen
‚ ‚und ausbeflern, und die fegenden der Heiligen ſamm⸗
den. Oder wenn fie es wagen, vernünftig zu res
‚den, fo muß es von weit hergeholten Dingen und
von allgemeinen Säßen feyn, die von ihrer Zeit ent,
ferne find, ohne daß fie eine Vergleichung anftellen,
“oder. die geringfte Anwendung machen dürfen.
So iſt ihr Zuſtand beſchaffen; da wir mittler⸗
Toeile unfere Inſel mit einer innigen Freude, als eis
nen glücklichen Beweis von der Verbindung jwifchen
der Freyheit und Gelehrfamkeit anſehen koͤnnen.
Wir finden unſere Sprache maͤnnlich und edel, von
einem weiten Umfange, und zu einer groͤßern Ders
fehiedendeit | der‘ Shhreibart, und der Charaktere ges
ſchickt, als eine von den heutigen Sprachen. Wir
ſehen, wie unfere, Kuͤnſte verbeſſert werden, unſere
Wiſciſchaflen hoͤher ſteigen, und alles von einem ſo
großmuͤthigen und ſo feeyen Geiſte befeelet wird,
daß e8 den deuflichiten Beweis von der glückfeli-
gen Beſchaffenheit unſerer burgerlichen Berfoffung
abgiebt.
Vergeben ſie es mir, mein Lord, wenn mich ein fo
angenehmer Gedanfe, an deffen Anmuch Sie felbft ſo
ni Antheil haben, von einem traurigen Gegen:
ande abgezogen hat. Man kann niche ohne Mit
leiden an einen armen Dichter denfen, Der unter den
Schrecken der Inquifi tion fhreibt. Er weiß nicht,
ob nicht diefer Vers einem ehrwürdigen Vater In⸗
quificor, ein anderer einem ehrwuͤrdigen Water
PERF Inſpector, verdächtig vorkommen; ob nicht
DZ J 5 4 a” 55 dieſes
g8 Unteeſuchum des Lebens
dieſes Gleichniß den verordneten Vater Rebiſor
ſtutzig machen, und dieſe ag dem —
ſelbſt gefaͤhrlich ſcheinen moͤchte.
Es iſt alſo Fein Wunder, wenn der in Shchrecen
geſetzte Verfaſſer, den, anſtatt der Muſen, ſo ſchwar⸗
ze Geſpenſter beſuchen, von einer ungeſtalten Frucht
entbunden wird. Ihtle geiſtige Erſcheinung
jeden freyen Gedanken daͤmpfen. Das Gemuͤt
darf ſich nicht empor heben, ſondern muß ſich unter
dem paniſchen Schrecken einer Cenſur beugen, die
von dem weltlichen Arme, zu ihrer deſto groͤßeren
Gewalt, vertheidiget wird. Und koͤnnen wir wohl
einige Anmurh oder einigen Wis in einem Werke
erwarten, das in fo erb&cmlichen Umſtaͤnden em-
pfangen und gebildet wird, Mein, gewiß nicht ; ja
wir dürfen in einer Furzen Zeit gar Feine Schriften
mehr erwarten. Denn bie Vater erhalten uͤber⸗
haupt ihren Endzweck, und in einer Nation, wo ih⸗
nen einmal die Macht, diefes thun zu koͤnnen, anver⸗
trauet iſt, richten ſie die Sachen in kurzer Zeit ſo
ein, daß ſelten jemand etwas anders ſchreibt,
als ſe al % Et nie Dinge find der Ga
gen» |
“ En — 4 ein Buch durch ſechs Gerichtshoͤfe
geben, ehe es bekannt gemacht wird." 7) Wird ed exa⸗
miniret von den Examinador Synodal des Erzbil
thums, welchen der Dicsrins dazu verordnet hat
2) acht ed zu dem Berichtäfchreiber des Königreichs,
darinn es bekannt gemacht werden fol, Chronifta de
Caſtilla, Arragon, Valencia &c. 3) Wenn ed von die⸗
ſem gebilliget worden, fo erhält es die Erlaubniß von
bem Vitecins felbft, die ein Notarins —
muß ein Zrepheitsbrief von Seiner Majeſtaͤt dazu
—
und der Schriften des Homerus. 89
genſtand fehon mancher Abhandlung geweſen: ich
erwähne derfelben bloß darum, um den Grund der
Antipathie zwiſchen denſelben und den höhern Arten
der Schriften zu zeigen. ° Es würde fehr unnörbie
feyn, wenn man fich im eine -weitltuftige Befchreie
. bung des toͤdtlichen Einfluffes der Torannen einlaffen
wollte: da fo gar ein Mann, der unter einer auf
das Beſte eingerichteten, Regierung lebt, zu fehr nach
den Sitten derſelben gebilder wird, als daß er in die:
fer urfprüngfichen und uneingefchränften Abbildung
Der Menfchen, der epifchen Dichtkunft, vortreffs
lich fenn Eönnte,
Es fönnte, als ein Einwurf: gegen dieſe Mens
nung, von denen, welchen der Wacherhum und die
Zeitläufte der Gelehrfamfeit befannr find, angefühs
vet werden : „Daß man gleichwohl‘ bemerfet habe,
„daß die Zwifchenzeit, zwifchen der höchften Freyheit
„und der Sclaverey eines Staates, der Welt einige
„edle Früchte gezeiget habe. Die Sache ift un
ſtreitig; und wir dürfen, wenn wir die Urfache davon
entdecken wollen, nur die Stufen betrachten, nach
F5 wel⸗
erhalten werben; und ein Secretaͤr unterzeichnet den⸗
ſelben. 5) Wenn es gedruckt iſt, fo kommt es zu dem
Corrector General por, fu Mageſtad, welcher es mit der
von dem Picarius unterfchriebenen Copey vergleichet,
damit nicht etwas eingefchaltet oder verändert werde,
Br Und 6) fihäßen 68 die Herren im großen Ratbe, wie
hoch ed roh verkauft werden ſolle. In Portugallivird
‚ein Buch fiebenmal überfehen, ehe es öffentlich bekannt
i E werden darf. Sch habe bey einigen Titel-
« blättern derſelben lachen müffen, auf welchen zu defto
giPhexer, Sicherheit des Kaͤufers, Die Worte kunden:
m todas as Licencas neeeflarias, : -
RE LIETEF.NFE R u
J
90Unterſuchung destebeng un
‚ welchen eine-Regierung ihre Rechte werlieret, und det
Willkuͤhr einer einzigen Perfon ausgefegt wird. ., ..
Es wird dieſes Ungluͤck überhaupt an Die Thüreder
Derdeibniß geftellet, und das mit dem größten
Rechte. Hochmuth und Ueppigkeit ermangeln fels
ten, wenn fie ihren völligen Wachsthum erreicher,
einen Staat in Verzuͤckungen zu fkürzen, und für eis
nen Beherrfcher reif zu machen, Sie machen die
Menfchen geneigt, unter gewiſſen Abfichten, zu geben
und zu nehmen, welche nach und nach, wichtig genug
werden, bey jedermann ein Verlangen darnach zu er»
wecken; allein es ift auch zu gleicher. Zeit Feine Zeit
auf der Welt, da man die Menfchen fo vollfommlih
kennen lernen kann. Wenn die Anerbiethungen ver»
führerifch find, und die Beftechungen hoch fteigen '*,
fo entdecken alsdenn die Menfchen, was fie werth,
und um welchen Preis fie ſich feil zu biethen und zu
verkaufen, Willens find. Die wahrhaftig tugend»
haften zeigen fich nach ihrer Weigerung, mit einem
ern sera sr. nA
* Biduo per vnum ſeruum, et em ex gladiatorio Iudo, -
confecit totum negotium. ’Accerfiuit ad fe, promifit,
‚interceflit, dedit. , Iam vero o Dii boni, rem perdi-
tam! etiam Nodes certarum Mulierum. atque "Adole-..
fcentulorum nobilium Introdudiones nonnullis Iudici-
bus cumulo fuerunt. Cicero,da er die Befchichte von :
der Befreyung des Clodius durch’ den Beyſtand des
Craſſus an den Atticus ſchreibt. Lib-I. Ep. XIII.
Die Beftechungen des Curio, um die Parteyen zu
verändern, und fein Vaterland ju betrügen, beliefen ſich
‚auf bundert H-S,, oder. 80729 Mund Gterlinge,
3 Schillinge, 4Pf. : Er brauchte diefes und noch fünfs
. mal mehr, wenn er ſich von. feinen Schulden befreyen
wollte: denn diefelben beliefen fich auf ſechsn Don“
dert H-S, das iſt, 48437 5 Pfund.
m: ?
und der Schriften des Homerus. 91
doppelten Glanze; und derjenige, welcher einer Ver⸗
ſuchung miderftanden hat, giebt, wenn feine Schwäs
che entdecket und gehörig angeivender worden, der ans
dern nach, und beftimmt feinen Werth. Die Mens
fehen find in dieſem Stücke gewiſſen indianifchen Fe-
dern gleich: fie zeigen fich nicht in einem Lichte alleie _
ne zu ihrem Vortheile; fondern die Unordnung und
die Gefahren, die in dergleichen Zeitlauften häufig
ſind, bringen alle. ihre. Leidenſchaften in Gang, und
Drehen fie in alle Geftalten, deren fie nur fähig find.
Und diefe Befchaffenheit der Zeiten, und der Menfchen
liefern ung, wenn fie wohl beobachtet, und richtig ab«
conterfaiet- werden, die vortrefflichen Stüde, deren
‚wie oben gedacht haben: A
Außerdem haben die Zeiten folcher heftigen Bes
ftrebungen. eine Art von Freyheit, die nur ihnen eigen
it. Sie erwecken einen freyen und gefchäfftigen Geift,
der ſich über das ganze Sand ausbreiter, Jedermann
ht fich, bey dergleichen Gelegenheiten, als Herrn von
ſelbſt, und daß er dasjenige werden kann, wozu
er ſich nur zu machen im Stande ift. Er weiß nicht,
wie hoch er feigen koͤnne, und es halten ihn Feine
‚ Gefege in Ehrerbiethung, als die fich zu der Zeit
ohne Kraft befinden. Er entdecket feine Wichtigfeie,
verfucher feine Stärke, und wenn fich verborgene Ber:
dienſte, oder eine bishero im Zaum gehaltene Herz⸗
haftigkeit, bey ihm befindet, fo zeige er fie gewiß, und
laͤßt fie öffentlich, ausbrechen. Und diefem zu folge
ſehen wir, daß die Köpfe, welche in folchen Zeiten
hervorgebracht werden; große Beweife von ihrer Ge⸗
ſchicklichkeit und Fähigkeit ablegen, * vornehmlich in
politiſchen Verrichtungen und Bürgerlichen Angeles
N - ANA | i gene
%
92, Unseeflrhng des gobens
genheiten, i ın dem weiteften Berftande z Br Die abs
firaften Wiffenfchaften find die Frucht der Muße
und der Ruhe ** ; aflein Diejenigen, weldye ſich auf
den Menfchen beziehen, und ihre Abſicht auf das
menfchliche Herz richten, werden am beften i in Der
dienungen und Gefhafften erlernet.
Es war zu der Zeit, da fich Griechenland i in. einer
ſehr ſchlechten Ordnung und Ruhe befand, mitten une
ter den Kinfällen und der Verwirrung ber wanderne
ben Stämme, als Homer ſein unſterbliches Gedich⸗
te hervorbrachte. Und da Italien zerruͤttet, da die
kleinen Staaten wider einander verbunden waren,
mit einem Worte, in der Hiße des gegenfeitigen Ei
fers und. Blutvergießeng dee Guelfen und Bibel’
Iiner, da nahm Dantes von feinem Baterlande Ab-
riffe, und machte die ftärfften Abſchilderungen von
den Menſchen und ihren Leidenſchaften, die in der Ge⸗
fhichte der neuern Dichtkunſt ftehen. Der Berfafe
fer der Aeneis lebte zu der Zeit der Unordnung und
des Unterganges feiner Republik. Er fahe die Bes
herrſcherinn der Welt zweymal der gefeglofen Macht
A Kaube werden ;. er fahe ihre bürgerliche Vers -
faſſung
— Thucydides, —— * Demoſthenes unter den
Griechen, und Cicero, Virgil und Horaz unter den
Roͤmern, waren Zeugen von den en —5 |
ober Verſuchen, die man auf die öffentliche Freybei
‚wagte. Einige überlebten diefelben, und einige blieben
in ihrer Vertheidigung.
** Kay zpwrov supuYucar (sy BErısnuay) rarois roi⸗ some *
— —— vonror Berg
‚sunshoaV sum yalındaın %ralen core vepeav eHyos ·
Apior. wera ra Qurin.a.ro *
Lı
/
und der Schriften des Homierud, 93
faſſung zerſtoͤret, und auf die Köpfe ihrer tapferſten
ar Preife gefeßt, * fie mr ber Be *
und noch mehr, mein Lord, es war zu der Sei
da. das ungluͤckliche Britannien i in alle Trübfale der‘
bürgerlichen Wuth verfunfen war, als unſer geift-
volles Gedicht zur Welt kam. Es ift wahr, der
Grundriß des verlounen Paradiefes hat wenig
mit unfern ‚gegenwärtigen Sitten zu thun. Es han»
delt von einem höhern Inhalte, und läßt fid) nad)
dem Maaßſtabe der menfchlichen Handlungen nicht
abmeſſen. Dem allen ohngeachtet aber hat es doch
einige Aehnlichkeit mit den Verrichtungen der Men⸗
ſchen; und der Verfaſſer, (welcher den Fortgang un⸗
ſers Elendes gefehen,) hat es mit. alle den geſchick⸗
ten. Bildern ausgefehmücker, die ihm feine Keifen,
feine Gelehrfamfeit und Erfahrung an die Hand ge
ben fonnten. |
Jedoch, da wenige na, denen bie Se
lehrſamkeit ausgeſetzt gemwefen, der Kenntniß Ew.
HSochgebornen entwiſchen, fo werden Dieſelben ver-
muthlich fragen : Wenn eine ausgezierte Sprache
„und der Gehorfam, mit welchem man fid) einem uns
„umfchränften Hofe unterwerfen muß, mit den ed»
„lern Arten der Dichtkunſt nicht beftehen fann, wie
„koͤmmt es denn, daß die neuere Lomödie die alte
„übertrifft, die doch alle Freyheit der Sprache und
„der Sitten genoß, da die andere im Gegentheil un«
„ter dem Einfluffe der Ueppigfeit und der KAMEN, für
„der macedonifchen —— in die Hoͤhe wuchs7?
Ein
* — — gelehrter und ſinnreicher Scrifeh
ler will es nicht zugeftehen, daß dieſes wahr. Je
*
Unterſuchung des Lebens ni
„der alten Comoͤdien bediente man fich, nach feiner
„Meynung, die Gitten zu verbeflern „die Tugend
' „beliebt zu machen, und die Misbraͤuche in dem
— da die neuere hingegen damit
„ufrieden ift, ſich mie Kupplern und garſtigen Hus
„ten, mit dem alten groben Kerl, dem Davüs, oder
„ge oder ſchalkhaften Poſſen; und eine art
„Auſt, oder alberne Kurzveie vor!
Jedoch wenn wir auch iefes, was man voraus
ſetzt, als gewiß annehmen; fo wird ung die verfhies
dene Natur der Schriften eine Erläuterung hierinn
‚geben. Nichts kann einander mehr entgegengefegt
ſeyn, als die Schreibart, die Sprache und die Sitten
der Comödie, der epifchen Dichtkunft if. Das,
was ſich für die eine auf das beite ſchickt, das fcheir
nee für die andere am menigften zu taugen; und der
am mindeften comifche Charakter ift wohl der Cha⸗
rafter einer ‚erhabenen Seele unb eines großmuͤthi⸗
gen Mannes. Es ift wahr in einer fo vollkoͤmmli⸗
hen Democratie, als die zu Arhen war, Eonnten
die Schranfen des Luft: und Trauerfpieles nicht gar
zu gewiß beftimmet, und von einander abgefondert
werden. Ob gleich das Trauerfpiel die erhabenen
Charaktere, und das Luftfpiel die niebrigen Ri
N)
verſchitztem Knechte des Haufes, “und feinem jungen |
Herrn aufzuhalten. Der Schauplag fagt er, iſt
allemal zu Achen, und der ganze Inhalt befteht i in
„einem kleinen Hiftörchen von einem liſtigen Betru⸗
und der Schriften des Hemerus. 95
war —
ſolchen Staate, beſtehen konnte; und welche ſonder
Zweifel den Vorzug Haben muß, wenn ein unmaͤßi⸗
ges Gelächter, wenn Die, Freyheit, in den Tag hin⸗
ein reden, und der hoͤchſten Wuͤrden, und beſten
Maͤnner in der Nation ſpotten zu duͤrfen, dieſer Art
von Schriften vortheilhaftig iſt. Wenn aber dieſe
Freyheit oft gemisbrauchet worden, und wenn das
Drama eines edleren Schwunges faͤhig, und ein
feineres Vergnuͤgen zu verſchaffen im Stande iſt;
wenn mehr Wahrheit in die Sitten gebracht, und die
Menſchen und ihre Naturen auf eine ——
BEA re
* Pinxit et Demon (AHMON) Athenienfium Argu«
mento quoque ingeniofo. Volebat namque varium,
‚iracundum, injuftum, inconftantem, eundem exo-
‘ rabilem, clementem, mifericordem, excelfum, glo-
‘ riofum, humilem, ferocem, fugacemque, et omnia
‚ pariser oftendere. w
Plinus, de Parrhafio, Lib. XXXV. . 10.
4 I Poeti Comici, per farci accorti de gli Andamenti
del mondo, piacevolmente, Nozze, Fefte, Conviti,
- . Roffianefimi, Putanefmi, Ladronezzi, Truffe, Men-
. sogne, Amori et Odii, tali appunto fü per le Sec-
“ ne rapprefentano, quali folete fare et fofferire voi
Huomini,
Speron. Speroni. delle Ufüre.
—
6 unterſuchung dee eben
Ait vorgeſtellet (werden konnen/ ſo muß fie rn f
Bale” der neuern —— weichen ·
alt: I 1 va ß 5 f
Ich muß‘ aber‘ doch geſtehen daß / da die —
— zu Athen die Oberhand hatte, und der
Poͤbel ſich in dem Beſitze dieſer unbeſchraͤnkten Ge⸗
walt fahe, die ihm Perikles in die Hände gegeben
hatte, und Kleon ausuͤbte, daß waͤhrend dieſer Zeit
Ariſtophanes und ſeine Nachfolger Urbilder hat⸗
ten, von denen ſie ihre Abriſſe nehmen konnten; und
in dieſer Abſicht waren ihr Witz und ihre Schriſten
die uns theatr aliſch und falſch vorkamen, * |
und wahr, Allein dieſe wilde und freche Regies
rungsart wurde nicht fo bald durch Die Furcht von
außen (melde allemal eine ordentliche Einrichtung
zu Haufe zumege bringt,) im Zaume gehalten, als die
Karo K' AryaIcı, die Männer von Fähigkeit und‘
Verdienſten ſich hervorzuthun und in ihrer Groͤße zu
zeigen anfiengen. Es wurde eine Abſonderung ger
macht. Die Sitten wurden gebildet, und die ſchoͤnen
— beobachtet und geehret. SET
Hier kam die neue Comödie empor. Die unflärie
gen Zoten «wurden verbannet, und Wienander
fehrieb.. Das iſt zu einer Zeit, "da die Freyheit noch
nicht verloren, fondern nur die Auswuͤchſe derfelben
befchnitten ; da die feurige Gemuͤthsbeſchaffenheit die ⸗
fes witzigen Volkes nicht unterdeücker, fondern nur
ordentlich angeführet war, Go wahr ift es, „daß
„alle Arten der Schriften, vornehmlich aber die poes
en, fh — den Sitten der Zeiten richten,
vin
|
U \
und der Schriften des Homerus. 97
in welchen fie an das Licht gebracht werden „. Die
beſten Dichter nehmen ihre Abriffe von der Natur,
und liefern uns Diefelben fo, als fiefie finden. Wenn
ſie einmal diefes große Urbild aus dem Gefichte ver.
lieren, fo fehreiben fie falſch, ihre natürlichen Gaben
mögen auch noch fo groß feyn. Laſſet uns den Tors
quato Taſſo, und den reißenden Ariofto, als
Zeugen von der Wahrheit diefes Sages, anfehen.
Beyde waren mit einem fruchtbaren Wige und glück
lichen Ausdrüdfungen begabt: Beyde aber verließen
dag Leben, beyde wenderen ſich zu Iuftigen : Wefen
und uropifchen Charaftern, und füllten. ihre Werke
mit Herereyen und Erfcheinungen an, welche bey
den Neuern die Stelle des Wunderbaren und Erhas
benen erfegen, j !
Pd
13 Band, G VII.
>) Auszug der neueſten
PEN
Da
x rg
Auszug Be
der neueften pboffatifhen
RE —
Natuͤrliche Beſchaffenheit der andſdaß
ten an der Hudfonsbay*, _
ie Engländer Haben von den Sandfhaften an
ü R der Hudſonsbay viere im Beſitz, wo fie
| Niederlagen haben, und die fi) auf achte-.
Halb Grad erftrefen. Herr Robfon, welcher fich
einige Jahre dafelbft aufgehalten, hat nur die beyden
nordlichften gefehen, und. ftellet. diefelben gar nicht fo
fehlecht vor, als man fie ſich fonft wohl einzubilden
pfleget. Die Natur ift gegen feines ihrer Kinder -
eine Stiefmurter; und Die, fo fie am meiften verlaf-
fen zu haben fcheint, haben ſich öfters nur allein über
ſich felbft zu beſchweren. Die Einwohner diefer nor
difchen Gegenden würden fie nicht mit andern weit
angenehmern vertaufchen, und die Engländer gewoͤh ·
nen In; rot IE dafelbft zu — Die, ſo auf
dem
” Aus — Soſerb Robſons: Account of (ik Years Re-
‚fidence in Hudfons-Bay, from 1733 to 1736, and 1744
to 1747. In Detav 1752. —— verlegt von
Dayne und ?
* *
phyſikaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 99
dem Fluſſe Churchill, zehn Meilen von feiner Muͤn⸗
dung an hinauf geſchiffet find, haben daſelbſt anmu⸗
thige Wieſen, ein fettes und fruchtbares Erdreich,
und Gebuͤſche voller Beeren und Fruͤchte angetroffen.
Selbſt die Landſpitze der Kequimaur in Norden
und Mordoften bringe allerhand Arten von Rüben,
Lactuken, und verfchiedene andere Saamengewaͤchſe
hervor. Die Englander haben in ihrer nordlichen
Veſte im Winter Pferde und Kühe erhalten, und im
Srühlinge zieht der Schnee eine Art eines Gewölbes
über das Erdreich, worunfer die Pflanzen zween big
drey Zoll hoch wachſen Fönnen. Die Veſte YXRork,
die zwiſchen den Fluͤſſen Hayes und Nelſon, in eis
nem um zween Grade füdlicher, als der Fluß Chur⸗
chill, liegenden Landſtriche, gelegen ift, gewaͤhret noch
viel größere Vortheile. "Das Erdreich ift dafelbft
befier, Das Vieh befindet fich wohl darauf, und die
Pflanzen, befonders die Erbfen und Bohnen, gedeyen
vollfommen. Es giebt dafelbt verſchiedene Gegen.
den, die den Winden nicht ausgefegt find, und arbeite
fame Leute würden fich in diefen Gegenden alle Noth⸗
wendigkeiten des Lebens um defto leichter verfchaffen
fönnen, je mehr. der Landbau die Strenge des Wins
ters vermindern, und das Aufthauen befördern würs
‚de. Die Abwechfelungen der Witterungen find in
der ganzen Bay allgemein und befrächrlih. Sie
‚rühren von den Winden her, die bald nordlich, bald
ſuͤdlich find, und folchergeftale die ſchnelleſten Abwech⸗
felungen von Sommer und Winter verurfachen.
Man darf auch in diefem Sande nicht ausgehen, ohne
fi) wider die ftärfften Anfälle der Kälte zu vermah«
ven; und ein Fremder thut wohl, ſich niemals allein
| G 2 einer
Aus zug der neueſten
einer aus zuſetzen. Wenn im — * 4
Wind Weſtſüdweſt iſt, ſo iſt die Hitze außerordent ·
lich, und je ſtaͤrker der Wind wehet, deſto ſtaͤrker ſetzt
die Hitze an. Wenn hingegen der Wind anderwaͤrts
herwehet, fo iſt die Winterfälte fehr ftrenge. In-
deffen verfichert doch. Herr Robfon, daß er bey der -
gleichen Witterung öfters ‚unter. ‚freyem Himmel am
Feuer gelegen, und ſich nur bloß mit Gefträuche von 4
den Bäumen wider den Wind bedeckt habe. Defe
ters findet man. Fröfche und andere Fiſche in Eis»
fchollen eingefroren, die aber, wenn es thauet, wieder
aufleben und ganz munter ſind. Wenn nun.das
Clima in diefen Eisgegenden, mo bie Engländer ihre
Niederlagen baben, ‚von folder Befchaffenbeit: ift,
» wie muß es nicht. weiter Iandeinwärts fen? Man.
follte nur den Indianern nachahmen, mit. ihnen ‚die _
ſchoͤnen Fluͤſſe hinauf ſchiffen, deren Muͤndungen be
kannt find, und ein Land anbauen, das die Unwiſſen
beit und Faulheit unangebauet liegen läßt. Diefe
Fluͤſſe find alle auf einige Hundert Meilen, ober bis
auf den ysften Grad ſchiffbar. Ihre Ufer ftehen |
- voller Bäume; fie wimmeln von Fifchen , und. die
fruchtbaren Felder, die fie bewäffern, ſollen niemals,
wie die Ufer, von Schnee bedeckt ſeyn. Die Heer-
den würden darauf die vortrefflichfte Weide finden, x
Korn und Saamen würden ſchoͤn wachen, und das
Wild und Gevögel würde den Jaͤgern zu thun genug
geben. Bielleicht würde man aud) in dieſem Lande
verſchiedene Mineralien entdecken koͤnnen. Eine
ganze indiſche Nation hat ihren Namen von dem
Kupfer, woraus ſie ihre Werkzeuge zubereitet. Es
wi eine Bleygrube, und man hat auc) zwiſchen
den
phyſikaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 101
den Fluͤſſen Churchill und Nelſon Zinnober ge⸗
funden. Noch weit vortheilhaftere Schaͤtze aber, die
dieſes Land geben koͤnnte, ſind die Pelʒwerke. Eben
diejenige Hand, welche die Thiere in Norden dem
cofte ausfeßet, befleidet fie auch mit Pelzen, welche.
die. Menfchen eben fo gut nugen fönnen, als fie, .
Die ‘Biber, Baͤre, Fuͤchſe, Marder, Hermeline, find
häufig in diefen Gegenden, und der Vortheil, den
man daraus zieht, hat kein Verhaͤltniß mit dem, den
ein erweiterter und beſſer eingerichteter Handel ver⸗
ſchaffen wuͤrde. Auch die Gewaͤſſer geben ihre Reich⸗
thuͤmer. Außer den ſchon gedachten Fiſchen in den
Fluͤſſen, ſind ihre Muͤndungen ſowohl, als das Meer,
voller Wallfifhe und Meerfübe. Man dürfte nur,
die Esquimaur Dazu gebrauchen, um weitlaͤuftige
Magazine mit Thran und allerhand Elfenbeine an⸗
zufüllen. Diefes Sifchervolf, das die Indianer, wel⸗
chen die, Engländer den Gebrauch der Waffen gelehe
vet, von ihren. Küffen vertrieben haben, wofelbft fie.
ehedem wohneten, lebt igt mehr nordwaͤrts, gewiſſer⸗
maßen zerftreiet. Der Vorrath von Fiſchen und
Thrane, den dieſe Wilden in den neun Wochen, die
im Sommer zum Fiſchfange taugen, anſchaffen, erhaͤlt
un ganzen Winter, und fie koͤnnen noch dazu den.
Kiffen, die ihnen. begegnen, von ihrem Ueberfluſſe
2” abgeben, , Herr Robſon glaubt, wenn man fie.
nur. aufmunterte, und fie in ihren alten Wohnungen,
befchüßte, Daß der Vortbeil, den man alsdann von
ihrem Fiſchfange ziehen Eönnte, den Vortheil der
Grönländifchen und den in der — Davis
weit en wuͤrde.
Heat 4 FEN N at 7770 re ie, {
}, © 3 II. ‚oe
12 | Auszug der AR
u. Medicinifche Anmerkungen von- den
mineralifchen Waſſern zu Bearn*.
Die Quelle der warmen Waffer zu. Bearn, lege
‚in dem Thale Oſſau, ſuͤdwaͤrts Bearn, in den py⸗
renaͤiſchen Gebirgen, vier Meilen von Pau. Die-
| ſes Thal iſt ſehr weitläuftig und eines der. ſchonſten
im ganzen Sande. Die Waſſer fallen endlich in ein,
kleines, wuͤſtes, mit hohen Gebirgen umzaͤuntes Thal.
Sie ſind lau, riechen wie bebruͤtete Eher, und ſind
öligt, feifenartig und geiftreich. . ‚Man pflegte ſich
fonft der warmen Geſundbrunnenwaſſer nur wider die
Wunden und Gefdywüre, aber ſehr ſelten wider innerli⸗
— kheiten zu bedienen. Da aber gleichwohl bey,
ſolchen Krankheiten auf ihren innerlichen ı oder außerli
chen Sizz nichts ankommt; ſo iſt es der Mühe werth,
Beobachtungen, die in diefer Sache ein gewiſſes Sy»
ftem veranfaffen Fönnen, zu ſammlen und zu vergleis
hen. Her —— hat hierinn einen Verſuch ger
macht. Die Gewaͤſſer reinigen Die Wunden, ‚und
erleihtern die Heilung derfeiben, gleichwie fie das,
Abblaͤttern der „Knochen umd Kuorpel beſſer, als i ita
gend eine andere Arjtney befördern. “Sogar die aͤl
teften Geſchwuͤre, von welcher Beſchoffenheit und,
as fie auch feyn mögen, widerſtehen der heilfamen,
iefung diefer Gewaͤſſer ſehr felten. Herr Dar
deu vieth deren Gebrauch einem Kinde, deffen & e
ſicht, ‚Schenkel, Beine a Aerme und re Sn
Ge⸗
* Aus folgender Scpeife Differtation WR * ——
nerales du Bearn; parM.de Bordeu;,Pere; D. en Med.
de la Faculté de Montpellier, & Medecin de Pau, en
Bearn, 1750. In Duodez, Paris, bey Guilleau.
rn !
I
phyſikaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 103
Geſchwuͤre ſaßen, und das zugleich ein ſchleichendes
Sieber Hatte, Diefes Kind ward durch den Ges
brauch diefer Bäder und das Einfprigen in die tief⸗
ften Höhlen der Geſchwuͤre, in fehr kurzer Zeit da»
von befreyer, Nachdem Here Bordeu einige ns
cifionen hatte machen, und das Kind von dem Waſ⸗
ſer trinken laffen, fo hörte das Fieber auf, und Die
Geſchwuͤre fihloffen ſich völlig. Durch den innern
Gebrauch diefer Waffer find auch verhärtete, filtus
löfe und andere alte offene Schäden geheilet worden,
woraus erhellet, daß fie diegenigen Ausführungen
wieder berftellen muͤſſen, deren Stellen dergleichen
fließende Schäden vertreten haben. Herr Horde
fchließt daraus, mit einer Einficht, die die Contradi⸗
ction des DVerftandes der Wundärzte genennet zu
werden verdienet, daß es bey vielen Geſchwuͤren nicht
fo fehr darauf anfomme, an den verfegten Theil, als
vielmehr an die Wiederherftellung derjenigen untere
brochenen Ausführungen zu denken, die fie veranlaffet
hatten, Bloß die vortrefflichen Wirfungen haben
es endlich dahin gebracht, daß Herr Bordeu das
alte Borurtheil wider den innern Gebrauch diefer
Waſſer, bey vem gemeinen Haufen hat überwinden
‚Können. ' Eben fo ift es ihm auch mit den Eiterbeus
fen, die einen Siftelfchaden zum Grunde haben, und
mit völligen Fiftelfehäden, die fehr alt und tief gewe⸗
fen, gelungen. Man Fann von den Fifteln eben das
behaupten, was vorhin von den offenen fließenden
Schäden überhaupt gefage worden ; denn die mei⸗
ften rühren von einer Unterdrückung gewiſſer Aus⸗
führungen ber, die die Fiftel nur erfegen fol. Man
muß alſo dabey zu folchen Arztneyen feine Zuflucht
— %- - | \ G 4 neh⸗
104. YHuszug der neueften
nehmen, wie diefe mineralifchen Waſſer, innerlich ges
braucht, find, die die Ausdünftung befördern und die
Ausführungsgänge eröffnen. Eine Menge anderer
Geſchwuͤre nad) higigen Krankheiten, auch folche in
den Gelenfen, wobey die Knochen angegriffen ‚ge
weſen, alte Gefchwüre in der Blafe und den Gedärs
men allerhand. Gefchwulften, Flechten und. mehr
Krankheiten der Haut, find durch diefe Waſſer befe
fer, als durch andere Arztneyen erleichtert worden,
Sie ftillen, während des Bades, Die reißenden
Schmerzen und felbft die Convulfionen. Durch Auf
ferlichen Gebrauch und Gurgeln haben fie Zahn.
fhmerzen geftille, und find in. den Krankheiten eines
gefchroächten Magens, in der Colif, dem Erbrechen,
der Unverdaulichfeit, dem gefchwollenen Magen in hart» -
nädigen Durchfällen, und der Bleichfucht, die fo ſtark
vom Magen herrühret, fehr dienlich befunden worden.
Die Geſchwulſten der Eingemweide des Unterleibes- find
davon gewichen, und in der Krankheit eines Sohnes
des Herrn Sordeu bat diefes Wafler ein rechtes
Wunder gethan. Dieſer Knabe hatte, nach einem
faulenden Fieber, Eiter im Urine, wie aud) durd)
den Auswurf und Stuhlgang von ſich gegeben. Er
war abgematter bis zum Sterben: allein unter dem -
Gebrauche diefes Waſſers kamen, mit der Bermins
derung des Eiters, der Appetit und die Kräfte wie -
der. Diefe Waſſer find der Bruft ganz -ausneh»
mend heilſam, indem fie nad) der: Haut zu freiben,
die Yusdünftung der Lunge befoͤrdern und einen flare
ken Auswurf verurſachen. Daher hat ſich Here
Bordeu endlich gewaget, ſie fo gar wahren
Schwindſuͤchtigen einzugeben, und iſt mit dem ge⸗
— 8 N \ met»
1
phyſikaliſchen Merkwürdigkeiten. 105
meinen Verfahren. der. Aerzte in diefen Krankheiten,
da fie nur ſtillende, befänftigende Arztneyen, und
Milch und Syrupe verordnen, ſehr ſchlecht zufrieden,
Hiervon und. vom Erfolge der Kur wird in folgen⸗
| “ Auffage, vom Mh der Mil, mehr ger
| ag —2
werden.
. IM. Vom Gebrauche der Milch bey
Kranken *. -
— de Borden beſchwert KR ch fehr über den
seöben Misbrauch, den man in der Prari mit der
Milch treibt. Er hat die Praris der Arztnenfunft
in einem Lande getrieben, wo jedermann bloß von
Milchſpeiſen lebte, und hat angemerkt, daß: fie eben
denjenigen Krankheiten unterworfen :gewefen, die den
Weintrinkern eigen find,und daß fie erfchlaffer, weich"
lich und zu irgend ftarfen Arbeiten unvermögend gemes
fen find. Wenn man durdy den Gebraud) der
Mitch nie Eingeweide von Spannungen. befreyen
und fchlaffer machen: will, fo ift: zu bedenfen, daß
man dadurch zugleich den: Magen ſchwaͤche, moher
öfters Efel, Schwachheit und Gefchmulften ihren
Urfprung nehmen.; Man: muß das zarte Tempera«
ment der Kinder, die die Mitch fo gut verdauen,
nicht mit dem, trockener und gaflfüchtiger, vom Stus
Dieren oder von Ausfchweifungen entkräfteter Perſo⸗
nen, oder unftäter und unruhiger Srauenzimmer ver»
werhfeln, die allerhand Eigenfinne haben. ‚ Herr de
Sorden iſt überzeugt; ud or —* gleich anfangs
iim
ig des Herrn de Rose Differtation fur * Eaux
Wenig du Bearn. pa ris, in Duodez 1750. u
ws
1060. Auszug der neneffen 7
im Magen: faft eben fo gerinnen müffe, toie wenn fie '
in einem Gefäße ftehen bleibe, und er fehließe diefes
unter andern aus der geronnenen und zähen Mil,
welche die Kinder ausbrehen. Da nun der Ma:
gen eines Erwachſenen viel trocfener und ſtaͤrker ift,
als bey Kindern, fo hat die Milch nicht Zeit genug,
darinn zu gerinnen, und made alfo, da fie zuge
ſchwind fortgehr, oder auch, meil fie ſich ſchuͤttet und
fauer wird, allerhand Uingelegenheiten. Herr Bor⸗
deu merfer außerdem an, daß in der Prari diejenis
gen Fälle gar felten:vorfommen, wo die beglaubteften
Shriftfteller seine durchgängige Erfchlaffung‘ oder
eine durchgängige Spannung: aller: Theile unfree
Mafchine annehmen. Er behauptet, daß eine fehr
ſchwachſcheinende Perſon einen erftaunlich. ſtarken
Magen babe, daß das Gleichgewicht der verfchiede
nen Theile aufgehoben, und einige erfchlaffet, andere -
zufammengezögen feyn Fönmen, welches verurfachet)
Daß die Milch nicht fo, wie bey einem Kinde durchs
gehe. Die Natur hat den Kindern in ihrem erften
Alter eine fehr wäfferichte und Teichte Mitch beftimmt,.
die aber dicker wird, nachdem die Kräfte des Kindes
zunehmen, und die endlich zu ſchwach fir daffelbe
wird. Daher muß man ihm alsdann feftere und
ſchwerere Nahrungsmittel reichen + denn felbft die
Schwere oder das Gewichte der Nahrungsmittel
träge etwas zu einer guten Verdauung bey, indem es
der Wirfung des Magens einen gewiſſen proportios
nirten Widerftand entgegen ſetzet. Wenn die Milch,
wie man gemeiniglich fage, ein fchon fertiger Milch-
ſaft wäre, warum würde fie fi denn, wenn fie lange
+ m den Brüften einer Amme verweilei, nicht in Blut
a ee ee bver⸗
—
phyſitaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 107
| verwandeln, j anſtatt darinn ſauer zu werden und zu
? Wie oft wiederfaͤhrt nicht eben dieſes
Me Milch auch im Magen ?: Weldhe Huͤlfe ann
man bey Inmphatifchen Gefchtwulften und bey Vers,
| ſiopfungen, von welchen. doch die meiſten langwieris
gen Krankheiten entftehen, von der Milch Hoffen ?
Daher fümmt es, Daß man fie. mit magenflärfenden,
fchweißtreibenden und dergleichen Arztneyen ver
miſcht. Wenn fie alsdann einige gute Wirfung,
thut, fo fcheint diefes vielmehr von dem mwirffamen
Mittel, das man dazu gethan hat, als von der Milch
felbft herzurühren. Endlich merke Herr de Bor⸗
den auch an, wenn man bey alten Gefchwiiren oder -
Sontanellen Milch verordnet, daß davon der Aus.
fluß der Materie oder der Säfte vermehret, und das
Fleiſch blaß und ſchwammigt wird, ja endlich derge⸗
ſtalt erſchlaffet, daß kaum die Wunde zuheilen kann.
Es gehört fi), etwas wirkſames zu verordnen, das
die flüßigen Theile unfers Leibes bis in die teten
Haarroͤhrchen hinein freibt, Damit fie die unterdrück-
ten Ausführungen wieder, erſetzen: allein dieſes kann
man von einem fo. ſchlappen Siqueur , als die Milch
iſt, gar nicht erwarten. Herr Bordeu wendet die⸗
ſes alles auf die Geſchwuͤre in der Lunge an, die er
mit Williſio fuͤr Arten von Fontanellen hält, Er
bemerfet, daß die Haut der meiften ſchwindſuͤchtigen
duͤrr und trocken iſt, und daß die Ausduͤnſtung gleich»
ſam durd) die Wunde der: unge forrgeht. Daher,
meynet er, ſollte der Arzt auf die Wiederherftellung
diefer Ausduͤnſtung am meiſten feine Gedanken rich.
ten, und bedenken, daß ſich das Geſchwuͤr ſelbſt zu⸗
heilen wuͤrde, wenn dieſe ne ‚von Feuchtigkeiten,
die
+
4
Ka,‘
„A
J
#
die es hindurch laffen muß, ſich nicht mehr dahin zies
ben koͤnnte, und daß eben um deswillen die groͤßten
Aerzte ſolchen Kranken oͤfters das Reuten und andere
leichte Leibesübungen anpriefen *. Dieſen Betrach⸗
tungen zu Folge findet Herr de Bordeu, daß die
Milch den Auswurf nur vermehre, daß die Lunge
öfters damit ganz überladen werde, der Magen in
J BET A Eee
* Mie alicklich wurden wir in der Praxi feyn, wenn zur
„Eur der Schwindfucht dieſes als die Hauptfache, erz
fordert würde, daß man die Ausduͤnſtung wieder her⸗
ſtellete! Herr de Bordeu giebt aber hier ohne Zweifel
der Vergleichung der Lungengeſchwuͤre mit den Fonta⸗
nellen zu. viel nach: denm es iſt falſch, daß alle
Schwindſuͤchtige Feine freye Ausdünftung haben fol
ten, vielmehr iff das langfame Fieber der Schwind⸗
“ füchtigen eben fo, wie das, bey andern Verlegungen
der Eingemeide, mit baufigen Schweißen verbunden.
2) Es wird umfonft angenommen, daß die Natur die
Materie der Ausduͤnſtung durch das Loch in der Lunge
führe... Die Natur der Sache bringt es ſchon mit fich,
dag ein Geſchwuͤr Materie von fich giebt, wenn auch
gleich alle Ausführungen vollfommen gut von flatten
gehen. 3) Es iſt falſch dag ein Lungengeſchwuͤr durch |
‘die wieder hergeſtellte Ausduͤnſtung follte geheilet wer⸗
den koͤnnen. Es gehoͤret nicht allein die Reinigung,
ſondern auch das Zuſammenwachſen der Wunde bazu;
und da dieſes letzte die beſtaͤndige Bewegung der Lunge
hindert; fo kann die Ausduͤnſtung ſo viel als nichts
Jur Befoͤrderung der Heilung beytragen. 4) Ich weiß
eben nicht, ob es ein guter Rath waͤre, Leuten, deren
- Bunge ein Geſchwuͤr hatte, das Reuten zur Leibesuͤbung
zu empfehlen, noch weniger iſt zu glauben, daß dadurch
große Dinge gethan worden wären. Man muß alfo
Diefen Ausipruch des Herrn de Borden mit vieler Ein?
ſchrankung annehmen ©’ Anm. desikeberf
2
phyſikaliſchen Merfwirdigfeiten. 109
Unordnung gerathe, die Verdauung ſchlecht von ſtat.
ten gehe, nnd der Kranfe nach und nach ſchwach
werde. Alle diefe Zufälte zeigen ſich beſonders un-
ter. dem Gebrauche der Milch, wenn das Fieber nur
ein wenig lebhaft iſt. Es folgt alſo, daß, wenn e8
ja Fälle giebt, wo die Mitch gute Dienste thut, doch
auch viele ftatt finden, mo fie fehr ſchaͤdlich iſt, Daher
alfo wenigftens der Misbrauch derfelben von Rechts:
megen vermieden werden follte, |
Man fieht wohl, daß. alle diefe Betrachtungen
darauf abzielen, die guten Wirfungen der besrnis
eben Waller in ver Schwindfucht auf eine fiegreis
ehe Art zu erheben, wie denn auch verfchiedene hieher
gehörige Beobachtungen beygebrache worden find.
Herr de Bordeu will damit eine angehende $ungen»
ſucht, Zehrungen nach Blutſpeyen, $ungengefhmüre,
die mit Berftopfungen der Eingeweide verbunden
gemwefen, ja endlich auch Schwindſuchten im höchften
Grade, wobey die ‘Beine gefchmwollen, die Haare aus⸗
gegangen, und alle die ſchrecklichſten Zufälle vorhan⸗
den geweſen, glüclid curiret haben. Die Wafler
haben in allen diefen Fällen auf die Art zu wirfen
gefchienen, daß fie die verlohrnen Ausführungen, ents
weder der Ausdünftung, oder der Galle, oder des
Urins, oder des natürlichen Geblüts, wieder herges
fteller, am öfterften aber, daß fie den Magen in beſ⸗
fern Stand gefest, und einen fo ftarfen Appetit era
reger haben, daß es gefährlich gemefen feyn würde,
demfelben völlig genug zu thun. Da aber diefe
- Kranfheiten ſich von Zeit zu Zeit wieder einftellen,
fo muß man aud) den Gebrauch diefer Waffer zu
verfchiedenen Zeiten wiederholen, ja Herr de m
—
Ausʒug der neueſten ———
deu iſt ſelbſt ſo guͤtig, zu geſtehen, daß es Sthwind·
füchtige gebe, denen die Waſſer nicht helfen wollen;
und daß alfo fein Mittel nicht allgemein ſey. Ohne
diefes Geftändnig mürde es auch in der That ſchwer
fallen, den Herrn de Bordeu zu vertheidigen, wenn
feine gefer mit einem Credat Judaeus. — bi ng
Buch zufchlügen,
IV, Urfachen. der heutigen teen
# Handlung auf Minorca. ie |
» Jedermann weiß, mie, ſchlecht die Handlung « auf
Dice Inſel getrieben wird. Herr Armftrong * hat
ung die vornehmften Urſachen hiervon mitgerheiler;
er fagt, wie folget: Die Kupfermünen, welche bey den
Einwohnern diefer Inſel im Gange find, find ihnen
nicht wenig nachteilig; allein fie haben diefe Ungele⸗
genheit bloß ihrer eigenen Unentfchlüßigkeit suzufchrei«
ben. Die einzigen Waaren, fo fie verhandeln, find
"eine gewiſſe Art Käfe, welche die Italiener ſehr lieben,
ferner Wolle, Wein, Honig, ? Wachs und Salz. Here
Armftrong ſchaͤtzet die ganze Summe dieſer verfcies
denen Stücfe auf 18100 Pf. Sterling. Dahingegen
müffen die Einwohner der Inſel alle ihre vornehmiten
Rothwendigkeiten von auswärtigen Orten herfommen
Iaffen. Getreide, Rindvieh, Branntwein, Tabadk,
Leinwand, Stoffe, Bücher, Reliquien, Agnus Dei,und
eine Menge von Etcätera J von andern Orten
| ‚ber,
8 In einer — zu London in — le
Schrift, welche den Titel führer: The Hiftory of the
Island of_Minorca, by John Arimftrong, Efqu. Engineer
in ördinary t6 His Maiefty; nebſt einer Charte vonder
Inſel, und zwo Kupfertafeln. ‘
/
phyſitaliſchen Merlwuͤrdigkeiten. zu
err Armſtrong rechnet Das, was ihnen jaͤhr⸗
5 Sie Waaren koſten auf 71200 Pf. Sterling, mo»
von, die erfte Summe abgezogen ‚wird, 53100,
Se. übrig. bleiben. Sie müßten alſo nothwen⸗
dig banquerout machen, wenn fie nicht das, mas, Die
Engländer bey ihnen perthun, ſchadlos hielte. re
zroilchen erhellet doch) hieraus, daß fie fich unmöglich
bereichern koͤnnen, da fie befonders ſo viele Taren zu
bezahlen haben, und die Geiftlichen ihnen fo viel Auf⸗
lagen abfordern. Sie müßten, um. ſich aus dieſem
lende zu erretten, mehr Fleiß und Geſchaͤfftigkeit, we⸗
niger Unwiſſenheit, Proceſſe und Feſte der Heiligen
haben. Sie vermehren jährlich ihre Weinſtoͤcke;
allein die ihnen den Wein abfaufen, lehren fie, ihn eben
fo gern, als fie, zu trinken. Sie fönnten ſich fonft auf
verfchiedene Art eine vortheilhafte Handlung jumege
bringen. Der Baummollenbaum, der den Malthe⸗
fern fo vortheilhaft ift, Fönnte zu Minorca eben fo
gut fortfommen. Es koͤnnten Maulbeerbäume das
felbft wachſen. DieDlivenbäume find Häufig ; allein
fie werden vernachläßiger. Der Hanf, der $ein, die _
Roͤhre, die Schiefer, der Thunfiſch an ihren Küften,
deffen die Einwohner in Languedoc und Provence
fo viel verfchiden, alles diefes bierhet ihnen umfonft
Neichthümer dar, Man hatte eine ergiebige Bley⸗
grube auf der Inſel entdecket; allein ihre Trägheithat
fievernachläßiger. Der Selsftein fönnte vielleicht wohl
werth feyn, wenigftens für Ballaft nach England
übergefchiffet zu werden, und die Marmor, die an
Schönheit und Mannigfaltigfeit die aus andern Laͤn⸗
dern übertreffen, würden gewiß daſelbſt fehr geſuchet
werden. Die ng könnten mehr Taback ziehen,
oder
oder boch Hefe fo dick, als fie — IT
Maftir, die-Darten, befonders aber das Wachs, det
Honig und dus Sal, würden in andern. Häfen be
betraͤchtliche Sachen feyn. Die Einwohner von Ma⸗
ſorca zeugen ihren Saffran ſelbſt; —5 die von
Minorca, die ihn eben fo, wie Ne ihren Ragouts
Brauchen, wollen! dieſe Pflange nicht anbauen. Was
kann man endlich wohl von Leuten hoffen, die, wenn
man ihren was vom Pfropfen ſagt, ‚antworten, daß
niemand beffer wiſſe, als — — ein Baum wachſen
6 “ ‘
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des erſten Stücs im Greneßnten Sa
N) Ein aͤchter Brief. von einem, ialienifipen Seren, über i
den Biß der Tarantul
2) Theodor Thorkelfohn Widalins Abhandlung ı von den
islaͤndiſchen Eigbergen
9) — von der Zubereitung der * Caſtanien
ur
—
af Ealilche, Abhandlung. von denen im Bfute ee |
bandenen Fifentheilen, durch gewiſſe chymiſche Ver⸗
ſuche dargethan, und nebft einem Rh Verſu⸗
che mit dem Eiſen in der blauen Farbe —
J ne Abhandlung vonder Tuberofe 46
6) Unterfucbung des Lebens und der Schriften des Ho—
| merus, aus bem Englifchen überfegt von C. W. Agri⸗
57
2 Aucng der neueften phyfi iEalifchen ——
4
’
A
E72, ns
.
2%
»
HSamburgiſches
Wiuheſin,
geſammlete Schriften,
—*— und den angenehmen |
Wiſſenſchaften ragen
Des dreyzehnten Bandes zweytes Stück,
Mir Königl, Pohln. und Churfürftl. Saͤchſiſcher Frepbeit.
Hamburg und Leipzig,
mom Chriſt. Grund und Adam Heinr. Holle,
1754
Dun utlorbn is
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des 92. Hills.
Sied eat er Verſuch
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1% in
(©. des 128. ar p. LE
je. on eiher ekonbet und 6 neh *
Eſchriebenen ſchwammartigen Pflanze,
die ‚auf den Oberflächen von Pre
— jeninfufinen erfcheint.
» 0 Sch habe in dem vorigen Verſuche
emnte daß wir die Rn die wir unterſuch⸗
* cn,
16 Fortſetzung der, microfeopifehen
‚gen; gedoppelt gehebt. Die eine Art derſelben ließe en
wir offen, und dem freyen Zugange der Luft bloß ge⸗
ſtellet, die andere aber ward fo gur, als möglid), "ber
decket, und mit einer naßgenrächten Blafe zugebuns
den. Wir funden, daß. fo wohl die al en als auch
die bedeckten Gefäße mit lebendigen Einwohnern
gleich ftarf bevölkert waren. Wir hatten verfchier
dene Tage mit der Unterfuchung dieſer fonderbaren
Greaturen zugebracht. Der Topf, welchen wir ges
öffnet hatten, ward, fo bald ſich die lebendigen Crea⸗
turen in den offenen Töpfen zeigten, wieder zugebun«
den, und blieb eine Zeitlang ganz ftille beftehen. Die
- Einwohner unfers offenen Gefäßes behielten alle ihre
lan] ‚und wir waren nunmehro bögierig zu
ehen, ob es denen, die fi) in dem vermacht en Ge⸗
faͤße befunden, eben fo gut ergangen waͤre.
Als wir daſſelbe öffneten, geriethen wir in eine an⸗
genehme Verwunderung über eine neu hervorges
brachte Sache, die ihre Schönheit über die ganze
Oberflaͤche der Infuſion verbreitet hatte... Der Sefer
wird zum $achen bereit feyn, wenn er höret, d die
ganze Schönheit. darinn beftanden, daß die Infuſion
ſchimmlicht geworden. Allein was ein unachtſames
Auge wie ein Nichts uͤberſieht, oder mit tauſend an⸗
dern Begriffen unter dem Namen einer Faͤulung
vermiſchet, das unterſuchet ein philoſophiſcher Be⸗
merker bis auf den Grund, und es ſchlaͤgt ihm gar
ſelten fehl, fuͤr die Muͤhe feiner Unterfuchung dur)
Die Entdeckung einer Schoͤnheit oder Seltenheit be⸗
5* zu werden.
Dasjenige, was Leute, ‘denen bie Werke der Par
tur nicht, ſonderlich bekannt find, wuͤrden oben abge
nommen,
| und phufifali obachtungen. m
nommen, und weggegoſſen haben, ſchien uns eben der
ſchaͤtzbarſte Theil zu ſeyn. Die Einwohner dieſer
Fluͤßigkeit hatten wir vorhin ſchon zur Gnuͤge bes
trachtet, und funden alfo hier ein neues Feld voll
Wunder vor uns. Wir fuchten uns nur bloß zu
überzeugen, daß die Greaturen in der Infuſion noch
lebten, und darauf fiengen wir an, den neu hervor⸗
gebrachten Gegenſtand zu unterfuchen. |
Gleichwie die. vorigen Ereaturen zum Thierreiche
gehörten ; fo gehörte dieſe neue Sache augenfchein«
lich zum Pflanzenreiche. . Was man mit dem bloßen
Auge daran fehen fonnte, war eine duͤnne und glatte
Rinde von einer grünlichten Farbe, die wie ein Stuͤck
feines Leder ausfah, ſo ganz eben über die Oberfläche
der Materie ausgebreitet war, woraus eine Menge
Fleiner Stengel: bervorragete, welche Fleine runde
Köpfe trugen. Diefe fchienen bey dem erften Anblide
fehr Fleinen Nadeln ähnlich zu feyn, die in die Haut,
fo die Infuſion bedecfete, Hineingefchlagen wären.
Da mir Bemerkungen von diefer, Art gar nicht
ungewohnt waren, fo wußte ic) gar wohl, daß dasje⸗
nige, was wir hier fahen, einer fernern Unterfuhung:
nicht unwuͤrdig wäre; allein es befand fid) in einem
Zuftande, der zu einer folchen Unterfuchung nicht zum
beiten geſchickt war. Ich war überzeuget, daß die:
Rinde aus einem Haufen von Pflanzen beftünde,,
wovon eine die Geftalt der andern verderben mußte,
weil fie gar zu dicht an einander ftunden, ‘Der ges‘
ſchwinde Wachsthum diefer Fleinen Pflanzen war mir
bekannt, und id) verfprach daher meinem edlen Freun«.
de, dasjenige, mas wir wünfchten, den folgenden Tag:
vollkommen und in eigentliche Geftalt zu fehen. Wir,
Er; . 23 ſchnit,
ſchnitten etwa den —— Thell der Rinde ab, En:
alſo fo viel wort der Oberfläche der Infuſion bioß/ und
* das Gefaͤß wiederum, wie vorhin.
Der Fortgang der Natur in ihren Dflanzennerfen
iſt gewiſſermaßen der Größe derſelben gemag. Da
die Eiche, wie die Naturforfcher uns fagen, hundert
Jahre waͤchſt „hundert in ihrer Vollkommenheit
bleibt, und eine eben ſo lange Zeit zu ihrem Verfalle
Hr p gerathen diefe Eleinen zarten Dinger, unges
fähr in fieben Stunden, aus dem Zuftande des Saas
mens zu ihrem vollkommenen Wachsthume, bleiben
etiva eine ober zwo Stunden in ihrer, Vollkommen⸗
“ beit, und alsdenn verwelken ſie, und machen ihren
Nachkoͤmmlingen Pag, und es bleibt nichts als die
Scale oder Rinde unten am Boden übrig, die der
jungen Saat zum Grunde dienet. Ich hatte bemer«
fet, daß ein jeder runder Kopf, den wir auf der ges.
meinfehaftlichen Rinde fahen, mit reifendem Saamen
beladen war, welcher gar bald würde abgefondert wer⸗
Den, und daß zivar einige von den Saamenförngen
unmittelbar auf die Rinde fallen, und fich folglich mit:
den übrigen Pflänzgen vermifchen, andere aber ohne
Zweifel auf die entbloͤßte Oberfläche der Infuſion
fallen, und uns daſelbſt die Pflaͤnzgen in einem ſolchen
Zuſtande darſtellen wuͤrden, darinn ſie deutlich konn·
ten bemerket werden.
Wie ich mir es vorher vorſtellete, fo gieng es — |
Als wir den folgenden Morgen unſer Gefäß eroͤffne⸗
ten; war der Theil der Oberfläche der Infuͤſion, die
wir bloß gelaffen Hatten, gleichfam mit weißen Flecken
bedecket, und es war nicht ſchwer, einzuſehen, daß ein
— von dieſen Flecken eine von den Pflanzen wäre,
die
yyſikaliſchen Beobachtungen. 19;
| bie wir — wollten.) Dem bloßen ‚Auge,
ſchienen fie weiter nichts, als ſchlechte Klumpen von
einer weißen Farbe zu feyn, Die nicht einmal fo. groß,
als der dritte Theil des Durchmeffers des kleinſten
Madelfopfes waren ; als wir fie aber vermittelfteineg.
mäßigen Bergrößerungsglafes ‚betrachteten, fonnten
wir Deutlich fehen, daß ein jeder Klumpen eine tunde,
‚oder beynahe runde Rinde wäre, worauf fich eine
Menge Eleiner Spigen in die Höbe richtete. : Die -
Dflanzen waren noch fehr frühzeitig, fie hatten den.
gehörigen Umfang ihres Grundes noch nicht erreichet,
auch ſtunden die Köpfe noch nicht auf den Stengeln,
welche bey den andern eine fo artige Figur machten.
Alles, was wir itzo entdecken fonnten, beftund darinn,
Daß die Ecken dieſer Kinden, rundlicht eingeferber;
und ihre Oberflächen zwifchen den Stengeln, die, eben,
a bervorgefchoffen, einigermaßen Förnigt wetan a
7
Leute, die mit Bergrößerungsgläfern noch nice
Br umzugehen wiffen, werden aus der Handhabung
der verfchiedenen Dinge, deren in. diefen Verſuchen
erwaͤhnet wird, fernen, die verfchiedenen Arten der
ſelben auf das portheilhaftefte anzuwenden, Es iſt
allezeit am beſten, bey der Unterſuchung eines Gegen⸗
ſtandes, der vieles verſpricht, mit einem Glaſe von
einer geringen Vergroͤßerungskraft den Anfang zu
machen, und fo ferner ſtufenweiſe zu dem Gebrauche
der groͤßten zu ſchreiten. Auch iſt es am beſten, die
Dinge zuerſt, wenn es angehen will, in ihrem natiir-
lichen Zuftände zu befehen, und fie nachgehends ftufen»
weile in andern Öeftalten und Stellungen zu betrach⸗
ten. Durch dieſes Mittel vermeiden wir die Irr⸗
H a4 thümer,
ns p
120 Fortſetzung der micröfcopifchen .
thuͤmer, welche den Werfen dererjenigen ihren Wer
benehmen, die fonft eine Zierde diefer Wiſſen
würden geweſen feyn; denn dieſe unterſuchen Air
ehe fie, das Ganze betrachtet haben, und fehen Die Ges
genftände in den willführlichen Berdrehungen derſel⸗
ben an, ehe ſie ſich ihren natuͤrlichen und ordentlichen
Zuſtand bekannt gemacht haben, verfallen daher im
Irrthuͤmer, die wir uns ſchaͤmen zu ſehen, und ver
fehlen folcher Wahrheiten, die fie bey einem ordent⸗
lichen Verfahren nothwendig hätten entdecken muͤſ⸗
fen, wenn fie auch nut Vor fo forgfältig —* Due
| fen wären:
Nachdem i wir. alles sort — was ih bei
Geſichte darftellete, fo wie die Pflanzen auf der Fluͤſ⸗
figfeic ſchwommen, in welcher ſie gewachſen waren;
ſo brachten wir in dem Waſſer eines der hohlen Glaͤ⸗
ſer an, welche dazu gemacht ſind, Dinge, die im
Woaſſer vorkommen, mit dem Waſſer um ſie herum
unter dem foco des doppelten Vergroͤßerungsglaſes
zu halten. Wir thaten dieſes an ſolchen Stellen, wo
zwo oder drey von dieſen Pflanzen ganz nahe an ein⸗
ander ſtunden, und hatten das Gluͤck, ſie alle ganz
und unverletzt mit dem Waſſer wegzunehmen, wel»
ches ſich in dem hohlen Glaſe um ſie geſamm⸗
let hatte. Dieſe ſetzten wir auf die Platte des Mi-·
erofcopii in dem Glaſe, und als wir nur ein kleines
Vergroͤßerungsglas anbrachten, ſo konnten wir erken⸗
nen, daß dasjenige, was auf der Rinde das Anſehen
von Koͤrngen gehabt hatte, in der That eine Art —*
hohlen blaͤtterichten Erhebungen war, die aber m
un Rinde einerley harbe un Einrichtung en
‚und
a und phyſikaliſchen Beobachtungen. 2
und in allem, ausgenommen in in der Figur/ ſchwam⸗
micht waren.
"Die becherförmigen: Schwänme, ‚erfihiebene, von
den’Lichenibus, und: einige andere von den unvolls
fommerern Pflanzen, wie fie mit Unrecht von den
Schriftſtellern genannt werden, deren Werkzeuge des
Fruchtbringens auf Stengeln figen, haben eine blät«
terichte und rindenartige Materie zu ihrem Grunde.
Die gemeinen — von ſo vielen Arten, die
- an den Mauern und alten Bretern ſitzen, haben die—
ſelbe, und in vielen von ihnen ift fie dieſem Schwam⸗
mie, beydes ihrer Natur und ihrem Urfprunge nad),
vollkommen ähnlich; Sie ift gemeiniglichigeründer,
anden Enden eingeferbt, und.auf der Oberfläche fürs
nicht, oder, wenn man e8 deutlicher fieht, bläftericht.
Es iſt in der That eine Nehnlichfeit zwifchen: diefen-
Schwämmen, und die meiſten von den gewöhnlichen
Arten zeigen ſich anfänglich in der Geſtalt eines gel⸗
ben oder grauen Fleckes an der Oberfläche des Stei⸗
nes oder Holzes, woran ſie wachſen, ‚eben fo als die
Schwaͤmme auf der Oberfläche des Waſſers; ſie vers
breiten in beyden Fällen ihren Diameter, und bringen
nachgehends die Stengel hervor, worauf: die Werks
zeuge des Fruchtbringens ſitzen.
Da das Herumſchwimmen dieſer Fleineh Pflans
* uns Gelegenheit gab, fie in verſchiedenen Stel
lungen nach einander zu ſehen, fo ftellten fie fich uns
ein oder zweymal auf eine ſolche Art dar, vermittelſt
welcher wir gar deutlich ſehen konnten, daß Wurzeln
zur. Unterhaltung der Rinde in das Waſſer hinab
giengen. . Diefe Eleinen Schwämme find in diefem
von den Seepflanzen unterſchieden, die *
5 alle
|
wu
2 Sortfeging der mictoſtobiſchen I
afle von) einer flachen Rinde erheben⸗ die auf einem
Steine, oder einem andern dichten Koͤrper verbreitet
iſt, ohne daß ſich die gerihgften Wurzeln dabey zei:
gen, die ſie mir NRahrung verſorgen Fönnten, > Bey
den Seepflangen wird die· Mahrung durch die klei⸗
nen $öchergen eingendmmen;, die in alfen Theilen ih».
rer Dberfläche offen find 5!’ Hier aber wird die Rinde
durch ordentliche: Wurzeln, wie die gemeinen Pflans
jen, oder um noch eine genauere Bergleichung zu mas
chen, wie die Waſſerlinſen, die Fleinen Nymphae,
der Waflerfoldate, oder Die: andern Pflanzen ernaͤh⸗
ret, die häufig oben auf dem Waffer ſchwimmen, und:
wiewohl fie durch) die Wurzeln ernähret werden, for
faffen fie doch dieſe Wurzeln nicht in den Schlamm
hinab, fondern fie empfangen ihre Nahrung unmite:
telbar von dem Waffer. Da wir Gelegenheit hat-
fen, diefes zufälliger und unvollkommener Weiſe zu
ſehen, fo machte ung ſolches eifrig, die ganze Sache,
fo genau, als möglich, zu entdecken. Es koſtete uns
einige Mühe, ehe wir Gelegenheit befamen ‚unfern
Endzweck nad) Wunfch zu erreichen; doch. vermite
telſt eines Pferdehaares, davon wir das eine Ende an
der Seite des hohlen Glaſes feſt klebten, das andere
aber an eine der Pflanzen befeſtigten, fanden wir ein
dittel ‚fie in eine ſolche Stellung zu bringen, in wel⸗
cher wir die Einrichtung der unterften Theile volle
kommen betrachten konnten. ° Die äußerfte Fläche
des Untertheiles war viel glätter, als die Oberfläche,
und war einigermaßen der äußerften Fläche eines di⸗
fen Pergaments ähnlich. Aus verſchiedenen Thei ⸗
len derſelben giengen in kleinen Entfernungen die
rg heraus, Es waren folches weiße, ſchoͤne
und
—*
und phyſikaliſchen Beobachtungen. 123:
und durchſichtige Faͤſergen. Sie waren ſehr kung
und zart, doch an den aͤußerſten Enden mit einer Art
von Furteralen verſehen, in. welche ſie, wie Degen in)
die Scheide, , geſtecket wurden. Es kamen allezeit
ihrer drey von einem Flecke — und giengen nicht
perpendiculaͤr ins Waſſer hinab, ſondern wurden von
dem Mittelpunete bis zu den aͤußerſten Enden vers
breitet. *
Wir Bis wärend bieſer ——— wie
denn ſolches denenjenigen, die die Einrichtung der;
Dinge: in der Welt bemerfen, niemals fehlen Fantt,; -
7
eine vortreffliche Gelegenheit, die Vorſorge der Nas
tür für alle ihre, Werke zu bemundern.: Wir hatten:
von Zeit zu Zeit Mengen von den thierifchen Eins
wohnern des Waffers , fo wie wir es damals einfar ⸗
ben, um die Pflanze, die wir betrachteten, herum
fpielen fehen, wodurch uns denn öfters das Geſicht
war benommen worden. Wir hatten bemerfer, daß
dem Getuͤmmel diefer Creaturen um fie herum die
Bewegung zuzufchreiben wäre, die fie langſam nach
| verfchiedenen Theilen des Waffers berumtrieb. Kaum
hatten wir aber diefe Pflanzen in fo weit fennen ges
fernet, als ihr gegenwärtiger unvollflommener Zu⸗
ftand e8 ung erlaubete, fo entdeckten wir, bey Unter⸗
fuchung der Iebendigen Einwohner des Waflers, daß
Dasjenige, mas wir fürseinen Zeitvertreib und ein
Spiel gehalten hatten, eine weit wichtigere Befchäff-
tigung gewefen war, indem dieſe Thierchen auf die
| gedachte Art von den Pflänzcyen ihre Nahrung fuch
ten. Wir fahen nunmehro, daß jie Stüden von als
fen Seiten der Pflanzen abriff jen, und fie mit eben:
der MRROINEDe verzehrten, die wir an ihnen bemerket
hatten,
⸗
124 Fortſetzung der mickofeopifchen
hatten, als ſie die Stuͤcken von dem Saamen ver⸗
jehreten, von welchem fie ihren Urſprung zu "haben.
ſchienen. Es iſt eine. Sache, die ſich noch nicht be⸗
ſtimmen laͤßt, wie diefe Thiere oder diefe Pflanzen,
die ihnen Nahrung verfchaffen, in das Waſſer foms
men. Wir fehen, daß die eine Art in gleicher Anzahl
ſo wohl in dem vermachten, als in dem offen ſtehen⸗
den, die andern aber allein in dem vermachten Wafe
fer Hervorformmen „daß alfo ihr Urfprung von Eyern
oder Saamen, deren erftere: von alten Thieren bins
ein geleget worden, der andere! aber iin wer. Luft ge⸗
fhmommen ‚ auf feine Weiſe anzunehmen: iſt. Sie
mögen indeſſen hinein kommen, wie fie wollen, fo ſe⸗
hen wir doch, daß die Natur dafuͤr ſorget, daß ſie
von ſolchen Arten ſeyn moͤgen, die einander nutzen
koͤnnen, indem die Pflanzen ſehr geſchwinde hervor⸗
kommen, und die Thiere mit Mahrung verſorgen.
Die Natur brachte die Theile dieſer Rinden zum
wenigſten eben fo geſchwinde wieder hervor, als. die
zahlreichen, wiewohl nur Eleinen Berderber, fie ver⸗
zehren konnten; und da die allgemeine wachſendma⸗
chende Kraft beftändig fortwährte, fo nahmen fie
von Stunde zu Stunde an Größe zu, bis fie den ber
flimmten Grad derfelben erreicher hatten, und fo
groß, als der Kopf einer mittelmäßigen Nadel mas
ren. Diefe ganze Zeit zeigte ſich nichts, fo zum Jubes
hör des Fruchttragens dienen konnte, als die Sten«
gel, worauf folches ftehen ſollte. Diefe fiengen wir
nunmehro an, mit einer forgfältigen Aufmerkfamfeit
zu betrachten, und funden, daß fie allmählig größer
wurden. Als fie ihre beftimmte Höhe ar
ats
+
und phyſitaliſchen Beobachtungen. 125
„hatten, und nicht eher, Fonnten wir die erfte Er
‚fcheinung der runden Köpfe bemerken, die in den reis
* Pflanzen zuerſt unſre Aufmerkſamkeit auf fi
hatten. Es war leicht zu ſehen, daß ſie
J Dichte Körper, und auch nicht ‚vollfommen gle
auf ‚der. äußerften Flähe waren. Sie fihienen
ſchwammigt und raub, und wir fahen mit der Außer»
ſten Berwunderung, daß fü fie von dem Augenblide an,
da fie zuerft erfchienen, in einer kurzen Zeit mehr,
‚als dreymal fo groß wurden, als. fie zuerft geweſen
‚waren. Mun fonnten wir deutlich feben, daß fie aus
einer Menge Dinner Körper zufammengefegt waren,
bie wie Strahlen aus einem Mittelpuncte heraus
ſchoſſen, in einer ziemlichen Entfernung von einander
Funden, und weil fie.alle von einer Länge waren, die
Figur rund madıten. : |
Das gedoppelte Microfeopium. tar nicht. fo bes
quem- zu diefer Unterfuchung, als ein ſtark vergroͤßern⸗
des einfaches Glas. Wir brachten an dem zur Uns
terſuchung undurchſichtiger Koͤrper gewoͤhnlichen Zus
behoͤr ein fehr ftarfes Bergrößerungsglas an, und eis
nen noch unreifen Kopf dieſer Pflanze in den Focum
deffelben. Der Stengel, worauf derfelbe fund, war
ein ſchoͤner glaͤnzender flebrichter Cylinder, hohl und
vollkommen durchſichtig. Die Farbe deſſelben war
blaͤulichtweiß, und; feine aͤußere Flaͤche vollkommen
eben. Der Kopf ſahe nicht anders aus, als eine
große Kugel von der ſchoͤnen, weißen, ducchfichtigen
und Flebrichten Materie, die, wiewohl in nicht fo
‚großer Menge, die Seiten des Stengels bebeckte
Daß wir nur einige-fehr Pleine runde —
‚einigen Theilen davon, wie kleine Klumpen entd
konn ⸗
Fonnten. Während der Zeit, daß wir unſre Augen
darauf gerichtet Hatten, Fonnten wie dieſe Rfintpeh
oder Puͤckelchen fih auf der Fleinen Kugel immer
ar erheben fehen, und es folgfen venfelden iriimer
‘andere Fugelförmigte Koͤrperchen. Als nun dieſel.
mmes niche ſo
Aue 11: 1
und phyſikaliſchen Beobachtungen. 127
dicht ft, und daß die Strahlen deſſelben an daB
gen viel weiter auseinander ftehen. >
Bey genauer Unterſuchung funden tie, daß *
jede derſelben ohngefaͤhr bler ig runde Kuͤgelchen aus ·
machte, die alle von derſelben Groͤße, von derſelben
blaͤulichtweißen Farbe, und mit der Flebrich. '
ten Materie, die den Körper der Kugel ausmachte,
bedecket, durch nichts anders als durch ihre Kies
brigkeit verknuͤpft waren Der Strahlen waren un«
„gefahr 26 an der Zahl ; an ihrem Grunde ftunden
fie etwas näher bey einander, doch nicht fo, daß fie
‚fi 5 beruͤhrten an den eeſten Enden
— —
*
Hben an dem Stengel zwiſchen dieſem und rund
herum auf ihrem Grunde ſtand auch eine große Ans
zahl kurzer und fehr Fleiner Stengel, die gleichfalls
"mit einem Kopfe gefeönet waren. ‚Diefe Stengel
‚ftiegen nicht höher, alg die zwey unterften Glieder
‚der größern Strahlen, und ihre Köpfe: waren von
- einer länglichten, efigten Figur und flunden aufge _
richtet... Die Stengel waren eben fo bläulicht-weiß,
‘als der allgemeine Stengel, und mit derfelben durch»
ſichtigen klebrichten Materie bedecket; die Köpfe
aber waren blaßgelbe und trocken. Die wir unfere
Beobachtung fortfegten boeſt einer von dieſen Koͤpfen
mit Gewalt auf· Der ganze Umfang des Kopfes
warb nunmehro von einer Wolfe eines ‚auffteigenden
Staubes non derfelben gelbichten Farbe bedecket, ſo
daß er nicht deutlich konnte geſehen werden. Indem wir
dieſes bewunderten, folgte noch ein anderes Berſten
von derſelben Art, wobey eine: friſche ———
1979 Stau
128 Fortſetzung der microfcopifthen
Stauberfolgte. Darauf kam noch ein anderes; und
das gieng fo weiter: fort, ſo daß es in.einer Zeit von
zwo Minuten, oder länger, nicht möglich war, etwas
von bem Kopfe zu erfennen, und man Eonnte weiter
nichts.fehen, denn daß er.in einer Wolfe von fo fei⸗
nem Staube N eher einem Kaus
che, als einer Materie, die aus dichten — |
ſtuͤnde, ähnlich fabe. A
Als diefe Verwirrung vorbey war, Fonnten wir
fehen, daß alle länglichte, winflichte Köpfe, die an
den kürzern Stengeln faßen, nach einander, fo wie
‚der erfte, geborften waren, und. daß ein jeder Derfel«
ben beym Berſten eine Duantirät feines Staubes
von ſich gegeben hätte. Der Staub felbft war nut.
mehro theils herab gefallen, theils aber lag er auf
den Kugeln, die an den Strahlen des Kopfes waren.
Diefe waren nunmehro, an ſtatt, daß fie vorhin eine
glarte Dberfläche zeigeten, über und über mit diefem
Staube bedeckt, und die Elebrichte Materie, womit fie
befeuchtet waren, machte, daß der. Staub an allen
Theilen ihrer Oberfläche feſt ſitzen blieb. Dieſe Kuͤ⸗
gelchen ſahen nunmehro auch gelb aus. "Die kleinen
winklichten Körper an den kurzen Stengeln hatten
nunmehro ihre Geſtalt gaͤnzlich veraͤndert. Sie
waren bis an den Grund an den Fugen ihrer verſchie·
denen Ecken geborften, und machten nunmehro ein
jeder die Figur eines regelmäßigen Sternes von acht
Spitzen aus. Brei
Aus dieſem Berichte erhellet deutlich, daß dieſer
kleine Schwamm zu der Anzahl derer Pflanzen gehoͤ⸗
re, die männliche und weibliche Werkzeuge des Frucht-
tragens, oder wie man gemeiniglidy zu reden pflegt,
EIER maͤnn⸗
J
m hi \
und phyſikaliſchen Beobachtungen 129
maͤnnliche und weibliche Blumen haben, die an dieſer
einzelnen. Pflange ganz unterſchiedlich zu bemerken
ſind. Die Koͤpfe, welche auf den kurzen Stengeln
ſtunden, waren augenſcheinlich die ‚Antberae; oder
Apices, und die Stengel die StamminoDieſe mach⸗
ten alſo die ganze maͤnnliche Blume aus; denn hier
iſt kein Kelch,/ noch Krone, oder des — zu ſehen.
Als dieſe nun aufbrachen, ward ihr fruchtbar machen ·
des Mehl, in der Geſtalt des feinen Staubes, der
einer Wolke von Rauch ähnlich war, Herausgelaffen;
und hatte fih auf die Rügelhen der langern Strah⸗
len feſtgeſetzt, um das Werk Der Schwaͤngerung da⸗
durch zu vollziehen. In ſo fern kam alles mit der
Natur und dem Endzwecke des Mehles in den groͤßern
Pflanzen überein, allein daß die,Antherae in eine ſo
regelmäßige Figur eines Sternes mit acht Ecken auf⸗
brachen, war eine ſonderbare Schoͤnheit, die ſich bey
keiner Art der groͤßern Pflanzen findet. Denn in
den ſchoͤnſten Blumen brechen die Aurkierae auf eine
unbeftimmte Weite, und geben ihr Mehl; in einem .
eben fo, woͤlkichten Staube von ſich, fiesnehmen aber
nachgehends Feine-befondere Figur au: Diefe-aber
werden, wenn fie das; gethan haben, wozu fie beſtimmet
ſind, ‚Die ſchoͤnſten und anſehnlichſten Theile der
"Pflanze, und ein jeder, der fie in ihrer erſten Geſtalt
nicht geſehen ‚hätte, würde! fie. natürlicher Weile für
ordentliche Blumen gehalten haben, die aus acht re
lichten Blättern beftünden..
Die männlichen: Fortpflanzungstheite dieſer —
Pflanje waren nunmehrd zur Genuͤge betrachtet wor⸗
den, und es blieb noch uͤbrig, auch die Beſchaffenheit
hen weiblichen zu unterſuchen. Dieſe behielten noch
43 Dandı x. - Ämmer
130 Fortſetzung det mieroſcopiſchen
immer ihre urfprüngliche Eugelförmige Geſtalt, ni
wurden aber durch. den Staub, der aus den maͤnnli⸗
chen Blumen: auf fie gefallen war, und fie über und
über bedeckte, ganz rauh. Wir brachten das aller«
färffte Vergrößerungsglas dabey an, und zwar ein
- weit ftärferes, als gemeiniglich bey dieſem Bergrößes
rungsgeräche verfauft wird. Es war in der *
von der erſten Groͤße der wilfonifeben-Gläfer, und
furz, das ftärkfte einfache Vergrößerungswerfzeug,
das die menſchliche Kunſt nur faͤhig geweſen iſt, zu⸗
wege zu bringen. “Die Area, die diefes Glas ein:
nimmt, ift fo klein, und die gehörige Entfernung feines
Foci iſt fo ſchwer zu treffen, daß es fich eben nicht mit
großer Bequemlichkeit gebrauchen läßt; doch einer
accuraten und geübten Hand falle nichts fo fchwer,
oder fo unmöglich, als einer folchen, die in dergleichen
Dingen niche ſo geuͤbt iftz und wiewohl das Geſicht
dadurch ziemlich beſchwerlich iſt; ſo erſetzet doch die
Staͤrke und Deutlichkeit alle Befehtwerlichkeiten. Es
. vergrößert ganz erſtaunlich/ und zeiget alles mit einer
ſolchen Richtigkeit, als wir noch niemals unter dem
gedoppelten Vergroͤßerungsglaſe angetroffen haben,
wo das Bild durch drey Glaͤſer gehen muß, ehe es zu
dem Auge gelanget, und folglich niemals ſo accurat
oder rein iſt, weil es durch die Unvollkommenheit aller
dieſer Glaͤſer nicht gaͤnzlich richtig vorgeſtellet wird.
Soo viel habe ich fuͤr noͤthig gehalten, von dem Nu⸗
gen der einfachen ſtarken Bergrößerungsgläfer bey
den allergenaueften’Unterfuchungen zu fagen; denn
ic) weiß, daß die Befchwerlichfeit, die mit dem Ges
brauche derſelben verfnüpfet ift, verurfacher hat, daß fie
unverdienter Weiſe i in eine fchlechte — geraden
+ find,
und phyſikaliſchen Beobachtungen. 13
find, welche. Hintähfegung aber allen künftigen Untere
fuchungen fehr nachtheilig feyn wird. Das Heels
wenboefifche Microfeopium, und die Microfeopia
aller andern. Autoren, die die kleinſten Dinge der Nas
eur fo erftaunlich genau gefehen, und der Welt eine
Begierde zur Unterfuchung derfelben eingeflößer has
ben, find, wie wir vernommen, einfache Gläfer von
diefer Arc geweſen. Faſt alle große Entdeckungen,
dadurch diefes Inſtrument berühme geworden, find
vermittelſt einfacher Glaͤſer gemacht. Dieſe ſind die
‚eitzigen, durch deren Huͤlfe man den genauen Wegen
der Natur in ihren Fleinften Werfen nachſpuͤren kann
Es muͤſſen fih auch diejenigen, denen bloß der Ges
brauch des Spieljeuges des gedoppelten Microfcopit
befanne ift, nicht wundern, daß fie’ den Entdeckungen
ſolcher Männer nicht folgen Eönnen, die fich der ein⸗
fachen Glaͤſer bedienet haben; auch müffen fie Leute
feines Betrugs oder einer Ausſchweifung der Einbil⸗
dungskraft befchuldigen, die bey ihren Unterfuchungen
ein Werkzeug gebrauchet, welches dasjenige, wodurch
fie fich vergeblicher Weiſe bemühen, ihren Fußſtapfen
folgen, am wirklichen Werthe fo fehr übertrifft:
a8. doppelte Microſcopium ift ein Inſtrument für
diejenigen, die ſich an den Bergrößerungskräften bei
luſtigen wollen ; dieſes aber müffen diejenigen Fennen
und gebrauchen, die wirkliche Entdeckungen zu ınde
chen millens find. Die Verſchiedenheit des Lichts,
fo bey dem. Gebrauche der gedoppelten Vergroͤße⸗
rungsalaͤſer auf die Objecte fällt, giebt den Dingen
öfe ein fo verfchiedenes Anfehen, daß daffelbe Ding
kaum daſſelbe u ſeyn fcheint. Bey dem ’einfachen
BE ifE das Geſicht zwar dunkel, doch
J2 gewiß;
132 Fortſetung der microſcopiſchen mi
gewiß; ‚es iſt allezeit daſſelbe, und wiewohl ein Auge,;
das nicht dazu gewoͤhnet iſt, kaum weiß, was es aus
einem Objecte machen foll, fo-fehlet es doch einem ges
übten *Bemerfer niemals, alles mit einer zureichenden .
Deutlichkeit, und fo richtig und. accurat zu fehen,daß :
es ihn vergnügen muß. Ich hoffe, Die Bemerfun«
gen, die in diefen verfchiedenen Berfuchen befannt ges
macht find, werden von vielen mwiederholet werden.
Ich felbft Habe ſie ſo oft wiederholet, daß ich feſt über.
zeuget bin, daß ein jeder Theil derſelben ganz genau
und richtig ſey; und ich wollte gern ein Werkzeug
anpreiſen, welches itzo zwar wenig gebrauchet wird,
das doc) aber, weil ich fo vieles Damit entdecket habe,
muß gebrauchee werden, wenn man mir mit, einiger,
Hoffnung eines glücklichen Ausganges folgen will.
. Die Wahrheit Diefer Anmerkung von dem verſchie⸗
denen Nutzen des einfachen und geboppelten Ders
größerungsglafes Fann fich nicht deutlicher zeigen, als
bey der. gegenmärtigen Unterfuchung. Als das. gen
Doppelte Bergrößerungsglas. mit, allen feinen Vor⸗
theilen und mit allen feinen Kräften. gebraucher ward,
fonnte es doch von den weiblichen Sortpflanzungs«
werfzeugen dieſes Fleinen Schwammes en
jeigen, als daß Die verſchiedenen ee able, len
von Kugelchen wären, die durch keinen Stengel, oder
durch Feine Haut mit einander, verfnüpft wurden, fon.
dern bloß vermittelit einer Fiebrichten Materie, womit
fie, bedeckt waren, an einander, hiengen. Ben der
genauejten Betrachtung, Die vermittelft Diefes, In—
ruments gefchab, zeigete ſich auf ihrer Dberfläche, fo
kange fe lo mar, weite nichts, al, eine eniscnige
Bedeckung von einer gebt, (heinenben RE
“ *
I
5,
u
und phyſikaliſchen Beobachtungen, 33°
und als fü e mit dem Staube des Mehles bedeckt war,
ſah man nichts mehr, als eine unbefchreibliche Menge
ovaler Körper, oder Körngen diefes Mehles, die eine
piße Figur Haben, welche über jeden Theil der Ober⸗
flaͤche ohne Ordnung ausgeſtreuet waren.
Als hingegen ein Kuͤgelchen von einem der Strah⸗
len eines andern Kopfes durch das einfache Vergroͤſ⸗
ſerungsglas betrachtet ward, ſo entdeckte ſich ein neuer
Schauplatz der ——— Dieſes Kuͤgelchen
war von einer der Pflanzen genommen, deren Anthe-
rae noch nicht geborffen waren, und es war fofgtich |
noch i in feinem urfprünglichen Zuftande, und mit dem
Staube diefer Körperchen noch nicht bedecket. Die
Oberflaͤche, die bey allen vorigen Bemerkungen glatt
und einfoͤrmig geſchienen hatte, zeigete nunmehro eine
große Anzahl unordentlicher Erhoͤhungen. Als dieſe
genau unterſuchet wurden, ſo ſchien eine jede davon
von einer dreywinklichten F Figur zu ſeyn. Sie waren
nur ſehr wenig über die Oberflaͤche erhaben, und wa⸗
ren von der klebrichten Materie, die die ganze Flaͤche
umgab, auf eine folche Art bedecket, daß es unmoͤglich
mar, wenn fie nicht fo. genau, als von uns gefchah,
beobachtet wurden, gewahr zu werden, Daß fie über die
übrige Fläche hervorrageten.
In der Mitte einer jeden von dieſen winklichten
Erhöhungen fund ein Körper, der die Figur eines
Segments von einer Kugel hatte, und wovon ich bes
merfen Eonnte, daß in der Außern Fläche deffelben eine
- große, Menge gücher waren. Dieß war alles, was
fih in dem-gegenroärtigen Zuflande des Hbjects zei⸗
gete. Da wir aber gewiß überzeugt waren, daß dieſe
— der weibliche Fortpflanzungetheit dieſes
J3 Se
MR —
ung der meroltobiſchen
2
134 Fortſt
Gewaͤchſes waren; * war es gar nicht ſchwer, zue ent⸗
decken, daß dieſe — zu den Zellen des Koͤr⸗
— worinn der Saamen Kas ——
Ir
‚Hs mir eines von RR Aigle di mie eg bh |
der Schwaͤngerung beſchaffen war, zur Genuͤge unter⸗
ſuchet hatten, ſo waͤhleten wir. ein ſehr ſchoͤnes von
denen, die mit dem Mehle ven den geborſtenen An-
theris eines andern Kopfes bedeft war. Bey. der
Betrachtung deflelben durch unfer Vergrößerungsalas
anden wir, daß dag Mehl, fo Elein die Theilhen
deſſelben auch waren, aus kleinen Koͤrnchen beftund,
die eine volllommene ovale Figur hatten. Ihre Farbe
"war braun, und fiel einigermaßen ing Gelbe, und die
Oberfläche derfelben war runzlicht, oder gewiſſermaßen
netzfoͤrmig. Wiewohl diefe KRörnchen über jeden
Theil der Dberfläche des Kügelchens zerftreuet lagen,
fo Fonnten wir Doch fehen, da fie an einigen Dertern
Dicker waren, ale an andern. An einigen Stellen
lagen fie in der That wie eine Art von Eleinen Hügeln,
und als wir es genauer unterfuchten, fo fanden wir,
daß folches allezeit über einer von dieſen dreyeckichten
Erhöhungen war, oder um mich anders auszubrücen,
daß die Stigmara der Frucht allezeit unter einem Haus
fen von diefem Meble verborgen lagen.
Was für einer Kraft es zuzufchreiben war, daß
die Kuͤgelchen von dieſer feinen Materie ſich eben an
ber Stelle fo ſehr gehaͤufet hatten, die für ihre Wir-
fung eigentlich) beftimmt war, ſolches ſcheint eben "
und phyſikaliſchen Beobachtungen. 135
ſo leicht zu beſtimmen zu ſeyn; die Sache ſelbſt aber
zeigte ſich ganz deutlich, und der Endzweck war eben
ſo augenſcheinlich. Die Abſicht der Natur war, daß
dieſe ſchwaͤngernde Materie, oder. vielleicht eine noch
einere Subſtanz, die aus diefen berſtenden Kuͤgelchen
ausgieng, einen Weg-zu ben Hoͤhlungen finden
llte wo der Saame lag, und dieſe Kuͤgelchen wa⸗
ren in großer Menge über den — gchaͤufet
die dahin fuͤhreten. |
aa BEBITEE,
Die Impraͤgnation der * Anfänge des Em:
bryo in, den. weiblichen. Gefchöpfen, beydes unter den
Thieren und Pflanzen, feheint zu der Zahl derjenigen
Geheimniffe der Natur zu gehören, die ung ganz uns
erforfchlic) find, und durch Subftanzen (ausgerichtet
zu werden, die gar. zu fein find, und fich unferer Nach»
forfhung gänzlichientziehen. Es hat ſehr lange ger
mwähret, ehe die Welt die Theile der Blumen, die zu
dieſem Endzwecke dienen, hat fennen gelernet. Das
Piftillum , welches das weibliche, und dieStamina und
Antherae,-fo die männlichen Werkzeuge find, welche
beyde ſich an den meiſten Blumen ganz deutlich zei⸗
gen, wurden fuͤr bloße Ueberfluͤßigkeiten der Natur,
und für Ausmachfungen gehalten, die feinen andern
—J die —— ae der en
find, amd. daß die ganze Blume, nebit allen ihren
bunten Blättern und Farben, bloß zu einer Unter
flügung und Vertheidigung derfelben beftimme fey.
— re
ws Fortſehhing der mltoſcbbiſchen
Es war nicht ſo bald entdecket, „daß * verſchie⸗
—* Theile mit den Zen igungewerk zeugen der Thies
re übereinftinmren 5 s ward auch ſchon, (wie denn
Leute von einer lebhaſten Einbildungskraft ben Den
erſten Anfange einer Entdeckung ſchon en
vollkommenes zu haben’ glauben/) behauptet / da
die vorhin beſchriebenen Loͤcherchen beſtimmet waͤren,
die kleinen Kuͤgelchen des · Mehls einzunehmen / und
daß dieſe Kuͤgelchen die eigentliche ſchwaͤngernde Mas
terie wären, welche zu dem inwendigen Saamen ges
brache wurder Die Entdeckung, daß die Antherae
hohle Koͤrper waren/ und daß zu gehoͤrigen Zei⸗
ten aufbrachen und diefeg Mehl heraus ließen/ ward
für einen hinlaͤnglichen Beweis davon gehalten, Al⸗
lein die Freude uͤber dieſe Entdeckung ſchien vergeb⸗
lich zu ſeyn; denn ſo ſubtil auch die Theilchen des
Mehls fetöft von den größten, Pflanzen: dem bloßen
Auge zu feyn fcheinen, fo zeiget ſich do‘, wenn ‚fie
durch das Vorgrößerungsglas unterſuchet, und mit
den Loͤcherchen, wodurch fie ‚gehen follen‘, verglichen
werden, daß fie biel zu groß für: dieſelben find, .wie
denn auch die Deffnungen einiger dieſer weiblichen
Werkzeuge nicht anders, als’ durch: das Vergroͤße⸗
zungeglas fünnen geſehen werden. wi
Man bat gefunden ‚ daß: eben bieſ⸗ Theilchen des
Mehls, ſo klein als fie auch feheinen , nichts’ anders
"als Capfeln find, die eine noch unendlic, feinere Ma⸗
terie enthalten, fo in Geftalt eines’ Dampfes aus den
Deffnungen derfelben heraus geht, wenn fee, ing
Waſſer geleget werden , als worin fie ‚berften. ‚Die
Materie, die aus diefen Theitchen einiger und wahre
—— Weiſe aller Pflanzen — y: —
und phoſtkaliſchen Beobachtungen. 137
ſehr fen, daß eine Glaͤſer ſtark genug geweſen find,
die beſondern Theilchen, woraus fie beftehen, zu ent»
_
decken. Dieſe Materie kann nun freylich fein genug
fenn, in die kleinſten Oeffnungen zu dringen, die eben
fo unmerklich ſind, "ats die ſubtilen Theilchen dieſer
Materie felbft, und ſolchergeſtalt den inwendigen
Saamen ſchwaͤngern. Dieß ſcheint ein ‚vernünftiges
Syſtem der Schwaͤngerung zu ſeyn, fo weit als es
und nach demſelben kann die dichtfehelnende
Beſchaffenheit der’ Stigimatun ‚einiger ——— eb
nesweges zum Einwurfe dienen.
In dem gegenwaͤrtigen Falle waren die Sen |
gen, ob fie gleich‘ durch die ſtarken Vergroͤßerun 3.
glaͤſer zu fehen waren, doch kaum den vierzii ent
Theil ſo groß als die Kügelchen des Mehls, diein Haus
fen darüber lagen. Es ift Außerft ungereimt, an zu⸗
nehmen, daß eine Saugungsfraft; wovon man hat
vorgeben wollen, daß dadurch dieſe Sache ausgerich⸗
tet wuͤrde, oder daß eine andere mechaniſche wirken⸗
de Urſache die Kraft haben follte, zu machen, daß fo
größe Körper in fo kleine Höhlungen hinein kommen
fönnten. Nimmt man aber an, daß die Kügelchen,
wovon bier die Rede ift, mit den Kuͤgelchen des
Mehls der großern Pflanzen einerley Beſchaffenheit
haben, und daß ſie ſelbſt nur bloße Behaͤltniſſe einer
8 fubtiten Materie find, fo ift der Proceß i in fo fern deut⸗
lich, daß, da fie haufenweiſe über die Stigmata der
weiblichen Werkzeuge, und alle um die Seffiningen
derſelben herum liegen, die ſubtile Materie, womit
fie angefüllee find, wenn fie berſten und diefelbe her»
aus taffen ; in die Deffnunden‘ falten müffe, die dazu
dienen, diefe Maserie zu dem noch unbefchwängerten
ee ! J 5 v Saas
38 Fortſetzung der mierofeopifihen.:
Saamen zu führen ‚: da: fie denn. ohne wunderthärige
Kraft z zu dem Orte bingebracht werden, wo fie £ dass
jenige ausrichten, mozu fie. beftimme ſind.
‚So ftelle. ich ‚mir ‚überhaupt .dem; Lauf der Natur
beh der Fruchtbarmachung dieſer kleinen Pflanze vor.
ie Frucht, oder ‚die. Capſel, welche den Saamen
enthält, ſteht nur, in einer kleinen Entfernung von
den Antheri is oder Eapfeln, welche. das ſchwaͤngernde
Mehl enthalten, ; Es finden ſich Deffnungen, welche
bie inwendigen Theilchen der Mehlkuͤgelchen zudem
noch ungeſchwaͤngerten Saamen hinab fuͤhren, und
—* klebrichte Materie, welche einen jeden Theil des
iblichen Kuͤgelchens, inſonderheit aber die Stigma-
— bedecket, dienet die Mehlkuͤgelchen, die, wenn die
Antherae berſten heraus kommen, ſo lange feſt zu
halten, bis ſie felbft gleichfalls berften , und ihre in ⸗
nerlichen Theilchen ‚recht, über die Muͤndungen aus ⸗
ſchuͤtten, welche die; Theilchen zu dem. inenbigen
Saamen zu führen beftinmet ſind ·
Hier findet ſich ein eben ſo vollkommenes und — 2
Fiches. Zubehör, als irgend in einer geößern Pflanze,
und wir, haben nur Werkzeuge nöthig, es zu fehen,
um Ehrerbiethung dafuͤr zu haben, und es zu bewun⸗
dern. Das Vergroͤßerungsglas thut in der That in
Anſehung unſerer Begriffe nichts geringers, denn
daß es neue Welten hervorbringt, und unſerer Bes
trachtung neue Reihen von Weſen darleget.
Als wie in fo ferne der. Natur: in Anfehung. der
Eincichtung der Theile diefer Pflanze und des Ge⸗
brauches derfelben zu ihrer Fortpflanzung. nachge ·
püßrer batten, fo wid meten wir EEE |
PER ante Wire
Mn Me
OR
*
und phoſitaliſchen Beobachtungen. 139
Wirkung alles diefes fhönen und. ordentlichen Zube«
\
börs auch noch einige Stunden. Zu diefem End»
zwecke bedienten wir ung. des Bergrößerungsglafes,
an welchem ein bewegliches Gelenk angebracht war,
durch deſſen Hülfe wir die Pflanze. zuerſt betrachtet
lee und wodurd wir nunmehro vermittelſt eines
ftärkeren DBergrößerungsglafes der Frucht von der
Schmwängerung an bis zur Hervorbrinaung der.neuen
Pflanze nachzufpüren entfchloffen waren. Ein ‚fol
ches Unternehmen. würde bey; der. gemeinen Art von
Pflanzen, deren Wachsthum viel langſamer von.ftats
ten ‚geht, und. deren erftes Hervorbrechen unter der
‚Erde gefchieht, fo wohl ſchwer, als. auch höchft lang»
weilig gewefen feyn 5: bier aber. hatten wir Gelegen
heit, folches an einer Pflanze zu thun, deren ganze
Zeit ihres Dafenns von dem Embryone in dem Sag»
men an, bis zu der abfallenden Pflanze, die ihre Wir⸗
fung gethan hatte, nur einige wenige, Stunden wäh»
rete, und deren erſtes Hervorſchießen in freyer
Luft, und auf ‚der Fläche einer flüßigen Materie ge:
nahe. —*
Die legte Unterſuchung, die wir mit einem einzelnen
Kügelchen oder einer Capſel vornahmen, die von ei-
nem der reifenden Strahlen genommen: war, zeigte
ung, daß die Stigmata derfelben vier und zwanzig an
der Zahl waren, "und in gleichen Entfernungen von
> einander ftunden ; ingleichen, daß die Capfel, da fie
‚gebrochen war, eben fo viele Behältniffe oder beſon⸗
dere Zellen für den Saamen hätte, wiervohl ſich die⸗
ſes kaum mit einigem Grade der Gewißheit beftim«
men ließ. Bon diefer legten abgefonderten Bemer⸗
fung wandren wir unfere Unterſuchung auf: eine fehr
gut
| auf biuhende Pflanze i in ib vörnfinen Zuffans
de Auf der Oberfläche des Waſſers. Ihre Anthe-
rae waren bereits eine Zeitlang Heböen gervefen,
und die Kuͤgelchen woraus Die verſchiedenen —
len beſtunden waren folglich mit dem Pulver bede⸗
cket/ ſo aus biefen Koͤrpern herausgelaſſen war. Es
wahrete nicht lange, ſo ſahen wir das äußerfte Kür
gelchen eines der Strahlen, ohne einige außerliche
Gewalt, oder andere ſichtbare Veranlaſſung abfallen,
und auf: der Oberflaͤche des Waſſers ſchwimmen.
Das aͤußerſte Kügelchen eines andern Strahls fiel
aud) gar bald ab, wie der erfte, und da auch die uͤbri⸗
gen diefem Erempel folgten, fo ward der ganze Kopf
ordentlicher Weiſe in einen Pleinern Umfang. einge⸗
ſchraͤnket. Nach einigen Augenblicken, worinn faft
nichts weiter vorgieng, fiel eine andere Reihe von
Kügelchen, eben fo, wie die erfte ab, und endlich fies
Ien fie alfe auf diefelbe regelmäßige Weife, nach einte
gen Zwifchenzeiten ab, der Kopf ward alfo je länger,
je kleiner, bis endlich nichts mehr an demfelben ibrig
blieb, als die geöffneten Afıtherae, ohne ihrem Mehle
An: det Spitze des Stengels. "
Da indeffen die Pflanze in dieſem Zuſtande für
eine ganz verfehiedene Art hätte mögen angefehen
werden, ſchwommen die Kuͤgelchen, Die allmaͤhlich
von den Strahlen des Haupts abgefallen waren, in
Menge auf der Flaͤche des Waſſers. Der groͤßte
Theil derfelben fügte ſich zu den Seiten der Rinde,
oder des Kuchens von Pflanzen von derfelben Art.
Einige von den andern borften vor unfern Augen,
und gaben ihren Saamen hervor. Die trübe Ber.
ſchaffenhet des darunter befindlichen BEN: hin⸗
derte
und phyſikaliſchen Beobachtungen. rar
| derte uns, die Wirkung der Natur ſo genau zu ſehen,
als ‚wir, es wuͤnſchten, wir nahmen unſere Zuflucht
daher wiederum zu. dem gedoppelten: Microſcopio
und. dem. concaven Glaſe, worinn wir vorhin Die
wachfende Pflanze gefehen hatten u ©;
Dieſes fuͤlleten wir mit dem klareſten Waſſer, und
—*5 eine Quantitaͤt reifer Koͤpfe der Pflanzen
aus unſerm Topfe daruͤber, da wir denn die Oberflaͤ⸗
che des Waſſers mit Kuͤgelchen bedeckt funden. Wie
hielten beſtaͤndig die Augen darüber, bis fie anfien⸗
gen zu. berſten. Hier funden; wir, daß die.gar zu
gehäufte Anzahl nur Verwirrung: verurſachen wiirde,
wir. fonderten daher. den größten Theil davon ab,
thaten wieder. feilches Waſſer hinzu, ‚und. behielten
zuletzt einige wenige in einem guten Zuftande; ‚bie
von andern nicht gehindert wurden, und mit Bes
quemlichkeit konnten bemerfet werden. ‚Hier gelang»
ten wir zu derjenigen Entdeckung, ‚Die uns den gan⸗
zen Fortgang der Vegetation vollkommen deustich
machte. Wir hatten. derſelben von ihrer erſten Er⸗
ſcheinung in der Geſtalt einer ſchlechten Rinde, bis
zu dem Reifwerden des Saamens nac)gefpühret,
Es blieb alfo. nur noch übrig, Die. Luͤcke zwifchen dem
Zuftande des reifen Saamens und. der Erfcheinung
biefer Rinde auszufüllen, und, dieſes zu thun hatten
wir nunmehro — und — Gele.
arbeit. . 2
Es borſt gar bald ein Kügelchen.o ‚vor unden; Au⸗
den und wir ſahen einige wenige Saamentdener aus
demfeiben heraus kommen, Nach einigen Augen:
blicken fielen immer mehr und mehr heraus, bis i
xzer Zeit Die, ganze Flaͤche des Waſſers damit
nee decket
292 Fortſetzung der microſcopiſchen
decket war." ‚She waren vollfommen rund, und von
einer weißen Farbe, Die Anzahl derfelben: mar ſo
groß, daß es unbegreiflich ſchien warum ſich dieſe
lange nicht auf eine erſtaunliche Weiſe vermehrete!
So kam es uns zwar vor, die wir diefe Kuͤgelchen
in dem Zuſtande, worinn wir ſie geſetzet hatten, un
in welchen ſie ſich außerhalb des gewoͤhnlichen We
ges der Natur befunden, betrachteten ; allein da die⸗
fe vorfichtige Haushälterinn für alle ihre Werke au
das’ befte, bequemſte und vollkommenſie ſorget, fo i
fein Zweifel, Daß nicht auch diefer fehr große Webers
fluß von Sadmen in ihrer allgemeinen Haushaltung
feinen Nutzen haben muͤſſe; und da fie das Waffer
ſchon vorher mit Millionen gefräßiger Thiere bevöl
kert hat, fo ift es wahrfcheinlich, daß diefer Saamen
denfelben zur Nahrung beftimme ſey. Ju diefem
unnatürlichen Zuftande war die Oberfläche eines in
Bergleichung mit der Frucht ziemlich geraumen Um»
fanges von Waffer von diefem einzigen Kuͤgelchen
dermaßen mit Saamenkoͤrnern bedecket, daß wir uns
genoͤthiget ſahen, uns zu deſto befferer Betrachtung.
mehreren Platz zu machen. Wir goſſen etwas von
dem Wafler weg, und ehaten frifches art deffen Stel.
le, bis-von der urfprünglichen Zahl der Saamenföre
ner nicht mehr denn ungefäßt zwölf — blieben.
Wir — op eine Stunde mit der Betach⸗
tung dieſer Koͤrner zu, allein es fiel waͤhrend dieſer
Zeit nichts veraͤnderliches damit vor. Sie ſchwom⸗
men in dem Waſſer fo aufs gerathe wohl herum,
oder fegten ſich an die Seiten des Glafes, Wir
OR durch einen Zufall etwa eine Stunde lang
von
amd phyſtlallſthen Beobachtungen, 143
vor unfrer Betrachtung abgehalten, als wir aber
nach Verlauf derſelben wieder kamen, funden wir
eine fehr merfwürdige Veränderung. Zwey oder
drey von den Körnchen haften angefangen zu ſchieſ⸗
‚fen, und die übrigen, die vorhin Feine Veränderung
‚gelitten hatten, waren: nunmehro zweymal fo groß
aufgefchmwollen ‚als fie vorhin gewefen. Es währes
te nicht lange, ſo fahen wir das Hervorfchiegen an
verfchiedenen von ihnen wiederholen, es geſchahe fol-
ches auf eine fimple und bey allen BI eine —
men gleiche Weiſe. st
Das Saamenforn brach an einer Seite; in einer
mic der. Dberfläche des Waſſers gleichen Höhe auf)
allwo fich eine tänglichte Erhöhung zeigte. Dieſe
verbreitete ſich, ohne ihre Geſtalt zu veraͤndern, bis
ſie ungefaͤhr viermal ſo groß war, als das Saamen⸗
korn, und da fieng ſie allmaͤhlich an, fich vollends zu
verbreiten und zu entwickeln. ¶ Dieſes Hervorgeſchoſ⸗
ſene nahm nunmehro einen ſolchen Raum ein, daß
der Körper des Saamenforns dagegen ganz geringe
war, und weil die Verbreitung in einer zirfelförmts
aen Figur gefchahe, fo ward d aamenforn das
durch ganz eingeſchloſſen, und dem Geſichte entzogen;
wiewohl es endlich gar genau den Mittelpunct des
ganzen Körpers muß —— — ER
Wir ſahen — andere von den —
tdenemn auf gleiche Weiſe hervorſchießen und ſich in
eine eben fo runde Figur verbreiten. Solchergeſtalt
ward die flache Rinde gebilder, die wir zuerſt Bender
— der Pflanze auf der Flaͤche der u |
lichen
144 Fortſetzung der mierofeopifchen
lichen Fluͤßigkeit bemerket hatten, und ſolchergeſtalt
hatten wir der Vegetation durch ihren ganzen Lauf
nachgeſpuͤhret. Es iſt ſonderbar, daß die Grundla⸗
ge der Stengel, welche die Köpfe in dem vollkom⸗
menen Zuſtande der Pflanze tragen, ſchon in der. Plan-
tula ſeminali da zu feymfcheint, «und foıgar, wenn fie
noch in dem Körper des Saamenförnchens iſt. Wir
fpürten denenfelben „fo weit als moͤglich, nach, und
es fehlte uns niemals, ſie ganz Deuclich, und zwar
in: einiger Erhöhung, über die Oberflaͤche, ſelbſt
"bey der erfien Entwicelung des Hervorſchießens, zu
fehen. | MER F
Solchergeſtalt ſindet ſich und lebet eine Pflanze,
die, fo viel wir noch wiſſen, bloß auf der Oberflaͤche
einer beſondern Fluͤßigkeit hervorgebracht wird, wel⸗
che letztere aus einen kuͤnſtlichen Infuſion des: Saas
mens einer Pflanze entſtanden iſt. Sie wandert
alſo/ gleich dem Ephemeron unter den Thieren,
den ganzen Lauf ihres Lebens in einem Tage herdurch,
ind bringe junge Pflanzen hervor, die ihr ſelbſt aͤhn⸗
lich find, und die zum Theil einem Inſekte zur Nahe
rung dienen, das, wenn es auch noch viele hunderte
male größer waͤt als. es wirklich iſt, dennoch von
dem bloßen Auge nicht wuͤrde koͤnnen geſehen wer⸗
den. Und ſolchergeſtalt zeiget das Microſcopium in
dieſer Pflanze eine ſolche Ordnung der Werkzeuge,
welche der Ordnung der allervollkommenſten Pflanzen,
wie wir ſie nennen, voͤllig gleich und in den kleinen
Thierchen einen ſolchen Gliederbau und ſolche Werk ⸗
euge zur Bewegung und: zus, Genießung der Nah⸗
g, dergleichen unter allen groͤßern Werken der Na⸗
ur kaum zu finden iſh un ah ud ana
nacht! | Der
Der achte Verſuch
Bon einen Inſekte das auf den vom —
god beſchadigten Zweigen von Fruchtbaͤumen
lee „gefunden worden .
iun
ar Die Gefundgeit einer mir fehr — Paſen
noͤthigte mich, viele Jahre nach einander, mich in
dem angehenden Fruͤhlinge außerhalb des Dampfes
von London aufzuhalten. Ich wohnte bey dieſer
Gelegenheit in einem Theile von Chelſea, wo ein
kleiner Garten hinter dem Hauſe war, in welchem
viele Baͤume ſtunden, die aber ſeiten Frucht brachten
Die allgemeine Krankheit dieſer Baͤume war das,
was man Mehlthau nennet, und dieſer Strich ent⸗
gieng der gedachten Beſchwerung nur ſehr ſelten.
Wenn andere Gegenden nur einigermaßen litten, ſo
waren diefe Bäume ganz. und gar unftuchtbar, und,
bey vortheilhafterern Jahreszeiten fragen fie Be
nur ſehr wenig.
Die Gelegenheit, die ich allhier a, kägtige
— anzuſtellen, bewegte mich, der Beſchaf⸗
fenheit dieſer Baumkrankheit nachzuforſchen, und Die
Bemerkungen, welche ich uͤber die Baͤume in dem
Striche, wo ich mich eigentlich aufhielt, anftellete,
feitete mich auch zur Unterſuchung derer, Die in glück.
fihern Gegenden lagen. Sch bin durch die Folge
dieſer Bemerkungen dahin gebracht worden, von die⸗
| 4J Sache ganz anders zu denken, als ſonſt gemeinige
fich geſchieht; meine befondere Meynung hat aber
nicht bloß meine Bemerkung, fondern die Vernunft
ſelbſt gi Unterftügung. Die * durchgehends an⸗
* ade and, genom«
genommene u ‚von, dieſe mn Unglügte ift, daß
fie von gewi fekten herrühre, wovon man glau⸗
bet, daß fie, durch befondere. Winde) zu den Baͤumen
gebracht werden; allein dieß iſt ade nur eine unna⸗
tuͤrliche Beltimmung, „die von ‚Bemerkungen und
Verſuchen nicht unterftüßet wird, fendern wir werden
auch von einer Unterſuchung dadurch abgehalten, die
bie ganze Sache nad) dem Syſtem einer weit beffert
Phitofophie, und durch) Die Unrerftügung einer Aehn ·
lichkeit mit allem übrigen gewöhnlichen aaftes Der
Natur haͤtte erklären können,
Es iſt gar wohl befannt, daß ſowohl hieriſche
Subitangen, als auch Pflanjei, ‚wenn fie ſich ihren
Verfalle nähern, auf einmal ein Neſt und eine Vor⸗
rathekammer für Inſekten mancherley Art werden,
die, da fie noch in ihrem ‚gefunden Zuftande waren,
weder Wohnung noch Unterhalt in ihnen finden konn ·
ten. Wir fehen auch), daß Feine von diefen, ſo frey
fie auch während ihres gefunden Zuftandes von Ans
feften feyn mögen, niemals, weder zufälliger Weiſe,
noch auch durch unſere eigene Befoͤrderung in den Zu⸗
ſtand gerathen, der zur Unterhaltung ſolcher Inſekten
geſchickt ift; ſondern die Natur ſelbſt bevoͤlkert fie au⸗
genblicklich mit Tauſenden derſelben, wiewohl es uns
unmöglich iſt, zu vermuthen, woher fie kommen.
Man lege nur ein Stuͤcklein einer ‚thierifchen Sub»
tan; der $uft bloß, man verfiße nur einen Theil von
einer Pflanze, oder laſſe ſolchen auf andere Weiſe i in
Faͤulung gerathen, man tauche nut ein Saamenkorn
in Waſſer, oder lege ein Blatt dem Thaue ‚bloß, fo
verfchaffee der, veranderte Zuſtand dieſer Dinge ‚einer.
oder der ‚andern, Art von oe Some elek
Nah⸗
und phyſikaliſchen Beobachtungen, 147
Nahrung; auch find ſie nich fo bald in einen ſolchen
— — da ſich ſchon Thiere in Menge dar⸗
auf finden, die nur bloß davon ihren Unterhalt Haben
fönnen. So lange das Fleiſch noch auf dem Körper
des Thieres geblieben war, fo lange das Blatt, der
engel oder der Saame noch mit der Pflanze vera
knuͤpft war, und entweder Nahrung von der Wurzel
oder dent Umlaufe der Säfte erhielt, Fonnte feine
Creatur von einer folchen fehmarogerifchen Art Zutritt
‚zu ihnen befommen. ERBEN Seh N,
Wir fönnen aber die Aehnlichkeit fortſetzen; denn
es ift Feine beffere Arc zu urtheilen, wenn. die unmit⸗
telbaren Urſachen und Mittel vor ung verborgen find;
gleichwie fid) in dem Fleiſche eines Thieres, fo noch
mit demfelben vereiniget, das aber durch einen Zufall
in Faͤulung gerathen ift, eben fo gewiß Inſekten fin«
den werden, als wenn es von dem Thiere abgeſondert
wäre, eben fo haben mir auch) Feine Urſache zu zwei⸗
fein, daß nicht ein veränderter Zuftand ‘der Fluͤßig⸗
keiten, entweder eine Fäulung, oder etwas fo der Fau⸗
lung nahe koͤmmt, eines Ziveiges, der an einem Baus,
me bleibt, eben fo wohl Inſekten zu einem Aufenthalte
und zur Nahrung dienen fönne, als eines ſolchen Zwei⸗
ges, der von dem Baume abgefondert if, —
“ Diefes find die Grundfäge, worauf ich das neue Spa
ſtem von dem, was wir den Mehlthau an unfern Fruchte
bäumen nennen, zu gründen willens bin. Ich halte das“
für, daß man die Urfache davon überfehen, und die Wir⸗
füng mit derfelben vermifchet, oder für diefelbe anges
nommen habe. Die Menge der Inſekten, die auf den
Blättern und Zweigen der von Mehlthau beſchaͤdigten
Bäume gefunden werden, balkınaa gemeiniglichfürdie
Ya J Ur⸗
a.
148: Sortfegung der mieroſcopiſ
Urſache, daß die Zweige zu gewiſſen eiten in Qn fatt 4
rathen, und d — 7 — — verde rar h ein u
gegen durch wiederholte Berfuche übergeuget daß die,
Sefüeinung diefer — auf die Beſchadguns der
Daume erſt erfolge
Sch habe. bemerket, da die Säfte der Shiere und,
| ai, fo. fange fie in ihrem geſunden Zuſtande ſi ind,
und in ihren ‚gehörigen Canälen herumlaufen, für eine,
Menge Inſekten feinesweges zur Nahrung dienlich
ſi nd, denen fie Doch, fo bald ſich ihr Zuſtand veraͤn⸗
dert, bochſtapgemehin ‚geworden, ungeachtet fie dieſel⸗
ven Nu niemals Beh ‚Eine den, Pad
eine. 5 ea Pen fen, {eh ‚Säfte Au. einer.
Nahrung, ‚für Inſekten zu machen; ;. eine Naͤherung
zur Fäulung, das ift, eine Stodung kann blches ſchon
ARE Es, wird, nicht, mehr als eine zufällige:
— ag nat ab ober, Künflich, fen, erfor
dert, eine ockung in den Saͤften eines janzen Baus.
mes ober in einem. befondern Zweige deſſelben zu vers,
urfachen, und alsdenn. kann man ſehen, daß ‚er im
tande fey, ı eine Menge von Thieren, ——
ihren Unterhalt vorhin nicht ‚auf, demſelben finden
nahen. Und wir,haben vorhin ai — 55 Ep,
— schen, Bob. Baum Whale,
Zuftand geſetzt fey, dieſe Ereaturen, folcher elle t zu
unterhalten, da ſich ſchon T uſende auf —
‚zeigen, ob wir gleich “AR wiſſen, wie, warum und
Bi woher? are
IRRE — VV——— Mr Ma RL LC BRETT ei
—— 3 Da
sh % Pi; ’ y. x f
%
and vhoſttaltſchen SOON i49
Daß biele, PBwohl natürliche als Einfttiche Zufaͤll
ind, welche dem ordenttichen und frenen Fluſſe d
Säfte in den Pflanzen Einhalt thum koͤnnen iſt au«
genfheinlich; und eben fo angeifcheintich- ft ee, daß
dasjenige, was nur in geroiffen Theifen und: zu ges
weile Zeit, eine —— von Are it ver ſachet,
ra Bu}
— die —— barumet de an
Ein Winter, der Härter als gewöhnlich in, —
allemal viele von unfern Fruchtbäumen toͤdten, und
| diejenigen, die Darunter leiden, find allezeit die ſchwaͤch⸗
ſten. Wenn an einem Bauine einige Zweige ſchwaͤ⸗
“her find, als die übrigen, fo leiden dieſe, da indeſſen
die andern davon kommen. Was ein ganzer Wins
ter an vielen oder an ganzen Bäumen thut, das kann
‘ein wenig unzeitiger Froſt an wenigen Bäumen, oder
an den ſchwaͤchern Theilen derſelben thun. Die Art,
wodurch ein Froſt einen Baum verletzet, beſteht dar-
inn, daß er feine Säfte ſtockend macht; und es ift
{ daher fein Wunder, daß ein nicht gar zu ffarfer Froſt
* ſolchen Schaden im — zu einer Zeit er⸗
regen
*
raum nm die e Sie fig And, wehrt doch
im Winter nicht weſchehen ann, ae Umlauf mat-
ter, A) ‚die ee weder fo. Häufig, ‚noch auch an und
u: ich fo.flüchtig geweſen.
N ee find Die Anmerkungen und, Gründe, ver·
micteiſt deren wit hoffen fönnen, zu einer, wahren Er⸗
enntniß; diefeg Phaenomeni zu gelangen, welches die
eubegierigen, ſo lange in Verwirrung, gefest und.
verleitet. hat. Ein Froſt, der. ſich zu einer Zeit zu⸗
traͤgt, wenn die Säfte i im Fluſſe ſind, wird eine Sto⸗
ckung derſelben veturfachen, Ye Au — durch⸗
gaͤngig oder nur, an gewiſſ —2 die ent⸗
Br beftändig, oder. au nr ie itlang waͤhret.
Iſt der Froſt nicht ſonderlich ſtark, ſo uͤberwindet die
Rraft des Baumes denſelben unter Bei BR des
erſten Sonnenſcheins. Iſt er heftig er, fi Keen er
mehr oder weniger, nachdem der ark oder
ſchwach iſt. Iſt der Baum — kann er
ganz und gar vergehen, oder wenigftens in ſo Kar
durd) und: Durch. befchädiget. werden, ‚daß er in dem
Jahte gar Feine Frucht trägt. Iſt er nur zum Theile
ſchwaͤchlich, fo. wird der Zufall folchen ſchwachen Theil
rühren. Wo eine Verlegung, geſchieht da findet
fic) eine fortgefegte. Stockung der Säfte, das iſt da
findet ſich eine Naͤherung zu ihrer Faͤulung, und ſie
werden durch dieſe Veraͤnderung in einen Zuſtand
gebracht, i in welchem ſie Thieren Nahrung geben koͤn⸗
nen, denen es ſonſt unmoͤglich wuͤrde geweſen ſeyn, auf
ihnen zu leben. Die Natur bringe in ihrem gewöhn«
lichen unveränderten Laufe Die Tiere e zudem Bau⸗
me, die dazu gebildet find, von deffen veränderten
Säften zu eſſen. Der Sm ober kranke auftand
%
ar
!
und phyſikaliſchen Beobachtungen. xx
des Baumes, und die Inſekten, die ſich deſſen zu Nutze
machen, werden zugleich entdecket, und Leute, die n
weiter zuriick denken, halten die Creaturen, die he
ein ſolches Ungluͤck genähret werden, für ‘die Urfache
Wenn dieſe Juſekten, die allezeie auf folchen be
ſchaͤdigten Baͤumen gefunden werden, die wirkliche
Urſache des Mehithaues wären, fo würde es den
Menſchen unmöglich ſeyn, ſolchen durch die Kunſt
hervorzubringen·So aber iſt es möglich, einen ſol⸗
chen Mehlthau, wenn man will, zu verurſachen, da:
durch, dag man den Baͤumen, oder einigen Theilen
derfelben, entweder ihre gehörige Verpflegung entzieht,
oder fie auch ſonſten verleget, zumal wenn die Yahs
veszeie dazu befdederlich ift. Die gedachten Inſckten
werden fich auf den durch die Kunſt verletzten Baͤu⸗
mien eben fo haͤufig, als auf deneneinfinden Die zus
fälliger Weife find verletzet worden, Ich Habe durch
wiederholte Verſuche gefunden, daß, gleichwie von
zween Bäumen, wovon der eine fkarf, der andere aber
ſchwach von Nanir ifk, der fchwache vom Mehithaue
beſchaͤdiget toird, wenn der ſtarke davon koͤmmt; alfo
auch von zween Baͤumen, deren einer mit Fleiß
ſchwach gemacht, der andere aber in feinem natürlichen
2 beſſern Zuftande gelaffen worden, der ſchwache beſchaͤ⸗
diget werde, wenn der andere gut bleibt, und daß ſich
Tauſende von Inſekten auf dem einen finden, da ſich
—
auf dem andern nicht ein einziges zeiget. Wenn ein
großer Theil der Erde von der Wurzel eines Bau⸗
mes, der in einer ganzen Reihe anderer ſteht, wegge⸗
nommen wird, und die übrigen in ihrem natürlichen
Zuftande bleiben, fo wird diefer eine, wenn die Wit»
— — terung
terung — unfeeunblich. iſt, verletzet BEN
da hingegen allg andere frey durchgehen. ı Auch habe
id) es möglich, ‚gefunden, eben daffelbe durch Binden
an einem einzigen Zweige eines Baumes zu thun, der
fonft gefund war. Auf biefe Art habe ih Millionen
von diefen Inſekten auf einen einzigen ‚Zweig, eines
Apricofenbaumes zu Chelſea gebracht, da hingegen
alle übrigen Zweige davon befreyet waren. Sch habe
dieſes vor den Yugen verſchiedener fehr geſchickter
$eute gethan, die ich erfuchte, Zeugen eines jeben —
der Operation zu ſeyn.
Es erhellet alſo aus alles Bien, daß die Bir
kung des Froſtes dahin. gehe, die Säfte in den
Fruchtbaͤumen ſtockend zu machen, und den Umlauf
derſelben zu hindern; daß dieſe Wirkung nach der
Staͤrke und, Schwaͤche des Baumes, gleichfalls. ftär«
Fer oder ſchwaͤcher ſey; und Daß ein Baum, der
durch die Kunft gefchwächet worden, oder ein Theil
eines Baumes, ‚ der ducd) Binden verleget-ift,. Das
durch befhädiget wird, wenn ein flarfer Baum oder
die unverlegt gelafjenen Theile eines Baums-nichts
leiden. Es erhellet gleichfalls, daß der Schaden,
den der Baum leidet, in der Hemmung. des Umlaufs
feiner Saͤfte beftehe, fo daß diefelben erftarren, oder
gerinnen ; daß diefe Gerinnung und. Hemmung der
Bewegung ihn in einen Zuftand feße , der der Faͤu⸗
lung nahe fommt, und daß er in. Diefem Zuftande
Inſekten Nahrung geben koͤnne, die niemals erman ·
geln, gegenwaͤrtig zu feyn, wenn ſich eine ſolche Nah⸗
rung fuͤr ſie findet. Solchergeſtalt zeiget ſichs, daß
dieſe Inſekten den Mehlthau nicht verurſachen, ob
fe ſich deſſen gleich zu Nyon machen, und daß man
ihnen |
\
a
und phyſikaliſchen Beobachtumgen. 1533
ihnen eben ſo wenig die Urſache der Faͤmung der
Säfte in dieſem Falle, als beyrandern Thieren und
Pflanzen, in deren Faͤulung ſie oder andere —
werden, beymeſſen koͤnne
Nachdem ich in fo ferne den ungebäßnren age
dieſer Unterſuchung nachgegangen bin, und mich be⸗
muͤhet babe); durch Schluͤſſe, die durch Erfahrun⸗
gen beſtaͤrket worden, zu beweiſen mas die Verlegung
an Fruchtbäumen, fo ein Mebiehau genennet wird,
nicht fey und was fie wirklich ſey ʒ fo werde: ichyqu
denn unmittelbaren Endzwecke diefes Verſuchs/ nam
lich dem Inſekte geführer, weldyes-auf Bäumen, die
ſolchergeſtalt verleger worden, gefunden und der Ber,
„urfahüng «des Schadens beſchuldiget wird.” Die
verfchiedenen Baͤume, die in verſchiedenen Jahren
verletzt werden, und ſelbſt die verſchiedenen Baͤume
deſſelben Jahres / and dieſelben Baͤume in vor ſchiede⸗
nen Jahren zeigen beſondere Arten von Inſekten.
Diefemzu Folge ſollte es das Anſehen Haben, als wenn
verſchiedene Inſekten von der Matur faͤhig gemacht
waͤren, einen Mehlthau zu verurſachen, oder daß faſt
alle Inſekten in gehoͤriger Anzahl eine folhe Faͤhig ·
keit hätten. © Allein eine beſſere und vernuͤnftigere
Aufloͤſung diefer Erſcheinung ift diefe, daß, wenn Die
Saͤfte der Baͤume dureh dieſen Zufall verleget werden,
oder durch einen Froſt gerinnen, deffen Kraft zu ſcha⸗
deſn ſtaͤrker ift, als die Kraft des Baumes den Scha⸗
den zu überwinden, fie alsdenn eine Nahrung ver:
fehtedener Inſekten werden ; und gleichwie die ver-
3 ſchiedenen Arten von Bäumen und Pflanzen in ih⸗
- rem natürlichen Zuftande ihre eigene befondere Rau⸗
pen, und zwar einige 54 zwo oder drey Arten
naͤh⸗
154 ortſchung der neroſcopiſch
naͤhren, ſo verſchaffen fieiaudh, wenn: fie flergetae
durch einen Zufall verändert find, einigen
kleinern Inſekten, und einige davon derfhiedenen As
ten derfelben Nahrung. N
Wenn wir die Blätter — — Dflanzen zer⸗
(ofen, und fie in ihren eigenen Saͤften, ohne einigen
Zufaß, faulen laſſen, ſo werden wir finden, daß die
gaͤhrende Materie ganz lebendig wird; und daß fich
Thierchen von allerley Art darinn geigen, wenn fie
mar bloß im: Sommer in die frene Luft gefteller wird,
Der. Solantum bringet in dieſem Falle einen haarige
ten Wurm , der Hünerdarm einen glatten, der Hol
lunder eine große und. das Johanniskraut eine Eleine
Ar ‚hervor. Dieſe fönnen nun freylich won Fliegen: ,
eyern derfchiedener Arten eneftehen, die ſo gar vor uns
fen Augen dahin geleget werden und wenn wir die
Inſekten die gehörige Zeit uͤber behalten, ſo koͤnnen
wir dem ganzen — — ſie wieder zu
Fliegen werden ji ‚gleiche:
fehen wir, wiewohl die Mittel —— die Au⸗
gen fallen, wenn die verſchiedenen Baͤume in einem
Obſtgarten vom Mehlthaue gerührt: gefunden wer⸗
den, das iſt, wenn die Saͤfte zum Stocken und we⸗
nigftens der Fäulung nahe gebracht ſind, daß fie eben
fo, mie die vorhin gedachte zerftogene Materie, mit
lebendigen Ereafuren bedeckt find, und wir entdecken
auf dem Apfelbaum ein Inſekt, auf) dem Kirſchbaum
ein anderes, auf dem Pflaumenbaum ein drittes, und
fö weiter , wiewohl mit eben fo wenig Regelmäßig
feit und Gewißheit, als in.dem andern: Falle, da ſich
zwar ein allgemeiner Unterſchied an den Jnſekten in
Anfehung der Materie zeiget , wobey aber: 10.
| | elbe
*
* phyſtkalſchen Beoba htungen. asz
ſelbe Materie bisweilen zivo Arten, und ——7
dene ſo zerſtohene fi ale Art hervor. |
bringe AN
Ih hatte untenfehiedfiche Arien, in dem ———
bes Gartens, wo ich meinen Verſuch anſtellte, bemer⸗
ket, allein die Creatur, welche die Materie zu dieſem
Verſuch abgegeben. hat, und eine von.den fonderbar-
ſten und ſchoͤnſten derfelben iſt, war auf einem Zwei⸗
ge eines Baums hervorgebracht, wovon der uͤbrige
Theil in einem bluͤhenden Zuſtande war, die Verle ⸗
tzung dieſes Theils aber von dem ‚Fünftlichen: Mittel
des Bindens herruͤhrte, wozu noch ein maͤßiger Froſt
gekommen war... Der Zweig welchen ich mir aus⸗
geſuchet hatte, mar. einer von den, ſchoͤnſten und ſtaͤrk⸗
ſten an dem Baume. Die jungen Sproſſen deſſelben
waren das vorige Jahr ziemlich dicht abgefehnirtem Er
war; voll von dem, was die Gärtner Trageholz nen⸗
neten, und verſprach eine ziemliche Menge von
Fruͤchten. As ich den Zweig an zu binden fieng,
und uͤber dieſes noch alleriey andere Mittel, die mir
einfielen, um die gerinnende Wirkung des Froſtes zu
befördern, anwendete, ſo ſchrumpften die Blaͤtter zu-
ſammen/ und der ganze Zweig gewann ganz ordent ·
lich und natuͤrlich das Anſehen eines ſolchen, der von
dem, was man Mehlthau nennet, beſchaͤdiget wor⸗
hen, ‚. da. indeffen: alle andere Theile, Des Baumes
‚vollkommen ‚gefund waren, , Die Wirkung diefes
- Mittels zeigte ſich erft nach zween oder drey Tagen.
Anfänglich fehien es, ‚als nenn es dem Zweige vor-
theilhaft wäre, und er ſchien viel ſtaͤrker zu werden,
J alle andere Theile des Baumes; allein den
ten Morgen ſenkten ſich die Blaͤtter, von der Zeit
an
—
156. Serteung der nich
an wurden ftörje länger je welker "und der ig be
. fam har. + kraͤntlicheres Anfepen. a
des fehlten Tages, nämlic) zween Tage nah dem
serften Eränffichen Anſehen des weiges, entdeckte ich
Inſekten darauf, ein ſehr deutlicher Beweis daß die
Jrieren eine folche Krankheit nicht verurfachen. Es
zeigten ſich jedoch an dieſem Morgen nicht elwa eini.
ge wenige hie und. da, ſondern der ganze Zweig mar
mit ihnen bedecket. Sie krochen allenthalben auf der
Rinde, haͤuften ſich um die Knoſpen und die Blaͤt
ter waren damit bedecket, kurz, ein ſolches Heer von
Werderbern kann man fich nicht leicht vorſtellen. Cs
war feine junge Brut, die aus Eyern hervorgekom ·
men, oder von Würmern herrührte, die aus Eyern
ihrer Alten gehecket worden, ſo dieſelben an dieſem
Theile der Pflanze bingeleget ‚hatten. Es iſt im.
möglich , daß die allgemeiite Ordnung der Natur al.
ten Inſekten eben einen Zweig haͤtte anweiſen ſollen,
welchen nicht natuͤrliche Urſachen, ſondern bloß mein
Verſuch zw ihrer Nahrung eüchtig gemacht hatte.
‚Sie waren in ihrem völligen Wachschume, als ſie
ſich zu erft zeigren, daß fie ir nicht erſt damals aus
‚Eyern konnten hervorgeksmmen ſeyn; und wenn ie
auch; nach der „gersöhlichen Urt der‘ Veraͤn
‚der: fliegenden Inſelten, von Wuͤrmern
waren, ſo konnte ſolches doch nicht auf dem Sie
. heſchehen feyn, weil zu dem Fortgange einer ſolchen ft
‚fenweife geſchehenden Veränderung Feine Zeit geive
war ; auch waren die Wuͤrmer vorhin gar nicht He |
‚dem Zweige gefehen tworden ‚welches‘ doch nothwen ·
eig —— pe —— ei
Mege war.
Woher
—
Ä und phyſikaliſchen Beobachtungen. 1
Woher fie gefommen, das. ſcheint ſehr ſchwer zu
fagen;; diefes wird aber die Art, wie fie gefommien,,
einigermaßen begreiflich mache», daß fie namlich. alle,
geflügelt waren, wiewohl ich niemals nachher geſehen
babe, „ daß fie ſich ihrer Fluͤgel bedienet; aud) fonnte,
ich bey der genaueſten Durchfuchung aller Bäume,
in, den benachbarten Gärten und Feldern nirgends,
as entdecken, das ihnen aͤhnlich geweſen wäre,.
s waͤre natürlich genug geweſen, zu vermuthen,
daß ſie gleichſam als eine Colonie von irgend einer
groͤßern Gemeinſchaft hergeſchickt worden, allein das
Mitel, weiches fie zu dieſem einzigen Zweige gefuͤh ·
tet, war. nicht Die einzige Schwierigkeit bey diefer
eynung, indem nirgends eine folche geneatz
von ihnen zu finden war.
u glei) diefe Creaturen dem Elaren Yugeufcheine
nad), nicht die Urfache der Beſchaͤdigung waren, ſo
hatten fie doch, wie ich nunmehro fand, an dem An
ſehen, welches der beſchaͤdigte Zweig nachgehends an⸗
nahm, einen beträchtlichen Antheil. Die Rinde, die
anfänglich. nur los zu ſeyn ſchien, ward nunmehro
voller Runzeln, und die Blaͤtter, die anfaͤnglich nur
gehangen, und matt und welk zu ſeyn geſchienen hat⸗
ten, waren nunmehro um die Koͤrper der Creaturen
Bla aufgewickelt. Man konnte gar leicht ſehen,
dieſes von den Wunden herruͤhrte, ſo die ne
klen ihnen durch ihr Freſſen verurfachten. Und in:
fo ferne, allein nicht weiter, verurfachen die Einwoh⸗
ner der vom Mehlthaue beſchaͤdigten Zweige oder
dasjenige, was wir auf ihnen ſehen. Die
—28 der Ol und der Dberfläche der.
* * Zweige
—
158° Fortſehung der mieroſcopiſchene
Zweige růͤhret von dem durch die Verwundung ver
aͤnderten Laufe der Säfte ber, allein die Krankung |
diefer Säfte felbft hat ganz andere Urfachen.
Es war an den Bewegungen diefer Crearuren
leicht zu ſehen, womit .fie ſich befchäfftigten, und fie
waren fo zahlreic), daß es eben fo leicht war, Gele
genheit zu finden, alle ihre Verrichtungen auf einem
oder dem andern Theile des Zweiges zu gleicher Zeit
zu ſehen. An einigen Stellen fahe man Hanfen von
ihnen gleichfam fpielend Hinter einander anlanfen; an
einer andern waren fie fo gehäufer, daß fie einander
auf den Nücken kletterten; an einer dritten ſchwun⸗·
gen ſie ihre Fluͤgel, und an den meiſten Stellen wa⸗
ren ſie ganz ſtille, hatten nicht den geringſten Schein
von Bewegung, oder gar vom Leben, und fraßen,
wiewohl die Art ihres Freſſens bey einer fo allgemei⸗
nen Beſchauung nicht ſo leicht zu fehen war.
Ich nahm verfchiedene von ihnen einzeln von dem
Zweige herab, und als ich eines davon ausgeſucht
hatte, das groß, gefund und ganz war, fo ftellee ich
es vor einem kleinen VBergrößerungsglafe, in einem
ſolchen Geftelle, das gemeiniglich zur Unterſuchung
undurchſichtiger Körper gebraucht wird. Ehe ich et⸗
was davon ermähne, was es durch dieſes Glas für
ein Anfehen gehabt, wird nicht undienlich ſeyn zu ſa⸗
gen, daß es dem bloßen Auge fo groß, als eitt Fleiner' @
Floh zu feyn, und eine dunkle [hmwarzgrüne Farbe zu
haben fchien.' "Außer den Flügeln Fonnte man gar’
und phyſikaliſchen Beobachtungen. 159.
Auge, an einem Inſekte entdecken. konnte, welches
rien — aa einen ‚von. den. —* Se. |
n iſt · ort Ph
Die ale Geftale, bie, es ra bie Hülfe des
Vergrößerungsglafes zu haben’ ſchien, war die Ge
ſialt eines. länglichten Thieres, das am Kopfe nur
ſchmal gegen. das entgegen gefeßse Ende des Körpers
aber immer ftärfer ward. Der Leib war- dic, ‚ges
ruͤndet, und ſchien aufgeblaſen zu ſeyn, und die uͤbri⸗
gen Glieder waren nach der Größe deſſelben ſehe
duͤnne.
Der Kopf iſt geruͤndet, und die Augen find nue
£lein, aber ſehr ſchoͤn. Sie ſind ganz tief, ſchwarz,
aber ſehr heil und glänzend, und ftehen an den Sei
ten des Kopfes ziemlich weit voneinander, der voͤr⸗
dere Theil endiger fich, anſtatt ſich in der. Geſtalt eis
nes Mundes zu oͤffnen, in eine länglichteunde dünne
Mafchine, die dicker als die Beine ift, und beydes i in
der. allgemeinen Figur, und geriffermaßen im Ge
‚ brauche mit dem. hen bed IOBaR Di Me
Der Unterſchied zwiſchen beyden-ift, daß diefe Mas
ſchine am Ende fpigig, und das einzige Werkzeug iſt,
wodurch die Nahrung in den Leib des Thieres ge⸗
bracht wird. Dieſe Maſchine iſt ſehr ſchoͤn einges
richtet; da wo ſie am Kopfe feſt fißer, iſt ſie am weis
teſten, und wird von da bis. zu der. Spitze allmählig.
enger» Ihre Farbe it. ein helles und glänzendes
- Grün, und ziemlichermaßen durchfichtig. Sie beftes
het aus nicht weniger, denn acht Öelenfen, welche wie
die Gelenke unſerer neuern Fernglaͤſer in einander
laufen, und kann folglich durch die Kraft, die das
leben ſie nach Gefallen hervor zu ſtoßen und z “ v
ruͤ
160 Fortſetzung der microſcopiſchen
ruͤck zu ziehen, nachdem es die Gelegenheit erfordert,
verlängert und. verkürzet werden. Ihre Spige iſi
hart ı und fedr ſcharf. Mich weit von dem aͤußerſten
7
Ende hat ſie zwo laͤnglichte Deffnungen , an jeder |
Seite eine" Auch zeiget fich eine zivkelförmige Muͤn⸗
dung; um die Saͤfte der Pflanze in dieſe Maſchine
hinein zu bringen, welche Muͤndung aus dem äußere
ften Ende des unrerften Gelenkes hervorgeftoßen wird,
und die vielmehr ein Anhang diefer Mafchine, als
ein Theil derfeiben zu ſeyn ſcheint. Dieſes aͤußerſte
Ende des Rüffels koͤmmt nicht anders zu fehen, als
wenn diefe Creatur gezwungen wird, e8 hervor zu
ftoßen, wenn der obere Theil derfelben zwiſchen die
Zange geklemmet wird, die einen Theil des Vergroͤſ⸗
ferungszubehörs anemacher. Wenn es folchergeitale
hervorgeftoßen ift, fo zeiger es ſich deutlich, auf was
für Art die Creatur frißt. Dieſe Spige findet ihren
Weg in die Rinde des Zweiges, oder in das Blatt,
und führet ja erfte Glied des Ruͤſſels mit fi) Hin»
zunde, Die es machet, bringt einige von
gende Kraft, melche alte Ruͤſſel der Inſekten zu has
us ihren Gefäßen heraus, und die fau«
ben fcheinen, ziehe mehr davon heraus, welches alles
in die Deffnungen an den Seiten diefer Spiße eitte
genommen wird, die allenthalben hohl zu feyn ſcheint,
außer unmittelbar an dem außerften Ende, 'und an
der zirfelförmigen Deffnung zmwifchen dem Lmfange
des Theiles, wo der Nüffel ‚befeftiger ift, und dem
Dinge, den das Ende des Ruͤſſels mache. Alle
‚Säfte werden durch die faunende Kraft) Tängft der
mzen Höhlung des Ruͤſſels zu dem Körper des Thie=
m binauf gefuhret, und daſeibſt in einen Magen ges
RM
und phyſttaliſchen Beobachtungen. 161
bracht, der gegen die durchgängige Größe. der Ereatur
für fehr groß zu. balten ift, und der die ungemeine
Ausdehnung des Körpers verurfache. RO
Recht an der Stirne des Kopfes, zwiſchen den Aus
gen, aber etwas höher hinauf, ffehen ein Paar An-
tennae oder Hörner, wie fie gemeiniglich genennet
werden. Diefe find von einer befondern Einrichtung
und von hoͤchſter Schönheit. Sie find dünner, als
der feinfte Zaden, und etwas länger, als der ganze
Körper. Sie fommen dem bloßen Auge als fchlechre
Faſerchen von einer fehwärzlichten Syarbe vor; bey
einer genauern Betrachtung aber zeiger fichs, daß fie
von einer fehr Eünftlichen Einrichtung find, Eine
jede ift aus ungefähr 14 Gelenken zufammengefegr,
und diefe alle haben diefelbe regelmäßige Fugelförmige
Figur, fie find aber eins ums andere von einer tiefen
Purpur und einer glänzenden fchwarzen Farbe. Die
Gelenke find unten am größten, und werden big zur
Spitze allmählich Fleiner, wo fie unbefchreiblich klein
find. Unten find fie an einem länglichten oder elli—
ptiſchen Körper befeftiget, der nicht fomohl eines von
den Gelenken, als vielmehr eine Art von Unrerftügung
des Ganzen iſt. Diefer ift in dem Kopfe befeftiger,
‚und. machet bey der Zufammenfügung mit dem eigene:
lichen unterften Gelenke der Antenna eine Art von
‚ Krümmung oder eines Knies. Die abwechfelnde
purpurrothe und ſchwarze Farbe der Gelenfe find
bende fehr glänzend und fehon. Die Gelenke felbft
find vollfommen rund, fo daß fie fih nur in einem
ſo fleinen Punete ‘berühren, daß man fich wundern
muß, wie fie an einander befeftiget ſeyn koͤnnen; und
‚überhaupt haben fie vollfommen das Anfehen einer
ü 33 Band. Hals⸗
162 Sortfegung der microfeopifchen =
Halsfchnur, auf welche eins ums andere ſchwarze und
purpurfarbene Knöpfe gezogen find. Der Bau der
Hörner diefes Inſekts ift nicht alles, was merfwürdig
an demfelben ift; fie werden auch in einer ganz andern
Richtung, als bey den meiften andern Creaturen, die
dergleichen haben, getragen; denn gleichwie folche
gemeiniglicy entweder ruͤckwaͤrts gebogen find, oder
mehrentheils aufgerichtet ftehen, fo werden diefe un
mittelbar vorwärts geftoßen. |
Der Kopf zeige weiter nichts merkwuͤrdiges, außer
daß der hintere Theil deflelben, zumal gegen die Zus
fammenfügung mit der Bruſt zu, eine fo glatt polirre
- Oberfläche hat, die dem belleften Glanze ausgearbei-
teter Edelgefteine den Vorzug flreitig mache.
Der ganze Körper iſt von einer dunfelgrünen Far⸗
be, die etwas metallähnliches an fi) hat. Die Bruft
ift furz und dick, oben aber flach. Sie hat ein tie
feres Grün,“ als der Kopf, und in der That einen
Anfag vom Schwarzen, und der gelblichte oder me
tallähnliche Glanz, der gerwiffermaßen an dem Kopfe
wahrgenommen wird, ift an diefem Theile kaum zu
fpüren. Die ganze Oberfläche ift vollfommen glatt
und glänzend, fie hat aber an jeder Seite ungefähr
in der Mitte zroifchen den Eden und dem Mittels
puncte einen fchönen Zierraty. Dieß ift eine breite
gerade Sinie von einer tiefen und fchönen Purpurfar-
be, von eben der Art, wie die purpurfarbenen Glies
der der Hörner, nur daß fie noch fchöner und gluͤhen⸗
der ift. |
und fo dick, daß er aufgeblafen zu ſeyn ſcheint. Seine
Farbe ift ein ſchoͤnes Dunfelgrün, mit einigem Anfaße
| vom
Der $eib ift von einer mehrentheils ovalen Figur,
| und phyſikaliſchen Beobachtungen. 163
vom Schwärzlichen, bat aber auch einen ſchoͤnen
Glanz von einem metallähnlichen Gelben. Laͤngſt den
beyden Seiten laufen zwo Reihen Flecken von eben ders
felben fehönenPurpurfarbe,als die Linien auf der Bruſt.
Sie madyen an jeder Seite dee Leibes zwo Linien aus,
die mit der einzelnen Linie an jeder Seite übereinftim« -
men. Diefe Purpurfarbe wird von dem bloßen Auge
gar nicht gefehen, und es ift ganz fonderbar, daß wir.
feine einzige von den wirklichen und ächten Farben
des Inſekts, weder die Purpurfarbe, noch das Grüne,
noch das Gelbe, noch das Schwarze, fondern eine ver.
mifchte Sarbe feben, die eher einem bräunfichen
Schwarz, oder einem dunfeln Eifengrau, mit einer
Mifhung von Braunem, als irgend einer andern
Farbe gleich ſieht.
' Die ganze Oberfläche des Seibes ite eben fo merlich
poliret, als der Hintertheil des Kopfes und die Bruſt.
An dem binterften Theile ftehen gleichfam ein Paar
Hörner, Die gewiffermaßen den Antennis des Kopfes
ähnlich fcheinen, wenn fie mit dem bloßen Auge geſe—
ben werden; fieht man fie aber durch das Vergröße-
rungsglas, 0 befindet man fie ganz anders,’ Gie find
nicht halb fo lang als die Antennae, fie find nur
ſchlechtweg eingerichtet, unten weit, und laufen gegen
die Höhe immer ſpitziger zu. Sie haben feine Ge⸗
lenke, auch Feine fo ſchoͤne Abmwechfelung von Farben,
fondern find bleichgrün. Sie erheben fich von den
beyden Seiten des Hintertheils des Leibes, nicht weit
von dem äußerften Ende deffelben, und ihre Richtung
geht rückwärts, fo wie die Antennae gerade vorwärts
»gerichtee find. - Der — Hoͤrner laͤßt ſich
mit
—
164 Fortſetzung der mieroſcopiſchen |
mit feiner Gewißheit zeigen, fie geben indeſſen der
Creatur ein ſehr ſeltſames Anſehen.
Dieß Thierchen hat ſechs Fuͤße, die alle ——
hends von einer ſchoͤnen bleichgruͤnen Farbe ſind, aus-
genommen an den Gelenken, wo ſich einebraune Farbe
zeiget, und wenn fie in ihrer gewöhnlichen Stellung
im Stande der Ruhe find, fo fteht das Knie, wo das
mitteljte Gelenfe fo mag genennet werden, höher, als
der Rüden. Sie find ſchlechtweg eingerichter, auss
genommen an dem legten oder unterften Gelenke, wo
fie verfhiedene Einfchnitte oder queerdurchgehende
Linien haben, welche dieſem — ** das Anſehen ge⸗
ben, als wenn es aus verſchiedenen andern Gelenken
zuſammengeſetzt wäre. An dem aͤußerſten Ende dies
ſes Gelenfes, und zwar an jedem Beine, ftehen drey
fcharfe Klauen oder Zehen, von einer Enochenhaften
Subftanz und ſchwarzen Farbe, welche beftimmt zu
feyn fcheinen, etwas recht feft zu halten, und womit fie
fich ſelbſt auch feſt ſetzen koͤnnen.
Sie haben vier Fluͤgel; dieſe ſind, gegen das ganze
2 Thier zu rechnen, von mittelmaͤßiger Groͤße. Die
beyden aͤußerſten ſind groͤßer und von einer viel ſtaͤr⸗
kern Beſchaffenheit, als das innere Paar; fie werden
aber alle viere gemeiniglich aufgerichtet getragen.
Ihre Hauptfarbe ift ein blaffes Braun, mit einem -
Anfage von einer hellen Silberfarbe. Das äußerfte
Paar ift-dunfler, und hat am wenigften von der lege
ten Farbe, das innere ift blafler, und die unterfte Flä-
he infonderheit iſt am filberfarbigften. Der auswen-
dige Nand eines jeden Flügels des oberften Paares
ift mit einer Arc von breitem. Bande, oder mit einer
— eingefaßt, ſo viel dicker iſt, als der übrige Theil
De
—
und phnfifalifchen Beobachtungen. 165
des Flügels, und eine tiefe Chocoladenfarbe hat. Der
innwendige Rand bat eine fehr fhmale und dünne
Einfaffung von derfelben Farbe, wiewohl etwas blafe
fer, und es laufen zwifchen- diefen Einfaffungen drey
Reihen Stecken von derfelben tiefen Farbe, Die Außerite
Reihe davon iſt die größte, die innerfte aber ift nur
fehr Elein.
Die untern Flügel haben gar Feine Einfafjung, die
‚durch eine befondere Farbe unterfchieden wäre, auch
feine ordentliche Reiben oder Linien von Flecken, fon
dern ıwenn fie genau unterfuchet werden, fo findet man,
daß fie über und über mit Eleinen Flecken von derſel⸗
ben Arc beſprenget ſind.
‚So wunderbar iſt der Bau dieſes fo wenig geach⸗
teten und fo unbeträchtlichen Thieres, das Durch die
Unwiſſenheit derer, die es zu ſehen bekommen, mit
einer Menge von andern Thierchen vermiſcht wird,
die doch gar ſehr davon unterſchieden ſind, und dag
felbft unter diefem Haufen bloß als der Urheber eines
Schadens bekannt üft, deflen es ſich zwar zu Nutze
machet, aber doch in der That kein Vermoͤgen hat,
denſelben zu verurſachen.
166 Beobachtungen J
EEE ee een
a :
Joh. Gottfr. Zinns,
außerordentlichen Mitgliedes der koͤnigl. Geſellſch.
der Wiſſenſchaften zu Goͤttingen,
Beobachtungen an kranken
Koͤrpern.
Aus dem II B. der Comment. Soc. R. Sc. Gotting.
| 364.©.
I. Beobachtung. |
Eine wäßrichte Geſchwulſt (Oedema)
am Fuße, welche von einer Preffung der
Schenfelblutader entſtanden.
| 9 ey einer Woͤchnerinn, von bey nahe dreyßig
Jahren, kam nad) einem ſehr ſchweren Ges
baͤhren, weil fie wenig für ihren Körper be»
forget war, die Geburtsreinigung (Lochia) gänzlich
“ing Stoden. Kurze Zeit darauf. entjtund an dem
ganzen rechten Fuße, von der Weiche an bis an die
Ferſe, eine ödematifche Geſchwulſt, welche Die rechte
Schamlefje mit einnahm, und wobey die Frau zu⸗
gleich ven Appetit verlor. Diefe Geſchwulſt nun zu
vertreiben, wurden alle Hülfsmittel, die nur Die Arzt
neykunſt gewähren Fann, wiewohl ohne Erfolg, ges
braucht. Es wollten weder diaphorerifche noch
} | 84 harn⸗
an Eranfen Körpern. 167
| Gacnteeibende, noch purgierende Mittel helfen ; und
' der Dunft geiftiger Sachen, und das Reiben, machte
der Patientinn fehr große Schmerzen. Man machte
eine Inciſion in die Haut des Schenfels, um das Waf:
fer durch ein Fontanell auszuleeren ; allein es floſſen
nur wenige Tropfen heraus: denn das Serum war
in dem zellichten Gewebe, nachdem es allen flüßigen
Theil in fich gezogen, faft zu einer zitternden allerte
gerorden. In einem halben Jahre endlich ftarb
dieſe Frau in einer Engbruͤſtigkeit. Ben angeſtell⸗
ter Section fand man, daß gewiffe um die Schenfel»
ader herum liegende Weichdruͤſen, welche verhärtet
und fehr vergrößert waren, die innere Weite der Ader
ſehr vermindert hatten.
II, Beobachtung.
Ein an der Gebaͤhrmutter hangendes
| Fleiſchgewaͤchs.
Eine Frau von ſechzig Jahren kam in das Kran⸗
kenhaus, um ſich die eine Bruſt, welche mit dem von
einer innern Urſache entſtandenen offenen Krebſe be»
haftet war, abloͤſen zu laſſen. Außerdem aber klagte
fie über Schmerzen in der. Gegend des Heiligbeins,
oder, wie man gemeiniglich zu fagen pflegt, im Rreu⸗
ze. Die Bruft wurde von dem fehr erfahrnen Wund⸗
arzte, Herrn Pallas, abgefest : und die Frau war
Hierbey überaus ſtandhaft, obgleich die verhaͤrtete
Geſchwulſt mit einem Theile an dem Bruftmuffel
bieng. Als nach einigen Tagen ein wenig weiter
unten ſich einige Be zeige, wurde dieſe auch aus-
4 geſchnit⸗
16 Beobachtungen Be
gefchnieten, und die Wunde ließ ſich ſo an, daß man |
fich die ftärffte Hoffnung auf eine gute He lung mas
chen fonnte. Bey diefem allen aber en zwar die:
Schmerzen im Kreuze auf ; allein die arme Frau:
fieng fih zu brechen an. Diefes Brechen fonnte
durch feine Kunſt geftillee werden, und es wurde ſo⸗
gleich alles.unverdauet, auch fo gar die ſtillenden Arzt⸗
neyen ſelbſt, wieder wehgebrochen wodurch die F Frau
nach und nach ſo geſchwaͤcht wurde, daß man einige
Tage vor ihrem Tode kaum den Puls fühlen konnte.
Das Brechen hörte zwar von fich felbft auf; es folg«
te aber fo gleich darauf ein Zerfließungsdurchfall,
(Diarrhoea colliquatina) der ihr in zwmeenen Tagen:
das Garaus machte. Als man den teichnam oͤffne⸗
te, fand man in dem Unterleibe alles gefund, außer
daß vie Öallenblafe, wegen des langen Faſtens, auf
eine wunderbare Art ausgedehnt, und der Magen
fo zuſammen gezogen war, daß er faft nicht weiter als
der Darm war. In dem Becken aber fand man
eine erftaunliche Gefchmulft, welche daſſelbe ben nahe
ae ausfüllte, und faſt zwo Fäufte groß war: ihre
Subſtanz war härtlicht, faferiche, zäbe, fo, daß fie:
den Namen eines Fleiſchgewaͤchſes zu verdienen fehien,
Diefe fleifchichte Mafle Fam aus dem Halfe der Ger
baͤhrmutter heraus, an welchem fie fo angewachſen
war, daß fie nicht, abgefondert werden Fonnte, und.
lag zmwifchen ver Gehährmutter und der Blaſe. In⸗
deſſen habe ich nicht gehoͤret, daß ſie jemals uͤber eine
Beſchwerlichkeit bey Laſſung des Urins geklaget.
Kamen nicht die Schmerzen im Kreuze aus einer
Preſſung der benachbarten Theile her? Was war aber
die Urſache des ſtetswaͤhrenden — ? ne
nicht,
an Franken Körpern. 169
nicht, der Geſchwulſt zugeſchrieben werden zu Fün-
nen? Warum wurde die Patientinn aber nicht vor
| de Operation mit Brechen — da DE die
| Geſchwulſt ſchon da war? |
— Bi Beobachtiing
Nähte der life welche
bey einem Maͤgdchen von eilf Jahren mei⸗
ſtens verwachſen geweſen. an
« Ein Mägdehen von eilf Jahren verlor durch eine
| * Laͤhmung faſt alle Bewegung ſolcher Ger
ſtalt, daß außer den Bewegungen, welche nicht von
dem Willen abhaͤngen, den Bewegungen der Gefichts»
muffeln, und derer, die zur Stimme und zum Schlu=
Ken dienen, in allen übrigen Theilen, die Bewegung
‚und Empfindung unterdrüct war. An den Berrich-
fungen der Seele aber und den finnlichen Werfzeus
gen mangelte nichts... Als nad) ihrem Tode der Kopf
geöffnet wurde, fand man die Knochen der Hirnfchas \
le fo mit einander verbunden, daß fich weder einige
Spur von der Kranznaht, noch von der Pfeilnaht
zeigte. Die Schlaffnochen waren mit den Knochen.
des Hinterhaupts ‚ wie auch die Knochen des Keil«
beins mit den Schlaffnochen, an vielen Drten züs
fammen gefloffen. Kann man die Urfache der führe
mung nicht von der Zufammenwachfung der Hirns
fchalenfnochen herleiten? Ich —* Ye Gerippe
ſelbſt —— A |
— IV. Berb⸗
—
mo Beobachtungen
| IV, Beobachtung.
Eine Portion der zottichten Haut
(Membrana villofa) des Maftdarmes, wel: ’
che durch den Stuhl weggegangen.
‚Bon einem Manne von ungefähr funfzig Jahren,
welcher außer einer convulfivifchen Engbrüftigfeit mie
den fchleimigten Haͤmorrhoiden behaftet war, gieng,
als er zu Stuhle ſaß, eine weiche ſchwammichte, di.
‚de, ausgehöhlte Haut durdy den Hintern ; fie war
fehr ftinfend und faft wie eine ‚halbe Hand groß.
Hierauf wurde viele Tage lang eine eiterichte Mater
rie häufig ausgeführer. Als er lange Zeit darauf
wegen der convulfivifchen Engbrüftigfeit wenige Gra⸗
ne Meerziwiebel (Squilla) einnahm, Elagte er fo gleich
über Schmerzen in dem Maftdarme. Itzo aber
befindet er ſich fehr wohl.
V. Beobachtung. -
- Einer ledigen Weibesperfon von dreyßig Kahren,
welche ſchwere Arbeiten zu thun pflegte, uͤbrigens ſehr
geſund war, wurde die eine mit dem offenen Krebſe be
haftete Bruft abgeſetzt. Sie hatte diefes Uebel von einer
Preſſung der Bruftdrüfe (glandula mammaria) be- |
fommen, weil fie ſich täglich ftarf mit der Bruft auf
den Hebel legte, vermittelft deffen die Walker den
Balken, worunter die Preffe liegt, herum drehen.
Als fie in das Krankenhaus Fam, waren ſchon einige
Druͤſen unter der Achſel (Glandulae fubaxillares)
feirrhös und verhaͤrtet: die Dadurch entftandene Ges
ſchwulſt
/
an Franken Körpern. - 1
ſchwulſt aber verlor ſich von der Vereiterung der
daran befindlichen Wunde fo, daß man nachmals
nicht einmal den Ort, wo fie geweſen, finden konnte.
Die ziemlich große Wunde aber wurde, ohne den
geringiten fchlimmen Zufall, fehr gut gebeilet. Fürch»
ten fich nicht faft alle für dem Abſetzen einer Bruft,
wenn die Achfeldrüfen ſchon verftopft find ?
ee ee ee ee Ze a ee ee ee ee ze ee X
| 111.
Johann Lorenz Withofs,
eines Sohnes
von Joh. Hildebr.
Doctors der Arztneykunſt, und der Facultaͤt derſelben
auf der Univerfitat zu Duisburg vormaligen Aſſeſſors,
nunmehrigen Profeffors zu Hamm,
Anatomie des menfchliche
| Haares.
Aus dem IT B. der Comment. Gotting.
368 Seite.
F aß man bisher noch keine vollſtaͤndige Hiſto⸗
3 rie des menſchlichen Haares gehabt, ſcheinen
vornehmlich folgende zwo Urſachen verhin⸗
dert zu haben: erſtlich, weil die zur Phyſiologie des
Menſchen angewandte Erfahrungen bloß an den
Haaren der Thiere angeſtellt worden; welchen man
doch
——— a"
172°, Anatomie
doch feinen: andern Nusen zugeftehen Eonnte, als
das fie den durch das menfchliche Haar ermüderen
Beobachter Durch eine angenehme Leichtigkeit erquicke
ten. Anvdern Theils, weil man nicht aus etlichen
taufenden, fondern aus wenigen Haaren, Schlüffe
hergeleitet. Hieraus ift man alsdenn in Irrthuͤmer
und unvermeidliche Widerfprüche gefallen. Denn
diefe Werkzeuge fißen in der Haut an Zufammen«
flüffen ſtockender und. öfters unreiner Säfte, die die
reichiten Duellen nicht einerley, fondern vieler und -
mannigfaltiger Krankheiten find. Diefe Berändes
rungen aber von der natürlichen Beſchaffenheit un«
terfcheiden zu fonnen, muß man nicht etliche hundert
Haare, auch nicht von einem Menfchen allein, vor
das Microfcop bringen. Da id) nun diefe Gelegen«
heiten zu Irrthuͤmern vermieden zu haben glaube,
fo will ich eine Beſchreibung des Haares, die, ob fie
‚gleich nicht vortrefflih, Doch wenigſtens gewiß ift, in⸗
deſſen durch diefe kurze Abhandlung mittheilen ; bis
einmal ein größer Werfchen , deſſen erften Theil ih
vorm Jahre heraus zu geben angefangen, völlig ans
Licht tritt. Man finder alfo Bier nur den Kern der
ganzen Frucht. *— | “
Die Derter, wo die Haare eine fonderliche Dicke,
Laͤnge und Dichtigfeit befommen, find die ganze obere
und hintere Gegend des Hirnfhäbels; ferner der
Nacken, die Schläfe,der Eingang des Gehörganges,
auch die Augenbraunen, die beyden Augenlieder ; bey
den Mannsperfonen die obere und untere Lippe, und
das Kinn, weswegen auch das ganze Geficht, indem fie
bis an die Stirn hinauf fteigen, mit einem haarigten
Kreiſe umgeben ift. Weiter der Umfang umdie Warzen
| —— der
*
des menfehlichen Haares. . 473
der Brüfte, die männliche Bruſt, die Achſelhoͤhle, die
Schaam, wo ſie nach dem Nabel herauf eine pyra⸗
midaliſche Figur machen; der Hodenſack, die Gefäß:
naht, (perinaeum) der Hintere, die äußere Seite faft
des ganzen Arms, der Handwurzel, (Carpus) der
Mittelhand (Metacarpus) und die erfte Gliederreihe
der Finger ; das ganze inwendige und auswendige
Dickbein, die Fahle Fläche zu oberft und äußerlich,
welche eine Hand groß ift, ausgenommen; das gan«
ze Schienbein allenthalben; endlich die obere Gegend
des Mittelfußes und der erften Sliederreihe der
Zahen. —
Die Haare, welche außer dieſen Oertern auf der
Haut wachſen, ſind ſeltener, weicher und kuͤrzer; auch
nicht bey allen beſtaͤndig an einerley Dertern. Zu—
weilen find auch, vornehmlich bey haarichten Manns»
perfonen, öfters die Thränendrüschen (carunculae la-
erymales) mit einigen Haaren beſetzt. Daß in ver
flachen Hand und auf den Fußſohlen Fleine Haare
gefunden werden, bat, meines Willens, einzig und
allein Prater angeführer, welches aber wider den
Augenfchein it. Es find auch mwidernatürlicher
Weiſe in inwendigen Dertern mehr als einmal Bis
ſchel Haare, die jedoch nicht allezeit, in einer fetten
Materie verwicelt gervefen, in der großen Thraͤnen⸗
druͤſe, (glandula lacrymalis) über dem Ohre, in den
Halsmufkeln der Dchfen, im Herzen, im Nege, in
den Gedärmen, in den Harnwegen, im Everftocke;
in der Gebährmutter, in den Hoden. Daß derglei-
chen in dem Magen gefunden werden, ift gewiß: daß
ſie aber darinn gezeugt werden, hieran habe ich noch
— zu zweifeln. Von einer haarichten Zunge
| bat
\ \
174 , Anaten
hat Zacutus Lufitanus, welchem man aber öfs
ters nicht viel glauben darf. Daß übrigens nicht
alle nur von der Gattung der Außerlichen Haare find,
auch nicht von ungefähr auf foldye Art entftehen, wie
Morand meynte, machen aud) diejenigen Haare ge»
nugfam glaublich, welche der Herr von Haller, wie
in den englifchen Transactionen, und alsdenn in dem
bamburgifeben Magazin, nachmals auch in
der hamburgifchen Bibliothek befehrieben worden, in
dem weiblichen Enerftocke gefunden bat. |
Altenthalben aber, wo die Haare entweder der
Natur gemäß äußerlich auf dem Körper, oder wider,
natürlicherweife in den innern Theilen wachen, befin
der fich eine für fie fehr geſchickte ölichte Mutter, und
zähe Materie. Daher find an feinem Orte mehrere
und längere Haare, als auf dem Kopfe, in der Ach:
ſelhoͤhle, an der Schaam und Deffnung des Mafts
darms: denn diefe Genenden find mit den meiften
Ferthöhlchen verfehen. Wo hingegen diefe Hoͤhlchen
(folliculi) nicht vorhanden ſind, da ſind auch keine
Haare. Daher entſpringen die meiſten Haare aus
dem Fette; die kleine Wolle aber aus dem Koͤrper
der Haut ſelbſt. Die Nervenwaͤrzchen wuͤrden den
dritten Sitz derſelben ausmachen, wo nicht der hoch⸗
verdiente Ruyſch erſtere Hauthoͤhlchen einmal fuͤr
Waͤrzchen gehalten. Daß aber die Haare tief und
feſt in dem Knochen der Hirnſchale geſteckt haben,
wie vom Rommel, einem Arzte zu Ulm, erzaͤhlet
wird, Fann, wenn e8 ja wahr ift, nicht anders als wi⸗
dernatuͤrlicher Weiſe geweſen ey. 00,
Auch das bloße Auge unterſcheidet ſchon an jedwe⸗
dem Haare, das nicht verſtuͤmmelt iſt, 1) ‚einen lan⸗
—* gen
*
des menfehlichen Haared, 175
gen und dünnen Faden, und 2) ein meiftens dicfe-
res, allegeit aber durchfichtigeres Knoͤtchen: jenes
wird der Körper der Haare, diefes die Wurzel oder
der Knollen derfelben genennet. Die größern Haare
auf dem Kopfe, Barte, Schaamgegend uf. f. haben
ihre ganze Wurzel und auch einen Theil ihres Kör-
pers in einem geriffen befondern Bläschen, welches
das Höhlchen der Haare ift, ſtecken. Die kleinen
Wollhaͤrchen ſtecken ohne dieſen Behälter, wenig»
* iſt er nicht ſichtbar, unmittelbar in der Haut
elbſt.
Das ausdehnbare Hoͤhlchen oder Saͤckchen wird
von einem zarten und in eine kugelfoͤrmige Geſtalt
laufenden Haͤutchen gemacht. Die Laͤnge uͤbertrifft
die Dicke um etwas, und der Grund deſſelben iſt alles
zeit folbichter, als das obere in eine engere Röhre zu⸗
laufende Ende. Die Größe richtee fich nach der ver-
fehiedenen Größe der Wurzeln; jedoch ift es viel
größer als die Wurzel, welche in diefem überleyen
und ziemlich beträchtlichen Zwiſchenraume fehr locker
ſteckt. Die Farbe deſſelben ift nicht allezeit einerley ;
fie ift gelb, weißgelblicht, weiß, und fällt zumeilen aus
dem Himmelblauen ins bleyfarbene (liuidus). Die
Sarbe der Saͤckchen läßt ſich auch nicht aus der dunfeln
Sarbe der Haare erklären : denn es ift öfters weiß,
und umgiebe gleichwohl ein ſchwarzes Haar. Die
Duelle der Farben ift alfo nicht hier in dem Körper
der Haare, wie Kourneau mennte, fondern anders
mo zu fuchen. Außer den Nerven durchlaufen dafı
felbe überall Blut: und Pulsadern, welche zwar über:
aus zart find, bey dem allen aber das eingelprüßte
Wachs begierig genug in fich ſchlucken. Hieraus
u nun
7168Anatomie· >
nun dunſtet ein geriffer zarter Liquor, der fich aber
doc) etwas in Fäden ziehen läßt, in den überleyen
Raum; und wird fichtbar, wenn man das Saͤckchen
mit einer Nadel, die vorher mit einem feidenen Laͤpp⸗
chen forgfaltig abgewifcht worden, hinein fticht,, und
es druͤcket: denn es ſchwitzt alsdenn eine Feuchtigkeit
heraus, die meiftens weißgelblicht ift. Die Kraft der
4
*
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1
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Nerven aber wird durch die Entzündung fichtbar ge«
macht, welche, wenn man ein einzelnes Haar allein
ausraufet, und dadurd) Die Haut reizet, fo gleich dar-
auf entſteht: desgleichen erhellee folche auch aus der
Wirkung, die das Auszupfen der Haare rıAmorg-
xav, welches auch vom Aretäus von Cappadocien
angepriefen wird, ben finnlofen Leuten hat, da dieſel⸗
ben dadurch wieder zu fic) ſelbſt gebracht werden,
In diefem Saͤckchen nun iſt die Wurzel der Haare
als in einer fchlaffen Kapſel eingefchloffen , ‚und fteige
faft von unten an in demfelben herauf. Diefe erfenner
man bey Haaren, die noch im beften Wachsthume
find, an der Farbe und an dent ziemlid) ftarfen Zus
rücftreben. Sie ift einigermaßen weichlicht; aͤußert
ben dem allen aber, wenn fie leicht gepreft wird, ei
nige Elafticität.: brauche man aber ftärfere Gewalt, -
fo wird der ganze Knollen leicht zufammengedrüdt
und platt, Jedoch iſt er allezeit härter, als die fluͤſ⸗
fige Gallerte, aus welcher Fourneau ihre Wurzeln,
ich weiß nicht auf was Art und Weile, zufammenges
-feßt findet. Man wird nicht Teiche zwo Wurzeln fin-
den, die in Anfehung der Figur nicht fehr von einans
der unterfrhieden wären, Indeſſen fheinen dieſe Ge⸗
fege der Nasur aus dem ungeheuren Haufen Beob⸗
* achtun ⸗
AR des menſchlichen Haares. 177
achtungen einigermaßen" klar zu’fehn. "Die Knollen
der längften Haare, die auf dem Köpfe, dem Kinne,
‚der Achfelhöhle, der Schaam und den daran liegenden
Oertern wachfen, find entweder ehfoͤrmig oder edliche, |
Die Haare der Augenlieder und Augenbraunen find
mit Wurzeln verſehen, die mehr hoͤckericht und rund
oder Fugelförmig find. " Die kleinern Haare auf dem
Dickbeine, Schienbeine, Arme und übrigen Kötper,
‚welche man die Wolle nennt, haben mehr länglichte,
duͤnnere, die nicht fo Deutlich von dem übrigen Koͤr⸗
pet der Haare unterfchieden find. Von den Naſen⸗
haaren ſind gar zu wenig Erfahrungen vorhanden,
als daß man eine allgemeine Wahrheit daraus zie⸗
ben koͤnnte. Die Wurzeln aber werden an ven
Ausgänge der Haare fait alle etwas dünner; einige
viel, andere'wenig. Sie find auch in Anfehung der
Figur und Größe überaus mannigfaltig : vergleicht
man aber die Größe-derfelben mit der Sänge, oder
Höhe und’ Dice, fo iſt fie faſt allezeit der Größe
der Haare felbft proportionirt, Jedoch haben die
Haare, welche durch die Länge der Zeit grau gewor⸗
den, meiſtens die Fleinften Wurzeln, ob es gleich die
längiten find. ° *
Wenn das Fichte zwifchen die Knollen und dag
Vergrößerungsglas fällt, fo ficht alles weiß und glaͤn·
jend, wie ein gereinigter Salpeter: diefer Glanz aber
verſchwindet geſchwind, wenn der Knollen mit einer
feidenen täppchen gelind abgemifcht wird.” Wird aber
ber Knollen fo zwilchen Das Sicht und dne Miferucopse.
ſtellt daß das erftere dirchfältt, fo wird ein varbinr:
ausgefpannterfupferner D- ah ziemlich Deutlich dutch:
zufeben feyn. Daß aber nicht der ganze Knollen leich
13 Dand, M durch·
/
Rz
178 SUHR ae Ar —*
durchſichtig iſt/ machen die unzaͤhligen fehr kleinen
Kat befi ichen a as welch
dunkeler als die peu une find...
Der Knollen beſteht aus einen sroepfachen 7
ang ; ‚einer äußern und einer, innern. Die äußere
I ein aus vielen Plättchen, die ſich durch Schaben
leicht von einander ſondern laſſen, beſte endes Haute
hen. - Die von einander. gefonderten Plättchen find
faſt durchſichtig, außer daß viele ganz, weiße Puncte
darinnen find , Die ganz; und, gar Fein Sicht Durch, ſich
laſſen. Bey einem; frifchen ‚Haare fpringen dieſe
Plaͤttchen, wenn ſie geſpannt werden, geſchwind wie ·
der zuruͤck; bey einem alten und welken aber geſchieht
ſolches nicht. Es laufen ſehr viele Aeſte von Ner⸗
ven, Puls: und Blutadern hinein, und verbreiten ſich
allenthalben darinnen. Vielleicht entſtehen die ganz
weißen Puncte durch das Zerſchneiden. Die Faͤ⸗
ſerchen aber, welche nach dem Chirac, bey den Thie⸗
ren aus der Haut entſpringen und unten in den Knol⸗
len hinein gehen, ſind bey dem Menfchen nicht vor-
handen. Diefes Häurchen macht das Blaͤschen der
Wurzel. Schneidet man diefes auf, fo koͤmmt die
zwote Subftanz zum Vorſchene, welches ein Saft
iſt, der zum Theil zaͤhe, und oͤfters mit fluͤßigen und
luftigen Troͤpſchen vermiſcht iſt; theils auch aus Fa»
ſern beſteht, die ſich, wenn der Knollen zerſchnitten
wird, zuſammen krauſen. Einige von dieſen Faſern
gehen bis an die obere Gegend des Knollens, wo⸗
Telbft. fie augenfcheinlich. enger- zufammen geben, Itzt
beſagter Saft befindet ſich in den Zwiſchenraͤumen
ihres Gewebes, indem ſie auf mancherley Art durch
einander gewirkt ſind. Beyderley Rn: dee
ag
des menſchlichen Haares. 179
Wurzel iſt ein Mark, welches der vortreffliche Here
von Haller nach der gewöhnlichen Analogie ein jel⸗
‚lichtes Gewebe nennt. Liegt übrigens gedachter Saft
‚etwas lange anı der Luft, fo entftehen darinnen glaͤn⸗
er Höhlchen: und lichte Huͤgelchen. Vermuth⸗
lich hat dieſer wegdunſtende Saft dem Chirac, als
er folches geſehen/ Gelegenheit gegeben, hier ‚ein ges
wiſſes drüfenhaftes Häuschen zu behaupten. Eben
dieſer Saft macht es auch, daß der gepreßte Knollen
‚platt. bleibe, und ſich nicht, wieder‘ in feine io: Sin
hoͤhung begiebt u...)
Auswendig ſind an dem ofen ar unten, Ahei
le der Wurzel fünf „fedr felten-fechs Anhänge, die in
Anſehung des Knollens, ſehr zart, durchfichtig, weiß,
ſehr zaͤhe, und oͤfters noch ‚einmal ſo lang als der
Knollen ſind. Die kleinſten derſelben find gerade,
Die laͤngern aber auf mancherley Art geſchlaͤngelt:
und dieſe haben ſehr oft an dem aͤußern Ende, wel⸗
ches nicht an dem Knollen haͤngt, ein dichtes Kogel.
hen, das feſt angewachſen, durchſichtig und eben⸗
falls weiß iſt; es zerſchmelzt auch nicht, wenn man
es nahe an eine, Flamme bringt. Außer dieſen An—⸗
hängen giebt es noch andere Fleine Hocer in großer
Menge: welche aber nach Art der Zaͤhigkeiten bey
der Wärme leicht zerfließgen , und wenn man nur mit
dem Griffel darauf koͤmmt, ſich leicht wegſtreichn
laſ en. ——
— Aus dem Anterſten —— der Wurzel entfiche
der Koͤrper der Haare mit einem rundlichten und
ſehr weichen Köpfchen, welches: ich bey fünf Haaren
durchbohrt gefehen babe, Aber aud) der. ganze Koͤr⸗
J der Haare ſelbſt iſt, ſo weit als er ſich unter dem
M 2 Ober
1 Anatomie 100
Oberhaͤutchen (Epidermis) befindet, allezeit weiße,
‚als der übrige über das Dberhäutchen hervor rag *
de Theil’ der Haare." In dem Koͤrper der Ha
aber felbft koͤmmt, was die, Structur anbetrifft, fol.
gendes dreyes zu bemerken vor : 1) der äußerliche
Ueberzug ; 2) die innere Roͤhre; 3) das innerfte
Mark. Und nunmehro ie von jenweben beſonders
werden. — — ———
* Lu
"Die Haare ift, gleich wo fie aus dem Knollen hei,
‚ai koͤmmt, mie dern Häuschen des Knollens, wel
ches hier meiſtens ein ſehr kurzes Roͤhrchen macht,
genau: umgeben. Mit diefer Röhre ift fie ungefähr
eine Linie lang’ offenbar umgeben, und durchbohrt bey |
weiterm Fortgange entweder bloß die Haut, oder ein
Nervenwaͤrzchen⸗ oder ‘aber ein Schleimdrüschen,
Ceſicala ſebacea) oder endlich bloß das Oberhaͤut⸗
hen. Das von dem vortrefflichen Boerhaave
fo genannte Scheidchen welches von der Haut hin ·
zu koͤmmt, zeige ſich nicht, Daß ſie aber von dem
Oberhaͤutchen ein Futteral bekoͤmmt, iſt augenſchein ·
lich; jedoch iſt es nicht uͤber zwo Linien lang, und
macht die bey ihrem erſten Anfange weichere Haare
feſt durch feine Teocendeit. Die übrige Schale
des ganzen Stammes ift von ihrer Art, durchfichtig,
am meilten in der Spige, denn anderwärts find tn.
‚glaublich fleine und dunflere Winden: ferner fcheine
auch ein fehr fchöner Gang durch, wovon hernach
geredet werden foll. Die grauen Haare, welche je
doch aber nicht flecficht oder gelb find, werden, wenn
man fie in Waſſer einmeicht, fo durchfichtig als die
ar Haare, welche faft alle Kinder haben. Bey
aaren von Kindern ift die Schale weich; bey er⸗
wach ·
Rh
des menſchlichen Haares. 18
achfenen ‚geuten hingegen ‚fo. hart, daß es recht
ppt, wenn ‚man fie zerſchneidet. Sie iſt ſehr
elaſtiſch, und wenn ſie abgeſchabt wird, ſo rollen ſich
nicht nur die Stuͤcken derſelben ſehr gefchiwind zuſam ·
men; ſondern ſie loͤſet ſich auch, wenn eine Haare
quer durchgeſchnitten wird, von der neuern Subſtanz
etwas ab, und zieht ſich — ſo, daß dieſe Sub⸗
ſtanz hervorragt. Bey den laͤngern Haaren aus
der Naſe it die Haͤrte und Elaſticitaͤt am größten 5,
nad) diefen fommen die Haare an, der Scham ; hier⸗
auf die Haare im Barte, die Haare unter den. Ach⸗
fen, die Kopfhaare u. ſ. La Dieſe faft hornichte:
Schale bleibet, auch unter freyem Himmel, über hun»
dert. jahre ganz. Ja bey demjenigen Körper, Der
im fechszehenten „Jahrhunderte „auf der, appiſchen
Straße ausgegraben worden, ‚find die Haare über»
saufend fuͤnſhundert Jahre unperdorben — Ü
entweder dieſes find Die Ueberbleibfel des Leichn
der. Lulliolg. des Kicero Tochter , oder der Pr
la, deren Statius mit $obe gedacht, geweſen. Di
Schweißloͤcherchen aber, welche, wie Poʒ ʒio von den
Sauborſten ſaget, dieſe Schale wie ein Sieb mar
chen, parallel laufen, und ſich mit der Höhe vermin⸗
dern, find ‚bey der menfehlichen ‚Haare nicht vorhan ·
den. Es iſt auch fein: faferichtes Gewebe da, wel ⸗
ches die Schale umgaͤbe, und deffen Loͤcherchen ge⸗
nau auf beſagte Schweißloͤcherchen traͤfe, wie Poz⸗
zio von den Sauborſten ruͤhmet. Denn die an der
menſchlichen Haare, vornehmlich von dem Kopfe,
ſich zeigenden eingedrückten tinien, oder Furchen, wel⸗
che der Herr Baron von Wolf gefehen,, find nur
leichte Eindrücke, die von den Dünnern Haaren, -
M ie
Pr
tx
i
|
fie auf den groͤßern gelegen in die dochgkett enge ii
die Schale überfchmiere wird, gemacht worden. Die
Locherchen aber, welche man öfters fieße,berben offenbar’
von diefem ausdinftenden Safte, wovon auch zuweilen
leere Gruben entftehen, gemacht. Daher werden
auch die aͤſtichten Faͤſerchen, welche, wie Derbeyen,
Blancard und andere anführen, wie Baͤumchen
durch die Schale Taufen), vergebens gefücher, Die
Farbe der Schale fetbft iſt weiß; auch fo gar bey
dunkelbraunen Haaren : Bey fehr fehwwargen Haaren
ſieht man darinnen ſchwarze Streifen. Alſo ſteckt
eigentliche Farbe der Haare nicht in diefer Schale,
gZunachſt unter ig Schale laufen nach der ganzen.
A. der Haare hin ſehr zarte und elaſtiſche Röhre
chen, die nicht fo durchſichtig als die Schale ſind.
= find an Farbe’ ein wenig dunkler als die Farbe,
pr: wi Haare iftz jedoch etwas heiter, als die
Farbe der innern Subſtanz. Sie zeigen ſich, wenn
man die Haare zerfchneidet, niemals Hohl, fondern
allezeie dicht und ausgefülte: Sie find, fo viel als
die abnehmende Dicke der Haare erlaubt, parallel an
einander gefuͤgt. Zumeilen habe ich bey einer Kopf⸗
haare ‚fechfe, bey eier Haare aber von er Schaam,
und" bey: einer von den großen Naſenhaaren fuͤnfe
zählen können. "Allein außer dem Räume, welcher
zum Marfe. gehört, ift noch einer übrig, darinnen fich
nicht alles völlig unterſcheiden laͤßt und man kann
ohne Furcht einen Irrthum zu begehen, fagen, daß
die ganze Haare aus zehn Roͤhrchen beſtehe. Ob
dieſe Röhrchen aber in einem einzigen Kreiſe, oder in -
— IR Kteifen berumftehen, laͤßt — 9
N
Is
des menſchlichen Haares. 183
ba mai nice all gleich und auf einmal überfeßen
an cwiß | agen. g
An find unter fi ch und mit der Schale, |
ums ah RU umgiebt, durch ſehr viele uͤber⸗
aus jarte Querfaͤden verbunden, die elaſtiſch, dunkel,
ügermaßen durchſi chtig ſind, und nicht immer in
leicher Weite von einander abſtehen. Wenn die
Spiße der Haare gefpalten ift, fo find dieſe Fäden ,
zetriſſen. Von dem Urſprunge derſelben ſoll gleich
hernach geredet werden.
Die obgedachten Röhren, welche vermittelt dieſer
Fäden mit einander ‚verbunden find, formiren in der
Mitte, längft der ganzen Haare hin, die Spiße aus⸗
genommen, einen ausgehoͤhlten Gang. Diefen Gang;
Fann man nicht bey allen Haaren in einem Stuͤcke
fehen, fondern. er wird in vielen Haaren durch öfters.
darzwifchen fommende Knoten oftmals unterbrochen,
und fo verdunfelt, daß man ihn von dem übrigen.
Körper der Haare nicht. unterfcheiden kann. Bey
krauſen und gedreheten Haaren macht er bald die mit ·
ul Achſe der Haare aus, bald (d berühret er, indem .
er zu wiederholten malen von der Mittellinie abwei⸗
het, die Schale. Der Durchſchnitt deffelben ift viel
kleiner, als der Durchſchnitt der ganzen Haare. Der
ere iſt allezeit zum winſgſten achtmal kleiner, als
letztere.
ee ift er ganz, voll: ſolglich fü nd die Haare,
| Ian hohl, aber nicht fee. Er iſt aber mit zweyer ·
er erfuͤllet; mit einer — — ERS,
en, welche aufammen, das Mark ausm
"Die erfte Hüßfge Materie ift etwas zähe, und (äße
ſich oftmals zu Faͤden ziehen; jedoch) find viele kleine
M 4 Kuͤgel⸗
184, Kia 8 Anatomie 9 Erg —*
Kuͤgelchen, oder luftige und glaͤn mb ehe di
meiltens, nachdem man fie zu Ge ichte befommen, ze
fpringen, damit vermifcht. _ Dieſes iſt der wi —* |
Sitz der Farbe in der Haare. In ſchwarzen Haa·
ven iſt fie ſehr ſchwarz, und in helle ſchwarzen nicht.
fo ei Die andere feite Subftanz iſt ein Ge⸗
webe von ſehr fubtilen und glänzenden
aus dem Körper des Knollens ſelbſt entſpringen. Sie,
laufen kreuzweis uͤber einander, hin, und formiren ein.
Netz: daher macht das feuchte Troͤpfchen, welches
zuweilen in einem ſolchen Loͤchelchen haͤngt, eine Arc
eines Plätechens oder Haͤutchens. Uebrigens wer⸗
den die horizontalen Plaͤttchen, welche die Haare eines
Igels erfuͤllen, bey dem Menſchen nicht gefunden.
DBeyderlen Subſtanʒ fuͤllet eigentlich den mitteiſten
Gang aus: jedoch nicht einzig und allein; ſondern
ſie wird vielmehr von den Roͤhren ſelbſt unterbror.
chen, und formiret Die. Faden, wodurch bie Roͤhren
mit einander verbunden ſind. Wenn alſo dieſe Sub⸗
ftanz vertrocknet, fo fpaltet die Spiße auf: ‚daher,
ſperret fich diefelbe bey der Wolle, bey den Augenlies
dern, Augenbraunen und Nüfenhaaren fehr felten,,
bey den Haaren auf der Schaam und unter den Ach»
fein nicht fo felten, "oft aber bey den ———— wel·
ches die längften find, von einander, ..,
"Da alfo das Mark von Natur feuchte if da *
— als die Haare iſt, und den unter dem Ober⸗
häutchen hervorbrechenden faftigen. Theil enthält; ‚da,
end ich fich daffelbe ſchon in dem Knollen zeiger: ſo
bielt Leeuwenboek faſſchlich dafür, daß es nur eine
PN von Marke Ei und ‚von. * Vertrocknung ent⸗
X
en \
PETE Zee tt;
j 43 ee? Se % "Bi
ä
i
des menfchlichen Haared. 185 -
*
‚Die äußere. Flaͤche der meiften Haare wird durch
viele überragende Theiichen,, deren zumeilen bey einer |
Portion, von, einer Haare, die nicht über zwo und eine‘
rheinlandiſche Linie Lang. ift, acht. und zwanzig gezaͤh⸗
let werden, uneben: gemacht. Ein Theil derfelben,
der mancherley Figur, hat, iſt fo helle wie ein Glas,
und ‚bleibt von dem-mehlichten Staube in.den Haupt:
haaren zuruͤck. Den von den kleinen Schuppen des
Oberhaͤutchens übrig gebliebenen Theil, befümme man:
öfters. bey. der Wolle: zu ſehen. Die, dritte Gattung
iſt sähe und kugelfoͤrmig, zerfließt bey den Kopfhaa⸗
ren, wenn man ſie an die Flamme eines Lichtes bringt,
und, ſcheint bey den Haaren unter. den Achſeln ſehr
dicke. Die vierte Gattung begreift, verſchiedene uns
|
|
|'
|
lit
gleichartige Unreinigfeiten, Safern, Plättchen, Flecken,
die aus der Luft drauf gefallen ſind, unter fi.
Wenn man .diefes alles abwifcht, fo; iſt Die Ober⸗
fläche.der Haare ‘glatt: und rund : außer daß bey den’
Haaren unter den Achfeln und auf: der Schaam viele
derfelben auf mancherley Weiſe gefrümmer und ge»
drehet find, bald. Hohlfehlen, bald. Schneiden haben,
und folglich geftreift oder eckicht ausſehen. &o find’
ohne Zweifel diejenigen geweſen, welche Bartholin,
Spiegelund Barbette viereckicht genennet haben.
Sie laufen bey der Spitze fo duͤnne zu, daß die fleis
nern an den Yugenbraunen, in der Naſe, u. f. f. faft
fegelförmig find... Zumeilen befinden ſich bey einer
gelpaltenen Haare, außer ‚vorbefagten Unreinigkeiten,
einige abgeriſſene Stüce, welche von denen, die nicht
aufmerkſam genug geweſen, fuͤr eine Art von Aeſten
gehalten worden: bringt man aber mehrere derſelben
vermittelſt einer Zange zuwege, fo; verſchwinden ſo⸗
aschlot M 5 gleich
Fi die Cinbiliüngen von den Aeſten, BR
len taufend Haaren, die ich vor das Microfeop ge :
bracht, habe ich nur wiere, wo ich mich recht erinnere,
fo. ſind es gewiß nicht mehr gewefen, knoticht gefehen,
Die’ Knoten find alſo nicht unter die natürtichen Bes
er
fchaffenheiten der Haare zu rechnen; fonderhtoie oe
unfer berühmter Here von Haller ganz recht geſagt
hat, entweder Fehler des Beobachters, oder Kranke, |
Ben BO —97
Die Krãuſelung der Sadre ift dreyerley: entwe·
ber ſie laufen in einen Ring zuſammen, oder aber ſie i
machen Schneckenlinien, oder aber’ fie find geſchlaͤn⸗
gelt. Die Haare unter den’ Achſeln und auf der’
Schaam find‘ auch bey denen‘, welche fein“ Fra
Haar auf dem Kopfe haben, meiftens lockicht.
groͤßern Haupthaare ſind nur zuweilen am Ende Ä
Eraus, weil Die Laͤnge und Schivere derſelben der,
Beugung widerſteht. "Die kleinſte Wolle aber be⸗
wahret die Kraft, welche die Saͤfte nach geraden gi⸗
nien treibt, und in einer geringen Lange nicht viel
gebrochen wird, vor der Zuſammenkruͤmmung Die
vornehmſten 5*— Urſachen der ſtarken Kraͤu⸗
ſelung ſind die Waͤrme, das Temperament, und eine
Hinderniß, die der Haare, welche aus der Haut her⸗
aus gehen will, entgegen ſteht. Die Kraͤuſelung
nimmt nach Proportion ab oder zu, als die Haare:
nafß. oder trocken werden : die Haare find alfo gewiſſe
natuͤrliche Inſtrumente, welche die Feuchtigkeit der
Luft anzeigen, und find auch zu Hygtometern nicht
ungeſchickt. Spiegel hat beobachtet, daß die Haare
nn
ne - =
der Schaam bey den Weibern Fraufer, als beyven
IL
Jungfern find?’ und wenn dieſes gewiß iſt, ſo es :
des menſchlichen Haares. 197
ſolches von dem Alter der meiften Bereicathete Mei:
bes erfonen, und von dergleichen das Temperament
ändernden Urſachen, Herjuleiten zu feyn.
Mit der Sänge ver Haare verhält fichs in diefen
und den benachbarten Ländern nach folgender Ord⸗
nung: die erften find die Haupthaare, hierauf folgen
der Bart, die Schaam mit den daran liegenden Theis
len, die Haare unter den Achfeln, die Haare um: die
Warzen der Brüfte herum und auf der, Bruſt der
Mannsperfonen, an den Füßen, an den Armen; bier»
auf Die Augenbraunen, der Augenlieder, die Haare
in der Naſe; alsdenn die übrige Wolle " Das
Haupthaar, welches bey den Weibesperfonen länger,
als bey den Mannsperfonen, ift in diefen Sändern fell» -
ten über eine Elle lang. Denn das Haar, welches
ein gewiſſer Mann von adelichem Stande und Amte
in dem‘ Fuͤrſtenthume Minden hatte, und welches
zwo Brabanter Ellen lan war, iſt etwas ſehr ſonder⸗
bares und außen "Die Haupthaare wach ·
ſen hrlich ungefähr. auf vier‘ vheinfändifche ‚Zoll,
as größte Gewicht.derfelben beläuft fich, wenn fie .
nicht mit Pomade eingeſchmieret worden, auf unge⸗
zehn gemeine Unzen: ein ganzes Pfund aber
hat Herr Wideburg. Die groͤgte Laͤnge des Bar-
ei eine und ein Vierthel Brabanter Elle. Die
größte Sänge'der Haare an der Schaam einer Wei-
besperſon wär fo groß, daß ihr diefelben bis unter die
ie herunter hiengen. Die Haare unter den Ad}.
fein. waren bey einen Bauer aus dem Blßthume
le A) theinländifche Zolle lang. |
nge,der Haare iſt in verfchiedenen Thei-
len Wr; 2 mancherley. Ich habe daher fo viel
gezaͤh⸗
—
J
138 Aunatomie ae
gerähet, als, auf einem Kaume * Mr den,
welcher ein Vierthel eines rheinlaͤndiſchen Zolles
war, und die verſchiedenheit der Zahl Nö,
tie folgende Tabelle anzeigt.., Auf.
der Scheitel El —— * Y
dem Hinterhaupte — — —
dem Borderhaupte nm
Dem Rinne). 7 14. 6
der Schaam BEE EEE — 34
dem Borderarme: 0 min
dem Knochen der Bunel des kleinen NCnd tn
Fingers ne 416 n
Dre vordern Släche des es Diekbeins aß
Die größte Menge der Haare war alfo ben dies
ſem erwachſenen Menſchen, der nur mittelmaͤßig haa ·
richt war, auf der Scheitel. Nimmt man nun die
kleinſte Zahl, welche 211 ift, i in Die Kechnung, fo kann
man , wenn man die mit Haaren bewachſen⸗ Fläche
des Kopfes ausmißt, ungefähr wiſſen, wie viel Haa«
re auf der, ganzen hintern und obern- Gegend des
Kopfes zum wenigſten ſeyn muͤſſen. Viel jahlreis
cher aber muß nochwendig das Haar geweſen ſeyn,
womit ein gewiffer Tartarus fo bewaffnet war, ‚daß
er ſich nicht nur vor aller, üblen Witterung; fondern
auch. vor den Pfeilen befchügen koͤnnen, wie Bus⸗
bec, ein Mann, deſſen Andenken zu verehre n iſt,
glaublich macht. So mie aber ihre ange nicht ei⸗
nerley iſt, ſo iſt auch die Menge derſelben nicht alle⸗
zeit gleich, ſondern wird durch mancherley Zufaͤlle
bald vermehrt, bald vermindert: denn man ſieht
—* ſelten Weibesperfonen, bey ‚welchen. ‚der —
druͤckte
—
des menſchlichen Haares. 189
druͤckte Monatsfluß durch Feine andern Ausfuhrun·
‚gen erfegt wird, mit Bärten; wovon ſchon Hippo⸗
krates Erempel an der’ Phernfi,, des Pytheus
Gemahlinn, und der Namyſia, des Görgippus
Sean, anführe.
» Der Durchſchnitt der Bar iſt na der Ber.
ſchiedenheit des Ortes ind der Farbe auch verſchie—
den.“ Aufreiner Fläche, die ic) den vierten Theil ei,
nes Zolles gleich machte, zählte ic) —— we *
— ſtunden, und fand
3 BOHREN) i
‚von den ganz (hwerjen St; monde
„von den braunen... ustPis karlaseir®, ah 162 .,
‚von den weißgelben sr rin
Folglich ift diefen Crfarungen * Durchſchnitt ve
Kopfhaare nicht, größer als. +45 Des vierten: Theils
eines rheinländifchen. Zolls. Der Durchſchnitt des»
jenigen Ganges, welcher. mitten durch.die Haare nach
der Sänge hinlaͤuft, ift zum wenigſten achtmal Fleiner
als der Durchfchnitt der ganzen Haare: folglich hat
der Durchſchnitt diefes Ganges höchitens des
vierten Theils eines Zolles zu feinem Maaße. Uebri⸗
gens ift auch der Durchmeffer der Haare nach der
Verſchiedenheit des Ortes, worauf fie fich befinden,
verfchieden. Die dickſten find auf Der Schaam, als»
denn fommen der Bart und die Haare unter den
Achſeln; hierauf die längern Haare in der Naſe und
die Kopfbaare ; nachgehends die Augenlieder und
‚ Augenbraunen ben erwachſenen Perfonen. Allein
bey diefen habe ic) mich des erftern Maaßes nicht be-
dienet. Endlich fo hat auch jedwede Haare nie
allenthalben gleiche Dicke.
| Bon
\
490 Kir} il Alnatomie nt 300
Von der Härte iſt ſchon etw Bu werben Sie
üben hauptſachlich von der Schale; her , und iſt in
—— ap sp en —5
= den. ah der „Kinder; bey Pännern,itifie,
‚größer als bey Weibesperfonen. Jedoch habe ich
Kopfhaare ‚vom, einem ——— geſehen, wel⸗
"che ſchon vor einigen Monaten, vom: ‚Kopfe, abge⸗
ſchnitten waren, und bey dem allen, als man ſie in
Bimbelchen zufammen gebunden, bh Man damit
vieb, wie Schweinsborften raufiheren. Die Alten
hielten — — welche ein hartes — * Haben, für
— u Me A DE HN 5} udn! 9) * ih: bins?
— membra güiden et. a per" brachia
NDLD s "0 Setae ap 9
Promittint atrocei nimm ; mn ee.) | ar 9
— rn min Bu ie ———
—92 vi i vs H 1 ar &
Die Stärkeumd Seftiafeit der Haare;, oder das
Yufam amenhaͤngen ihrer Theilchen zeigen folgende an
den ee angeftellte Verſuche in etwas an.
Das hierbey angezeigte Gewichte ſind gemehne: "Sorge.
Eine Kopfhaare von 5 Br in der 308, ‚ ehe
fie, Berti, * OR) u
An liege 1 4 Es win‘,
— 12 — ’ Be i J |
di BE u — 4 5
des menfchlichen Haares. 191
folglich kann jedwede Haare leicht vier Loth tragen.
‚Wenn ‚man ſich nun Die Anzahl der Haare auf dem
Kopfe vorſtellt, fo wird, man ſich in.der That über
die erftaunliche Stärke der Kopfhaare ‚eines Mens
fen, deſſen Bartholin gebenfet, und welcher einen
‚eifernen Ambos von vier Hundert Pfunden mit den
Haaren feines: Hinterhaupts fort: bewegte, nicht fo
gar. fehr. verwundern. Daher haben die Alten die
Kopfhaare der Weiber zuweilen anftatt der Seile, zu
den Steinfchleudern und andern, dergleichen Kriegs-
inftrumenten ‚ zuweilen aud) eine Floͤße damit fortzu⸗
ziehen, gebraucht. A arnud e
In der Kindheit iſt die Farbe der Haare li
und glänzend ;. in dem maͤnnlichen Alter wird fie
Dunkler ; im hohen Alter verfchwindet fie gänzlich,
und es bleibt der, feiten. Subftanz. die Weiße des
Schnees übrig. , Die zarte Wolle wird langfamer
als die übrigen Haare, die Haare der Schaam
aber gefchwinder als die Kopfhaare dunkel. Die
Bewohner Falter Himmelsſtriche defommen lichte,
die aber „ unter ‚warmen Himmelsſtrichen woh—
nen „.. befommen, fhmarze Kopfhaare. Die abge»
riſſenen Stüden der Schale von einer ganz ſchwar ⸗
zen Haare zeigen ſich offenbar mit ſchwarzen Strei⸗
+ fen: „woraus abermals. erhellet, daß der Saft des
Marfes bis zur Schale gelange. Lionel Wafer
bat an den. Haaren der Einwohner des americani
ſchen Meerbufens eine Milchfarbe an den Haaren
bemerfet. Grüne Haare, welche, außer ben denen,
die in Kupfer ‚arbeiten, rar find, haben Borell,
Bartholin und Hanneus geſehen. Ich ‚babe
einen
192 Na‘ |
einen juhgenMenfhen gefehen)beffen Ropfhaare am
rechten Siiläfe gelb, am linken: grau, und an den’
übrigen Oertern des Kopfs dunkelbraun waren: er
hatte dergleichen. Haare ſchon von feinem neunten
Jahre an gehabt. Daß die Haare, vornehmlich die
Kopfhaare, öfters in wenig Stunden ſich aus einer
geden 'andern Fatbe ins Graue veraͤndern lehren &f-
empel. Ordentlicher weiſe kommt das Graue meiſtens
an den Schlaͤfen, alsdenn an dem übrigen Kopfhaa.
re, nachmals an den Augenbraunen / weiter ben den
Augenliedern und Naſenhaaren, zum Vorſcheine;
und zuletzt koͤmmt es an den Bart ‚die. Schaam und
an die Haare unter die Achfeln. Kraufe Kopfhaare
werden fpäter' grau als die geraden. Bey jungen
Leuten find zwar’ oftmals Büfhelchen" Haare, vor
nehmlich auf dem Kopfe grau; ein voͤllig graues Haat
aber iſt bey ihnen fehr rar: jedoch wird es zuweilen
gefunden. Ein Exempel hierbon iſt Ludewig det
neunte König in Ungarn, welcher achtzehn Jahre alt
gemwefen, da er ein ganz graues Haar gehabt? es iſt
aber bey ihm auch alles frühgeitiger, auch der Tod
ſelbſt, denn er ift nicht alt geworden, 'gefommen. Es
iſt nicht nicht alles Graue fo felt, daß es nicht wieder
abgienge ; denn außer dem, daß viele Thiere im
Winter grau werden, ihre natürliche Farbe aber den
Sommer über wieder befommeir, fo gedenft auch
Donat eines gewiſſen Rathsvermandten, deffen Haar
vom Alter grau geworden, jedoch zülege eine grͤn.
gelblichte Farbe von fich ſelbſt wieder an ſich genom⸗
men. Eines andern Mannes von fünf und fünfzig
Jahren, der den Krebs gehabt, "und deffen graues
Haar, nachdem der Krebs ausgefäjnitten und en
4 * gehei⸗
¶ des mieifehlichen Haares 199 -
geheilet worden‘, wiederum ſchwarz geworden/ führe
| der Herr Graf von Garaye an. |
Einige Haare werden, weil ſie der Menfch mit
| aufdie, Welt bringt, auryryevass genennet, und find
die. ‚Kopfbaare, die Aılgenboauneit; die Augenlieder
und viele aflenehalben befindliche fehr zarte Wolle,
die. nachmals ausfällt, ‚aber zur Zeit der Mannbar⸗
keit wieder waͤchſt; jedoch wegen dieſes Ausfallens
vom Verheyen mit Unrecht fuͤr unvollkommen ge⸗
halten wird: weil fie gleichwohl in Anſehung ihres
Baues von andern nicht unterſchieden iſt.· Andere,
die erſt nach der Geburt. bey dem Menſchen wach⸗
ſen, werden oͤsego Yereis genennet, und find Die Haas
re in der Mafe, im Gefichte, in den Ohren, unter
den Achfeln, auf der Bruft, sum die Warzen: der
Brüfte herum, auf der Schaam, auf der Geſaͤßnaht
dem Hodenfakfe, dem Hintern, dem Dickbein, dem
Scyienbeine, den Zehen „ der Schulter, dem Elfen
bogen, den Fingern ‚und vielen andern Theilen.
Manga Kite, ‚mit unregee auf dieſe Unterſchei ·
dung.
Es iſt ihre | felteneg, daß A100 Haare in einem
Schweißloche ſtecken; von dreyen aber fieht man es
faft niemals ‚wo es nicht auf dem Kopfe ift. Je⸗
doch Stecken, wie der Herr von Zaller ganz recht er⸗
innert, die meiſten einzeln in einem eigenen Loche.
Die Haare haben bey ihrem Ausgange aus dem
Oberhaͤutchen nicht nur alle eine ſchraͤge Richtung,
ſondern ſind auch an verſchiedenen Oertern, nachdem
es ein gewiſſer Endzweck erfordert, bald nad) dies
fer, bald. nad) einer andern — gerichtet.
13 Sand. N Die⸗
194 Anatomie des menſchl. Haares.
¶Dieſes iſt nun die anatomiſche Hiſtotie der Han
1; ; jedoch ift es nunseigentlich der Kern davon; und
hierauf habe ich, nachdem ich fierendlich durch viele
Geduld. zur Gewißheit gebracht, eine P Phnfiologie
der. Haare gebauet, welche: bereits feitseiniger Zeit
zum Drucke fertig iſt. Allein ich legefie bier nicht vor,
weil fie fich ſchwerlich in einen engern Raum brin⸗
gen läßt. Was aber die Urfache ift, daß bey dem
- männlichen Gefchlechte der, Bart und bey beyderley
Gefchlechte die Haare unter den Achfeln und auf der
Schaam erftlich zur Zeit der Mannbarkeit hervor ⸗
kommen, habe ich in der Abhandlung von den Ver⸗
ſchnittenen/ die nunmehro dem Drucke uͤbergeben
werden ſoll, bereits aus hierzu noͤthigen Gruͤnden
—— und ins —* Lu * re — |
A — J 195
u —
er | IV. m. *
dedann Gottfried Zinns mi
—
Berhirtungn des kleinen und
großen Gehirnes.
Aus dem ILB. der Comment. Gotting. 4316,
n% habe nunmehro zum. andernmale eine Bere
härtung des Fleinen Gehirns bey Kindern, .
bey denen die Fugelförmigen Drüfen (glan-
dulae conglobatae) verftopft gewefen, gefeben. Die
erſte habe ih vor drey Jahren bey einem folchen
Kinde von der Größe einer Hafelnuß gefehen: biera
von aber ift feine. genaue Befchreibung vorhanden,
Die andere Beobachtung iſt dieſe. *
Auf der linken Seite war eine Portion des kleinen
Gehirns, die zum wenigſten zwo Unzen ſchwer gewe⸗
| fen, zu fünf verhärteten Geſchwuͤlſten von verſchiede⸗
ner Größe geworden. Diefe Gefchwülfte hiengen uns
| ter fich zufammen, waren etwas hart, gelb, und ver»
| härteten £ugelförmigen Drüfen fehr ähnli In
einigen Orten war noch eine Spur von rkel⸗
kreiſen der aͤußern Subſtanz des Gehirns uͤbrig, die
| an andern Orten gänzlich verfchrunden waren, fo
dag die Mafle einformig und nicht mehr organifch
N 2 war.
196 Bon Verhaͤrtung des Sehen
war. * Das duͤnne Hfenhährtheh , welches Hoher
verhaͤrteten Subſtanz ſehr leicht abgeloͤſt worden,
ſchwimmt in der Fluͤßigkeit, worinnen es aufbehal:
ten wird/ fren; in der Mitte aber hieng eine ſehr dir
cke Verhaͤrtung ſolchergeſtalt an der harten Hirn⸗
haut, daß fie kaum ohne eine Zerreißun weggenom⸗
men werden konnte. Die daran liegenden Rh
des duͤnnen Hirnhaͤutchens waren ſtark mit Blute er⸗
fuͤllet Alle zuſammen geſetzte Diiifen | des (2
pers waren, fo nd Nr mid) gern" FEINEN m fan, ehr
geſund. 19453
4 ‚
%
Diefen waren andere drey Verhaͤrtungen ich |
unaͤhnlich die ich bey einer erwachſenen Weibes
ſon in der aͤußern Subſtanz des Gehirns ne er
einen Seitenknochen (Os bregmatis) beobachtet babe,
and Deren jede faft die Größe“ eine rn Muſcatennuß
hatte. Die verhaͤrteten Theile wären mit der har⸗
ten Hirnhaut, die dafelbft viel dicker war, fo sufanie
men gewachfen, daß fie nicht davon abgeſondert wer⸗
den konnten. Der Seitenknochen ı war an dieſem
Orrte fo dünne, wie ein Papier geworden, und ſo nach
ihrer Form ausgehoͤhlt, daß ſie darinnen * in |
Grube (Sinus) lagen. Re
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von den
einen Eighergen
\ Sy ir ofen Ben Wndet die et und wan
betrachten, wie ſich das Eis durch Die
Kunſt Herborbri ingen laſſe; um zu feben,
" wit dadurch nicht etwan auf die Spuren geleitet
werden, die ung zeigen muͤſſen, wie die Natur ſelbſt
Bierinne zu Werke gehe: da diefe fich nicht ſelten eis
nerley Mittel zu bedienen pflegt, um einerley Abfich«
gen zu erreichen. > Es iſt befannt, daß der unermüs
dete Fleiß der Naturforſcher unter" einander entdecket
hat, daß das Waſſer in einem Glaſe, wenn es gleich
in einer warmen Stube ift, durch Schnee, Salpeter
und gemeines Kuͤchenſalz koͤnne in Eis verwandelt
werden. Wir wollen die Worte des Latinus Tancre⸗
W bus von dieſer Erfahrung ſelbſt anführen Wenn
Ana 1 Solpeter und Schuee mie einander vermiſchet,
— 5— * NE pe ur KA
* ‚Lib. 3. de Each, et er t. Reh, 27. At vero wi nitrum
4 niuemque vna mifcueris, mox phialam cum. {ale nitro
et niue ‚permiztis agitaueris: jam aqua. in phiala « con- ·
tenta non folum frigidiffima, —— ‚ed etiam durs
“ala He N: Y
198.’ Sortfegung
„und ſchuͤttelt darnach das Glas mit dem Schnee und
„dem Salze; fo wird das Waſſer im Glaſe nidyt nur
„fehr kalt, fondern gar zu hartem Eife werden. „„ Wolfe
gang Hildebrand Lib.4. Magiae Nat. bedient fic) bey
diefem Verſuche eines Stück Eiſes, welches auf dereie
nen Seite dergeſtalt glatt gemacht iſt, daß es bequem
auß einen Tiſch gelegt werden kann, auf welchem er
zuvor ein wenig Salz geftreuet; und alsdenn derfis
chert er, daß ſolches Stück Eis dergeftalt feft an den
Tifch friere, Daß es ſich kaum mit großer Mühe wie»
der davon wegreiffen laſſe. Ich will nur noch an«
ftatt aller überflüßigen: Beweife ‚den Ausſoruch eines
Thomas Bartholin hier anfuͤhren; Wenn man
„den auf dem Tifche zerfchmolzenen Schnee mit ge⸗
„meinem Küchenfalze vermiſchet, ‚fo wird er fo feſt
„an. den Tiſch frieren, daß er. nicht ohne große Muͤ⸗
„be, Davon weggebracht, oder. wieder aufgeloͤſt wer⸗
. „ben kann „ *. Eben dieſer berühmte Mann: er»
zählet, daß der: Herzog von Mantua vor einigen
Jahren ein geheimes Pulver, ‚welches das Wafler
auch micten im Sonmer. in ſehr kurzer Zeit in Eis
verwandelt, beſeſſen habe ; und er glauber, daß dafs
felbe aus Salz und Salpeter müffe gemacht gewefen
ſeyn. Einen gleichen. Berfuch ſieht man auch: bey
dem Cabeus, Lib. 1. S. 46. 2. 3. welchen Bartholin
auch ohne alle Beweiſe für glaubwuͤrdig hält. Und
alſo haben wir geſehen, wie dieſer Verſuch von den
gelehrteſten Maͤnnern angeſtellt worden. *
„ER ON NET A ‚Hier
_* De vfu Niuis cap. 6. Niuem in menfa Pe fi
“fali communi iunzeris, tam arete inter fe et menfam
" compingitur, vt fine ingenti conatu haud feparari pos-
fit aut inde diflolui. TER
von den islandiſchen Eishergen. 199°
Hier koͤmmt aber num die Frage, wie das Salz
und der Schnee durch den Körper des Glaſes, deffen
fi) doch die Chymilten bey dem Diſtilliren der fub-
tileften Spiritus: vornehmlich bedienen , in das dar:
inne enthaltene Waſſer wirfen fünne ? doch diefes
wird fich leicht beantworten Taffen, wenn wir ein we⸗
nig auf die Natur des Glaſes Achtung geben. ı Ein
englaͤndiſcher Schriftfteller Hat in feinen Anmerfun-
gen über des Anton Neri Artem vitriariam‘, ‘oder
Kunft Glas zumachen, wo er der Möglichkeit das
Glas biegfam zumachen widerfpricht,, unter andern
folgende Steller „Die Theile derer Metalle , die
„ſich mit vem Hammer ziehen laffen, müffen überaus
„dichte und feſt an einander hangen, und dabey fehr
„leicht ihre Geftalt bis auf die aflerfleinften Theil
„chen verändern koͤnnen. Keines von beyden aber
"finder man bey den Glaſe. Denn der Sand und
„die Salze, als die Materien, daraus das Glas ger
„macht wird, haben feine folche Figur, die ihren
Theilchen erlauben, einander fo Dichte zu berühren.
„Alle Salze überhaupt geben zu erfennen, daß fie beſon⸗
„dere Figuren haben müffen, welche vi auc) in dem
gewaltigſten Feuer nicht fahren Taflen: mie dieſes
„durch mehr als einen Verſuch leicht zu erweifen ift.
»Diefe Figuren find unterfchiedlich, nach) der: untere
ſhiedlichen Beſchaffenheit der Salze. Der Sal
„peter-und alle alfalifche Salze Haben etwas fcharfes
„und beißendes bey fich ; und wegen diefer Kraft zu
. „beißen und aleichfam zu brennen, fcheinen fie aus eis
„ner unendlichen Menge: fpigiger Theilhen zufame
men gefeßt zu ſeyn. Was den Sand anbetrifft, fo
„iſt feine Geſtalt eben fo * ja unendlich unterſchie⸗
| 4 | „den 5
'200
„den, — die ET
„Wer follte ſich nun vorftellen, daß dieſe Verſchie⸗
„denheit der Figuren des: Sandes dergeſtalt mit den
„befondern und beftimmten Figuren der Salze vers
„einiget werden Fönnen, daß auch die kleinſten Theils
Ichen derſelben einander genau beruͤhren, welches
„doch bey allen Metallen, die man mit. dem Ham»
„mer ziehen kann, unumgängtich noͤthig iſt ? Dars
„aus denn Flärlic) erhellet, wie verſchiedene Geſtal-⸗
„ten die Theile des Glaſes haben, wie wenig dieſel⸗
„ben einander auf das genauefte berühren, und wie
„leicht alfo noch immer kleine Zwifchenräume übrig
„bleiben Eönnen, die vonder Materie des Glaſes
„nicht ausgefüllt worden. ;, , Von dem: gemeinen
Glaſe gefteht Borrichius, daß es ſolche unmerkliche
Zwiſchenraͤumchen habe: weil ſelbſt eine zwey oder
dreytaͤgige Flamme nicht im Stande ſey, den Thei« -
len des Sandes und des Salzes alle ihre Winkel,
‚Eden und Spigen zu benehmen. Eben: diefes ber
kraͤftiget D. Hiddens, welcher überaus dünne und
‚zarte Glasfugeln, die aber doc) ganz waren, gebla⸗
fen ; und als er diefelben mit gemeinem Waſſer ans
gefülfet, wahrgenommen har, daß das Waffer in fehr
Eleinen Tröpfchen durch) das Glas gebrungen und
diefes alfo nach und. nach ausgeleeret worden x : weil
die Zwifchenräumchen, welche gerade durch das zarte
Glas gegangen, nicht vermögend geweſen wären, das
Waffer aufzuhalten. Auch, erzählet Borrichius, dag
=
Glaͤſer, die nur wenig gebrannt worden, und viel’ Salz
in fi haben, vor einfallendem Regenmetter gleich»
fam einen falzichten Schweiß von ſich geben. Alſo
Bm; ‚denn das Glas einen. BR an ſolchen
Schweiß.
von den islandiſchen Eishergen. 201
Schweißloͤchern, dadurch die feinen und ſpitzigen Theil
chen, die der oben angefuͤhrte englaͤndiſche Schrift⸗
ſteller dem Salpeter und andern Salzen zueignet, in
Menge dringen koͤnnen. ne
Be N Br N de R 5. a m Ye 2
Nunmehr kommen wir auf die Wirkungen det
Salze, davon Bartholin in dem oft angeführten
Buche, de vfu ninis Cap. 2. fpricht , es ſey wahr:
ſcheinlich daß der Schnee durch das Salz, das er in
fih hat, und durch den noch dazu kommenden Froft
dichter gemacht werde,» Denn wenn dasjenige Sal;,
welches: der Schnee aus, der bloßen: Luft und ihren,
Ausdünftungen bekoͤmmt, den Schnee ſchon zuſam⸗
men haͤlt: wie vielmehr muß: denn nicht die weit
größere Menge der in der, Erde befindlichen Salze,
wann fie noch von dem Froſte unterflüget wird, dar»
zu beyfragen koͤnnen? Von der Kraft der Salze,
die Körper derb zu machen, redet Kircher in Mundo
fubterraneo ‚folgendergeftalt: In centro falis latet
"formale quoddam: coagulatiuum, ſpiritus nempe
ſalis inuiſibilis, qui rebus omnibus confiftentiam
virtute fua fixatina confert. : Huius- virtute metal-
la etmineralia fuam acquirunt corpulentiam. In
falis intimo throno et centro eft aliquid immutabi-
le et omnia coagulans. Terra pura nihil alind eft,
quam fal coagulatum, in cuius centro ille ſpiritus
delitefeit , qui virtute ſua omnia figit , denſat, ani-
mat. Virtutes omnes in hoc terreno globo a fale
dependent: reliqua terra non niſi excrementum
eſt. Wer ſollte nun nicht begreifen koͤnnen, warn
die ſpitzigen Theilchen der Salze einmal durch die
unzähligen Zwiſchenraͤumchen des Glafes zu dringen
j *
2o220Fortſetzung
faͤhig ſind, daß es ihnen dann auch leicht fallen wer»
de, das Wafler in Eis zu vermandeln, fo bald die
Kälte des Schnees dazu koͤmmt, welcher felbft, nach
Bartholins Meynung, voller Salz ift, und da dieſes
nach der Ausſage und den Erfahrum: gen der Chymi⸗
ften der erſte Urheber aller Coneretion in den Koͤr -
pernift. Doch wenn es noch nicht ‚jur Gnuͤge bes
wiefen ift, daß der. Schnee Galze in ſich habe, fo
wird foldyes, mie wir hoffen, durch folgende Stelle
des gelehrten Lucas Debes, Faeroae referatae pag.
108. außer allen Zweifel geſetzt werden :) „Die
„Urſache, fpriche diefer , warum die Chymiten den
»Salpeter einen Monarchen‘ ‚von Morden nennen,
„it diefe, weil in dem Schnee aus Norden oder
„Nordoſt ordentlicher Salpeter iſt. Daher braus
„‚chet man, warn man zur Zubereitung des Galpes
„ters oder ander dergleichen chymifchen Sachen kei⸗
„ne bequemere flüßige Materien haben fann, an des
| „ren Steffe nur folhen Regen oder Schnee, der aus
„dem Norden oder Mordoft gefommen. „ Und
mas find die Irrwiſche, welche fid) fo oft bey dem
Schnee Sehen laſſen, wohl anders, als folche Ausdüns
fiungen, die vom Salpeter herfommen ? ? Denn daß
der Salpeter ſolche Ausduͤnſtungen von ſich gebe,
zeiget die Nachricht, welche man bey dem Borrichius
de ortu et progrefii ıı Chemiae p. 108. findet : daß
namlich in der Werfftärte eines Chymiſten aus dem
Salveter ein Koͤrper gefahren, welcher wie ein Cars
bunkel im Finftern geieuchtet habe. Sollte man
‚nicht hierinne die Urfache fuchen koͤnnen, warum der
vornehmfte Eingang des Tempels des Vulcanus in
ker gegen Norden Be wie diefes Diodo⸗
| *
von den islaͤndiſchen Eisbergen. 203
tus Lib. 2. cap.-ır. und Herodotus erzählen ? Dies
fen Unterfchied der Weltgegenden hat auch fehon Par
trus Lotherus wahrgenommen, welcher febreibt, daß
eine Ange durch die Retorte getriebener Schwefel in
Zeit von einem Monate, wenn das Wetter darnach
iſtz noch eine Unze aeben koͤnne. Denn warn das
Werter aus dem Mittage fomme, und naß fey, gebe
es mehr 5 mann es aber trocken fer, und fomme aus
Mitternacht, pflege es weniger Schwefel zu geben.
Alſo fieht man, daß die füblichen Winde mehr
Schwefel, die nordlihen aber mehr Salpeter bey
ſich führen. Doch wir Ben wieder zu unferer
Bst kommen. s
"Da anche dargechan PETE daß Sal;
oder Salpeter und Schnee, infonderheit wann die
Kälte noch dazu koͤmmt, das Waffer in ein folches
Eis verwandeln Fönnen, das fich fehr ſchwerlich auf⸗
loͤſen läßt: fo glauben wir mit gutem Grunde
ieraus zu ‚fliegen, daß es auf eben dieſe Weife
dem Urfprunge unferer ‚Eisberge zugegan-
gen. Daß, diefe viel Salpeter in ſich haben müffen,
iſt Daher wahrſcheinlich, weil die umher liegenden
Weiden von Denen Ausdünftungen der. Eisberge, die
fie beſtaͤndig befeuchten, fetter und fruchtbarer als
andere Wiefen werden. Diefe Kraft aber fruchtbar
zu machen, ift dem Salpeter eigen : da im Gegen
theil,andere allzu feharfe und, beißende Salze, wie
Diejenigen, die in den Ausdünftungen des grönländis
ſchen Eiſes herrſchen, welches manchmal von der See
Auf unſere Kuͤſten getrieben wird, Die Unfruchtbarfeie
‚mit ſich bringen. Daher hat auch Ybimelec) dievon
ihm
204 Gortſetzung
ihm dem Erdboden gleich gemachte Stadt hit Salze
beftreuet. ‚Einen noch ftärfern Beweis hiervon giebt
die große Menge von Mineralien, die man in diefen
Bergen antrifft, und. die mehrentheils Salze zu ih⸗
ren Gefährten zu, haben pflegen. Man findet da⸗
felbft viele bald ganze, bald wie in: dünne Täfelchen
zerfchnittene oder zerfpaltene Steine, welche. inwendig
bunt ſehen, und bald wie mit fehönen Pünctchen:bes
fprengt find, bald mit noch ſchoͤnern Adern prangen,
Die wie. Gold, Silber oder Meßing glänzen : und ich
will es. denen, die, ſich auf Bergwerfsfachen verfte>
ben, ‚zu. prüfen überlaflen, ob folche Metalle nicht
wirklich darinne ſtecken *. Auch. die Flüffe, die von
diefen Bergen herunter fallen, geben die deutlichiten
Spuren folcher Mineralien zu erfennen, und wann
fie groß werden, führen fie oft ganze Stuͤcken davon
mit fich. fort, dergleichen mir vielmals von denen in
der Nachbarſchaft mohnenden Leuten gezeiget worden,
Iſt alſo in dieſen Bergen Salpeter genug vorhans
‚den, jo kann derfelbe hier deſto ſtaͤrker wirken, da
m
*Dieſes iſt vor wenigen Jahren verfucht worden, da der
Herr Horrebow, den Ihro Fönigliche Majeſtaͤt von |
Dänemark dahin geſchickt hatten, einige folche Steine
‚ an bie königliche Gefellfchafe der, Wiffenfchaften in
.. Kopenhagen überfchiett bat: welche fo.reich an Golde
Silber, und andern Metallen befunden worden, al
aus irgend einem Bergwerke in der Welt: ungeach:
‘man folches, wegen des Falten Landes, darinne fie e
zeuget waren, gar nicht vermuthee hatte. Daher
., würde man es wohl der Mühe werth gehalten haben,
Bergwerke in Jsland zu, bauen, wenn 266
„Mur nicht am Holge mangelte, welches zu koſtbar ſeyn
wuͤrde, von andern Ländern gu Bringen. 10
RER |
*
von den islandiſchen Eisbergen. 20
fih nicht erſt durch einen andern Körper , wie bey)
den angefüßrten Verſuchen durch das Glee, zu drin
gen brauchte. Es wirket gerade in das Waſſer, das
es verwandeln ſoll: und Froſt und Schnee laſſen eß
ihren Beyſtande gar nicht fehlen. Die Some
laͤßt ihnen auch Zeit genug, das, was fie ihnen etwan
im Sommer nehmen möchte, wohl dreyfach wieder
zu erftatten und einzubringen, indem fie ihnen nicht
mehr als ungefähr drey Monate mit allzu warmen
Safe beſchwerlich fälle. Das Wafl er, daraus)
diefes Eis entftehr, koͤmmt vermurhlich, wie Andere
Düelfen, aus unterirdifchen Höhlen hervor, darein ſi ch
Waſſer aus dem Meere durch verborgene Canaͤle ers
gießt, deffen Ausdünftungen’ darnach Durch Die inne _
lihe Wärme des Erdbodens in Die Höhe fteigen, und
wenn fie nicht weiter kommen Fönnen, ſich wie Die Re—
gentropfen in den Wolken verſammlen und zu Waſſer
werden, und alsdann weiter durch die Erde ihren
Ausgangsfuchen? "wie diefes von dem Cartefius und
von den gefchicteften Naturfündigern dargethan wor»
den. So bald es aber hervor, koͤmmt, oder mur in.
ten bis an das Eis gelanget, wird es durch die Ges
walt der obengedachten Materien demfelben gleich
gemacht. Und auf folhe Weife hat die Erde, ‚mit
Denftande des Waſſers, der Luft, und ihrer eigenen
Mineralien, nad) unferer Meynung, diefe ungeheure
Frucht hervorgebracht: weiches felbft durch den goͤtt⸗
lichen Ausfpruch: Aus weſſen Leibe ift das Eis ge⸗
‚gangen? bey dem Hiob im 38 Cap. 20 V. beftätiger
zu werden fcheint.
Wollte uns jemand ben Einwurf machen, daß das
Meer in den Graͤnzen des Nordpols ſchon laͤngſt
ganz
206... GSortſetzuug
ganz zu Eife geworden feyn müßte, wenn. das Satz
eine fo. große Kraft hätte, als wir ihm zugeſchrieben
haben: ‚fo ift es ja bekannt, daß an den Küften von
Grönland, und weiter, hin gegen Norden, eine uns -
glaubliche Menge Eis iſt, welches in großen Stuͤcken
wie ganze Berge auf der See ſchwimmt. Daß aber
diefe nicht ganz zufammenftieren koͤnnen, macht die
beitändige Verwegung des Meeres und der Wellen,
‚welche diefen Laſten niemals Zeit laffen, ſich mit eins
ander zu vereinigen, fondern machen, daß fie Oft mit
einer; entfeglichen Gewalt an einander ftoßen, und
wenn. Schiffe darunter fommen, fo thun fie ihnen
einen eben fo großen Schaden, als die Klippen, ja wohl
noch mehr, weit fie weit aus der See hervorragen .
97
* Pitton de Tournefort erzaͤhlet in feiner Relation d’un
"Voyage du Levant, "Tome troifieme, lettre ıg. Daß er
ſelbſt in dem nordlichen Theile von Perfien und Arme:
nien, die zwiſchen dem vierzigften und zwey und vier⸗
zigſten Grade der Breite nach Norden liegen, wie auch
in der chineſiſchen Provinz Leaotung und in der chine⸗
ſiſchen Tartarey, ſo kalte Naͤchte mitten im Julio und
Auguſtmonate gehabt habe, daß ſogar das Waſſer zus
gefroren; und ſchreibt dieſe Kalte dent’ vielen Salpe⸗
„ger zu, welches dieſe Länder im größten Ueberfluſſe in
ſich haben. So berichten auch Biflelius im Argonau-
tieo Americano lib. 14. cap. 2, und Frezier in ſ ame:
ricanifchen Reife, daß auf den Bergen in dem ſuͤdlichen
und nordlichen America, unter dem drey und zwan⸗
sigften Grade der Breite, von dem daſelbſt in großer
Menge befindlichen Salpeter Winde. entfteben, die eis
sen fo fcharfen und empfindlichen Froſt bey fich fuͤh⸗
‚zen, daß fie Dadurch oft Menſchen und Vieh umskeben
bringen. Wenn nun der Salpeter in Ländern, die der
Mittagslinie weit naher liegen, und alſo weit nd |
eyn
von den i8tändifihen Ebergen 207
J ua IE
r *8
| Age:
—— —“ iſt * en fi fern: is.
bergen, dal fie ſich von einem Orte zum andern be—
wegen: und ic) glaube, wenn fie den alten Griechen
bekannt geweſen wären, fo würden diefe unfehlbar
dafuͤr gehalten haben, daß ſie ein Leben oder gar eine
Gottheit in: ſich haͤtten. Denn ſie beobachten hier⸗
inne nicht einmal eine gewiſſe Zeit; ſondern gehen
bald im Sommer weiter hervor, im Winter‘ aber zur
ruͤck; bald ziehen fie ſich im Winter hervor, und im
Sommer wieder zuruͤck. Man fieht aber, daß fie
am meiften fortrücfen, wenn fie die meiften Flammen
und Waſſer von ſich geworfen haben. Das: habe
ich vom denen in ihrer Nachbarſchaft wohnenden Leu⸗
ten ſelbſt erfahren; welche feſt darauf beſtanden ſind,
ungeachtet ich mit Fleiß das Gegentheil behauptet.
Und hieraus erheller, daß das darinne eingeſchloſſene
Waſſer, von welchem einige glauben, daß ſie ſo ſehr
aufſchwellen und aufgeblehet werden‘, an dieſer Bewe⸗
gung keine Schuld habe. Sie viren vor, aufs meifte
ungefähr 200 Schritte manchmal aber nur 100, 60,20,
und ſo weiter. Sie gehen aber weniger sure, und
aa mehr Zeit: dazu. Doch findet man, daß
ſie oft über 100 Schritte zurückgehen; und daß ihre
Theile oder Stuͤcken alsdenn bald wie die’ fteileften
un: und nich wenn fe abgebrochen ‚wären, her⸗
vorra
* muͤſſen, als Islamn, eine * — Gewalt ar |
warum jollte.er den nicht in diefen Falten nordlichen
Gegenden noch vielmehr eben das im Großen thun
koͤnnen, was wir oben gefeben, daß er in den Verſu⸗
ir im Kleinen gerhan hat?
208 nl Boxen in
vorragen, und dazwiſchen unzählige — zei⸗
gen; bald aber find fie niedrig und eben, und verire⸗
ten die Stelle einer Bruͤcke, welcher ſich die Reiſenden
ſehr wohl bedienen koͤnnen, wenn es ſonſt nicht moͤg⸗
lich iſt, uͤber das auf * Seiten befinblich ya
zu oammen mon ee
Die Urfache — ——— iſt nicht
zuiergeünden: Man vergleiche nur die Wirkungen
der Kälte, die man fonft in andern Faͤllen fpührer,
mit denen, die in unſern Eisbergen vorfommen:
Mann das Waſſer zufriert,, ſo nimmt es einen’größ
fern Raum ein, als zuvor: wielleicht weil der Froſt
feinen: Theilen eine andere Geſtalt giebt, und denen⸗
ſelben nicht erlaubet, ſo nahe anıeinander zu kommen,
als wann es.flüßig iſt. Daher muß das Gefaͤß,
darinne das zugefrorne Waſſer enthalten iſtnoth⸗
wendig ausgedehnet werden, oder wie Glas, Toͤpfe
und dergleichen, welche mehrentheils zugleich einigen
Knall von ſich geben; zerfpringen. · Eben diefes ſieht
man: an Fleinen Hügeln : mann die Darinne ver⸗
fehloffene Feuchtigkeit dem Frofte des Winters niche
mehr‘ widerſtehen kann, ſo ſpringen ſie nicht ohne
Geraͤuſche oft mitten von einander: wann aber der
Sommer koͤmmt; wird dieſer Schaden wider durch
die Waͤrme geheilet. So iſt es auch mit den Eisber⸗
gen. Ihre unzähligen Oeffnungen und Kluͤfte wer⸗
den im Sommer mit dem Waſſer von dem zer⸗
ſchmelzten Eiſe angefuͤllet. Im Winter friert die⸗
ſes ganz und gar zu, und dehnet ſich alſo mehr a
als es feine Gefäße wohl sulaffen, "Daher. braue
es Gewalt, und zerſprenget dieſelben, und 3
auf die Seite, bis es Plag bat. Eine zulängliche
Menge
1
von den islaͤndiſchen Eisbergen. 209
Mähge des Eifes iſt auch ohne Zweifel eben fo wohl
fähig, eine große Laſt zu bewegen und durch die Kraͤf⸗
te ihrer Elaſticitaͤt von ſich zu floßen, als eine Men⸗
ge Pulver, Klippen zu zerfprengen. Man hörer da⸗
bey in diefen Bergen, wann fie ſich bewegen, ein fo
großes Knallen, als wenn Flinten oder Canonen dar⸗
inne losgefchoffen würden: und diefes koͤmmt davon,
wenn ihre Stuͤcken entweder aus einander fallen,
oder auch an einander ſtoßen. Wann nun das Eis
durch die Wärme des Sommers aufgethaut wird ;
fo ift es natürlich, daß die Berge wiederum zuſam⸗
men fallen. Das Waffer fliege dahin‘ wo eg am
eriten Platz finder, und laͤßt die Klippen und den
Sand ganz entblößt zurüce, wie ein Gerippe, wel«
ches Fleiſch und Haut verlaffen haben: und wann
dieſe Klippen wiederum in ihrem Grunde Eis haben,
und daffelbe von der Wärme angegriffen wird, fo
fälle nothwendig die ganze Saft über den Haufen, und
wird} dem übrigen gleich gemacht. Und auf diefe
Weiſe ziehen ſich die Berge wieder zuruͤck. Weil
aber in Island die Kaͤlte weit laͤnger anhaͤlt, als die
‚Wärme, inſonderheit auf den Bergen, wo Die Son⸗
ne:niemals fo ftarf, als in den Thälern wirker : ſo iſt
Teiche zu errathen, warum diefe-Berge immer mehr
zu: als abnehmen , und warum fie mehr vor» als
ruͤckwaͤrts gehen: da die Sonne niemals fo viel aufs
loͤſen kann, als der. Froft des Winters und ber Sal
peter zu Eife gemacht haben .
"Was aber ver Froft und das Eis hier fuͤr eine
Kraft habe, Fann man aus denen Steinen fchließen,
welche das Eis, das ſich zuruͤcke gezogen, Hinter ſich
laͤßt, und. bie oft fo mirbe geworden find, daß man
13 Dand. >) fie
210 Fortſetzung
ſie mit der Hand reiben kann; —— find
auch wie ein Stück Brodt in Eleine Sr ei
ſchnitten, doch fo, Daß diefe Scheibd;en im Grunde
noch alle aneinander fefte bangen 2, daß fie aber vor⸗
her ſehr hart geweſen ſeyn muͤſſen, zeigen diejenigen
Theile zur Gnuͤge, die noch unverſehrt geblieben.
Sonſt trifft man auch in den Spuren dieſes Eiſes
Sand und fleine Steine an, die das Auge mit ihren
verschiedenen ſchoͤnen und bunten. Farben ergögen,
Wir wollen aber hier. nicht. weiter von. denenfelben
reden : fondern.da wir nunmehr, fo viel es unfere
Kräfte erlaubet, unfer DBerfprechen erfüllee —
hiermit unſere Eleine Arbeit befchliegen *.
3 Bir baten ein Dnar. Zweifel, die ung bey y einigen Stel.
len diefer Abhandlung vorgefommen find, mit Fleig
bis zulegt anzuführen gefparet, um zu verfuchen, ob fie
ſich nicht alle auf einmal follten auflöfen laffen. Es
fragt ſich namlich bey dem 6ten $. Ob denn die Aus⸗
duͤnſtungen aus unterirdijchen Höhlen ——— ſind,
ſo viel Waſſer zu geben, daß ganze eins daraus
entſtehen koͤnnen? und zum andern bat der Herr Ver⸗
faſſer eben dafelbft zwar ermiefen, daß Waffer, Schnee,
Salpeter und Froſt die Urfachen diefes Eifes ſeyn
muͤßten; er hat aber nicht erfläret, auf was fuͤr Art
‚und Weiſe daſſelbe in die Höhe geſtiegen und zu Ber⸗
‚gen geworben.
Ehe wir aber weiter gehen, wollen. wir ein Yaar' N
"Bücher ermährten, die ung zum Theil den Weg bab:
‚nen follen: Das erfte ift des berühmten venetianifchen
Abts Anton Lazaro Moro Unterſuchung dev Berandes‘
rungen des Erdbodeng, darinn er ſehr wabefcheinlich er
wielen bat, daß ale Infeln, alles feſtes Land, und ale,
Felſen und Berge, zwar nicht ai einmal, fondern nach,
und nach,aus der Gee durch) um teritbifehes Feuer ent⸗
Minden feyn müffen. ER * ng |
X nar-
von den islaͤndiſchen Eisbergen. au
ÜNEnarrationes Kiftoricae de natura et conftitutione Islan-
‚ti diae forinatae et transformatae per eruptiones ignis, ex
antiquiſſimis Islandorum manuſeriptis hiſtoriis annali-
bus relationibus conſcxiptae, Hafniae typ. Io. Hoepfneri,
1749. Diefes Teßtere iſt in Copenhagen als eine afa=
demiſche Streitſchrift gefihrieben und öffentlich ver-
Ss theidiget worden, eben zu der Zeit, da man eine deut⸗
ſche Ueberfegung des erſtern in Leipzig zum Drucke
Beförderte: und der Verfaffer diefer Streitfchrift, wel:
cher damals, wie mir diefes bekannt iſt, noch Fein Ita—
lienifch, als die Driginalfprache des erſtern Buches,
verſtund, und alſo vermuthlich von demfelben noch
nichts gewußt, oder e3 Doch zum wenigften noch nicht
> gelefen hatte, bat eben das von feinem Baterlande ing
beſondere, theils aus den Gefibichten deffelben, theils
"aus den darinne überall vorkommenden deutlichen
Merkmaalen vormaliger Feuersbruͤnſte, auf eine ges
ſchickte Weile behauptet, was jener von dem ganzen
bewohnten Erdboden erweislich gemacht hatte... Wir
wollen den von diefen beyden ausgeführten willfübrs
"lichen Sag, der, fo viel und bekannt ift, noch zur Zeit
“von niemanden iſt widerleget worden, bier als eine
Hypotheſe zum Grunde einiger von unfern Muthmaſ⸗
fh um zu sehen, wie weit er uns behuͤlflich
w koͤnne, die vorgefommenen Schwierigkeiten zu
neben. = — ——
Was die erſte Frage anbelanget, fo koͤnnen wir dies
ſelbe hier nicht gleich entſcheiden, ungeachtet wir ſie
lieber mir Nein, als mit Sa, beantworten wollten. Wir
"wollen aber nur feßen, daß das aus unterirdifchen
Behältniffen hervorquellende Waffer nicht einen zu—
länglichen Stoff zu fo vielem Eife geben koͤnnte; fo
koͤnnte doch wohl anderes Waffer eben diefes thun.
Damit man die Möglichkeit hiervon einfehe, fo wollen
wir den Verfaffer im zten $; zugeben, daß das von
"den um diefe Eisderge berumliegenden andern Bergen
zerſchmelzte Eid und Schnee in die benachbarte hies
drige und fandichte Gegend darinne dieſe Eisberge
ONRä nach
212.000 Ferefekung 0
\
nach dem Berichte unfers Verfaſſers im aten . und
des Eg. Olauii Enarr. Hift, de Isl. $. XXXIH. p.37. liegen,
- zerfloffen ſey; und Darnach im Winter zu Eife gewor⸗
den, deffen ganzliche Aufloͤſing bey darauf folgender
Wärme der Galpeter uud die einmal erlangte Dicke,
welche die Strahlen der Sonne nicht durchzudringen
im Etande find, verhindern. Iſt e8 nun alle Jahre
fo fortgefahren, daß der Sommer. jederzeit weniger
aufgelöfet, ald der Winter dazugefegt hat, fo bat dag
Eis viele Lagen auf einander befommen müffen, und
Diefe bat es auch wirklich. ——— —
Doch, wie ſind die großen Steine und Klippen 63.
die Warme ded Sommers etwas ind Eis Dimeingefuns
en, und der Winter hatte fie darauf nicht nur ein—
frieren laffen, fondern wenn neues Waffer von dem .
zerſchmelzten Schnee und Eife darauf gekommen wäre,
waren ſolche Klippen durch eine neue Lage entweder
ganz, oder doch halb bedeeft worden, Wenn nun auf
diefe Weife vielmald nach einander neues Eid und neue
Felſen auf die alten gefommen find, und immer neue
Lagen gemacht haben: fo haben diefe Gteine nothwen⸗
Dig fehr-unordentlich, einige hoch, andere tief im Eife
liegen, und noch andere daraus bervorragen muͤſſen,
nachdem, wie fie der blinde Zufall hineingeführet hat.
Und dieſes ficht man auch inder That. Daß aber. folche
- Berge Sand und große Klippen, und zwar ſehr wrie
1 — N we un
/
Ü i
und big ind Meer hinaus von ſich werfen, zeiget Ola⸗
vius in dem angeführten Buche $. CXXXX- p. 134.
von den islaͤndiſchen Eisbergen. 213
"mit dieſen Worten: Huius quadrantis (orientalis) litus
in pluribus locis immutatum eft Aufturiöklorum (mon-
tium glacialitim orientem verfus tacentium) faeuitia,
Qui egeftu faxorum cinerunque litus in mare vsque
operuerunt. ‚Eben diefer Olavius ſagt, daß diefe Ge>
gend im Anfange niedrig aber fruchtbar gemwefen, dar:
auf aber fey fie vom Sande oder Schutte bedeeft wor⸗
- Den, den die umliegenden Berge ausgeworfen haben. .
"Er ſpricht $. XXXIIE p. 37- Pumicum cinerumque
hic immenfa adeſt copia, quorum magna pars poftea
eructata fertiliftma fubmiffae terrae ſpatia aperuit,
x dur hodie Se/heima - fandur , Lomagnups - fandur, et
reidamerkur-fandur, appellantur. Und diefer letzte
iſt diejenige mit Sande und Eife angefüllete Gegend,
davon unſer gegenwärtiges Werf handele. Allein un⸗
fer Verfaſſer foricht im zten $. es fen nicht wahrſchein⸗
Lich, daß das Eis die Klippen einen fo weiten Weg auf
"dem flachen Sande (in plano) wie ein Keil getrieben
habe, da es micht durch die Enge des Raumes dazu
genoͤthiget worden. Er fagt alſo, daß das Land da⸗
ſelbſt flach und nicht abhangig ſey; und er verdient
bierinne um defto mehr Glauben, weil er es felbft ge-
- fehen bat. Doch der Widerfpruch zwifchen beyden
hebt fich ſelbſt dadurch auf, daß jener von dem erffen
blühenden Zuftande der Gegend, diefer aber von dem
itzigen reder, da fie von Sand und Eife HE uͤberſchuͤt⸗
geh und dent ubrigen Erdboden gleich, ja weit höher
gemacht worden. Geſetzt aber, daß fie niemals nie>
Driger, als das umliegende Land gemwefin waren, fo
koͤnnten ja die Felfen durch Erdbeben, welches daſelbſt
nichts feltenes iff, von den benachbarten Bergen dar:
auf ſeyn geworfen worden: oder auch durch unterir⸗
diſches Feuer, Daß diefes in dem meiften Eisbergen
vorhanden fey, beweifet folgendes Zeugniß des Ola⸗
vius in feiner obengenannten Schrift 6. XXXTIE p. 37.
wo er ſelbſt vor denen im dieſem oͤſtlichen Vierthel
| 23 Islands
2 KR
\ | > N AP X END R
214 ‚yr Be. Fortſetzung 1 339 # 4
4 D# ‚ Une J ar . h
‚ 1 , >
Islands befindlichen Eisbergen redet: Name pluri-
bus. loklis fine. riuofis: montibus- erupit.ignis, quales
. funt,:Derefa-iökull, Solbeima-iökull, Knappafels-iökull
„et Mirdals : ibkull. DaB fie aber auch große Steine
von fich werfen, erhellet aus dem X. $- p- 11. Saxa et-
iam vaftiflima,. quae taın cito nequit ignis ‚peruadere;
illaefa eructat, perfuſa interdum fulphuris fuligine.
Doch diefes iſt ſonſt bey den bekannteſten feuerſpeyen⸗
den Bergen nichtd ungewöhnliches. , Und wenn ‚Die
Gewalt des Feuers nicht Fark genug geweſen iſt, die
Klippen fo weit weg zu bringen, bat doch wehl folches
durch Erdbeben, oder durch eben die Kraft gefchehen
koͤnnen, Durch welche Diefe Berge fich felbft bewegen.
- Bill man hingegen Tieber fagen, daß die Klippen
ſchon vorher im Gande geſteckt ‚haben, und daß viel⸗
leicht beyde zugleich von dem Feuer der benachbarten
‚Berge ausgefpien worden; fo wird die Möglichkeit |
diefer Mepnung ſich eben fo leicht behaupten: laffen :
und mir wollen zugleich unfere Muthmaßung von dem
Emporfleigen diefeg Eiſes vorbringen.. Wir wuͤnſch⸗
ten aber nur, daß alle unfere Leſer die beyden obens
angeführten Buͤcher, des Herrn Abts Moro und des
Herrn Olavius, zuvor ſelbſt möchten gelefen haben,
Damit fie daraus überzeuger würden, baß wir dem un:
terirdifchen Feuer bier Feine größere Kraft beylegen, als
dieſe beyden gelehrten Schriftfteller aus den glaubwür-
digſten Nachrichten eriwiefen haben, daß es in den be:
Fannteften Theilen des Erdbodend, und. befonders in
Island, felbftanden Tag geleger babe: denn hier würde
es viel zu weitlauftig fallen, alles ausführlich zu ber
mweifen. Wir fegen alfo, vornehmlich, die Hypotheſe
des berühmten Abts Moro bey der unfrigenzun Grun⸗
de: und fchliegen daraus, daß, wenn alle Berge, ſo⸗
. „wohl diejenigen, die aus lauter fruchtbarer Erde, ald
‚die, aus den raubeften Klippen und Felſen beſtehen,
durch unterivdifches Feuer — Kind, welches er=
wahnter Abt aus den. wichtigfien Gründen fehr ag
J | chein⸗
von den islaͤndiſchen Eisbergen. "arz
ſcheinlich Yargethan hat : fo koͤnnen auch wohl unfere
Eisberge durch eben dieſes Feuer feyn in die Hoͤhe ge⸗
trieben worden. ‚Die Menge des Schwefeld und an⸗
= >
‚derer Mineralien, die in der mit ihnen vermengten
"Materie und in ihren fandichten Grunde ſtecken, Fönnte
"wohl zureichend feyn, fie zu entzuͤnden und zu bewegen.
"Man finder im ihnen und um fie herum die deutlichften
Merkmaale vormaliger Feuersbruͤnſte, als Aſche, ge⸗
brannten Kalt, Bimſteine und andere verbrannte und
ſchwarz angelaufene Steine, die an ihrer Oberfläche
gleichſam Wellen haben, dadurch fie zeigen, daß ſie
ehemals fließende und brennende Materien geweſen
ſeyn müffen, die darnach, als fie die Hitze verlaſſen
"bat, zu Gteine geworden. Diefe a ge des Feuers
erzaͤhlet Olavius in feinem ganzen Er zäblet
. aber mit umter diefelben die Fleinen ek die jer=
ſpalteten und die mürbe gewordenen oder caltinirten
Steine, derer unfer Berfaffer am Ende feiner Abhand⸗
Jung erwahnet : und es ſcheint noch ungewiß zu fehn,
"ob fie diefe Geftalten durch den übermäßigen Froſt
"oder durch Das Feuer bekommen haben... Endlich zei⸗
gen auch die ‚alteften und neuern Nachrichten, welche
Olavius anfuͤhret, daß die meiſten von ſolchen Eisber⸗
gen in Island ehemals zu einer oder der andern Zeit
gebrannt haben. Selbſt der — Hekla iſt ein
I berg.
Da nun dieſes — iſt, und da das Eis niche
—— in die Hoͤhe zu bringen und in Stuͤcken zu
brechen iſt, als ganze große Klippen: warum ſollte
denn das Feuer nicht auf eben die Weiſe in jenes ge—
wirket haben, als die Erfahrung gelehret hat, daß es
im diefe gewirfet. Nun finder man bey dem Abt Moro
die Nachricht, wie einige Infeln nicht vor langer zeit
entftanden find; wie man anfangs im Meere eine große
"Bewegung und Kochen wahrgenommen; wie hernach
aus demfelben eine Klippe hervorgefommen und im—
mer in die Höhe geſtiegen; wie diefelbe endlich ange:
24 fangen
216 ° oe
"fangen bat Feuer- zu fpeyen, und Aſche, Steine, Mine⸗
ralien und dergleichen auszumerfen; und wie endlich
alles Diefes zu einer fruchtbaren Inſel geworden, darauf
- die erften Klippen und die umliegenden großen ausge⸗
‚ worfenen Haufen Erde die Berge ausgemacht haben.
Könnten denn nicht auch hier die Klippen mit ſamt dem
vorher nur Fach gemefenen Eife ſeyn aufgebrochen und
in die Hoͤbe geworfen worden? Sie brauchten nur auf⸗
«gebrochen zu werden, fo daß die Stücken eine andere Lage
s Friegten, und entweder auf einer andern Geite, oder
"auf ihrem Rande gerade ader ſchief zu fliehen kamen,
wie Carteſius ſich den-Uriprung der Berge vorſtellet;
fo winden fie ſchon weit höher feyn, als das flache
> Und wenn man ſonſt auch nicht begreifen koͤnn⸗
te, wie die Felſen hoͤher als das Eis zu ſtehen gekom⸗
men, fo. wird ſolches hierdurch klar werden. Wenn
namlich ein ſolches ungeheures Stuͤck eines Eisberges
auf cine andere Seite geworfen worden, oder gar das
Oberſte unten gekehrt und die vorher im Grunde ge⸗
weſenen Klippen mit ſich losgeriſſen hat, welches deſto
kichter geſchehen koͤnnen, da ſie in dem Sande nicht
feft geftanden haben: fo muffen ja die Klippen. wit
„derjenigen Geite, welche das Eis bisher ihnen zuge⸗
kehret hatte, und in welche fie eingefroren find, einer-
ley Schickſal haben. Koͤmmt dieſe oben zu liegen :
fo fienen fie auch eben; liegt fie auf der Geite, an ſtatt
daß fie vorber auf der Erde fag: fo müffen fie fich
ach eben das gefallen faffen: und wenn die Sonne
dazu koͤmmt und ibre Einfaſſung zerſchmelzt, müffen
fie gar herunter follen. Bewegt fich aber ihre Woh⸗
nung: fo werden fie mit beweget. Stoͤßt ein anderes
Stück Eis oder Felſen an diefe Eteiye, oder wenn fie
felbft herunter fallen: fo müffen fie nothwendig ihre
fharfen Eden verlieren, wenn fie welche haben. Und
alfo ift es Fein Wunder, wenn ihre Geftalt mehren:
teils etwas in die Kunde fat, F. 3. weil fie ir den
Eisbergen beſtaͤndig von Froft und Hitze, Be
offer,
u
..
*
vom den islandiſchen Eibergem 217
. Woaſſer IR ke feste von —————
J anögufbeben — >46 chad vie ni
rrınjen
"Die entfeglihen 4 Rläfte; Dre men bald mehr ald
——— in dieſen Eisbergen antrifft, koͤnnen auf ver⸗
| zfihiedene Weifeet be SM das Eis von dem Feuer
saufgebrochen worden: ſo muſſen ja zwiſchen Denen
Stuͤcken, die auf den Kaud gerichtet ſtehen, ſo tiefe
Rluͤfte kommen ind: die Stuͤcken und ganzen Theile
der Berge groß ſind. Friert das Waſſer, mitiwel-
chem der Sommer die tiefem: Oeffnungen der Berge
‚angefüllet hat, ganz und gar zu: ſo erfordert es wie
der Verfaſſer dm Ten 5. augemerkt hat, mehr
und zerbricht fein Behalemf mit. Gewalt alsbald
fpringt das Eis von einander, und zwifiden den Stil:
den entſteht eine Kluft. Wird der Grund des flachen
Eifes entweder von der Sonne oder von dem unters
irdifchen Feuer an einem Orte mehr ald an dem an⸗
dern gefchwäacht und niedrig, gemacht: ſo wird dag
Eis, dem der Grund, entzogen worden, vermöge feiner
| Schwere, von dem andern abgebro n, und durch eine
Kluft —— Uebrigens glauben —* daß das
dem Grund, dev Froſt aber und die Sonne
iche: diefer Eisberge am 24 en wirke.
er Salneter herrſchet in beyden fugleich, und wider
ſteht denen vhnedem ſchwachen und ſchiefen Strahlen,
mit welchen die Sonne alle Jahre auf * kurze Zeit
ſein froſtiges u} verheeret J—
Dieſe Gedanken von dem RR und der Bes
fehaffenheit unferer Eisberge, haben mir nicht umhin gee
font, bey einer fo erwünfchten Gelegenheit gelebrtern
Lefern zur Pruͤfung darzuftellen. Wir können ung
dabey ihrer —— ſo wenig, als ihrer Gewißheit
ruͤhmen. Daß ung aber die angenommene Hypotheſe
vor andern gefallen hat, hoffen adurch wenig⸗
ſtens entſchuldigen zu können, m wahrſcheinlich
und vor andern geſchickt zu kon gefchienen, die vor
a 235 kommen⸗
218 Fortſ. von den island. Eisbergen.
kommenden Knoten Aufzulöfen. : Wenn wir uns nun
irren, fo haben wir doch den Grund, darauf wir nes
bauet haben, nicht zuerſt gelegt, noch zuerfl angenonts
men noch als den’ einzigen, wahren imd felten, jeman⸗
den aufzudringen geſucht. Wir geben vielmehr unfere
Muthmaßungen nur für. Muthmaßungen aus. Denn
ei nicht eine jeden Anfaͤngers Werk, von den Ge:
heimniſſen der Natur etwas gewiſſes und zuverlaßi⸗
ges zu ſagen; vielweniger aber iſt es demſelben an⸗
ſtaͤndig, etwas fuͤr ganz ausgemacht auszugeben, von
deſſen Wahrheit er nur durch den Beyfall gelehrter
und ſcharfſichtiger Richter. verſichert werden kann.
MWie gluͤcklich werden wir uns alſo fchägen, wenn wir
dieſen erhalten! ins tu 750202 Rn:
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der phoſtt atiſchen
Merkwuͤrdigkeiten.
Rochtiche von einer Frau, deren gnochen
weich und biegſam geworden”,
(03 giebe "eine feltene Krankheit der Menfchen,
9 die darinn befteht, daß ihnen die Knochen
bey lebendigem ibe weich und biegſam wer⸗
den, fo daß die Glieder von der geringſten Urſache
eine andere Figur annehmen, als ihnen natürlich iſt.
Man hat von diefer Krankheit verfchiedene gedruckte
Beobachtungen, und" kann darüber des Dr. Lamas
berts, zu Touloufe 1700 herausgefommene Ber’
fehreibung eines ſolchen Kranken, ferner die Ada’
Hafnienfia, Obf. 24. Tom. 35 den Sernelium,
de abditis rerum Caufis, lib. 2. cap. 9; Hollier,
Obf, 7; die Sylloge des velchius die Confulta-
tiones des Nicol dus Fontanus; die Bibliotheque
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—44 — 1 ———— Ad
ERRNTEN . \m N
Rälfonnee Tom. 37. Part. IT. p. 262. Tom. 36. P.
‚I. p. 331 ; oder die Pbilofopbicaltransactionen,
wie ie auch Scharſchmidto Sammlungen und viele
—* | | andere
ea y7 Kia \ — & '
— gps —* Koifrhaf de Scavans 17352. — Art. III.
von dem pariſiſchen Arzte, ren D.Morand.
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220: Auszugder neueſten
andere nachleſen.Erſt Fürzlich hat Here Dr. Mo⸗
rand zu Daris eine gleiche Beobachtung unter folgen»
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demTitel bekannt gemacht; Lettreadrefleea Meflieurs
les Auteurs du Journal des Sgavans, au fujet d’une
Obfervation communiquee‘a la’F acult€ de Mede-
eineza.] fleınbleevdu prima Menfis de Septembre,
1752. Cr beichreibt darinn den Zuftand der Patien«
tinn, wie er fiefelber angetroffen, mit folgenden Wor⸗
ten: Der erfte Anblick diefer Frau, die in einem
Bette auf dem Rücken lag, worinn man, fo zu far.
gen, nur die Hälfte eines Weibes antraf, war fo bes
fchaffen, daß er fich nicht allzuwohl befchreiben ab
Inzwiſchen iſt es doc) möglich, ſich einigen Begriff,
davon zu machen, wenn man ſich ein Weib vorſtellt,
die. weder Füffe, noch Schenkel, noch Huͤften hat, die,
dem Anſehen nach, alle dieſe Theile niemalen gehabt
zu haben ſcheint, und deren ganze Taille ſich bey der
Schaam, oder dem untern Theile des Beckens en⸗
diget. Alle die Theile, welche die unteren Glied»
maßen ausmachen, find von der Kraft der Muſteln,
die fie bewegen, auf eine fonderbare-Weife zuruͤck
gezogen worden; ‚und weil die Kochen. Feine Feſtig ⸗
keit mehr befaßen, fo konnten fie ihnen nicht dem,
gehörigen Widerſtand thun. Daher haben fich
die Füße und Schenfel nady und nach gegen die,
Senden. und. Geitentheile des Rumpfs hinauf gezo⸗
‚gen, dergeftalt,. daß der linfe Schenkel nicht anders‘
ausfieht, als wenn er fich unter den Rücken, der,
Kranken fehieben wollte, die alfo auf diefer Seite
den Kopf x leichter Mühe auf ihren Fuß flügen
koͤnnte.
n
Die rechte unterſte Extremitat beruͤhret
phyſikaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 221
noch nicht alle Seitentheile des Rumpfes, wie bie
linke: indeſſen naͤhert ſie ſich ihnen doch von Tage
zu Tage mehr, gleichwie ſich auch die Huͤftbeine
unnatuͤrlich wenden und drehen, fo daß fie dei
Kaum des Beckens verändern muͤſſen. Die Zehen
find niederwärts umgebogen. Ob nun gleich: die
‚Kranke fid) weder bewegen, noch ihre Stellung
verändern kann, fo verrichtet fie doch die natuͤrli⸗
chen: Nothwendigkeiten ohne Mühe oder Beſchwer⸗
niß, weil die dazu beftimmten Theile, wegen der
gewaltfamen Berfchiebung der Schenfel, ein wenig
erhaben find. An einigen Orten ift die Bruft auf
die Lunge niedergefunfen, wovon die Kranfe ein be
fihwerliches Athemholen und Blutauswerfen befoms
men bat, das. ihr den Garaus machen wird. Der
obere und vordere Theil des Bruftfnochens ſcheint
frummgebogen und aufgelaufen zu ſeyn; dahinge⸗
gen. der untere hineinwärts zu geben ſcheint. Der
Theil der Schlüffelbeine, der mit .den Bruftfnochen
zuſammenhaͤngt, ſteht unnatuͤrlich weit heraus,
Vermuthlich wird es mit dem Ruͤckgrade nicht ana
ders befchaffen ſeyn: doch hat man Feine Unterfus
hung dafelbft anftellen koͤnnen. Die Arme und
Hände ftellen wieder. eine ganz andre Ausficht dar.
Sie liegen auf verfehiedenen Fleinen Polftern auge
geſtreckt, die man überall untergelege hat, mo die Kno⸗
chen ſich gebogen haben, und die man aud) beftändig
wieder anders degt, nachdem es noͤthig fcheint, Diefe
oder jene Gegend zu unterftüßen, damit. der Schmerz,
den ſie von Zeit zu Zeit empfindet, Dadurch gemaͤßiget
werde, Das Achfelbein (hunerus) iſt in der Mitte von
B— innen
222... . Auszug der neueſten
innen nach außen gebogen, gleichtwie der Cubitus und
Radius linfs und rechts, dergeftalt, daß der Ellenbo⸗
gen,oderbey nahe die Mitte desrechten Arms, von dem
Malleolo interno des Fuffes, und der mittlere Theif
des linken Arms ‘von dem obern Theile des Schien»
being unter der Kniefcheibe unterftügt wird, Sins
deffen hat man doch, vermittelft eines dazwiſchen lie.
"genden Eleinen Polfters, verhindert, daß fich diefe
Theile einander nicht berühren. Alle diefe verfchie-
dene Beugungen des Arms-und Ellenbogens geben
1
ihnen das Anſehen, als ob ſie zerbrochen waͤren. Die
Kranke kann ihre Glieder ganz und gar nicht ge—
brauchen; außer daß ſie den Arm im oberſten Ge⸗
lenke bewegen, und die Finger ein wenig aus ein⸗
ander beugen kann, ohne ſie doch zu kruͤmmen. Die
ganze rechte Hand iſt geſchwunden. Das Gelenke
der Hand iſt an der Seite des Daumens wie zer⸗
knirſcht; die: Singer und das Gelenfe er find
auswärts gebogen. Die linfe Hand . nicht ges
ſchwunden, fondern dit, und fcheint uͤbrigens nicht
verändert zu ſeyn. Am Kopfe iſt nichts außeror- |
dentliches zu fehen. Die Zähne find ſchwarz , und
das Zahnfleiſch ift angelaufen und blutig, ° Das
Geſicht iſt nicht entftellt, und fcheine einem gefunden
Menſchen zuzugehören. Bey dem allen’ befinder
fih die Patientinn wohl, und alle natürliche Ver»
“richtungen gehen: gut bey ihr von ſtatten. Auch
ihre Reinigung koͤmmt zu gefeßter Zeit: nur daß fie.
ein langfames Fieber hat, welches ſich durch eine ftarfe
Hitze verfchlimmert ‚wenn ihr eins oder Das andere
Glied 3 ſchmerzen anfaͤngt. In ſolchem Zuſtande
ſind
| | phyſikaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 223
ſind ihre Gliedmaßen ſo ſchmerzhaft, daß ſie nur
bloß mit ein paar Tuͤchern bedeckt werden darf; und
dieſer allgemeine Schmerz verhindert auch, daß
man durchs Anfuͤhlen nicht genau erforſchen kann,
wie weich ihre Knochen ſind, und ob ſie ſich, wie
in andern Beobachtungen gemeldet wird, wie ein
Wachs hin und her beugen laſſen. Dieſes Bay
ſpiel lehret, wie weit das Elend in unſern Koͤrper
einreißen, und wie entſetzlich er zugerichtet werden
koͤnne, ehe der Tod vom Schickſale hinzugelaſ⸗
ſen wird, eines ſolchen Jammers ein Ende zu
machen. ih ca 13.2.) RE DE
Indalt
| Inhat sr
des giveyten Stückes im Deggehnten Bande
» Fortſetzung der nttceöfeäpifeen rn bnfiftifhen
Beobachtungen des Herrn D Kill a
5 oh. Gottfr. Zinns verfhiedene Beobachtungen an
franfen Körpern 166
3) Withofs Anatomie des menſchlichen Haares 171
4) Joh. Gottfried Zinns Beobachtungen von Verhaͤr⸗
tungen des kleinen und großen Öehirnes 105 _
5) Sertfegung der a von itäeifgen Eis.
bergen 2 | 197
6) Auszag der neuen * it Rerwůrdig
keiten 0.219
a es oo
/
L)
Hamburgiſches
oder
geſammlete Schriften,
Aus der
Raturforfchung und den angenehmen
Wiſſenſchaften überhaupt,
/
Des dreyzehnten — drittes Stuͤck.
— und ——
— Georg Chriſt. Grund und Adam Heinr. Holle.
1754.
I
2 Mbrecht von Haller,
Ei | von den
empfindlichen und veizbaren Theilen
—— des
| | | "
menſchlichen Körpers.
den 22 April 1752 in der Kön. Gef. der W. zu Göttingen
Be, vorgeleſen.
“
7 Aus dem II Bande der Comın. Soc. Reg. 8Sc.
Gotting. ©. 114.
—
“or einigen Monaten, hochgeehrteſte
IL Mitglieder, trat hier in Göttingen die
Inauguraldiſputation de Icritabilitate
von meinem guten Freunde, ehemalis
@ gem Schüler und Hausgenoffen, Herrn
D. Tobann George Zimmermannen, ans ticht.
Die zu diefer Sache gehörige Verſuche hat er theils
in meiner Gegenwart felbft erben und ich: werde
| 2 ſie
228 Bon den empfindlicher Theilen
‘fie auf eben diefe Art anführen, wie id) fie mir aufges
zeichnet habe, theils hat er andere eigene. Was ich
hiervon nicht felbft gefehen, werde ich aus deffen Dif- »
fertation beybringen. Ich babe auch. viele andere }
Verſuche ſeit dem Jahre 1746 in Gegenwart diefes
guten Freundes ſelbſt angeftelfet, und vom Anfange
des 1751 Jahres an, auf Hundert und neunzig leben«
dige Thiere auf mancherley Weife unterfucht. Sch
babe in der That hierbey mir felbft verhaßte Grau«
ſamkeiten ausgeüber, welche aber doch der Nutzen für
Das menfhliche Gefchleht und die Nothwendigkeit
entfcehuldigen werden; da fich doch gleichwohl der
mitleidigfte Menfch des Fleifches der Ihiere ohne
Vorwurf, und ohne fih ein Gewiſſen drüber zu
machen, zu feiner Speife bedienet, Uebrigens würde
das vollftändige Tagebuch von Berfuchen, welches
ich bey mir liegen babe, wegen der großen Menge
der Verſuche hier her zu feßen zu weitläuftig werden.
Sch habe das allgemeine und beftändige aus den Er«
folgen gezogen, und werde Ihnen folches vortragen.
Es ift aus diefen Erfahrungen eine Probe einer
neuen Einteilung der Theile des menfchlichen Koͤr⸗
- pers entfprungen, wobey ich mich Feiner andern “Be:
nennungen bediene, als.daß ich die Theile des Koͤr⸗
ı pers in reizbare und empfindliche unterfcheide, und
fie von denen abfondere, welche weder reizbar noch
empfindlih find, ine Theorie aber, warum
beyderley Eigenfchaft in dieſen Theilen niche ift, in
andern Theilchen des menfchlichen Körpers hingegen
ſtatt finder, eine folche Theorie, fage ich, kann ic) nicht
verfprechen ; denn ich bin uͤberzeugt, daß die Duelle
diefer beyderley Kraft in dem innerften Baue vers
‚borgen
des menſchlichen Koͤrpers. 229
borgen liege, und daß fie viel zu ſubtil iſt, als daß
man fie mit Hülfe des anatomifchen Meflers, oder
des Bergrößerungsglajes, entdecken koͤnnte. Von
dem aber, was ſich nicht mit dem Meſſer oder dem
Microfcop entdecken läßt, mag ich nicht viel muth⸗
maßen, fondern mic) ganz gern enthalten, dasjenige
zu lehren, was ich felbft nicht weiß. Es ift eine ftolze
Art der Unmiffenheit, andere da führen wollen, wo
man felbft nichts ſieht. 10
Um fo vielmehr aber habe ich mir vorgenommen,
die Materie meiner Abhandlung felbft auszuführen,
weil diejenigen Beränderungen, welche aus meinen
neuen Berfuchen folgen, von einem weitläuftigen Um⸗
fange find, und einen Einfluß in die ganze Phnfiolo»
gie, Pathologie und Ehirurgie haben; und weil Dass
jenige, was id) Durch Verſuche gefunden, den ange
nommenen Meynungen fehr zumider ift. Und bie
ftärffte Urfache, warum ich folche Graufamfeiten bes
gangen, ift gemefen, weil ic) leicht worausfehen konn⸗
fe, Daß die gegenwärtige Meynung wegen ihrer Un⸗
wahrfcheintichfeit niemand: gefallen koͤnne, der niche
überzeugte. würde, Ich habe daher für nöthig gehal⸗
ten, die Verſuche zu wiederholen, und zu vervielfaͤlti⸗
gen, damit die Zweifler mit einer Menge einſtimmi⸗
ger Zeugnifle gleichfam uͤberſchuͤttet würden, ; und da⸗
mit mich) nicht etwa ein Irrthum, der zufälliger Weife
entftehen koͤnnte, betroͤge. Ich bin überredet, daß
die groͤßte Urſache der Irrthuͤmer dieſe gewefen, daß
ſich die meiſten Aerzte weniger, oder auch wohl gar
keiner Erfahrungen bedienet, ſondern an ſtatt deren
die Analogie zu Huͤlfe genommen. |
P 3 3%
230 Bon den empfindlichen Theilen ——
Ich bin auch zu dieſer Unterſuchung dadurch noch
mehr aufgemuntert worden, da ich geſehen, daß die
Reizbarkeit von berühmten Männern ſolchergeſtalt
angenonmen worden, daß fie auf dieſe Wirffamfeit
der Fafern ein faft allgemeines Syſtem der Bewe
gung in dem menfhlichen Körper errichtee, und alle,
Berrichtung der Faſern, der Gefäße, der Merven,
der Muffeln, kurz, ver ganzen menfchlichen Mafchine,
von diefer einzigen Reizbarkeit hergeleitethaben: mie
id) in der That aus des berühmten Herrn Johann
Sriedrich Winters im Jahre 1746 zu Franeder
gehaltenen Rede, aus Herrn "Johann Lups Difl.
de Irritabilitate, aus Heren Wilhelm von Magny
und J. G. J. la Motte Sage, Ergo a Valorum
audta aut diminuta irritabilitate omnis morbus gefes
ben. Und diefe Meynung ift mit derjenigen nicht eis
nerley, nach welcher alle Bewegung aus der Empfins
dung hergeleitet wird, und deren J. G. Krüger,
SE, Anton Nicolai, Robert Whytt, 5. St.
Delius, und andere große Phyfiologen zugethan
ind, F 5 | 3 i ’ 5 P .
h Denjenigen Theil des menfchlichen Koppers, wel⸗
her durch ein Berühren von außen Fürzer wird, nenne
ich reizbar: fehr reizbar ift er, wenn er durch ein
leichtes Berühren, wenig aber, wenn er erftlich durch
eine ſtarke Urfache, ſich zu verfürgen, veranlafiet
wird. . | a Z
Empfindlich nenne ich einen folchen Theil des Koͤr⸗
pers, deffen Berührung fi) die Seele vorfteller; und.
‘ben Thieren, von deren Seele wir nicht fo viel erfen-
nen fönnen, nenne ich diejenigen Theile empfindlich,
bey welchen, wenn fie gereizet werden, ein Thier offen-
866 | bare
des imenfchlichen Körpers. 230
bare Zeichen eines Schmerzes oder einer Beſchwer⸗
lichkeit zu erfennen giebt. Lnempfindlich nenne ich)
hingegen diejenigen Theile, bey welchen, wenn fie
gleich gebrennt, gehauen, geftochen, und bis zur Zers
ſtoͤrung zerfchnitten werden, fein Zeichen eines
Schmerzes, fein krampfichtes Zucken, Feine Veraͤn⸗
derung in der Lage des ganzen Koͤrpers, erreget wird.
Denn es iſt bekannt, daß ein Thier, welches Schmer⸗
zen empfindet, den leidenden Theil von der Urſache,
die den Schmerz macht, wegzuziehen fucht, daß es
den verlegten Schenfel an ſich zieht, wenn es in die
Haut geftochen wird. fich fchürtelt, und andere Zeichen
von fich giebt, Daraus man erfenner, daß es Schmerr
zen hat.
‚Meines Bedünfens kann einzig und allein aus
den Erfahrungen erfläret werden, welcher Theil des
Körpers empfindlich, oder: welcher reizbar ift. Was
aber die Phnfiologen und Aerzte von der Gegenwart
diefer Eigenfchaften, ohne darüber angeftellte Erfah⸗
rungen, zu erklären unternommen, ift felbft Die Urſache
und Duelle der Irrthuͤmer, nicht allein bey dieſen,
fondern auch bey andern Dingen, gewefen. -
Da Boerhaave die Nerven für den wahren FR
Men Grundftoff des menfchlidyen Körpers angenom«
men hatte, fo durfte er nicht viel weiter gehen, um
auch diefes zu bejahen, daß faum ein Theilchen des
menfchlichen Körpers fen, welches nicht empfinde-oder
fich bewege a): und diefe Meynung, wider welche ich
anderwärts verfchiedenes erinnert b), ift faſt durch
ganz feanepe angenommen worden.
| P 4 Die
a) Inſtit. rei medie. n. 301. LTR — BD
zbo Comment. in Praciect. Boerh. 1. c.
rg
| 232 Bon den empfindlichen: Theilen
Die einfachen: Theile des menſchlichen Körpers
find die Nerven, die Schlagadern, Blutadern, die
Eleinen Gefäße, die Haͤutchen, Musfelfafern, Faſern 9
der Sennen, der Baͤnder, der Knochen, und das zel⸗ N
lichte Gewebe. 94
Die zuſammengeſetztern Teil find die Muskeln, |
Sennen , Bänder, Cingeweide, Drüfen, große Be
hälter, Ausführungsgänge, große Puls- und PER 2
. adern,
Diefes fen nur obenhin gefaget : denn wir braus
hen diefe Dinge bier nicht ausführlich und mit Fleiße
durchzunehmen, weil wir bloß ein Verzeichniß der
Theile des menfchlichen Körpers geben.
Welche aber von diefen Theilen empfindlich. find; £
will ich nunmehro aus folgenden Berfuchen lehren.
Ich habe bey lebendigen Thieren von mancherley
Gattung und von verfchiedenem Alter denjenigen Theil
entblößet, von welchem die Frage war ; ich habe gex
wartet bis das Thier ruhig gewefen, und zu fehreyen
aufgehört, und wenn es ftille und ruhig gewefen, fo
babe ich den entblößten Theil durch Blaſen, Wärs
me, Weingeift, mit dem Meſſer, mie dem Aegfteine,
(Lapis infernalis) Bitriolöle, mit der Spießglasbuts
ter, gereizet. Sch habe alsdenn Acht gehabt, ob das
Thier durch Berühren, Spalten, Zerſchneiden, Brenz
nen,’ Zerreißen, aus feiner Ruhe und feinem Still
fehmweigen gebracht würde ; ob es fi) Hin und bee
wirfe, oder das Glied an ſich zöge, und mit der
Bunde zuckte; ob fich ein krampfhaftes Zucken in
Diefem Gliede ereignete, oder ob nichts von dem ale
len gefchäbe. Ich habe die oft wiederholten Erfol⸗
ge, fo, wie fie ausgefallen find, aufgezeichnet, Denn
= eo BT nd. 37 was
/
des menſchlichen Körpers. 233
was: liegt mir daran, ob die Natur auf dieſe ‚oder
jene Art empfindet! oder was für eine, Unbeſonnen⸗
heit wuͤrde ich nicht begehen, was fuͤr einen Ruhm
wuͤrde ich erwerben, wenn ich einen Erfolg erzaͤhlete,
davon der allerleichteſte Verſuch, den ein anderer
Zergliederer wiederholen koͤnnte, das ION
zeigte.
An der Ordnung der Verſuche wird meines Be
Dünfens nicht viel ‚gelegen ſeyn: ich fange alfo von der
äußerlichen Haut (cutis) an. Denn von den Ober:
häutchen ift gewiß, daß es Feine Empfindung har,
weil es leicht von dem rauchenden Salpetergeifte fo
gebrannt werden kann, daß es eine lange daurende
gelbe Farbe an ſich nimmt, und gleihmohl demjeni,
gen, welcher den. Berfuch an ſich anjtellt, Feine Des
(dwerung mad.
‚Der malpighianifche Schleim Ein bey den Ber:
fuchen ſchwerlich von den Dberhäutchen abgefonvdert
werden. Ich babe alfo damit feine Berfuche anges
ftellt ; weiß aber gewiß genug, daß er niche em⸗
pfinblid) iſt.
Die Haut iſt empfindlich, und zwar unter
Theilen des menſchlichen Koͤrpers in einem über:
aus ftarfen Grade: denn man mag fie reizen, mo
man will, fo wehflaget das Thier, es ſchuͤttelt ſich,
und giebt alle Zeichen des Schmerzes , fo viel als in
feiner Gewalt fteht, von fih. Die Haut hat mir
daher zum Maaße der Empfindlichkeit gedient: und
denjenigen Theil des Körpers, wobey, wenn er gereizt
wird; das Thier ruhig bleibt, da hingegen eben dafs
felbe Thier ‚, wenn es an ber daran liegenden Haut
5 gereis
. 234 Don den empfindlichen Theilen
gereizet wird, zeiget, daß es Schmerzen empfindet; |
habe ich als wenig empfindlich angenommen.
Das Fett und das zellichte Gewebe fchmerzen
nicht, mie befannf, und von andern Schriftftelleen
gezeiget worden. Was vom Dionpfius dem Tyrans ·
nen erzählet wird, und von den Schweinen den ges
‚meinen Leuten befannt ift, wenn man fie namlich mit
einer Nabel ſticht, daß nicht eher Schmerz erreget
wird, bis diefelbe durch) Das Fett Durchgegangen, und
das darunter liegende Fleiſch berühret hat, kann hiera
von ein zulängliches Erempel abgeben c). a
Das Sleifch der Muskeln fhmerzet, ob es wohl
dieſe Eigenfchaft vielmehr von den Nerven, als von
fi) felbft hat. Denn wenn man den Merven eines
gewiſſen Gliedes, wenn es nur einer iſt, oder Die vor⸗
nehmften Stämme, wenn es mehrere find, bindet,
fo wird Das ganze Gfieb unempfindlich; das: Thier
wird auch durch die Gewaltthaͤtigkeit ‚ welche man
dem Gliede anthut, das durch Die Unterbindung der
Nerven feiner Freyheit beraubet worden, nicht ae=
rühref. Daß aber alle Muskeln fehmerzen, ift ſehr
wohl bekannt, ja auch die Hoͤhlen und weit ausge⸗
ſpannten Muskeln, der Magen, die Gedaͤrme, die
Dlafe, find hiervon nicht ausgenommen. , . .
Schmerzet aber gleich der Muskel, fo —
und ſchmerzet doch die Senne in der That nicht.
Dieſes iſt das Erſte, das ich den angenommenen
Meynungen entgegen ſetze, und worinnen mir kaum
jemand Beyfall geben wird. Denn alle, und die
| neuer
c) Comment. Boerh. T. III. n. 333. not. 2 ©.)
des menſchlichen Körpers.
neueſten Schriftfteller, REN Bde la Faye
2. Heiſter e), J. R. C. von Garengeot f),
‚pflegen die Wunden der Sennen für die gefährlich»
ften und faum für heilbar zu halten. Eben ver Mey-
nung find auch Boerhaave und diefes großen Mans
nes Schüler und Nachfolger Berbard van Swier
ten g), ingleichen Olaus Acrell h), und Franz
Quesnai i) von den Wunden der Sennen.
Indeſſen werde ich ſo gleich zeigen, daß itzt be.
Anden: Mennung nicht vollig von mir berftammt :
Denn daß eine Senne fehr unempfindlich fen, bat
fehon der fehr erfahrne Wundarzt, Hiob von Me⸗
Even k), der fo gar die Senne der Knieſcheibe zum
Exempel anfuͤhret, erinnert. Daß einem lebendigen
Hunde das Reizen der Sennen feine große Beſchwe—
rung gemacht, bezeuget Brianus Robinſon );
und daß das Fleiſch empfindlicher ſey, ſich auch bey
Verletzung einer Senne keine Bewegung aͤußere, hat
George Thomſon m) wahrgenommen; eben
kin .n auch Joh. Doniel Schlichting n)
beym
d) Beſ die neue Ausgabe des Dionyſiſchen Werkes
pag. 680. 681.
e) Inttit. Chirurg. p. 423. edir. 1737:
“£} Operat, de Chirurg. W. III. 57
g) T.I.n. 163. p. 238.
h) om frifka for. p. 261. faq.
4) de la füppur. p. 222. ©)"
k) Obf; ce. 62. J X OD
1) animal oeconom. p. so. |
m) anatom. of human. bon. p. 170.
n) traumatograph. p. 213.. REN "Nat. cur. vol. IR
27 6
J
236 Don den empfindlichen Theilen
beym Menſchen und bey Hunden geſehen. Dieſe
wenige aber haben viele und faft lauter beſondere
Exempel angeführer.
Ich habe meiltens die Senne der geraden Aus⸗
ftrecfemusfeln (redti extenfores) des Schienbeines, |
oder die Senne des Achilles entblößt, und geſto⸗
den; ich habe einen Theil der Faſern zerſchnitten, ich
| habe einen Schnitt bie zur Hälfte gethan, und die
ganze Senne ſo zerſchnitten, daß die andere Haͤlfte
ganz geblieben: welchen Zuftand der Senne Boer⸗
haave vornehmlich für gefährlich halt. Ich babe
vom Jahre 1746 an an Hunden, Böden, Ratten,
Kagen, Kaninchen und fonft in mancherley Thieren,
Dielen Berfuc mehr als hundertmal, und ag mit
einerley Erfolge wiederholet.
Aus diefem Stüfe von Verfuchen erhellet dub; |
daß das gereizte Fleiſch zwar krampfhaftes Zucken
bekoͤmmt, keinesweges aber die Senne; und daß,
wenn man dieſelbe gleich allenthalben fticht und reißt,
dennoch Feine Bewegung in dem Musfel erfolget : :
gleichwie uͤberhaupt keine Zuſammenziehung in der
Senne wahrgenommen wird, wenn fich der Muskel
zufammenzieht, wie id) wohl hundertmal, und vor
mir ſchon Willis o), gefehen. - Es ift alfo offen.
bar, daß in der Senne weder Werkzeug der ipehne
dung noch Bewegung fey. |
Das hier, deſſen Senne geriffen, 2 ar
chen worden, ijt allezeit ruhig —— hat kein Zei⸗
chen
0) de motu mufeul. p. 118. Wan n ef Bier au des |
Bagliv Werke p. zu7.
des menſchlichen Koͤrbers. 237
chen eines Schmerzes von ſich gegeben, und iſt, wenn
es losgelaffen worden, und es iſt auch nur ein gerin⸗
ger Theil der Senne ganz geblieben, leicht und ohne
Beſchwerung fortgelaufen.. Ich habe einen Hund,
dem beyde Sennen des Achilles halb durchbohret was
ren, auf beyden Hinterfüßen geben, und einen Bock,
dem beyde Sennen des Achilles zur Hälfte durch»
fchnitren waren, frey laufen fehen. Bey einem an=
dern Hunde, dem bloß der Solaeus ganz geblieben
war, und bey dem die zerfchnittenen Sennen der Wa»
denmusfeln (Gaftrocnemii) fid) in eine Art 'eines
Knotens zurück gezogen Hatten, habe ich, weil das
Thier bewacht wurde, Feinen Zufall beobachtet. Auch
find die Wunden aller Sennen fehr leicht und bloß
durch Hülfe der Natur, ohne die geringfte Arbeic
und Mühe, ohne den geringften Zufall, gebeilet. Es
ift alfo ganz und gar nichts wunderbares in derjeni=
gen Beobachtung, melde ©. de la Faye p),
erzählet, da, nachdem die Senne des zweykoͤpfichten
Musfels zerfchnitten gewefen, Feine Steifigkeit in
dem Gliede erfolge ift: auch ift es feine ftrafbare
Kuͤhnheit gemefen, da Johann Desling q) und
andere, die Sennen haben zufammen nähen laffen.
Nachdem auch diefer Verſuch an einem Hunde ge
mache worden, fo ift der Wundarzt Bienaiſe zu Uns
ternehmung diefer Operation aufgemuntert wors
den r). Auch bat J. G. Zimmermann in der
Aponevroſe des Unterleibes, als fie mit Vitrioloͤle
beruͤh⸗
p) Um angeführten Orte p. 681. Not.a.
9) Bel. die von Bartholin herausgegebenen Epift,
pofthum. p.n.XV. |
7) Verduc eper. de chirurg. c. 32.
238 Von den empfindlichen Theilen
berühret worden, Feine eh wahrgenom ·
men: s). a
: Da id) dieſen Erſols geſehen, ih die Unfas
6 keiche gefunden : in die Muskeln gehen Nerven;
in die Sennen aber feine, , Hieronymus Kobris ;
cius hat fhon bekannt, daß er nicht glauben koͤnne,
daß der Nerve zur Senne gehe, weil er vorher in
eine Art eines Haͤutchens ausliefe t); und Leeuwen⸗
hoek geſteht billig u), daß er durch das Mikroſcop
felten, und nur in der Dberfläche der Senne, Ner⸗
venfaͤſerchen geſehen. |
Da alfo von den Nerven alle RR in —9* |
menfclichen Körper berrührer, fo ift es nichts Auf
ferordentliches oder Unwahrſcheinliches, daß die von
Nerven entblößte Senne nicht empfindet... Ich ‚babe
aber aud) mehr als einmal bey den Menfchen ent-
blößte Sennen gefehen. Ich bin durch. die an.den
Thieren angeftellte Berfuche fo kuͤhn geworden, daß ich
bey einem jungen Menfchen von Stande den an feiner
Hand entbloͤßten Beuger (F lexor) des dritten Gelenkes
des Zeigefingers mit einer Zange anfaßte, da denn der
Kranke nicht einmal empfand, daß er damit beruͤhrt
wurde. Ich habe geſehen, daß die Senne des langen
Supinators wegen einer Blutſtuͤrzung mit gewaͤrm⸗
tem Terpentinoͤle umgoſſen worden, welches in der Hau,
den herbeiten Schmerz gemacht; und doc) feinen Zus
fall veranlaffer hat, welches ſchon eine alte Erfahe
rung iſt. ‚Denn die Wundärzte haben vorlängft
fehr warmes Del, das in bie Wunden der Sennen
J *
s) In angef. Diff, p. 16.
t) De fabric. mufeul. p. 27.
u) Epift. phyfiolog. p. 443.
des menſchlichen Körpers.” 236
gegoffen wird, für ein herrliches Mittel gehalten :
wovon Doch "gleichwohl Die Senne, weil fie ſowohl
als die Haut davon’ berühree wird, ſtark ſchmer⸗
zen würde, wenn fie die geringfte. Empfindlichkeit
‚hätte. ah a —X —
Wir wollen daher unſere Furcht vor den Wunden
der Sennen, ſie moͤgen geſtochen, gebrannt, gehauen
und geſchnitten ſeyn, ablegen. Der Kranke wird,
wenn er gleich eine große Senne verloren, hinken
und das unvermoͤgende Glied herum führen koͤnnen:
denn das iſt offenbar, daß man die Glieder , mern
die Einfügungen Der Muskeln in’ die Knochen jer:
fehnitten worden, nicht mehr regieren kann. Außer
dieſer Lähmung aber hat man nichts zu befürchten,
und auch diefem Uebel hat die Natur durch ein neues
‚zellichtes Gewebe und: durch die Nebenmuskeln fo
vorgebauer , daß öfters durch die zerfchnittenen Send
nen der Bewegung der Glieder nichts abgeht,
Woher ift aber die wunderbare Einftimmigfeie
bey einem Irrthume fo vieler Schriftftefler , welche
fonft Gelehrfamfeit und vielerley andere Dinge billig
verehrungswuͤrdig gemacht haben, gekommen ?
Nichts ſcheint mir glaublicher zu feyn, als daß die
Berwirrung unter. den Aerzten daher rührer, Daß fie
veugos ſowohl für den eigentlichen Nerven, als für
revoy und für suvderges alfo für Nerve, Senne und
Band genommen haben x). Auf einen verlegten
Merven aber folgen, wie gleich gefagt werden fell,
‚die heftigften Zurälle Solchergeſtalt glaube ich,
wenn beym Aderlaffen in den Mediannerven. und
UT viel:
2) Gulen, de vfu part. L. XV,
240 Bon den empfindlichen Theilen
vielleicht bisweilen i in einem Aftedes Mufeulocutanei;
welche vorher. in die Medianader herunter gelaufen;
- zerfchnitten geworden, daß Die. graufamen Aufälle das
von bergerühret , welche Det Senne des zweykoͤpfig⸗
ten Musfels, worauf gedachte Ader liegt, zugerechs
net worden find. Ein berühintes Erempel an dem
Könige von Frankreich, Carln dem. VIII, ift bes
Fanntrmaßen vom: Pareus befchrieben worden, Fer—⸗
ner, fo müffen nunmehro die öftern: Klagen über den
tiefen Sitz der Paronychie in der Scheide der Sen⸗
nen der Beugmüsfeln, (flexores) die nur neulich
vom R. J. C. Barengeot wiederholerworden y), und
man wird die Schuld von den Sennen auf die groß
fen Nerven, welche bier und da nad) der ganzen Laͤn⸗
ge des Fingers hinlaufen, werfen muͤſſen.
Die zunaͤchſt an den. Sennen liegende Theile ſind
die Bänder und die Kapſeln der Gelenke (Ca-
pfulae articulationum): jene find. mit unterdem Na⸗
men veugos befchrieben worden, diefe find ſowohl we—
gen der gefährlichen Wunden an denſelben, meil’fie
berühmte Männer befchuldiger,; daß bey dem menſch⸗
lichen Körper in ihnen vornehmlich der Sis der Gicht
und des Podagra wäre z).
Bey den Berfuchen felbft Habe einige Schwie
rigkeit gefunden; denn da man die Haut wegneh⸗
men, und bey den engen Gelenken Fleiner Thiere
| bey
y) Operat. 2 Chirurg. n. III. p. 286. 301. 302.
z) Boerhaave aphorifm. de cognofe. et curand. morb,
1254. 1259. mo jedoch diefer berühmte Mann auch
die Nerven mit ald einen Theil annimmt, in welchen
diefe Krankheiten ihren Sig —
4
4
des menfihlichen Körpers. 241
bey nahe von einander zerren muß, Damit die ver«
wundende und reizende 4 in die Höhlung ‚des
Gelenkes gebracht werden kann: fo hat es oftmals
‚gefchienen, als wehflagte das Thier nur aus- der
Urfache, weil ähm die anhängende Haut berührt
worden, Jedoch iſt der Verſuch öfters, auch mie
den Giften, gelungen. Als die Einlenfung des Dick»
beins mit dem Becken, oder die Kugel, voll Bitriol
öl gegoflen worden, fo har das Thier bey diefem ges
waltigen Gifte, bey welchem ich doch gefehen, daß die:
davon berührte Gebahrmutter eines Kaninchens ine
nerhalb einer Minute verzehret werden, nicht ges
ſchryen. inigemal habe ich auch in das Gelenke
Des Kies, woran man, weil es faft bioß liegt, eher
etwas thun Fann, mit Bitriolöle oder Spiesglass
butter getränfte Stäbchen gebracht; ich habe ferner
die Seitenbänder die aͤußerliche und innerliche Flaͤ⸗
che der Kapfeln, die haversſche Drüfe, das Band
der Kniefcheibe gebrannt + und bey dem allen fein
Zeicyen einiges Schmerzes verfpüret. Ja diefe Wun⸗
den , welche insgemein für die fchlimmiten gehalten
werben, ſind wunderbar gluͤcklich geheilet: denn die
verletzten Gelenke ſind bey den Thieren bloß durch
den Balſam des Speichels, oder auch wohl ohne den⸗
ſelben, geheilet worden. Die Verſuche ſind an dem
Hunde, an der Katze und an dem Bocke öfters wie⸗
derholt worden. So hat fchon vor diefem Wilhelm
Mauqueſt de la Wiotte a) das Ausſtreckeband
bes Schienbeins (Ligamentum extenforium) unem _
pfindlicy gefunden. Ich habe mich fonft einer par
| e) Chir. compl, n. 365.
233 Band,
242 Bon den empfindlichen Theilen
del bedienet, welches leichter angeht. Man machet
einen Schnitt in die aͤußere Flaͤche des Gelenkes,
entbloͤßet die Kapſel, öfe Kniefcheibe, das von der -
Kniefcheibe an das Schienbein laufende Band, und
das äußerliche oder innerliche Seitenband. Alsdenn
ſchabt man die äußere Flaͤche der Kapſel und des
Bandes ab, und ſticht mit einer Nadel in die innere
Flaͤche, ſo def die Spiße derfelben in die Haut felbft
gebt. Auf folche Are bat man feine Empfindung
eines Schmerzes von dem Thiere verfpürer, bis die
Spige der Nabel durch die Kapfel des Gelenkes Hin.
durch gewefen, und in dag unter der Haut liegende
zellichte Gewebe gedrungen. Ich habe diefen Bere
fuch mit dem Meffer und der Nadel gemacht, und
öfters wiederholet.
Daher feheint es aus den erffaunfichen Schmer« |
zen, welche geute, die mit dem Podagra oder der Gicht,
behaftet find, ausſtehen müffen ‚ daß ver Sig des
Schmerzes, "welchen man in der unempfindlichen
Kapfel vergebens fucht, und an einem folchen Orte
auch nicht findet, mo entweder gar feine, ober doc)
gewiß fehr fchwerlich Nerven gezeiget werden Fönnen,
in der Haut felbft, oder in den unter der Haut liegen=
den Nerven fey. Und die Natur. bat billig die Eme
pfindlichfeit von einem folchen Orte, wo eine beſtaͤn⸗
dige Bewegung vorgeht, weglaffen wollen. Daher
fchreibe ih, menn die Wunden in den Gelenken
ſchwer heilen, folches der zufliegenden ranzichten und
faufenden Klebrichkeit zu, welche die Wunde der
Kapfel nicht zubeilen läßt. Bey dem Hunde ift fie,
obgedachtermaßen, nicht ſchwer geheilt. 3
Etwas
| des menfchlichen Körpers. -
Etwas ähnliches von den Bändern und nn
ift das Rnochenhaͤutchen; und bey einer Frucht,
wo diefes dicfe und fleifchichte Häuschen von Knochen
zu Knochen in einem Stücde fortgebt, und in der
Mitte das Gelenfe in fich faffer, ift alles eine. Das
ber ift es mir gar niche wunderbar vorgefommen, daß
es die Natur derfelben an fi) hat, und ebenfalls un«
empfindlich ift. Ich habe unzählige Berfuche am
Schienbeine, am Dicfbeine, an der Ferſe, am Mit⸗
telfuße (Metatarfus), und endlih am Hirnfchalen-
haͤutchen, welches von der Art des Knochenhaͤutchens
if, angeitellet.
Die Aerzte, Zergliederer b) und Wundaͤrzte, welche
anders denfen, und ihre Meynung von den Alten
haben, werden mir vergeben, daß ich ihnen hier
derfpreche: fie werden das, was ich bier 5
und das faſt wider die Meynung des ganzen menſch⸗
lichen Geſchlechts iſt, nicht verwerfen, wenn ſie den
Urſprung der angenommenen Meynung in Erwaͤgung
ziehen, und unſere Verſuche und Erfahrungen mit
denen vergleichen wollen, woraus dieſe Meynung ent⸗
ſprungen iſt. Ich habe wohl hundertmal das Kno—⸗
chenhaͤutchen geriſſen, geſchnitten, gebrannt, und das
Thier iſt ruhig geblieben, die jungen Zieckelchen haben
ohngeachtet deſſen geſogen, da ſie doch, als man mit
an die Haut gekommen, geſchryen und Convulſionen
bekommen haben. Ich ſehe aber auch, daß Herr
W. Cheſelden bereits vor mir. behauptet bat, daß
das Knochenhaͤutchen unempfindlic) fey. ;
| ! 22 0 Man
b) J Clopton Havers. Nesbis
human. ofteogen. p. 6. Phil. Ad, Boehmerus ofteolog.
p-31. Daverney tr. des Malad. m os I]. p.431:.
244 Bon den empfindlichen Theilen
Man darf ſich auch nicht wundern, daß ein Theil
nicht emofindet, in welchem ebenfalls keine Nerven
gezeigt worden; und Mobere Nesbit c) ſchweigt
felbft davon ſtille: wiewohl er aus der vorausgefegten
Empfindlichkeit des Knochenhaͤutchens auf die unficht:
baren Nerven, die er nicht beweifen Fonnte, fchließt.
Denn die vielen Merven, welche auf dem Hirnfcha»
Ienhäutchen liegen, Fommen nicht von dem zehnten,
fondern von dem zwenten Paare der Halsnerven; fie
laufen von den dritten und fünften Nerven zur gane
zen Haut des Kopfes, und theilen derfelben ihre Ems
6 mit.
Ueber die Empfindung der Knochen iſt geſtritten
en, und ich habe auch keine eigene Erfahrungen
* denn es iſt ſchwer, bey der grauſamen Pein,
welche bey entbloͤßten Knochen nicht wegbleiben kann,
neue Schmerzen zu unterſcheiden. Daß die Zaͤhne
Empfindung haben, iſt bekannt; eben die Urſache
aber, welche mich uͤberredet, daß in den Zaͤhnen Em⸗
pfindung iſt, uͤberredet mich zugleich, daß in den Kno⸗
chen keine iſt. Denn man kann die kleinen Nervchen,
wo ſie in ihr Loch hineingehen, leichte zeigen. Ich
habe bey großen Knochen niemals einen Rerven ge⸗
funden d), welcher mit der Puls» und Blutader dur)
den Kanal des Knochens gegangen wäre; und meine,
vielen Unterfuchungen der Pulsadern müßten mid)
doch auf Nerven geführet haben, wenn welche vor⸗
handen wären; aniglienst in ‚ber ſo weiten und ent⸗
blaßten
ce) Am angeführten * |
ed) Nerui ad ofla nulli Riolan.-Enchirid, p. 425. Al.
Montoo. 1. c. p. 16.
des menfehlichen Körpers. 245
bloͤßten innern Flaͤche der Hirnſchale, und in den zu⸗
bereiteten Stuͤcken der naͤhrenden Pulsadern des gan⸗
zen Koͤrpers. Zwar ſchreibt Anton Deidier e),
daß die in ein Fleiſch aufgeloͤſeten Knochen eine ge
mwaltige Empfindung hätten. Allein bey einer fo
großen Krankheit Fann leicht ein Irrthum vorgegan-
gen feyn: und Franz Imbert f) ift ein gegenfei-
tiger Zeuge hiervon. Ich habe in der That bey fehr
gefunden Menfchen, die wohl bey Sinnen gervefen,
die Hirnfchale, ohne daß fie Empfindung gehabt, mit
dem Trepane durchbohren fehen.
Daß das innere Mark ftarf fchmerze, Haben die
meiften, als &. von Deventer s), Ambrofius
Pareus h), und Joſeph Duverney i) gefchrie
ben: allein es ift fehr unmwahrfcheinlich, ſowohl weil
es eine Fettigkeit iſt, als weil niemand Nerven in dem
Marke geſehen hat.
Bon der Art des Knochenhaͤutchens ift das
harte Häuschen, welches ſowohl das Gehirn bedecfet,
als über: den Knochen gefpannet ift, und durch Ges
faͤße anhaͤngt, auch in Vertiefungen (puteos) der
Hirnfchale Pulsadern abgiebt, fo wie die Pulsadern
‘von den Knochenhäutchen in die Vertiefungen der Are
fäße (Epiphyfes) der Knochen zu gehen pflegen.
Wenn alfo gleich die Zergliederer dieſem Haͤutchen
‚einen prächtigen Namen geben, wenn ihm gleich
N 3 Anton
5; anat. raif. p. 6
£) Quaeft. med. xit. p- 33.
) van: Beenfickten p. 80. | 4 et:-
h) adminiftr, anat. p. 83.
i) Mem. de Yacad. des Science. 7700. p. 203. wobey
auch eine Erfahrung angefuͤhret wird, X
246 Bon den empfindlichen Theilen
Anton Dacchio oder George Bagliv eine. dem
- Herzen ähnliche Kraft zufchreibe ; wenn gleich. die
Aerzte gemeiniglid) den Sit der ſchwereſten Krank ·
heiten in dieſelbe ſetzen: ſo aͤndern dieſe Meynungen
doch die ewige Natur der Dinge nicht.
Sch habe anderwärts-gezeiget, Daß das. Hatte
Häutchen, tie die übrigen Decken des menfchlichen
"Körpers, aus dem dichter gewordenen zellichten Ges
webe entftehe k): welche Analogie auch Herrn Joh.
Gottfr. Zinns, eines fleißigen Zergliederers und
unfers mertheften Freundes |) , ingleicyen I. Geor⸗
ge Fimmermanns m) und endlich ‚meine eigene
Erfahrung, vielfältig bejtätiger haben ; ; daß nämlich
diefes harte Häutchen, welches eine ihren Abſtaͤmm⸗
lingen nicht unähnliche Mutter iſt, mit Vitriolole,
Spiesglasbutter, Salpetergeiſte, gebrannt, mit dem
Meſſer geſchnitten, oder mit einer Zange zerriſſen, und.
auf alle Art und Weife verlegt werden Eönne, ohne
daß das Thier etwas dabey leidet, oder die geringſte
Empfindung einer Gewaltthaͤtigkeit zu erkennen giebt.
J. G. Zinn, und unſer beruͤhmter Mitbruder, J.
Friedrich Mekel, haben bey einem Menſchen, bey
dem durch den Beinfreffer der Hirnſchale die harte
Hirnhaut entbloͤßt worden war, ‚gleichfalls unem-
pfindlich gefunden, : Allein auch die Altern Aerzte,
als J. B. Carcan n), und vor ihm Galen felbft,
find, wenn fie gefchrieben, en = ante Haut die
ſchaͤrf⸗
k) Prim. Lin. phyfiol. n.XL
-1) Experim. circa corpus callofum cerebellum ete. Got
. ting. 1749. p. 28. faq. ten
em) p- 6. c. etc. - or ei j
n) De vulner. cap.'p. 139, —— Kin
des menfehlichen Körpers. 247
ſchaͤrfſten Arztneyen vertragen koͤnne und erfordere,
ohne Zweifel durch die Erfahrung ſelbſt erinnert wor⸗
den. Daß aber die Decke des Gehirns kein Muskel
ſey, zeigt die Vergleichungsanatomie. Bey dem Zit⸗
terfiſche (Torpedo) ift die harte Hirnhaut ſo hart als
Knorpel 0).
Da diefes Häutchen fo unempfindlich und fo unbe.
weglich iſt, wer kann glauben, daß der Sig der Kopf»
ſchmerzen darinnen fey, oder daß es durch feine Kräfte
dem Herzen die Geiſter zufuͤhre? Die franzöfifchen
Wundaͤrzte haben daher mit Rechte die Kühnbeit,
und fehneiden diefes Häuschen ohne Bedenken auf, fo
oft als ausgetreten Blut oder Eiter darunter liege.
Man fann aud) den Sig der Hirnwuth (Phrenitis)
oder der Tollheit nicht wohl in die harte Hirnhaut
ſetzen, wo man nicht behaupten will, die Mängel dies
fes Häutchens fchadeten dem: daran liegenden Theile
des Gehirns.
Es wird nicht unnuͤtze ſeyn, wenn wir hier ein we⸗
nig von dem Wege abweichen. Daß bey dem allen
das Gehirn eine Bewegung habe, und daß daſſelbe
wechſelsweiſe auf und niederſteige, behauptet J.
niel Schlichting p) wider die Sophiſten, und if
auf die eure, welche das Gehirn unter die unbeweg⸗
lichen Theile des Körpers fegen, nicht mittelmäßig
boͤſe. Ich mundere mic) über die Kühnbeit diefes
Mannes, da ich gewiß gewußt, wie feſt die harte
Hirnhaut an der Hirnfhale hängt, und wie voll ge—
pfropft der ganze Kopf iſt, daß nichts weiter hinein
24 | kann:;
0) Steph. Lorenzini.
PD Memeir. prefentes T. I. p.114. ſqq.
(%
248 Bon den empfindlichen Theilen
Fann: und ich glaubte, man koͤnne ihn zwar nicht
durch Das Anfehen anderer Schriftfteller, oder aus
Gründen (a priori) widerlegen, jedoch aber ihn mit
den Waffen felbft angreifen, mit welchen er uns bee /
freitet. Ich machte daher bey Hunden Löcher in
die Hirnfchalen, weiches mit einem fpisigen Meißel
und Hammer ziemlidy bequem, und beffer als mit
dem Trepan, wodurch auch das Gehirn in einem
weitern Umfange entblößet wird, geſchehen kann. ch
habe den Verſuch an Hunden, Böden, Ratten, Froͤ⸗
ſchen, Kasen und andern Thieren oftmals wiederho⸗
let, und in der harten Hirnhaut, oder vielmehr in dem
ganzen Gehirn eine Bewegung gefunden, dergleichen
Schlichting befchrieben. Ich Habe nämlic) wahr:
genommen, daß das Gehirn bey dem Ausarhmen in
die Höhe, und unter dem Einathmen nieder fteigt,
Ich habe es, glaube ich, wohl zwanzigmal gefehen:
denn ich habe bloß wegen diefer Bewegung wohl
über dreyßig Verſuche angefteller, und ſowohl ich, als _
Herr Walsdorf, welcher von diefem Berfuche ches
ftens ein befonderes Werkchen fchreiben wird, haben
feibe geſehen. te
Diefe Sache machete feinen geringen Eindruck bey
mir; nicht etwa weil eg mich verdroß, daß ich wider
legt war: denn follte ich mich nicht freuen, fo oft als
ich einen Irrthum ablege, und das Wahre, als das
—— aller Sachen, gleichſam in einem neuen Lichte
ehe? | — e%
Sch war unzufrieden, daß ich feinen Grund ein»
fahe, wie das Athemholen mit der Bewegung des
Gehirns in einer Verbindung ſtuͤnde: denn wir ‚ent
pfinden ein Misdergnügen, wenn wir eine Sache fo
wenig
des menſchlichen Koͤrpbers. 249
wenig begreifen, daß ſie uns gar andern Dingen zu⸗
widerſprechen ſcheint.
Allein eine wiederholte Beobachtung hat allen dies
fen Widerfpruc) aufgehoben. Die harte Hirnhaut
und auc) das Gehirn, beweget ſich nicht, wenn man
nicht die Hirnfchale wegnimmt, und folglid) das we«
nige Hinderniß aus dem Wege räumt, welches diefer
Bewegung des Gehirns bey einem lebendigen und
gefunden Thiere widerfteht. Schlichting gefte-
het felbft, Daß es nicht bewegt werde q). Ja die
Bewegung im Gehirne zeigt ſich erſt lange nicht, big
man bie harte Hirnhaut mit dem Ringer oder einem
Inſtrumente von der Hirnfchale losmacht, und da⸗
Durch von dem Zufammenhängen mit den Knochen
Der Hirnfchale, wodurch fie unbeweglich gemacht wird,
befreyet. Man Fann auch von diefer Lebereinftim«
mung bes bewegten Gehirns mit dem Athembolen
nicht auf einen lebendigen und gefunden Menfchen
fchliegen. Denn wenn ſich die harte Hirnhaut niche
bewegt, fo lange als fie fejt an der Hirnfchale hängt,
und wenn nur erftlich alsdenn das Gehirn bey dem
Ausäthmen in die Höhe aehoben wird, wenn die
Harte Hirnhaut won der Hirnfchale abgelöft iſt: fo
bemweift die Erfahrung nichts von dem Zuftande ei«
nes gefunden Menfchen, bey welchem diefes Häuts
hen allezeit an der Hirnfchale hängt. -
Ferner ſo habe ich gefunden, daß diefes in dem
Gehirne nichts befonderes iſt; fondern ‚bey wieder
holten Berfuchen .gefehen, daß fich beyde Stämme
der mar in der ganzen Bruſt und dem Unter⸗
ei a leibe,
— An angeführte Orte p- 6,
Bi
250 Bon den empfindlichen Theilen
leibe, die Schlüffelblutadern: (Subelauiae) , der obere
Theil der $eberader (Bahlica), und endlich Die Drofe
feladern (Jugulares) , ebenfalls wechfelsweife. bewe⸗
gen, und daß ihre Bewegung beftändig mit dem
Athemholen übereinftimmer. Denn alle diefe Blut»
adern fchwellen bey dem Einächmen auf, und fehen
von dem durchfcheinenden Blute viel blaulichter aus :
fie werden aber offenbar platt, bleic) und leer, fo bald
als das Thier Athem holet. Was alo J. D.
Schlichting gefehen , ift dem Gehirn im geringften .
nicht eigen, und fcheint einzig und’ allein von der
Leichtigkeit herzuruͤhren, mit welcher das Blut Aus
der rechten Herzfammer in Die erweiterte $unge
läuft : daher leeren fi) auch, wenn Athem geholet
- wird, die Hohladern in das Ihr und in die rechte
Herzfammer, welche alsdenn geraumer ift, aus r).
Unter dem Ausäthmen gefchieht in allen das Gegen-
theil; die zufammen gepreßte Lunge widerſteht dem
Herzen, und das Blut des Herzens widerftreber dem
Blute der Glieder : daher fchmwellen die großen
Blutadern, unter welchen die Droffeladern find, fo
ſehr auf, und das Gehirn wird von dem zuruͤck ges
haltenen Blute fo ftarf aufgetrieben 5). Es ift uns:
nicht unbekannt, daß durch ein ‚lange anhaltendes
Einaͤthmen, welches nach unferm Willkuͤhr gefches
ben kann, felbft das Blur, welches fich Durch die fun»
ge beweget, aufgehalten wird t). Mur das aber
Sehaupten wir, daß bey dem natürlichen Laufe des
EEE AN — Althem⸗
xy) prim. lineae phyſiol. n. 292. * *
5) An angeführtem Orte n. 297
t) Eben daſ. n. 294» |
Ex,
des menfchlichen Körpers. 251 ;
Athembolens das Blut zu der Zeit, da mir einäth-
men, leichter ‘in die $unge fommt : wiewohl nad)
Erfüllung derfelbigen und verhinderten Durchgan—
ge des Blutes in. die linfe Herzfammer, endlich.
diefe von dem Einäthmen entftandene Befchaffenbeig
der Zunge, ſowohl eine allzu große Erweiterung der
rechten Herzkammer, als in den Blutadern eine Sto⸗
ckung des Blutes verurſachet.
Es wird mir erlaubet ſeyn, nur noch dieſes beyzu⸗
fuͤgen, daß die Aderhoͤhle, welche laͤngſt dem ſichelfoͤr⸗
migen Fortſatze hinlaͤuft, nicht ſchlaͤgt, auch wenn die
Hirnſchale weggenommen iſt; und daß auch ihr Blut,
wenn ein Schnitt in dieſelbe gemacht wird, nicht
ſprungweiſe heraus läuft, fondern in einem beſtaͤndi⸗
‚gen gleichen Fluſſe, wie bey den Blutadern zu ges
ſchehen pfleget, bleibt. Was alfo anderwärts wider
das Schlagen der Aderhöhlen des Gehirns von mir
gefchrieben worden u), wird hier durch diefe Erfah:
rungen beftätiget. ‚Allein auch bey der harten Hirn»
haut, die voll Gefäße ift, und überall von Blutadern
Harret, die fie abgiebe, und welche vornehmlid) aus
der Oberfläche der: großen Aderhöhle heraus gehen,
iſt nichts von dem Wachfe in der Aderhöhle gefuns
ben worden, wovon Doc) Die Pulscdern fo ffarf auf
seſhwolen waren.
Nach den Aerzten aus der Rablianifejen Scule,und
— vornehmlich dem Gohl, denen die Lebens⸗
geiſter verhaßt ſind, ſoll ſie die Natur der Nerven
fo weit beſitzen, daß die Hirnhaͤute ſelbſt das Werk—
zeug der Empfindung waͤren, und wenn he von den
* Br
) Een: ad inftit. Boerb. 1.235. . *
252 Bon den empfindlichen Theilen
Gegenftänden erſchuͤttert würden, wie die Saiten zit«
terten. Dieſe Theorie bin ic) auf mancherley Weife
durchgegangen, und habe ſie widerleget; und ich
ſehe, daß meine Beweiſe nicht nur dem gelehrten Hrn.
Malcolm Flemming gefallen Haben, ſondern auch,
daß die neueſten Vertheidiger der Meynung ſind,
daß die Seele den Koͤrper regiere, die verſtoßenen
Geiſter wieder annehmen: worinnen ein neulicher
Schriftſteller von der andern Secte, Robert
Whhytt, felbft beſtimmt.
Indeſſen hatte ich noch einen vollkommenern Be⸗
weis, daß das Vermoͤgen der Empfindung, was fuͤr
eines es auch wäre, nicht in den Haͤutchen der Ners
ven fey. Und von der harten Hirnhaut it, wie ich
genugfam weiß, Flar, daß fie die Außerliche Umklei—
dung der Merven nicht ausmache, und gleichwohl Has
ben die meiften Zergliederer dieſes Häutchen für die
Umfleidung der Nerven gehalten. Es ift aber noch)
Das dünne Hienhaͤutchen uͤbrig, welches die einzelnen
Markſchnuͤrchen, die dem kleinſten Faden gleich ſind,
in ſich faßt und umgiebt, dergleichen faſt hundert in
einem Stamme des fünften Paares der Nerven find.
Wenn ich 3 jeigen werde, daß diefes dünne Hirnhäute
pfindung fen, fo fcheint nicht ein Schat»
ten eines Grundes übrig zu bleiben, warum man
den Nervenhäutchen die Empfindung, welche in dem
chen ohne €
Marke ihren Sitz hat, zufchreibe. Ich babe einen
Verſuch an Hunden und Boͤcken angeftellt, und ihn
oftmals wiederholet.
Ich habe die harte Hienhaut von der
und von dieſer Haut wiederum das dünne Hirnhaͤut⸗
chen entbloͤßt: dieſes habe ich mit Spiesglasbutter
beſtri⸗
—
des menſchlichen Koͤrpers. 233
heſtrichen, denn das Vitrioloͤl verſchlingt gleichſam
die Haͤutchen zu begierig und verzehrt ſie; mit dem
Meſſer aber laͤßt ſich das duͤnne Hirnhäutchen —
ſchwerlich reizen, ohne das Gehirn dabey zu beruͤh⸗
ren. Das mit der glaͤnzenden merkurialiſchen Rin⸗
de uͤberzogene duͤnne Hirnhaͤutchen wurde verbrannt,
ohne daß das Thier im geringſten gewehklaget, noch
den Koͤrper beweget, noch Convulſionen bekommen
haͤtte. Stach man aber in das Gehirn, es mochte
nun langſam oder geſchwind geſchehen, ſo erfolgten
die heftigſten Convulſionen, welche den Koͤrper des
armen Thieres faſt wie ein Bogen zufammen kruͤm ⸗
meten. | |
Wenn das dünne und harte Hirnhaͤutchen, wenn
das Knochenhäutchen, ohne Empfindung ift, fo ſcheint
auch. offenbar zu fenn, dag die andern Häutchen eben.
falls nicht empfindlich ſind. Und da ich auch zu
dem Ende das Darmfell von den geraden Musfeln
entblößet, welches von mir oft wiederholer worden; da
ich das Ribbenfell von den Muskeln wiſchen den
Ribben und den Nerven befreyet, welches zwar ein
ſchwerer Verſuch iſt, den ich aber Doch einigemal ges
macht, und zwar fehr glücklich an einem Zieckelchen,
welches ein gelaffenes Thier ift; da ich ferner in den
Herzbeutel (Pericardium) gefchnitten oder Denfelben ge
reizet: fo habe ich niche die geringfte Empfindung, noch,
die geringfte Veränderung bey dem Thiere wahrgenoms
men. Herr Storch hat, als demfelben das Darmfell
mit einer drenfchneidigen Nadel durchftochen worden,
nichts gefühlet, wie aus der aufgezeichneten Hiftorie ſei⸗
ner Krankheit, moran er geftorben, erhellet. Ich hoͤre
p viele gelehrte Männer bierwider ſchreyen, welche
| den
254 Bon den empfindlichen Theilen
den Sig des gewiß fehr heftigen Schmerzes.bey dem
Seitenftechen in das Ribbenhaͤutchen geſetzt haben,
und denen wir die Gründe ihrer Meynung felbft une
tergraben, wenn wir behanpten, daß das Kibbenfell
ohne Empfindung ſey. Was Fann ic) aber anders:
erzählen, als was ich gefehen? - |
Es darf auch niemanden allzu widerfinnifch ſchei⸗
nen, was mir einigen Krankheitslehrern entgegen fe=
Sen. Hermann Boerhaave x) haf vorlängft be⸗
merfet, daß das Nibbenfell, wenn wir einäthmen,
vielmehr erhoben werde, indem die Nibben näher
zufammen fommen, und deren Zmifchenräume ſich
vermindern ; da fie hingegen bey dem Ausaͤthmen
von einander gezogen werden, und das Nibbenfell
ausgedehnet wird. Bey dem Seitenftechen aber
haben die Patienten, wenn fie einäthmen, Schmer«
zen: fie haben daher Schmerzen, wenn das Nibben«
fell weniger leidet, und hingegen weniger —
zen, wenn es ausgeſpannt wird.
Unſer großer Lehrer pflegte daher den Sitz ves
Seitenſtechens nicht in das Ribbenfell zu ſetzen; er
fuͤgte hinzu, daß die Muskeln, welche die Ribben an⸗
ziehen, dabey entzündet zu ſeyn fehienen: ung aber ift
Hinlänglich, wenn wir fagen, daß die größten zwifchen
den Ribben befindlicdyen Nerven, es mag nun ſeyn
auf was fuͤr Art es wolle, leiden.
Von dem Mittelfelle (Mediaſſinum) it ebenfalls
außer Zweifel, mas von dem Kibbenfelle geurtheilet
— weil es uͤberdieß ſehr zart und dem je
ehr
| Pr In den Vorlefungen, die unter ER Titel: Praxis
medica 1745. herausgekommen fi find, T. IV: p. 162.
des menfchlichen Körpers. 255
fehr ähnlich if. Denn alle diefe Häuschen find ob»
ne Nerven, und von der Natur des zellichten Gewe⸗
bes: fie fi nd alfo billig ohne Schmer;. |
Wir wollen mit Unterfuchung der Häutchen wei⸗
ter gehen. Die Puls» und Blursdern fcheinen
nicht zu fehmerzen ; ; ſie ſcheinen, fage ih: Denn
wenn man einen Merven reizt, oder anfaßt, fo weh—⸗
klaget das Thier ; wenn aber eine Pulsader ergrife
fen wird, fo empfindet es nicht. Ich will hierbey
der Rerven nicht vergeſſen, welche in den Haͤutchen
der Hals» Zungen» Shlaf. Schlund: Lefzen⸗ thy⸗
roidiſchen Pulsader (Arteria carotidis, lingualis,
temporalis, pharyngea, labialis, thyroidea) und
Aorte bey dem Herzen von ung gezeigt zu werten
pflegen, auch nice weiter zu gehen feheinen. Es ift
billig zu glauben, daß an diefen Dertern die Pulsa«
dern empfinden, in fo fern Nerven an denfelben lie
gen; übrigens aber eine ftumpfe oder gar feine Em—
pfindung heben. Die Menfchen felbft, denen ich die
Pulsadern habe unterbinden laffen, und deren es
nicht wenige geweſen, haben niemals über das Band
wenn e8 angezogen worden, geflaget.
Daß die Häutchen des Magens und der Ges
därme, welche die Matur der äußerlichen Haut an
fich haben, empfindlich find, verſteht fich leicht. Sole
chergeftalt ift das nerbichte Häutchen der Blaſe, die
aud) von der Haut felbft abftammt, und von der Na—⸗
tur der Harngoͤnge, Mutterſcheide und Ge⸗
baͤhrmutter iſt, empfindlich.
Daß das Herz auch empfindet, erhellet nicht aus
meinen, ſondern aus anderer Erfahrungen: es iſt
aber ai ein Muskel und hat Nerven, Ich felbft
- habe
256 Don den empfindlichen Theilen
re, dem man die Bruſt öffnet, kann man ſich kaum
Hoffnung machen, daß es bey einer fo großen. Mar«
4
RB
|
babe feine Erfahrung davon: denn bey einem Thie⸗ j
|
ter von einer andern leichten Empfindung Bee |
wird.
Hingegen was bie eigentlichen Eingeweide an⸗ J
betrifft, die unge, die $eber, die Milz, die Nieren,
ſo habe ich aus Erfahrung, daß fie entweder gar Feio
ne,.oder doch eine fehr ſtumpfe Einpfindung haben:
denn ichhabe bey allen, wenn ic) fie gereizet, oder
Stuͤckchen davon heraus’ gefchnitten,, oder mit dem
Meſſer hinein geftochen, nichts ähnliches einer Ems
pfindung erfolgen fehen. Hiervon Fönnen die Ber:
fuche des Herrn J. ©. Zimmermanns y), wels
che diefes ebenfalls beftätigen, nachgefehen werden,
Daher koͤmmt es, daß die Gefchwüre in der Sunge
unfhmerzbaft find, und ein in den Nieren befindlis
cher Stein öfters fehr lange Zeit verborgen Pen
und nicht erkannt wird.
Wollte jemand einwenden, dieſe Eingeweide: haͤt⸗
ten Rerven ;. fo werde ich darauf antworten: diefe
Eingemweide feheinen nicht ganz und gar ohne Ems
pfindung zu fenn ; dieſe Empfindung ift aber ſtumpf,
wie in einem jedweden Theile, der in Anfehung feiner
Größe fehr wenig Merven bat. Denn alle Einge⸗
weide haben große Gefäße und, Fleine Nerven; aud)
die Seber, die Milz und die Nieren befonders..
Die Drüfen überhaupt haben eine ftumpfe Ems
—— die ſie von den Nerven, welche ſie oͤfters
durchlaufen, bekommen. a. * die Verhaͤr⸗
—* j
y) An angeführtem Drtepa. an
J
|
ea SE RAM > Lie a x
des menſchlichen Körpers. 257
kungen und Sadgefhmwülfte (tumores cyftici) un⸗
ſchmerzhaft. Und es ift zu vermundern, daß nur
neulich Here Theophilus von Bordeu, einfchars
- fer Richter ro Sa viele Nerven der Druͤ⸗
fen’ als ausgemacht voraus ſetzen, und auf diefer
Borausfegung ein ganzes Lehrgebäude errichten koͤn⸗
hen, in welchem gelehret wird, daß die Drüfen ihren
Saft nicht durch” eine Zufammenpreffung , fondern
durch eine Reizung abfcheiven. Daß aber in die
groͤßten Deüfen, und die Bruſtdruͤſe (Thymus)
keine Nerven laufen, welche bekannt waͤren, daß die
thyroidiſche Druͤſe kleinere Nerven habe, als irgend
ein Muſkel, der zehnmal kleiner iſt, und daß es Feine
Drirfe giebt, die einen größern Nerven bekoͤmmt, läßt
ſich Teiche zeigen." Ferner fo wird man auch finden,
daß bey offenem Munde, ohne den geringften Huns
ger nach Speife der Speichel bloß von dem Antriebe
des zweybaͤuchichten Muffels hervor quillt, wovon
die Erfahrung Teiche anzuftellen if, Die Brüfte
find von der Art der äußerlichen Haut und überhaupt
nervicht. 3 my
Das männliche Glied ift, weil es hautiche und
nervicht, empfindlich, und übertrifft in Anfehung der
vielen Merven leichtlich alle andere Theile des Kür.
pers. Die Zunge hat eine fcharfe Empfindung,
daher fühle fie nicht nur, fondern ſchmeckt auch, und
iſt mic fehr ſtarken Nerven verfehen. - Eine gleid
Empfindlichkeit hat au) das Auge, vornehmlich das
neßförmige — fo gar von dem Lichte
verleßet wird, wie mam aus dem Schmerze und aus
der Entzündung, die die blißenden Sonnenftrahlen
nach ſich ziehen, abnehmen Fann. Auch das Ader-
13 Dand. R haͤutchen
on den empfindlichen Theilen |
Ru „> (Choroiden) und der Regenbogen ſcheinen
Empfindung zu haben. Bender Hornhaut aber
ſehe ich nicht, daß ſie Nerven hat denn ſie kann öfe
ters ohne Schmerz mit einer‘ durchſtochen wer ·
den; daß auch die Empfindu ſo wohl in dem
Regenbogen, als vielmehr in dem netzfoͤrmigen Haͤut⸗
chen ſehr ſcharf ſey, beweiſe ich folgendermaßen. Man
öffne einem lebendigen Thiere mit einer: fpigigen und
binnen Nadel die Hornhaut ; man weize oder zer⸗
fhneide den Regenbogen, fo-wirb er ſich niche fo fehr
zufammenziehen, ‚als wie er ſich von der geringſten
Hinzukunft eines neuen Lichtes zuſammen gezogen ha=
ben würde. Man fieht daher, daß der Kegenbogen
nicht deswegen enger wird, weil er felbft.empfindlidy
ift ; fondern deswegen, meil das neßförmige Häuts
chen leidet. Eben diefes erbeflet aus dem fchwarzen
Staar (Aunsuoh s), da der ganze Regenbogen uns
beweglich, ift, weil der Sehenerve unbrauchbar gersor«
den, und daher das neßförmige Häntchen die aloe Hi
fenden Lichtſtrahlen nicht empfindet.
Endlich fo muß wohl der Sig der (härfften En
pfindung in dem Nerven, als der Duelle aller Em⸗
pfindlichkeit ſeyn. Denn wenn man denſelben be-
ruͤhret, reizet, ja nur bindet, fo. ift es demjenigen,
welcher es nicht erfahren, unglaublich), was für eine
große Beängftigung und Schmerz die Thiere zu era -
fennen geben. Und ich habe erfahren, daß bloß
durch) Unterbindung der größern Nerven, nicht allein
des achten Paares, fondern der E lieder ſelbſt, nach) eis
nigen Tagen die Hunde gi en; woraus ich felbft
erbindungen folcher großen |
:ines Gliedes zu fürchten ano
v gefan⸗·
des menſchlichen Körpers, asp
gefangen“ «Ein zerfehnittener Merve aber hat, wenn
man ihn unter dem Orte wo er Durchfchnitten wor⸗
den, gereizet, bey dem Thiere Feine beſchwerliche Em:
pfindung; erreget. Es ſcheint daher niche), daß die
Empfindung durch das Zufammenlaufen des einen
Merven in den ändern (Anaftomolis) fortgepflanzes
a u a la a
Wir haben alſo geſehen, welche Theile empfindlich
find; die Nerven nämlich, und die Theile des Koͤr⸗
pers, welche viele. Nerven haben: dieſe aber verlie:
— Empfindlichkeit, ſo bald als der Nerve,
der in einen ſolchen Theil gehe, gedruͤcket, unterbun—
den, oder zerſchnitten wird. Die Verſuche ſind ſo
bekannt, daß. es hinlaͤnglich ſeyn wird, wenn ich mei⸗
ne Leſer auf die Erläuterungen über den Boerhaave
verweife z), Der Merve empfindet alfo allein, und
bey dem Nerven: weder. das harte, noch das weiche
Häuschen; fondern einzig und allein die marfichte
Subitanz, welche aus dem Gehirne koͤmmt, und von
dem weichen Hirnhäutchen umkleidet wird.
2) De irritabilit. n.284. not. 0000 —4 2)
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anatomiſchen Wahrnehmungen.
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$ as Andenken der befonbern Gewogenheit, bie
fie für mich hegen, ift mir jederzeit höchit
angenehm und ich mollse daher ſehr wün-
ſchen, da fie ehegeftern hier geweſen waͤren. Denn,
gleichwie fie, als ic) mid) zu Bologna, aufgehalten,
unfern anatomifchen. Uebungen „gütigft beyzumohnen
pflegten: fo würden fie ige. eine, , meines Erachtens
fehr ſelten r aber und dem wackern Herrn Jo⸗
Snchi, deſſen vortreffliche Gemuͤthsgaben
ihnen vollkommen bekannt ſind, ganz neue und uner⸗
! ui N nebft uns ‚aerßen haben. Wir
* Gaben
“ PN 4
an der eigenen Qungenfehlagader. 261
haben naͤmlich eine Beutelgeſchwulſt an der eigenen
Lungenſchlagader (arteria bronchiali) angetroffen, die
mit einer Blutgeſchwulſt begleitet war. Von dieſer nun
habe ich mich entſchloſſen, ihnen ſogleich Nachricht zu
ertheilen, damit ſie ſehen, daß es mir niemals an
Bereitwilligkeit fehle, ihnen zu dienen. Daß ich
aber nicht, ich ſage nicht lateiniſch, ſondern italieniſch
ſchreibe, ungeachtet ich dieſes die ganzen vierzehn
Jahre, da wir uns doch, wie es die Gelegenheit mit
ſich gebracht, öfters durd) Brieſwechſel mit einander.
befprochen haben, niemals: gerhan habe: dieſes ge⸗
fchieht in der Abficht, um mich bequemer und kürzer
auszudrüden; weil ich glaube, die anatomiſchen Kunſt⸗
wörter wuͤrden mir, wegen der hergebrachten Ge⸗
wohnheit, ſie lateiniſch zu lernen, leichter beyfallen.
Es haben mich aber auch noch andere Urſachen von
dieſer Sprache abgeſchrecket. Doch dero unglaub⸗
liche Staͤrke und Liebe gegen mich richtet ig: auf
und machet mir Muth.
Da wir aus gewiſſen Zeithen. vorausfahen, daß
der Sitz der Krankheit im Oberleibe waͤre: ſo zer⸗
gliederten wir faſt nichts als deſſen Hoͤhlen. Wir
öffneten alſo zuerſt die rechte, Seite, weih wie. glaub⸗
ten, daß biefe ohne Mangel wäre; damit wir defto
ſicherer und leichter zu der entgegengefegten ſchadhaf ·
ten kommen konnten. Hier nun fanden wir einiges
blutiges Salgwafler, und der untere Lappen der. Lunge
war an das Zwerchfell angewachſen: die zween uͤbri⸗
gen Lappen aber waren gleichſam mit ſtarken Baͤnden,
wie man oͤfters beobachtet, an die Ribben befeſtiget.
Als wir hernach die linke Seite oͤffneten, fanden wir
| vr vis: Blut, Denn da. wir das Bruſtbein auf
R3 *
* ei der innere‘ “ — Theil des
Blutes an heraus zu laufen, welcher auf dem dickern
und bereits geronnenen ſchwamm, wie bey Dem Blute,
welches ſich nach einem Aderlaſſe geſetzt hat, und kalt
worden iſt, zu geſchehen pflege. Nachdem wir dieſes
ausgefchöpfer Hatten, fahen wir, daß die ‚unge, welche
dem Augenmaaße nach faft um den dritten Theil klei⸗
ner als die rechte war, an die Ribben durch die be⸗
reits gedachten Baͤnder, und vermittelſt der Beutel⸗
geſchwulſt, die ich wegen der Aehnlichkeit der Sub»
ftanz nicht befjer als Parenchyma zu nennen weiß, wie
auch unſer Here Bianchi fuͤr gut befand, ſehr feſt
an Das Zwerchfell angewachſen war. Dieſer Paren⸗
chyma, welches, wo es am dickſten, uͤber zween Quer⸗
finger did war, umgab den aufwaͤrt ehenden
Schlund, nebſt der Luftroͤhre und den aufſteigenden
Blutgefaͤßen, bis an die Schluͤſſelbeine; herunter⸗
waͤrts aber lief es uͤber die Aorte und das nervichte
Stuͤck des Schlundes hinweg, bedeckte beſonders den
linken Theil des Zwerchfelles oben und unten, gieng
bey deſſen aͤußern Anhaͤngen in den Bauch), und hieng
an der obern Seite des Magens an, vier Querfinger
von dem Orte, wo der Schlund in denſelben einge⸗
füget iſt. Als wir daher den Ort fucheten, woher
eine ſolche Menge frifches Blut gekommen war, fo
konnten wir denfelben nicht finden, bis wir den Herz«
Beutel, in welchem, wie natürlicher Weiſe zu geſchehen
pflegt, etwas weniges von Feuchtigkeit enthalten war,
aufgefchnitten, und den Anfang der Horte entbloͤßet
man -Diefe nun fehnitten wir hernach unter ihrem
ogen der Laͤnge nach auf, und fanden, als wir den
Be hineinſteclten / * IM ‘welches der- dufröpre:
di gegen
an der eigenen Lungenfchlagader. 263
gegen uͤber war, naͤmlich da, wo die Schriftſteller
angegeben haben daß die eigene Lungenſchlagader in
ſie hineingeht, und welches zur linken Hoͤhle der Bruſt
gehörete. Wir urtheileren alſo, das Blut wäre aus
diefem Orte, oder aus dieſem $oche herausgeſchoſſen;
weil die Horte, als wir durd) die gemachte Deffnung
bineinfahen, ‚innerlich allerwegen unverleßt war: und
es Fand fich bald hernach auch wirklich ſo. udeflen
Dachte ich, (denn fie werden erlauben, daß ich bey
einer Dunkeln Sache das thue, wodurch ich ihnen meine
Meynun g beſſer ‚erklären kann) ich dachte, ſage ich,
die eigene Lungenſchlagader waͤre ehedem bey ihrem
Anfange zerſprenget oder ſehr geſchwaͤchet worden,
und das Blut waͤre daher durch die Zwiſchenraͤume
der Faſern und Haͤute, aus welchen die Luftroͤhre, der
Schlund, und die andern umliegenden Iheile befiehen,
ſowohl aufmäres: als unterwärts an der Aorte und
dan Schlunde bingelaufen, worauf es nad) und nach
geronnen, und theils in Faſern, wie es ſeine Art iſt,
theils in Klumpen verwandelt worden. Wenn ſie
ſfich dieſes vorſtellen, wertheſter Here Beccari, ſo
werden ſie vielleicht die Sache begreifen, die ich, da
ic) fie erklaͤren will, nicht zu erreichen glaube. Ich
muß ihnen alfo nach diefes fagen, daß bey diefer Per:
5 das in die Zwiſchenraͤume der Haut ausgetretene
Blut nicht zu einem Stuͤcke Fleiſch geworden, wie
wir ehedem bey Herzgewaͤchſen (Polypis) geſehen bar
ben, bey denen gleichfam viele Schichten Fleiſch über
einander lagen. Denn der fehmarze Theil diefes
Diutes, welcher dem ganzen Parenchyma eben diefe
Farbe gab, fonnte, ungeachtet er hart geworben war, |
im warmen Waſſer SM leichtlich aufgelöfer
wer⸗
264 Von einer Beutelgeſchwulſt
werden; die Faſern aber, in welchen dieſes gero
Blut ſeibſ enthalten war, waren ohne einige au
nung alferwegen in einander geflochten, und umgaben
die Aeftchen der über ven Schlund: Binlaufenden Ner⸗
ven. Das Parenchyma ſelbſt aber ſteckte in einem
dünnen und weißen Haͤutchen, das wir für Das ge⸗
meinfchaftliche und äußere diefer Theile hielten, durch
welche das Blue gleichfam deftiffivet war. Vermit—
telſt dieſes Parenchyma hieng der Herzbeutel mit dem
Zwerchfelle, die Lunge mit der herabſteigenden Aorte
und dem Zwerchfelle ſelbſt zuſammen. Der nervichte
Theil des Zwerchfelles aber war, wie ſchon gedacht,
drey Querſinger dicke, doc) nicht an allen Orten, weil
naͤmlich die Geſchwulſt, oder das Parenchhma, bey
dem Loche des Schlundes dicker war, an den uͤbrigen
Theilen aber nad) und nach abnahm. Ich muß hier⸗
bey noch erinnern, daß, ohne das Zwerchfell zu zer⸗
reißen, Feine Trennung geſchehen konnte. Daher
glaubten wir, die Bluttheilchen waͤren in deſſen Zwi ·
ſchenraͤumen angewachſen. Nunmehr wollen wir
den Ort, wo fich die Schlagader zu ‚erweitern: ange»
fangen hat, genauer betrachten. Die Mündung der
eigenen $ungenfchlagader mar fo weit, daß ich mit
dem Daumen hineinfommen konnte. Sie machete
einen dicken und gleichfam caflöfen Ring, der bey
_ Berührung der Luftröhre nad) und nad) dünner wur⸗
de, fo daß man ſah, er fen vor Eurzem zerriffen, wie
mau aus einigen: Eleinen berumhängenden Stüdchen
erkannte. In der Subſtanz diefes Ringes war eine
andere Mündung eingefchnitten, die gleichwohl Feine
Deffnung hatte, als wenn die eigene ————
eebem einen herpeen — gehabt haͤtte; wel⸗ *
$
an der eigenen Lungenſchlagader. 265
ches fh, wie die Schriftfteller erinnern, zuweilen er⸗
eignet. Hieraus ſcheint zu erhellen, mie hoch die
Neugierde, der Zergliederer , auch in Unterſuchung
der geringſten Dinge zu ſchaͤtzen iſt. Denn haͤtten
ſie uns dieſe Schlagader nicht kennen gelehret, ſo
koͤnnten wir den Det, dieſer Beutelgeſchwulſt nicht fo
eigentlich anzeigen. Ueberdieſes war die ganze
Kruͤmmung der Aorte weiter, als ſie gewöhnlich. zu
ſeyn pflegt, doch aber nicht dünner: » Ihre ganze ins
nere Fläche aber, wie auch das ganze herabfteigende |
Stuͤck, war mit weißen. Flecken geſprenget, wie man
bey: dergleichen Fällen, fchon beobachtet hat: welche
Flecke die innere‘ Fläche ſowohl rauh machten, als
auch deutlich durch dieſelbe aͤußerlich ducchfihienen,
—
Wenn aber die innere Haut der Schlagader ſelbſt
von den andern abgeloͤſet wurde, ließen: ſie ſich leicht
abſchaben. Daher vermuthen wir, nach. des; Heren
WMorgagni Kegel; welcher ‚gelehret hat, daß fich
bey den Erweiterungen der Aorte, in. ihren bie, und. da
verſteinerten Haͤutchen, deutliche, Zeichen eines zer⸗
frefienden Wefens äußern, Daß dieſe Flecke in unferm
alle der Anfang eines Durchfreſſens geweſen. Das
Herz war nicht gar groß. Die, Ohren, beſonders
das linke, war klein und zuſammengeſchrumpft. In
dem Eingeweide des Unterleibes haben wir nichts
widernatuͤrliches wahrgenommen, als daß die Milz
runʒlicht und klein war⸗ Kan en *
— ausſah.
So viel kann id) — von dem Sige und der
Art der Krankheit melden. Finden fieweiter etwas,
und wielleicht werden fie durch meine Schuld noch
5 ul:
| ai dergleichen finden, was * dabey noch a; |
256 Bon einer Beutelgeſchwulſt
ift: fo belieben fie mich nu, wenn fie es der Mühe
werth achten, darum zu befragen. Vielleicht werden
fie durch ihre feharkfinnigen Fragen das, was ich im
in habe, herauslocken, und gleichfam heraus⸗
ea A Be ne
Nanmehr muß ich noch die Gefchichte dieſer Krank⸗
heit befchteiben, und dasjenige, mas ich drey Tage
vor des Kranken Tode, mit allem möglichen Fleiße
‚ beobachtet, als den Inbegriff der ganzen Krankheit, und
beſonders, was ich in Anfehung der Natur und Art fchon
den erften von gedachten: drey Tagen erfahren, und
entdecket hatte, berichten. Der Kranke war bey meis.
nem Herrn, dem Cardinal von Wia, Käufer, ;drey
und vierzig: Jahre alt, ſehr munter, dem Anſehen
nad) ſtark, "mittelmäßiger und unterfegter Statut.
In der Jugend war er den Mäuerern andie Hand
gegangen, und'hatte, wie er denn harter Natur dar,
und ſich darauf viel einbildete, Laſten auf den Schule
tern getragen, zu welchen ſeine Kraͤfte in dieſen Jah⸗
ren kaum zureicheten: bey welcher Gelegenheit er
auch mehr als einmal von hohen Gebaͤuden herunter
gefallen iſt. Nachdem er erwachſen war, fieng er
an, ſich bey vornehmen Leuten in Dienſte zu bege⸗
ben, und ward fuͤr einen guten Läufer gehalten,
Sehszehn Jahre darauf nahm er eine Frau, mit
welcher er drey ‘oder vier Kinder erzeugte, und gegen
die er ſich in eanlien Gefprächen über die Bruft zu
beffagen pflegte gegen mich aber oft über viele Blä«
Hungen, Lenden und Magenfchmerzen, welcher
Schmerz, feinem Berichtemacdh, bis an das Bruft-
bein gieng, wie wir nicht felten bey hypochondriſchen
Zufällen zu bemerken pflegen: . welchen Beſchwerun ⸗
an der eigenen Lungenſchlagader. 267
gen ich, ſo wie ich mir die Krankheit vorftellete, mit
gelinden Arztneyen, oder Terpentin, oder bittern im
Waſſer abgekochten Kräutern abzuhelfen gewohnt
ward. Vermittelſt dieſer Huͤlfsmittel befand er ſich
binnen einigen Tagen beſſer, und verrichtete das Sei⸗
nige wie der Gefimdefte, Allein dieſes Jahr, da er
wegen ſeiner Hausgeſchaͤffte ʒwanzig Tage uͤber Land
geweſen war, während weichen er taͤglich viele Stun
den durch Gebirge, die bereits mit Schnee bedeckt
waren, reifen mußte, und für Bruſtweh nicht reuten
konnte, kam er vorigen 14 Jenner ſehr muͤde nach
Haufe, und legte ſich durch die Krankheit faſt gang
entfräfter, ins Betre. "Als ich ihn befuchete, erzaͤh⸗
lete er mir, er empfaͤnde ein neues Schlagen in der
Bruſt und in der Gegend des Bruſtbeines Růckens |
und der Schulcerbläfter, zumal des linken, einen um
erfräglichen Schmerz, vor dem er nicht im Bette
bleiben koͤnnte, der aber etwas nachließe,, wenn er
mit niedergebeugten Haupte auf dem Bauche läge,
und warme Tücher auf den Rücken und die Vruft
legte; und er Härte diefe Acht Tage durch weder
Tag noch. Nacht ſchlafen koͤnnen. Er fegete Binzu,
er hätte einen bittern Geſchmack im Munde, und
würde von Blähungen gequaͤlet, die, wenn fie auf⸗
ſtiegen, durch eine ihm unbekannte Hinderniß, wie er
ſagete, zuruͤckgetrieben würden; da er hingegen,
wenn fie fortgiengen, große Leichterung verfpürete 5
und er wäre drey Tage vorher, ehe er nad) Häufe ger
fommen, des Nachts von einem Froſte uͤber den‘ Hans
zen Leib befallen werden, und wegen Verſetzung des
nd bald geftorben; Härte ſich aber an ev
fo
7
»68 Von einer Beutelgefhtwulik‘ Hr
ſo wohl, Speife als eine bittere Materie von f — ge·
brochen, wieder erholet.
Dieſes erzaͤhlete er mir von frehen Sacen Das
übrige entdeckte ich, indem ic} ihn ausfragte und be⸗
fabe, . Das Geficht fahe nämlich wegen vielen Blue
tes bieyfarben aus. Die linfe Droffelader; ſchlug
etwas ;. die rechte aber ſehr ſtark. Er befam des
Tages zwey bis dreymal, ſo gar im Bette, einen klei⸗
nen Schwindel, nebſt einem kalten Schweiße auf
dem Kopfe. Die Fuͤſſe erſtarreten ihm am Tage,
oͤfters. Wenn er auf der Reiſe bergauf gegangen
war, hatte er anfangs nicht zu Athem kommen Fön
nen; hatte aber hernach, wenn die Bruſt, wie er
ſagte, nach und nach warm geworden, wie ein geſun⸗
der Menſch geathmet, und die Reiſe fortgeſetzet.
Das gedachte Schlagen in der Bruft fühlte ‚man
nicht, wenn man die Hand auf das Bruſtbein oder
den Ruͤcken legte: Der Kranke mochte auf dem Ruͤ—
en, oder.auf dem Bauche, oder auf der Seite lie
gen. Das Herz aber ſchlug fehr matt, eben.fo, wie
die Schlagadern an ber Börderhand; ungeachtet hier
der Puls, regen einiger‘ ‚Spannung der Haͤute der
Schlagadern hart zu feyn fchien, dergleichen wir ge
ſaͤget (erratum) nennen koͤnnten: doch erinnere ich,
daß er ehedem einen ſogenannten geſchwungenen Puls
— gehabt hat. Dieſes ſcheieb ich feiner fee
bensart zu. Denn ich habe, bey folchen Säufern,
wenn fie-übrigens gleich). gefund gewefen find, allezeit
dergleichen. Puls zu beobachten. geglaubet.. Damals
aber war er ungleich, weil naͤmlich einige Schläge
ſchwaͤcher als die andern, waren: aber niemals blieb
; er
a aka 0 tagt nl er each. pen
RE EB — a an Ei en
a ee
an der eigenen Lungenfihlagader. 269
er aus; doch mar er sallezeit felten (rarus). Die
Achſeln, desgleichen die Arme, hatten ihm in ſeinem
Leben nicht wehe gethan. Indeſſen wagte ich eg
doch, wegen der Heftigkeit des Schmerzens, ob
mich gleich die erſt vor kurzem von mir entdeckte,
aber wie ich beweiſen kann, bereits allzuweit
gekommene Krankheit, und die Mattigkeit des Pul⸗
ſes, haͤtten abſchrecken ſollen, ihm eine Ader oͤffnen
zu laſſen. Weil ich aber waͤhrend der Zeit, daß das
Blut lief, merkete, daß der Puls noch matter wurde,
ließ ich aufhoͤren und Die Ader verbinden. Mach
dem einiges Blut weggelaſſen war, fieng ſich der
Schmerz etwas zu vermindern und der Schlaf auf
einige Stunden einzufinden an. Das mweggelaffene
Blut war nicht fehr dicke. Den Tag vorher, che
er farb, empfand man das Schlagen, wenn mail die
Hand aufides Kranken Bruftbein legete, und er auf
dem Rüden lag, wie etwas Klopfendes oder gleich
fam ſchwappendes. Eben den Tag wurde er, als er
ſich, um etwas zu effew, im Bette aufrichten wollte,
über das ganze Gefichte roch, und empfand über den
ganzen Unterleib eine ſtarke Hige, und auf dem Kopfe
einen falten Schweiß. : Bald darauf verlor fich
alles diefes wieder, und er. aß. Mac) Verlauf des
dritten Tages nad) feiner Zurücfunft, als er zween
oder drey Loͤffel frifches Waſſer zu fich genommen
hatte, (Faltes Getränfe aber vermehrte, wie er gefaget
batte, das Uebel, ) wurde er ohnmächtig , kam aber
doch bald wieder zu ſich: zwo Stunden aber darauf,
welches der letzte Zufall war, verfiel ex wieder darein,
und gab den Geiſt auf. So viel mag hiervon ges
| Nun:
\
y
———___
z
27 "Bon einer Beutelgeſchwulſt |
"Munmehr, da das Schreiben ohnedem ſchon die
ren uͤberſchritten hat/ Sie aber alles zuͤtig auf⸗
zunehmen “pflegen, ich mag fagen, was ich ‚will wer⸗
den Sie mir verzeihen, wenn ich daſſelbe noch nicht
ſchließe. Ich will ihnen daher Theile das melden,
was ich wege der von dem Rivin entdeckten Deff-
nung des Trommelfelles, ‚welche unfer Herr Bian⸗
chi nebſt mir beobachter hat, und wovon ich ehedem
muͤndlich mit Ihnen gefprocdyen, ‚und ſchriftlich ges
nauere Nachricht zu ertheilen verfprochen | habe:
Theils auch, befonders auf Anregen eben Diefes Freun⸗
bes, Damit ich ihnen nichts, was wir bey diefer Zer-
gliederung wahrgenonmten, verhalte, was wir wegen
der Klappe des Grimmdarmes bey eg —
beobachtet haben. r
Fürs erſte nun haben wir, damit it: Mein Wort
halte, vor ungefähr drey Jahren, eines zehmjährigen
Rnabens Leichnam geoͤffnet. Diefer war ertrun«
fen, und wir wünfchten daher das zu erfahren, mas
andere verfichert haben, daß die $unge in dieſen Faͤl⸗
fen nicht mie Waffer erfüllee wird, und daß dergleis
‚hen Leute nur erftickten, weil fie nicht Athem holen
koͤnnten. Dieſes num bewies der Zufall des gedach⸗
“ten Knabens vollfommen. Denn da das Maul, .
wie bey $euten, die mit dem böfen Wefen behaftet
find, die Luftroͤhre und die Naſe voll Schaum wa⸗
ren, und die Spitze der Zunge zwiſchen den Zaͤhnen
ſteckte und abgebiſſen war, fand ſich doch in der ums.
ge fein Tropfen Waffer, ja das Wafler war nicht
\ einmal in den Magen gedrungen, in welchem wie nur
ein wenig Feuchtigkeit fanden, die er kurz vor dem
Anfall, wie wir vermutheten, getrunken Daten! Als
ich 2
an der eigenen Lungenſchlagader. 271
ic, nun, damit ich zur Sache komme, in. deſſen lin·
Ohre ſachte uͤber das Trommelfell mit einer
Schweinborfte hin und. ber, fuhr „ befonders an ben
Orte, wo die Haut ſchlaff iſt, und wo Rivin, wie
uns Muͤnnich belehrte, ſeine Oeffnung ———
zu haben, gemeldet hat „zeigte ſich, nicht anders, Kt;
wenn.ich einen äußerlich. gelegenen Dedel weggeho⸗
ben haͤtte, auf einmal ein rundes Loch, welches doch
unſerer Vermuthung nach durch gedachte Borſten
—— und —— war. KEN. da wir —
—* nie aus einem, m Huden — 2 hat
te; und daß dieſe ringfoͤrmige Figur, ob wir gleich
die in das Loc) geſteckte Borfte Hin und her zogen,
und wieder inne hielten, dennoch einerley blieb, und.
ihren Rand unverlegt beielt, ‚Und ob wir gleich
noch an andern Drren auf das Häutchen druͤckten,
ich will nicht ſagen, eben ſo geſchickt, wie das ale
mal, Doch gewiß weit ſtaͤrker, fo Fopnten wir daſſelbe
doc) nicht zerreißen: Daher wir * ſte glaubten, wir
hätten Rivins Loch geſehen, Ich muß aber Hier
nicht vergeffen „daß Diefer Knabe öfters Ohrenlauf
gehabt, wie wir von denen, die ihn gekannt hatten,
erfuhren, niemals aber ſchwer gehoͤret hatte. Viel.
leicht werden ſie gerne wiſſen wollen, wie es mit dem
rechten Ohre befchaffen geroefen? Das Trommelfell
war bereits zerriffen worden, als wir den Gehörgang
geöffnet, um zu demfelben zu kommen. In diefeg
Juͤnglings Haupte fanden wir die Adern fo wohl des
dünnen, als des dicken Hirnhaͤutchens, nicht fo rrohh
vom Bohne als von Luft. aufgelaufen. -
272 Bon Yiner: Beute elge d
Was die Klappe des Gevärtnäänges anbelangt,
fo fahen wir deutlich, daß ſie aus zwiefachen gleiche
ſam halben mondformigen Haͤutchen, ‚oder Fallen,
(valuulae conniuentes) wenn man es ſo nennen will,
oder, welches ich vielleicht mie Wahrheit fagen Fan,
aus Fortſotzen Des Krummdarmes die den Grimm: |
darm erhuben, beftand. Dieſer ihre Ränder waren
die genug , fo das ihre Außerften zuruͤckgeſchlagenen
Faſern eben das zu thun ſchienen, was der bogenfi oͤr⸗
mige Knorpel‘ in den Augenliedern thut. Beyde
hatten eine ungleiche Hohe» Denn, diejenige, wel⸗
che nach dem Grimmdarme zulag / war um den Rand
höher‘, als die andern, die nach dem Blinddarme jü
fag. Sie ftunden ein wenig von einander ab; doch
fo, daß ſich die Spalte leicht verſchließen ließ, wein
man naͤmlich den Rand der oberſten ein wenig nieder⸗
druͤckete und nach der andern beugete. Denn als⸗
denn ſchloſſen beyde Raͤnder vollkommen an einander.
Und wir glaubten, auf dieſe Art verſchloͤſſe ſich die
$uft oder das in den Grimmdarm geſpritzte Weſen,
den Eingang in den Krummdarm: wie ‚wir erfuh⸗
ren, wenn wir duch nur mit der Hand darauf druͤ⸗
cketen. Dieſe Ränder findet man nicht in allen
Klappen des Grimmdarmes eben ſo ſtark, wie bey
der itztbeſchriebenen. Denn, unſer oft belobter Freund
hat ſechs bis ſieben Stuͤcke Gedaͤrme von Menſchen
verſchiedenes Alters, die er erſt aufgeblaſen, hernach
aber getrocknet hat; in welchen zwar die zwey Haut»
chen oder Fortfäße von ungleicher Größe da find, die
aber, als fie noch friſch waren, nicht fo dicke, unb
gleichſam ringförmige Ränder zu haben fchienen, als _
das ibtgehachte. Doch auch die Spalte iſt nicht von
eg
Er
an der eigenen Lungenfchlagader. 273
gleicher Größe. » Bey gemiffen Leichnamen, in wel⸗
chen diefe Häucchen zufammenwachfen, wenn fie ſich
den Wänden der Gedaͤrme nähern, ift fie enger: in
andern aber weiter, bey welchen fie nämlich noch von
einander getrennet, eben dieſe Waͤnde erreichen. So '
verhält es ſich in einem von den fieben ißtgedachten;
als in welchem, ungeachtet der Krummdarm allezeit
auf einerley Art, nämlich unter einem fpisigen Winfel
in den Grimmdarm bineingeht, dennoch ein Zwi⸗
ſchenraum von wenigftens drey bis vier Linien bleibt:
‚in einem andern aber von eben diefen Stücken, die
alle, bis auf das zulegt von uns geöffnete, gleich, tro⸗
«fen find, bleibe Faum eine halbe Linie Raum übrig.
Daher hat eben diefer unfer Freund bey denenjenigen,
- in welchen die gedachte Spalte nicht fo enge ift, ehe»
dem beobachtet, daß der Durchgang der Luft und
des Waflers aus dem Grimmdarme: in den Krumms
darm zwar gehemmet, aber nicht gänzlich gehindert
wird, Woraus man leicht fehen Fann, daß zumei-
len, ohne daß eim neuer Fehler an der Klappe des
Grimmdarmes dazu fümmt, Clyſtiere wieder wegge⸗
brochen werden fünnen, wenn nur die Spalte nicht
von Natur gar zu enge ift. Denn wenn fie allzu
weit ift, wie ic) bey einem von diefen beyden neulich
beobachtet habe, fo ift kaum zu glauben, daß die Klap⸗
‚pe, wenn er die Darmgicht befommen hätte, bey den
großen Schmerzen und Convulſionen nicht ſchlaff ges
worden, und die Einftire mit untermifchtem Kothe
nicht durch Brechen weggegangen feyn follten.
Sie fehen nunmehr, mwertbefter Herr. Beccari,
daß ic) ihnen nicht ſowohl meine eigene, als vielmehr
fremde, oder. wenigftens unferm Herrn Bianco ger
13 Dand. S meine
>74 Von einer Beutelgeſchwulſt
meinſchaftliche Beobachtungen/ geſchrieben babe,
Doch ſowohl feine befondere Guͤtigkeit, als die voll⸗
kommene Gemeinſchaft, die wir ohne alle Zwiſtigkeit
in Anſehung dieſer Dinge beobachten, haben mich
veranlaſſet, daß ich es an dieſem zwar geringen aber
aͤchten Beweiſe meiner Zuneigung gegen fie 9* das
be wollen ermangeln lafien, u. ſew w 'n
Zweytes
Sendſchreiben
‚von eben demfelben, an eben denfelben,
von eben biefer Materie, |
Mein Herr. AR
Sie werden mir zu verzeihen belieben, daß ich von
eben der Sache noch einmal an ſie ſchreibe, von der
ich ſchon einen ſehr langen Brief an ſie habe ergehen
laſſen. Ich habe bemerket, daß ich einige, ſowohl die
Zergliederung, als die Geſchichte der Krankheit be⸗
treffende Umſtaͤnde vergeſſen habe, an denen ihnen
doch vermuthlich etwas gelegen ſeyn wird.
Was alfo das erſte anbetrifft: fo verdienete viel«
leicht diefes beobachtet zu werden, daß die eigene Lun⸗
genfchlagader bey diefem Manne zwar von der herab»
fteigenden Aorte, aber faft zween Querfinger unter den
obern zmwifchen den Ribben hinlaufenden Schlagadern
ihren Urfprung nahm. Ich habe mid) nicht einmal
auf dag befonnen, was unfer Herr Bianchi von der
Schlundſchlagader vermuthete, daß fich nämlich das
Blue um den Schlund herum aus —— ergoſſen
be—
—
an der eigenen Lungenſchlagader. 275
habe, wie man leicht Daraus urteilen, ann, weil die
Schlundſchlagader, aus der eigenen $ungenfchlag«
aber, wie Munich bezeuget, entfpring. Doch
man kann von, dem Urfprunge dieſer Schlag⸗
ader hichts gewiſſes beſtimmen. Denn Heifter zäh:
let dieſelbe, wie ſie gar wohl wiſſen, unter die Faͤchſer
der abſteigenden Aorte, und ſondert fig von der eige⸗
nen Lungenſchlagader ab. Hingegen Rupypſch ftimmet
mit feinen von beyden überein: fondern hat fie fo
gezeichnet, als ob fie von dem Stämme der obern Rib«
benfchlagader, der zur linken Schlüffelbeinfcjlagader
‚gehöret, entiprünge, von welchem Stamm er öfters
| ſelbſt die eigene Lungenſchlagader hat ausgehen ſehen.
Wegen der Geſchichte ver Krankheit muß ich noch |
benfügen, Daß der Patient öfters einen trockenen Hu⸗
ſten gehabt hat: und, ſo viel ich mich erinnere, oft
ohne eine merkliche Urfac)e zu huſten iſt gewohnt ges
weſen; welches auch diejenigen, mit Denen er Umgang
gehabt bat, verfichern, von denen ich auch gehöret habe,
daß es ihm übel aus dem Munde-gerochen. Er
‚pflegte auch Tabaf zu rauchen: ich weiß nicht, ob aus
einer eingebildeten Nothwendigkeit, oder zur: Luft.
Diefes wenige habe ich Bo beyzufügen DA rathſam
befunden, * w.
II. Neue
375 Anmerfungen uͤber die Aart
ee
2 | IM. | *
Neue woſ kaliſche Anmerkungen *
uͤber
die Art das Getreide
— — erhalten.
Niß vtile et quod facimus, Aulta ef — *
Phaed. Fab. L. III. fab. ıg.
| Aus des Herrn Deslandes Recueil des differens
Traitez de phylique &c, p. gr. _
14 habe vor einigen Jahren Gelegenfeit a *
habt, verſchiedene Kornboͤden zu beſuchen,
und, ſowohl uͤber das daſelbſt verwahrte Ge⸗
treide, als auch) über das häufige Lingeziefer, welches
daſſelbe verzehrete, wichtige Anmerkungen zu machen.
Dieſe Anmerkungen wurden an Perfonen von Stande
gefchickt, die ſehr eifrig für das Vaterland find, und,
den Völfern eine Erleichterung zu (Haffen fuͤr eine
ihrer vornehmſten Pflichten achten. Ich wurde
ernſtlich erſuchet, dieſe Arbeit nicht ae, fons
dern vielmehr den bereits gemachten Betrachtungen
noch gründlichere beyzufügen. Mein Geſchmack, der
erſte gluͤckliche Erfo— , die allen Maturforfhern fo
de, müßten mit diefen Bitten
nothroendig tibereinffimmen. Ich fieng alfo an, alles
-aufzufuchen, was mit diefer Sache, woran dem ge-
meinen Wefen fo befonders viel liegt, verwandt A
—
das Getreide au BER 277 |
ſeyn fchien ; ich befragte mich bey verſchiedenen Korn⸗
haͤndlern, inn · und außerhalb Landes; ich nahm da,
wo ich mich meiner Augen nicht mehr bebienen Fonnte,
das Bergrößerungsglas zu Hülfe: Kurz, ih famme _
lee eine große Menge Erfahrungen, worunter viel—
leicht einige, wegen ihrer Neuigkeit, vorzüglich ſeyn
werden. Alles diefes nahm ich zufammen, und brachte
ein Werfchen heraus, woraus man, wie ich mir
fhmeichle, wird einigen Mugen ſchoͤpfen koͤnnen. Ich
ſage dieſes nicht, um etliche geringe Entdeckungen zu
ruͤhmen: ſondern denjenigen Eifer zu befriedigen,
welchen jeder rechtſchaffene Mann fuͤr das gemeine
Beſte hegen muß *
Kann ich des Landes Wohl mit Rath und a ver⸗
mehren:
So tadle man nur nicht; mein Lob mag ich nicht
hören.
Das einzige, was ich hiebey erinnern muß, it siehe, Hi
daß ic) meine Anmerkungen fo abgefaffet habe, daß
fie die Errichtung der öffentlichen und koͤniglichen
Kornböden, wofern man an einer fo vortheilhaften
Anftalt arbeiten wollte, erleichtern Fann. Alle Fürs
ften und Staatsbebieike,
tes zu „Herzen gehen Läffen ‚ haben, wie jederman
die fich das Beſte des Staa ·
weiß, hiezu den Entwurf gemachet, und die reichen |
Sabre fo zu. nugen gefucher, ‚daß fie die allgemeine
Noth in theuren Zeiten verringerten. Ich finde ſo
gar, daß Ludwig der Fromme, der erſte von unſern
—
*
WE Walch Koͤni·
* Si quid rn erga bene feci, aut — —
Non videor meruiſſe laudem, culpa caruiſſe arbitror.
*
8
273 Anmerkungen Über die Art
Roonigen ift, welcher, während der langwierigen Hun ⸗
gersnoth unter ſeiner Regierung, dieſerwegen ſehr ges
meſſene Befehle gab. Allein, ſo ein edler Entwurf
iſt bishero nicht ausgefuͤhret worden, ſondern voͤllig
ohne Wirkung geblieben. Man darf dieſes nicht ſo
wohl dem allzu bekannten Leichtſinne der Franzoſen
zuſchreiben, die ihre nuͤtzlichſten Unternehmungen bald
wiederum fahren laſſen; als vielmehr der Natur der
Sachen ſelber, worinnen ſich verſchiedene Hinderniſſe
gefunden haben, die man nicht fleißig genug zu uͤber⸗
winden geſuchet hat. Dieſe Hinderniſſe koͤnnen auf
eine geringe Anzahl gebracht werden; und ich will
meine Gedanken daruͤber frey eröffnen, nicht, um fie
voͤllig zu vernichten, ſondern nur um ein merkliches
zu verringern. Denn, wenn Anſtalten nur ein wenig
wichtig find, fo Darf man ſich nicht einbilden, Feine
Hinderniffe zu finden: es ift genug, daß ſich ech
A die man findet, ee — >
’
J
Von der Wahl des Getreides.
— Korn und aberhaupt.das zu des sehe Um
terhalte gehörige Getreide läßt fich nicht alles aut
aufheben. Was in Falten Laͤndern waͤchſt, werbirbt
und verſchimmelt eher, als was in heißen Gegenden
eingeerndtet wird. Es wird uͤberdieß gerne von unzaͤh⸗
lichen Arten von Ungeyiefer gefreſſen, worunter eine
immer gefaͤhrlicher als die andere iſt, "Nachdem fie oͤf⸗
tere ſchwer wahrzunehmen, und noch ſchwerer zu töd-
‚ten find. Was für: einer Urſache kagn man fonft
dieſe verfchiedene (Güte: des Getreides zufchreiben,
; wenn
das Getreide zu erhalten. 279
wenn es nicht die verfchiedene Sage der Oerter mas
chet, die von den Sonnenſtrahlen mehr oder weniger
erwaͤrmet, und mehr oder weniger befruchtet werden ?
Man weiß, daß dieſe Strahlen ihre Stärfe und ih»
ren Nachdruck je mehr verlieren , je fchiefer fie auf
die Erde fallen, und je mehr fie durch die ihnen im
Wege ftehende Luft gebrochen werden, Diefes ge
fhieht in den Falten Weltgegenden, und zum Theil
in den gemäßigten. Sonſt haben auch die Natur
kuͤndiger, in Abficht auf Diefe Gegenden, noch zwo
merfwürdige Erfahrungen angemerfet, Die erfte
iſt, daß darinnen die feuchten und naffen Jahre weit
‚gemeiner, als die trocknen; und Diejenigen Monate,
in welchen es am meiften vegnet, der Junius, Jus
lius und Auguft find : eben. diejenigen, wo fie eine
gleichfoͤrmigere und anhaltendere Hitze bebürften.
Die andere iſt, daß den Sommer uͤber, bey Tage die
groͤßte Kaͤlte gegen Aufgang der Sonne herrſchet, und
daß dieſe Kälte die Thermometer ordentlich merkli⸗
cher zu fallen zwingt, als ſie die Mittagshitze ſteigen
laͤßt. Dieſe Erfahrung ereignet ſich beſonders an
denjenigen Orten, die nahe am Meere liegen, ober
‚von einem Fluſſe durkbfihnitten werden, Iſt es nun
‚ein Wunder, wenn das. Getreide nicht die erforder.
liche Hitze genieße ; als die ganze Zubereitung, Die
es, ua einer vöhligen Reife: ‚zu: gelangen, nöthig R
bat ® ?
„Mangel der Sonne, oder vielmehr der Hige, die Guͤ—
te des Getreides verringern kann; und die Erfah.
‚rung zeiget es täglich. Wie viele Pflanzen haben
s —8 ganzen Nusen in der Arztneyfunft verloren,
4 Ä wenn
Es ift nichts leichter. zu begreifen, als daß der
280 Anmerkungen über die Art
wenn man fie aus Aſia und America nad) Europa Ä
brachte ?_ Wie viele Bäume haben an Stärke und
Höhe abgenommen , wenn man fie aus einem war» ·
men $ande in ein älteres verfeßte ? Man feheint: fie
dadurch, dag man fie von ihrer natürlichen Luft ent»
fernet, zur Luſt geringer zu machen, und nach und
nach ihre natürliche Art zu verderben. Um bier et»
was anzuführen, das ung genauer angeht, fo will
ich ſagen, daß wir ſo gar in Frankreich Pflanzen ba
ben, die, wenn man fie aus einer Provinz in die an⸗
dere verfeger, nicht mehr kenntlich find, und allen ih.
ren Ruhm verlieren. Dergleichen ift das Wayd⸗ |
kraut, oder Ifatis fatiua vel latifolia. (S. Bauh.)
Sie giebt in Oberlanguedock, für alle Arten von
Stoffen, eine fehöne blaue Farbe ab: fie hat aber
in der Normandie weder eben diefen Beftand, noch
eben dieſe Eigenfchaften ; weil es da an der, zur
rechten Kochung und Zeitigung ihrer Blätter, beno⸗
thigten Hiße fehler. ben fo verhält es fich mic der
Wolfswurz, (Napel oder Aconitum’caeruleum, feu -
Napellus, (S. Saub.) "an dem befonders Die
Wurzel, in den mittägigen Provinzen- des Reiches,
ein ſehr gefährliches Gift iſt; da fie in Bretagne,
auch in der Eleinften Kinder Händen, Feine boͤſe Wir.
fung thut. Ich koͤnnte viele andere aͤhnliche Beyſpiele
—
anfuͤhren: allein es iſt kein —— nicht
uͤberzeuget waͤre, und wuͤßte, daß die So
nebſt der beſondern Beſchaffenheit, jeder Erde, den
Saft in den Stand ſetzen koͤnne, unendlich viele ver⸗
ſchiedene Arten an ſich zu nehmen.
Wenn in einigen unſerer Provinzen die Jahre alle
zu naß find, und derjenige dicke Nebel, welchen die
Acker⸗
nhitze,
Das Getreide zu erhalten." 281
Aderleute und Gärtner Mehlthau nennen, oft fälle;
fo fchlägt alles Getreide um. Beſonders verdirbt _
der Hoden dergeftalt, daß das Brodt, wozu er ge
nommen wird, gefährlich zu eflen ift, und. den Krebs‘
verurſachet. Dieſer verdorbene Rocken heißt in
Sologne verdorretes, und in Gatinois gehoͤrntes
Korn: (blee cornu.)
Ein gewiſſer Beweis von dem, was ich erſt vor⸗
getragen habe, iſt dieſes, daß das Getreide, welches
man aus Africa, und: befonders aus den Gegenden
um Tunis und Algier, bringt, fih in Frankreich
länger. hält, als das, welches bier waͤchſt. Die
‚Kaufleute aus Provence , Die. mit dieſem Getreide
den ftärfften Handel treiben, führen es zwar ordent,
lich nach Genua ,' woraus es, als aus einer fruchtbas
ren Duelle, in alle übrige Theile Sstaliens koͤmmt.
Allein, es wäre, vermittelt einiger Vorſicht, leicht,
diefen Handel dem Reiche nüglicher , und fo gar um
vieles ftärfer zu machen. Zu Maltha hebt man dag
‚Getreide, welches man aus Sicilien kommen läßt,
viele Jahre hinter einander auf, und hat, aus Furcht
eines unverhofften Friedensbruches, oder einer Bela-
gerung von den Türfen, beftändig einen überflüßigen
Vorrath davon. |
Zau der Güte des aus Africa kommenden Korns muß
“man noch feine Fruchtbarkeit ſetzen. Ein Scheffel
Saamengetreide, das in gutes Erdreich gefaet wird,
trägt alle Jahre ordentlich über funfzig Scheffel.
Plinius, der Naturfündiger erzähler, daß dem Au⸗
guft einer von feinen Gtatthaltern ‚aus einer africa-
niſchen Gegend, wo er in deffen Namen regierte, eine
gar — ‚Seltenheit uͤberſchicket habe. Dieſe
J S5 | war
232 Anmerkungen uͤber die Art
war ein Kornhalm, der in ſeiner Aehre bey vierhun⸗
dert Koͤrner hatte. Nero bekam ein faſt aͤhnliches
Geſchenke; naͤmlich einen Halm mit dreyhundert
und ſechzig Koͤrnern. Wenn Plinius, in Anſehung
dieſer zwo Begebenheiten, keine Unwahrheit ſchreibt,
welchen Vorwurf: "er ſich öfters machet, fo kann
man ſagen, daß dieſe zweenen Faͤlle unter diejenigen
feltenen gehören, in welchen: die Natur manchmal
ihre übermäßige Frengebigkeit zeige. Wir haben
hievon auch einige Benfpiele:: nur ſcheint es, als
hätten fic) die Naturforfcher in Deutſchland das An⸗
denken dieſer Wunder der Natur, in ihren gelehrten
Tagebuͤchern mehr, als in — Laͤndern geſchehen,
zu ala, bemüber.
Die Römer, welche fo J ſo vorfichtig, und auf
die Erhaltung ihrer Unterthanen fo fehr bedacht was
‚ren, holeten alle ihr Getreide aus Aegypten, woman
wegen der ordentlichen und heilfamen Ueberſchwem⸗
mungen des Nils gervaltig ftarfe Erndten hatte. Es
gieng jährlich eine anfehntiche Flotte von Alerandrien
ab, welche Getreide nach Kom führete, und deswegen
deſſen Nährerinn hieß. Dieſes Getreide ‚hielt. fi)
ſo lang, als man für dienlich achtete, und wurde. we;
gen diefer vortbeilhaften Eigenfchaft felber dem ita-
lienifchen vorgezogen. Daher betrachteten die Roͤ⸗
mer Aegypten, als eine ihrer reichften und wichtig—
ften Eroberungen ; und Aegypten: rühmte ſich auf
feiner Seite trotzig, daß es zwar in die Knechtſchaft
‚gebracht, aber feinen Liebermwindern unentbehrlich waͤ⸗
re. Die Römer hatten allerdings ihre öffentlichen
Kornböden ; fie waren viel zu erleuchtet, als daß fie
derſelben Mugen niche haͤtten einſehen ſollen *
das Getreide zu erhalten. 283
ſie huben dieſelben fuͤr das in Italien eingeerndtete
Getreide auf. Die Erbauung dieſer Kornhaͤuſer
war unter der Regierung des Tiberius Gracchus,
dieſes fuͤr des Volkes Nutzen ſo eifrigen Tribunen,
angegeben worden: und als ſein Bruder, Cajus, ſie
bauen zu laſſen, auf ſich genommen hatte, ſo fuͤhrte
er das Werk ſelbſten, und vollendete es mit einem
Pracht und einer Geſchwindigkeit, welchen die Roͤ⸗
mer allein gewachſen waren.
Alles dieſes vorausgeſetzet, will ich frey — daß,
wenn man oͤffentliche Kornhaͤuſer anrichten wollte,
die zwo folgenden Kegeln nüglich und gut: zu beob⸗
achten wären. Die erfte iſt: man muß Fein Getrei ·
de darein legen, das nicht aus Den mittaͤgigen Pro⸗
vinzen fommt. Da aber diefe darunter leiden koͤnn⸗
‘ten, und die Märkte zum Schaden und Verderben
des Volkes wüfte würden ; fo hindert nichts, Daß man
nicht, aus einer Provinz in Die andere Zufuhre für
Zufuhre geftatte, und einen nüglichen Taufch treffe.
‚Hierauf fönnten die Dberauffeher und ihre vornehm-
-ften Zugeordneten mit leichter Mühe fehen z- und
duͤnkt mich, es wäre dieſe Sache, auf welcher ein
Theil der-allgemeinen Gluͤckſeligkeit berubet, aller ih»
rer Wachſamkeit und Geſchicklichkeit wuͤrdig—
Man weiß aus den beſondern Umſtaͤnden von
"Srankeeic), umd aus den vortrefflichen Nachrichten -
des verftorbenen. Heren Marfehalls von Bauban,
daß bisher Fein fo fehlechtes Jahr geweſen ift, wel -⸗
ches nicht fo viel Getreide gebracht haͤtte, als allen
Einwohnern zu ihrem Unterhalte noͤthig war., Wenn
auch ganze Provinzen einer verdrießlichen Hungers⸗
gi. und allem Unglücfe, welches diefelbe ae
zieht,
284 Anmerkungen über die Net
zieht, ausgefeßt waren, fo hat diefes von dem Geize
und den Kunſtgriffen ſolcher Leute, welche den Ge⸗
treidehandel allein hatten, und ihnen. daffelbe heimlich
entzogen, hergerühret. Was für ein Verbrechen ift
diefes! und mas für eine Strafe verdienen fie! Die
heilige Schrift fcheine dag, mas in dieſem Sallezu
Dun ift, felber vorgefchrieben. zu haben, wenn fie er-
zähle, was für Maafregeln Joſeph nahm, um den
fieben unfruchtbaren Jahren, welche Aegypten dro—
beten, vorzukommen. Es iſt gut, fagte er, daß
man Öetreide aufbebe, und in den Städten
auffehütte, und daß es unter der Gewalt des
Röniges bleibe ; das ift des Vaters des Bol.
kes, desjenigen, der, {hm zu helfen, in der u ver
bunden ift.
Das andere und unvergleichlich nuͤtzlichſte märbe
ſeyn, wenn man dem einheimifchen Getreide dasje-
nige vorzöge, das man, vermittelft eines wohl einge»
- richteten Handels, aus Africa befommen koͤnnte. Der
° König müßte, wie erft gefagee worden, diefe Hand»
lung allein treiben, damit die Unterhändler nicht be«
trügerifch oder ungerecht verführen. : Um dieſes zu
bewerkſtelligen, müßte man die bey det fanzsfifchen
Paſtey (Baltion de France) bereits angelegte Pflang-
ſtadt fuchen nugbarer und ficherer zu machen, ja po
gar mit neuen Zufägen zu vermehren. Diefes wür- |
de, wegen der Eiferfucht der Ungläubigen, die bes
ftändig wider die Europäer wachſam find, Geſchick.
lichkeit und Sorgfalt koſten. Hierauf muͤßte man
ſich entſchließen, zu Toulon und zu Marſeille Pro⸗
— bauen zu * * — *
und
m
das Getreide zu erhalten. 285
und zugleich nicht allzutief im Waſſer giengen. Dieſe
Proviantſchiffe muͤßten in der Barbarey auf den Ge⸗
treidekauf fahren, und, ohne ſich mit unnoͤthigen Ko—
ſten zu ſchaden, fo gleich durch die Straße von Gi
braltar fegeln, damit fie zu Rouen und zu Nantes auss
laden fönnten. Diefe Schiffahrt würde, wenn man
die rechte Zeit in Acht nähme, weder lange noch ge-
fährlich feyn. Die zur Uebernahme diefes Getreis
des beftellten Abgeordneten müßten daffelbe unpar»
teyiſch und wohlbedächtlich unterfuchen, und in die
öffentlichen und Föniglichen Kornhaͤuſer fehaffen. Es
ift leicht zu erachten, daß diefe Magazine an dem
Ausfluffe großer Ströme liegen muͤſſen, damit das
Getreide in die entlegenen Provinzen, nachdem fie
Märkte halten, weniger oder mehr verfehen find,
Mangel oder Heberfluß haben, deſto bequemer Fann
abgeführee werden. |
Ich merke Hier im Vorbeygehen an, daß die
Sranzofen ihr Getreide bisher bloß aus den König.
reihen Tunis und Algier geholet haben. In Fez
und Marocco ift Diefer Handel verborben, wenn man
nicht Pulver, Gewehr und andern Kriegsvorrath das
gegen giebt; welches aber die chriftlichen Fürften ih»
res Nutzens halber ebenfalls nicht thun wollen *,
Ssndeffen Holen doch die Engländer, jeitdem fie
—— Her⸗
* Den Mahometanern Kriegesvorrath zu ſchaffen, iſt in
Frankreich jederzeit für einen Fehler, der ſich gar nicht
entfchuldigen laßt, gebalten worden; und einer der
Scheingruͤnde, deren man fich bedienete, den bekannten
Jacques Eoeur, der Carls des VII Yusgeber war, und
‚alle fein Geld in Handen harte, zu ſtuͤrzen, war diefer,
daß er den Sarazenen Gewehr verkauft hätte.
286 —— über die Art
Herren. von Gibraltar füde etwas Getreide, von
Tanger. ur
— — duͤrfen ſi * wenn es — —
Jahre giebt, und viel geregriet bat, feinen. Vorrath
von Getreide ſammeln. Dieſes Getreide verdirbt
bald, und nimmt, ih weiß. nid)e was für sein zaͤhes
und Elebrichtes Weſen an, daß es einem, wenn: man
eine Hand vollnehmen voill, nicht in die Hände rollt,
fondern zwifchen den Fingern Hängen bleibt. Eben
diefes geſchieht bey demjenigen Getreide, das vom
Seewaſſer naß geworden ift, wenn man eg nachges
hends auch noch fo forgfältig: getrocknet hat. Diefe
Erfahrung verdienet, um fo.viel-forgfältiger gemerket
zu werben, je mehr fie zur Entdeckung vieler Betrüs
gereyen und Misbräuche dienen fann. Das Ges
treide, welches man in gemeinen Jahren erndtet, haͤlt
ſich i in Frankreich ziemlich lange, beſonders wenn es
in tuͤchtigen Kornhaͤuſern verwahret wird. Allein,
matt thut wohl, wenn man auf dieſe Magazine ges
nau Achtung giebt, und fie fo. gar öfters verneuert ;
die aeringfte- THARIONFH würde ihnen yum Baders }
ben gereichen.
Gemeine Kahre nenne ich diejenigen, von welchen
Die Nrarurfündiger angemerfet haben, daß das Nies
aenmafler darinnen 19 bis 20 Zoll hoch wächft, und
‚öfters Mordwinde wehen. Die falpetrichten Theile,
weiche dieſe Winde bey fich führen, und damit Die Luft
erfüllen, tragen vieles zum Wachsthume der Pflanzen
bey. Die naffen Jahre find diejenigen, wo der Re⸗
gen 25 bis 25 Zoll hoch fteigt, un wo der Schnee,der
fonderlich haufig im Februar: fälle „machet, daß die
großen Fluͤſſe austreten.
IL, Bon
1
das Getreide zu erhalten, 237
II
Son der Art die Kornbehättnife
zu bauen.
——— ich von der Wahl des Geireides, wel⸗
de: die genauefte und forgfältigfte Au merffamfeit |
fordert, geredet habe, fo. muß ich, der. Drdnung me
gen, von der Wahl der Kornbehältniffe, oder der
zum Getreideaufſchuͤtten dienlichen Oerter reden.
Diefes iſt einer der wichtigften Theile meiner Ab=
andfung.
Ohne Zweifel wären die beften Getreidebehaͤltniſſe
Diejenigen, die unter die Erde in Felſen gegraben, und
vor Luft und Waſſer fi icher ſind. Die Alten, welche
von demjenigen, was zu oͤffentlichen guten Anſtalten
gehoͤret, nichts vergaßen, hatten dergleichen unterivdis
ſche Behältniffe, worinnen fie ihr Getreide bewahre—
ten, an verfchiedenen Orten. SPlinius ſaget folgendes
davon:*. Doch am beften wird es, wie in Raps
padocien und Thracien gefchiebt, in Selfen bes
wahrer, die fie Betreidekeller nennen, In Spa»
nien und in Africa wird vor allem darauf ges
feben, daß der Boden trocken ſey; und bier:
auf Stroh untergeleger. Ueberdieß wird das
Getreide mit ſammt den Aebren binein ge
Inter Man ſeht auch dergleichen Behaͤltniſſe
-
# Veilifime tamen feruantur in ferobibus, quos Siros
vocant, vt in Cappadocia et in Thracia. In Hifpania \
‚Net Africa, ante omnia vt ficco folo fiant curant; mox -
vt palea fubflernasur. Praeterea cum fpica ſua con-
| duntur, | |
in
298 — E— uͤber die Art
in einigen von unſern Schtöff ern. Diefe Magazine
folfte man, wenn: fie einmal mit auserlefenem. Ge
freide gefülfet find, nicht eher öffnen, als bis man bes
fchloffen hätte, diefes Getreide auch aufzuzehren. Ich
weiß aus gewiffen Erfahrungen, daß es fich auf diefe
Weiſe fieben bis acht Jahre hinter einander halten
Fann; und von ungefähr hat man zu Amiens und
zu Troves folche unterirdiſche Derter entbecfer, wo es
ſeit vielen Jahren war verſchloſſen geweſen. Dieſes
Getreide war weder verdorben noch ſchimmlicht. Die
Urſache iſt, Daß die äußere Luft nicht in dieſe unterir⸗
difchen Behältniffe eindringen, noch Eleine Eyer-von
Ungeziefer, die nichts als einen geſchickten Ort, wo fie
ausfriechen und fich entroicfeln Fönnen, nöthig Haben,
hinein fuͤhren kann. Man bat aus‘ den, ſowohl in.
England als in Franfreich, gehabten Erfahrungen
erlernet, daß diejenigen Koͤrper, die in der freyen Luft
am erſten aufgeloͤſet werden, und verberben, i in einem
Iuftleeren Raume fich nicht einmal verändern. Ders
gleichen find, die Butter, das ungefalzene Fleifch, vie
Blumen, das Obſt. ch habe gefehen, daß Erdbee.
ren und Himbeeren ſich vier Monate lang unter einer
Glocke, woraus man alle Luft genau ausgepumpet
hatte, gehalten haben.
Alles, was man nur wider dergleichen Magazine
einwenden Fann, ift, werin es anders eine Antwort
verdient, dieſes daß fie große Summen zu bauen
Foften würden. Ich gebe diefes zu, ja ich befenne
noch, daß dergleichen Werfe zu unternehmen, reiche
und mächtige Fürften — Allein, darf man,
wenn es auf das gemeine Beſte ankoͤmmt, etwas
ſparen? Iſt dieſes ag der vornehmfte Gegenftand
einer
das Getreide zu erhalten. 289
. einer weile wand erleuchteten Regierung? Man jeiget
ben alt Cairo einen großen mit Mauern unigebenen
Pag, welchen die Türfen noch io Joſephs Kornhaus
nennen. "Sie ſuchen hier jederzeit einen uͤberfluͤßigen
Vorrath von Huͤlſenfruͤchten und Getreide zu erhal⸗
ten. Ungeachtet, allem Anſehen nach, dieſes Werk
nicht von dem Erzvater, von welchem es den Namen
hat, herruͤhret, ſo ſtimmen doch alle Reiſende darin⸗
nen uͤberein /daß es feiner wuͤrdig iſt, und einen wohl⸗
thaͤtigen Füůrſten, einen Trug, oder —
verat *
Sn anf Africa giebt es ſeht tiefe euren; die
mitten in Felſen gegraben, und zu allen Zeiten trocken
find. Die Araber nennen fie Mutamores. Der
Eingang in dieſe Brunnen iſt ſehr enge; und kaum
kann ein Menſch, der ſich biegt und kruͤmmet, durch ·
kommen. Allein, fie werden nach und nach weiter,
und koͤnnen zu unterft wohl’ 35 Schuhe im Durchs
meffer haben: welches ihre ordentliche Weite. ifk-
Wenn diefe Brunnen fertig, und mit Fleiß gereiniget
find, fo lege man getrocknetes und zerhacktes Stroh
darein, womit der Boden und die Seiten gleichfam
tapeziret werden. Man Täße hierauf‘ das Getreide,
nachdem es zuvor etliche Tage an der Sonne gelegen
ift, hinein haufen, und wartet, bis der Brunnen voll
üft, um ihn zu zu machen. Dieſes gefchieht auf eine
ganz einfältige Are ; indem man Eleine Stücden Holy
jerfchneidet, und unter einander flicht. Man decket
endlich alles mit Sande zu, und ſchuͤttet vier bis fünf
Schuh hoch gute Erde darüber, die abhängig gemacht
wird, Damit fich das Regenwaſſer nicht darauf aufs
halten kann. Das Getreide *F ſich, beſonders in
13 Band. dieſen
290 Anmerfungerüiben, diegiet
dieſen unterirdiſchen Behaͤltnſſen ohne gu verder⸗
ben, oder; ſchlechter zu werden, ‚eine, ſehr geraume
Zeit. Es geſchieht ‚manchmal ‚ganz daß ——
ſchumeherren die unter einer, willfüßrlichen und un⸗
umſchraͤnkten Regierung alles zn furchten haben, die:
ſelben vergeſſen, und ſie erſt lange Jahre nach ihrem
Tode wieder gefunden werden. .uce in
Ob ich gleich, diefen unterirdiſchen Behaͤltniſſen
den Borzug einraume, ſo fann man ſich doch, da fie
große Koſten erfordern, an ihren, Statt, ‚der ordentlis
chen Kornbehäleniffe fehr wohl bedienen, wenn nur Die
dabey befindlichen Fehler verbeſſert werden. Diefe
Fehler find, erſtlich die Feuchtigkeit, welche man an
Orten, wo viele Thuͤren und Fenſter ſind, nicht wohl
vermeiden kann, und die gleichwohl das Getreide nach
und nach zur Faͤulniß bringt. Der zweyte Fehler
iſt ein allzufreyer Durchzug der aͤußern Luft, die un⸗
zaͤhlich viele Eyer von Ungeziefer mit ſich Führer, und
auf allen Seiten ausſtreuet. Der dritte iſt die Gewohn⸗
heit, da man das Getreide in einem Haufen auf den Die⸗
len liegen läßt, und zween ganz ver ſchiedene Jahrgänge,
als z. E. einen trockenen und, einen naffen, vermenget.
Man kann fich leicht vorftellen, daß, ein angeſteckter
und verdorbener Jahrwuchs auch alles. übrige Ge—⸗
treide anfteefen Fan, Und wie ſchwer iſt es, dem
Uebel, wenn es einmal angefangen bat, und fich immer
weiter und weiter auszubreiten ſuchet, abzuhelfen?
Unter den drey erſtbeſagten Fehlern ſind die zween
— leichter zu vermeiden, als der dritt, Man
darf ſich nur derjenigen Vorſicht bedienen welche
allen Baumeiſtern bekannt ift, aber von ihnen zum
PR in den ı Preningn, ee aus
den
das Getreide zu erhalten. agı
den Yılgengefoget wird. Das’ erfte Stück derſelbi⸗
gen ift, daß man ſowohl zu dem Boden, als zu dem
Zimmerwerke der; Getreidebehältniffe, Fein anderes,
Als auserleſenes und recht ausgetrocknetes Eichenholz
nehme." Backfteine, und Marmorſteine ſelbſt, wuͤr·
den ſich nicht ſo gut zu dieſen Böden ſchicken, "und
dem Getreide, ich weiß nicht, was für einen unange⸗
nehmen Geſchmack geben, welchen die Kenner’ Zies
gelgeſchmack nennen. Die "übrigen Arten der
Borficht und Sicherheit find folgende: Man muß
auf den Getreideböden, fo viel möglich, keine Oeffnun⸗
gen machen, als gegen Werften und Norden, oder ges
gen Nordiveft; man muß Sorge tragen, damit fi)
die Thüren und Fenfter genau ſchließen: und in dies
fer Abficht iſt e8 gut, wenn fie auswaͤrts aufgehen,
und die ordentliche Art, fie zu bauen, ein wenig ver⸗
- Andere wird; man muß alle Mauern dieſer Behält«
niſſe mit altem und ſattſam getöfchtem Kalfe überzies
ben; man muß zufehen, daß nirgends eine Deffnung
bleibe, wo fih das Regenwaſſer einfchleichen, und,
teil es ftille ſteht, Keine erzeugen kann, welche dag
Getreide fchlecyterdings verderben. Es ift bekannt,
daß die Feuchtigkeit dieſes allein bewerkſtelligen kann;
wie ſie denn oft bey den zwiebelartigen Pflanzen ma⸗
het, Daß die Zwiebeln Wurzeln treiben, ungeachtet fie
nicht i in die Erde gelegt werden, |
Um zu beweifen, wie leicht das Getreide auswächft,
will ich eine merkwürdige Begebenheit aus ben
Vleuigkeiten der Republik der Gelehrten
(Nouwelles de la Republique des Lettres) anführen.
Der Anmerker, welchen wir dieſe Begebenheit zu
danken haben, iſt einer der —— ne
weſen.
x
298 Saiten w —
«HP
Ränden, J dieſe rue einen um von A und
Elebrichter. Materie in. feinem Magen; fönnten gefun⸗
den, und darinnen Wurzeln geſchlagen haben. Man
gab ihm zum; Gluͤcke etwas zum. Brechen an, und
wurde. dadurch auf dieſem Argwohne beſtaͤtiget. Man
ſah wirkliche Haberkoͤrner, welche ——— wa⸗
ren, als wenn ſie in ordentliche Erde geſaͤet geweſen
waͤren: ‚allein, fie hatten nichts, als fehr dünnes und
ſchwaches Stroh, ohne Körner, getragen. . Was den
drieten Fehler betrifft, fo Fann man Fein einfältigeres
Mittel dawider erdenfen, als daß man ‚von Bretern
eine gewiffe Anzahl, Schichten macht, und. das Ge.
treide dadurch, nach feiner verfchiebenen Güte, von
einander abfondert, Damit nicht eines dem andern
durch die Vermiſchung ſchaden kann. Dieſe Sache
iſt gar nicht ſchwer ins Werk zu richten. Will man
noch ficherer gehen, und fich nicht vor dem erjten Auf:
wande feheuen, ſo kann man. jeden Getreideboden in
verſchiedene Kaͤſten eintheilen, die ſtark und dichte,
allemal ungefaͤhr zween Schuhe von einander entfer⸗
net, und ſaͤmmtlich, eine gewiſſe Menge Getreide zu
faſſen im Stande ſind. Dieſe Kaͤſten laſſen ſich auf
verſchiedene Arte verfertigen. Allein, was ‚ich da⸗
bey ſchlechterdings nothwendi finde, it diefes, daß
ſie alle von genau jufemmengefügten, gleichen, und
innwendig mit eifernem Bleche befchlagenen eichenen
Bretern ſeyn muͤſſen. Um die Koften zu —2
en
WE Getreide zu erhalten·e a3
| kann man fic desjenigen bedienen, weld)es das
*
V
rl
ne Modell heikt, und im Neiche derfertiget
Wenn ein jeder Kaften frey fteht, und das Getreide‘
ungefähr in Dem einen verdirbt, fo werden die audern
unverfehrt bleiben; und alfo wird man nicht klagen
Fönnen, daß ein ganzer Boden angeſteckt ſey. Noch
mehr, da man unter dieſen Kaͤſten nur einen nn,
dem andern aufthun wird, fo wird man das: Getreide‘
nach dei verfchiedenen Jahrgaͤngen unterfcheiden, und⸗
nach und nad) verzehren fönhen welches an denen
Orten, wo alles unter einander Ttegt, Und nichts abge⸗
ſondert ift, nicht gefchießt. Meines Erachtens muͤßte
diefe Eintheilung der Käften ſich fehr wohl in den’
Kloͤſtern ſchicken wenn man indenfelben eine Gattung
oͤffentlicher Getreideboͤden anlegen wollte. Dieſe
Kaͤſten wuͤrden beſtaͤndig unter den wachſamen Augen
obrigfeitfichet Perfonen, und daher’keine Zerſtreumg
des Getreides zu befürchten, fenn.
Pe
u
In einigen Provinzen hat man eine beſondere Ge⸗
wohnheit, welche ren ift, daß man fie betrachter-
Wenn man "einen Getreidehaufen gemachet Bat, ſo
Befprenger- man deſſelben obere Flaͤche mit ein wenig
Waller, iind Beneget fie fo lange, Die fie eine parte
Rinde bekoͤmmt. Dieſe Arbeit wird‘ viele’ auf ein⸗
ander folgende Tage wiederholet: ſie ſchlaͤgt aber ſel⸗
ten gut aus. Denn ſo bald die Rinde trocken iſty
ſo bald befömmt fie verfchiebene Spalten und Riſſe,
welche denen Eleinen Tierchen, die fich beſtaͤndig bey
dem Getreide aufhalten, einen Eingang verftatten.
‚Diefe Thiere verwaſten um fo’sielmehr, je werde. ·
’
ser fie arbeiten, "und je weniger man ſich ihrer ver⸗
muthet. 66
—* 73 In
Jr ’ :
Arne nerkungen über die Art
ganz Niederbretagne wird: das Getreide auf:
ehr. beſondere Weiſe verwahret. Man ſuchet,
wenn es geſchnitten iſt, einen Plas von ungefähr fünf:
bis- ſechs Schuhen im. Durchmeſſer aus, den man
ſorgfaͤltig reiniget, und mit hoͤlzernen Walzen gleich.
mache. Man nimmt.hierauf die Achren zuſammt
ihren Stengeln, und leget ſie auf dieſem Platze in
Ordnung, giebt aber Acht, daß man die Aehren in
den Mittelpunct hringe. Man leget ſie dergeſtalt
neun bis zehn Schuhe hoch, über einander, und. bes
ſchweret fie zu oberſt mit großen Erdſchollen. Wenn
dbieſe Magazine mit aller gehörigen Sorgfalt verfer⸗
tiget worden ſind, das iſt, wenn man zwiſchen den
Aehren keinen Platz leer gela en, und fie: wohl unter
einander gemenget hat, ſo ‚halten fie ſich drey ganze,
Jahre. So bald ſie aber nur. an einem Drte leiden,
Be Maulwuͤrfe oder ae drein kommen,
bald ftehet — alles.übrige in: Gefahr.
In einigen deutſchen ‚Städten, wo es öffeneliche
Kumplufer giebt, werden, die Garben ganz aufgeho⸗
ben, und in den Scheunen niemals mebr,als.man ver⸗
jehret, abgedrofchen, wenn man bey diefer Weife Ann
Eihaben verfpüret, jo wird er. anders woher **
RöR/inden ſich Res . weit länger, halt.
her Au. yasni! °C
San dem Ungeziefer, welches das Ge |
treide verzehrt , und der Art, es davor
Pi bewahren. - ——
Die Naturkändiger. haben ſehr wohl angemerfer,
baß jedes Ding „‚‚meldes.die Natur, hervor bringt,
em befondern Seinde an geroiffen Thieren habe,
7 welche
N
— —
das Getreide zu erhalten! 205
welche nichts als feinen Untergang füchen.' Dem
Getreide ‚geht. es faft eben ſo. Ein zahlreicher
Schwarm von Ungeziefer Iebet bloß zu feinem Schat . -
den, und’ arbeiter allein an feinen Berderben. > Ein '
Rheil davon: war den Alten unter dem Namen der
Kornwuͤrmer (Curculiones oder Gurguliones) be+
kannt: andere find erft von den Neuern, und beſon⸗
ders von dem: finnreichen Anton Seeumenhoedt, und
dem DBerkaffer feines Auszuges;, Micolaus Hartfoes
ker entdecket worden. Ich will. zu demjenigen, was
ſchon vor mir geſaget worden sone neue An⸗
merkungen fegem co 1’ {
Das gemeinfte in nee Kornböden de
findliche Ungeziefer iſt eine befondere Art Naupen,
die fich manchmal ausbreiten, meiſtens aber inKlume
pen beyſammen hängen. Es iſt ziemlich ſchwer, fie
in dieſem Zuſtande zu uͤberrumpeln, und wenn man fie
Br zu unterſcheiden. Diefe Raupen find die Fleins
ct — — ——
en, die ich kenne; einige haben vierzehen, und andere
- fechzehen Süffe: Ihre Farbe iſt dunkel und ſchwaͤrz⸗
lich· Die gruͤnen find, wenigftens bier zu Sande;
ziemlich felten ; man findet fie aber‘ gemeiniglicher in
EI ar |
den’ Morbländerit, Wenn diefe Raupen ein gewifles
Alter: net — ka zertheilen ſie ein wenig;
* |
3 4 |
Man bat. HR dem Tode des Seren Sartfoeter einen |
J critiſchen Yuszug aus Leeuwenhoecks Briefen ge⸗
— an welchem er lange gearbeitet hatte. Dieſer
in Szug darf niemanden hindern, die Briefe ſelber nüt
Wergnůgen zu leſen, ungeachtet unter einer unzaͤhligen
Menge feltener und merkwuͤrdiger Anmerkungen, viel⸗
„leicht Keiniae unnüge, unuͤberlegie ‚ja gar: falfche; wer:
ir
F
206 Anmerkungen üben die Art /
und kommen unter die. Getreidekoͤrner, wo ſie nur
noch etwas an einander hängen, Hier ſpinnen ſie
eine Art von Seide, ſie machen ſich Schalen, wor⸗
aus endlich Schmetterlinge kommen, die vier Fluͤgel
haben, aber alle ſehr ſchwach ſind, wenig fliegen, und
ſich beſtaͤndig an die Mauern der Scheunen und Bö:
den hängen. Es iſt kaum zu glauben, wie fruchtbar
diefe Schmetterlinge find, und wie viel ſie Ener ha⸗
ben, die wie Trauben an einander haͤngen, und mies
derum, wie gefagef, jandere Raupen hervorbringen.
Man fiehe bier nichts als eine beftändige Zeugung,
und anftatt, daß fie ausfterben follten, vermehren fie
füh von Tag zu Rage m msn...
. Die andere Are von Ungeziefer, welches dem Ger
treide fchader, läßt fich: unter das Gefchlecht der Käs
fer zählen, und machet auf den Böden ein taubes und
unangenehmes Geſumſe. Sie haben ſechs Fuͤße, und
in Anſehung des uͤbrigen Leibes, einen ſehr dicken
Kopf. Aus dieſem Kopfe gehen zwey Hoͤrner her⸗
vor, die wie Scheeren ausſehen, und den Krebsſchee⸗
ren ziemlich aͤhnlich ſind. Nichts iſt leichter, oder
gefraͤßiger, als dieſe Thiere. Sie laufen fo ge
ſchwinde, daß man glauben ſollte, fie flͤgen. Ich,
meines Orts, habe ſehr ſorgfaͤltig auf fie Achtung ger
geben, diefelben aber niemals fich von der Erde erhe⸗
ben, oder die Mauern hinauf Elertern fehen. Einige
haben gefchrieben,, fie I dren Mäuler,, weh
falſch iſt: fie haben nur eines, welches fehr gi
voller Zähne if. „Sie find afcenfarbig, und haben
Kleine: weiße Striche. Was: bey dieſem Ungeziefer
das. merfwürdigfte ift, iſt die Mühe, welche fich das
Weibchen giebt ehe es Eyer a; |
| fe |
dag Getreide zu erhalten? 297
ſchiedene fehr große und faftige Körner; es Höhlet
fiesein wenig aus, um. eine Art einer Wiege zu bes
kommen/ und leget in jedes ein Eys. Das Thier,
voelches ausfriecht, finder fogleich eine Nahrung, wel ⸗
desihm dienlich iſt, und. die es fich micht, felber ver-
ſchaffen koͤnnte. Niemals finden ſich zwey Ener in *
einem Korne, und die Urſache hievon iſt, wie ic)
glaube, dieſe, daß zwey Thiere ſich nicht Darinnemer-
halten oder leben koͤnnten. Der Mutter Vorſicht
koͤmmt alfo ihrer Nothdurft zuvor. ig
Die. dritte Art von Ungeziefer , das, ich wahrges
_ nommen habe, ift’ein fahr beweglicher Wurm ‚bee
aus acht Ringen beſteht. Man würde. feinen Kopf
nicht. unterfeheiden koͤnnen, wenn: nicht. zwey kleine
roͤthliche Hörner, die wie eine Scheere ausſehen, aus
demſelben heraus giengen. Dieſe Hörner können
bohren; und wenn ſie ſich kreuzweiſe uͤber einander
ſchlagen, auch ſchneiden, zwiſchen denſelben ſieht
man einen kleinen Ruͤſſel, aus welchem dieſer Wurm
viele ſehr klare und etwas klebrichte Faden hervor⸗
ringt/ und: ſich Dadurch. an alle umliegende Körper
anhaͤngt, und einen fichern Weg machet. Diefes
Gewebe ift dem Gewebe der Spinnen ziemlich ähn-
kich, und davon bloß in fo, weit unterfchieden, daß die
Spinnen ihre Fäden aus dem Hintern fpinnen. Die,
befagten Würmer leben: nicht ‚über. zwey Monate,
Wenn fie ſterben, fo fpalten fie ſich nad) ihrer voͤlli⸗
gen $änge von einander, und wenn, diefe. ihre erfte
Hülfe welk worden ift, fo koͤmmt eine Fliege mit goͤl⸗
denen Flügeln heraus, die aber weiter nicht felteneg
oder befonderes an ſich hat. | Diefe Fliegen paaren
fih im Fluge, und erzeugen neue Wuͤrmer.
ni a Dieſe
298 Anmerkungen uͤber die Ak
Dieſe dr in, me von Ungeyiefer habe ich auf den
Getreidebe welche ich beſuchen koͤnnen, wahrges
nommen.’ "OH me Zweifel kann es, mac) jedes Landes
Art), Rn unzaͤhlich viele andere geben. Der bes
eühme- Taveernier hat einer ganz befondern Gattung
erwäßner, welche er an verſchiedenen Orten gen ke.
und der Türken gefunden hats u nn, m
Ans der" erftigegebenen Veſchreibung kann 2* —
fehen, was fiir Unordnungen dieſes mannigfaltige Un⸗
geziefer auf einem Boden verurſachen muß. Dasjenige/
welches Hoͤrner wie Zangen oder Scheeren hat, bohret
das dickſte Holz durch, und gruͤbt ſich in alten Mauern
Nefter aus: esfcheuer und“ verfehoner nichts; was
ihm in den Weg koͤmmt. "Viele Handwerker , als
Brodt und’ Dafterenbefer;, : wie auch Rauchwerks⸗
haͤndler, beſchweren ſich Darüber: weil dieſes Unge⸗
ziefer einem Theile der ' bey ihnen brauchbaren Mas
terie ſtark nachgeht. Wenn fie in einen Boden
kommen, fo kommen ſie mit großem Haufen; fein
| Verwahrungsmittel und feine Hinderniß hält fie zu ·
ruͤcke. Sie nagen die Fleine Hilfe, die jedes Getreis
deforn umgiebt, in die Werte an, und freffen es nach⸗
hero in Eile auf. Hiedurch wird der ganze Boden
voller Hülfen, oder grober Schalen, welche endlich
nichts als Kleyen geben, und das gute —— ſo
daß ihm nicht mehr zu Helfen iſt, anſtecken.
Ich habe hieraus zu zwo wichtigen Anmerkungen |
Gelegenheit genommen. Die erſte iſt, daß das in
warmen Laͤndern gewachſene Getreide ſich laͤnger, als
alles andere, Hält, weil die äußere Haut um daſſelbe
eine fehr große Härte befümme. , Diefe Haut wider
ſteht den. —— ln welche das Hattriäs
ah cigſte
J
2
Das Getreide zu erhalten 209 -
cigſte und bewehrtefte Ungeziefer darauf thun mag.
Aus eben Diefem Grunde hält ſich das: alte Getreide,
das ſich fehon gut gehalten hat, moch beffer als das
neue, wenn es Darunter gemifchet wird. Jenes iſt
zu harte und zu trocken; und man kann faum etwas:
davon abfdjneiden. - Diefes hingegen ift viel wei⸗
cher, zarter und: feuchter; es öffnet ſich und giebt
leicht nach. Die andere Anmerkung iſt dieſe: daß,
da eben dieſes Ungeziefer das dickſte Holz durchfrißt
ich fuͤr dienlich achte; die: Getreidekaͤſten mit Blech
zu beſchlagen, und ſie vor einer allzu nahen Gefahr
zu bewahren. Anſtatt des Bleches koͤnnte man ſich
auch des Bleyes bedienen, und fie damit eine oder
anderthalb Linien dicke, ausgießen. Ja ich wollte
dem. Bleye noch den: Vorzug geben, weil es die be=
fondere Eigenfchaft hat, daß es alle — bi man
darein leget, trocken. haͤlt. Inn!
"Was die Raupen beriffe, fo friechen fie. *
hörlich auf den: ‚Getreidehaufen. ‚berumy und. nagen
auf dieſe Weife deffelben Huͤlſen durch, worauf fie es
ſehr begierig durchfreſſen. Allem Anſehen nach laſ⸗
ſen ſie auch einen gewiſſen ſcharfen und brennenden
Saft darauf fliegen; der. dieſe Haut —
und: ſie um ſo viel eher zerfreſſen hilft.
Wenn ſich dieſe Raupen in Schinetterlinge *
Fliegen verwandelt haben, ſo ſcheinen ſie in keinem
beſonders gefährlichen Zuſtande zu ſeyn. Denn ſie
genießen waͤhrend deſſelben wirklich nichts. „Allein,
da dieſes die Zeit iſt, in welcher fie fich paaren, ſo
bringen ſie bald eine neue Zucht hervor; fie legen
ungählich; viele Ener, die nachhero ausfriechen. Des:
— man am EM wenn. man ſie zu ker;
tt eit
300 Anmerkungen uͤber die Ant
Zeit verfölgerzund ausrottet. Ich habe hierzu gen
Mittel gefunden, die man für gewiß und untruͤglich
achten kann. Das erfte iſt, daß man auf allen Boͤ⸗
den die Mauern mit Kalfe, den man erft recht durch»
gearbeitet hat, überftreiche, und darnach mit ftarfen
DBürften(brofles) von Zeit zu Zeit abreibe.⸗ Man
kann ſich dergleichen Buͤrſten mit wenigen Koſten
leichtlich aus Holland bringen laſſen. Dieſe geringe
Vorſicht wird verhindern, daß ſich die Schmerter-
linge nicht Daran anhängen‘, oder mit einander paa⸗
ren. Denn es ift bekannt, daß fie diefes niemals
ebun;. wenn ſie nicht flilte figen und Ruhe haben.
Wie Cato und Columella erzählen, | fo rieben die Als»
ten eben diefe Mauern mit dem: Salze vom Dele,
und einer dazu gerruahben Erde⸗ zu WEN i
tenmalen abi) |
Das Wweyte Mittel if, fe man auf jedem Bo⸗
den vier füpferne Lampen imgleicher Weite von ein.
ander aufhaͤnget, und im jeder alle vier Wochen ge«
ſchwefelte Techten brennet: Der Geruch undKRauh
dieſer Tochten wird unfehlbar alle Käfer und Flie⸗
gen ‚> womitder Boden’angeftecker ift, umbringen.
Mur muß man vorher i in Acht nehmen, daß man das.
Getreide, es mag in Koͤſten eingefchloffen ſeyn/ oder
in Haufen: auf den Dielen aufgefchütten liegen, mit
hölzernen Schaufeln zu unterft und zuioberft wende
und herum arbeite, und hierauf Thüren und Fenſter
verfchließe, Damit fi ich der Rauch nicht aus dem Bo⸗
den hinaus ziehe. Im Falle, der Noth kann man
diefes Näuchern auch öfters wiederholen, und man
wird jederzeit fpüren, was esifür Nutzen und Vor⸗
theil bringe, Ueberhauet iſt dem Ungeziefer pa
1275 mer.
-
ſuch Le
mehr, a und zu dig RER: FERTERE
beförderlicher, als angebrennter Schwefel) Die Er-
fahrungen Davon. hat man überall auf dem Lande, an
Orten, wo jerfallenes Mauerwork und Schutt liegt,
und in den Spitälern, welche die Unfauberfeit nody
beträbter und efelhafter macher, als die verſchiede⸗
nen Krankheiten, welchen man barinnen abgußeifen
vv.
Lnterfuchung en innern —
—— Gerſten⸗ und andern Getreide⸗
| koͤrner.
"ag fehmeichle mir, daß man doojenige was ich
bisher von der Art, das Getreide zu erhalten, geſaget
habe, ohne Muͤhe gefaßt haben wird. Die Yusüs
bung davon wird weder lang, noch ſchwer, noch koſt⸗
bar ſeyn. Allein, da mir dieſe Sache ſehr wichtig
ſcheint, und überbieß den beften Naturfündigern etwas
unbekannt ift, ſo will ich fie mit einigen noch) gründs
lichern Anmerkungen betätigen : jedoch olles fo ab» _
handeln, daß man aud, mit einer halben Auf
merkfamfeit wird ‚einigen. Nusen daraus fchöpfen
Fönnen. Ä
Es find an — Weizen. Rocken⸗ Gerſten und Ha⸗
a drey Dinge zu betrachten: 1) Die Hülfeund
aͤußere Schale, melche nach der Verſchiedenheit der
—
Jahre, und noch mehr der Laͤnder, worinnen es waͤchſt,
haͤrter oder weicher, dicker oder duͤnner iſt; 2) der
Keim, welcher in dem Korne ſtecket, und die Pflanze
im Kleinen vorſtellet; 3) die mehlichte Materie,
welche dieſen Keim umgiebt, und zu deſſen Wachs»
thume
zoe Anmerfungenüber Die Art
thume und Mahrung dienen muß. Alles dieſes ins
beſondere betrachtet, enehäte unendlich vie Merkroürs
—
diges und zeuget von dem der alles gemacht dat,
und‘ in‘ feinen Werken munderbär iſt —
I wirt nicht von. dem Sirohe veden, as dem y
Sen dem Rocken, der Gerfte und dem Haber
zum Stamme Dienet. Allein, wie alle berühmte
Kraͤuterkenner, die felber durch diefes Wunderwerk
gerühret werden, CH jo iſt nichts. kuͤnſtlichers
ausgearbeitet/ oder weislicher eingerichtet. Denn
erſtlich befoͤrdert die Hohe des Halmes die Zeitigung
ſtufenweiſe, und laͤutert den Nahrungsſaft, der ſo
verduͤnnet werden muß daß er nichts, mehr „als eine
Art eines Rauches iſt; gleichwie die Duͤnne deſſel⸗
ben verhindert, daß dieſer Saft, wenn er einmal in
die Pflanze gekommen iſt, nicht ausdunften, oder ver⸗
dorben werben kann. Zum andern dienet die Eiit
richtung diefes Stammes, der rund und hohl iſt,
dazu, daß er feiter, dauerhafter ı und fehrverer zu zer⸗
brechen wird, und giebe ihm zugleich die nöthige
Stärke, damif er nicht unfer dem’ Gewichte der Aehre,
fo groß eg feyn mag, erliegen darf. Endlich) fü " die
Knoten am all BIER. eine EC einer
Siebe, —
* Gebt OR Bott die Ehre: “feine Werke find volle
Eommen, und alle feine Wege gerecht. Der Bau
der Natur iſt unferer Aufmerkſamkeit gedoppelt wuͤr⸗
dig; weil alle einzelne Theile derfelben, ſowohl für fich
betrachtet, an Schönheiten umerfchöpflich, als auch,
alle zufammengenommen, deutlich auf einen einzigen
Endzweck gerichtet find, welches den —
und — Anblick ee
yo.
das Getreide zu erhaltene: 303
Bit, wh die weſentlichen Theile des Saftes, der
die Aehre ſteigen, und zu deſſen Nahrung *
— —— und * mac. gasıta chin |
ch RN
1 Gnl 7°% a
N sitze? sh 43? nach
Die Hilfe * —— ‚Hau: ſcheint in allen PR
tensoon Getreide sdazungemächer zu ſeyn, daß ſie den
Keim bewahre, und vor allen aͤußerlichen Zufaͤllen
vertheidigeJe einfaͤltiger dieſer Endzweck ſcheint,
jemehr iſt er der weiſen Haushaltung der Natur ge⸗
maͤh· Die Huͤlſe beſteht aus zween heilen ‚die,
wenn fie aus einander gegangen find ‚.fich wiederum
zuſammen begeben; aber fich «gleichwohl wicht. mehr
fo genau fehließen-fönnen; daß fiiniche eine Art einer
Marbe; welche: einige die Furche (Sillon) nennen,
hinterlaffen ſollten, Will man diefes ſelber mit Aus
gen ſehen, fo darf man. nur ein Gerſten⸗ oder Haber.
korn in ſiedendes Oel werfen. Man ſiehet bald, wie
es weicher und um ein merkliches dicker wird, nah»
dem ſich dieſe zwey Blätter, oder zween heile der
Hülfe, aus einander begeben, und zu trennen fuchen.
| Eben: diefes gefchieht in der Erde, wo diefe Körner
von einer: gelinden. Wärme und fal sigten Feuchtigkeit
ermeichet tverden, welche die Hülfe überall durchdrin⸗
gen, und eine innerliche. Säurung verurſachen, Die
der Säurung eines Teiges aͤhnlich iſt. Dieſe Saͤu⸗
rung iſt hinlaͤnglich, die innern Theile der Pflanze zu
eröffnen, und alles, mas fie zuſammen hält, ‚los zu
machen. Ein neuer Beweis von dem, was id) hier
ſage, läßt fich an dem Geflügel, als Tauben, Hinern,
wälfchen Hünern und zahmen Rebhünern ſehen. Als
kes dieſes Geflügel naͤhret fich faſt allein. von Getrei⸗
de, und ſchlucket es begierig hinunter, ohne es vorher
uu
304 Anmerkungen über Die Art i
zu fauen, ddee mit dem Schnabel zu jecbeißen. Diefe
Körner kommen ganz in den ſogenannten Votmagen,
wo fie durch einen gewiffen Saft / welchen die daſelbſi
befindlichen Druͤſen von ſich geben, befeuchtet und er⸗
weichet werden Sie gehen hierauf) in’ den eigentli⸗
chen/ oder nervichten Magen,und werden daſelbſt
durch kleine Erſchuͤtterungen uͤnd wiederholte Stoͤße
vollend aufgeloͤſet. Ihre Huͤlſen trennen ſich in zween
Theile, und laſſen die dieſen Vogeln dienliche Nah⸗
rung herauslaufen, ohne Ban Annie u bey⸗
en fönnen.. iR anna un * Kur
Der Keim iſt bijernige, was in jeberPpflange einer
* faͤhig iſt; er iſt / wiewohl unvollkommen,
und ſo zu ſagen, im Kleinen die Pflanze ſelbſt, mit
allem demjenigen, was zu ihr gehoͤret / und ſie vor an⸗
dern Dingen kenntlich machet. Dieſer Keim iſt mit
demjenigen, mas ich die mehlichte Materie nenne, um⸗
geben; und dieſe beſteht aus unendlich vielen kleinen,
weißen und durchſichtigen Koͤrpern/ die beynahe wie
Kugeln ausfehen: "Man kann fie nicht anders, als
durch ein gutes Bergrößerungsglas fehen, und'miß
noch dazu das Korn recht gefchickt zerfchneiden. "Wenn
diefe Fleinen Kugeln durd) die Wärme der Erde in
Bewegung gebracht werden, fo fchleichen fie fich in die
Zwiſchenraͤume bes Keimes ein, breiten ihre Theile
allmählich weiter aus, und nähren ihn fo Tange, bis er
Wurzeln treibt, die den Saft der Erde an fich ziehen
Eönnen. Sie machen aber auch daß das Korn ause
wächft, wenn es unordentlich auf den Boden geſchauet
wird, und anfängt warm zu werden.
Wenn das: Getreide gemahlen wird, fo chellen fi 6
* Kugeln, weil fie ————— unendlich oft,
Bram
\
i das Getreide zu erhalten. 305
und geben das, was wir Mehl nennen, Die Keime
find nicht ſo weiß und durchſichtig, und geben alſo,
wenn ſie in die Muͤhle kommen, den klaren Gries,
welcher, dem Brodte Geſchmack und Kraft zu geben,
ſchlechterdings noͤthig iſt. Denn, es bemuͤhen ſich
alle dieſe Keime, ungeachtet fie zerſtuͤcket und in uns
endlich Eleine Theile vermandele find, noch beftändig,
wiederum rege zu werden und in Bewegung zu kom⸗
men; fie machen auch allein, daß der Teig fauer wird,
und das Brodt in die Höhe geht. Sie haben aber
auch auf der andern Seite ein natürliches Beftreben,
ſich von einander abzulöfen, und durch ihre Bewegung
die Faͤulniß zu verurfachen. |
Eine Erfahrung, welche in dieſem Falle entſchei⸗
dend ift, iſt dieſes, daß, wenn man Mehl am Ofen
trocknet, und hernach in Tonnen verwahret, die eben⸗
falls am Ofen getrocknet worden, ſich dieſes Mehl viele
Jahre nach einander halten kann, ohne daß man eine
Verſchlimmerung oder Verderbniß dabey beſorgen
darf. Allein, man mag auch noch ſo viele Sorgfalt an⸗
wenden, ſo iſt es unmoͤglich, ein Brodt daraus zu ba⸗
een, das indie Höhe gegangen iſt. Die Urſache, wel⸗
che die -Handiwerfsleute davon: ‚angeben, ift diefe, daß
auf gedachte Weife alle Keime getoͤdtet worden find,
Eben fo ift das Getreide, welches man aflzulange in
trockene Orte, wohin Feine Luft koͤmmt, eingefchloffen
bat, zwar vor allem Verderben ſicher: allein, zum Uns
gluͤcke, bleibt das daraus gemachte Mehl, wenn es nicht
mit anderm vermifchet wird, ohne geben. Kurz, Die
Keime find dem Getreide, das man aufheben will, fo
wohl ſchaͤdlich, als nuͤtzlich; fie fcheinen die erften Triebe
— ganzen Raͤderwerkes der Natur zu J—
* Band. u V. Ans
306 Anmerfungen — —
—VV—— * — *
Anmerkungen ‚über das im Mehle
‚befindliche Ungeziefer.
‚. Als. eine igabe muß ich hier beyfuͤgen, daß niche
allein das Gerreide, fondern aud) das Mehl, fein be»
ſonderes Ungeziefer hat. Dieſes Ungeziefer iſt ſehr
klein, es beweget ſich muͤhſam, und huͤpfet mehr, als
daß es laufen ſollte. Es hat laͤnglichte Koͤpfe, die
ſich, wie ein großer Bohrer, zufammenfpigen. Statt
der Zähne hat es Fleine Stacheln, Die aus dem Maule
hervorgehen, und ihn, ſich eine geſchickte Nahrung
zu bereiten, dienlich find. Was ich an dieſem Unger
ziefer beſonders finde, iſt dieſes, daß es mit dem Mehle,
worinnen es entſteht und ſein Leben zubringt, einerlen
Farbe hat; und eben deswegen nicht leicht wahrzu⸗
nehmen if. Es erfordert dieſes viele Aufmerkſam⸗
keit, und ſolche Augen, die nicht ein jeder hat.
Dergeftalt nimmt;vielerley anderes Ungeziefer die
Farbe der Orte an, in welchen es lebet, und der Koͤr⸗
per, an welche es ſich anhaͤngt; oder, eigentlich zu reden,
es lebet in feinem andern Orte, und hängt fich an kei⸗
nen andern Körper, als gerade an denjenigen, der mit
ihm: einerley Farbe hat. Dergleichen thun die mei⸗
ſten gruͤnen Raupen, die, nach Beſchaffenheit der
Baͤume und Pflanzen, wovon ſie ſich naͤhren, und
worauf ſie ſich aufhalten, hell, oder, dunkelgruͤn ſind.
Es ſcheint, als ſagte ihm ein beſonderer Trieb, daß es
hier _ficherer feyn, nicht fo. leicht erfannt, und, fo zu
fagen, feiner Larve beraubet werden ſollte.
=. Das Mehl, welches aus England koͤmmt, ift viel
echt das meißefte in der Welt: .. die —
Segel e
| das Getreide zu erhalten. 307
welche es ingroßer Menge erzeuget, find ebenfalls weiß,
Diefes haben ſchon die englifchen Naturfündiger, und
unter andern Thomas Mouffere, und der berühmte
Johann Ray, angemerket. Beyde nennen dieſes Un⸗
geziefer Motten (Teredines), oder Mehlwuͤrmer
(Vermes farinarii), und erinnern, daß man fie bald
voller geben und hart anzufühlen, bald aber fehr weich
undfaft ohnedie geringfte Bewegung finde, : Meineg
Grachtens zeiget diefes ihren abwechſelnden Zuſtand,
die Zeit ihrer Geſundheit und Krankheit an. Unſer
Mehl iſt uͤberhaupt viel ſchwaͤrzer, als das engliſche;
man nimmt alſo wahr, Daß die darinnen ziemlich ge⸗
fchwinde wachfenden Würmer eben dieſe Farbe bes
kommen, und den aufmerkfamften Augen entgehen,
So viel laßt ſich gewiß und überhaupt verfichern, daß
alles Mehl, welches feucht geworden, und moderiche
und ſchimmlicht viecht, „anfängt voll Würmer zu wer⸗
den. Dieſer Geruch iſt ein untrügliches Anzeigen,
—— man ſich gar keines Irrthums befuͤrchten
Minius, der Naturkuͤndiger, hat ebenfalls ange.
merket, daß ehehin kein Getreide ſchwerer geweſen ſey,
oder weißeres Mehl gegeben babe, als das italieni-
fhe:* Man bat, faget er, Italien wegen feines
weißen Mehls glücklich gefchäzer. —
Wenn gleich übrigens dag engliſche Mehl weißer,
als das unſrige iſt, fo ift doch das daraus gebadene
Brodt desivegen nicht beffer. Es zerfällt leicht, und
bleibt niche feft beyfammen: wird es alt und troden,
fo ift es wie Kreide. Es ift Teiche zu erachten, wie
ae yaais 2 uu —beſchwek·
€ Et Kortunatam Italiam frumento canere candido,
308 Anmerkungen über die Mt
beſchwerlich dieſes bey dem taͤglichen Sebrauche ſeyn
muß, beſonders auf dem Lande, wo es oft an friſchem
Brodte fehlet, und die Wirthſchaft erfordert, daß man
allezeit ein Gebaͤcke altes habe, wenn man ſich mit fri⸗
ſchem verſehen will. Selber in Frankreich hat nicht
jedes Mehl gleiche Schwere oder Güte, fondern iſt dare
innen. nach den Provinzen unterſchieden. Das befte
Brodt, das man effen kann, iſt dasjenige, welches in
Paris und der umliegenden Gegend gebacken wird?
felber: die Ausländer, die fo verſchiedenen Geſchmack
haben, bekennen diefes, Allein, dieſes ruͤhret nicht ſo
wohl von der Beſchaffenheit des Mehles, welches von
allen Orten dahin gebracht wird, als vielmehr von dem
Waſſer und dem Backwerke ber. Die Haupeftade
bat: ordentlich die beten Handwerksleute, und dieſe
Handwerfsleute werden noch dazu durch die Gewinn⸗
ſucht angereizet, und ſuchen, es einandet’jubor‘ zu thun.
Ueberhaupt muß man, dem erſten Anblicke nach, dem
Mehle aus ver Picardie den Vorzug geben, weil es
dem engliſchen ſehr nahe koͤmmt: es nimmt aber nach
etlichen Tagen, ich weiß nicht was fuͤr ein trockenes
und mageres Weſen an, das keinen rechten Teig dar⸗
aus werden laͤßt. Will man es alſo mit Mutzen ge⸗
brauchen, und in einen Zuſammenhang bringen, ſo muß
man es mit eben fo viel anderm vermengen. Au
verfchiedenen Erfahrungen, die ich in diefer Sache ge⸗
habt habe, habe ich gefunden, daß fih das Mehl aus
Bretagne hiezu vollfommen ſchicket, und das Brodf
gefünder, und am Geſchmacke angenehmer macht.
Allein, beydes hält fich nicht lange, und das daraus
gebackene Brodt läßt fich, wenn es alt — auch
nicht noch einmal backen. Be
Wenn
>.
.
das Getreide zu erhalteit: 309
+ Wenn man Mehl ſuchet, welches ſich aufheben laͤßt,
— —* wobey man gar Feine Furcht oder Mistrauen bes
gen darf, fo muß man es erſtlich in Öuienne, in der
Gegend um Nerac ſuchen. Zweytens in der Land⸗
ſchaft Aunix, wo zu merken iſt, daß man recht trocke⸗
nes und gutes ausfuche. Drittens in der Norman⸗
die, und, um den Handel bequemer zu machen, zu
Havre, oder zu Cherboury. Diefe Arten von Mehl
haben vor andern den Vorzug, daß fie fi) über die
See führen laffen, und die falzichte Luft, welche dafelbft
ausgehauchet wird, und andere gebensmittel verderbet,
nicht anziehen. Deswegen wird auch, fowohl in un
fern, als den englifchen Pflanzitadten, ſtark damit ge
handelt, und weder Geld noch Mühe gefparet, deflelz
ben vor allen andern habhaft zu werden. Nur ift
guf, wenn man merket, daß faft alles Mehl aus der
Mormandie nicht gebeutele iſt. Es iſt daher anfang»
lich etwas rauh: allein, man gewohnet es bald. Die
Natur hat weislich gewollt, daß die Menſchen mit
einander handeln, und einander wechſelsweiſe helfen
follen, Weil aber Ehrgeiz und Gewinnfucht, die an
neuen Erfindungen fehr fruchtbar find, fich vereinis
‚gen, und das nämliche fand aller Darinnen gewachſe⸗
‚nen Sebensmittel berauben würden; fo hat fie eben.
falls gewollt, daß man einige derfelben ihrer Natur
nach nothwendig auf der Stelle verzehren muß, und
mit leichter Muͤhe ausfuͤhren kann. |
\ ee EURO re END
u 3 IV. Com-
30 Abhandlungen der Goͤtting.
a a a *
‚ Commentarii ° J—
Societ. Reg. ‚Sc. ‚Gotting. Tomus n. ad ann.
1752. Gottingae ap. Vid. ‚Vandenhoekii. .
1733,
| Abhandiungen
der Goͤtting. Koͤnigl. Gefellf. der 8. "2
auf das Jahr — —
Goͤttingen, bey Bandenhöts Witwe TR
2 Alph. 83. 15 RE
uerft werden verfchiedene genannt, sel *
der Geſellſchaft aufgenommen worden. Sir
Hans Sloane und der Herr Reichshofrath,
Heinric) Chriſt. Freyherr von Senkenberg, find zu
auswärtigen Mitgliedern erwählet worden, der erſte
aber iſt den ı1 Jenner 1752 geftorben. Herr Dr. Joh.
Gottfried Zinn, Prof. Ertr. der Medicin zu Göttin
gen, ift zum außerordentlichen Mitglie +3 der phyſi⸗
ſchen Elaffe erwählet worden. Bisherige Zuhörer
und nunmehrige Correfpondenten der Gefellfchaft
find die Herren, Joh. Friedrich) Camerer, M. Sa:
muel Luther Geret, Dr. jonas Sidren, M. Balthafar
Sprenger und Dr. Joh. David Hahn. Von aus»
mwärtigen find zu Correfpondenten ernennet worden,
Herr Dr. oh. Philipp Lorenʒ Withoff, D. Ge. Chriſt.
Oeder,
Koͤnial Geſ. der WW: zu
Oeder, Chriſtlob Mylius, Dr. Joh. Caſtiglione und
Ih ‚Peter Rathiem.»
Die erfteiunter.den. Abhandlungen iſt Heren J
Sees‘ Socrates Sanctus paederafta. Don dem .
Vorwurfe diefes es Laſters, den einige dem Sokrates
gemacht haben, Befrenet ihn zufanglicy das Still⸗
ſchweigen folcher Feinde, die richts würden verfchwie,
gen haben, was ſie vom Sokrates fhändliches gewußt
haͤtten, als des Anytus und Melitus feiner Anfläger,
des Ariſtophanes. Marimus Tyrius hat fchon die
Belchuldigungen der Alten beantwortet, und Herrn
Geſnern veranlaſſet zu gegenmärtiger Unterfuchung,
bloß einiger neuern Wiederholung! derfelben. Dia
tons Gefpräche, aus welchen man die nieiften Grün-
de dazu hernimmt, mird von wenigen heut zu Tage
in der Grundſprache gelefen, die die Schreibarr und
“einiger Stellen Tieffinnigfeit davon abfchrecfen, auf
die bisherigen Ueberfegungen aber, darf man fid) gar
nicht verlafſen. Es handelt zwar von der Siebe aber
auf feine ftrafbare Art, da Sokrates dem Hippotha⸗
les weifet, wenn er vom Lyſides geliebet ſeyn wolle,
fo müffe er dem Knaben nicht ſchmeicheln, dadurch er
ihn nur fol, machen würde, fondern ihm vielmehr
feine, Fehler zeigen. Daß Date denen, die. er Ge⸗
ſpraͤche Halten-laffen, und befenders dem Sofrates
viel erdichtete Dinge in der Mund gelegt, ift ausges
macht. Herr Gaerzaͤhlet den Inhalt des Gefpräs
ches ausführlih, und handele bey einer gegebenen
Beranlaffıng von verfchiedenem, was die Alten, die
- Phpfiognomie betreffend geglauber haben. Er zeis
get darauf, daß es bey den Griechen eine untadels
Hafte und felbft lobenswuͤrdige Knabenliebe gegeben,
Ua Durch.
* Abhandlungen der Goͤtting.
durch welche junge Leute, vermoͤge der Begierde zu
gefallen, zu Tugenden, und befonderg zur Tapferkeit ,
üm Kriege angetrieben worden. Darauf jeiget Here
G. daß in Platons Gaſimahle Sokrates durch des
Aleibiades eigene Erzaͤhlumg vollkommen gerechtfer⸗
tiget werde, und aus Kenophons Gaſtmahle läßt ſich
eben fo wenig eine Beſchuldigung dieſer Art heraus»
Bringen. Ob Sofrates zwey Weiber gehabt habe,
laͤßt fih nicht mit Gewißheit ausmachen, wofern es
aber geſchehen iſt, bat er feinen Vorwurf desivegen
verdienet, weil die. Athenienfer, um diefe Zeit fol -
ches zur Bevoͤlkerung ihres durch Kriege erſchopſten
| landes verſtattet hatten.
Als ein Zuſatz zu einer Stelle dieſer Abhandlung,
wo des Sofrates Geftalt mit einem Eſel verglichen
wird‘, iſt eine Sammlung der Stellen, welche die
Hochachtung der Alten für die Efel zeigen, corollarium
de antiqua afinorum honeflate,bengefügt, h
Herr Profeffor Michaelis handele von dem Were
the des jüdifchen Sefels vor der babylonifchen Ge
fängniß. Herr M. hat außerordentliche Mühe und
Gelehrſamkeit angewandt, mehr die Irrthuͤmer hier-
innen. zu twiberlegen, als. etwas Zuverläßiges heraus
zu bringen, ‚Seine Gedanken find geweſen, den
Werth des jüdifchen Sekels, durch die Bergleichung
- mit Gewichten, durch die Schägung der Sachen, die
dafür. haben koͤnnen gekauft werden u. ſ. w. auszur
| machen, und dieſes führe ihn in eine Menge und
Mannichfaltigkeit von Unterfuchungen. Bey Gele»
genheit desjenigen, was David dem Salome zum
Tempelbaue hinterlaffen, und um die Größe diefer
Summe glaubwürdig zu machen, die der gr
er
I
Al
Koͤnigl. Geſ der Wiſſ u B313
der der Phönizier in Syrien, der Syrer, und. der Ara
ber konnte zufanımen gebracht haben, wird. der-Keich-
thum der Harzbergwerke angegeben, aus denen jährlich
möhrals g0000 Mark Silber kommen. Das Gewichte
von Goliaths Panzer, welches Sam. XVII 5.5000
Sekel Erztes angegeben wird, hat Herr M. auch
vorgenommen. Der Zuſatz: Erztes, zeigt an, daß
der Panzer noch aus. anderer Materie beſtanden;
vermuthlich aus Leinewad, die mit ehernen DR
pen überlegt: war, mehr durch derfeiben Glaͤtte die
Stoͤße und Schüffe abglitfchen zu machen, als folchen
felbft zu: widerftehen ‚:welches legtere Amt der Seine-
tem: Leder gemacht waren. ) Iphikrates und Galba
hatten, wie Cornelius Mepos und Sueten erwähnen,
feinene, und daß die Hebräer dergleichen auch gefühs
vet; erhellet aus 2 B. Mof. XXVIII, 32. In dem
benachbarten Aegypten, dem Vaterlande der Phili,
fter ,) waren die: leinenen Panzer ſehr gebräuchlich.
(Plin H.N.L. XVII 2. Herodat. L. I. c. 47.)
Man fieht hieraus, daß dev Sefet nicht, wie viele
gläuben, für den alerandrinifchen, oder fir die römi-
fche Halbe Unze kann angenommen werden. Clericus
Körper nicht zu viel, und müffe auch fo groß feyn,
wenn die Schuppen hätten ſtark genug, feyn follen,
den Niefen zu fhügen; aber er bedenke nicht, daß die
Stoͤße auszuhalten, die leinene Bedeckung genug war,
wie das ſchon angeführte Benfpiel des Galba beym
Sueton zeige, ben welcher Stelle man des Pitifcus
Br U 5 a Ans
y.
—
wand uͤberlaſſen war. Tacitus, Hiſt. L. I. c. 79. er-
waͤhnt Panzer barbariſcher Voͤlker, die aus ſehr har⸗
glaubet zwar, dieſes Gewichte ſey fuͤr einen ſo großen
314 Mhandlirtgern der Goͤtting
Anmerkungen dieſerwegen nachzuleſen bat. Daß
dieſe leinene Bedeckung eine große Laſt muͤſſe gehabt
haben, exhellet daraus, weil Die Aegyptier dergleichen
Panzer hatten, wo jeder Faden aus 365 andern Faͤ⸗
den beſtand, wie Herodot und Plin. ara, O. bezeu⸗
gen; ſetzet man zu dieſem Gewichte 250 Pf. Troy»
geivichte, (fo.viel betragen 5690 Sefel nady den Ge:
danken derer, die den alerardvinifchen.bier: verfichen,)
oder 224% Pf. cöllnifch, ſo muͤßte diefe Laſt, mebft
den übrigen Waffen, auch einen. Riefen zu Boden
gedrückt ‚Haben. Man muß dabey noch uͤberlegen,
daß dieſe 250 Pf. bey weiten nicht den ganzen Koͤrper
zu bedecken wären angewandt worden. Der Ruͤcken
war ben einen Soldaten, der ſtehen, und nicht wie Die
Parther fliebend fechten ſollte/ wohl unbedeckt, auch
die Fuͤße hatten eine andere Beſchirmung: Alſo be⸗
deckte der "Panet kaum i11 rheiniſche Quadratſuß,
welches folgendergeſtalt berechnet wird. Bey dem
fechgelfichten Niefen Eonnte wohl die Singen zwiſchen
dem Halſe und den Füßen kaum mehr als 2 Ellen
betragen, welches 3 rheiniſche Fuß und 7, 776 Zoll
beträgt. Man feße fie 4 Zuß ; den Körper vome
zu bedecken, war eine Breite von 3 Fuß genug. So
bekoͤmmt die Flaͤche des Panzers 12 Duadearfuf; und
wird ein wenig unter ır haben, wenn man die fänge
niche völlig 4 Fuß rechner, -Mimme man alfo diefe
Flaͤche 12%. an, fo kann man nod) was abrechnen.
Nun machen * Pf. coͤllniſch Eiſen einen Cubikfuß;
alſo geben 2245Pf. einen gedierten Fuß Eifen mie °
einer Dicke von 5 Zollund 10438 Lin. rheinl. Beträge
5 die Flaͤche des Panzers joöl Suadrarfuß, fo iſt ar
Die
N
König GE DEETNB. a7
Dice je) weh der angegebenen, oder 5332 tinien, al:
lemal die'von den alerandrinifchen Doflmerfchern und
allen Ilden angene mmene Grꝛoͤße des Sekels voraus.
geſetzet mian laſſe weil fich das Eifer ſammen ⸗
ſchmieden laͤßt, 94— Bruch, ob er gleich faſt ein gan
Fes beträgt, abgehen⸗ fo bleibt noch eine fo ungeheure :
Dice übrig, daß unfere Euiraffe, die dach fo gar
— aushalten, | "nie den fünften Teil davon has
- Herr M. Hab fich diefermegen in einer Gewehr:
eier erkundigen laffen, und Die Nachricht erhalten,
die Euiraffe machten das Mittel von einem ſtarken
und kleinern Mefferrüden aus, "und liefen an dei
Seiten dünner zu. > Er hat auchdürd) des Herrn
von Haller Vorſchub, Maͤaße von bernifchen Harni-
ſchen bekommen /da denn der alten Dicke drittehalbe
Pariſerlinien, der neuern eine iſt befunden worden ;
bekanntermaßen aber haben die Schweizer die für
ften Harnifche gefuͤhret. Das Erzt an Goliaths
- Danzer ift. vermurhlich noch dünner als bey unſern
Cuiraßirern geweſen, da es uͤber Leinwand gezogen
war, und nur Pfeifen und Degen widerſtehen durfte;
und eine halbe Linie dicke ift, vermuthlich für diefe
über die Leinwad gelegte Schuppen genug geweſen.
alſo ift der Sekel, nach welchem Goliachs Panzer
angegeben wird, gerviß Fleiner als der 'alerandrinifche
geweſen. Eben ſo wenig kann man die Spitze an
Goliaths Spieße ı Sam. XVI, 7. und an eines am
dern Kiefen feinen 2 Sam. XXI, 16. Darnach rech -
nen, da die erfte zo Pf. Troy gewogen, oder 24% coͤlln.
wuͤrde eine Laſt, die auch von einem Rieſen am Ende
eines langen Spießes nicht zu regieren iſt. Aus die
jer Probe wird man fehen, wie torgralkig, mühfam
und |
as ¶ Abhandlungen den @deting-
und zugleich ſcharfſinnig Herrn M. Unterſuchungen
ſind, zugleich aber, wie lehrreich und angenehm ſie
ihren. Mannichfaltigfeit wegen auch für. Leſer ‚feyn
fönneir, Die fich fonft eben night für, verbunden achte ⸗
gen, von der Hauptſache genaue Kenntniß zu. haben,
- So aut als ſich bey ſo vielen Schwierigkeiten etwas
ausmachen läßt, thut ex folgendes dar: Der Sekel
iſt dreyfach geweſen 5. Denskömigliche 25, der römi
ſchen Unze, der mofaifhe,zi@gfalben, und der Kaufe
mannsfefel;, der ungefähr mit dem habyloniſchen Siglo
oder Greſſo uͤbereinſtimmet, augicher. 4 der-Lnze ge;
weſen iſt. Die Gera, der zwanzigſte Theil des mo-
ſaiſchen Sekels war eigentlich eine Meermuſchel, der
ſich die Alten an Geldes ſtatt bedienet haben..
Der Herr von Haller handelt von den Theilen des
menſchlichen Körpers; welche fuͤr den Reiz empfindlich
finde Dieſe Abhandlung iſt ſo voll neuer und. wich»
tiger Verſuche, daß ſie verdienet, ganz deutſch geleſen
zu werden, und dieſerwegen wird. bier Feine weitlaͤuf⸗
tigere Anzeige von ihr getha.
Herr Tobias Mayer unterſuchet die Parallaxe des
Mondes, und deſſelben Entfernung von der Erde.
Er ſetzet, der Mond bewege ſich in der Flaͤche des
Aequators um die Erde, welches man annehmen darf,
weil er davon nicht. viel abweicht. Nun weiß man
aus den Beobachtungen die. Berhältniß des Durd)»
meffers vom Hequator zur, Are der Erde, imgleichen
die fänge des Secundenpenduls unter dem Aequator,
und alfo die Stärfe der, Schwere dafelbft, und folg-
lich die Stärferder Schwere in der Gegend, wo der
Mond um die Erde geht, deffen mittlere Weite bier
fo, wie man mit unbefannten Groͤßen in a 4
Rech⸗
*
Konigl Geſſ der HWTUBN 307
Rechnungen verfährt, aebraucher wird. Die Perio⸗
de des Mondes um die Erde, dei. die Zeit eines Mos
nates, iſt auch befannt, und wenn man dazu ven Lehr⸗
ſatz nimmt, daß ſich die Eentralfraft verfehrt, wie Die
Quadrate der periodifchen Zeiten mit den Halbmef- |
ſern der Kreiſe dividirt verhalten, fo erhält man eine
Gleihung, aus der Herr M. endlich nach-vollführ,
rer Rechnung und We gwerfung zu kleiner Glieder,
die Weite des Mondes von der Ede = 59, 89 7
(1 in) finder, wo die Ziffern ſich auf den Dan
meſſer der Erde, als die Einheit beziehen, und r:
Die Verhaͤltniß der Maſſe der Erde zur Maſſe *
Mondes iſt. Dieſe Weite kann alſo nicht kleiner
werden, als 59, 89 des Halbmeſſers der Erde, denn
ſo groß iſt ſie noch, wenn die Maſſe des Mondes gar
nichts ift, oder welches eben das’ ‚giebt, wenn der
Mond feine anziehende Kraft befist. "Diejenigen
alfo, weiche läugnen, daß die Erde gegen den Mond
ſchwer fen, wie der Mond gegen fie ſchwer iſt, Haben
bier’ ein Mittel, ihre Meynung, welche fonft durch
Feine Erfcheinung unterfiüget wird, um etwas wahr
ſcheinlich zu machen , wenn fie darthum koͤnnen, daß
die Weite des Mondes von der Erde nur 59, 89
Halbmeffer der Erde uͤbertreffe. Aber der neuern
Sternforfcher Beobachtungen, geben Anlaß, fie für
größer zu halten, und die Hypotheſe, der gegenfeitis
gen Schwere ftimmt mit allen Erſcheinungen übers
ein. "Herr Mayer nimmt mit Heren Dan. Ber
. nouilli an, die Maſſe des Mondes fen „5 der Erd:
mafle, woraus denn die gefundene Weite 60, 17,
une, der Winkel, unter welchen des Aequators Durch.
meffer
318 Abhandlungen der Goͤtting.
2
“
mefler im Monde erfiheine‘, „die Aequatorialpa⸗
rallaxe 57 M. 8 Sec: folge. Nun hat Herr Mayer
durch oft wiederholte Beobachtungen den beindaren |
Durchmeffer des Mondes in der. mittlern Weite 3r.
M, 10. Ser; gefunden, woraus die Verhältniß des
Durchmeffers. des Mondes, zum Durchmeſſer unſers
Aequators, wie 6: 17, oder wie 32 M. zu 58 M. 40
©. ſolgt, welche Verhaͤltniß zwiſchen Halleys und.
Caßinis Beſtimmungen derſelben faͤllt, und, mit des
de la Hire ſeiner uͤbereinſtimmt, daß alfe bie, heorie
| bie mit den Beobachtungen eins iſt.
um fischer, Here M. eben diefes aus‘ ——
gem zu beſtimmen, zu deren’ Gehrauche er erſt ohne
Beweis Formeln liefert, die Parallaxen der Höhen und
des Azimuths der Declinationen und Reetaſeenſio⸗
nen, der Laͤngen und Breiten zu finden. Die Pa
rallare des Azimuths koͤmmt nur ben der von der voͤl ·
ligen Kugeleundung äbmeichenden Erde vor, weil da
die Berticallinie nicht durch der Erde Mittelpunct
geht. Er erzäblet hierauf verfchiedene zu ‚feinem
Zwecke dienende Beobachtungen vom Monde bedeckt
ter Firfterne, die er und Herr Lowicz gehalten, und.
feßet auch nach denfelben die Verhaͤltniß des ſchein⸗
baren Durchmeffers vom Monde zu deſſen Aequa⸗
torialparallaxe, wie 6: 11, wobey er einen Irrthum |
von 5 bis 8 Ser, nie in "Abrede feyn will.
Drof. Kaͤſtner betrachtet die Abweichungen der
Strahlen, die in Glaͤſern gebrochen werden, wegen der
verſchiedenen Brechung verſchiedener Farben. Daß
ſphaͤriſche Glaͤſer nicht alle Strahlen die aus einem
Vunete auffallen, wieder in einem Puncte a
oͤn⸗
gonigl Geſ der Wiſ, USe zig
koͤnnen, iſt bekannt, und der Verfaſſer hat die davon
oder von der Geſtaͤlt der Glaͤſer herruͤhrende Abmei.
hung im I Theile dieſer Schriften, unterſuchet. In—
deffen ließen fich Glaͤſer erdenfen, Die fuͤr ein gegebenes
Gefege der Brechung alle aus einem Puncte kom»
mende Strahlen wieder in einen Punct brachten. Car:
tefius im feiner Diontrif, und Joh. Bernoulli in der
VI Ledione Holfpitaliana, haben Diefes gewieſen.
Eben deswegen haben ſich auch die Künftier fonit eis
ferig bemühet , hyperboliſche und elliptifche Gläfer zu
machen, und Newton ſelbſt hat fih damit befchäffti»
get, bis.er feine Entdeckungen von den Farben felbft
bey Beranlaffung foicher. Arbeiten machte. _ Denn
da fahe er: fogleid) ein, daß Gläfer, die alle Strahlen
von einer Art auf Das genauefte zufammen brädıten,
foldyes doch nicht bey Strahlen von verfchiebener Art
bewerfftelligen koͤnnten. In gegenwärtiger Abhand⸗
lung, welche als eine Fortſetzung der vorigen anzuſe—
hen iſt, werden alſo die Fehler unterſuchet, welche da⸗
her entſtehen, daß ein Strahl mehr ais der andere
auf eben die Art einfallende gebrochen wird. Ihre
Groͤße koͤmmt nur auf die Brennweite und nicht auf
die, Geſtalt des Glaſes an, und fie find fo beträcht-
lich, daß der Irrthum, den die Geftalt des Glaſes
giebt, meiftens gegen ſie nicht zu rechnen iſt. Dieſes
nun auf die optifchen Werkzeuge anzuwenden, wird
eine Hypotheſe angenommen. Wenn die Strablen,
die. von einem einzigen Puncte herfommen, wegen
. ber Brerhung der Gläfer fih auf dem Boden des
Auges nicht wieder in einen Punct ſammlen, fondern
daſelbſt ‚einen ‚Eleinen Kreis ausfülfen, fo wird das
Sehen undeutlich, und die Undeutlichkeit verhälc ſich
ft ‘ i wie
|
J die Flaͤche dieſes — ———— fit Aus
"Die Undeutlichkeit folget daraus, weil auf dieſe
A die Strahlen von jedem Puncte der Sache Ab»
meichüungsfreife machen werden, die in einander ge»
ben, fo daß auf einen Punct dee Bodens vom Auge
Strahlen von ver ſchiedenen Puncten der Sache kom ⸗
men; aber aus der allgemeinen Theorie der Empfin-
dungen iſt klar daß eine Empfindung undeutlich
wird, wenn auf einen und denſelben Theil des Em⸗
Radlms wert ſeuges verſchiedene Dinge zugleich wir⸗
ken. Aber dieſer Abweichungskreis im Auge richtet
ſich nach einem andern gewiſſen Abweichungskreiſe,
den eben die Brechung der verſchiedenen Farbenſtrah⸗
len verurſachet, und ſo laͤßt ſich die Undeutlichkeit aus
Betrachtung des letztern Abweichungskreiſes, d. i aus
der Befchaffenheit des ‚optifchen Werkzeuges beftims
men. Daraus wird alsdenn Huygens Regel von
Einrichtung der Fernglaͤſer nach einem gewiſſen, das
man durch die Erfahrung gut befunden hat, und zur
Grundregel annimmt, beraeien und, ‚I Gebrauch
erläutert. I
Herr Seaner handelt von der Parallare die aſtto⸗
nomiſchen Netzes. Er hatte im vorigen Theile an⸗
gegeben, wie man das Mikrometernetz in den Fern⸗
röhren, fo daß es mehr faffere, verbeffernfönnte, Das
Mikrometerneß miſſet den Abſtand der Bilder der
verfchiedenen Puncte des‘ Gegenftandes von der Are;
Jedes aber diefer Bilder iſt ein Vereinigungspunct
der Strahlen, welche von dem Puncte, deſſen Bild
es iſt, auf das Vorderglas fallen, und von dieſem ges
brochen werden. Dieſe Bereinigungspuncte, dieſe
Scheitel der gebrochenen Strahlenkegel, Kat; RR
lich
Koͤnigl Geſ der Wiſſ IB. 321
lich nicht in einer ebenen Fläche, fondern in einer Rus
gelfläche, deren Mittelpunct das Mittel des Vorder⸗
glafes ift. Aus der Betrachtung, daß diefe Kugele
fläche von einer ebenen in ziemlichem Abftande von
der Are niche merflidy abmiche, hat Herr Gegner
eben im vorigen Auffage, das Feld des Mifrometers
zu erweitern’gelehrer: Aber da diefe Abweichung, fü
geringe fie auch iſt, doch einen Irrthum verurfache,
wenn man fest, diefe Scheitel der gebrochenen Strah⸗
lenkegel befinden fi) in der Ebene des. Mifrometers,
da fie fich wirflich in einer KRugelfläche befinden, fo
entſteht daraus eben die Darallare, die Herr ©. bier
betrachtet, und fo viel fich thun läßt, vermeiden oder
vermindern lehret. Die Art, wie er folches verrich-
tet, iſt ohne Zeichnungen bier nicht verftändlich zu er⸗
aͤhlen.
Herr Hollmann giebt von ungeheuren Knochen
Nachricht, die im Amte Herzberg 1751 ausgegraben
worden. Er bat fie durch den Vorſchub des Fönigl.
Dberamtmanns, ‚Herrn Panne, erhalten. Die
Bauern haben ihrer 2; an der Zahl im Mergel ge
funden, deſſen fie fih, ihre Felder fruchtbar zu ma«
chen bedienen, und der Mergel felbit bar fich überall
an die Knochen angehänget. Noch andere von diefen
Knochen hat Herr H. nicht erhalten, fondern fie jind
anders zerftreuer worden. Bon Heren H. feinen ge
hören einige, aber am übelften zugerichtete zu Hirn
fhädeln, In einem diefer Stuͤcke ift das zellenförs
mige knochichte Weſen, das fich zwifchen den beyden
Tafeln des Hirnſchaͤdels befindet, faſt 3 Zoll 4 Linien
Sondner Maaß dicke. Aus diefer Größe, der vie
übrigen gemäß find, follte man folgern, die Knochen
23 Dand, J hätten
322 Abhandlungen der Gotting.
haͤtten Elephanten zugehoͤret: Aber Herr H. zeiget,
daß fie etwas kleiner find, als die Knochen eines Ele-
phanten, deren Abmeflungen in den philof. Tranſ. ges
geben werden, daß aud) die Berhältniffe, die bey er-
waͤhnten Elephantenfnochen find ‚gefunden worden;
bier. nicht angetroffen werden, und daß endlich die
ausgegrabenen Knochen, in Bergleichung mit ihrer
Laͤnge zu dicke find, als dag fie Eönnten einem jun.
‚gen Elephanten zugeeignet werden, Da fie aber:
doc) einem vierfüßigen und fehr großen Thiere müfjen
zugehöret haben, fo muthmaßet Herr H. fie feyn vom
einem Rhinoceros, welches mit Den Abmeffungen des
Rhinoceros, das man vor einigen Jahren in Deutſch⸗
“ land zur Schau herum geführet, wie der Befiger des
Thieres folche in feinem gedruckten Zebdei angegeben,
ziemlich uͤbereinſtimmet.
Herr H. ſetzt dieſe Unterſuchung in einer andern
Abhandlung fort. Er beſcheeibt darinnen noch mehr
der ausgegrabenen Knochen, und unter andern Zaͤhne.
Er hatte von dieſen Zähnen einen Herr Mefeln:mit-
gegeben, folchen mit den Zähnen des Nashorns zu
vergleichen, wenn er daſſelbe auf einer Reife, die er
vornabm, anträfe. Herr Mefel har es auch zu Pa-
ris gefunden, und verfichert, daß der Backzahn, den
ihm Herr H. mitgegeben, des Rhinoceros feinen volls
kommen aͤhnlich, nur an der Größe unterfchieden ſey.
Adzeichnen hat er die Zähne beym lebendigen Rhino⸗
ceros nicht Fönnen, weil man fie nur auf die Augens
“blicke zu fehen befommt, da das Thier den Nachen
öffner, Freſſen zu verfehtingen. Zuletzt befchreibe
Herr H. noch die Befchaffenheit des Drtes, wo diefe
Kuochen gefunden worden, welches Hoffnung giebt,
= N BEE
—
Koͤnigl Geſ. der Wiſſe n B. 323
daß man deren noch mehr finden werde. Herr Nanne
hai dieſe Beſchreibung Herr Hollmannen uͤberſandt,
Herr Hollmann aber ſie bey einer dahin angeſtellten
Reiſe richtig befunden. Eine ſehr wahrſcheinliche
Muthmaßung Herrn Nannens iſt: an dem Hügel,
wo ſie gefunden worden, den ein ziemlich tiefes Thal
von dem umliegenden Harzgebirge abſondert, ſey vor
dieſem ein Waſſerwirbel geweſen, den die Zuruͤckpral⸗
lung des Waſſers von den Harzgebirgen verurſachet,
und dieſer Wirbel habe die Knochen, nebſt dem Mer⸗
gel, in dem fie ſtecken, zuſammengefuͤhret. Die Kno⸗
chen werden abgebildet vorgeftellet, und die Erflärung
Diefer Abbildungen ift beygefüger. |
Herr ‚Gefner befchreibt einen alten Marmorftein
zu Eaffel, der Loblieder auf den Aeffulap, die Hngea, _
den Telefphorus vorftelle. Die NKegimenter, wel⸗
che Sandgraf Earl im vorigen Jahrhunderte den Bea
netianern zu Hülfe gefchickt, haben ihn 1688 aus der
Nachbarfchaft von Athen mitgebracht. Das Lied
auf die Hygea iſt beym Arhenäus zu lefen, und ver-
fchiedemal herausgegeben worden, das aber auf den
Teleſphorus kann ſowohl wegen der Sehler, die der
Arbeiter gemacht, als wegen der Beſchaͤdigung, Die
der Stein gelitten, Kennern der Altertbümer Anlaß
geben, ihre Kräfte zu prüfen. Here ©. hat folches
fo genau als möglich, in Kupfer ftechen laffen, und
fuͤget demſelben und den übrigen folche Ergänzungen
und Anmerkungen bey, wie nur von ihm herfommen
Fönnen. I
Herr Mayer giebt eine neue Methode, die Werk.
zeuge zum Winfelmeffen vollfommener zu machen,
und felbft ein neues Werkzeug zum Winfelmeffen.
N . Man
32. Abhandlungen Der Goͤtting
Man ſtelle ſich zwey Liniale vor, deren eines unbe⸗
weglich bleibt, das andere ſich um eine ſenkrecht auf
beyder Liniale Flaͤche ſtehende Are drehen läßt; kurz,
fo viel, als ein gemeines Aſtrolabium uͤbrig behalten‘
miürde, wenn man von ihm den. eingerheilten halben?
Kreis, und von feinen beyden Linialen, die ‚Abfichten:
megnähme. An jedem Ende jedes Linials fey ein’
Punct bezeichnet, und dieſe vier Puncte ſtehen von
der Axe des Umdrehens in gleicher Entfernung, und
jede zweene Puncte auf einem Liniale liegen in einer
geraden Linie mit dem Mittelpuncte der Axe des Um⸗
drehens. Man nimmt die Weite jedes dieſer Pun⸗
cte vom Mittelpuncte der Axe des Umdrehens fuͤr
den Halbmeſſer an, und beſchreibt, weil ſelbiger zu⸗
gleich die Sehne von 60 Br, iſt, einen geradelinich⸗
ten Transporteur, der ſich fuͤr dieſen Halbmeſſer ſchickt.
Man hat alſo allemal den Winkel, den die Liniale
mit einander machen, wenn man die Weite des Ende
punctes von dem einen Liniale, und des Endpunctes
vom andern, mit einem Handzirkel mißt, und auf
diefen geradelinichten Transporteur trägt, welcher
folchergeftalt die Stelle des eingetheilten Halbfreifes
bey den gemeinen Werkzeugen vertritt. Nun find.
auf Eeinem von beyden tinialen Abfichten; auf das
bewegliche aber wird auf die gewoͤhnliche Art ein
aſtronomiſches Fernrohr angebracht, in deſſen Brenn⸗
puncte Herr M. ein Stuͤcke Glas mit zwo einander
ſenkrecht durchkreuzenden Linien, ‚die man mit einem’
Diamante darauf ziehen Fann, feet. Wenn er nun:
mit dieſem Werkzeuge meffen will, mas zwo Linien
von zwoen Gegenftänden an den Het, wo es ſteht,
hingezogen, fir einen Winfel mit einander. —
o
König Sf der Wiſſ. 35 |
fo verfähre er folgendergeftalt : Er giebt dem unbe
weglichen Liniale eine willkuͤhrliche unveränderliche
tage ; fieht alsdenn durch das Fernrohr nad) einem -
der Gegenftände, und finder den Winkel, den die da.
bin gehende Linie mit der unbeweglichen Regel mas
chet, auf die nur angemwiefene Art. Eben das Vers 7
fahren wiederholet er mit dem andern Gegenftande,
und hat alfo den Winkel, den die Linien nach beyden
Gegenftänden mit einander machen, aus dem Unter.
ſchiede, oder der Summe diefer beyden Winkel, Man
Fann bey dieſem einfachen Verfahren nicht über drey
Minuten fehlen *. Aber diefen Fehler noch zu ver»
* Man wird den Halbmeffer des Werkzeuges, oder die
Ehorde des geradelinichten Transporteurs nicht ge;
nauer als in 1000 Theile eineheilen Fönnen. Nun
veraͤndern fich die Sinus, fo fange fie zu Bogen unter
45 Grad gehören, fo fchnell, daß fie von drey zu drey,
hoͤchſtens von 4 zu 4 Minuten, in Taufendtheilchen des
Halbmefferd von einander unterfchteden werden, und
dieſes gilt auch für diefe Sinus verdoppelt,'namlich
> für dieChorden ihrer verdopvelten Bogen. Alſo kann
man vermittelſt des geradelinichten Transporteurs
jeden Winkel; der unter 90 Grad iſt, auf drey Minus
ten genau haben, und weiter erſtrecket Here M. feinen
Transporteur nicht ſondern finder Winkel über go
Grad, durch ihre Nebenwinkel. Man ſetze, der Irr⸗
thum der alfo bey einem Winkel kann begangen Mer:
den, heiße Z. Die Größe: des Winfels, wie man fie
"finder, ſey =A, da fie AP2 Oder A—Z eigentlich
ſeyn folltei Man ſetze alfd; es werde der Fleinere Wine
kel von der Größe A angenommen, ‚der: eigentlich die —*
Groͤße A—Z hat: Der größere Winkel werde —=B Fe:
angenommen, da er eigentlih =B+Z ſeyn follte.
Dieſes beydes find Winkel der Gefichtslinien nach *
en
nn. m. -
vi
326 Abhandlungen der Goͤtting
2 er
mindern, und den Winfel genauer zu finden, bedienet
fih Herr Mayer einer finnreichen Methode, die fih
ohne Figuren nicht verftehen läßt, und im Hauptwerfe
darauf anfommt; er mwiederholet die Arbeit, die für
einen Winkel, den die Gefichtstinien von beyden Ges
genftänden mit einander machen, nöthig war, zu ver
fhiedenenmalen , bis die Regel mit, dem Fernrohre,
ungefähr eine ganze Ummendung verrichter hat, und
| | gegen
den Gegenſtaͤnden, mit der unbeweglichen Regel, und
alſo koͤnnte der Winkel beyder Geſichtslinien mit ein:
ander ſelbſt, den man eigentlich ſuchet, eigentlich —B
—A+22 ſeyn, wenn man ihn bey Weglaſſung der Feh⸗
ler Z, nur B—A faͤnde. Es ſcheint daher, als brachte
Herr Mayers Art, dieſen Winkel zu finden, ihn in die
Gefahr des doppelten Fehlers, der bey einem einzelnen
Winkel kann begangen werden. Allein die Hypothefe
A—Z,B+Z, oderdaf der Fehler, fo begangen wor:
den, daß bey dem völligen Verfahren ihre Sum⸗
me zum VBorfcheine koͤmmt, findet nur alddenn ſtatt,
wenn ein Winfel zu groß, und der andere zu Klein an⸗—
‚genommen wird; Würde bey beyden einerley Fehler
begangen, fo huͤben fich diefelben gar auf, und über
dieſes laͤßt fich aus der Größe der Chorde leicht beur⸗
theilen, ob fie unter dendrey oder vier Winkeln, denen
ſie zugebören kann, den größeren oder Eleinern zugehoͤ⸗
ret, und allenfall$ das Mittel nehmen, daß man alfo
2 nicht drey Minuten, fondern ungefahr anderthalbe
Minute fegen darf. ar Meile. 7,
Das Bedenken Fönnte noch übrig bleiben, daß fh
die unbemwegliche Regel verruͤcken dürfte, und vielleicht
» wäre dieferwegen nicht undienlich, ein Baar gemeine -
Abſichten an felbige zu machen, vermittelff deren man
: fie nach einem mittelmäßig entlegenen Gegenftande
richten, und fich dadurch verfichern Fönnte, daß fie ihre
Lage nicht geändert haͤte. 0,
—
König. Gef. der KW, 327
gegen die andere wieder in eben die Sage ungefähr:
gekommen ift, die fie ben der erften Arbeit diefer Art
gegen einandershatten; Dadurch erhält er ein viele
faches von dem gefuchten Winfel, und der Fehler,
der begangen werden kann, theilet fich dergeſtalt ein,
daß man den Winfel auf 20 und weniger Secunden
genau haben kann *. Die Fehler, welche bey diefer
Art, Winkel zu meffen, vorfommen koͤnnen, können
von unrichtiger Abeheilung des geradelinichten Trans»
porteurs, oder von Fehlern, die man beym Abnehmen
und Meffen ver. Chorden begeht, oder endlich davon
berrühren, daß man das Fernrohr nicht nach einem
einzigen untheilbaren Puncte zu richten vermögend
iſt. Des geradehnichten Transporteurg Irrthuͤmer
darf man ſich nur anmerken und in ein Werzeichnig
bringen, damit man die Winfel darnad) richtig ab-
meffen kann; wegen deg zwenten Urſprungs der Feh ⸗
ler muß man alle mögliche Behurfamfeit brauchen ;
des dritten Größe aber hat er folgendermaßen bes.
ſtimmt. Er bat einen Kaum mit zehn ſtarken
ſchwarzen gleichlaufenden Streichen unterſchieden, fo
daß zwifchen jedem Paar Striche ein weißer Streifen
von gleiher Breite mit den Strichen gemefen, die
Breite hat einer Linie betragen.. Er hat diefen
abgetheilten Raum, weil er Eursfichtig ift, mit einem
Hohlglafe Betrachter, und ift fo weit zuruͤcke gegan«
23 | 4 RER gen,
Nur möchten vielleicht die vielen Wiederholungen,die
zu diefer genauen Beſtimmung nötbig find, langweilig
fallen und ſich dadurch, ob wohl bey Leuten, die nicht mie
. Heren Mayerd Geſchicklichkeit arbeiteten, größere \
a Se aufbänfen, als diefe Wiederholungen vermei-
—J ut at:
328 Abhandlungen der Goͤtting
gen, bis ihm die weißen und ſchwarzen Pläße ver-
mengt erfchienen. + Seine Entfernung ift alsdenn 30.
Zoll’ gewefen, und da in diefem Abftande die Breite
von „5 einer Linie unter einem Winfel von ı M. 54
Sec. eingefallen ift, fo macht er daraus den Schluß,
was unter einem Fleinern Winkel als 2 Min. einfalle,
fey dem Auge nicht mehr empfindlich *. Eben das
haben auch) andere, deren Geſichte beffer befchaffen
gemwefen iſt, ihm beftätiger. Alſo kann man durch
bloßes Abfehen, ohne Fernrohr, einen Winkel niche
genauer als auf 2 Min. haben; welches Herr M.
zu Beurtheilung der aftronomifchen Beobachtungen
anıpendet, und daraus erfläret, warum Tycho und
Hevel bey allem angewandten Fleiße nicht richtiger
beobachten Fönnen +. Da nun: ein: Fernrohr den
| 8 Are Sehe -
ua N et sing urn
* Robert Hook feßet ben Winkel unter. dem eine Sache
‘ einfallen muß, wenn fie noch dem Auge empfindlich
ſeyn foll, auf eine halbe Minute, und Smith (compleat
Syſtem of optiks 97.$.) auf zween Drittheil einer Mi⸗
nute, wenn man Sachen bey Tage gegen den freyen
Himmel, z. E. eine ausgefchnittene Scheibe betrachtet
‚bat. Diefe Art, den Verfuch anzuftellen, iſt alfovom
Herrn M. feiner etwas verfchieden; vielleicht aber iff
Herrn M. feine zu der vorhabenden Abficht, da man
doch meiſtens nicht nach einer ganzen Sache, ſondern
nach einem gewiffen Merfzeichen Daraufpifiret, genauer.
eingerichtet. u *
t Befanntermaßen bat Hook dieſen Einwurf Heveln
ſchon gemacht; aber Hevel hat von der Scharfe feiner
. Beobachtungen Halleyen gegenwärtig. überführer.
Man f. Heuelii Annum Climadter. und aus demfelben
Roſts aſtronom. Handb. 6 8.‘ Herr, Marinoni eignet
"gleichwohl den bloßen Abſehen nur eine Auf
re TE Mi
4
- Königl, Gef, der WI. IB. 329 |
Seehewinkel vergrößert, fo verringert es nach eben
dem Maafe, den Fehler, der mit dem bloßen Abfe-
ben fönnte begangen werden. Wenn man z. €. zu
‚einem ſolchen Werkzeuge ein Fernrohr von 3 Fuß ger _
braucht, das zwanzigmal vergrößerte, (und mehr
Bergrößerung ‚darf man ihm bey Beobachtungen
auf der Erde wegen der nöthigen Helligkeit nicht ges
ben, ) fo fieht durch daffelbe eine Sache, die dem
- ‚bloßen Auge unter-einem Winfel von 5 oder ei⸗
ner Minute einfiele, fo groß als dem: bloßen Auge
- eine Sache, die einen Winkel, von 2 Minuten ma:
chet. Alfo: Fann man diefen Fehler hierdurch von
‚den 2 Min, auf die er bey bloßem Auge fteigen kann,
auf 6 Sec. vermindern. Und da. fich die’ vergröf.
fernden Kräfte der Fernröhre ungefähr wie die Dua-
drate ihres Längen verhalten, fo verfertiget Herr M.
eine Tafel, aus welcher zu fehen ift, wie groß: diefer
Fehler bey: Fernröhren von der und jener Laͤnge noch
bleibe. Bey einem Fernrohre von 30 Fuß, parifer
Maag, wäre er noch 1! Secunde, und bey einem von
6 Zuß, 4 Secunden. Man wird leicht begreifen,
. daß Here M. dieſes nicht zu gegenwärriger Abſicht,
fondern wegen der ee die mit Fernröhren
tun | 5 Fu ver⸗
5 Minuten zu, wenn man fie bey dem Meßtiſchchen ge⸗
brauchet. ©. ſ. Buch de re ichnographica. Eben da⸗
elbhſt verwirft er den. Gebrauch des Fernrohres beym
Feldmeſſen, wegen deffen muͤhſamer und’ aufhaltender
ichtung. Doch bey großen Weiten, und wo man
„nicht mit den Meftifchen, wie er, fondern mit einem
Winkelmeſſer arbeitet, fcheint folcher allerdings vor:
theilhaft. RB ————
330 Abbandlungen der Göfting. %
verſehen werden, überhaupt anfuͤhret*. Ein Fern⸗
rohr von 20 Zoll, wie ſich zu ſeinem Werkzeuge ſchickt,
vermindert dieſen Fehler auf ı2 Sec. Nimmt man
nun, noch die vorhin angezeigte Arc durch wiederholte
Abmeffung des Winfels, die Fehler einzutheilen, das
zu, wo fich auch vielleicht diefe Fehler aufheben koͤn⸗
nen, fo fieht man leicht, daß dieſes har bie
Winkel ſehr feharf giebt. /
Der Herr von Haller theilet botaniſche ——
gen mit. Es ſind Beſchreibungen und Abbildungen
von Pflanzen, davon genug ſeyn wird, den Liebhabern
der Kraͤuterkenntniß die Namen hier mitzutheilen.
Die beſchriebenen Pflanzen ſind: 1) Allium vmbel-
latum, folüis‘Aftulofis compreflis radice reticulo öb-
dudta. Der Herr von Haller hat es unter dem Nas
men campeftris iuncifolii fl, alb. vinb. Gerberi er⸗
Halten. 2) Allium radice ſimplici folüis gramineis, ;
vmbella — — bicolore. 3) Porrum — nudo
| | anci-
* Diefe — feet bey alle dem für die Sichtigteit
‚der aftronomifchen Benbachtungen gefährlich, da man
auf etliche Secunden mit kurzen Be doch der
Sache gewiß feyn will. Vielleicht iff bey den hinint-
Lifchen Körpern ihres Lichted wegen etwas empfind-
lich, da8 man unter eben den Winfel, wenn es ein
irdiſcher Gegenſtand waͤre, nicht empfinden wuͤrde;
wie man Körper, die nicht mit eigenem Lichte ſtrablen,
gewiß nicht ſehen würde, wenn ſie unter ſo unermeß⸗
lich kleinen Winkeln uns in das Auge fielen, wie die
groͤßten Fixſterne; vielleicht thut auch bey den aſtro⸗
nomiſchen Beobachtungen die Gewohnheit das beſte,
daß man aus vielen das Mittel nimmt, on ſich
die Fehler eintheilen, und oft —— R
/
—
Koͤnigl Gef. der WEB: 331
ancipiti, antequam floruerit nutante foliis enhiformi-
bus, hine paulo eonuexioribus. Gmelini Fl. Sib. T.T.
p-15.n.18. 4) Allium ſcapo ancipiti teretiufculo
tolüis enfif: hinc panlo conuexiorib. Gmel, Fl. Sib.
T.l. p.53. n.7. Diefe Allia füget Here von Haller
feiner Abhandlung von den Alliis bey, und verbeffert
eines und das andere in derfelben. 5) Aſtragalus
- Äiliquis recuruis depreſſis, hirfutis. 6) Aſtrag. caule
eredto, ex alis fpieifero , filiquis teretibus hirſutis.
7) Chymen. fi. purpureo filiqu. congeftis articnlatis
incuruis. En. hort. Gott. p. 65. oder wie der Herr
von Haller die Pflanze nun nennet: Lathyrus folior,
parib. quinque fl. racemoſis filiqu.incuruis. 8) Me-
lilotus foliis hirfutis, rariter dentatis.fcapo pauciflo-
ro. 9) Teuerium folüis corolatis, crenatis, petio-
latis, fpicis oblongis denfiffimis. 10) Moldauica
fol. cordato triangularib. ferratis. ı1) Cataria fl.
inuerfis. 12) Bltois caule eredto fl. mafculin: cau-
lem et ramos terminantibus. 13) Trichs fol. ver-
ticillat. pentafteınon. 14) Chenopodium. caule bra-
‚chiato, ramofiſſimo fl. fpinulis infidentibus. 15) Se-
fels foliis glaucis, rad, praelonga, feminib, fubhirfu-
tis. 16) Rhamnus non fpinof. fol. glabr. crenat.
17) Einige Anmerfungen: von der Peloria, mo ge—
wiefen wird, daß diefes Feine neue Arc von Pflanzen,
fondern ‚nur eine fonderbare Yusartung der. Elatine
fey, welche zugleich darthut, daß in den Pflanzen die
Theile nicht alle vorher gebildet find, und ausgemis
ckelt, fondern gebildet werden, wie ſchon die gefüllten
Blumen längftens hätten lehren Fönnen. Abbildun⸗
gen werden gegeben von 1. 2. 5. 6, 9.11.12, 13.14. 16,
ER ch Dit *
Ku N Dr
—
Es e
332 Abhandlungen der Goͤtting.
Herr Koh. Ge. Roͤderer handelt vom Mondfalbe
_ (Mola). Er glaubt, ein Mondkalb entftehe, wenn
die Frucht i in Vergleichung mit dem was fie einfchließt,
dem gefäßreichen Theile des Eyes, nicht genugfam
waͤchſt, fondern zu Flein bleibt, dieſer Theil aber fich in
einen unförmlicdyen Körper vermandelt ‚und fo ans.
Tageslicht gebracht wird. Er beftäriger diefes durch -
Geſchichte von Mondfälbern, in denen man die Frucht
noch fehr Elein gefunden hat, und glaubt, daß die Frucht
bey der Entbindung von einem folchen Mondfalbe
meiftens im Blute u.d. g: verloren gehe, deswegen er
feine Meynung vornehmlich durch die forgfältige Bes
fhreibung eines ſolchen Mondfalbes, das er in einer
aufgefchnittenen trächtigen Hündinn gefunden, in
Vergleichung mit dem natürlichen Zuftande, unterſtuͤ⸗
get
Herr Zinn liefert fünf Beobachtungen- von Krank⸗
heiten; ſie ſind meiſtens chirurgiſch, im Lazarethe an⸗
geſtellet, und lehrreich. Zur Probe mag die letzte
dienen: Einer unverheiratheten Weibesperſon von 30
Jahren, die harter Arbeit gewohnt, uͤbrigens aber
vollkommen geſund war, iſt die Bruſt, wegen eines
Krebsſchadens abgeſchnitten worden, den ſie ſich durch
Druck an die Bruſtdruͤſe zugezogen hatte, da ſie taͤg⸗
lich durch Drucken an einer Warlferpreffi e den Ziehr
pengel herumgetvieben. Us fie ins Lazareth Fam,
waren einige Drüfen unter den Achfeln ſchon feirrhöß
und verhärtet, und diefe Geſchwulſt iſt bey entſtande⸗
ner Schioärung in der benachbarten Wunde derge
ftalt vergangen, daß man auch den Ort nicht mehr
fieht, wo fie gemefen ift, ‚diegiemlich große Wunde
aber iſt ohne einigen PR Zufall geheilet worden.
Bisher
Puh
E
Königl. Gef. der Wiſſ. IB. 333
Bisher haben fich alle vor Abfchneiden der Bruft,
wenn die Drüfen unter den Achfeln ſchon veritopft
geweſen, gefürchtet. |
Herr Withof theilet Die Zergliederung des menfch-
lichen Haares mit, die völlig deutſch gelefen zu wer:
den verdiene. tt E
- Herr Mayer liefert neue Tafeln fir Berechnung
der Bewegungen der Sonne und des Mondes, Die
Mondestafeln flimmen mir den Beobachtungen fo
‚genau überein, daß fie keinen Irrthum von 2 Min,
und meiltens nicht von ı Min. geben. Gie find der
newtoniſchen Theorie gemäß, und nach den vom Herrn
Eulern, dem die Mondtheorie fo viel zu danfen hat,
dabey angebrachten Kunſtgriffe verfertiget, und auf
eine geſchickte Art auch) zur Bequemlichkeit der Mech»
nungen eingerichtet ; dieſes iſt alles, mas fich davon
fagen läßt. Uebrigens zeige Herr M. aus Verglei-
hung der alten Beobachtungen mit den neuern, daß
die Bewegung des Mondes ißo fchneller fen, als vor:
dem. Er weiſet diefes befonders aus ein Paar ara.
bifchen Beobachtungen, von Sonnenfinfterniffen , die
das Borzügliche haben, daß bey ihnen im Anfange
und am Ende find Sonnenhöhen genommen worden,
und man alfo die Zeit genau willen Fann. Aber auch
ſchon die neuern und richtig angeftellten Beobachtun.
gen der Finfterniffe etwa feit 60 Jahren her entdecken
diefe Befchleunigung.
Herr Zinn theilet Beobachtungen von verhärfes
ten Gefchmwülften ( Scirrhis) des Gehirnchens und
Gehirns mit, welche diefen Band ſchließen.
WE & MR
V. Nach—⸗
334 . Rachricht
LESE ZErE EEE
| Nahheiht — —
von einem neuen Witrometer,
aus einem Schreiben
DRobert Smith*? an Prof. Kaͤſtnern,
aus dem Engliſchen überfegt,
Cambridge 4 April 1754.
ch Fann dieſes Blatt mit nichts beffer ausfüllen, _
> als damit, daß ic ihnen die Nachricht
| ertbeile, daß unlängft hier ein neues Mikros
meter.ift erfunden worden, welches alle fchon vorban«
dene weit übertrifft. Es befteht aus einem Objectiv ⸗
glafe, das in zwey Theile zerfchnitten und an das Ob⸗
jectivende ‘eines Spiegelteleffops angebracht iſt. Es
hat keine Schrauben, folglich braucht man dieſelben
ben Nachte nicht, zu erleuchten; es erfodert auch nicht,
daß das Werkzeug feſte fteht, wenn man es gebrau-
cher. Man Eann damit bey fiarfem Winde fo genau .
als im ftillften Wetter in einem Zimmer beobachten.
Die Beobachtungen, die man damit anftellet, find fo
richtig, daß fie auch ofte wiederholet, nie eine Ses
cunde eines Winfels von einander unterfchieden find,
und man verrichtet die ‘Beobachtungen mit einer er-
ſtaunlichen Geſchwindigkeit, ſo daß zehn Beobachtun⸗
gen in der Zeit koͤnnen angeſtellt werden die man bey dem
gemei⸗
* Mafter of Trinity Colledge zu Sambeibge, der Ver⸗ R
a des — Syſtem of Optiks.
von einem neuen Mikrometer. 335
gemeinen Mifrometer zu einer braucht. Ich muß
Ihnen doch Herrn Shorts ganzen ‘Brief an Don
George Juan herfehreiben, da er fehr wohl zu fefen
iſt. Er faget: das Mifrometer von dieſer Art, deffen
ich mic) bediene, und welches das einzige bisher noch
gemachte iſt, befteht aus einem Ddjectivglafe von 40
Fuß Brennweite an ein Spiegelteleffop angebracht,
das2 Fuß Brenn weite hat. Vermittelſt dieſes Mifros-
meters habe ich die Durchmeſſer aller Planeten gemef»
ſen, und finde ſie anſehnlich kleiner, als ſie bisher von
den geſchickteſten Sternkundigern, vermittelſt der be⸗
ſten Werkzeuge find beſtimmt worden, Der Durd)
meſſer der Sonne; wird auch Fleiner gefunden, als ihn
alleaftronomifche Tafeln geben, Die Berhältniß der
- Are des Jupiters zum Durchmeffer feines Aequators
wird anders gefunden,alsHr. Pound fie vermittelft einer
zu Wanftead mit dem bugenifchen rzofchuhigen Glaſe
gehaltenen Beobachtung beftimmer hatte. Einandes
rer Vortheil bey diefem fehr richtigen Werkzeuge ift,
daß man die Winfel in allen Richtungen fo genau, als
in der, welche auf die tägliche Bewegung, oder auf den
Aequator rechtwinklicht ift, meffen Fan, Ich Habe
mich daher ſo oft als moͤglich bemüher, die Durchmef
fer des Mondes zu meffen, weil auf diefe Art die Theo» -
rie des Mondes vollfommen kann gemacht werden.
- Die Monddurchmeffer, welche ih durch diefe Beobach-
- tungen gefunden habe, find. von denen, Die man aus
, Dr, Halleys Tafeln berechnet hatte, nie über 3 Sec,
aber von denen, die Caßinis Tafeln gaben, oft um ı5
Secunden unterfchieden gewefen, daß alfo Hallens feine
auf eine genauere Theorie gebauet find. So weit Herr
Short, Des Erfinders Name ift Herr Dolland,
—— Inhalt
ZJnhote re
des dritten Stuͤckes im Wengen Dane. ; 4
1) — von harter von den Anpfinbtkhen * |
reizbaren Theilen des menfehlichen Körpers. 27,
N Herrn Anton Leprotti Sendſcheeiben an Herrn pas |
cob Bartholomäus Beccari, von einer Beutel»
geſchwulſt an der eigenen $ungenfchlagader und:
andern anatomifchen Wahrnehmungen 260
3) Neue phyſikaliſche Anmerkungen über die At —
Getreide zu erhalhenn 2276
4) Abhandlungen der goctingiſchen Föniglichen Geſell⸗
ſchaft der Wiſſenſch. auf das Jahr — 310
» Nachricht von einem neuen Mifrometer, aus einem |
Schreiben Dr. Robert Smith an Prof. Kaͤſt.
nern, aus dem Engliſchen an 334
; i Hamburgiſches
agazin,
oder
geſammlete Schriften,
Aus der
Naturforfchung und den angenehmen |
{ Wiſſe apa überhaupt.
ne Wen u RT ——
1
Des dreyzehnten Bandes viertes Stuͤck.
Mit Konigl. Pohln. und Churfürfl. Sachſiſcher Freyheie
— Hamburg und Leipzig,
behy Georg Chriſt. Grund und Adam Heinr. Holle,
| 1754 | Bun
— - —
ar
fü AR * * Ri nt
—5
Anecdoten und Anmerfungen:
über
Chrifina,.
Koͤniginn von Schweden. |
Aus den Melanges de Litteratute, .d’ hiffoire & de
Philofophie des Herrn id’Alembert,
Defcends du haut des Cieux, augufte Vérite
Reponds fur mes eerits ta force & ta clarte 17
Que VPoreille des Rois s’accoütume a tentendre,
* * ncide —— J.
—2
ie Geſchichtskunde iſt die ſchlechteſte von
"allen menſchlichen Wiſſenſchaften,
wenn ſie nicht durch die Philoſophie
erleuchtet wird. Man wuͤrde ſie mit
ehren Vergnügen erlernen, wenn man, anſtatt
die Geſchichte fo vieler Prinzen aufzuzeichnen, die
großentheils nichts, als die Jahrbücher des Laſters
m Sa — ſich ein wenig mehr
damit
340. Anmerkungen über Chriſting,
damit beſchaͤfftiget hätte, die Gefchichte der Menfchen
zu fchreiben. Noch ärger if es, wenn man in Diefe
Gefchichte . eine Menke Begebenheiten einmifcher,
woran man noch weniger Theil nimmt, als an der
Geſchichte ſelbſt. Es waͤre zu wuͤnſchen, daß man
bey jedem Jahrhunderte einen Auszug der wahrhaftig
nüglichen hiftorifchen Begebenheiten machen und alles
das übrige verbrennen möchte, Durch diefes Mittel
‚würden wir unfere Nachkommenſchaft vor der Lber-
ſchwemmung bewahren, womit fie bedrohet wird, wo⸗
fern man fortfährt, die Druderey zu misbrauchen,
um. der Nachwelt Sachen zu melden, warum ſich Die
Zeitgenoffen ‚nicht befümmern. Ich zweifle niche
daran, daß ein fo vernünftiges Verlangen in den Au⸗
gen der Gelehrten ein Verbrechen der beleidigten Ge⸗
lehrſamkeit feyn wird, das die Schmähungen und
Berfluchungen aller Zufammenfchmierer verdient ;
aber zum Gluͤcke find dieſe Verfluchungen weniger
fürchterlich, als der Fluch) der Herren Theologen. Die
Meifen follten allein berechtiger feyn, die Menfchen
zu fehildern, wie fie auch allein das Recht haben ſoll⸗
ten, ſie zu regieren. Die Geſchichte und die Men
ſchen würden fic) fehr gut Dabey befinden, |
Ich habe mic) nicht enthalten koͤnnen, bey dem
Anblicke zweener difen Bände von: Denkwuͤrdigkei⸗
ten über Chriftina, Königin von Schweden, die man |
in Holland gedruckt hat, diefe Betrachtungen anzus |
ftellen. Wenn der Berfaffer diefer Denkwuͤrdigkei⸗
ten die Abficht gehabt hat, feine Heldinn kennen zu |
ehren, fo zweifle ich fehr daran, daß er fie erreichet
hat. Ich kenne in Frankreich verfehiedene Gelehrte, |
die es Me sur. find, ekelhafte Schriften zu |
leſen,
2 |
3 Koͤniginn von Schweden. 341
leſen, und die dennoch fein Werk nicht haben leſen,
noch den Mifchmafch von Gelehrfamfeit und Citatio⸗
nen rubig verdauen koͤnnen, worinn die Sefchichte der
Chriſtina gleichfam verfchlungen iſt. Es ift ein Bild,
das ziemlich ſchlecht gezeichnet, in Stücke zerriffen,
und unter einem Haufen von Schutte zerftreuer ift.
Inzwiſchen bewog mic) die Begierde, die ich jeder.
zeit gehabt habe, mir von diefer fonderbaren Prinzefs -
ſinn, von der man fo verfchieden geredet bat, einen
- Begriff-zu machen, ich will nicht. fagen, diefe unge
eure Zufammenftoppelung durchzulefen, fondern nur
mit einiger Sorgfalt durchzublaͤttern. Ich fah dieſes
Werk als eine Perfpectiomalerey an, worinn der
- Maler auf eine ungeftalte Art eine menfchliche Figur
gezeichnet hat, die man nur aus einem gewiflen Ge
ſichtspuncte entwicfeln kann, wo fie fich in ihren richtis
genBerhältniffen und von allen den fremden Borwürfen
befrenet zeigt, deren Mifchung fie unfenntbar machete;
Ich habe mich bemüher, diefen Geſichtspunct zu er
hafchen, aber ich kann mir nicht fchmeicheln, daß ich
‚ihn gefunden habe, - J
Doch, dem allen ungeachtet, will ich meinen Leſern
einige Anmerkungen und Anecdoten mittheilen, welche
die Frucht von der Durchleſung dieſes Buches ſind.
Wird ihnen die Zeit dabey lang, ſo will ich mich mit
dem Abte von Saint Pierre damit entſchuldigen, daß
mir beym Aufſchreiben derſelben die Zeit nicht lang ge⸗
worden; und dann verbiethe ich auch niemanden, zum
Originale ſelbſt zu gehen, und darinn mehr Vergnuͤ⸗
gen zu finden, als ich darinn angetroffen habe.
Ich war anfaͤnglich willens, nach dieſen
Denkwuͤrdigkeiten eine Furzgefaßte Geſchichte der
le 93 Ehrie
———
J
342 Anmerkungen uͤber Chriſtina,
Chriſtina zu entwerfen. Nachdem ich mich aber
beſſer bedacht, ſah ich ein, daß ein ſolches Werk mir
unmoͤglich gluͤcken koͤnne, weil es nicht nach meinem
Geſchmacke war. Der einfoͤrmige Schritt und die
Monotonie der Schreibart, die man fuͤr gut befunden
hat, dem Geſchichtſchreiber vorzuſchreiben, wuͤrden mir
beſtaͤndige Feſſeln geweſen ſeyn: ich weiß nicht, aus
welcher Urſache man darüber eins geworden, die Ges
ſchichte zu weiter nichts, als zu einer langen Zeitung,
zu. machen, die in Abficht auf die Schreibart und die
DBegebenbeiten ganz genau feyn muß. Man will,
das der Geichichtfchreiber fid) aller Anmerfungen ent«
balten und fie feinen $efer machen laffen ſoll. Ich
fuͤr mein Theil bin ſehr wohl damit zufrieden, wenn
man midy diefer Mühe uͤberhebt; oder ich glaube viel»
mehr, daß ‚das wahre Mittel dem $efer zu Betrach—
tung Anlaß zu geben, diefes fey, wenn man felbft eini»
ge macht, fie mögen nun gut oder fchlecht feyn. Kurz,
die Anmerkungen fcheinen.mir eben fo nothmwendig zu
fen, die Gefchichte angenehm zu machen, und felbjt
um die DBegebenheit dem Gevächmiffe einzuprägen,
als es die geomerrifchen Beweiſe find, um dem Geiſte
_ einen dauerhaften Begriff von dem Inhalte der Lehr⸗
füße zu geben. Der Gefchichtfchreiber, fagt man,
ſoll weiter nichts feyn, als ein Zeuge, der ausſagt;
die Anmerkungen würden ihn der Parteylichfeit ver-
daͤchtig machen. Aber mich deucht, die bloße Art,
eine Sache zu erzählen, macht einen Gefchichtfchreis
ber eben fo verdächtig, als die Anmerfungen es immer
thun koͤnnen; und wenn er alſo doch in beyden Fällen
partenifch feheinen Eann, fo ziehe ich die Parteylichkeit
vor, wobey den $efern die Zeit am wenigften lang
h x P wird,
Koͤniginn von Schweden. 343
wird. Ueberdem kann —* Verdacht der Partey⸗
lichkeit nur auf einen Schriftſteller fallen, der die
Geſchichte feiner Zeit beſchreibt; ich mag immerhin -
die Chriſtina loben oder tadeln, man wuͤrde mir hoͤch⸗
ſtens Schuld geben, daß ich mich geirret habe, wie
man gleichfalls thun koͤnnte, wenn ich bloß erzaͤhlete;
aber niemals wird man mich beſchuldigen koͤnnen, daß
ich ſie haſſe oder liebe.
Indeſſen, um dieſem Vorurtheile, das ſo allgemein
feſt geſetzt iſt, nicht ganz und gar zuwider zu handeln,
fo bedenke man, daß id) nicht die Geſchichte der Chri—
ſtina ſchreibe; es find nichts als Anmerkungen über
die wichtigften Begebenheiten von dem; geben dieſer
Prinzepinn, oder wenn man es lieber haben will, nichts
als ein mit Anmerkungen begleiteter Auszug aus dem
Denkwürdigfeiten der Chriftina, eine Unterredung
mit meinem $efer, ein Brief über diefe Denkwuͤrdig⸗
feiten; kurz, alles, was man haben will. Wenn es
nur darauf ankoͤmmt, den Titel zu verändern, fo müßte
man fehr widerfinnifch feyn, wenn man ſich nicht be⸗
ruhigen wollte.
Ich verſchone das Publicum mit denen Briefen,
die Chriſtina in ihrem fünften Jahre an den König,
ihren Bater, gefchrieben, und worinn fie ihm meldet,
daß fie ſich Mühe geben wolle, recht zu bethen; “Briefe,
von denen der Ber faſſer der Denkwuͤrdigkeiten geſteht,
daß ſie nicht ſehr einnehmend fuͤr fremde ſind, wovon
er abtr glaubt, daß fie es fir die Schweden ungemein
find. Auch will ich meine Leſer mit ihrer und ihres
Vaters Guſtav Adolphs, Nativitaͤt verſchonen, um an
deren ſtatt dieſen berühmten Sieger einige
zu en
*
Ya &
344 Anmerkungen tiber Chriſtina |
* &o lange er: mit Frankreich vereiniget, und von
dem römifchen Hofe, der auf die öfterreichifche Mache
eiferfüchtig war, in geheim- gebilliget, die deurfchen
Proteftanten wegen Ferdinands Unterdrückung raͤche⸗
te, erfcholl ganz Bayern von Gebethern, Befchmö-
rungen, Litaneyen und Berfluchungen wider vdiefen
- Prinzen; die deutſchen Mönche predigten, daß er der
Antichrift fen, und die lutheriſchen Prediger bewiefen, _
daß er es nicht fey. Indeſſen verfichert mein Schrift:
fteller, daß fich diefer Prinz feiner Siege mäßig be
dienete. Man giebt vor, daß Deutfchland diefe
Maͤßigung den Gefinnungen zu danken habe, die
Guſtav gegen die Katholifen angenommen, da er in
feiner Jugend zu Pavia unter dem berühmten Gali⸗
laͤus ſtudieret hatte, den die Inquiſi ition nach der Zeit
fuͤr einen Erzketzer erklaͤrete, weil er ein großer Aftro»
nomus war. Aber außer, daß diefe Reiſe des Gu:
ſtavs nach Italien ſehr zweifelhaft iſt, ſo ſcheint ein
Land, worinn man das ptolemaͤiſche Syſtem zu einem
Slaubensariikel machete, eben nicht geſchickt zu ſeyn,
einen Prinzen auf eine guͤnſtige Art einzunehmen, der
in allen Vorurtheilen der Lutheraner erzogen war.
Uebrigens verſichert der Pabſt Urban der VIII, der
mit allem Eifer eines Pabſtes fuͤr die Religion, einen
noch groͤßern Haß gegen den Kaifer Ferdinand ver⸗
knuͤpfte, daß die Spanier Carls des V der römifchen
Kirche mehr Schaden gethan, als Guftavs Schweden |
dem deurfchen Reiche zugefüget hätten: Wenn et»
was vermögend wäre, dieſes ob verdächtig zu ma»
chen, fo würde es der vorgegebene Gefchmad an ven
| Wiffenfchaften feyn, den man dem Guſtav zufchreibt,
‚ weil er as von der Schlachtorbnung und Kries
—
Königin von Schweden. 345
geskunſt gelefen, Auf eben die Art Fönnte man vor
geben, daß der verftorbene König von Preußen Die
Wiſſenſchaften geliebet habe, weil feine ausnehmende
tiebe zu feinen Soldaten ihn bewog, den Wundärzten
der Armee feinen Schuß angedenen zu laffen : die
$iebe zu den Künften und Wiſſenſchaften ift nicht der
Fehler der Eriegerifchen Könige; man denkt niche
darauf, die Menfchen aufzuflären, wenn man mit
nichts befchäfftiger ift, als fie zu vertilgen. Mein
Verfaſſer ift inzwifchen von Vorurtheilen für feine
Monarchen fo eingenommen, daß er eben diefen Ges
ſchmack aud) Carln dem Zwölften beyleger, der in feie
nem $eben nichts anders gelefen hat, als Cäfars
‚Striften. So hat man viele Monarchen wegen
desjenigen, was fie nicht gethan haben, oft mehr gelo-
bet, als wegen deffen, was fie gethan haben, und fie
durch diefe Lobfprüche der Mühe überhoben, fie zu
verdienen.
Was mir in der ganzen Gefchichte des Guſtavs
am feltfamften vorkoͤmmt, find die weifen und philofos
phifchen Betrachtungen über die Eroberer, die man
ihm zufchreibt. Man’ follte glauben, daß Socrates
fie gemacher hätte, und Guftav hätte billig zu dem
Verdienfte, fie gedacht zu haben, auch noch den Ruhm
hinzufügen follen, fie auszuüben. Das Uebel, fo er
dem Haufe. Defterreich zugefüget hat, hat Schweden
nicht glücklicher gemacht. Mir ift außer dem Czaar
Meter fein Prinz befannt, deffen Eroberungen feinen
| Unterthanen. vortheithaft gemwefen; und doch würde
es in der Moral noch erſt zu entfcheiden ſeyn, ob ein
Prinz, um die Glückfeligfeit feiner Unterthanen zu
Ben, berechtiget ſey, ſeine Nachbarn unglücklich zu
ö 95 machen.
346 Anmerkungen über Chriſtina,
machen, : Um die Ruhe des deutſchen Reiches zu ver.
ſichern, und das oͤſterreichiſche Haus zu demuͤthigen,
war es nicht nothwendig, daß Guſtav in einem Jahre
zween Deittheile von Deutſchland anfiel, und feine
Allürten fo eiferfüchtig und argwoͤhniſch machete, daß
ihm Ludwig der Dreyzehnte eine Zufammenfunft ab»
- Schlagen mußte, wobey der König von Schweden alle
Ehre allein würde gehabt haben. Guſtav behau—⸗
ptete mit Recht, daß unter den Königen Fein anderer
Unterfchied ftatt findet, als der. Unterſchied des Ber:
dienſtes; aber das vornehmfte Verdienſt eines Mo—
narchen iſt die tiebe zu den Menfchen, zu der Gered):
tigkeit, und zum Trieden. Die Könige, die nichts -
als Macht, oder die fetbft nichts als Tapferkeit befi-
tzzen, ſind ihren Hofleuten immer die erften von allen
FKönigen, und dem Weifen die niedrigften. »
Nachdem diefer Prinz, wie befannt, inder Schlacht
bey Lügen Durch einen fo fonderbaren Schuß getoͤdtet
ward, daß man auch ein Geheimniß darunter gefucher
bat, folgte ihm Chriftina in der Regierung. In
dem Plane, den der Canzler Oxenſtirn von der Re—
gierung entwarf, bemerfet man einen Widerwillen
gegen die defporifche Negierungsart, der dem Anden,
fen eines Ministers Ehre macht, Er feheine fich für
eine Kegierungsart zu erflären, die aus der monar:
hifchen und republikaniſchen zufammengefegt iſt; und
ich Fann nicht läugnen, daß diefe Regierungsform
nicht viele wichtige Vortheile Haben follte, ohne jedoch
die Eüßliche Frage zu berühren, welches die beite Re—
gierungsform fen, die man nach der Berfchiedenbeit _
des Clima, der Sage, der Umſtaͤnde, Des Genies der
Könige und der Völker verfchieden beantworten Fann.
Aber
Koͤniginn von Schweden. 247
Aber man kann einen fo aufgeklärten Mann, ale Iren.
ſtirn war, nicht in dem Verdachte halten, daß er, wie ei⸗
nige vorgeben, der ariſtocratiſchen Regimentsform den
Vorzug gegeben, von der das Recht der Natur und
— ——— —— daß ſie die ſchlechteſte von
allen ſey.
Diejenigen, Denen * Erziehung der Chriſtino ante
vertrauer wärd; harten Befehl, ihr frühzeitig Die Lehre
einzufloͤßen, daf fie ihr ganzes Vertrauen nicht einer
Perſon allein zuwenden ſollte; eine Maxime, die ohne
Zweifel an und fir ſich ſelbſt vortrefflich ift, aber die
fo viel Prinzen nur gar zu ſehr gemisbrauchet haben,
indem ſie gegen das Laſter und die Tugend gleich mis»
trauifch gemwefen, niemals guten Rath angenommen,
und ſich für klug und ftandhaft gehalten haben, da fie
doch nichts als halsſtarrig waren. |
Chriſtina zeigete ſehr früh: einen Durchdringenden
Verſtand. Man verfichert, daß fie von ihrer Kind»
heit an ven Thucydides und Polybius im Örundterte
gelefen,und fehr wohl Darüber geurtheitet habe, Man
hätte beffer gethan, wenn man ſie die Menfchen, ans
ſtatt der griechifcyen Autoren, hätte kennen gelehret.
Die wahre Philoſophie iſt einem Prinzen noch noth:
wendiger, als die Gefchichte; ich nehme die Gefchichte
der Bibel aus, worauf fie, nach dem Verlangen der
fh wedifchen Stände, fehr viel Zeit wenden follte, weil.
diefelbe, wie fie ſich in einem befondern Memoire aus:
drüden, die Duelle aller andern Hiftorien iſt. Man
muß Die Stände loben, daß fie in verfchiedenen Stel»
len diefes Memoire darauf dringen, daß man der
jungen Königinn die Gründe der Religion beybringen
| file; ; aber es ſcheint, als wenn alle andere Vorwuͤrfe,
zum
343 Anmerkungen über Chriſtina,
zum Vortheile diefes einzigen, ein wenig zu fehr:ver- ·
geffen worden: die Folge zeigete, daß man fie nicht
hätte verfäumen follen,
Sch will mich in feine umftändliche Ersähtung,
weder der Minderjäprigfeit der Ehriftina, nod) ihres
Bejeigens gegen Frankreich einlaffen, nachdent fie die
Regierung felbft übernommen hatte; ich will aud)
nichts von ihren Beſchwerden über ihre Allüürte, noch
von den Klagen erwähnen, die ihre Allürten ver:
muthlich auch über fie führeten. Es gefchieht in die.
fen Umftänven oft, daß alle auf einmal’ Flagen, und
nicht felten haben alle Recht. Diejenigen, die es
unternehmen, dieſe politifchen Händel aus einander zu
fegen, fcheinen mie mehr bemundernswerth, als nach:
ahmlich zu fenn: aber es fcheint, als wenn die Schmwie
rigkeit, die Wahrheit öffentlicher Begebenheiten, die
fi vor unfern Augen zutragen, genau zu wiffen, Die:
jerigen fehr vorfichtig machen follte, Die es wagen,
“Begebenheiten und geheime Intriguen zu entwickeln,
die zwifchen zwo oder drey Perfonen vor hundert
Jahren vorgegangen, und deren Gefchichte durch die.
‘jenigen, fo die vornehmfte Rolle gefpielet haben, viel-
leicht fehr verfchieden würde erzähler feyn.
Ich werde alfo über alle diefe Begebenheiten, ein
Fluges und richtiges Stillſchweigen beobachten. Ich
babe nur diefe Schrift, die befondere Geſchichte der
Chriftina, und nicht die Geſchichte ihrer Regierung
zum Augenmerke, und ich betrachte fie bloß darum, ei
nen Augenblick als Königinn, um fie hernad) in ih»
rem Privatleben defto beſſer und * zu be
trachten.
Fuͤr
Königinn von Schweden. 349
Fuͤr nichts iſt man der Chriſtina mehr Dank
ſchuldig, als fuͤr die Achtung, die ſie dem beruͤhmten
Grotius bezeigete. Dieſer Mann, der durch ſeine
Schriften beruͤhmt iſt, deſſen groͤßtes Verdienſt aber
darinn beſteht, daß er der Freund des Barneveldts
und der Vertheidiger der Freyheit feines Baterlan-
des gewefen, hatte in Frankreich vor der Verfolgung
der Gomariften Schuß und Sicherheit gefucht ; er
misfiel dem Cardinal von Richelieu, weil er ihm in fei-
nen gelehrten Gaben nicht fehmeichelte. Denn alle»
zeit muͤſſen fid) die größten Männer den andern
Menfchen durch eine oder die andere Schwachheit
nähern. Es fhmeichelt der menfihlihen Bosheir,
wenn fie den Cardinal von Richelieu mitten in feinem
Glücfe und Ruhme betrachtet, und fich zugleic) vor«
ſtellen kann, daß er fich eben fo über den Grotius be»
ſchweret, als ſich Philaminte in den gelebrren Wei⸗
bern über den Clitander beflager *; Er weiß
es, daß ic) Ichreibe, und doch bat er mich nie⸗
mals geberben, ihm etwas vorzulefen. a
Der Beſchuͤtzer des Trauerfpiels !Yiyrame und
ber tyranniſchen Liebe, der. den Corneille zugleich
verfolgete, und belohnte, that nicht nur nichts für den
Grotius, fondern noͤthigte ihn fogar durd) fein verächtli.
ches Bezeigen, fi) nad) Schweden zu begeben; Gu⸗
ftav Adolxh nahm ihn dafelbft auf, und Chriftina,
die fein Verdienſt batd einfahe, ſchickte ihn als Am-
baffadeur nad) Frankreich zurück ; hiedurch fand fie
ein Mittel, auf eine Art, die ihrer würdig war, eis
nen
/
*II fait, que dieu merti, je me mele checrire & janai⸗
il ne m’a prie, de lui rien lire.
350 Anmerkungen über Chriſtina,
nen Mann’ von’ einem fd feltenen Berdienfte zu be
lohnen, die Holländer zu demuͤthigen, die fie nicht
liebte, und dem Eardinal eins zu verfegen, über den
fie, ihrer Meynung nach), Urfache hatte, fidy zu bes
ſchweren. Grotius alfo, den fein Berdienft, die Un—
biegfamfeit feines Charakters, und die ausdrücklichen
Befehle der Chriſtina von aller Art des Machgebens
entfernten, genoß das Vergnuͤgen, einem Minifter,
der ihn verachtet hatte, als feines gleichen zu bege»
gnen. Es ift eine Ehre für die Chriftina, daß fie
vom Grotius, wie Die Nachwelt, gedacht hat; der
Beyfall diefer Röniginn war übrigens ju dem Ruhme
dieſes großen Mannes gar nicht nothwendig; aber
man muß es doch immer den Prinzen Dank wiſſen,
wenn fie gerecht find, und die beruͤhmten Männer ih»
rer Staaten Eennen, die oft ein jeder kennt, nur fie
nicht. Wenn Chriftina dem Grotius ‚aus feinem
andern Örunde,. als aus Eitelkeit, Achtung bezeiget
haͤtte/ fo muß man ie’ felbft für diefe Eitelfeit dan⸗
fen; wenn fie bey den Königen, wie bey andern
Menfchen eine Schwachheit ift, fo iſt es doc) wenig⸗
ſtens eine Schwachheit, die zu großen Dingen füh.
ref. , . i 37 1 N
Nach dem Siege bey Nördlingen, wo der Prinz
von Conde und Turenne an der Spiße der franzöfis
ſchen Krieggvölfer, Die Ehre der Schweden rächeten,
die einige fahre vorher an eben viefem Orte waren
gefchlagen worden, fehrieb Chriſtina dem Prinzen ei»
nen Danffagungsbrief: - Einige Gefhichfehteibet
geben vor, daß Diefer Prinz in feiner Antwort auf
diefen Brief geftanden habe, Daß er einen großen
Theil des Sieges dem Bicomte von Turenne verdan⸗
| : fen
SR Ban
Koͤniginn von Schweden. 331
fen muͤſſe. Wenn dieſes wahr iſt, ſo wuͤrde der
Prinz von Conde feinen Ruhm durch) diefes Geſtaͤnd⸗
niß bis. auf den höchften Gipfel gebracht ir aber
man findet in feiner Antwort nicht die geringite
Spur Davon. |
Man wird ſich nicht ——— daß Ehriftina,
die die Wiflenfchaften und die Kube eben fo fehr
liebte, als ihr Vater ten Krieg, den weftphälifchen
Friedensſchluß befchleunigte. Die Heftigkeic der
Minifter , ihre: Eiferfucht und ihr perfönlicher Haß
untereinander feßten diefem Frieden größere Schroies
rigfeiten entgegen, als die ungeheure Menge der An
gelegenheiten, die durch denfelben mußten ausgemacht
werden. Die ſchwediſchen Bevoliimächtigeen, die
+
eben fo uneinig unter ‚einander waren, als die fran-
zöfifchen,, waren der Graf Oxenſtirn, ii Sohn des
Großcanzlers. von Schweden, und der Hofcanzler,
Alder Salvius, Dererftere richtete ſich in allen Stuͤ⸗
cken nach dem Rathe ſeines Vaters, der der Chriſtina
misfiel, weil er ihr gar zu nothwendig war, und der
ſich bemuͤhete, den Friebensſchluß wider den Willen
der Königinn zu entfernen. Er glaubte, daß die
Forſetzung des Krieges den Schweden ruͤhmlich, und
zugleich ein Mittel ſeyn würde, Frankreich zu ſchwaͤ⸗
chen, das er als einen gefaͤhrlichen Freund fuͤrchtete, und
‚ben deutſchen Protenſtanten Vortheile zu verſchaf⸗
fen. ‚Er ſchrieb an feinen Sohn, der ſich vor dem
Labyrinth der Geſchaͤffte ſcheuete: Weißt du denn
„nicht, mein Sohn, wie wenig das Geheimniß die
a zu:bewegen und zu Ienfen-auf.fich hat. „,
Salvius, der Gehülfe des Orenftirns, der von
ea gefelligen; Charakter war, hatte das ganze Ver⸗
2 frauen
352 Anmerfungen über Chriſtina,
trauen und die Gewogenheit der Königinn. Uebri—
gens war diefer Salvius nicht ohne alle Verdienfte;
Chriſtina, die, wie alle Prinzen, lieber fahe, daß man
ihr fehmeichelte, als daß man ihr diente, war indeflen
doch aufgeklärt genug, um Die Ehre ihres Berftans
des und ihren wahren Wortheil ihrer Kigenliebe
nicht ganz und gar aufzuopfern, da fie den Salvius
zum ſchwediſchen Senator machte, ob er gleich nicht
von einer Familie abftammte, die zu diefer Würde
edel genug war, hatte fie im Senat eine Rede gehals
ten, die alle Könige auswendig lernen follten, „Wann
„es darauf ankoͤmmt, einen guten und flugen Kath
„zu ertheilen, fo frage man nicht nad) fechszehn Ah»
„nen, fondern nach Dem, was man zu thun hat. Sal⸗
„vius würde ohne Zweifel ein Mann von Fähigkeit
„ſeyn, wenn er von einer großen Familie wäre.
„Wenn die Rinder der großen Häufer Fähigkeit beſi⸗
„gen, fo werben fie, wie Die andern, ihr Glück machen,
„ohne daß ich mich jedoch auf fie allein einfihränker
„will. , Wenn Salvius nur ein mittelmaͤßiger
Kopf war, fo hätte Chriftina ohne Zweifel dieſe
Worte bey einer befjern Gelegenheit anwenden fols
ten. Indeſſen ift fie zu loben, daß fie Verftand ge
nug gehabt hat, fie zu — und Muth genug, ſie
zu ſagen.
1648. Dieſer fo * gewuͤnſchte weſtphaͤliſche
Frieden ward endlich geſchloſſen, und zwar zum Ver⸗
gnuͤgen der meiſten theilnehmenden Maͤchte, aber
zum größten Verdruſſe des Innocentius des X. Die⸗
ſer Pabſt haͤtte gern in dieſem Frieden zwey Vor⸗
theile finden mögen, die nicht mit einander beftehen
fonnten, Die Gmnsthianug: des öfterreichifchen *
es,
|
RKoͤniginn von Schweden. 3
ſes, die er. als ein weltlicher Prinz verlangte, und die
Demüthigung der deurfchen Proteftanten, die er als
Pabft wünfchte ; er gab eine Bulle heraus, worinn
er der Ehriftina den Titel einer ſchwediſchen Köniz
ginn weigerte, vermuthlich um fie dafür zu beftrafen,
daß fie gar zu vielen Einfluß in dag Friedenswerf
gehabt hatte. . Eme folche Unternehmung würde im
zwölften Jahrhunderte fehr gut gewefen feyn, da die
Prinzen noch glaubten, daß fie der Bullen und des
Gegenfprechens nöthig harten, um Prinz zu feyn ;
aber fie fam fuͤnfhundert Jahr hernach viel zu ſpaͤt.
Der Nuncius ließ zu Wien die Bulle ſeines Herrn
anſchlagen, der Kaiſer ließ ſie abreißen, Innocentius
ſchwieg ſtille, und niemand Dachte mehr daran.
Die Liebe zur Freyheit bewog die Chriſtina, alle
Parteyen auszuſchlagen, die ſich ihr anbothen, ob
gleich einige darunter ſehr vortheilhaft waren, und
die Schweden ſie drungen, ſich zu verheirathen.
Einige ihrer Unterthanen ſchrieben ihr fo gar bey die»
fer. Gelegenheit in langen Briefen, alle die allgemei⸗
nen Säße, Die man fich leicht vorſtellen fann, und
die ich. mich wohl hüten werde, hier anzuführen. Der
König von Spanien, Philipp der IV. war einer-von
den Freyern der Könginn, er ließ aber diefen Gedan.
fen bald fahren, weil er beforgte, daß er durch dieſe
- Verbindung würde gezwungen werden, den Proteflane
ten nicht mehr als Kegern zw begegnen. : Bon allen
Prätendenten ließ es fich Feiner mehr angelegen feyn,
als Karl Guſtav, ein Vetter der Röniginn, und Pfalz:
graf, dem fie ſchon in ihrer Kindheit beftimmt war:
die Königinn war eben fo taub gegen ihn, als gegen
feine Nebenbuhler. Allein, es fey nun, daß er ihr,
13 Band. 3 weni.
354 Anmerkungen uͤber Chriſting,
‚weniger zuwider war, oder. daß fie ſchon damals den
Vorſatz gefaßt hatte, die Negierung niederzulegen,
fie brachte es endlich ‚fo. weit, daß ihn die Strände für
ihren Nachfolger ertläreten, und man Fann fagen, daß .
fie durch diefen Prinzen dem fehmedifchen: Reiche ein
Gefchenf maihte. Durch dieſe Handlung erhielt fie '
auf einmal ihre Freyheit, verficherte die Ruhe von’
Schmeden, und Fam dem Ehrgeiz einiger fehwedifhen
Familien zuvor, die nad) ihrem Tode die Krone hät
ten koͤnnen ftreitig mahen. Man wies dem Carl
Guftav ein gemwifles Einfommen zur Unterhaltung
feiner Hofftaat an, aber die Königinn fagte, es fen
ein Öeheimniß, der Föniglichen Samilie, y niemale eis
nem Erbprinz $ändereyen einzuräumen; ein Geheim⸗
niß, das gewiß diffen Namen nicht verdiener, und
das allezeit ein Grundſatz aud) der einfältigften defpos
tiſchen Prinzen geweſen. Aus eben dem Grunde enes
fernte Chriſtina den Prinzen Carl Guftav‘allezeit, ſo
viiel nur möglich war, von den Keichsgefchäfften, fo
lange fie vegierte; ob fie gleich die Regierung nicht
liebte, fo konnte doc) ihr unabhängiges Genie: nichts
leiden, was fie einfchränfen Fönnte, fo Lange fie —
noch verwalten wollte.
Be Um diefe Zeit trugen ſich die ———
Unruhen zu, der Schleudererkrieg; dieſer Krieg, der
mehr durch Das laͤcherliche, das auf ihm haftet, als
. Durch die übeln Folgen berühmt ift, Die er nach ſich
zu ziehen fchien, die Verbannung des Mazarins, ſei⸗
ne Zurück£unft, feine abermalige Verbannung, die
Gefangennehmung der die laͤemenden Ver⸗
ſamm⸗
*
—8 "du ; =
= , N . \
Koniginn von Schweden. 355
ſammlungen des Parlaments, das damals aufrüße
rifch und in der Folge bürgerlich gefinnet war, De⸗
crete gab, wenn man Schlachten lieſerte, und wider
. ganze Armeen gerichtlichellnterfuchungen anftellte,Eurz,
alle die tragicamifchen Begebenheiten, die unfere Ma»
tion fo gut ſchildern. Die Meigung zur Ruhe, die
Furcht, daß diefer bürgerliche Krieg einen auswärs
tigen veranlaffen möchte, und vielleicht der Geſchmack,
den diefe Prinzeßinn noch immer an dem Prinzen
von Conde fand, bemogen fie, an diefen Unruhen
Theil zu nehmen‘; fie ſchrieb an Die Königinn, Anna
von Oeſterreich, an den Herzog von Orleans, an die
Prinzen, und felbft an das Parlament, Briefe, die
Feine andere Wirkungen hatten, als daß fie ihrem:
Geſandten von dem franzöfifchen Hofe Klagen, und
von ihrer Seite Verweiſe zuzog, ob er gleich weiter
nichts gethan hatte, als was ihre “Befehle ihm vor«
fehrieben. Die Staaten gleichen in ihren bürgerli»
chen Streitigkeiten den Privatleuten, fie wollen nicht,
daß fich Fremde darein mifchen follen. Aber diefe.
Unruhen, die ohne Ehriftina entftanden waren, en⸗
digten fich auch bald ohne ihre Vermittelung. Das
Parlament, das im Begriffe ftand, fich mit diefer
- Prinzeßinn in Unterhandlung einzulaffen, ward nach
Pontoiſe verbannt, und war noch glüdlich genug, da’
es wieder zurüc kam, um eben den Cardinal zu com⸗
plimentiren, auf deſſen Kopf es einen Preis geſetzt |
hatte. Der Prinz von Conde, der zu den Spaniern
- geflohen war, verlor alles, außer feinen Ruhm, und
- Mazarin blieb bis an feinen Tod, Herr Ron
‚des Königs une des Staats,
N 32 | 1650,
J
356° Anmerkungen über Chriſtina,
1650. Die Liebe, die Ehriftinafür die beruͤhmten
Männer hegte, oder die fie wenigftens für. fie bezei·
gen wollte, erregefe | bey ihr den Wunſch, den beruͤhm⸗
ten Deecartes an ihren Hof zu ziehen, dieſen Wies
derberfteller der Philofopbie, der in Frankreich, feinem.
- Baterlande, unbefannt war, weil er fich mehr um
die Wiffenfchaften, ale um fein Gluͤck befümmerte,
den man zu Rom unter die Fegerifchen Schriftiteller
gefeßt hatte, weil er über die Bewegung der Erde den
aftronemifchen Beobachtungen mehr ‚Glauben zus-
ftelite, als den Bullen der Päbfte, und der in Hola
land verfolgt ward, weil er andie Stelle des Ge⸗
ſchwaͤtzes der Scholaftifer die — * Methode zu phi⸗
loſophiren geſetzt hatte. Chriſtina, die einige Schrif⸗
* dieſes Philoſophen mit Vergnuͤgen geleſen hatte,
ließ ihm einige von denen moraliſchen Fragen vorle⸗
gen, womit ſich die Philoſophen ſchon ſo lange be⸗
ſchafftiget haben, ohne daß fie entſchieden find, und
ohne daß die Menſchen dadurch gebeſſert worden.
Unter andern follte er entſcheiden, welches das hoͤchſte
Gut ſey, das Descartes in den rechten Gebrauch
des Willens ſetzte, und zwar, wie er ſagte, aus dieſer
Urſache, weil die Guͤter des Leibes und des Gluͤcks
nicht von uns abhaͤngen; als wenn der richtige Ge»
brauch unfers Willens weniger als alle übrigen Din⸗
ge dem allmächtigen Weſen unterworfen wäre. Diefe
Auflöfung, die allem Anſehen nad), niemals einen Un⸗
glücklichen weniger inder Welt machen wird, gefiel der
Chriſtina fo gut, daß fie eifrig wuͤnſchte, den Urheber
derfelben zu fehen,den fie für einen der gluͤcklichſten Men⸗
ſchen hielt, und deffen Zuftand fie am meiften beneir;
dere. Sie trug es dem n frangöf ſchen Ambaffadeur
am
Koͤniginn von Schweden. 337
am ſchwediſchen Hofe, Herrn Chanut, einem Freunde
des Philoſophen auf, ihn dazu zu bewegen, wobey er
aber anfaͤnglich viele Schwierigkeiten fand. Die
Verſchiedenheit des. Clima war eine von den wichtig—
ſten Urſachen, warum Descartes ſich zu dieſer Reiſe
nicht entſchließen wollte. Er ſchrieb ſeinem Freun⸗
de, „daß ein Mann, der in den Gärten von
„Touraine geboren wäre, und fich in ein fand be»
„geben, morinn zwar in der That weniger Honig,
„aber vielleicht mehr Milch fey, als in dem gelobten
Lande, fich nicht leicht entſchließen Fünne, daſſelbe zu
verlaſſen, um in dem Baterlande der Bären , zwi—
Iſchen Felfen und Eis zu wohnen. „ Diefer Grund
war für einen Weifen fehr bündig, dem feine Gefund«
beit nicht Foftbar genug feyn kann, weil es eines von
denen Gütern ift, Die von den andern Menfchen nicht
abhängen. Aber follte man nicht glauben dürfen,
daß Descartes, der die Einſamkeit liebte, und die
Wahrheit nach feiner Bequemlichkeit fuchen wollte,
ſich ein wenig gefürchtet Habe, dem Throne nahe zu -
kommen? Ein Prinz mag noch fo fehr ein Philos
foph feyn, oder es wenigftens fern wollen, fo giebt
ihm doch die Fönigliche Würde einen unauslöfchlichen
Eharafter, der allezeit diejenigen, die fich ihm nähern,
wenn man fo fagen darf, ein wenig zuruͤcke ſtoͤßt, und
der Philoſophie unbequem und beſchwerlich ift, fo fehr
fi) auch) der Monarch bemühen mag, fie zu beruhigen
und dreufte zumachen. Der Weile fürchtet die Prin⸗
zen, ſchaͤtzt fie zuweilen hoch und flieht fie beftändia*.
33 Mir
* Wenn diefe Regel Ausnahmen leidet, mie glücklich iſt
alödenn der Monarch, zu deffen Vortheile man diefe
Auss
#
358 Anmerkungen über Chriſting,
⸗
Wir ſind fuͤr uns beyde ein gnugſam großer
Schauplatz, ſchrieb Descartes an einen Philoſo⸗
phen, wie er war, den er erſuchte, feine Einfamfeit
mit ihm zu theilen, zu einer Zeit, da man fid) bemuͤ ·
bete, ihn Daraus zu ziehen.
Indeſſen, da felbft die Siebe zur Freyheit den. ir N
nigen nicht widerftehen kann, wenn fie anhalten, ſo
gieng Descartes nicht lange hernach nach Stockholm,
und zwar, wie er ſelbſt ſagte, mit der Entſchlieſ—
fung, der Königinn nichts von feinen Gedanken zu
verbergen, oder wieder zurück zu gehen, um in ber
Einfamfeit zu philofophiren. Man fieht aus feinen
Briefen, daß er mit dem Empfang der Königinn fehr
zufrieden mar, fiefprach ihn von allen den Beſchwer⸗
lichkeiten der Hofleute frey, aber es geſchahe bloß um
ihm, der Gewohnheit nach, andere dafür aufzulegen,
die feine Lebensart gänzlich, umkehrten, und die ihn,
nebft dem ftrengen Elima, nach Verlauf von vier Mo:
naten, ins Grab brachten. Descartes fand bey Der
Chriftina viel Verftand und Scarffinnigfeit. Es
fcheint aber doch, daß der herrſchende Gefchmac des
Philoſophen fters für die unglücliche pfälzifche Prins
zeßinn, feine erfte Schülerinn, gemefen ; es ſey nun,
Daß die Unglückefälle, die er felbft ausgeftanden hatte,
feine Neigung zu ihr verdoppelten, oder daß er mehr
Einficht, oder auch nur mehr von derjenigen Geleh»
rigfeit bey ihr angetroffen, die für das Haupt einer
die erfte Sufbigung ift; fo viel ift gewiß, * |
dieſer
Ausnahme macht! Socrates, der von dem Anytus vor
dem Areopagus angeklaget ward, würde zum Marcus
Aurelius feine Zuflucht genommen haben, wenn er zu
feiner Zeit gelebet. hatte. Ä
Königin von Schweden. 330
dieſer Geſchmack, den er vermuthlich blicken ließ, die
Chriſtina ein wenig eiferſuͤchtig machete. |
© "Descartes, der aus tiebe zur Philofophie, nicht nur
dem Gluͤcke, fondern auch allen andern Wiffenfchaften
abgefaget hatte, und der von allen andern Arten des
Ehrgeizes, welche die Menfchen beunruhigen, nur den
Ehrgeiz der Philofophen behalten hatte, nämlich das
Verlangen, daß man feine Meynungen und feinen
Geſchmack allen andern Arten des Studiereng vorzier
then möchte, misbifligte es, daß Chriſtina ihre Zeit
- + zwifchen der Philoſophie und der Sprachwiſſenſchaft
theilete. Es war ihm mitten unter der Menge von
‚Gelehrten nicht recht wohl zu Muthe, momit Chri-
ftina umgeben war, und die den Fremden Anlaß gab,
zu ſagen: Schweden würde. bald von Grammatifern
beherrſchet werden. Er unterftand ſich fogar, der
- Königinn deswegen Borftellungen zu thun, die fo frey
und ſtark waren, daß er ſich auf ewig mit dem grie—
chiſchen Sprachmeifter der Königinn überwarf, naͤm—
lich dem gelehrten Iſaac Voßius, diefem Gottesge—
lehrten, der zugleich fo wenig andächtig und fo aberglaͤu⸗
bifch war, von welchem der König von Enngelland, Carl
‘der II, fagete, daß er, außer der Bibel, alles glaube,
Wenn diefe Borftellungen des Cartefius die Röniginn
niche abhielten, Griechiſch zu lernen, fo brachte doch
auch die Freyheit, fo er fich genommen hatte, Feine
Veränderung in den Öefinnungen hervor, die fie gegen
ihn hegete, Sie brach ihrem Schlafe die Stunden
‚ab, die fie ihm widmete; fie wollte ihn zum Dire
cteur einer Akademie machen, welche fie willens war,
aufzurichten. Kurz, fie bezeugete ihm fo viele. Ach»
tung, daß man vorgiebt, die ſtockholmiſchen Gram⸗
= | 34 matis
%
360 Anmerkungen uͤber Chriſtina, |
matifer hätten ven Tod des Philofophen durch Gift
beſchleuniget. Aber diefe Art, fich feine Feinde vom
Halſe zu fchaffen, fagt Sorbiere, iſt eine Ehre, welche
die Gelehrten den Großen nicht beneiden.
Indeſſen, fo viele Achtung Chriftina gegen die Phi:
lofophie des Descartes bezeugete, fo iſt es doch nicht
wahrſcheinlich, daß fie ihn, wie einige vorgegeben ha«
‚ben, i in Staatsfachen zu Rathe gezogen habe. Da
fie in der beften Staatsfchule von Europa,dem ſchwe⸗
diſchen Senate, erzogen war, fo Eonnte fie wohl Eeinen
Beyſtand von einem Manne erwarten, deffen Kennts
niß der Menfchen nur in der Theorie beftund, der
Durch feine Aufführung in Holland gezeiget, wie we⸗
nig er. mit ihnen umzugehen wüßte, und den eine Ein=
ſamkeit von 30 Jahren gewoͤhnet hatte, nichts zu ſcho⸗
nen. Man bat fogar vorgegeben, und vielleicht nicht
ohne Grund, ‚daß fie für Die-Meynungen des Des
cartes eben fo wenig Eifer bezeuger habe, alg fie Ach«
fung gegen feine Perfon habe blicken laffen, und daß fie
feine andern Vortheile aus den Studien der Philoſo⸗
phie gezogen, als daß fie uͤberzeuget worden, die alten
Thorheiten wären wohl fo gut, als die neuern.
Chriſtina befam in- ihrem Neiche bald wichtigere
Gefchäffte, als die Erlernung des Griechifchen, der
angebohrnen Begriffe und der Wirbel, Der Ent.
ſchluß, den fie gefaffet hatte, ſich nie zu verheirathen,
beunruhigte das Bolf, das ſich fürchtete, es möchte
ihm an Herren fehlen. Die Erfchöpfung der öffent:
lihen Einkünfte, die durch ihre Verſchwendung gang
in Unordnung gerathen waren, erwedten ein allgemei-
nes Misvergnügen; und damals Fam fie zum erften
male auf die Gedanken, die Regierung Re
| Sie
Roͤniginn von Schweden. ° 361
"Sie begab ſich in den Senat, eröffnete ihr Vorhaben,
"und gab dem Prinzen Carl Guſtav ſchriftlich davon
‚Nachricht. Diefer Drinz war geſchickt genug, um
fic) zu verſtellen, und da er vielleicht beforgere, daß
die Königinn ihren Nachfolger in eine gefährliche
Berfuchung führen wolle, fo verwarf er Die Anerbie.
thungen der Chriftina, batd Gott und das ſchwedi⸗
ſche Reich, die Koͤniginn noch lange zu erhalten, und
pralete ſehr mit Geſinnungen, die er gar nicht hatte.
Die Einſamkeit, zu der dieſer Prinz ſich zwang, nach⸗
dem er die Thronfolge angenommen hatte, feine Vor⸗
ficht, fih vom Hofe zu entfernen, kurz, die Behutſam⸗
feit, die er in allen feinen Reden und Handlungen bes
‚obachtete, waren aud) für die Blödfinnigften Beweiſe
‚von feiner Begierde, zum Throne zu gelangen. Er
fehmeichelte fich vieleicht mit der Hoffnung, da der
Senat die Abdanfung der Chriftina annehmen, und
ihm das Vergnügen, zu regieren, werfchaffen würde,
ohne daß er den Ruhm der Beſcheidenheit verlöre,
Allein, er betrog fich in feiner Hoffnung. Vielleicht
hatte Chriſtina diefen Schritt nur darum gethan, um
ihre misvergnügten Unterthanen zu beruhigen, und
fih durch ihre Einwilligung von neuem auf dem
Throne zu befeftigen, oder vielleicht hatte fie auch ge⸗
dacht, Daß eine foiche Entfchließung von den fremden
Mächten als eine herdiſche und den größten Philofo-
phen würdige That würde angefehen werden, und hatte
hernach erfahren, daß man diefelbe nicht billigte, oder
vielleicht wollte fie den Thron aus Eigenfinn behal⸗
ten, den ſie aus Eitelkeit verlaſſen wollte; dem ſey, wie
ihm wolle, genug, ſie gab dem Anſuchen ihrer Unter⸗
| Hr nach, oder ſtellete fich wenigftens po.
35 1652.
362 Anmerkungen über Chriſtina,
1652. Chriſtina ſchrieb das Jahr darauf an den
Herrn Godeau, Biſchof von Venece, von dem wir ſo
viele Verſe und fo wenig Gedichte haben. Dieſer
Praͤlat hatte ſie in ſeinen Briefen gelobet; die Koͤni⸗
ginn antwortete ihm darauf: daß die Fraͤmoſen, die
zu leben wuͤßten, ſo ſehr an die Lobſpruͤche gewohnt
waͤren, daß ſie ſich nicht unterſtuͤnde, uͤber eine ſo all⸗
gemeine Gewohnheit zu klagen, fie ſey ihm vielmehr
\
dafiir verbunden. Es fcheint, daß eben dieſer Praͤ⸗
lat in feinem Briefe einige Begierde hatte blicken laſ⸗
fen, die Königinn zu befehren. Indem fie dem Bi:
ſchofe für feine gute Abfiche danket, wuͤnſcht ſie zugleich,
daß er ſo, wie ſie denken möchte, und fcheint ſich zu
verwundern, wie man ſo aufgeklaͤrt ſeyn koͤnne, ohne
ein Lutheraner zu ſeyn. Eben ſo wenig katholiſch
zeigete ſie ſich in dem Briefe, den ſie um eben dieſe
Zeit an den Prinzen Friedrich von Heſſen ſchrieb, um
ihm abzurathen, katholiſch zu werden. Dieſe beyden
Briefe ſollten von einer Prinzeßinn ſehr wunderbar
ſcheinen, die ein Jahr darauf die katholiſche Religion
annahm; wenn man nicht wuͤßte, wie wenig Zeit die
Menſchen brauchen, um ihre Meynungen und ihren
Geſchmack zu ändern. Ein proteftantifcher Schrift.
ſteller, der dieſer beyden Briefe erwaͤhnet, bemerkt
mit mehr Bosheit, als Witz, daß die Gnadenſtunde
damals noch nicht gekommen ſey: mit mehrerem
Grunde koͤnnte man ſagen, daß Chriſtina damals von
den Geiſtlichen noch nicht genug gequaͤlet worden, um
ihre Lehren zu verabſcheuen. Denn ſo unglaublich
ungerecht ſind die Menſchen, daß ſie den Haß, den
ſie gegen die Prediger einer Religion hegen, ungemein
leicht in einen Haß der Religion of verwandeln.
Fänge
Koͤniginn von Schweden 363
Faͤngt man an, fih von ihnen zu trennen, fo wird -
dasjenige gleichgültig, fo vorher ehrwürdig war; und
misbrauchen diefe Lehrer gar ihre Gewalt, fo höret
dasjenige, was gleichgültig war, bald auf, es zu feyn,
-Diefe Art zu denken ift ohne Zweifel weder billig,
noch ‚gründlich, wenigftens wenn es auf die wahre
‚Religion ankoͤmmt; aber. die Seidenfchaften ſchließen
ſo, man muß ihnen eben fo behutſam, als einem Kran⸗
Een begegnen ; und das ficherite Mittel, die Menfchen
‚zu lehren gerecht zu ſeyn, iſt deſes, wenn man Rule,
‚gegen fie gerecht zu ſeon. - |
- Wenn man übrigens die Gründe ſebbſt unterſucht,
die Chriſtina dem Prinzen von Heſſen vorlegt, um
ihn zu bewegen, bey ſeiner Religion zu bleiben; ſo iſt
es ſehr leicht einzuſehen, daß ſie gegen die ihrige ſehr
gleichguͤltig war. Ob ſie gleich eine Lutheranerinn
war, und folglich von der reformirten Religion eben
fo weit entfernet war, als von der katholiſchen, fo er⸗
‚mahner fie doch diefen calwinifchen Prinzen, feine Re⸗
ligion nicht zu veraͤndern. Sie ſcheint die dumme
Heftigkeit zu verachten, mit der Leute, die ſich doch
fuͤr weiſe ausgaben, ſo viel von Dingen geſchrieben
haben, die man doch nur glauben muß. „Ich uͤber⸗
Zlaſſe es denen, ſchreibt fie, die ihr Hauptwerk aus
„den Streitfragen machen, fih nad) ihrem Gefallen
die Hälfe zu brechen. ,, Sie legt dem Prinzen von
Heſſen feine andere Gründe vor, als die von der Ehre
der Beſtaͤndigkeit, und von den Vortheilen feines
Hauſes und feiner Staaten hergenommen find; Grün.
de, Die in der That nicht würdig find, -in den Angeles
„ genheiten der wahren BIN zu Rathe gezogen zu
‘ — Were
364 Anmerfungen über Chriſtina,
werden, die aber mehr nach der Eitelkeit und Schwach⸗
heit der Menſchen eingerichtet find.
Ihre Freygebigkeit, die aber ohne Einfi cht md.
verfchwentberifch mar, erwarb ihr bald die Lobfprüche
der ſchwediſchen und auswärtigen Gelehrten. Ihr
Geſchichtſchreiber zaͤhlet derſelben zweyhundert, die
aber itzund vergeſſen ſind, wie beynahe alle die Lbes⸗
erhebungen, die man den Prinzen bey ihrem Leben ge⸗
‘geben hat. Die Sobrede des jungen Plinius.auf den
Trajan, die im Rathe in Gegenwart des Kaiſers ge:
halten ward, ift fait die einzige, die uns übrig geblie-
ben ift; der Name des Redners, und der Begriff,
den ung fein Werf von der Beredtſamkeit der dama⸗
ligen Zeiten giebt, haben noch weniger zu ihrer Er⸗
haltung beygetragen, als die Tugenden des Prinjen,
der der Vorwurf derſelben war. Das Werk hat
nicht den Monarchen uniterblich gemacht, fondern der
Monarch ift die Urfache, daß das Werk bis auf die
Nachwelt gekommen ift; vielleicht wuͤrde dieſe Lob-
rede dem Trajan fogar fehädlich geweſen feyn, Hätte er
fie nicht fo fehr verdient, daß man die Schwachheit
vergißt, die er gehabt hatte, indem er fie anhörete, -
Ich übergehe alle Zeichen der Gemogenheit mit
Stillfehmweigen, die Chriftina dem Salmafius, diefem
fo gelehrten und unangenehmen Manne gab, der bey
feiner übrigen meitläuftigen Gelehrſamkeit auch ger
lernet hatte, Träume auszudeuten, ich will nichts von
‚dem Beſuch erwähnen, den Ehriftina bey ihm ab»
ſtattet, wo fie mit einander das Bud) von den Mit:
teln fich empor zu ſchwingen, (le moyen de parvenir
durchgeleſen, ich will aud) nichts von der Fauſtſchlaͤ
gerey des Herren Meibom und Bourdelot, noch von
anderr
goniginn von Shweden "365
* eben ſo einnehmenden Bibeln melden.
Ich uͤbergehe auch die Namen aller derer Gelehrten
in us, die Chriſtina in ihre Staaten zog, oder die
fie fon darinn fand, die Briefe, Die fie an fie
5 und ihre Antworten, kurz den ganzen Brief.’
wechſel, den Ehriftina fo wohl mit ihren Untertha-
nen, als mit Fremden führere. Sie hätte beſſer ge»
tban, wenn fie anſtatt fo viele Complimentenbriefe |
an die Gelehrten zu fchreiben, ein wenig mehr Wech⸗
feibriefe dem Nicolaus Heinfiug gefchickt hätte, dem
ſie aufgetragen hatte, Bücher, Manuferipre und Mes
daillen für fie zu Faufen, und der es niemals fo weit
bringen fonnte, daß er fein ausgelegtes Geld wieder
befam. Nichts ift fonderbarer,, als daß der Ge:
ſchichtſchreiber der Chriftina es unternimmt, fie in
diefer Abficht zu. rechtfertigen, und Daß er dem Hein.
fius ein Verbrechen daraus macht, daß er fich über
das Berfahren gar zu beftig beflaget hat. Die
Monarchen find es fo gewohnt, fich unter einander
zu bintergehen, aber es ift ihnen noch nicht erlauber,
den Privatleutin in biefem Puncte, wie ibtep gleichen:
zu begegnen.
Das merkwuͤrdigſte i in diefen Briefen, wovon wir
reden, ift das Anerbiethen, das Chriftina dem Scu-
dery that, wenn einem neuern Schriftfteller zu trauen
iſt, die Zufchrift feines Marichs anzunehmen, und
ihm noch ein anſehnliches Geſchenk dazu zu geben,
wenn er den gobfpruch des Herrn de la Gardie, der:
in die Ungnade der Königinn gefallen war, aus dies
\ fem Gedichte ausftreihen mollte; Scudery ant»
wortete auf Diefes Anerbiethen, daß er nie den Altar
Aeföhte, auf dem er geopfert. babe, ‚wegen ts.
ts; edlen
. / \ i “ *
366 Anmerkungen über Chriſting
edlen Antwort ſollte man wuͤnſchen, daß das Gedicht
Alarich beſſer ſeyn möchte, * welt;
- Unter den Gelehrten, die Chriftina aufnahm, fins
det man feinen einzigen Engländer. Diefe Nation,
die nach) der Zeit fo berühmt und fo fruchtbar an
großen Geiftern geworden, ward damals durch Ver«
wirrung und bürgerliche Kriege beunruhiget, die den
MWiffenfchaften eben nicht vortheilhafe find. . Sie
Hatte eben Carln den I. enthaupten laffen, und dachte
auf weiter nichts, als auf ihre Freyheit, ihre Ver⸗
größerung und ihre Handlung, Die Hinrichtung
diefes Prinzen machte damals viel Auffehen in
Schweden: Einige waren nicht übel damit zufries
den, wie der franzöfifche Ambaffadeur, Herr Chanur,
fagte, daß man ein öffentliches Beyfpiel habe, daß
ein König von England abgefegt worden, weil er den
Vergleich gebrochen, den er mit feinen Unterthanen
aufgerichtet hatte ; aber alle tadelten die ausſchwei⸗
fende Ungerechtigkeit und Wuth diefer Nation, Es
ift gar nicht wahrfcheinlich, daß Chriftina bey Anhoͤ⸗
rung diefer Meuigkeit die Worte gefage habe, die ihr
einineuer Schriftfteller in ven Mund lege: „Die
„Engländer haben Recht daran gethan, daß fie ih⸗
„rem Könige den Kopf, abbauen laffen, womit er nie⸗
„mals etwas gethan hat, Wie foll man dieſe
Worte mit dem Briefe vergleichen, den fie zu eben‘
diefer Zeit an den Sohn diefes unglücklichen Prin⸗
zen fehrieb, und worinn fie diefe That des blutduͤrſti⸗
gen Parlaments offenbar tadelt? Es ift viel wahre
fcheinlicher, daß der Abfcheu, den Ehriftina vor dieſer
That hatte, eine von denen Urfachen geweſen, wes⸗
wegen Chriſtina die Schließung des Tractats ver⸗
zogen
Koͤniginn von Schwede. 7 367
zögerte, ben der Ambaſſadeur des Erommels eben da»
mals am fehmwedifchen Hofernegociirte. -Diefer Ams
baffadeur, der nicht anders als mit vieler Mühe feine
Abſicht erreichete, beklagte fih, daß man ihn bey den
Audienzen von nichts als: von Philofophle, Bällen
und Luſtbarkeiten unterhielte, |
* Unter allen fremden Miniftern, die damals am
ſchwediſchen Hofe waren, war Feiner mehr bey der
Königinn gelitten, als der fpanifche Gefandfe, Pie
‚mentel. ‘Ben der erften Audienz, Die er bey der Koͤ⸗
niginn hatte, fprach er nicht ein Wort, und er geftand
ihr den Tag darauf, daß er vor der Majeftär, die aus
ihrer Perfon hervor:geleuchtet hätte, verftumme wäre,
Man Eann leicht denken, wie Chriftina diefe Worte
aufgenommen. . Pimentel, ver feine Sachen vers
ſtand, machte ſich diefen erften Vortheil zu Muse,
um. das Bertrauen der Königinn zu gewinnen; er
entdecfte bald in ihrem Charakter viel Siebe zu allem,
was neu war, viele Borurtheile für Diejenigen, die
zulest gefommen waren, und viel Neigung, ihre Ges
‚ beimniffe auszufchwagen, wenn fie einmal jemanden
ihre Gewogenheit zugewandt hatte. Die Gunft,
| worinn Pimentel bey der Königinn ſtand, war dem
fpanifchen Reiche nüglich, und erregte bey den Frans -
zofen und bey den Schweden feibft fo viel Verdacht,
\ daß die Königinn bald genoͤthiget ward, ihm feinen
Abfchied zu geben, 2
1654. Wir find endlich auf den Zeitpunct ges
kommen, da ‚Ehriftina die Regierung niederlegte
Dieſes Vorhaben, fo ſie bereits einige Fahre vorher
\ gehabt hatte, erwachte bey ihr mit folcher Heftigkeit,
| daß nichts: vermögend war, fie davon abzubringen.
—R | Es
#
bin zufrieden, wenn ich auch nur den Beyfall eines;
368 Anmerkungen tiber Chriftina, —
Es iſt wahrſcheinlich, daß der Ekel an den Geſchaͤff⸗
ten, und die Begierde, frey zu ſeyn, die vornehmſten
Gründe geweſen, welche fie Dazu bewogen. „Ich
„höre immer daffelbe, „ſagte fie, indem fie von den.
Gefchäfften- redete, „ich fehe wohl, daß ich mich den“
„Studien und dem Umgange der Gelehrten allein.
„überlaflen. muß. „, Es war ihr nicht anders, als
wenn fie den Teufel fähe, um mic, ihres eigenen |
Ausdrucks zu bedienen, wenn fie ihre Secretaire ins‘.
Zimmer treten fahe, um ihre eigene Depefchen zum
‚ Unterfchreiben zu bringen; und der Berdruß, dem ihr
die Regierungsgefchäffte verurfachten, flürzfe fie in
eine fo tiefe Schwermuth,, daß man beforgere,, ihr
Berftand würde darunter leiden. Cie meldete end»
lic) dem Herrn Chanut fehriftlich den Entſchluß, den
fie gefaßt hatte; die Neben, welche ihre Handlung
veranlaffen‘ möchte, fcheinen fie niche ſehr be—
fümmert zu haben. Ich bekuͤmmere mich nicht um »
das Plaudite , ſchreibt fie an ihn, ſchwerlich Fann ein
maͤnnliches und ftarfes Vorhaben allen gefallen, ich.
einzigen habe, und felbft diefen könnte ich noch ent:
behren. Wie angenehm wird es mir feyn, wenn ich
mid) erinnere, daß ich den Menfchen Gutes gethan
habe. Herr Chanut hätte ihr antworten Fönnen,
daß fie in: dieſem Falle noch nicht hätte aufhören‘
ollen. a 7,7 uhriR
r Man hat von der Abdanfung der Chriftina ſehr
verfchiedentlicy geredet; fie mürde viel allgemeiner“
gebilliget ſeyn, (ohne es vielleicht zu verdienen) wenn.
diefe Prinzeßinn, durch ihre Religionsveränderung,
die kurz hernach geſchah, nicht alle Zeinde —
| en
z
gontun von Schweden. 369 -
ſchen Kirche wider ſich aufgebracht haͤtte. Denn
uͤberhaupt iſt man ziemlich geneigt, die Monarchen
zu loben, welche die Regierung niederlegen; und man
hat ſo wenig Kenntniß von den unendlichen Pflichten
eines Regenten, daß man ſeine Abdankung als eine
ausnehmende Selbſtverlaͤugnung anſieht. Ich un:
terſtehe mich, zu fagen, Daß man ſich in feinem Ur⸗
theile nicht fo übereilen würde, wenn man dasjenige
genauer unterfuchen wollte, was der Name eines Mo-
narchen demjenigen auflegt, der ihn führer; er ift ein
geborner Sclave der Serechtigfeit und des Wohlſtan⸗
des, verpflichtet, die Gefege, Deren Befchüger er iſt,
vor allen andern und zuerft auszuüben, und er iftdem
Staate von allem dem Boͤſen, was unter feinem Na⸗
men gefchieht, und von allem dem Guten, was nicht
geſchieht, Kechenfchaft ſchuldig. Wie wenig $eute
würden Könige feyn wollen, wenn fie es mit der Be⸗
dingung feyn follten, in der That Könige zu feyn?
Wenn alfo ein Prinz die gehörigen Gaben zur Regie⸗
tung beſitzt, fo begeht er ein Verbrechen, wenn er fie
durch eine freymwillige Abdanfung unnüge macht.
Nichts koͤnnte ihn enefchuldigen, als wenn er fich emen
Machfolger verfchaffere, der feine Stelle vertreten
koͤnnte; aber außer daß ein folcher Nachfolger fo fel-
ten ift, fo haben einige Prinzen oft nach einem entge⸗
gengefegten Grundſatze gehandelt, weil fie nichts ale
ihren Ruhm, und keinesweges die Menfchen liebten.
In Abfiche auf die Könige, die nur aus Mangel der
\ Fähigkeit ven Thron verlaffen, fo thun fie weiter nichts,
als was ihre wefentliche Pfliche ift. Indeſſen befene‘
ne ich, daß es gemiffe Pflichten giebt, für deren Er.
Füllung man den Menſchen Dank ſchuldig iſt, wenn
13 Sand. Aa ſie
-
970 Anmerkungen über Chriſtina,
fie nämlich. durch diefe Erfüllung großen Vortheilen
-abfagen. Von dieſer Are ift die Pflicht, von der ich
rede, und ich würde gern darein willigen, daß man
die Prinzen lobete, welche die Regierung niedergelegt
haben, wenn fi: es darum gethan hätten, weil fie ſich
felbft Haben Gerechtigkeit wiederfahren laffen, und ihr
Unvermögen zu vegieren einſahen. Aber die meiften
haben nicht einmal den Bortheil, daß fie diefe löbliche
That aus einem. lobenswürdigen Örunde gethan ha»
ben. Die Liebe zur Muße, die ‘Begierde, niedrige
und fchlechtere Neigungen in Ruhe zu befriedigen,
find faft allezeit die Triebfedern diefer Handlung,
Sie glauben, daß ihnen zum Regieren nichts als der
Wille fehle, und diefer Bill wacht auch oft in dev
E:infamfeit wieder auf, und quälet dieſelben. Uebri—
gens ift dag wohl der größte Bortheil, den die Prin
zen durch ihre Abdankung erlangen Fonnen, daß fie
auf diefe Art von der Wirklichkeit der Lobſpruͤche ver=
fihern Fönnen, womit man fie zur Zeit ihrer Gewalt
überhäufet hat, daß fie die Scmeichler verfhwinden
ſehen, und mit ihrer Tugend allein gelaffen werden,
wenn fie fo gluͤcklich find, Tugend zu befigen. Aber
allem Anfehen nach) [hmeichelt ein: folder Vortheil
den Monarchen eben nicht fehr, und das Benfpiel der
Könige, die fich freywillig ihrer Höflinge berauben,
iſt nicht anſteckend.
Man verſichert, daß, ehe die Koͤniginn die Krone
niederlegen wollen, fie willens geweſen, mit dem Prin⸗
zen Carl Guſtav eine Art von Vergleiche zu treffen,
der diefem legten gar zu befehwerlich würde gemefen
fenn. Sie wollte fi) den größten Theil des Reiches
GERN gänzlich aa feyn, Die Freyheit
Be,
/
f
Koͤniginn von Schweden. 37x
| haben, zu reifen, oder nach ihrem Gefallen einen Dre
in Schweden zu ihrem Aufenthalte zu wählen; kurz,
fie verlangete, daß ihr Nachfolger in den Stellen, die
fie vergeben hatte, nicht die geringfte Veränderung -
- vornehmen follte. Carl, der anfänglich gefucht Harte,
die Königinn von ihrem Vorhaben abzurathen, und
der fie, allem Anſehen nad), itzund in einer ſolchen
Verfaſſung fah, daß fie nicht zurückziehen wollte, ver
warf diefe Bedingungen, und antwortete, daß er nicht
bloß dem Namen nad) König feyn wolle. Als Chris
ftina feine Antwort erfuhr, fagte fie, daß fie ihm diefe
Bedingungen bloß in der Abficht vorgelegt hätte, um
feine Denfungsart zu erforfchen, itzund aber fähe fie,
wie fehr Carl Guſtav wuͤrdig fey, zu regieren, weil er
die Rechte eines Monarchen fo gut Fennete; ſchmeckte
diefe Rede nicht ein wenig nach der, Komödie ? |
Um der Königinn indeffen feine ErfenntlichFeit zu
bezeugen, ließ Carl Guſtav eine Medaille fchlagen,
mit der Umfchrift, daß er den Thron von Gott und
der Chriſtina hätte; diefe Medaille misfiel den Stän-
‚den, die mit Recht behaupteten, daß er durch ihre
Wahl zum Throne gelanger ſey. Man kann niche
daran zweifeln, weil es uns der heilige Paulus leh⸗
ret, daß das rechtmaͤßige Anſehen der Könige nur
von Gott herrühret; aber Die Einwilligung der Voͤl
ker ift das fichtbare Zeichen diefes rechtmäßigen Anſe⸗
hens, und verfichert die Ausübung deſſelben. ig
Die Geiſtlichkeit wollte die Chriftina verbinden, in
Schweden zu bleiben, aus Furcht, daß fie ihre Kelie
gion verändern möchte; als wenn diefe Prinzekinn,
nachdem fie den Thron der Freyheit aufgeopfert hatte,
nicht das Recht erlanger hätte, fich diefer Freyheit in _
A Ya ihrem
372 > Anmerkungen uͤber Eheiftina,
ihrem ganzen Umfange zu bedienen, und als. wenn fie.
nicht zu Stockholm hätte in die Meile gehen. Fönnen,
öhne die Ruhe des Staats zu ftören. Aber entwe—
der wollte die Königinn fi) vor den geiftlichen Ber
folgungen in Sicherheit fegen, die den Monarchen
ſelbſt fo furchtbar find, vornehmlich wenn fie die Ge»
walt nicht mebr in Händen haben, oder vielleicht hatte
fie auch ſchon danıals den Entſchluß gefaflet, ihre
übrige Lebenszeit außerhalb Schweden zuzubringen;
genug, fie verließ Schweden noch an dem Tage ihrer
Abdankung, nachdem fie eine Medaille mit der Ueber.
ſchrift harte ſchlagen lafien, daß der Parnaß beifer
fey, als der Thron; eine Medaille, die ihren Gefin«
nungen eben fo wenig Ehre macht, als die Ueberſchrift
‚Ihrem Geſchmacke zum Ruhme gereichen fann. Wie
fi e auf. der ſchwediſchen Gränze bey einem Eleinen
Fluſſe angelanget war, der damals dieſes Königreich
von Dänemark abfonderte, fagte fie: fo bin ich denn
einmal: in Srepbeit und aus Schweden, wohin
ich niemals wieder zurück zu kehren hoffe?
Carl Guftav ließ ihr noch einmalfeine Hand und fein
Herz — aber ſie antwortete, daß a mehr
eit fey.
F Sie legte einen Theil ihrer Reiſe in Mannsklei
dern zuruͤck, und gieng auf dieſe Art durch Daͤnemark
und Deutſchland, indem fie allenthalben in den Re—
den, die ihre Abdankung veranlaſſete, eine Pbilofophie
zeigte, bie weit erhabener war, als die Philofophie,
die fie zu Diefer Abdanfung bewogen hatte. Der
Prinz von Conde war eben in Brüffel, als die Koͤni⸗
ginn durchreiſete, und fragete, wo iſt die Koͤni niginn,
welche die Krone ſo freywillig — hat, fuͤr
die
NE
Königin von Schweden. 373
die wir flreiten, und nad) der wir die ganze Zeit un
fers Lebens rennen, ohne fie erreichen zu koͤnnen. Ihre
Feinde geben vor, Daß fie ſchon bey ihrer Ankunfe zu
Bruͤſſel angefangen habe, ihre Abdanfung zu bereuen;;
welches gar nicht wahrfcheinlich ift; indeflen verbrei⸗
tete fich diefes Gerüche dergeftalt in Achweden, daß
der Öroßfanzler Drenftirn, der damals zu Bette lag,
fi) nicht enthalten Fonnte, zu fagen: ich babe es
ihr vorher gefagt, daß fie es bereuen würde;
aber fie ift doch immer die Tochter des Gu⸗
ftavs. Dies waren die legten Worte diefes großen
Mannes.
‚ Schon bereitete fih Chriftina zu ihrer Religions»
veränderung, indem fie alle Klöfter und Kirchen be
fuchte, die fie unterwegens antraf, vornehmlich wenn
diefe Gebäude einige befondere Seltenheiten enthiel:
ten. Endlich, nachdem fie zu ‘Brüffel die Fatholifche
Religion angenommen hatte, ſchwor fie zu Inſpruck
öffentlich das Lutherthum ab, und erwählte fic) diefen ,
eben nicht allzu andächtigen Wahlfpruch: Tata viam
inuenient, das Schickfal ſoll mein Fübrer feyn.
*
1655. Dieſe Handlung war fuͤr die Katholiken
ein großer Triumph, als wenn die Beweiſe, worauf
die roͤmiſche Religion gegründet iſt, durch die Den⸗
kungsart dieſer Koͤniginn einen neuen Grad der Staͤrke
bekommen hätten, und als wenn man eine wahre Re⸗
ligion nicht aus bloß menfchlichen Abfichten anneb-
men fönnte. Die Proteftanten ließen im Gegentheile
aus einer eben fo ſchlechten Urſache eine große Ver ·
zweiflung blicken. Sie gaben vor, daß Chriſtina,
der alle Religionen gleichgültig wären, die ihrige bloß
. | Ya 3 | aus
1374 Anmerkungen über Chriſtina,
aus Bequemlichkeit verändert hätte, damit fie defto
gerubiger in Italien leben Fönnte, wohin fie ſich bege-
ben wollen, um dafelbft die Künfte zu genießen, die
diefes Land befist. Sie führen zum Beweife diefer
Gleichgültigfeit einige Briefe oder einige Reden ber
Chriſtina an, deren Wahrheit man erſt recht beweifen
muß, wenn man etwas daraus fchliegen will. So
giebt man vor, daß die Jeſuiten in Löwen ihr eine
Stelle bey der heiligen Brigitta von Schweden ver.
fprochen, worauf fie geantwortet habe: ich fübe es
lieber, wenn man mir eine Stelle unter den
LDeifen gäbe; eine Antwort, die, wenn fie wahr
wäre, freylich mehr Philoſophie als Chriftenehum in
den Beregungsgeiinden ihrer Bekehrung vorausfe-
Gen würde. Man kann es nicht läugnen, und eine
gar zu unglücdliche Erfahrung -beweifet es, daß man
felten eine Religion aus Ueberzeugung annimmt, des
ren Örundfäge ung nicht von unferer Kindheit an ein
gepräget find. Der Figennug iſt fo oft der Bewegungs⸗
grund einer ſolchen Veränderung, daß rechtfchaffene
$eute fügar denen, die eine falfche Religion abſchwoͤren,
gemeiniglich ihre Hochachtung verfagen, wenn fie nur
im geringften im Verdachte ftehen, daß fie ben diefer
Veränderung andere Abfichten, als die Wahrheit,
gehabt haben. Wenn man in feinem vierzigften Jah⸗
re Fatholifh wird, fo ift man ; Walker e8 zweymal
mehr zu feyn, als ein anderer. Die Religionsver:
änderung ift faſt der einzige Fall, worinn fich ein
übermäßiger Eifer entfchuldigen läßt. Doc dem
fey, wie ihm wolle, nur dem hoͤchſten Richter der.
Menfchen komme es zu, die Bewegungsgründe ihrer
Handlungen zu erforfchen. am wieder auf die Chri⸗
ſtina
Koͤniginn von Schweden. 375
ſtina zurück zu kommen, fo laffet uns bloß anmerken,
daß, wenn fie nur darum Fatholifch geworden, um mit
defto mehrerer Bequemlichkeit Statuen zu betrachten,
ſie ſelbſt Feine verdiene habe, und Daß fie dem verädht.
lichften Monarchen, der jemals regierer hat, nachzu⸗
fegen ift, wenn fie fich bloß, um Gemälde zu fehen,
dee Vorzugs begeben hat, ihren Unterthanen Gutes
zu thun.
So viel ift gewiß, daß Chriftina bey ihrem Aufent:
halte in Rom viel Geſchmack an den Werfen der
großen Meifter bezeugete, womit diefe Stade ange»
füllee ift. Als fie eines Tages eine Statue der Wahr»
heit von dem Ritter Bernini bemunderte, nahm ein
Cardinal, der bey ihr ftand, Gelegenheit, ihr zu fa-
gen, daß fie die Wahrheit mehr liebe, als die andern
Prinzen gewohnte find, ja, antwortete fie, aber alle
Wahrheiten find nicht von Warmor.
Ihre Religionsveränderung hatte für ihren Sehr:
‚meilter, den Biſchoff Johann Matthiä, einen ge
mäßigten und friedfertigen $utheraner, der verfchies
dene Borfchläge zur Wereinigung der proteftantifchen
Kirchen gethan harte, fehr fchlimme Folgen. Die
Mroteftanten,die der römifchen Kirche den Berfolgungs«
geift fo fehr vorwerfen, haſſen die Verfolgung nur
aledann, wenn fie darunter leiden, und Feinesweges,
wenn fie diefeibe felbft ausüben. Matthiaͤ ward
ohne Grund angeflaget, daß er an dem Abfalle der
Chriſtina Theil gehabt habe, und durd) Die Stände
von feinem Bißthume abgeſetzet.
Cheiſtina, die niemals einige Neigung für Frank⸗
reich gehabt hatte, ward dieſem Reiche auf einmal
günftig, unDd zwar bey Gelegenheit einiger unanſtaͤn—
| Aa 4 digen |
376 Anmerkungen-über Chriſtina,
digen Reden, welche einige fpanifche Bedienten ſo N
fie zurück gefchickt hatte, von ihr geführet hatten. Die
- Bewegungsgründe, die den Gefchmad der Prinzen
verändern, brauchen nicht ftärfer zu fern, als die, fo
den Geſchmack der Privatperfonen verändern. Diefe
Siebe zu Frankreich ward fo lebhaft, daß jie bald den
Entſchluß faſſete, eine Reife dahin zu thun, und dies
fer Nation, die in die Monarchie fo verliebt ift, eine
Königinn zu zeigen, die den Thron verlaffen hatte;
um zu philofophiren. Sie hielt bey ihrer Reiſe
durch die franzöfifchen Städte alle die Reden und
alle die Ehrenbezeigungen aus, wozu die Monarchen
- verdammt find. Ob ſie ſich gleich vor gar Eurzer
Zeit in den Schooß der Kirche begeben. hatte,
fo empfteng fie doch, weil fie noch, immer ein Frauen»
zimmer und eine Prinzeßinn war, einen Redner fehr
übel, der fie von dem göttlichen Gerichte und der Ver⸗
achtung der Welt unterhielt. Sie kam endlich zu
FSontainebleau an; fie erftaunte über das Ceremoniel
des Hofes, und fragte, warum die Damen fo viel
Begierde zeigten, fie zu kuͤſſen, gefchieht es etwa dar⸗
Ben fagte fie, weil ich einer Mannsperfon aͤhnlich
ehe ? 2 | |
— beruͤhmte Ninon, die ſie bey ihrer Durchreiſe
durch Senlis ſehen wollte, war das einzige franzoͤſi⸗
ſche Frauenzimmer, dem fie Zeichen ihrer Hochach⸗
tung gab. Diefe Perfon, die wegen ihres Wiges,
Ihrer Denkungsart und Aufführung fo fonderbar war,
und die es fo weit gebracht hatte, daß fie mit vielem .
Anfehen die Rolle einer Buhlerinn fpielte; war ges
ſchickter, als eine jede andere, bey einer Prinzekinn
einen Eindruck zu machen, die eben fo fonderbar war,
ob.
—
A
Koͤniginn von Schweden. °. 377
ob gleich auf eine andere Art. Man muß die Nie
non wegen des Bezeigeng, das ihr wiederfuhr, loben’;
aber man muß die Chriftina nicht darum tadeln. ©
Ben Fontainebleau gieng fie nach Paris, wo fie
abermals Reden und lange und traurige Feftins augs
ftehen mußte, die man ihr zu Ehren gab, ja fo gar -
die Tragodien des Collegii, worüber fie dreufte ſpot⸗
tete... Sie rächete fih an diefen Schaufpielen we⸗
gen des Verdruffes, den ihr alle diefe Feyerlichkeiten
und Ceremonien verurfadher hatten. Wenn. die
Schaufpiele in den Collegiis fi in eben dem Maaße,
als die Schaufpiele auf der Bühne, verbeffert haben,
ſo urtheile man aus ihrem ißigen Zuftande, wie fie
damals befchaffen geweſen.
Chriſtina beſuchte in Paris viele Gelehrte‘, nahm
Verſe ohne Zahl an, und fehägte fie vermuthlich
nach ihrem Werthe. Sie hatte feit langer Zeit eine
große Hochachtung für den berühmten Menage ges
beget, der uns in feinen Schriften unter einigen nuͤtzli⸗
chen Dingen fo viele nichtswuͤrdige hinterlaffen har.
Auf ihrer Reife von Schweden nad) Sstalien hatte fie
ihm bey ihrem Aufenthalte in Brüffel gefchrieben, zu
ihr zu kommen, fie meldete ihm, daß fie die Hälfte
des Weges gethan hätte, und daß es ihm zufäme,
die andere Hälfte zu thun. Menage fand es miche
für guf, fi) wegen einer Königinn Ungelegenheit zu
machen, die es nicht mehr war. Sie war darum
‚nicht übel auf ihn zu fprechen. Denn als fie zu Pa.
ris angefommen war, wo fie nichts, als folche Leute
fuchte, die ſich durch ihre Wiffenfchaften und durch
ihren Verſtand berühmt gemacht hatten, gab fie dem
Menage die Berrichtung, die Perfonen, die zu ihr
23 ” Aa5 well:
x
373 Anmerkungen über Chriſtina,
wollten, zu ihr zu führen ; eine Stelle, die ein Ge;
dehrter. Damals zum erften, wahefcheinlicher Weiſe
auch zum letztenmale bekleidet hat. Weil man eini⸗
ges Anſehen dadurch zu erhalten glaubete, wenn man der
Koͤniginn vorgeſtellet ward, ſo war Hr. Menage kaum
im Stande, alle diejenigen zw befriedigen, die ihn
Darum erfuchten; und weil er niemand abwies, fo fagte
Ehriftina, Menage kennt doch in der That vie Seute
von Verdienſt.
Sie hatte Urfache, mit Parie zufriedener zu *
Per mit dem Hofe, wo ſie nur ein mittelmäßiges
Glück gehabt hatte. Die Damen: und die Hofleute
konnten feinen Geſchmack an einer Prinzeßinn finden,
Die fih wie eine Mannsperfon kleidete, Die die
Schmeichler abwies, die Denenjenigen ein Compli.
ment wegen ihres guten Gedächeniffes machte, Die
ihr eine artige Hiftorie erzählen wollten, und deren
Geiſt mit einem Worte, wenn! man fo reden darf,
etwas gar zu Maͤnnliches, für folche nichtswuͤrdige
Gefchöpfe hatte, ben denen ihr alle ihre Kenntniſſe
und Einfichten unnig waren. Diejenigen, die fie
am beften zu Fennen glaubeten, vergleichen fie mit
dem Schloſſe Fontainebleau, welches groß aber unre:
gelmaͤßig waͤre. Man wuͤrde ſich uͤber die ſchlechte
Aufnahme, die man ihr daſelbſt wiederfahren ließ,
nicht verwundern, wenn man bedenfet, wie wenig
Eindruck der Czaar, Peter der Große, im Jahre
1777 auf eben diefen Hof machte, ein Monard), der
ber die Chriſtina erhaben war. Der größte Theil
der Franzofen fahe in diefem Monardyen weiter
nichts, als einen SSremden, der gar nicht die Manie-
von ihres Landes hatte, aber. Feinesweges einen Prinz
zen
„Königin von Schweden. 379
zen volfer Genie, welcher reifere, um fich zu unterrich⸗
ten, und den Thron verlaffen hatte, um fich deffelben
würdig zu machen. Es fcheint, als wenn unfere Nas
tion diefe niedrige Art von Aufmerkſamkeit, von der
Tacitus redet, weiter als eine jede andere getrieben
habe, eine Aufmerkſamkeit, dienur gewohnt ift, große
Maͤnner aus Eitelfeie zu ſchaͤtzen, ihren Ruhm in ih:
. ven Minen fucht, und fich verwundert, ihn nicht dar
inn zu entdecken. | |
1657. Chriſtina hatte fo viel Geſchmack an Frank⸗
reich gefunden, daß fie kaum in Kom wieder angelanger
war, als fie ſich vornahm, eine zwote Neife dahin zu
thun. Man glaubte, daß politifche Abfichten fie das
zu bewogen, aber diefe Reife ward durch nichts merke
würdig, als Durch den traurigen Tod des Monalde:
ſchi, ihres Dberitallmeifters, den fie, wie bekannt ift,
in Sontainebleau in ihrer Gegenwart ermorden ließ.
Die Umftände diefer Ermordung find befannt genug,
aber dasjenige, was nicht fo befannt ift, und was
noch befremdlicher als die Grauſamkeit der Chriftina,
fheinen muß, das find die gelehrten Abhandlungen,
welche die Rechtsgelehrten fchrieben, um fie zu recht⸗
fertigen. Diefe Schriften, diefe traurigen Denf:
maͤler der Schmeichelen der Gelehrten gegen die
- Könige, befhimpfen ihre Berfaffer, ohne diejenige zu
entſchuldigen, , für die fie gefchrieben wurden.
Es thut mir aber um $eibnigens Andenken, und
um Die Menfchlichkeit leid, daß ich den Dramen dieſes
großen Mannes unter der Zahl der Bertheidiger ei-
nes Mordes fehen muß; und noch mehr muß ich
über feine ngerechtigfeit gegen den franzöfifchen Hof
£la
330 Anmerkungen über Chriftina,
erftaunen‘, ‚indem er fagete, wenn derfelbe die That,
der Chriftina uͤbel aufgenommen , fo fen eg bloß dar:
um geſchehen, weil man die vorige Meigung nicht
mehr für fie gehabt hätte. Die Nachwelt wird es
fehr befremten, daß man in unſerm Europa, das fich
für fo menfchlih und gefittet hält, im Ernfte die
Frage aufgervorfen, ob eine Königinn, die den Thron
verlaffen, nicht noch das Recht bebaiten habe, ihre
Bediente ohne einige Form des Proceffes ermorden
zu laflen. Man hätte vielmehr fragen follen ob es
der Chriftina, wenn fie auf dem fehwedifchen Throne
geblieben wäre, erlaubt gemefen wäre, fich. eines fo
barbarifchen echtes zu bedienen; eine Be die
vor dem Kichterftuhle des Natur und Voͤlkerrechts
fi) bald würde haben entſcheiden lafien. Dem
Staats, deffen Erhaltung den Monarchen heilig fenn
muß, weil er beftändig bleibt, wenn die Könige und
Untertbanen verſchwinden, ift Daran gelegen, daß die.
Menfchen nach den Gefegen gerichtet werden. Den
Prinzen felbft ift daran gelegen, deren Stärfe und
Sicherheit die Gefege find.. Die Menfchlichkeit er»
laubet ihnen zumeilen, die Strenge derfelben zu mil»
dern, wenn es darauf ankommt, zu begnadigen: aber
niemals ift es ihnen erlaubet, von denfelben abzuge:
ben, um graufam zu ſeyn. Man würde den Koͤni—
‚gen Unrecht hun, wenn man fid) einbildere, Daß dieſe
Grundfäße fie beleidigen koͤnnten, oder daß nur Muth
dazu gehöre, fie in dem Schooße einer Monardjie
verzutragen. Sie find die Stimme der Natur, der
die Tyranney eben fo verhaße ift, ale ihr ein gerechter
und weifer König werth iſt. Nach fo wahren Grund-
— fügen,
—
Koͤniginn von Schweden. 381
fügen, bie fo tief i in das Herz aller Menſchen gegra.
ben find, ift, meiner Meynung nach, wenig daran gele
gen, zu entſcheiden, vor welchem Richterſtuhle Chriſtina,
Die die Regierung niedergelegt hatte, den Monaldeſchi
hätte follen richten laſſen, ob es hätte in Schweden,
in Kom, oder in Srankreich geſchehen follen. Es
ift wenig daran gelegen, würde ich antworten , vor
weichem Gerichte es gefcheen märe, nur mußte eg
Ne vor ihrem eigenen Gerichte geſchehen.
Noch weniger weſentlich ſcheint es mir zu ſeyn,
wenn man unterſuchen wollte, welches die Urſache der
Ermordung des Monaldeſchi geweſen; vielleicht iſt
es fo gar für die Ehre der Koͤniginn nothwendig,
über diefes Geheimniß eine Dede zu ziehen! es wäre
abfcheulich, wenn ein Liebeshandel die Urfache derfels
ben gewefen wäre, wie einige Schriftfteller haben vor-
geben wollen. Die That der Ehriftina har einen
Kara Bewegungsgrund nicht noͤthig, um verhaßt
u ſeyn.
1657. Weil ihr Frankreich zuwider war, wo der
Mord des Oberſtallmeiſters einen Abſchen vor ihr
verurſacht hatte, ſo nahm ſie ſich vor, nach England
| überzugeben ; Crommwell, der damals Diefes König»
| reich auf eine befpotifche Het regierte, Die viel weiter
gieng, als die Tyranney, wofür er feinen König hatte.
beftrafen laffen, hielt es nicht für vathfam, die Ehri-
ſtina aufzunehmen. Diefer Mann, der ein eben fo
geſchickter Staatsmann als gefährlicher Bürger var,
befürchtete, das Geheimniß feiner Gefchäffte, ven
durchdringenden Blitzen eines Frauenzimmers aus.
zufegen, das man für eine Meifterinn in den Staats,
le hielt. Kae konnte er ſich niche ent«
ſchließen,
392 Anmerkumgen über Chriſtina,
ſchließen, eine Königinn zu fehen, die drey Kronen!
für eine Religion hatte fahren laffen, die er haſſete,
und er fand es nicht für gut, das Geld der Engländer!
auf einen fo unnügen Empfang anzuwenden. Chris)
ftina verlor auch bald die Luft zu diefer Reife, und!
veifete dafür nach der franzöfifchen Akademie, Die da⸗
mals bey weitem das nicht war, was fie ißund ift 5)
weil man ihr nichts beffers zu geben hatte, als eine)
Ueberfegung einiger Verſe des Lucrez, wider die Vor⸗
fehung, die der Cotin gemacht hatte, und denen er)
wie Patru faget, einige zwanzig von feiner Art entge⸗
gen gefegt hatte, um fie zu behaupten. Es ift nicht
unnüß anzumerken, daß man in eben der Verſamm⸗
lung der Königinn einige Artifel aus dem franzöfie
fchen Wörterbuche vorlas, woran die Akademie das)
mals arbeitete, man fiel auf das Wort jeu,. worun«!
ter fich diefe Worte befanden: Jeux de Princes, qui
ne plaifent qu'à ceux qui les font. Spiele der‘
Prinzen, die nur denen gefallen, die diefe Spies
le machen. | | J
1658. Endlich kehrte Chriftina nach Nom zu⸗
ruͤck, wo fie fi) in ruhiger Muße ihrem Geſchmack
für die Künfte und Wiffenfchaften, vornehmlich aber)!
fuͤr Die Chymie, die Medaillen und Statuen in ruhie
ger Muße überließ. Der Cardinal Azzolini, der eine
Neigung gegen fie faßte, welche die Verlaͤumdung
nicht verſchonet hat, brachte die Finanzen der Köniz
ginn, die theils Durch ihre Verſchwendung und Nach⸗
läßigkeit, theils Durch die unrichtige Bezahlung der
bewilligten fehmedifchen Gelder, in große Verwir⸗
rung gerathen waren, wieder in Ordnung. Dieſer
Gardinal blieb ihr Freund und Bertraufer bis an
J
. Königin von Schweden. 383
feinen Tod. . Man faget auch, daß nicht mehr als
drey Männer ſich die Hochachtung der Königinn.
erworben, der Prinz von Conde durch feine Tapfers
keit, der Cardinal von Res durch feinen Verſtand,
und det Cardinal Azzolini Durch feine Höflichkeit.
Wenn man übrigens von dem Charafter der Köni:
ginn (ließen foll, fo iſt es nicht ſehr wahrſcheinlich,
daß fie ſehr zur Ueppigkeit oder gar nur zur Siebe ge;
neigt gemefen, Eine ziemlich übelverftandene Eitel.
keit war ihre Haupkleidenfchaft,
Chriſtina war nicht lange in Nom geweſen, als fie
mit Alerander dem Giebenten Händel befam. Dies
ſer Pabft war ein eitler und zankifcher Mann, und.
hatte ſich bereits die Ehre der Bekehrung diefer Prin⸗
zeßinn zueignen wollen, von der er doch nur weiter
nichts als einen Brief erhalten hatte, nachdem fie dies
fen Entſchluß genommen hatte. Das Antheil, das:
Ehriftina an den franzöfifchen Angelegenheiten zu neh⸗
men ſchien, erweckte dem Pabſte Misvergnuͤgen, der
Ludwig den Vierzehnten nicht liebte; aber Chriſtina,
die die Denfungsart Aleranders des Siebenten kann.
te, und Lirfache harte, ihn zu ſchonen, befänftigte ihn
von Zeit zu Zeit, indem fie ſich in den öffentlichen:
Proceßionen den Gegen geben ließ; fie nahm fogar
ihre Wohnung in einem Kofler, um deſto weniger
Verdacht bey dent Pabfte zu erwecken, der fie durd)
Geiſtliche und Mönche ausfpioniven ließ. Diefer
Aufenthalt in einem Kloſter brachte die Leute auf die
Gedanken, daß fie willens fey, fich zur Nonne einkleiz
den zu laffen; „Die Königinn Chriftina, fehrieb Guy
„Patin bey diefer Gelegenheit, wird noch alle Sebens.
„arten durchgehen, wofern fie niche bald ſtirbt; fie
3 | „bat
4 |
384 Anmerkungen über Chriſtina,
„hat ſchon ſehr verſchiedene Perſonen geſpielt, die von
„ihrem erſten Stande ſehr entfernet ſind, da man ſie
„die zehnte Muſe und die Sibylle des Nordens
„nannte, Man Fann leicht einſehen, ob es wahr.
ſcheinlich gewefen, daß eine Prinzeßinn, die wider den
Pabſt aufgebracht war, auf eine fo feltfame Art die
- Bande noch genauer zufammenziehen wollen, ‚welche
fie an den Pabſt verknuͤpften.
zu A
1650. 1661, Die Urfachen des Misvergnügens,
die fie entweder wirklich hatte, oder zu haben glaubte,
vermehreten ſich endlich dergeftalt, daß fie ſich nach
dem Abjterben Cart Guftavs entfchloß, nach Schwe-
den zurüc zu fehren: Diefe Reife, deren wahre Ur«
fachen man nicht wußte, gab den Politicis zu vielen
Muchmaßungen Anlaß ; ‚fie fiel aber unglücklich aus.
Die alten Unterthanen der Chriftina vergaßen alles,
was fie fiir fie gethan, und alle die Liebe, die fie ihnen
vormals bezeuget hatte, und fahen in ihr weiter nichts,
als ein Srauenzimmer, das fie verlaffen hatte, um in _
einem fremden Sande in dem Schooße einer Keligion
zu leben, von der fie glaubten, daß ſie Schweden
fchädlich fen. Die Meffe, die in ihrem Pallafte ziem⸗
lich frey gehalten ward, misfiel dem Adel eben nicht fehr,
der mit nichts als Intriguen und Kriegen befchäfftigee
war. Aber fie beleidigte die beyden unterften Stände
des Königreid;s, die Geiftlichfeit, deren Anfehen fie -
froßete, und den Bauernftand ungemein, deffen Bore
urtheile fie aufbrachte; diefe beyden Stände weiger⸗
sen fich, ihr ihre Einkünfte zu verfichern, indem fie
überzeugt waren, daß man an $uthern glauben müßte,
um werth zu feyn, zu leben. Chriſtina mochte im—
merhin fagen, daß fie als eine Monarchinn nieman«
| BE den
| — *
Koͤniginn von Schweden. 385
den von ihren Handlungen Rechenſchaft geben duͤrfe;
man antwortete ihr, daß es ihr nicht frey ſtuͤnde, die
Grundgeſetze des Reichs aufzuheben. Die Staͤnde
ließen ihre Kapelle niederreißen, und beurlaubeten ihre
italieniſchen Almoſenpfleger, die ſie mitgebracht hatte.
Sie war nur noch dem Namen nach Koͤniginn, ſagt
ein Geſchichtſchreiber, und derjenige, den fie zum Koͤ—
nige gemacht hatte, und der fich rühmete, alles von
Gott und von Chriftina zu haben, mar nicht mehr.
Allem Anſehen nach wuͤrde Chriftina dieſe Berfol.
gung durch eine andere beſtraft haben, wenn ſie in
ihrem Vorhaben, wieder auf den Thron zu gelangen,
waͤre gluͤcklich geweſen; aber dieſes Vorhaben lief
auf weiter nichts hinaus, als daß man ſie zu einer
abermaligen Abdankung noͤthigte. Sie gieng alſo
nach Rom zuruͤck, und ſah bey ihrer Durchreiſe durch
Hamburg den beruͤhmten Lambecius, den ſie durch
ihre Begegnung wegen der Verfolgungen troͤſtete, die
er damals von den Theologen dieſer Stadt erdulden
mußte. Dieſe Verfolgungen giengen ſo weit, daß er
katholiſch ward, um ſeinen Feinden zu beweiſen, daß
er kein Atheiſt ſey: fuͤr alle andere, außer fuͤr die, ſo
er überzeugen wollte, war dieſer Beweis entſchei⸗
dend. |
Die Belagerung von Candia, von der die chriftlis
chen Prinzen damals Zufihauer abgaben, ohne diefer
‚Stade zu Hülfe zu kommen, ſchien der Königinn von
Schweden nicht fo gleichgültig zu ſeyn; Sie gab fich
fehr viel Mühe, den Benetianern Hülfe an Geld und
‚Truppen zu verfchaffen; und ob diefe Bemühungen
‚gleich fruchtlos waren, fo waren fie doch fo ftarf, daß
man fie für eigennüßig hielt; fo gefchickt iſt die menfche
33 Dand. Bb liche
386 Anmerkungen über Chriſtina,
liche Bosheit, ohne Grund auch die loͤblichſten Hand⸗
lungen zu vergiften, | |
2662. Kurz hernach fiel die befannte Sache mit
den Corſen vor, weswegen ſich der König von Frank⸗
reich auf eine Art, die den roͤmiſchen Hof ſo ſehr de⸗
muͤthigte, Recht verſchaffete. Chriſtina hatte in die⸗
ſer Sache zugleich die Ehre, bey dem Koͤnige fuͤr den
Pabſt, den ſie nicht liebte, eine Fuͤrbitte zu thun, und
das Vergnuͤgen, nichts auszurichten. Der Pabſt,
den es wuͤrde verdroſſen Haben, wenn er ihr das Nach-
geben des Königs zu danfen gehabt häfte, und ver.
vielleicht ihre Bewegungsgruͤnde einfah, glaubte ihr
gar nicht verbunden zu feyn, weil fie nichts ausgerich ⸗
tet hatte. Er fuhr fort, ihr mit fo weniger Maͤßi⸗
gung zu begegnen, daß fie eg endlich) müde ward, vom,
Pabſte nichts als Berdruß und Vergebung der Sün«.
den zu haben, und den feiten Schluß faffete, noch) eine
mal nad) Schweden zurück zu Eehren.
1663. Unterdeffen daß fie die ſchwediſchen Stän.,
de hieruͤber ausforſchen ließ, beſchaͤfftigte ſie ſich in
Kom mit dem Umgange der Gelehrten, und machte: -
fid) bisweilen auf ihre Koften luftig. Sie ließ unter,
andern eine fonderbare Medaille ſchlagen, um ſich an
der Verlegenheit zu beluſtigen, worein die Umſchrift
derſelben die Gelehrten ſetzen wuͤrde. Ich weiß nicht,
ob dies Vergnuͤgen ſehr anſtaͤndig iſt. Ein Prinz
hat ſo viel Urſache, die Wiſſenſchaften zu lieben und
zu beſchuͤtzen, daß es ſich fuͤr ihn weniger, als fuͤr einen
jeden andern ſchickt, die armen Gelehrten laͤcherlich zu
machen: dieſe Sorge muß man ihnen ſelbſt übers
laſſen, fie laſſen fich biejelbe nur gar zu fehr aigelegen
ſeyn.
Die
vo Röniginm von Schweden. 387
* Die Bedingungen, die der Senat der Chriflina
Eünftig, wenn fie fi in Schweden aufhalten würde,
ſelbſt damals vorfchrieb, da fie bereits abgereifet war,
um zum zweytenmale wieder dahin zu Fommen, fehies
nen ihr fo hart zu feyn, daß fie es für gut befand, in
Hamburg den naͤchſten Reichstag abzuwarten, um
auf demfelben ihre Rechte geltend zu machen. Von
bier aus fehrieb fie an den Reichsrath Sevedt Baaf,
der ihre Angelegenheiten am fehwedifchen Hofe bes
forgte, daß die Verbindlichkeit, die fie hätte, große
Angelegenheiten zu fhonen, fie gelebret habe, zu lei⸗
den, und ihren Schmerz zu verbergen. Auf diefer
Keife fand fie in dem Cabinette eines Antiquarii die
Medaille ihrer Abdanfung, welche fie wegwarf und
nicht fehen wollte. Diefe Handlung, die vielleicht
nichts als eine Wirkung ihres gegenwärtigen Vers
druffes war, ward indeffen mit vieler Wahrfcheintich»
keit als ein lebhafter Ausdruck ihrer Neue über ihre
Abdanfung angefeben. i ! NG
+ Der Reichstag ward gehalten, und man hätte dens
ken follen, daß fich Die Angelegenheiten Gottes veräns
dert hätten; dein von allen Ständen war die Geift«
lichkeit der Ehriftina allein guͤrſtig. WBermutblich
befürchteten die Geiftlichen, daß fie noch mehr aus«
vichten würde, als fie felbft Hoffete, wenn fie an den
Hof Fame, und ihre Forderungen felbft vorbraͤchte;
und die ſchwediſchen Priefter uͤbeten bey diefer Geles
genheit Die Marime aus, daß man feinem Feinde eine
goldne Brücke bauen müffe, Aber der übrige Theil
der Nation, dem alle diefe Reifen der Ehriftina we—
nig Hochachtung für fie eingeflößer hatten, und der in
‚ihrer Aufführung nichts, als ſehr viel Unbeſtaͤndigkeit
„1 LAN 3b a und
)
388 Anmerkungen über Chriſtina,
und Intriguen ſah, bediente ſich des Rechts, das ſie
ihm gegeben hatte, und ſchlug ihr beynahe alle ihre
Forderungen ab. Sie verließ alſo Schweden auf
ewig, und kam nach Rom zuruͤck, wo ſie ihre uͤbrige
Lebens zeit misvergnuͤgt zubrachte, indem fie von ihren
alten Unterthanen übel bezahlt, von Frankreich ver-
geffen, und felbit von der Nation wenig geachtet ward,
die fie allen andern vorgezogen hatte, Die Grfennt: |
lichfeit und die Bewunderung waren, po zu fagen, die
erften Bewegungen der Römer gegen eine Prinzeßinn.
gewefen, die Die Regierung niedergelegt hatte, um
unter ihnen zu leben; aber die Menfchen haben Feine
dauerhafte Empfindung, als für die Größe und die
Macht; und felbft die Prinzen, die am höchften ges
ſchaͤtzet werden, und die es am meiſten verdienen,
wiſſen nicht, wie ſehr ihnen der Thron nothwendig iſt,
um ihren Gaben Gerechtigkeit zu verſchaffen, und wie
viel Verdienſt ihnen in den Augen des Poͤbels, das
iſt, faſt aller Menſchen, ihre Krone giebt, ſelbſt als—
dann, wenn ſie dieſelbe am wenigſten noͤthig haben.
„Chriſtina, ſagt der Geſchichtſchreiber Nani, ward
„bald nach ihrer Abdankung gewahr, daß eine Könis
„ginn ohne Staaten eine Gottheit ohne Tempel ſey,
„deren Dienſt bald verlaſſen wird.,,
Sie mar noch nicht zu Rom angelanget, als ſi e
von dem Tode des Pabſtes Alexanders des Siebenten
Nachricht erhielt. Es iſt nicht unnuͤtz, anzumerken, daß
dieſer Pabſt beym Antritte der paͤbſtlichen Wuͤrde,
viel Strenge und Widerwillen gegen den ſogenannten
Nepotiſmum bezeigte. Dieſe Uneigennuͤtzigkeit war
der Vorwurf eines Briefes, den der Cardinal Palla⸗
vicini vor feine — des ——— Concilii
an
Königinn von Schweden. 389
an ihn gerichter hatte; aber der Pabſt veränderte
feine Denkungsart oder feine Aufführung fo plößlich,
und uͤberſchwemmete Rom dergeſtalt mit feinen Nies _
poten, daß Pallavicini das Sächerliche diefes Briefes
einfah, und ihn nicht heraus gab, ob er gleid) bereits
abgedrucke war.
Ihm folgte Clemens der Meunte in der päbftlichen
Würde, feine Regierung, Die gar zu furze Zeit-dauerte,
ward das güldene Alter Roms genannt. Chriſtina
‚hatte viel Urfache, mit dieſem Pabfte zufrieden zu
feyn, er war frengebig, prächtig, ein Freund der Wif-
fenfchaften und der Menfchen, und fo aufgeklärt, daß
er die Religion durch die Endigung aller Zänfereyen
verehrungsmürdig machen wollte. Es wäre in der
That zu roünfchen, daß e feiner friedfertigen Art
zu denfen viele Nachfolger haben möchte. |
Chriftina ſetzte ihre Bekanntſchaft mit den roͤmi⸗
ſchen und auswaͤrtigen Gelehrten beſtaͤndig fort. Der
Verfaſſer der Denkwuͤrdigkeiten giebt ſich die Muͤhe,
uns bey dieſer Gelegenheit ein Verzeichniß von den
Gelehrten zu geben, die damals die arcadiſche Akade⸗
mie ausmacheten, ein Verzeichniß, das in dieſer Ge⸗
ſchichte eben ſo unnuͤtz iſt, als die Liſte, die er von den
ſchwediſchen Gelehrten giebt, die unter der Regierung
der Chriſtina gelebt haben. Ich will aus dieſer gan⸗
zen Stelle ſeiner Denkwuͤrdigkeiten nichts anders an⸗
führen, als den Titel eines Werks des Nicolaus Pal:
lavicini, der folgendermaßen lautet: Rettung der
göttlichen Vorſehung durch das große Gut,
das die katholiſche Aeligion in der Perlon der
Röniginn von Schweden erworben bat,
* Tractat ward nicht gedruckt, weil man 54
Bb 3 Ketze,
390 Anmerkungen über Chriſtina,
Ketzereyen darinn zu finden glaubte, Ich bewundere
die Geduld desjenigen, der fie gezaͤhlet hat. |
Man fieht aus einem Briefe, ven Chriftina am
Otto von Guericen fehrieb, wie fehr das Vorurtheil
‚ wider die Bewegung der Erde in Nom eingewurzele
geweſen. Diefe Prinzeßinn, die dem Throne abge
fagt hatte, um frey zu ſeyn, hatte doch nicht die Frey»
dei einem Fremden dreufte zu fagen, daß fie die Uns»
yeweglichfeit der Sonne glaube. |
Sie hatte in Nom viel Umgang mit dem berühm«
fen Lucas Hofftein, der, wie man fagt, 8000 Fehler
im Baronius gefunden, und der vielleicht noch mehr
würde begangen haben, wenn er ihn widerlegt hätte.
1672. Bald darauf eneftund der berühmte Krieg,
den Ludwig der Be ganz Europa, das
wegen der Demüthigung der Holländer eiferfüchtig
war, mit fo vielem Ruhme aushielt, und der durch
den nimmegifchen Frieden geendiget ward. Chriſtina |
billigte es nicht, daß fich die Schweden in diefen Krieg
gemiſchet Hatten, worinn fie auch in der That nicht
glücklich waren, Vielleicht war fie auch durch eine
Schmaͤhſchrift aufgebracht worden, die man in Frank⸗
reih wider fie herausgegeben hatte, und wofür fie
feine Genugthuung erhalten Fonnte. Aber das, was
ihr am meiften zu Herzen gieng, war die Furcht, daß
die Bezahlung ihrer Einfünfte Dadurch möchte vers
zögert werden. Sie fhickte einen Bevollmächtigten
nach Nimwegen, der ihre Angelegenheiten dafelbft
beforgen follte, den man als einen Ambaffadeur einer
Königinn ohne Macht, von der man nichts zu hoffen und
zu fürchten hatte, empfieng und anhörete. Diefer Be—
vollmächtigte war ein junger Schwede, mit Namen kr
| — Kun er⸗
N. Koͤniginn von Schweden. ° 391
derkranz; der wenige Verſtand, und die fehlechten
Einfichten, die Ehriftina bey ihm bemerkt hatte, Fonts
ten fie nicht abhalten, ihm ihre Angelegenheiten anzus
vertrauen ; fie fagte, fie wäre willens, diejenigen, Die
| ihr dieneren, nicht allein glücklich, fondern aud) Flug
machen. Indeſſen überfchickten die Schweden der
re gleic) nach dem Friedensſchluſſe anſehnliche
Summen; aber dieſe Prinzeßinn verwarf den Vor⸗
ſchlag gaͤnzlich, den man ihr that, jaͤhrlich eine gewiſſe
Summe auf Abrechnung ihrer Forderungen, von
Frankreich anzunehmen. Wenn man fein eigener
Herr feyn Fann, anfıvortete fie, fo muß man feinen
andern fachen,
679. In dem folgenden Jahre macheten die
Meynuͤngen der Quietiften, Die, wie fo viele andere,
die menfchliche Vernunf fofehr demürbigen, ein großes
Aufſehen in Rom, mo dergleichen Zaͤnkereyen im
Grunde verachtet, und dem Außerlichen Anſehen nach
mit vieter Feyerlichfeit beurtheilet wurden; das neue
Syſtem hatte den Michael Molinos, einen fpanifchen
Driefter, zum Urheber, der ein großer Gewiſſensrath
und ſelbſt ein redlicher Mann war, wie der Pabſt
ſelbſt geſtehen mußte. Dies waren zween Titel, die
ihm viele Feinde erregen mußten. Diejenigen, die
eiferſuͤchtig darnach trachteten, die Gewiſſen zu regie⸗
‚ren, unterließen nicht, einen gefährlichen Ketzer in ei⸗
nem Manne zu finden, deſſen Gedanken von der Spi«
ritualität mehr Mitleiden als Unwillen verdienen,
Ehriitina nahm ſich des Molinog, enttveder aus einem
natürlihen Mitleiden, oder aus Haß gegen die Vers
folger deffelben, oder auch vielleicht aus Begierde, in
einer Pen, womit damals ganz Europa befchäfftiget
3b 4 war,
392 Anmerkungen uber Chriſtina,
war, eine anfehnliche Rolle zu ſpielen, auf eine fo_
‚öffentliche Art an, daß man fie fogar in dem Ber-
dachte hielt, daß fie den Meynungen des Molinos zu
gethan fen, und es fehlete nicht viel, fo hatte man die⸗
fer Prinzeginn ein Verbrechen daraus gemacht, daß
fie gegen einen unglücflichen Priefter die Pflichten der
Menfchlichkeit erfüllete. Die geiftige Ruhe, die
Molinos predigte, und diedamals die Aufmerkſamkeit
der Inquiſition befchäfftigee, gab dem Pasquin Gele
genbeit, auf: eine luftige Art zu fagen: „Reden wir,
„ſo ftehen die Galeeren darauf, fehreiben wir, fo. ha⸗
„ben wir den Galgen, und halten wir, uns in Ruhe,
„ſo haben wir die Inquiſition zu befürchten :: was foll
„man .alfo anfangen ?,,
Molinos, der. von der Chriftina unterftüget ward,
hatte in der Perfon des sine von Sranfreich einen
fuͤrchterlichen Gegner, der durch die Feinde diefes ber
- daurenswürdigen Keßerhaupts- angetrieben, fehr eif-
rig auf feine Berdammung in Nom drang. Dies
felbe ward endlich von dem. Pabft Innocentius dem
XI. ausgefprochen, der. damals auf dem paͤbſtlichen
Stuhle faß, und wenn man auch: das gerechte Ber»
fahren des Pabftes bey diefer Gelegenheit nicht in
Betrachtung zieht, fo muß man ihm dennod) die
Gerechtigkeit wiederfahren laffen, daß ihn Fein menfch»
licher. Bewegungsgrund zu dieſer Handlung ange
trieben ; man fieht “aus feiner ganzen Aufführung
‚gegen Frankreich, daß er gar nicht Willens war, den
König zu ſchonen. Diefer tugendhafte, halsſtarrige
und blödfinnige Pabft bezeigte fich fo unbiegfam, daß
‚er unter einem weniger frommen Könige, als Ludwig
der XIV. war, leicht. eine Trennung — der
| ran⸗
Koͤnmiginn von Schweden.
franzoͤſiſchen und roͤmiſchen Kirche hätte verurſachen
koͤnnen. Seine Nachfolger haben weit mehr durch
Guͤte erhalten, als er durch eine uͤbel angebrachte
Standhaftigkeit ausrichten konnte, und es iſt etwas
Merfwürdiges in der franzoͤſiſchen Geſchichte, daß
See franzoͤſiſche Hof, ohngeachtet ‚feiner Ergebenheit
gegen den paͤbſtlichen Stuhl, ſich den roͤmiſchen Die
ſchoͤfen, doch am beften widerfeger bat, und-ihnen nie«
‚mals Auf eine andere Art, Big, etwas s zuge.
ſtanden hat.
Die beruͤhmte Mademoiſelle fe lage die Ya:
her unter dem. Namen der Madame Dacier bekannt
ward, ſchickte um diefe Zeit der Chriftina den Florum
ad often etc. zu; welchen fie eben damals herausge⸗
geben hatte, Ehriſtin dankte ihr in ihrer Antwort
auf eine ſehr verbindliche Art, und ermahnte fie, die
katholiſche Religion anzunehmen.
Ich weiß nicht, ob ich bey dieſer Gelegenheit eines
Briefes erwähnen foll, den der Verfaſſer der Denk—
würdigfeiten anfuͤhret, und worinn die Koͤniginn von
Schweden, einen gewiſſen Grafen Vaſato ermahnet,
ein Moͤnch zu werden. Der Verfaſſer will ſich dies
fes Briefes als eines Beweifes bedienen, um die Res
ligion der Chriftina darzuthun, ob er fich gleich in
verfchiedenen Stellen feines Werfes hat merken laf
fen, daß er an der Aufrichtigfeit ihrer Bekehrung
zweifele, denn die Auflöfung diefes Problema fcheine
ihm von großer Wichtigkeit zu feyn, und viele Un⸗
ruhe zu verurfachen. Aber ein Brief, der der Prin-
zeßinn und degjenigen, an den fie ihn ſchrieb, ſo un⸗
wuͤrdig iſt, beweiſet weiter nichts, als wie viel Zeit,
Sb 5 Chris
/
/
394 Anmerkungen über Cheiffinn,
Chriſtina zu verlieren hatte; er gehoͤret mit zu de⸗
nen, die man aus ihrer Gerichte hätte weglaffen
ſouen pi
"Eben dieſes iſt auch meine Meynung von der Ver⸗
* womit man den vorgeblichen Geſchmack
dieſer Koͤniginn an der Aſtrologie entſchuldigen wiz,
Zu einer Zeit, da die Philoſophie, (die gemeinig⸗
lich bey dem Throne aufhöret,) noch nicht alle Staas
en aufgeflävet harte, würde es eben nichts Erſtaun⸗
liches fenn, daß eine Röniginn, die ſelbſt nach denen
‚Dingen. begierig war, die. fie nicht wiſſen Fonnte, für
eine nichtswürdige Wiffenfhaft, eingenommen gewe⸗
fen wäre, auf die fich damals ſehr große Leute legten,
und die den berühmten Caßini in feiner Jugend bes
ſchaͤfftiget hatte. Zum wenigſten zeigte Ehriſtina
einige Einſicht und Kenntuiß der Welt, wenn fie
fagte, daß die irdifche Aftrologie ihr noch ficherer vor⸗
kaͤme, als die himmliſche, wenn man von den Bege⸗
benheiten urtheilen wolle, und daß mian die Aſtrolo-
gie, ſo wie die Arzeneykunft, nur’ darum —
muͤſſe, um nicht betrogen zu werden.
1683. Diefe Prinzeßinn fchrieb als Röniginm,
als eine römifchFarholifche Chriſtinn, und als eine
Bewundererinn großer Thaten, im Jahr 1683, einen
Brief an den König von Pohlen, Johannes Go
biesky, der durch den Entfaß der Stadt Wien, die
von den Türken belagert ward, dem Kayſer einen fo
wichtigen Dienft leiftete, und ihn zu gleicher Zeit de:
muͤthigte. Es fcheint, als wenn Ehriftina dem So.
biesky den Vorwurf zu verftehen gegeben, den man
ihm machte, daß er fich nämlich Durch die Beute des
Krieges gar zu fehr bereichert Babe : — beneide
| Ew.
Königinn von Schweden." 395 -
Ew. Majeftär, ſchrieb fie, ſo viele Schäge nicht, ich bes
mneide Ihnen bloß den rühmlichen Titel eines Erretters
„der Ehriftenheit; und ob ich gleich fein Königreich
„babe, fo bin ich desfalls doc) nicht von der Vers
„bindlichfeit Frey, die alle Monarchen Ew. Majeftät
sichuldig find. „ |
Indem Ludwig der XIV, den Pabft demuͤthigte,
Dachte er zugleich darauf, die calviniſche Religion in
feinen Staaten auszurotten, und mwiderrief im Jahre
1685 das Edict von Nantes. Chriſtina ſchrieb bey
dieſer Gelegenheit an den Ritter von Terlon, französ
ſiſchen Ambaffadeur am fehmwedifchen Hofe, einen
Brief, den Bayle in fein Journal einrüdte, Sie
bedauerte in bemfelben das Schickſal der verfolgten.
Calviniſten auf eine fo theilnehmende und aufrichtige
Art, daß diefer berühmte Schriftftelfer daher Anlaß
nahm, zu fagen, der ‘Brief der Königinn ſey ein Reſt
‚der proteftantifchen Religion. Diefer Reſt der pro
teftantifchen Religion, Bayle mag auch fagen, was
er will, war wenigftens fehr zwendeutig; es ift fehr
wahrſcheinlich, Daß bloß die Rechte der Menfchlich-
. feit der Ehriftina diefen Brief abgezwungen. Die
Verfolgung der Reformirten ward zu einem fo hohen
Grade der Gewaltthätigfeit getrieben, die man $ud-
wig dem XIV. nicht beymeffen kann; fie war die uns
gluͤckliche Wirkung der Heftigkeie feiner Minifter.
Er würde fie verabfcheuer haben, wenn er ein Zeuge
davon gemwefen wäre. Ich laffe mich Hier in die
Frage nicht ein, vb der König die reformirte Reli—
gion in feinen Staaten hätte dulden’ follen; ob zwo
mächtige Religionen, die aufeinander eiferfüchtig
TE find,
396 Anmerkungen über Chriſtina,
find, in der Länge einem Königreiche nicht gefährli-
cher find, als es die Ausrottung der einen von bey ⸗
den ſeyn würde, ob es in dem Zuftande, worinn die
Sachen damals waren, nicht beffer würde. gemefen
feyn, ſich gelinder, Mittel zu bedienen, als offenbare
Gewalt zu gebrauchen, und in der Stille nah und
nach Profelyten zur katholiſchen Religion zu machen,
anſtatt Märtyrer in der reformirten zu machen.
Dieß find politifche und Religionsaufgaben, wenn
man fo fagen darf, die eine andere Feder als die mei-
nige, und eine andere Schrift, als die gegenwärtige,
erfordern. Aber es feheint doch, Als wenn: igund
alle Welt darinn einig wäre, daß diefe Verfolgung,
(die Feinesmeges von Ludwig dem XIV. befohlen wor»
den, ) mit einer Grauſamkeit ausgeuͤbet worden, die
beydes, die Religion und die Gerechtigkeit, beleidiget;
und daß man den König zu eben der Zeit, da man
ihn wegen feiner richtigen Abfichten lobet, zugleich
beflager, daß feine Befehle auf eine fo unmenfchliche
Arc vollzogen worden. Doch dem fey wie ihm wol»
le, die Gefinnungen,, die Ehriftina in dieſem Briefe
äußert, machen ihr Ehre, und find eines von den
fhönften Stüden, die wir von ihr übrig haben,
„Seyd ihr auch, fehrieb fie an den Ritter von Ter-
„ton, von der Aufrichtigfeit dieſer Neubekehrten
„recht überzeuget ? = = „die Soldaten find feltfame
„Apoſtel » » =. „ich beflage fo viele rechtfchaffene
„geufe, die an den Bertelftab gebracht find, ob fie
„gleich irren, fo verdienen fie doch mehr Mitleiden
„als Haß « > = Sch betrachte Frankreich als einen .
„Kranken, dem man einen Arm abnimmt, um ein
„Uebel auszurotteny das die Geduld und —
| vi | — „te
‚ Königinn von Schweden. 397
„tel wuͤrden geheilee haben. „ Sie endiget ihren
Brief, indem fie die Aufführung Ludwigs des XIV.
gegen feine proteftantifche Unterthanen dem Bezeigen
entgegen feßet, das er damals gegen den Pabft beob»
achtete. Diefer legte Punct ift eben fo überflüßig,
als ihre italienifchen Declamationen wider die Sreye
heiten der franzöfifchen Kirche und die berühmten Ara
tifel von 1682.
Indeſſen nahm es Chriftina fehr übel, daß Bayle
diefen Brief öffentlicy befannt gemacht hatte, noch
mehr aber ärgerte fie fich über die Anmerkungen, die
er hinzu gefüger hatte, um ihre Bekehrung ein wenig.
verdächtig zu machen. Ihre Klagen veranlafferen
eine ziemlich lange Unterhandlung zwifchen dem Phis
lofophen und der Prinzeßinn, und diefe Unterhands _
lung ward endlich zum Vergnügen beyder Parteyen
geendiget.
1687. Die Sache wegen der freyen Zuflucht,
die um dieſe Zeit in Frankreich fo. viel Laͤrm verura
fachte, machte in Rom nicht weniger Aufſehen. Chris.
ftina, die ihrem echte anfänglich entſaget hatte,
wollte ihre Entfagung wegen eines Berdruffes wies
der aufheben, den ihr die Frechheit der päbftlichen
‚Gerichtebedienten verurfachte, indem fie einen Miſſe—
thaͤter bis in ihr Haus verfolgeten, und ihn heraus»
boleten, Aber diefe Sache, die in Paris mit vieler Feya
erlichkeit getrieben ward, und von Seiten des Pabiteg
Bannftrabhlen, und von Seiten des Parlements Des
creteund Appellationes an ein Fünftiges Concilium ver⸗
anlaflete, ward zwifchen der Chriftina und dem Pabfte
durch die Bermittelung ihrer Beichtvaͤter auf eine
RN j gelaſſe⸗
\
398 Anmerkungen über Chriſtina, |
gelaffene Ark abgehandelt. Indeſſen Eoftete es doch
eben ſo viel Muͤhe, ſie beyzulegen, als wenn Ebriſti.
na furchtbar geweſen wäre,
Da der Prinz von Conde in dem vorpegependen:
Jahre geſtorben war, fehrieb Chriltina, deren Be⸗
wunderung für diefen Prinzen durch fein Unglück nie.
war vermindert worden, an Die berühmte Mademoi-
felle Scudery, um fie zu bewegen, einen Helden, der‘
ihrer behinrüche. fo würdig fey, nad) ihrem ganzen
Vermoͤgen zu erheben. Man fiche aus diefem Brie⸗
fe, daß Ehriftina dem Tode ziemlich ftoifch entgegen.
fahe. „Der Tod, fehreibt fie, der. fich nähert, und.
„der feinen Augenblick nie. verfäumet, beunruhiget
mich nicht, ich erwarte ihn, ohne ihn zu wuͤnſchen,
„und ohne ihn zu fürchten. „,
1688. Indeſſen brach der Krieg wieder in Eu-
ropa aus. Man fieht aus einem der legten Briefe
der Chriftina, daß fie es vorher gefehen, was für ei⸗
nen Ausgang verfelbe, in Abficht auf den König Ja⸗
cob den II, nehmen würde. Diefer Prinz, deſſen
$eben ſich weit beſſer in einer Leichenpredigt, als in
einer Geſchichte ausnimmt, und deſſen Verfolgungs⸗
geiſt allezeit durch ein vernuͤnftiges Chriſtenthum
wird gemisbilliget werden, war von einem Throne
verjagt worden, "weil er eine freye Nation, die ihn
ganz gerubig feiner Moͤnche und feiner Maitreffen:
geniegen ließ, quälen wollte, und weil er die Englaͤn⸗
der mit Gewalt zwingen wollte, dag zu glauben,’ wo⸗
von er fie durch fein Beyfpiel härte überzeugen ſol⸗
len. Nach Frankreich geflüchter, in Europa. wenig:
geachtet, den Spöttereyen des Hofes ausgefeßet, wo⸗
hin er ſeine Zuflucht genommen hatte, hat er, wie
man
Koͤniginn von Schweden. 399
man faget, nach feinem Tode Wunder gerhan, da er
in feinem $eben nie das Wunder hat thun koͤnnen,
wieder auf den Thron zu ſteigen. „Da ift aber⸗
„mals, fehrieb Chriftina bey Gelegenheit diefes Krie-
„ges, ein großer Schauplag geöffnet, der fehr viele
„geute zum Weinen und zum Sachen bringen wird,
„Alles zittert in Rom, nur ich nicht, Meine größte
„Aufmerkfamfeit ift auf die. Maaßregeln gerichter,
„die Schweden bey diefer Gelegenheit ergreifen:
zwird.,, Da fie nod) immer wider Frankreich auf⸗
gebracht war, fo feheint es, als wenn fie nicht wünfch«
‚te, daß Schweden fi) mit Frankreich verbinden
möchte ; man fagt auch, daß fie fi) aus Verdruß
‚ über den Pabſt und die Römer, deren fie. müde war,
Damals mit dem großen Churfürften von Branden⸗
burg in eine Unterhandlung megen einer freyen Zu⸗
flucht in feine Staaten eingelaffen. : Einige Schrift -
ſteller haben, ohne zu unterfuchen, ob diefes auch
‚ wahr fey, daraus den Schluß gezogen, „aß fie Wil⸗
lens gemwefen, die proteſtantiſche Religion wieder ana
zunehmen ; aber wenn fie auch wirklich dieß eben:
‚nicht wahrfcheinliche Vorhaben gehabt hat, fo harte
ſie doch nicht die Zeit, es auszuführen. -
1689. Sie ftarb Furze Zeit hernach, mit Gelaf
ſenheit und Philofopbie. Man hat vorgegeben, daß
fie beffer geftorben fen, als Elifaberh, möchte man
| boch auch fagen koͤnnen, daß fie befler gelebet haͤtte.
Sie verordnete in ihrem Teftamente, daß man auf
| ihr Grabmaal nichts als die Worte fegen folle:
| D. O. M. vixit Chriftina annos LXII. Die Be
ſcheidenheit und der Stolz der Grabſchriften find bey⸗
| de
|
de auf gleiche, Art Werke der Eitelkeit. Die Bes
fcheidenheit fchickt fich beffer zu der Eitelkeit, die große
Dinge gethan hat, der Stolz ſchickt fich beſſer zu der,
die nur kleine Dinge gethan har. enn man die
Grabſchrift der Chriftina nach diefer Regel beurtheis-
let, fo wird man finden, daß fie nichts als wahr fey,
ohne groß zu ſeyn. Die Ungleichheit in ihrer Aufs-
führung in ihrer Gemüchsbefchaffenheit und in ih⸗
‘rem Geſchmacke, der wenige Anftand, der fich bey ih»
ven Handlungen zeigte, der fchlechte Vortheil, den fie-
aus ihren Kenntniffen und ausihrem Berftande zog,
um die Menfchen gluͤcklich zu machen, ihr oft unrecht
angebrachter Stolz, weil er allemal unrecht ange
bracht wird, wenn er nicht Hochachtung zuwege
bringt, ihre zweydeutigen Reden über die Religion,
Die fie verlaffen hatte, und über die Religion , zu der
fie ſich befaunte, endlic) das herumirrende Leben, fo‘
fie unter Fremden führete, von denen: fie nicht gelie=
bet ward; alles diefes macht, daß man zu ihrem Lo⸗
be weiter nichts fagen Fann, als daß fie 63 Fahre ge⸗
lebet bat. | Hy
Icch fage nichts von ihrem Seichenbegängniffe, ihrer
Bibliothek, ihren Gemählden, ihren Seltenheiten,
den Medaillen, die auf fie gefchlagen find, und über.
laſſe allediefe Dinge dem Berfafler der Denkwuͤrdigkei⸗
ten; ich will lieber von zwey Werfen, die fie geſchrie
ben hat, noch etwas fagen. Das eine führet den Ti⸗
tel: Penfees diverfes, und ift, wie die meiften Wer-
ke von diefer Art, eine Sanımlung von allgemeinen:
Sachen, die man fich nicht einmal die Mühe genom»
men bat, durch eine epigrammatifche Wendung zu”
! Ders
Königinn von Schweden. \ 40,
verſtecken. Das Sonderbarfte in diefer Schrift iſt,
| daß man einige Säße von der Neligionsduldung dar⸗
‚ inne antrifft, die einigen hoͤchſt überrriebenen Sägen
| von der Unfehlbarfeit des Pabftes gerade gegen über
ſtehen. Hat fie diefe legtere als ein Gegengift der
\ erftern hingeſetzt, ſo kann man ſagen, daß die Arztney
| ſchlimmer als das Uebel iſt. Das andere Werk iſt
eine Lobrede des Alexanders, dieſes Eroberers, dieſes
Abgoͤtzen des Alterthums und Gegenſtandes der Cri—
tik unſerer ‚Zeiten‘, der wie der größte Theil der ber
ruͤhmten Prinzen, weder die übermäßigen Lobſpruͤche
| verdiente, womit ihn die Schmeicheley überhäufte,
noch die Satyren, die fo viele Gelehrte igund auf ihn
| madıen ‚ weil fie ‚nichts von ihm zu erwarten haben,
ihm mehr nachahmenfollen, nicht i in feiner ausſchwei⸗
fenden Liebe zum Ruhme und zu den Eroberungen,
ſondern in ſeiner Größe der Seele, in feiner Faͤhig⸗
keit zur Regierung, in feiner- Kenntniß der Mens
| (hen, in feinen weitläuftigen Einſichten und in fei-
‚ner aufgeflärten Liebe zu den Künften und Willens
ſchaften.
IT. Als
r EZ m be ka Eat Kun
L *
* — 9
J 1 8 N 4 „anni
ul. — r
Abredt von Sale BE (ie
"von den IM
" endlichen und veigbaren welen
des
menfchlichen K d r pers.
Bi II. Abſchnitt.
‚m 208 Vorgeleſen den 6ten Dayı —
Mir 6 Bunt auf. das Keizbare,
| welches von dem Empfindlichen fo unters
| > fchieden iſt, daß es hoͤchſt Empfindliche
Theile giebt, die ohne alle Reizbarkeit ſind; und
hingegen giebt es wiederum reizbare, die Feine Ems
pfindung haben, Ich werde von beyden überzeugen
de Erfahrungen beybringen, und mit gleicher Sorg ·
falt erweiſen, daß die Reizbarkeit nicht, wie man ins⸗
gemein glaubet, von ven Nerven entſpringe; ſon⸗
dern aus der Structur des reizbaren Theils ſelbſt
folge.
Erſtlich, ſo iſt der Nerve, von welchem alle Em⸗
pfindung zur Seele gebracht wird, felbft von aller
KReizbarkeit entferne. Dieſes ſchein⸗ zwar wunder⸗
bar zu ſeyn, indeſſen aber iſt dieſes ſo gewiß als wun⸗
derbar. Wenn man einen Nerven reizt, An, | —
des menfchlichen Körpers. 403
ven gehen, in der That Frampfhaftes Zucken; "und
ich weiß Fein einziges gegenfeitiges Erempel. Denn
ich habe fo wohl das Zwerchfell, als die Musfeln
des Unterfeibes (bey einer Ratte, ) und den vordern
und hintern Schenkel vornehmlich bey dem Frofche,
öfters auf eben die Art, da der Merve gereist wurde,
Erampfhaftes, Zucken leiden fehen. Man fehe hier:
von Die hiermit übereinfommenden Verſuche des
Schwammerdam. Ich babe bey diefer Beob⸗
achtung, fo wohl ale George Ihriftian Oeder,
gefunden , daß, wenn der Merve gereizt wird, feine
andern Musfeln zittern oder zucken, als diejenigen,
welche von diefem Merven Aefte befommen a).
Ich habe auch beitändig gefehen, daß der mit dem
Meſſer gereizte Merve ein Zucen in dem Musfef
macht, nicht anders, als wenn er von einem Gifte
gereizet worden,
Ein folches Zufammenziehen — wie bey einer
Be Mustelfafer, gefchieht bey. den Nerven:
Ich habe öfters bey "Wunden, und vornehme
lich ben, Froͤſchen, den Nerven mit aufmerkffamen
Augen betrachtet, und gewartet, was in dem Ner-
ven vorgehen würde, wenn der Muskel krampfhaftes
Zucken hätte : ic) habe aber niemals die geringjte
Spur einer Bewegung in ‘dem Nerven gefehen.
Ich habe daher einen andern Verſuch vorgenom⸗
men, welcher auch zu Berlin von dem gelehrten Hrn.
Doctor J. Gottfried Zinn angeftellt worden. Ich
habe bey einem lebendigen Hunde einen langen Ner⸗
ven über ei ſubtil eingetheiltes mathematiſches In—
ſtrument gel gt, ſo daß der Nerve bey der geringſten
Cc 2 | Bewe—
a) n. Bi P. *
404 Von den veizbaren Theilen
Bewegung, nothmendig von einem Grade des. In⸗
ftruments zum andern fortrücfen mußte; ‚alsdenn ha«
be ich) ihn gereist: allein-er ift unbemweglich geblies
ben, und nicht um den geringften meßbaren Kaum.
von den inien, auf welchen er lag, abgewichen.
Diefes find neue Beweiſe, welche zeigen, daß den
Mervenfäferchen wider alle Erfahrung eine oſcelliren⸗
de Kraft zugeſchrieben wird.
Weder die aͤußerliche Haut, als der Sitz des Ge
fuͤhls, weder die Nervenhaͤutchen des Magens, der
Gedaͤrme oder der Harnroͤhre, find reizbar. Denn
man muß bier nicht die aͤtzende Kraft. des Birriolöls,
oder des Salpetergeiftes, welche frenlich die Haut zur,
fammen ziehen, die zerfchnittenen Nerven, die mit
‚dem Meffer getrennten Pulsadern zwingen, daß
fie wie ein Wurm zufammen kriechen, misbrauchen ;
diefe fauren Geifter erregen auch in dem Häutchen
der Harnröhre oder der Blafe, oder der Galfenblafe,
ein offenbares Zufammenziehen. Die $unge ziehe
fi von dem Vitriolöle audy nach dem Tode zufam«.
_ men, wie J. (5, Zimmermann b) anführet. Die
äußerliche Haut, der Schwanz und das Fert ſchrum⸗
pfen etliche Stunden nach dem Tode zuſammen, wie
man bey eben demſelben c) findet. Denn diefe Krafe |
bat nichts mit dem Leben gemein, und alles erfolge,
eben fo wohl vier und zwanzig Stunden nad) dem ||
Tode, da aller Verdacht einer Empfindung wegge⸗
fallen, wie ich aus Erfahrung habe.
Hierauf beruht auch Feinesweges die Schärfe der I
Reizbarkeit und Empfindung. Der Magen ift hoͤchſt
empfindlich; die Gedaͤrme aber ſind es J
b) ©. ı7. c) S. 13.
des mienfchlichen Körperd. 405
denn fie fchmerzen gewißlich nicht fo ftarf: und gleich«
wohl habe ich gefunden, daß fie reizbarer find, Das
böchftreizbare Herz Hat nur eine mittelmäßige Em-
pfindung, und die Berührung deffelben hat bey einem
lebendigen Menfchen vielmehr eine Ohnmacht, als ei-⸗
nen Schmerz nad) ſich gezogen.
Ferner fo ift ein Theil deswegen nicht empfindlich,
teil er reizbar ift: nämlich, wenn der Merve gebuns
den oder zerfchnitten wird, fo iſt derjenige Theil, wel⸗
her mit diefem Nerven verfehen ift, deswegen doch
noch reisbar. Ich habe den berühmten bellinifchen
Verſuch öfters wiederholet ; jedoch) aber den Erfolg
ein wenig anders gefunden, als man ihn insgemein
erzaͤhlet. Ich faffe und druͤcke den Nerven des
Zwergfelles (Neruum phrenicum) eines lebendigen,
oder, weil nichts daran liegt, eines friſch getoͤdteten
Thieres. Unter dem Orte, wo der Nerve zufammen«
gedruͤckt wird, reize ich: ſo bekoͤmmt das Zwergfell
ebenfalls Convulſionen; unterbinde ich den Nerven:
ſo erfolgt eben dieſes. Zerſchneide ich den Nerven,
und reize den Nerven unter dem Orte des Schnittes,
der von aller Gemeinſchaft mit dem Gehirne, und alſo
von aller Empfindung entfernet iſt, ſo gehorchet das
Zwergfell gleichfalls, und bekoͤmmt krampfhaftes Zu⸗
cken. Wenn ich auf eben dieſe Weiſe den Schenkel.
nerven zerfchneide, fo verliert das lebende Thier die
Empfindung, und fann, ohne daß es ein Zeichen eines
Schmerzes von ſich giebt, allenthalben an dem Schen-
fel verlegt werden. Gleichwohl aber zittert diefer
Schenfel, wenn der Nerve gereizt wird: er ift alfo
deswegen nicht empfindlich, weil er reizbar ift.
\ | €: 3 | Uebri⸗
406 Bon den reizbaren Theilen
Uebrigens habe ich gefunden, - daß vieles in dieſem
beltinifchen Verſuche zu groß gemacht wird. So
viel ift gewiß, daß der gebundene und gereizte Nerve
Das Zwergfell in eine sitternde Bewegung feße, er mag.
nun. oberwärts oder untermärts gebunden werden z
die Unterbindung, welche unterhalb geſchieht, hat aud)
nichts verfchiedenes von der, welche oberhalb gemacht
wird; das Iwergfell wird auch niche mehr beweget,
wenn der Nerve unterhalb gebunden wird, oder ruhet
nicht etwa, wern es oberhalb gefchieht, Indeſſen
babe id) gefunden, daß das Reizen feine Wirfung
beſſer thut, wenn der. Nerve gefpannt, als wenn er
fchlaff iſ. Wenn man den Nerven preflet, und über
dem Drte, mo er gepreßt wird, reizef, er mag nun
unten gebunden fenn oder nicht, fo bleibt er in beyden
Hallen in Ruhe; und daher fehreibe J. Sriedrich
Ortlob d), daß alsdenn eine Bewegung in dem
Zwergfelle vorgehe, wenn Nerve araee wer⸗
de e).
Endlich habe ich auch in je Gliedern der kleine
Thiere die Nervenſtaͤmme unterbunden, damit das
Glied gelaͤhmet und unempfindlich wuͤrde. Alsdenn
habe ich die Muskeln entbloͤßet, diefelben mit einem
Meſſer gereizet, und gefehen, daß derſelben Faferı
eben fo hurtig, als erſt, gesittert und gefchlagen; ob-
gleich in der That die Seele ihre Herrſchaft nicht
mehr über Diefes at gehabt Hat. di
;
a) in praef. ad anatomen rationalem Danielis Ton
e) An diefer Stelle fehlt etwas in der ui
Grundfchrift.
ce’
des menfehlichen Körpers. 407
Ein aͤhnlicher Verſuch laͤßt ſich auch bey Theilen,
die von dem Körper getrennt worden, anftellen. Die
Gedärme madjen, wenn fie gleich ſchon von dem Koͤr⸗
per getrennt £), und aller Gemeinfchaft mit dem Ges
hirne beraubet worden, ihre, wurmförmige Bere _
gung; und wenn fie mit dem Meffer oder mit Gifte
‚gereist. werden, fo leiden fie eben die Zufälle, die ich
gleich anführen werde, und welche ſich an ihnen auf
fern, wenn: fie. in. ihrer Sage und: mit ihren Nerven
verbunden bleiben. Eben diefe Erfahrung findet
auch bey dem Herzen, bey jedweden Muskel, welcher
aus dem Körper heraus gefchnitten worden, ftatt g)⸗
Bey dem Aale fchlägt das Herz zu ganzen Stunden
in gleichen‘ Zwiſchen zeiten, und mit einer gleichen
Kraft; es nimmt auch wechſelsweiſe das Blut in ſich,
und treibt es wieder heraus. :
Wenn wir nun fagen, das Thier empfinde, wenn
ſich die Seele einen aͤußerlichen Eindruck vorſtellet:
ſo empfindet derjenige Theil des Koͤrpers gewiß nicht,
bey welchem entweder die Gemeinſchaft des Nervens
mit dem Gehirne aufgehoben, oder der gaͤnzlich von
dem Körper getrennet iſt. Des Robert Whytt h)
theilbare Seele hat die Nothwendigkeit eines Lehrge⸗
baͤudes veranlaſſet, da ſie in ſo viele Theile geſpalten
wird, als dem Zergliederer Muskeln oder Theilchen
Der Eingeweide von dem menſchlichen Körper abzu«
ſchneiden beliebt. Ich habe den Verſuch oft wieder:
holet, und die Gedärme geſchwind aus dem Körper
Cc4° her⸗
9 I. Woodward Supplement. pag. 76.
8) 3.6. Zimmermann ©. 19.
h) An angeführten Orte 6.383.
408 Don den reizbaren Theilen |
heraus aeriffen, fie in etliche, z. E. vier, acht Theil-
chen getheilet: fohaben fie fich, jedes befonders, wurm ·
foͤrmig beweget, und fich, wenn man fie gereizet, auch
zufammengezogen. Dergleichen Berfuche hat. Jo—
bann Woodward an den Gedärmen i), Bagliv
an dem Herzen eines Frofches k), und vor dieſem
vor allen 13. Aurelius Severin |) angeftellee. Ich
babe gefehen, daß abgefchnittene Theilchen und ein⸗
zelne Stückchen von einem Herzen auf dem Tifche
fortaekrochen find. Daß auch die Afterbürde, die
Häuschen des Eyes ihre Reizbarkeit von feinem Ner⸗
ven haben, weil Feiner darinnen ift, auchdes Johann
Lußius Memung m): ich aber habe von viefer
Sache feine Erfahrung. Ich finde auch, daß Ber
orge Bagliv n) eben dergleichen Beweiſe für den
Sitz des Reizbaren in den felten Theilen gegeben.
Wir müffen bier auch die Inſekten, welche in der
That von folher Natur find, daß alles empfindlich
und alles reijbar an ihnen ift, nicht zum Exempel an⸗
führen o). “
Unſere Seele aber iſt es, welche ſich bewußt if,
fib, ihren Körper, und mit Hilfe des Körpers, die
Welt vorfteliet. Ich bin daher ich, und fein ande
rer, weil dasjenige, rwelches ich genennet wird, von
allem dem, was meinem Körper und deſſen Theilen
wiberfähret, geändert wird. Wenn ſich nun das,
was
i) An angeführten Orte ©. 80.
k) de fibra motrice p.7.
h) vipera pythia p. 119.
m) An angeführtem Hrte n. 34. *
n) de fibra motrice et morbofa p. 7- |
0) gr des inſect. T. II. p. 34-85
—
des mienfchlichen Körperg. 409
was ein Muskel, ein Darm leidet, auf eine andere
Seele bezieht, und in einer andern eine Veränderung
hervor bringt, in meiner aber. nicht: fo üft Diefes nicht
meine Seele, und gehöret mir, nicht zu. Und wenn
ein Singer von meinem Körper abgefchnitten ift,
wenn Fleiſch von meinem Schenfel weggenommen
worden, fo geht mic) diefes ebenfalls nichts mehr an;
ich ftelle mir das, was diefe Theile leiden, nicht mehr
vor, oder ich habe feine Schmerzen mehr davon; es
‚wird Fein Gedanfe mehr davon in mir erweckt.
Diefer abgefchnittene Finger alfo, diefer abgeriffene
Muskel, wird nicht von meiner Seele, nicht von eis
nem Theife derfelben bewohnet; ich bin nicht in die,
fem Singer. Diefer Finger, fage ich, ift von meiner
Seele, welche ganz ift, von welcher fich fein Theil ab»
fondern läßt, mie auch von der Seele eines jedweden
andern Menfchen, feiner ganzen Natur nad) gefchie»
den und getrennet, Denn mein Wille ift auch, nach.
dem diefer Finger abgefchnitten worden, noch vollfom-
men, es ift nichts mit von den Kräften der Seele
meggegangen; dieſer unverftümmelte Willeaber kann
nun nicht mehr in diefen Finger wirfen: und gleich»
wohl bleibt diefer Finger reizbar. Die Reizbarkeie
hängt alfo weder von dem Willen, noch von der Seele
ab, | h Ä
Ferner fo zeigen auch die Erfahrungen, daß nicht
alle Kraft der Muskeln von den Nerven —
denn wenn gleich dieſe letztern gebunden und abge—
ſchnitten worden, ſo ſind die Faſern dennoch reizbar,
und haben eine Kraft, ſich zuſammen zu ziehen. Und
hierdurch wird vielleicht der Mugen der Merven etwas
eingefehränkt ; denn fie ſcheinen nur fo viel zur Bere:
i ec 5: gung
410 Von den reizbaren Theilen
sung der Muskeln mit beyzutragen, daß ſie den Wil⸗
len der Seele auf denjenigen Theil bringen, welcher
bewegt werden ſoll; ferner vermehren und erwecken
ſie, dieſe Vermehrung mag nun geſchehen, wie ſie
will, die nafürlihe Kraft. der Faſern, dadurch ſi ie ſich
zu verkürzen beſtreben.
Ich komme aber wieder if: die So und will
———— anführen, wodurch id) ausfuͤndig ge
macht habe, welche Theile des Körpers reizbar, und
in was für einem Grade ſie folches find.
Die Außerlihe Haut nehme ic) aus. Das zel:
fichte Gewebe und das Fett, welches dag Vitrioloͤl
begierig verfchluckt, ift nach ‚aller Meynung unbeweg:
lich, wird auch.nicht durch das mindeſte Reizen be;
mweget; folchergeftalt Haben: weder die Lunge, melde
die ftärfiten fauren Sifte ebenfalls zuſammenziehen,
noch die $eber, die Milz oder die Nieren etwas Reiz⸗
bares an fi. Denn fie beftehen aus dem zellichten
Gewebe, das unter allen am wenigften reizbar iſt, und
aus Gefäßen, die ſich —— — das Reizen ‚nicht
bervegen laffen. ’
Und biefes ſcheint mir ein Merkmal zu ſeyn, wo⸗
durch ſich ein Faͤſerchen vom zellichten Gewebe von ei⸗
nem Fleiſchfaͤſerchen unterſcheidet: da fie doch uͤbrigens
einander fo aͤhnlich find, daß man ſich öfters betruͤ⸗
get. Wieviele, auch) zu unſern Zeiten, haben nicht
das zellichte Gewebe, wie auch die runden Mutter:
baͤnder und die Kapſel des Gliſſon, in weichen eben⸗
falls viele Zergliederer Faſern finden, für Muskel:
haͤutchen gehalten ?
Ein Faden von dem zellichten Gewebe vergäft
fih zur Neizung, wie ein Faden vom fodten Fleiſche:
KB er
des mienfchlichen Koͤrpers. 41
er giebt nach, wenn er beruͤhrt wird, er biegt ſich,
wenn er geſtoßen wird, und ſtellt ſich wieder her,
wenn man nachlaͤßt. Wenn er zerſchnitten wird,
ſo zieht er ſich auf beyden Seiten zuruͤck und laͤßt
eine Luͤcke. Wird aber eine lebendige Muskelfaſer
mit einem Meffer oder mie Gifte gereizet, fo wird fie
kuͤrzer; fie zieht ihre Außerften Enden an, und fo bafd
als man nahläßt, : verlängert ſie ſich wieder, und
wiederholet gleich —— ieſes Neclaſſen und Zus
‚Juntiehisben. |
Die Senne ift nicht J ſo, wie N auch nicht
empfindet; Keine Kraft des Meflers, oder eines
mäßigen Giftes erweckt Frampfhaftes Zucken in den
Faſern derfelben ; feßt auch den Muskel, der fich in
dieſe Senne endiget, in Feine Bervegung. Wenn
‚auch gleich eine efeftrifche Sunfe, die aus den Sennen
gezogen- wird, ftark ift, wie Herr Jallabert p) be
merket, fo eneftehen doc) auch an den andern fehr fer
ften und haͤrteſten Theifen des Körpers beige elekeri-
ſche Funken.
Die Baͤnder, das Knochenhaͤutchen, das arte und.
dünne Hirnhaͤutchen, und alle Arten der Haͤutchen find,
weil fie von dem zellichten Gewebe entftehen, auch von
feiner reizbaren Natur. Diejenigen, welche in das
harte Hirnhäutchen, in den Herzbeutel bewegende
Sleifchfafern gefegt haben, koͤnnen durch diefe Er:
‚fahrungen überzeuger werden, daß durch das Bren-
nen, Stechen, Zerreißen des harten Hirnhäutchens,
oder Des Herzbeutele Eeine fichtliche Bewegung erreget
werde. Dieſe Erfahrungen ſind ſo wohl bey mir,
u —*
9 de electricit. S.79
—
u \ ”
q12 Von den renn Seiten
als bey dem Herrn Zinn, Walsdorf, Oeder und
andern wohl hundertmal, und allezeit mit einerley
Erfolge wiedercholet worden. |
Daß die Pulsadern reizbar find, füheinen einige
Umftände glaublich zu machen: naͤmlich, fo wohl die
imn ihnen befindliche Muskelhaut, als auch am mei⸗
ſten die Nothwendigkeit, eine Urſache zu finden, wels
che macht, daß die Erweiterungen der Pulsader wech⸗
felsweife mit dem Drude des Herzens überein kom⸗
men, und daß diefelbe enger wird, wenn der Druck
des Herzens nachlaͤßt. Und es iſt bekannt, daß be:
rühmte Männer, und nur neulich Peter Senac und
Roberr Whytt q) den Pulsadern, und meiftens
den Fleinern Gefäßen, fo viel reizbare Kraft zufchreis
ben, daß das Herz von den Urfachen der Bewegung
des Blutes faft ausgefchloffen wird. Ich will auch)
nicht in Abrede feyn,- daß diefe Hypotheſe nicht die
größte Wahrfcheinlichfeit habe ; fo wohl wegen der
| Aehntichkeit mit den Gedärmen, die ihre Fluͤßigkei ·
ten durch die wurmfoͤrmige Bervegung weiter brins
gen, al8 auch wegen der Hauptpulsader des Seiten:
wurms, welche z. E. verfehiedene für das Herz ges
halten haben, und die völlig nadı Art der Gedärme,
indem fie ſich nach und nad) zufammen zieht, ihre
Fluͤßigkeiten weiter ſchafft. Ferner auch wegen der
<hiere, bey denen, wenn gleic) das Herz heraus ger
riffen worden, noch einige Zeit einige Bewegung der
‚Säfte übrig bleibe, die von nichts andern, als von den |
Pulsadern, hergeleitet werden zu fönnen ſcheint; end« |
lich auch wegen der befondern Entzündungen, 6 |
dur
-q) An angefüherem Drte G.95-
| des menſchlichen Körpers.
durch den Reiz entſtehen. Denn man hat durch das
Mieroſcop das Blut in den Fiſchen und in dem Fro⸗
ſche wohl noch eine Stunde, nachdem ihnen das Herz
ausgeriffen worden, mit einer ſchwankenden Bewe⸗
gung in den Pulsadern oſcilliren, und in den Blut»
adern wieder zum. Herzen gehen gefehen ; und wenn
8 Herz geruhet, und nicht gefchlagen, auch ſich die
Klemm (Branchiae) nicht bewegt haben, und feine Em.
pfindung mehr uͤhrig geweſen ift,fo hat man dennoch das
Blut durch die Gefaͤße des Fiſchchens gehen und wie⸗
der zuruͤck kommen geſehen.
Dieſes mag nun alles ſo ſeyn, ſo beweiſen doch die
Verſuche nichts dergleichen. Es entſteht bey keinem
Thiere in der Pulsader, ſie mag aͤußerlich oder inner⸗
lich, mit einem Meſſer, oder mit Gifte, oder aber
mit rauchendem Salpetergeifte gereizet werben, ein
Zufammenziehen: wo man nicht das. Zufammenzies
ben nehmen will, das: von dem Bitriolöle entfteht r),
und welches ebenfalls erfolget, wenn man daffelbe
viele Stunden nach) einem. vollfommenen Tode auf
die Ader bringe. Ich habe vor dem Microſcop bey
lebendigen Froͤſchen die Pulsadern öfters mic Alkos
hol, mit Salpetergeifte, und nrancherley ſcharfen $is
quoren vergebens gereizet; ic) habe auch nicht geſe—
ben, daß eine ‚Bewegung erfolge ift, da doch inwen⸗
dig das Blut wie zu einer ealahlee Schmiere ges
worden,
Serner habe ich bey <hieren, deren Blur ich mit
Hülfe des Vergrößerungsglafes circuliren gefehen,
niemals ein Zufammenziehen in den Pulsadern mahr«
genommen, So oft id) in Fröfchen und Fiſchen das
Blut
J.G. ah ©. 24.
ca a 1, I
a1, Bon den reizbaren Then
Blut viele Stunden’ bewegen geſehen, hobe ich den:
noch allezeit gefunden, daß die Hautchen der Pulsar
dern wie gläferne Röhrchen vollkommen geruher. Und
die auf einer Pulsader liegende Blutader iſt gleich⸗
wohl durd) feinen Pulsſchlag bewegt worden, wel⸗
chen das Microſcop nicht haͤtte ſichtbar machen koͤn⸗
nen. Von dem Verſuche aber, welchen Anton |
von cheyde s) anführer, daß ſich nämlich eine zer⸗
fihnittene Pulsader bey einen Froſche fo uſammen
gezogen ! habe, daß nichts mehr ae WR habe
ich öfters den gegentheiligen Erfolg gefehen; naͤm⸗
lich, der Schnitt in Die Pulsader hat ſeine Figur bes
halten, und ift wie ein unbeweglicher Spalt geblie⸗
en ‚ bar fih auch weder verengert noch erwei⸗
| "6 ich alfo wohl die Reizbarkeit der Puls edein
nicht gaͤnzlich verwerfe, ſo ſehe ich doch nicht, daß ſie |
durch Verſuche beftätiget werden fan. |
Bey den Blutadern kann ich auch ſchwerlich eine
Reizbarfeit zugeben, denn id) fehe zwar bey deit-
feiben eine Bewegung, eine Bewegung, die fo wohl
von dem Athemholen, als von dem Zufammenziehen
der Hohlader herruͤhret, die ich öfters, und vornehm⸗
lich bey Falten Thieren, an dem Herzen habe zuſam⸗
men ziehen, und ihr Blut in das Herzohr freiben ger
fehen. So meiß id auch, daß die Blutader wenn
fie mit ſcharfen Gifte, mit Bitriotöle, oder mit raus
hendem Salpetergeiite berühret wird, nicht wenig,
und offenbarer als die Pulsader, sufanmen gezogen’
wird, und daß fie ſich verengert und das Blut aus.
treibt , wie ich bey Zickelchen und Katzen geſehen.
| BE De
s) Obf. 35.
| des menſchlichen Körmar® Aus.
Da aber gleihmwohl die Blutadern fich weder durch
| das Reizen des Meſſers, noch durch mäßige einge
ſpritzte Gifte zuſammen ziehen‘, in dem menfchlichen
geben aber wahrſcheinlicher Weiſe kein ſo ſcharfer $i-
quor, als die Gifte, die Blutadern durchfließt: ſo
ſehe ich ein/ daß die Blutadern entweder eine ſchwa⸗
che oder gar keine Reizbarkeit Haben muͤſſen.
Die Milchgefaͤße werden von dem Vitrioloͤle
‚auch zufamımen. gezogen und ausgeleeret. Daß die—
ſelben feine. mittelmäßige reizbare Kraft haben, er»
hellet auch daraus, ‚daß fie fi nad) dem Tode, da
fie Doch ganz voll find „vollig auslceven, und fo zu⸗
KENT OFAODER wcheh daß Feine Höhlung übrig
bleibt. - - a Big
Die verfchiedenen Ausführungsgänge -baben
ebenfalls Feine größere Reizbarkeit als die Blutadern,
Die Gallenblafe, der gemeine Gallengang (Dudtus
choledochüs) t), der Harngang, die Harnroͤhre,
ziehen fich zwar zufammen, wenn fie mit einem fchar»
| fen Gifte beruͤhret werden; ein mäßiges Reizen aber,
oder das Schaben mit einem Meffer, fcheinen fieniche
zu empfinden. 00.
” Der Harngang empfindet nicht einmal das Reis
zen des Vitrioloͤls; und fcheint daher aller Muskel:
kraft beraubt zu ſeyn: es’ find auch niemals in diefer
Roͤhre Muskelfaſern mit genugfamer Gewißheit ges
zeiget worden. Fan, Ay N It nnd ka
Wegen der Natur der Harnblafe hat mich eine
Erfahrung in größere Gemißheit gefeßt. Denn die ⸗
ſelbe hat ſich bey einem halb todten Hunde, wenn ſie
J mit
t) 1.G. Zimmermann p. 46. vom Vitrioloͤle
46 Von den reizbaren Teilen:
mit einem Meſſer oder mit einer Nadel geſtochen
worden, Iwar nicht allezeit, jedoch oͤfters bis auf die
kleinſte Weite zuſammen gezogen, und den Urin, da
der Bauch ſchon aufgeſchnitten geweſen, ausgetrieben.
Allein ich habe auch geſehen, daß ſie ſich nach dem
Tode von ſich ſelbſt ʒuſammen zieht, und ausleeret,
wenn ſie voll geweſen: wie ich dergleichen ee:
vor diefen aus dem Wepfer.angeführet habe a).
Daß die Drüfen und Schleimhöhlen ( file —*
coſi) reizbar ſind, hiervon beweiſen das von einer
chymiſchen oder mechaniſchen Schaͤrfe verurſachte
Weinen, und das durch eine ſcharfe Einſpruͤtzung ver⸗
anlaßte Troͤpfeln des Schleims der Harnroͤhre und
andere Erſcheinungen von dieſer Art, daß bey leben»
digen Thieren fo viel als id) ale nichts iathag
chen vorhanden iſt.
Die Gebäbrmucter, vierfüßiger Tiere it —
falls reijbar, und macht eben fo geſchwind als die Ge⸗
daͤrme eine augenſcheinliche kriechende Bewegung, ſie
mag nun noch in dem Koͤrper, oder aus demſelben
heraus geſchnitten ſeyn. Es ſcheint auch nicht zwei⸗
felhaft zu ſeyn, daß die menſchliche Gebaͤhrmutter
ebenfalls veibar ift, daß ein großer Theil des Ges
we
bährens davon abhängt, und daß fie ſich daher fo
ſtark zufammen zieht, daß. auch die Hand der Heb⸗
ammen davon müde wird und einfchläft. Daher
wartet, bis der Mutterfuchen von fid) fid) felbft her.
ausgegangen, wenn es ſch gleich verweilet; und
hat
u) de eicut. aquat. p. 250.
‚bat Rupfch,, wie gar wohl befannt, ganz ficher ger
y des menſchlichen Koͤrpers 417
hat ſich hingegen vor der Ausziehung deſſelben ge
fuͤrchtet.
Die Keirbarfeit der Zeugungstheile ift zwar von
befonderer Art, und fo befchaffen, daß fie vornehm⸗
lich Durch wollüftige Vorftellungen der Seele, als
durch) einen Reiz, zur Bewegung angetrieben wer⸗
den. Daß ſie aber bey dem allen mit den andern
Theilen des menſchlichen Körpers von gemeinſchaft⸗
licher Natur find, erhellet z. E. aus der Steifigkeit,
welche von der Menge des Urins, von dem Ueberfluſſe
des Saamens, von dem Gebrauche der fpanifchen
Stiegen , ‚von der fcharfen Feuchtigkeit des Trippers
entſteht. Mit dieſen Reizungen aber mag es ſeyn,
wie es will; fo ziehen ſich doch in der That die Blut-
adern ufammen, und die Bewegung des Bluts durch
diefelben wird verzögert. Robert Whyott, welder
gegenfeitiger. Mennung ift, und die Steifigkeit von
einem häufigen Zufluffe des Blutes in die Pulsadern
berleitet, fcheine die Erfahrung nicht gewußt zu has
ben, da das männliche Glied fo wohl bey dem Mens
fchen als bey den andern Thieren, wenn man es un:
‚terbindet,, Dennoch fteif wird, da doch Fein Verdacht
wegen eines häufigern Zuflufe des Blutes durch ie
Pulsadern statt findet.
Alle Muskeln aber ſind reisbat: fie Faden fo
viel mir befannt, ohne Ausnahme, nach dem Abſter⸗
ben alle von fich ſelbſt, und zittern, ziehen ſich auch
wechſelsweiſe ʒuſammen und laſſen nah. Bey dem
Schlafmusfel, bey dem Bruſtmuskel, bey den Rib—
'benmusfeln Perla: ), bey dem ‚geraden
Muskel des Unterleibes, bey dem aufziehenden Muss
fel der Hoden (Creinafter); bey dem Schließmus
13 Dand, Dd — 9
a8 Bon den reizbaren Theilen
kel des Hintern, Habe ic) es felbft, bey dem Schließe
muskel der Blaſe hat es Herr Whytt 3), und ans |
dere haben es bey andern Muskeln gefehen. . Bey
Ribbenmuskeln habe ich öfters mit Vergnügen gefer |
ben, daß diefe Musfeln, da das Bruftbein megges
ſchnitten geweſen, fo eine Kraft geäußert, daß fie die
Ribbenknorpel haben Frümmen und einmärts ziehen
Fönnen. Sie find, wie ich gefehen, lange Zeit, und
Länger als das Awergfell veizbar geblieben, Ferner
-fo ift es eine alte Erfahrung, "die auc) den ‚gemeinen
$euten befannt y), daß das Fleiſch der Thiere nad)
erfolgtem Tode von fich felbft zittert: und es läßt ſich
leicht - aus der Ruhe wieder in Bewegung bringen,
man mag nun den in ven Muskel laufenden Merven
reisen, oder den Muskel felbft mit dem Mefler oder -
mit Gifte angreifen. J. ©. Zimmermann hat
unferm ähnliche Berfuche angeftellet z) ; und die Mus«
Eeln der Ochſen hat Woodward a), den Musfel
des Dickbeins bey dem Menfchen, als der mit einem
fcharfen Safte berühret worden, hat W. Eroone b),
bey dem Frofcye Herr Bremond c), Herr Beder
aber die Muskeln, wenn fie mit Salze berühret wor⸗
den, heftig zucken gefehen d). Und bey der erjten
Erfahrung liegt wenig dran, ob ber Nerve ganz iſt,
ee: und
x) ©.9 1 Wi
y) Hichmor Bau anat. p. 137, B. Langriss de mof,
muſe. p. 51. - Woodward p..74. L. c- Parfons. de mot,
- mufe.'p.68. W.Croone de mot. müfe. p.10. Mazini .
de mechan, medic. p. 13. Hughes Bärbados P-309.
) S. 19. 96€. 73: 74.75. 79. | ‘
b) de mot. muſc. p. 3 | W
8): Mem. de PAcad. ai Sciences 1739. p. 6 a
962. | € j
I -
& | des menfehfichen Körpers. 419
und mit dem Gehirne zufammenhängt, oder ob er abs
geſchnitten iſt €). Dieſes ſey wie es wolle, ſo wird
9 Muskelfaſer gezogen; fie nähert ſich mit den Auf
ferften Enden der Mitte, und es eneftehen in dem wire
Fenden Muskel einige wellenförmige Bewegungen, -
die quer durchgehen. Das Blut geht, wenn man“
das Mifrofeop zu Hilfe nimmt, nicht aus dem wir«
fenden Musfel eines Frofches heraus, fondern circulia
ret fo wohl, als vorher. - Es wird auch fein Muskel.
bey einem einzigen Thiere, wenn er wirket, blaß. Ich
habe ſchon längft erinnert, Daß des Harvey Beobach⸗
tung, die an dem Herzen angeftellet worden, und da
daffelbe, wenn. es ſich ausleerer, blaß wird f), die
Urfache eines Irrthums gewefen, worein die größten
| ae gefallen find.
Diefe Reizbarkeit der Muskeln ift bey den meijten
fo befhaffen, daß fich der Musfel von einem Reizen
etlihemal zuſammenʒieht und wieder nachläßt, bis er.
endlich, indem die ofcillirende Bewegung nad) und.
nad, abnimmt, fid) wiederum in Ruhe begiebt 8).
Diefe Beränderung geſchieht bey dem geraden Muskel
des Unterleibes offenbar, und bey dem Ribbenmuskel
(Sternocoftalis), und andern, ohne daß folche Faſern
‚vorhanden find, welche Hamberger h) und andere
ohne Noth in dem Herzen angenommen haben. Denn
bey diefen Muskeln find alle Faſern gerade, und eins
ander parallel; und Dennoch laffen fie ebenfalls wech«
Iorpeik nad). Jedoch hat 5* Whytt nicht
Dd Recht,
Herr Geder ©. 5.
) Comment. Boerhasv, n.400. Phyf, prim. un u.4
2) Wyytt © 18.
H) In progr. de caufa dilat.
420 Born den reizbaren Theilen
Hecht, wenn er ſchreibt i), daß das Zufammenziehen
aller Muskeln von ſich ſelbſt mit der Erſchlaffung
abwechſele. Denn in der Harnblaſe iſt in der That
nichts dergleichen, welche von dem erſten Augenblicke
der Zeit an, da ſie ſich ʒuſammen zu ziehen angefan⸗
- gen, bis zu Ende mit einer fOtEHANEENPAIN Kraft zus
fammengezogen wird.
. Der Regenbogen im Auge (Iris) br, worüber
an ſich wundern wird, feine. Reizbarkeit; wenig—
In läßt er fid), bereits angeführtermaßen, nicht von
einer mechanifchen Urfache, z. E. mit einem Meffer
u. d. g. reizen. Ich finde hiervon in des Herrn
Whytt Schrift k), daß deflen Erweiterung nicht
durch eine Musfelkraft gefchehe, weil er nach erfolg:
tem Tode fehr weit offen bleibt; Di: ich fonft öfters
gefehen, und igo bey einer Katze fehe, die unter-der
Marter geftorben, und der die Sehe fo mweit offen
fteht, daß faft Fein Regenbogen da it. Man bat
auch gefehen, daß derſelbe bey dem Srofche obne Reiz
barfeit iſt.
Unter den Muskeln find einige vorzüglich mit der
Kraft, fih zuſammen zu ziehen, begabet, und behalten
diefelbe nach dem Tode des Thieres länger. Hier⸗
unter rechne ich vornehmlich das äwergfell, das ic)
allezeit von folcher Natur gefunden, daß es zu der
Zeit, da andere Musfeln nach erfolgtem Ableben rus
ben, fich zu beroegen, oder doch wenigitens, wenn der
Nerve gereizt wird, zu zittern fortfaͤhrt.
Ich habe wohl eine Stunde und darüber nach dem
Zode, da Die Gedärme ſchon geruber, gefehen, daß es
| reizbar
1) ©. 293. h Sec, VII. Gr
des menſchlichen 8 rpers. 421
reizbar geweſen und gezittert; und eben aa
Er Fölg bat. Herr Simmermann !) gefehen: auch
hat J. Jacob Wepfer m) ſchon längit erinnert,
daß. Nr ‚wenn der Magen ausgeſchnitten wird, das
Zwergfell zuſammenziehe. Indem ich dieſes er sähe,
bin ich nicht in Abrede, daß zumeilen auch bey war⸗
men Thieren, wenn das Herz ruhet, auch andere
Muskeln ſchlagen und zittern koͤnnen, dergleichen Ep»
empel Oeder n) anführet. Jedoch aber koͤnnen als-
denn meiftens nur das Zwergfell, das Herz, und die
Gedaͤrme gereizer werden; oder das Herz und die
Gedärme bewegen ſich von ſich ſelbſt, wenn auch ſchon
die uͤbrigen Muskeln alle ihre Neigung zur Bewer
gung verloren Haben.
Wenn der Schlund über dem Zwergfelle gereizet
wird, fo zieht. er ſich augenfcheinlich genug zuſammen.
Ich habe deffen wurmfoͤrmige Bewegung, ohne daß
er gereizet worden, offenbar gefehen, und wahrgenom ·
men, daß er einen Biſſen auf: und niederwaͤrts ge
trieben; auch gefunden, daß die wurmförmige Bewe⸗
gung, von der Reizung entftanden. Hierdurch glaube
ich, daß die Ziveifel aufgelöfer find, die ein gelehrter
Mann vor nicht allsulanger\ Zeit wider die Bewe⸗
gung dieſer Muskelroͤhre vorgebracht hat.
Der Wagen iſt ziemlich reizbar, und wenn er mit
Gifte berühret wird, fo überfäuft er gleichfam mit eis
‚ner Surche und niedergedruckten finie. Wird er mit
dem Meffer gereizet, fo zieht er ſich bey Dem Pforte
ner und anderwärts zufammen, Sch habe gefunden,
er | Dd3 da
1) G. 19: m) de cicut. aquat. p. 155.
n) de temporali p. 4.
Von den reizbaren Theilen
= er —— vornehmlich von dem Gifte zur Linken —
Pfoͤrtners in eine Art eines Zirkels ʒuſammengejo·
gen. Wird der Magen geöffnet und mit Gifte bes
ruͤhret, fo giebe- er auch einen Schaum von ſich, und
die Lefzen der Wunde rollen ſich zuſammen, wie bey
den Gedaͤrmen. Ich habe auch den Magen, damit
man nicht mit Herrn Schwarzen etwas dem Zus
gange der Luft zufchreibt, bey noch ganzem Linterleibe
durch das durchfichtige Zwergfell feine murmförmige
Bewegung machen fehen: eben diefes nimmt man,
wahr, wenn man durch das entblößete Darmfell Hin«
einfieht. Bey der Kage und denn Kaninchen habe
ich gefehen, daß die Bewegung eine Stunde gedauert,
und bey der Hatte, wie man fie insgemein nenner,
oder bey der großen Maus, hat fich derfelbe noch zu
der Zeit beweget, da die Bewegung bey den Gedär«
men fchon aufgehöret gehabt.
Ben dem allen hat der Magen, ich weiß nicht mas
traͤges an fi), wenn man ihn mit den Gevdärmen
vergleichet. Wenn er bey einem Frofche mit Gifte
gereizet wird, fo zieht er fich nicht zufammen. Ich
babe nadı öfters bengebrachten Giften das Wirken
des Magens, da durch das Reizen ein Brechen erre⸗
get wird, einmal völlig gefehen : es gefchah durch
heftige und kurze fehürternde Stöße, die ploͤtzlich wie»
derholet wurden ; und ich habe auch einmal den Ma-
gen von dem fublimirten Queckſilber fih zufammen« _
ziehen und breit werden feben, | / |
Die Bedärme, ſowohl die dicken, als bie dünnen,
wie auch der Blinddarm bey den Thieren, bey wels
hen er groß ift, find gewaltigreizbar. Ich habe gefe-
ben, dap ‚fie, wenn auch bie Muskeln des rt
*
- &
des menſchlichen Koͤrpers. 423
geoͤffnet und zerſtoͤret worden, dennoch den Koth auge
getrieben: welches auch J. J. Wepfer und
Stahl 0) gefunden. Hierzu koͤmmt noch, wider bie
Meynung derjenigen unter den Neuern, welche dem
Zufammenziehen Der Muskeln des Unterleibes allzu»
> viel zuſchreiben, daß der verſtopfte Leib, und durch die
Faͤuiniß eines Fiebers ſich verhaltende Stuhl, der
durch feine Willkuͤhr, durch Fein Beftreben des Athem—
holens gelöfet werden Eann, durch die von einem Kly.
- ftiere in den Gedärmen entftandene Reizung fogleich
geöffnet wird. Kein anderer Theil in dem thieriſchen
Koͤrper faͤhrt fort, ſich laͤnger zu bewegen; ja oftmals
Länger als das Herz ſelbſt: wie ich vierzehnmal ges
funden habe; und wenn ſich das Herz länger bemeget
bat, fo feine Diefes daher gekommen zu feyn, weil der
Unterleib zuerft geöffnet geworden, und die Gedärme
erfalter find p). Bey dem allem gefteht man dem
Herzen, in. Abfiche auf feine gefchroinde Bewegung
und Dauer derfelben, wie auch anderer Umſtaͤnde we⸗
gen, den’ Vorzug zu. Das Opium, welches die
wurmformige Bewegung Der Gedaͤrme vernichter,
und dem Körper faft alle Reizbarkeit benimme, läßt
dennoch, wie wir etlichemal gefehen, das Herz bey
völligen Kräften und Bewegung. Die Bewegung
des Herzens hat auch bey nicht wenigen Verſuchen,
dergleichen ich fieben aufgezeichnet, länger, als die
Bewegung der Gedaͤrme gedauert.
Sie haben ſich öfters von fich felbft, wenn fie Bine
in tube gemefen, entweder von der Falten Luft, oder
D-d4 von
r 0) —*— vit. et mort.
p) Man bef. bier Deren ©. 5, und 3. ©. immer
mann.
434 Von den veigbaven Thellen
von einer verborgenen Urſache zu bewegen ange:
fangen, und ihre Bewegung it nach und nad)
heftiger ‚geworden. Ferner habe ic) geſehen,
daß bey den Gedärmen, wenn fie. ausgeriffen
gewefen, diejenige Bewegung, welche faft nach
allen angenommenen Meynungen hätte unterdruͤckt
werden muͤſſen, vielmehr zugenommen ! welches
auch -die Mennung des Herrn Felix, unfers vor‘
maligen Schuͤlers ift a). Sie werden aber auch
äußerlich, wenn man fie mit einer Nadel, oder mit
einem Meffer rißet, und mit Alkohol, oder mit Gifte
beruͤhret, gereiget: innerlich aber find fie hauptfäch«
lich ausnehmend reizbar. Wenn man in einen
Darın ſchneidet, und Gift in die Hoͤhlung deſſelben
bringt, fo tritt und fließt viele. Galle mit einem
Schaume herab, und wird auch wechſelsweiſe wieder
eingeſogen. Ich habe niemals die wurmförmige
Bewegung offenbarer, als ben einer Kage geſehen,
welche fublimirtes Dueekfilber bekommen hatte. Die
Deffnung des zerſchnittenen Darms wird ſo veraͤn⸗
>
dert, daß fie ſich nach demjenigen Theile zuzieht, der
der Wunde am nächften ift, die auswärts gefehrten
und aufgerollten tefzen Fehren die innere Fläche der
zotichten Haut gegen den Darm, und umfaflen den
zunächft liegenden obern Darm, hängen fi fih auch
leicht an einen jeden dran liegenden Körper atı.
Wenn man auch nur den Darm auffebliger, fo zie⸗
ben fich ebenfalls die Lefzen zuruͤck.
Uebrigens ift die mwurmförmige Bewegung ſo
ſchwer zu beobachten, daß man ir kaum zu einer ge⸗
wiſſen
q) de motu periſtalt. n. n.
*
7 menſthüichen Köck ee
wiſſen Ordnung bringen kann. Jedoch iſt aͤberh aupt
offenbar, daß ſich der Theil unter der Zuſammenzie—
Hung erweitert, und dasjenige in fih nimmt, was der
jufammendejogene Theil von ſich giebt. Wenn man
alfo einen Theil des Darms mir Gifte berührt, fo
fo berengert ſich derfelbe, und treibt die zu nachft bey
ihm befindliche Materie von oben und unten heraus;
es entſteht alsdenn daſelbſt ein Knoten, Der ſich fo ge-
nau zuſammen zieht, daß keine Hoͤh |
| Nochmals oſcillirt der erweiterte Thei |
daß er fih zuſammen zieht, "and den Unrath über:
und unfermärts von ſich laͤßt.
Das Verkriechen des einen Darms in Fon andern
habe ich bey: einem Kaninchen, welches. Gift befom.
men hatte, geſehen. Der duͤnne und zuſammen ge⸗
zogene Darm, wird von dem naͤchſten weitern Theile
eingenommen „und begiebt fich auch leichtlich wieder
heraus: er treibt aber ebenfalls die Speiſen unter
und über fih. Ferner: fo ift auch ebenfalls gewiß,
daß ſie die Sage nach der Länge verändern, Und fic)
‚bald von der rechten nach der linfen Seite ; bald um«
gefehrt, bewegen. . Ben diefer Bewegung werden
die nad). der: Länge laufenden Faſern offenbar und
fihtlich; fo, wie hingegen die Duerfafern bey der Zus
ſammenziehung mehr zum Vorſchein kommen.
Bey kalten Thieren ſcheinen mir die Gedaͤrme
nicht ſo reizbar zu ſeyn: denn ich habe gefunden, daß
bey einem Froſche, eine Stunde nach dem der Bauch
geöffnet worden, der Magen und die Gedaͤrme nicht
reisbar. gemwefen ; die Pewegung des Herzens aber
ift länger ve
D» — Wir
426 Bon den reizbaren Theilen
Bir kommen auf ſolche Art allmaͤhlich auf das
Werkzeug, das unter allen am reizbarſten iſt, auf
das Herz felbft, welches, da es die Urſache aller Ber
megung in dem menfchlichen Körper iſt, auch zur Be⸗
wegung am geſchickteſten ift, und fich von der gering
ften Urfache reizen läßt. Und es erhellet durch Er⸗
fahrungen, daß es vornehmlich bey kalten Thieren ſehr
reizbar it, und die Gedaͤrme in Anſehung des Ver⸗
mögeng fich. in Bewegung bringen zu laſſen, weit uͤber⸗
trifft. Denn erſt id bewegt es ſich bey einem kalten
Thiere nach erfolgtem Tode am allerlaͤngſten, und zu
vier und zwanzig r), dreyßig s) und mehr Stun⸗
den ; bey einem warmen Thiere aber fo lange bis
das Fett von der Kalte 'geliefert ift, welches der ge⸗
meine Zeirpunct der Bewegung in den Muskeln iſt.
Ich habe gemeiniglich bey dem Frofche’gefehen, daß
der Puls des Herzens vom Mittage an bis weit in
die Nacht hinein gebauert ; jedoch felten bis den an
dern‘ Tag früh gewaͤhret. Machgehends kann man
es a enn es ſchon ruhet, durch aͤußerliches Rei⸗
zen iner Nadel, mit einem Meſſer, durch Auf.
ftreuung des Salzes t), durch Aufgießung eines
Giftes, und zumeilen bloß durch warme Dinge, wie
man beym Woodward findet u), leicht wieder in
Berdegung fesen. Das Ohr har fih, da es mit
Gifte gereizt worden, etlichemal zuſammen gezogen;
und
) Bey einer großen Otter hat es Charas wahrse⸗
nommen, de la theriaque p. 43:
H Bey der — 3. Caldefi,
t) Oeder p
u) An angefetem * P 52.
- a:
i
’
des menſchlichen Körpers, 427
und ‚eben dergleichen babe ich auch bey dem Herzen
triebe der Gifte unempf
geſehen. Jedoch geſchieht es bey dieſen Reizungen
mit Gifte meiſtens, daß die daraus entſpringende
Bewegung kurz, nicht ſelten nur an einem Orte, und
bloß auf derjenigen Stelle iſt, welche gereizet wird,
Auf eine beſſere Art aber kann das Herz in Bewe—
‚gung gebracht werden, wenn die innere Fläche gereizet
wird; und die Bewegung deffelben wird auch durch
das Blaſen verneuert, Fo gleich gegen alle Ans
durch eine jede Fluͤßigkeit, auch durch die leichtefte
unfer allen, Durch die Luft, wenn ſie in die Hoͤhlun⸗
gen defielben getrieben wird. Denn man mag Wafa
ift. Dieſes Ar
ſer in das Herz einfprißen, oder $uft in beyde Staͤm⸗
”
—
me der Hohlader, oder-in der Milchbruſtader (Du-
&us thoracicus) einblafen x), welchen Berfuch ich
an einem Hunde angeftellet, und wodurch derfelbe
wieder zur fich felbft gefommen; oder man mag durch
das Einblafen in die $uftröhre veranlaffen, daß die
Luft fchlechterdings durch den Weg des. Umlaufes
aus den $uftgefäßen in das Blue und in die linke
Herzfammer koͤmmt, welcher Verſuch gemeiniglich
nach dem Robert Hook genennt, zu werden pflege,
und den ich ben verfchiedenen Thieren öfters wieder:
holet : fo wird doch das Herz allezeit in Bewegung
gefegt. Dieſe Reizung der innern Wände des Her
zens, welche viel ftärfer als die Außerliche ift, bringe
eine Zufammenziehung hervor, wiederholte Zufams -
menziehungen naͤmlich, und wechfelsweife Nachlafe -
fungen, die nach und nad) immer ſchwaͤcher werden
| und
x) Wepfer eieut. aquat. p. 29.
=
\
428 Don den reizbaren Theilen
und endlich verſchdinden, Dieſe Reizung benimmt
auch der Reizbarkeit nichts, wie die Reizungen der
*
Gifte thun, welche den Roc, den fie beruͤhret haben,
faft unempfindlich maı Ich will nicht leicht fa-
gen, welcher Theil des a Herzens am meiſten
reizbar iſt. Die Zergliederer gaben insgemein dem
rechten Herzohr umd. ber rechten: Herzkammer den
Borzug. Allein ich habe, wo ich nicht irre, gezeiget,
daß die rechte Herzkammer Fein Borrecht habe, und
dB die linfe Her;fammerund t
länger fchlage, wenn die reizende Urſache fänc ger in
dieſe Seite wirft y). Daß das Gewicht der reizen⸗
den Fluͤßigkeit erfordert werde, ſehe ich eben nicht ein.
Das Herz fhlägt hurtig, wenn es aufgeblaſen wird,
das heißt, wenn ein fluͤßiges Weſen hinein eommt,
das taufendmal leichter als das Blur iſt: der Puls
geht auch von der Luft nicht fangfamer und fräger
als von dem eingefprigten Waſſer. Meines Erach ⸗
tens thut geringe Unterſchied zwiſchen dem ſchwe·
ren Blute und dem leichtern ben,d tefee Sache nicht
viel, da ich fehe, daf das Herz einer Frucht von fei-
nem duͤnnen und leichtern Blute hurtiger und leb:
bafter fpringe, als bey erwachfenen Perfonen, bey
denen das Blur ſchwer ift. Daß feine Schärfe das
Her su reisen erfordert werde, zeigt das Erempel
mit der Luft und dem Waffer, welche die Reizbarkeit
viel eher als das Salz vermehren. Der Grund des
Reizens liege nicht in der Schärfe: denn die innere
H Flaͤche des Herzens hat — als fie von dem rauchen: "
© den.
is In Comment. ER Reg. r recit. d. X. Nov. Tom, 1.
p- 263.
des menſchlichen Koͤrpers. 429
den Salpetergeiſte beruͤhret worden, nicht zuſammen
gezogen.
* Mu nun aber fragen wollte, warum das Her, fo
vie veljbarer als die andern Muskeln fen, dem wuͤr—
den mir ſchwerlich antworten Eönnen.. Es find hier
nicht mehr Merven als anderwaͤrts, und fie find viel.
mehr noch Fleiner als in den Muskeln des Auges,
Daß aber diefe Nerven empfindlicher find, und da-
ber dem Reize nicht widerstehen Fonnen, muthmaßet
Whytt 2). Woher koͤmmt aber diefe fo ſcharfe
Empfindung des Herzens ? Sind die Nerven mehr
entblößt, und liegen der innern Hoͤhlung des Herzens
näher oder find fie geſchickter, fich reizen zu laſſen ?.
Die Zergliederung. giebt Hierinnen menig Licht, wenn
man nicht das Ohr zum Erempel anführen will, wel:
ches gewiß fehr reizbar und zugleich fehr dünne iſt.
Indeſſen bin ih nicht abgeneigt, diefe Urfache anzu:
nehmen, wordus ſich aud) die reizbare Natur der Ges
derme erflären läßt, die ebenfalls bey ihrer Eleinen
Menge Merven von fehr reisbarer Natur find, Denn
tie viel die Bloͤße der Merven zu der Schärfe der
Empfindung beyträgt, erhellet aus dem Erempel der
Harnröhre und Harnblaſe „ſo oft der uͤberziehende
—
Schleim verlohren genangen ; und aus den Exem⸗
pel der Gedärme felbft, wenn durch den Abgang des
Schleims die zotichte Haut entbloͤßt wird, und Blut
tröpfelt. Die Zeralieverungsfunft aber zeigt dieſe
Bloͤße fchwerlich ; fie zeigt nidıt einmal leichtlich Die
‚geößern Stämmchen der Nerven des Herzens. Uebri:
gens hat man gefunden, daß unter allen Thieren der
aa,
2) ©. gır. a
sa
430 Don den retzbaren Seifen
Aal, fo wohl in Anfehung des Herzeng, ai in Anfe
hung der Muskeln am wenigften reizbar iſt. |
Aus diefen Erfahrungen zufammen erhellet nun,
daß nichts in dem Körper veizbar, als die Muskelfa⸗
fer ift, der diefes Vermoͤgen fo eigen ift, daß fie bey
der Berührung Fürzer zu werden fich beftreber. Fer
ner erhellet auch, dag die Neizbarfeit in den Lebens⸗
theilen am größten. fey, und daß das Zwerchfell, wenn
die übrigen Muskeln ſchon in Ruͤhe find, noch die
voͤllige Geſchicklichkeit zur Bewegung behalte: und
wenn dieſes abgeftorben, fo iſt der Magen noch reiz⸗
bat : endlich und zuletzt kann unter allen noch die
Bewegung bes Herzens erreget werden. Dieſes
alles ſcheint fehr gefchickt zu fenn, die Lebenswerkzeuge
von denen, die von dem Willen abhaͤngen, zu unter⸗
ſcheiden. Ein leichter natuͤrlicher Antrieb iſt bey de⸗
nen, welche am meiſten reizbar find ,, hinlänglich.
Bey den trägern Hingegen entfteht Feine Bewegung,
wo nicht entiweder der Wille der Seele, oder ein fehr
ftarfer Reiz, der weit größer als der natürliche ift,
dazu fommt. Denn wenn dergleichen hinzu fommt,
fo werben, wie insgemein befannt iſt, die willkuͤhrli⸗
en Muskeln von einer Bewegung bingeriffen, die
man Convulfionen nennt,
Es wird aber leicht zu ermeifen feyn, daß das
Vermoͤgen diefe Bewegung hervor zu bringen, von
allen andern Eigenſchaften der Körper entfernet
iſt a), Was die Elafticität anbetrifft, fo befindet
fie ſich auch bey einer ausgetrockneten Fafer, welche
ihre Reizbarkeit folchergeftalt ig daß fich .
I.
a) Zimmermann. in addend, Ocder P Ye
¶des menfehlichen Körpers, 451
bey einem Srofche in Feinem Theile das geringfte $e-
ben mehr zeiget, wenn die Fafern ausgetrocinet find.
Ferner fo gehörer die Elajticität für harte: Körper,
die Reizbarkeit aber für die allerweichften.. Der
Bielfuß ift fo reizbar, daß deffen Körper auch von
dem Lichte gerühret wird, ob er gleic) Feine Yugen
hat. Die gallerichten Thiere find hoͤchſt reizbar, ob
ſie glei) von der Elaſticitaͤt am meiteften entfernet
find. Robert Whytt füger hinzu b), daß die
Bewegung des Herzens von fich felbft aufhöre, und
zuletzt wieder anfange: welches bey Feiner reizbaren
Faſer wahrgenommen wird; und daß von einer ftäh-
lern Nadel Feine Reizung entftehe c). Und KDils
helm Battie erinnert, daß die Fafern bey ermachfes
nen Menfchen weniger, bey Rindern aber mehr reizbar
find, da fie doch bey jenen mehr Elafticität haben.
Da aber die Musfelfafer aus einer Gallerte oder
aus einer Klebrichkeit (Gluten) und aus erdichten
Grundtheilen beſteht, fo fraget ſichs, ob die reisbare
Kraft in der Klebrichkeit, oder ob fie in den Elemen-
‚ten fist? Daß fie in dem erften Theile der Faſer ih:
ven Giß habe, ift wahrfcheinlich, weil die Kiebrich
feit eine Neigung, ſich zu verfürzen hat, und wenn
man fie zieht, zurück fährt, die Erde aber nimmt,
wenn fie trocken, unter allen Körpern ihre veränderte
tage am menigften wieder an fich, und läßt fich zer.
“reiben: die Elemente nämlich bleiben, wenn fie ein»
_
336) de princip. anim. p. 34.
mal von einander getrennet worden, von einander ge⸗
ſondert. Hierzu kommt noch, daß die jungen Thiere
aus mehrerer Klebrigkeit, und aus wenigerer Erde
| "beiten
b) S. 23. u. f. ER ft
432 Bon den reizbaren Theilen
beſtehen; daß aber die jungen Thiere am meiſten
reizbar find, ift aus der. Geſchwindigkeit des Pulfes
offenbar, welche bey dem hüpfenden Puncte am hoͤch⸗
ſten iſt, und nach und nach von 150 in einer Minute
bis auf 60 vermindert wird, und bey alten Leuten
‚wieder bis auf 95 koͤmmt. Ferner ſo ſind auch alle
fehr erdichte und ſchwere Theile in dem menſchlichen
Körper, als Knochen, Zähne, Knorpel dieſer reizba-
ren Kraft beraubt : und die reizbare Fafer felbft,
wird bloß durch das Austrocdinen und Berfliegen. der
Kiebrigfeit trag und unbeweglich.
Wie es aber zugeht, Daß Die Klebrigkeit, bie.dus
einer todten Lymphe entitanden, in einem Thiere reiz-
bar wird, ift noch: zu unterfuchen übrigs Robert
Whytt fagt mit des Stabls Anhängern, die Seele
trage das Ihrige dazu ben, fie. empfinde.erwas Be:
ſchwerliches, und. ziehe Die berührte Safer, um die
ſer Befchwerlichfeit los zu: werden alten ? und
was dergleichen mehr iſt.
Ob aber dieſe Theorie gleich ſehr Teiche. ift,. und
| wir dabey geſchwind davon kommen, ſo ſcheint ſie
doch mit den Erſcheinungen nicht überein zu ftimmen,
Und zwar erftlich, fo ift Die Neizbarfeit von der Em-
pfindlichfeit ihrer ganzen. Natur nach unterfchieden:
und. es würde fich. anders. ‚verhalten, wenn die. Rei,
zung von der Empfindung entfprünge, Ja wenn wir
auch diefes voraus feßten, ſo würden Doc) diejenigen
Theile nicht reizbar ſeyn, die dem Willen der Seele
entzogen waͤren; von deſſen Gegentheile wir doch
durch die Erfahrungen überzeugt werden. Ferner ſo
bleibt auch das Thier, wenn es geſtorben, noch teize
bar, und deſſen Theile ziehen fi, wenn —— ie. gereizet
hs ob {ers
>
des menfihlichen Körpers. 433 |
werden, auch wenn fie von ihrem Körper getrennt,
oder fonft der Empfindung beraubt find, zufammen.
Nichts ift gemeiner, als daß man bey dem Frohe
das Herz fchlagen, und die Musfeln reizbar bleiben
fieht, wenn aud) gleich das Ruͤckenmark und der
Kopf abgefchnitten find. Here Whytt macht die
Zeit des Todes mit ziemlicher Scharffinnigfeit unges
wiß d), und glaubt, daß das Thier noch Leben habe,
wenn es auch eine etwas lange Zeit todt gefchienen z
er beweiſet folches auch aus dem Exempel ertrunfener
und in Ohnmacht liegender Leute. Da aber gewiß
iſt, daß die Seele in dem Kopfe ihren Sitz hat, und
da diefelbe Feine Herrichaft in den übrigen Körper
hat, auch, wenn die Merven zerftöret oder abgefchnit«
ten werden, feine Empfindung zur Seele gelanget,
auch feine Bewegung nach dem Willen der Seele ers
fotget; da ferner, wenn auch der Kopf oder die Ner⸗
ven abgefchnirten werden, die Reizbarkeit dennoch
vollkommen bleibt: fo erhellet, daß auch die Reizbar«
feit bleibe, wenn die Seele entweder ihren Siß vers
laffen, oder deren Gemeinſchaft mit dem Körper un«
terbrochen worden, und daß fie folglich nicht von der
Geele abhänge. Diefes ift fo offenbar, daß es nicht _
nöthig it, hinzu zu fügen, daß die Keizbarfeit auch
ohne eine Empfindung der Seele vorhanden fenn Fön»
ne, wie das Erempel des Herzens beweiſet; und daß
fie durch feinen Willen vegieret werde, wie ebenfalls
das Erempel von dem Herzen lehret. Cine Empfin-
dung aber, welche nicht empfunden“ wird, eine Wir '
fung des Willens, welche ohne Bewußtſeyn gefchieht,
| / und
.. d) ©. 367. 389: u. f. en
13 Dand —
E x) Re AR
434 Don den veizbaren Theilen:
und durch feine gegenfeitige Macht des Willens un
terbrochen werden kann, und dergleichen den Begriffen
fo mwiderfprechende Dinge nehmen nun gleichwohl die
Gegnern,
Was verbiethet ung alfa zu —— die Reizbar⸗
ei koͤnne wohl eine Eigenſchaft der thieriſchen Kle⸗
brichkeit in der Muskelfaſer ſeyn, vermoͤge deren ſie
ſich, wenn ſie beruͤhret und gereizet wird, zuſammen ·
zieht; wovon es aber nicht noͤthig iſt, eine weitere Urfas
he anzugeben, eben fo, wie feine wahrfcheinliche rfache
des Anziehens oder der Schwere bey der Materie ans
gegeben werden kann. Die phyſikaliſche Urfache liege
in dem innern Baue verborgen, und wird durch Ber»
fu che gefunden, die zwar diefelbe zu zeigen offenbar
genug, zu Erforſchung der Urfache in dem Baue aber
allzuareb find.
Die Reisbarfeit wird durch das Vertrocknen, durch
die Gerinnung des Schmeeres, bey einem lebendigen
Thiere aber hauptſaͤchlich durch beygebrachtes Opium
vernichtet. Ich habe ebenfalls ſo, wie der beruͤhmte
Her Abraham Assu Boerhaave e), geſehen,
daß die wurmfoͤrmige Bewegung des Magens und
der Gedärme dadurch vernichter worben, fo daß fie
auch von fich felbft in Ruhe kommen, und durch Fein
Keizen wieder in Bewegung gebracht werden. file
deffen habe ich fonft bey einer Katze gefehen, daß die
wurmfoͤrmige Bewegung uͤbrig geblieben. Dur
eben dieſes Gift wird auch die periſtaltiſche Kraft der.
‚ Harnblafe gehemmet. Ja ich habe bey einem Fro⸗
fche, ven Dpium beygebracht worden, gefeben, daß
bie
e) In impetum faciente Hippocratico.
des menfehlichen Körpers. 435.
die wurmförmige Bewegung, die Reizbarkeit der Ge⸗
daͤrme, und die conpulfivifche Kraft der Nerven aufe-
gehoben worden. Whytt faget, daß die reizbare
Kraft des Herzens auch durch das Opium vernichtet
— ich aber habe nicht geſehen, daß ſie vertilget
wird f).
Da übrigens einige berühmte Männer von der ſo⸗
‚genannten Ket:barfeıt, als einer neuen Eigenfchaft
des Körpers gefehrieben, und auch mir die Ehre der
Erfindung dieſer vorzüglichen Kraft eines belebten
Körpers zugerheilet; andere hingegen behauptet ha—
ben, diefe Meynung, die fie für falſch halten, fey nicht
einmal neu; fo wird es nicht undienlich feyn, etwas
von der Hiſtorie dieſer Eigenſchaft benzufügen. Es
find einige dunkele und hie und da von fich felbjt in die
Augen fallende Erfahrungen zu affer Zeit bekannt ge⸗
weſen, und das Zittern des abgeſchnittenen Fleiſches
ift auch dem Divgil nicht unbefannt gewefen. Daß
ſich aber die Alten des Verſuches, das Fleiſch zu rei-
zen, und eine Bewegung hervor zu bringen, bedienet
‚haben, finde ich nicht. Iranz Sliſſon g), der Er⸗
finder der Lebenskraft, welche in den Elementen der
Koͤrper wohnet, hat, fo viel ich weiß, das Wort Irri-
tabilitas ausgedacht. Sie foll aus der natuͤrlichen
‚Derception entipringen, ohne Empfindung fern, und
zu dem Vermögen des Archäus, der den Körper felbft
‚ äubereite, gehören h): wiewohl auch eine andere Neize
barkeit fen, die von der äußerlichen Empfindung, und
Ee 2 eine
f) 371. 372. ©:
g) de ventrictlo et inteftin. c. VIL
h) n.6.
Ed { } }
N 74 ART ? \-
156 Bon den veizbaren Theilen
eine andere, die von dem innern Appetite entſtuͤnde —
u. ſ. f. Er hat auch Erſcheinungen angeführet, um
daraus zu zeigen, daß diefe Bewegung ohne Empfin ⸗
dung entfpringe, und daß dag Fleiſch todter Körper
ſich bey Berührung feharfer und ftechender Feuchtig«
keiten zuſammenziehe; Daß ferner bie natürliche Per:
ception und Reizbarfeit fo darinnen verborgen liege,
daß fie auch endlich die Knochen und Säfte des Men«
ſchen reisbar mache k). Er bat auch Grade der
Keizbarfeit gemacht, und die allzugroße, und die kuͤ⸗
| Shen die Boerhaave oft erwaͤhnet, nicht uͤberſe—
ben 1)
Lorenz Bellin m) hat zwar von dem natuͤrli⸗
chen Zufammenziehen (de contradtione naturali ).
gefehrieben, und gezeiget, Daß aus Diefem Zuſammen⸗
ziehen die verborgen liegende Schaͤrfe, oder eine jed⸗
wede Fluͤßigkeit, an die Oberflaͤche der Faſern, und
nach dieſem vollends heraus getrieben werde: wel⸗
ches er auch mechaniſch erklaͤret. Daher lehret er
auch, daß durch das Reizen ſich die Muskeln zuſam⸗
menziehen, die Bewegung des Blutes beſchleuniget
‚werde, die Entzuͤndung entſtehe, die Ableitung (Re-
vulfio) und die Ausführung geichehe: er hat aber
feine Erfahrungen, welche von diefer Kraft uͤberfuͤhr⸗
ten, angeftellet. George Bagliv n) iſt der Sache
näher gefommen, und hat aud) Erfahrungen daruͤ⸗
ber angeſtellet. Er — die — eines zer⸗
ſchag
i) n. m. kyes ur
4) eben dafelbfin.s.
m) Beſ. unter feinen opufe. de flimulis und un Tradt.
de fanguin. miflione.
n) de fibra motrice et morbofa.
des menſchlichen Körpers, 437
ſhnittenen Herzens ohne einige Beyhuͤlfe der Ner⸗
ven zittern und ofeifliven, auch wechſelsweiſe ſich zu»
ſammenziehen und nachlaffen gefehen 0): ferner hat
er gefunden, daß fich jediwede Muskelfafer, wenn fie
‚zerfchnitten wird, zufammenzieht, und daß dieſes ge
fehehe, ohne daß die Seele oder die ——— et⸗
was dazu beytrage p).
Von dieſer Zeit an bat bie ſtahliſche Secte viel
von ihrem Tone geſchwatzet, welches zwar das natuͤr⸗
liche Zuſammenziehen der Fibern iſt, das ſie aber
auch der Seele zugeſchrieben, aber durch feine Er»
fahrung, fo wie diefe Secte allezeit von der Anato⸗
mie nicht viel gehalten, beftätiget haben.
Boerhaave hat zwar bey der Bewegung des
Herzens eine ftimulirende Kraft, und eine verborgene
Meigung zur Bewegung, bie in defjen Abfchnitten
oder Abrheilungen fißt, angenommen q): da er
aber gleichwohl alle Kraft ver Muskeln von den Mer
ven hergeleitet, fo hat er nicht genugfam gefehen, daß
‚die Urfache der Bewegung in dem Muskel felbft fige,
und daß zwar. der Nerve den Willen der Seele da
hin leite r), und das Zufammenziehen vermehre
und belebe; daß aber doch der Nerve hierbey auch
entbehrlich ſey: und es erhellet viel deutlicher, daß
das Nervenſyſtem nichts dazu beytrage, da auch die
kleinſten Inſekten, wenn ſie auch nicht einmal einen
‚Kopf haben, reijbar find, Johann Woodward
—J in dem Supplemente, das nach ſeinem Tode von
D. Holloway heraus gegeben worden, Erfahrun ·
Ee 3 gaen
0) ©: 7. pP) ©. 12. be (Mu
q) infitut. rei med. n. 187. |
.x) eben daf. n. 402.
233 Don den reisbaren Theilen
gen von der Neizbarfeit, die nad) dem Tode übrig
bleibe, angeführet, welche nicht zu verachten find.
Alerander Stuart s) hat viel mügliches gefun- |
den, und auch erinnert, daß die Safer, menn fie
| — von den Nerven abgefondert worden, reizbar
leibe.
Ich habe mancherley, welches zu dieſer Sache ge—
hoͤret, hin und wieder, aber keine beſondere Abhand⸗
lung geleſen, bis ic) in den Commentariis Boerhaa-
vianis t) diefe Worte im Jahr 1739. gefchrieben,.
Alſo wird das Herz von einer Urfache beweget, die
weder vom Gehirne, noch von den Schlagadern her⸗
ruͤhret, welche unbekannt ift, und in dem Baue des
Herzens felbft verborgen liege. Ich habe mich nam»
lich durch die Natur der Sache felbft gezwungen (es
fehen, von meinem Lehrer abzugeben. Hierauf
habe ich nach drey Jahren wiederum erinnert, daß
in der That jedwede thierifche Muskelfaſer,
wenn fie gereist werde, fich zufammen siehe,
und daß fie bierdurch bauptfächlich von einer
Pflanze unterfchieden fey u); und daß es bloß
von der fortdaurenden Reizung herrühre, daß die er
benswerfzeuge zu wirken, fortfahren, wenn die Thiere
ruhen, a meinem Eurzen Begriffe der Phnfiolo-
gie aber x) habe ic) die Bewegung ‘des Herzens der
Kraft des Reize jugefchrieben; und in einer andern
Ausgabe habe ich die reizbare Kraft der Musfelfa:
. gi ich meine Wa er ges
abt,
* de mot. BUN p.
t) ad n. 187. inſtit. rei — not. 1.
u) p. 586. T. IV. a. 1743. |
x) a. 1747. n. iu3. P. 51. \
des menfchlichen Rörners. 439
habt, umftändficher erhärtet y), auch gelehret, daß
fie ohne Nerven übrig bfeibe, und von aller anderer
Eigenfchaft des Körpers unterfchieden fey. Und mer
diefes nicht annehmen will, der mag mir zeigen, von
‚welcher Qualitaͤt des Körpers dieſelbe abhänge. Ends
lich babe ich wegen diefer Sache unzählige Erfah:
rungen an lebendigen Thieren angeftellet, und die
Schluͤſſe daraus hergeleitet, Die ich ihnen vortrage,
Es ift mir fehr angenehm gemefen, daß faſt zu
eben der Zeit Yobann von Gorter z), und der
berühmte Herr Friedrich Winter a), in fei
nee Rede, de certitudine in medieina pradi-
ca, worinnen er alle Bewegung in dem menfdli»
chen Körper einer ftimulirenden Kraft, und einer
reizbaren Natur der Faſern zugefchrieben,, von diefer
Sache gehandelt. Diefen Männern haben bier und
da verfchiedene nachgeahmer. Diele Erfahrungen
bat der Verwandte diefes berühmten Boerhaave,
Abraham KRaav b) angeftellet, die aber faft eis
nen andern Zweck, als den unferigen, haben. Meus
lich aber hat Herr Robert Whytt c) von der ſti⸗
mulirenden Kraft, als der Urſache aller Bewegung
in dem menfhlichen Körper, gefchrieben ; jedoch auf
‚folche Art, daß die Seele Diefe Reizung empfinde,
und fid) durch ein erregtes Zufammenziehen von der
Empfindung einer Beſchwerung zubefreyen fuche, Er
Ee 4 hat
V)N. 408. p- 252-
2) ĩn exercit. de motu vitali.
) Franeker 1746. fol.
hbh ) de impetum faciente Hipp.
e) of vital motions Edimburg 1751. 8.
/
. 440 Bon den reizbaren Theilen
but als ein meines Bebünfens nicht genugfam billis
ger Kunftrichter mich und- andere alsdenn nur. zu
nennen beliebt, fo oft er uns hat tadeln wollen ; und.
uns hingegen nicht: genennet, fo oft er meine Meys
nung wiederholet hat. Er hat einige jedod) wenige
Erfahrungen an fterbenden Thieren angeitellet; die
Theils zu Beftätigung der Meynung dienen, theils
‚nicht genugfam wiederholt worden, und deren —
den unſerigen widerſtreiten.
Den wahren Weg dieſes vorzuͤgliche Vermoͤgen
des Koͤrpers ins Licht zu ſetzen, ſind zween von unſern
Schuͤlern, Johann George zimmermann und
George Chriſtian Deder gegangen. Beyde ha-
ben dieſes Vermoͤgen der Faſern, welches dem Ge;
fege des Anziehens ähnlich it, aus Erfahrungen,
- ohne eine unnüge Theorie, aus einander. zu ſetzen ge⸗
ſucht.
De la Metrie d) hat das neue Vermoͤgen des
thieriſchen Körpers zum Grunde des Lehrgebaͤudes
gelegt, woraus er die Immaterialitaͤt der Seele zu
vernichten geſucht, und ſich, (weil er niemals ſo leicht
zum Erxroͤthen geneigt geweſen,) die Erfindung dies
fes Bermögens, welches feiner Meynung nah Stabs
len und Boerhaaven unbekannt gemefen, zuge
fehrieben ; er führt aber Feine Erfahrungen bey feis
ner Erfindung an. Er hat, wie man mic) genau
berichtet, Diejenigen Erfahrungen, die feiner gettlofen
Meynung einigen Schein geben, und von unfern Er:
fahrungen leicht widerlegt werden, von einem Mene
ſchen
d) PHomme machine n, 18. 22-
J
—
*
| des menſchlichen Koͤrpers. 440
ſchen aus der Schweiz, der fein Bekannter, auch fein
u]
Schüler von mir, und auch Fein Arzt ift, meine Sa-
chen aber gelefen, und, wo mir recht ift, einiges von
bem berühmten Herrn B. 5. Albin befommen
hatte. - Denn wenn die Reizbarfeit in den Theilen
übrig bleibe, Die von dem Körper getrennt, und der
Herrſchaft der Seele nicht mehr unterworfen find;
wenn fie fi) allenthalben in der Muskelfafer befins
det, aud) der Beyhülfe der Merven nicht bedarf, die
gleicyfam die Bedienten der Seele find : fo it die
Seele von dem Bezirke der Reizbarkeit ſehr unter:
fhieden, und die Keizbarfeit koͤmmt auch nicht von
der Seele her ; fo ift es auch nicht die Seele, was
wir in.dem Körper die Reizbarkeit nennen.
%
Eee 5 0 JH Außs
\ ee 4
4 Auszug eineg Briefes
****** * er * KK *
Auszug eines Briefes
von
dem Herrn Profeſſor Boſe
in Wittenberg, |
aus der Nouvelle Bibliotheque Gerimanique,
. Tom. 3. Sec. Part.1747.P.44.
enn man mitten durch einen wohfgefihtife.
nen gläfernen Würfel ſieht, und zwar fo,
daß die Ecke oder ein Eörperlicher Winkel,
bey nahe gegen die Achfe des Auges gerichtet ift, fo
wird das Licht in den fechs gevierten Flächen des
Wuͤrfels jedesmal fo zuruͤck geſchickt, daß man darin⸗
nen ganz deutlich acht Parallelipipeda entdeckt, worun⸗
ter jedesmal zwey einander vollfommen gleich find.
Richtet man aber diefen Förperlichen Winkel genau
gegen die Achſe des Auges, fo werden die acht Paral-
lelinipeda fo'gleich zu eben fo viel vollkommen glei»
hen Würfeln. Jedermann weiß das, und der Ber
weis davon ift leicht. . Vor zwey Zapım lieg einer:
von meinen Zuhörern einen gläfernen Würfel, derglei-
chen ich mich bey der Erklärung der Gefege der hurlichge: |
ſchickten * Lichtſtrahlen bediene, auf die Erdefallen. Er
| war
+ Löik de la reflexion. Wird wohl verſchrieben ſeyn,
und der gebrochnen heißen 9—
14 —*
J FRE . {
von Hn. Prof. Bofein Wittenberg. 443
war zween bis drey Zoll hoch. Durch das Fallen war
ein klein Stuͤck von einem koͤrperlichen Winkel abge»
brochen. So bald ich durch den Winkel ſahe, wel.
“cher dem abgebrochenen gerade entgegen ftand, fo
ſtellte mir diefer Fleine Bruch eine artige Figur vor,
‚welche wie zwey einander agfgegen gefeßte Blätter
ausſahe. Es war eigentlich nur eine bloße Wirfung des
Zufalls, ich unterließ aber nicht, mir es zu Mugen zu
machen. Ich war Willens, einige Eörperliche Wine
kel in meinem Würfel nach verfchiedener Größe ab-
Schleifen zu laſſen, indem ich gar nicht zweifelte, daß
man, nach der verfchiedenen äußerlichen Bildung dies
fer abgefchliffenen Winkel, jedesmal durch den enrges
gen gefegten ganzen MWinfel gar wunderbare Figus
ren erblicken wuͤrde. Ich forach Diefermegen mit ei.
nem Marne, der feine Wiſſenſchaft zwar nicht fons
derlih mach Regeln gelernet hat, aber.in der Ausuͤ⸗
bung derfelben defto geſchickter ift. Ich geftehe hier
frey , ohne mir etwas anzumaßen, das mir nicht ges
börer, daß eben dieſer Mann allein feiner Seits eine
Entdefung gemacht hat, die faſt ganz und gar neu
iſt. Man nehme aljo. ein gläfernes T'etra&drum,
da jede Seite wohl gefchliffen, und zween bis drey
Zoll groß if. Man lafle einen von den vier Für.
perihen Winfen, flach oder linfenförmig fchleifen.
Man tafje alsdenn den andern Winfel mit der ent.
gegengefegten Grundfläche parallel abnehmen, und
das Fleine Dreyeck auf der abgefürzten Pyramide,
welche das Terraödrum von diefer Seite vorftellt,
glatt fchleifen. Man fehneide den dritten Winkel
dergeſtalt ab, daß alsdenn jedesmal das größte unter
% den drey Dreyecken, welche in diefem Winkel zufam:
— men
/ i
*
444 Auszug eines Briefes von ꝛc.
men ftoßen, mit einem andern Eleinen ſchiefwinklichten
Dreyecke gefrönet wird, und alfo der vierte Winkel
ſich folchergeftalt faft in vier. fehr fchiefe Trapezia
endige. Man fehe hierauf durch die Fläche des
Dreyeks, welche einem Winkel des Tetraädri gera-
de entgegen fteht, fo wird man mit Bermunderung
durch die eine Fläche ein vollfommenes regulaires
Icofa&drum , durch die andere einen Stern von Py-
ramiden, Durch die dritte
wunderbar ausgehöhlt iſt,
Beweis hiervon wird entſetzlich verwickelt. Man
begreift indeflen gar wohl, was man vor ‚ein großes
Feld vor fic) findet, wen man das Hexaëdrum, das
Odaödrum, Dodecaddrum und Icofa&drum mit
verſchiedentlich abgefchliffenen Winfeln betrachtet.
Ein großer Meßkünftler hätte bier ſchon eine gute
Gelegenheit, feine Geſchicklichkeit zu zeigen.
445
ak ak
—
Auszug |
der neueſten phyſikaliſchen
Merkwuͤrdigkeiten.
J.
Bon einem beſondern WBafferinfefte.
A $ er Herr Paſtor Schäfer hat eine kurze Be⸗
Jſchreibung eines Waſſerinſektes herausgege⸗
ben, das ſich in ſtehenden Waſſern aufhaͤlt,
auf dem Ruͤcken ſchwimmt, und ſich ſehr ſchnell von
einem Orte zum andern beweget. Herr Linnaͤus
hat dieſes Thier unter die Claſſe der Monoculorum
geſetzt; allein Herr Schäfer widerlegt dieſes Verſe⸗
ben, und giebt dem Inſekte, weil es Feine Züße bat,
den Namen: Apus pifciformis. Es ift ein Kupfer
daben, wo man das Inſekt ſowohl ins $ebensgröße,
als vergrößert, mit feinen natürlichen Farben vorges
ſtellet hat *.
I, Bon einem befondern Agathe. .
Dom Thomas Mangeart bat einen Agathen
aus dem Cabinette des Herzogs Carls von Lothrin⸗
gen
| * Die Schrift, welche 1752 in Nürnberg herausgekom⸗
‚men, führet den Titel: Apus pifeiformis, inſecti aqua-
tici Species nouiter detecta breuibusque defcripta, a la«.
Chrifl, Schaeffero etc. 3 Bogen, in Quart.
i
7
46 Auszug der neueſten
gen abbilden laſſen, und beſchrieben, der wegen feiner
Veränderungen fehr fonderbar ift. Er ftellt von beye
den Seiten einen vollkommenen Schwan vor; der
Grund des Steines aber ift graulicht, und mit Fleinen
rotben Puncten und einigen durchſichtigen Flecken ver⸗
ſehen. Wenn man dieſen Stein in die Feuchtigkeit
bringt, oder ihn drey Stunden lang in naſſes Papier
ſchlaͤgt, fo verſchwindet der Schwan gänzlich, und der
Stein hat alsdenn durchgängig nur einerley Farbe,
nämlich afchgrau. Die durchfichtigen Flecken werden
fehmäler und dunfler. Wenn er aus der Feuchtigkeit
herausgenommen wird, ſo erſcheinen in weniger als
zwo Stunden der Schwan, die Flecken und Farben
vom neuen wieder, wie zuvor. Aus diefen verjchie>
denen Erfcheinungen fchließe der Verfaffer, daß diefer
ganze Agath fo, wie er da ift, natürlich fy. Da er
aber doch deshalb verfchiedene Menynungen vernoms
men hat, auch fonft die Urfache fo feltener Derändes |
rungen nicht zu ergründen vermag; fo bat er dieſen
Auffag in der Abfiche öffentlich bekannt gemacht, um
die Naturforfcher darüber zu Rathe zu ‚sieben, und,
ihre Meynungen zu vernehmen }.
II Von der Fruchtbarkeit des
Getreides *. |
Folgendes Mittel foll vermögend feyn, alle Arten
von Getreide ungemein viel tragbarer zu machen, als
fie
+ Diefe Schrift, telche 1752 zu Brüffel gedruckt morden,
heißt: Memoire ur les Variations d’une Agathe du
Cabinet de S. A. R. le Due Charles de Lorraine, etc.
par Dom. Thomas Mangeart, Religieux, ete. In folio,
*Aus einer, 1752, zu * in klein Duodeꝛ Peraus:
6» re]
/
\
pffi kaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 447
Ei natürlicher Weife feyn würden, Man läßt nim-
lich Salpeter ſchmelzen, traͤgt in denſelben, wenn er
im Fluſſe iſt, dasjenige Getreide, was man ausſaͤen
will, zu 20 bis 30 Granen ein, tät beydes verpuffen,
und wiederholet dieſes Verfahren, bis der ganze Sal»
peter zubereitet ift, Der. alsdann wie ein anderes feuer«
feſtes Laugenſalz an der Suft zerfließt. Hernach
macht man eine Miſtjauche, aus Ochfen» Pferde,
Schaf: und Taubenmift, die man in einer Tonne mit |
Regenwaſſer faulen laffen muß. In dieſe Jauche
miſcht man die Salpetereſſenz, zu einem halben Pfun-
de auf go Pfund Jauche, und weichet das Getreide,
das man ausfäen will, 24 bis zweymal 24 Stunden
darinn ein, ‚und brauchet es hernach zum Ausſaͤen.
Der Berfuch fol die Güte diefer Erfindung beftati-
- get haben, und der Berfaffer beruft fich befpnders
auf die überaus großen Sonnenblumen, die cr zu
Vincennes in feinem Öarten gezeuget hat. Gelegent-
lich merkt er auch an, daß er an einem hohen Ufer
‚achtzehn Schub fange Öetreidewurzeln und in einem
Pa aprunen bis fechzig Schuh lange Weinreben.
Runen gefehen babe.
aefommenen Schrift, welche den Titel führer: L’A-
bondance, ou la veritable pierre ——— Bey
de la Gueite. |
Ne | Anhalt
\ h
7
Inhalt
des vierten Stuͤckes im dreyzehnten Bande.
1) Anecdoten und Anmerkungen über Cheiftina, Koͤ⸗
niginn von Schweden 339
2) Albrecht von Haller, von den empfindlichen und
reizbaren Theilen des menſchlichen Koͤrpers 402
3) Auszug eines Briefes von dem Heren Prof. Boſe
in Wittenberg 442
4) Yuszug der neueften phyſi kaliſchen Merkwirdig.
feiten 445
ED Le — ——
Samburgiſches
SITTREn
oder
geſammlete Schriften,
Aus der
und den angenehmen
Wiſſenſchaften uͤberhaupt.
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Des dreyzehnten Bandes fünfree Stud.
Mit König Pohln. und Churfürftl. Saͤchſiſcher —
Hamburg und Leipzig,
aaa — Grund und Adam a Holle,
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Kern Erich Pontoppidanuız |
Abhandlung
Don den Schickſalen
der daͤniſchen Sprade,
und ihrem
ſowohl ehemaligen als itzigen Zuſtande
in dem Ren Cimbrien
dein Sesznathume Schleſwig
Ka Gabe mir vorgenommen, die ver⸗
Sn, re fchiedenen Abwechſelungen und
rg Scicffale der daͤniſchen Sprache
I in Cimbrien, oder dem füdlichen
Theile deſſelben, welcher ist das Herzogthum
Schleſwig heißt, etwas genauer zu unterſuchen.
Sie war in demfelben a fo bluͤhend und ar
als
go den Sbichalen
% ats in den übrigen Gegenden des Königreichs Daͤ⸗
nemark: fie iſt aber mit der Zeit durch verſchiedene
> Aufälle verdorben, und endlich von der auslaͤndiſchen
< fächfifchen ‚oder deutſchen Sprache Mraabe vers
ſchlungen worden.
Ich nenne die letztere, in Ynfepung der daͤni⸗
ſchen Sprache, nicht fchlechterdings fremd und aus⸗
ländifch. Ich gebe vielmehr mit beyden Händen zu,
daß bende einerley Urfprung haben , und vielleicht
von der Sprache der alten Ceiten herruͤhren fönnen.
- Denn , febr viele dänifche Worte , welche mit der
deutſchen keine Gemeinſchaft zu haben ſcheinen, ſind
in der That deutſch, oder, daß ich es recht ſage,
die deutſchen Worte ſind danifi ‚, oder haben zum
wenigften mit den dänifchen einerley Urfprung. Man
muß nur ihre Stammmörter recht unterfuchen, wie
unfer berühmter Polybilter, der Herr Juſtitrath,
Johann Gramm, in feinen gelehrten Anmerfungen
über Machters Gloffarking zum Mugen undBergnüs
gen beyder Völker zu zeigen unternommen hat. Hier:
aus bin ich felber vollfommen uͤberzeuget, daß die
Meynung, von welcher ich ehedem weit entfernet
war, und welche vor fünf hundert Jahren Rode⸗
rich Toletan von dem gemeinfchaftlichen Urfprunge
der danifchen „, deutſchen, und- mehreren Sprachen
vorgetragen hat, feſte jtehe. Seine Worte lauren,
wie fie Martin Zeiler Centur. ı. Epilt. 8. anführer,
alfo: „*Deutſchland, Dänemark, Schwe«
„den, Norwegen, F landern und England ha⸗
„ben
* Teutonia, Dania, Suecia, Noruegia , Flandria et
Anglia , vnsm habuerunt Be idiomatibüls tan
tum ditindtam. 4
doer daͤniſchen Sprache. 453
„ben einerley Sprache gehabt ; ; und find nur durch
die Mundarten unterſchieden geweſen.
—
Nimmt man den gemeinen Satz der Islander an,
daß ſich die Partey des Othins aus Aſien geflüch⸗
ter, und ihre ſogenannte aſiatiſche Mundart in dieſe
tänder gebracht habe , fo kann nicht geläugnet wer:
den, daß eben diefe Mundart nach. Sachfen gefoms
men fen , weil der Afiater Nachkoͤmmlinge diefes Land,
| ſowohl als Daͤnemark und Schweden, bewohnet haben.
Sch laffe Die Verwandtſchaft der Afiater mit den
Cimbrern und Teutonen an ihren Ort geftellet feyn,
weil die Gefchichte von der Wanderung und Bermi:
ſchung der Voͤlker ein Zankapfel iſt, über welchen
man bis an das Ende der Welt wird ftreiten, und
gleichwohl niemals die vermirrten Knoten dieſer Sa:
che auflöfen ‚. und an das Sicht fegen fönnen. So—
viel iſt indeflen aus den älteften griechifchen und roͤ⸗
miſchen Denfmälern gewiß, und wird faft von allen
befcheidenen deutſchen Gefchichtfchreibern befannt wer.
den, daß, aller Wahrfcheinlichkeit nad) , die Teu-
toner, wenn fie die Stammvaͤter der Deutfchen find,
eher in Dänemark gewohnet, als Deutfchland be»
völkert haben. Befonders behauptet Pomponius
Mela ausdruͤcklich, daß die Teutoner diejenigen Sys
ſeln, welche iso die Dänifchen heißen , bewohnet
- ‚hätten, gleichiwie Ptolemaͤus, und andere, die Cim—
brer nad) Cherfonnefus, oder dem heutigen Juͤtland,
- fegen. Ich brauche die Teutoner hier nicht weiter,
‚als in Anfehung ihres Namens und der Natur ihrer
Sprache. Von diefen, und ihrer erfter Wohnung
in Dänemark , redet Pomponiys Lib. II. C. 3; al-
N 513 je:
44 Boniden Schickſalen
fo: „* Ueber die Elbe: hinaus‘ iſt der codanifche
Meerbuſen Schagerrack,) welcher voll großer
„und kleiner Inſeln iſt. Das gewaltige Meer, wels
„sches bier einen Buſen machet, u. ſ. w. Hier woh⸗
„nen die Cimbrer und Teutoner. „Wiederum Cap. 6.
„Die dreyßig — * Inſeln liegen nicht weit
„von einander. Die ſieben hemodiſchen liegen
Deutſchland gegen über in den Meerbuſen Scha«
„gerrad. Unter diefen hat Codanonia, welche Die
Teutoner noch bewohnen , vor den andern, ſowohl
an Größe, als an Sruchtbarfeit den Vorzug...
Wenn alfo diefe Teutoner ſowohl ihr Geſchlecht,
als ihren Namen , aus Daͤnemark nach Deutfch-
Tand gebracht haben, fo folger von felbften, daß auch
die Sprache dahin gefommen ift, Diefes und‘ andere
eben fo unverfälfchte Zeugniſſe, haben den berühm-
sen, und in den Alterthümern erfahrnen, Ehriftoph
Gelfarius bewogen , daß er frey geftund , die erfte
Wohnung der Deutfehen fen Dänemarf , und be
fonders die Inſeln im Schagerrad geroefen ‚ mworaug
fie fich zerftreuet und Deurfchland befeget hätten.
a. mag, faget er, mit diefem Namen * wie
c
que inſulis refertus eſt. Acre mare, quod gremio
Lttorum accipittir &c. Im eo ſunt —— Teutoni,
Cap. VI.,, Triginta ſunt Orcades, anguflis inter fe
diductae fpatiis. Septem Hemodes öntra Germaniam
proiectae, in illo ſinu, quem Codanum diximus. E\
‚sis Codanonia, quam adhuc Tentoni tenent, vt magn
tudine alias, ita faecunditate anteftat.,,
** Quoquo ınodo illud nomen fefe habet (nam variant li-
bri) exinde non incertum eft, Tentonos Codani is
infu
J |
„Super Albım Codanus ingens finus, magnis paruis-
(a
|
"ya daͤniſchen Sprache. 455
568 will, (denn die Bücher FEIR niche mit einane
„der überein) fo wird doch hieraus ziemlich gewiß,‘
daß die Teutonen die Inſeln im Schagerrack, wel⸗
„che vom cimbriſchen Eherſonneſus an bis nach Scho⸗
„nen liegen, und itzo die daͤniſchen beißen , ja viels
„leicht auch ein Stüf vom feften Lande in Deurfch«
„land um den Fluß Chaluſus, (d.i. die Trave in,
Holſtein,) und was an deſſen Ausfluffe bey diefen In⸗
„fein liegt, bewohnet Haben.,, -, Diflert. hiftor,. de
Cimbris et. Teutonis. 6.7.
Aus der Betrachtung diefer Umftände möchte eg
das Anfehen gewinnen , als häfte die Mutterfprache
‚bes Herzogehums Sclefivig ‚, wenn das Deutfche und.
Das Dänifche einerlen ift, Feine Veränderung gelitten,
- Allein hiewider ift zu merken, Daß ic) dieſe Beranden
zung der Sprache nicht in den allerälteften,, fondern in
den mittleren Zeitenfuche. Die dänifche und deurfche
Sprache mögen meinetwegen einerley Urfprung ge⸗
habt haben, es ift genug, daß fie von undenklichen
Zeiten dergeftalt von einander. unterfchieden find, daß,
ein. Bolf das andere nicht ohne Dolmetfcher hat vera
ſtehen koͤnnen. Daß aber die Einwohner des Here
zogthumes Schlefwig, ſowohl als die übrigen Daͤ⸗
nen, vor Alters eine von.der deutſcheu ganz, unterſchie⸗
dene Sprache gehabt haben, daß dieſe Sprache erſt
nach mancherley Zufaͤllen verborben,, verſtuͤmmelt,
und mit der deutſchen bey nahe in eine fey gefcehmol«
574 zen
} —— quae a cimbrica Cherfonnefo vsque ad Scan-
diam fünt, quas nure Danicas appellamus et forte
— etiam in) confinente Germania , partem circa Chalu-
' fun amnem (is e. Travam amnent in Holfatia) cius-
que oſtia, que fubiedta illis infulis funt, incoluiſſe-
=
6 Won den Schichſalen
zen worden, dieſes will ich nie meßrem angehen
7
lich — **— |
Das fidliche Cimbrien wird gegenwaͤrtig zu —*
deutſchen Ländern gezaͤhlet, welche unter dem Scepter
unſeres großmaͤchtigſten Koͤnigs ſtehen. Die Pre⸗
digten und uͤbrigen gottesdienſtlichen Handlungen
werden in den mehreſten Staͤdten und Doͤrfern deutſch
verrichtet; die Landesregierung wird nach den Geſe⸗
En, Befehlen und Sprüchen der obern Gerichte
vertvaltet ‚ bie in eben dieſer Sprache‘ abgefaſſet
find , und allein die deutfehe Sprache wird in den
Schulen zum Unterrichte der Jugend gebrauchet. Das
hero Haben der Herr Hübner , und andere Welcher
fehreiber,, die ihm gefofgerfind, Gelegenheit genom ·
men , diefe daͤniſche Provinz, wenigſtens mit der
Feder, ſo viel an ihnen war, dem rdmiſchen Reiche
zu verbinden, :
Alten , es läßt ſich nichts veſtowenier leichtlich
beweiſen, daß die alleraͤlteſte, eigentlichſte und ge⸗
meinſte Sprache dieſes Landes keinesweges die deut⸗
ſche, ſondern die daͤniſche ſey. Die Reiſenden mer⸗
fen dieſes zwar mit genauer Noth, und die mehres
ften Einwohner , laſſen fi) davon , wenn fie auch)
Elüger als andere find, kaum überreden ; jedoch, die
Wahrheit der Sache iſt fuͤr fich Elar, und an
auf ryegenwen Gründen. BANN.
| $ I | 1
Rn man die Einwohner i in vier ‚gleiche ‚Theile
theilet, fo reden zwey Viertel davon im gemeinen
Leben daͤniſch, ein Viertel deutſch, und etliche
wenige, die an den weſtlichen Kuͤſten wohnen, frie.
«
| der daniſchen | Spraihe. 457
ſiſch. Dieſes iſt aber von ſchlechten Leuten, Ind be:
fonders von Bauern zu verftehen, “welche bey dem
allen einen Fremden oder Keifenden den fie erblicken,
fü gut fie Fönnen , deutſch anreden. Wir wollen
hiervon Lafp. Danckwerths Worte anführen,
welche in deffen Schlefiv. Holfteinifchen Landess
befibreibung, ©. 54: 55. alfo lauten : Zu dieſen
„unfern Zeiten wohnen in diefem Herzogthume Dänen
„oder Juͤtten, Sachfen und Friefen. Die Juͤtten
„beſitzen den größejten Theil darvon, fintemal alles,
„von Koldingen bis mieten, und Die
„Stay Schleſwig juͤttiſchiſt, oder daͤniſche Voͤl—⸗
„ker, fo ſich der daͤniſchen Sprache gebrauchen,
„etwa die Stadt Flensburg. ausgenommen , fo von
„Dänen und Deutfchen unsermenget. Die Stade
Schleſwig, und was ferner von der Schley an bis
„an die Eyder und gewens: Au belegen, wird meh»
„rentheils von Sachſen bewohnt, die gebrauchen
Fich der niederdeurfchen Sprache, wie dann aud)
„die Einwohner Femern. Auf der MWeftfeefann«
„te von der Graͤnze oder fchodburgifchen Au an, bis
„an Tondern wohnen abermal lauter Kürten, her
mach aber kommen die Nordfrieſen. —*
Wenn dieſe Worte des Danckwerths von *
Volke allein, und beſonders von dem Sandvolfe,'ger
nommen werden, fo haben fie ihre Richtigkeit. Denn
aus dem Munde diefer Leute, nicht aber von etlichen
wenigen Adelichen, Kaufleuten oder obrigfeiclichen
Perſonen, kann man lernen, welches die eigentliche
und beſondere Sprache in einem Lande heißen muͤſſe.
m it in Eſthen und. er die uralte) wahre
f5 R BR:
» Bon den Schieffalen <
Die eſthiſche und nicht die EN Wenn
gleich die letzte in den Städten unter den Kaufleuten
und auf dem Sande unter den Abelichen gebraͤuchlich
worden iſt. Denn, dieſe find von deutſchem Herz
kommen, und haben ihren Urſprung von den deut⸗
ſchen Ordensrittern, welche vor vierhundert Jahren
Das Sand mit Gewalt einnahmen. Gleiche Schick—
fale Hatte, wie wir in der Folge zeigen werden, das
Bene Cimbrien. |
——— — eben ſo feſte, und iſt
von der eigenen und aͤchten Benennung der meiſten
Staͤdte, und faſt aller Doͤrfer und Ritterguͤter alten
Narren hergenommen. Dieſe find augenfcheinlich
daͤniſch, und zeigen, daß ihre erſten Erbauer und
Eigenthuͤmer, welche jedem Orte ſeinen Namen gas
ben, Dänen müffen gewefenfeyn. Woher lernen wir
wohl, daß vor einigen Kahrdunderten Leute, welche
wendifch oder flavifch veveten, in den meclenburgis
ſchen und pomeriſchen Gegenden, in der Marf Branr
denburg, in Sachſen und Schlefien gewohnet haben?
Gewiß, wenn auch alle geſchriebene Nachrichten
verloren gegangen waͤren, fo wuͤrde doch die Sa=
che’ deutlich genug aus den alten Namen der Derter
und. Gegenden erhellen, welche allein von der mäch
tigern deutſchen Nation nicht haben fönnen ausgerot⸗
tet und vertilget werden. Dergleichen find Wis⸗
mar, Welgaft, Stetin, Demmin, Berlin,
Ppyritz Pregnitz, Laufnig u. ſ. w. Damit ich
Diefe Wahrheit zu meinem Vorhaben anwende, ſo
will er ganz von vorne anfangen, und die Namen.
einis
—
der daͤniſchen Sprache. 459
einiger Flecken anführen, deren dänifche Endigung
auf Bye, Drop, oder Strufp, Toft, alle,
Byll, Mark, Holm, 2ev, und dergleichen, dag,
was id) behaupte ‚ deutlich zeiger, Es gefteht dies
fes felbft Danckwerth, wenn! er die in denäußerften
Gränzen von Deutfchland gelegene Gegend Dänifch«
wolde befchreiben will, und ©. 155. alfo fpricht:
„Allhie wird die deutfche, zu verftehen die, nieder«
- „fächfifche Sprache, Durchgehends geredet, und hoͤ⸗
„ren Demnach die Bujſen (Dyen) auf, j und kommen
„Dörfer an deren Statt. — na?
J
Ich uͤbergehe hier die Namen der in ah nordlis
chen Gegenden, oder in den Aemtern, Appenras'
de, Tondern und Hattersleben gelegenen les
den, weil bey diefen gar Fein Zweifel iſt: ich will
die Nemen anfuͤhren, welche in Angeln: und
Schwanzen, und folglich in denjenigen Ländern
vorfommen, die am meiften gegen Süden: liegen,
Hier finden fih 3. E. die Orte Brodersbye, Tum⸗
‚bye, Vielfebye, Ralbye, Meelbye, Rüsbye,
Ketelsbye, Grumbye, Bungelsbye, Norbye,
Vindebye, Gerebye. Eben ſo Snarup, Bra⸗
rup, Flarup, Rurup, Doſterup, Hoſterup,
Trelſtrup; wie auch Bundsboll, Trollboll,
Borsboll, Balle, Rruksballe, Havetoft,
Ralltoft, Rragelund, Jaldelund, Galdes
lund; endlich Eſmark, Rafmaık, Lockmark,
videmart Gevemark, ufmw Ich Ente, N
wenn es nörhig wäre, biezu nod) ein paar hundert
aͤhnlich Elingende Namen von Nitterfigen fügen, die
‚entweder zum Theil oder gar noch nicht verdorben
und
6° Bon den Schickſalen \
und. verdrehet worden find, ale Rughzeogaard, |
Roehovet, Simmelmark, Efbelemarf, We⸗
ſtergaard, Satrophoim, und andere. Jeder·
mann kann ſchon aus dem bloßen Tone dieſer Worte
muthmaßen, daß die erſten Erbauer und Beſitzer
dieſer Orte niemand als Daͤnen geweſen find, und
zwar ſolche Danen, die das Deutfche fo wenig, ver
ftanden ‚ als es die iigen Einwohner von Weel *
Kolouigen verſtehen |
Unter den Städte deren n.Mamen wir "bald an:
führen werden, Fann die Hauptftadt, wovon dem
- Sande der Name! ‚geblieben iſt, hievon den deutlich⸗
ſten Beweis geben. Dieſe wurde, wie jedermann
weiß, bis auf die chriſtlichen Zeiten, und einige
Jahrhunderte darnach, Hedebye oder Hadebye ge⸗
nannt. Die Endigung Bpye verraͤth ſogleich ihren
Urfprung. Es gilt uns gleichviel, ob der Dre ſei⸗
nen Namen von der unter den Sabeldichtern fo bes
Fannten. Jungfer Hetha, wie die gemeine Meynung
iſt, oder. von Haß und Streitigkeiten, oder, von
- den daran gelegenen Haiden, und waldichten Huͤ⸗
geln befommen hat: genug, es würde diefer Mame
alters wegen vergeffen feyn ‚wenn nicht jenfeits des
Seebuſens das Dorf Hadebye läge, und das An ·
denfen des alten Namens aufbehielte. Wo itzo Ha⸗
debye liegt, da lag ehehin der vornehmite Theil
der Stade, wie aud) der erftes chriftliche Tempel in
Däneihatf, welchen, auf Erlaubniß Harald Alags
der heilige Anfgarius eingeweihet hatte. ‚Bon: Die
fer Benennung der Stade ſchreibt Cafp. Dand>»
** S. is * Mi dieſem Namen iſt nicht,
„wie
x der danifchen Sprache. 461
wie man gedenken möchte, der Suͤdertheil der
„Stadt allein genennet gewefen, fondern die ganze
„Stade, und zwar von den Dänen,’ wie unter an—
„dern der Seribent Edelwerdus klaͤrlich anzeiger,
wenn er fpricht *: Das alte Angeln liege zwi⸗
„fchen den Sachfen und Gothen, und feine
Hauptſtadt heißt auffächfifch Sleſwick, auf
dDaniſch aber Haitby.,, Sch glaube, der ehrlie
he Edelwerd irret fich bier, wenn er das Wort
Schleſwick für ſaͤchſiſch ausgiebt; da vielmehr wich,
eigentlich viig, einen Meerbufen anzeigt, wo das,
Meer, roelches gleichſam feine Graͤnzen überfchritten
hat, durd) krumme Beugungen in das Land hinein
lauft, und den Schiffen einen fihern Stand ver:
fchaffer. Daher nannten Die Dänen Danzig ehehin
Danskvig; daß ich anderer befannten: Dexter, und
deflen nicht erwähne, daß das ganze Amt Bahus,
wegen feiner vielen. Häfen und Seebufen Dig - Sis
den genennet wird. Was das Wort Se anbelans
get, fo leitet es "Job. Strelov in feinem Chronico
Guthilandico ©. 28. und Vic. P. Petraͤus de
Origin. Cimbror. P. IL. $. 177. von dem Worte
Slaee her, welches Schilf oder Meergras be
deutet. Diefes wird von dem wallenden Meere in
großer Menge vor die Ausflüffe in diefem Meerbus
fen geführer, und derfelbe faſt dadurch verſtopfet;
es it alfo Slefvig eben fo viel als Tangvug der
Schilfbufen. Dieſes drücer der vortreffliche
| Dich.
* Anglia vetus fita eft inter Saxones et Giotos, habens
ooppidum capitale, quod fermone Saxonico Slefwick fe.
' eundum vero Danos Haitby dicitur. a
*
462 - ‚Bon den Schickſalen
Dichter Nicolaus folgendermaaßen aus *: Da wo
die Stade Schlefivig liegen, die ihrem Na⸗
nen vom den Meergraſe bat, da fließt das
fehnelle Waſſer Stia. Es ift alfo Diefer Name,
welcher eigentlich.dem Seebufen zukoͤmmt, nachhero
der daran liegenden Stadt geblieben, und der Stadt
Sleſwvig an dem Ausfluſſe der Slia eben ſo ergan ⸗
gen, wie der Stadt Lemvig, welcher Name, Lem⸗
viig, oder Lymviig, eigentlich auch nur dem Ly⸗
mifchen Seebufen gebühret, aber gleichwohl auf
die daran gelegene Stade gekommen ift. Die Deut:
fehen haben diefen Namen noch unfenntlicher gemacht,
da fie ihn fo fchrieben, wie fie ihn gemeiniglich aus-
fprechen, an ftatt, daß fie Slesviig, und et
Schlefwig hätten ſchreiben follen. —
Gehen wir von Schleſwich nach Senne, und
fuchen den Urfprung diefes Namens auf, ob er dä
nifch oder deutſch iſt, fo darf ich mich hier nicht mit der
Unterſuchung verfchiedener Mennungen aufhalten,
weil, wer $uft hat, diefe in Ich. Molleri Ifag, ad
ti. Cherfon. Cimbr. ©, 260. ı f. nachlefen kann.
Ich darf nur ſo viel erinnern, daß mir itzo des oft
angeführten Caſp. Danckwerchs Meynung, die
ich vor einigen Jahren verworfen Habe, wahrſchein⸗
ficher vorfomme. Er muthmaßer, Flensburg has
be, wegen feiner vielen lautern Quellen, feinen Nas
men Diensbort, gleichfam Weelensborg, d. i.
Wandborg, von dem Waffer Mahl befommen,
* io Weel bege Ich laſſe big an feis
| nei
* Nune vbi Slesuictim jacet vrbs, quam müneupat a
lic exundans vel celer voda Sa) m r%
—
der daͤniſchen Sprache. 463 -
nen Ort geftellet feyn, und gefraue mir aus eben die.
fem Grunde der Hauptfache auf folgende Weife naͤ—⸗
ber zu fommen. In dem nordlichen Cimbrien hat
die an dem äußerften Theile eines Seebuſens liegende
‚Stadt Weel, Veyle, die einer der angenehmſten
Orte in ganz Dänemark, und Flensburg in vielen
Stuͤcken nicht unähnlih it, ihren Namen ohne
Zweifel von einem Worte befommen, welches in un
ferer Mucterfprahe Waſſer heißt. Es zeiger dafs
felbe nicht überhaupt ein jedes Waſſer an, fondern
einen ſolchen wafferreichen Dre, dergleichen ſich bier
und dar an Seebufen finden, die man lateinifch Va-
dum, (einen Furth) oder mare vadofum nennet,
und wodurch man zu Fuße gehen, aber doch fahren
kann. Ein ſolcher Ort Heißt daͤniſch Veyle, und
hieher haben in Saeland Borre Veyle, und ans
dere gleichnamige Oerter ihre Benennungen erhals
ten, auf eben diefe Art hat man Flensburg, wie ich
glaube, Deilensborg, oder zufammengezogen
Diensborg genennet. Doch, ich geftehe, daß
Diefes eine bloße Muthmaßung ift, welche ich, wenn
man mir etwas geroiffers zeigen koͤnnte, nicht hart.
naͤckig vertheidigen wollte,
Aabenraae, woraus die Deutfchen in ihrer
Mundart Apentade gemacher Haben, foll ohne
Zweifel nichts anders, als Aaben Dras, ein of
fener Winfel, beißen, Denn VDrase heiße auf
deutfch ein Winkel; und diefe Ableitung wird das
Durch beftätiget, daß bier in Kopenhagen bey der
reformirten Kirche eine Gaffe ift, welche eben dieſen
Namen bat, Es ſtand an diefem Orte, ehe vie
Maus
#
464 Von den Schidfalen
Mauern diefer' Eöniglichen Hauptftadt, ; unter König
Ehriftian IV, weiter binaus geruͤcket wurden, ein
Theil der Feftuingemerket; es mag alfo bier ein Dre
oder Winkel gewefen fen} wo Feine Haufen ftanden,
en aaben Vraae. Daher hat die Gafle —
Namen bekommen.
Haderslev, zuſammengezogen Harsloev ie fehe
ungefchickt in Hadersleben verwandelt‘ worden, weil,
die Benennung nicht vom Leben, fondern vielmehr,
vom Tode und von der Miederlage herzuleiten iſt.
Eigentlich heißt. es Hatterslov, oder Hatters⸗
ſled, und zeiget den Ort an, wo Koͤnig Harald
Hyldetand den Satter gefchlagen und getoͤdtet hat,
wie Saxo Grammaticus, der ein —98
ı 333373
: „Schlacht er * Äh Be a * —*
lige Name der dabey liegenden Stadt anzeiget.
Dieſe wenigen Exempel koͤnnen zur Erlaͤuterung
der gegenwärtigen Sache hinlaͤnglich ſeyn; und Dies,
ferwegen halte ich es fuͤr unnoͤthig, mehrere anzu⸗
fuͤhren.
3+
Den drirten N womit ich den uralten Ge
brauch der dänifchen Sprache i in dem füdlichen Cim⸗
brien darthun Fann , koͤnnten mir die befannten Stein
ne geben, worein nunifhe Bchſtoben gegraben find.
Ay
* Haraldus Hyldetand Halredien apud Iutiam oppugna-
tum exftinxit, cuius ocsafum perpes oppidi vveahuln
indicat.
⸗ *
der dänifchen Sprache. 465
Allein, ich habenur einen, einzigen’ davon‘ unterſu⸗
dien koͤnnen auf welchen ich mich ſicher berufen darf
Diefer iſt indem Amte Appenrade(Wormius ſaget
aus Verſehen Hadersleben) im Kirchſpiele Meſter⸗
lockum, in der Havers lundiſchen Gegend beſind⸗
lich, und mit folgenden Buchſtaben bezeichner,nnne
4 ; nem das ift Mt 5. ü a 147 MNnt
Alte Forſcher unſerer Alterthuͤmer, beſonders O
Wormius Möhum. Danie. Lib.' V. p. 343: und’
Troch. Arntiel in Cimbr. ———
©. 332. u. f. legen dieſes alſo aus; Ulfs oder Rulfs
Hoer, des Ulfs oder Rulfs Heer. Cs gilt mir
gleichviel, ob man dieſen Stein dem Könige Rolfo,
mit dem Zunamen Krake, zuſchreibt, welcher,
ach der Edda Zeugniffe Part. I. Mytyl. 64. lange”
vor Chrifti Geburt geleber, mit den benachbarten.
Sachſen Krieg geführet, und dieſen Stein zum Sie!
geszeichen gefeget hat; oder, ob man —
ber ven befannten Herzog der Normaͤnner Rollo,
olf, oder Bange-Rolf machet. Es foll diefer’
allhier feine Armee verſammlet und gemuftert ha⸗
ben, ehe er im Jahre Ehrifti 900. in die Niederlan⸗
de, Frankreich und England zur Felde gieng ; und
5 — ihm die vom Cambdenus beſchriebe⸗
‚nen Roͤlrichſtonen zugeeignet, als haͤtte er dieſel⸗
ben zu Zeichen und Denfmälern feines Gieges ere
richtet. Ich Fann es auch geſchehen laffen, wenn
a Stein für ein Werk eines neuern Ulf,
Dulf, oder Oluf ausgiebt, ber vielleicht weder
3 Band. N PIE u,
466 Von den Schickſalen
König, noch Heerführer, ; fondern ein nur fonft vor ⸗
‚nehmer und in in diefen Gegenden wohnbafter Mann
gemefen ift. Genug, es erbellet ‚der. Gebrauch der.
dänifchen Sprache aus den darauf befindlichen runi⸗
ſchen oder gorhifchen Buchftaben, welche nur bey
dreyen nordlichen Völkern, und nicht weiter, als;
ihre Sprache gebraͤuchlich waren. Das lestere ift
beſonders zu merfen, weil es zeiget, daß die ge
meldeten runifchen Buchftaben in den mittlern, nicht
; aber i in den —* Zeiten nn als Dem,
„Ar:
fe este, n * man Au a mitten in ——
puren der alten Cimbrer finden; weil die Nach ·
koͤmmlinge des Odins ſich ebenfalls. dahin verbreitet
hatten, Allein, man finder daſelbſt nicht eine einzi⸗
ge. runifche Aufſchrift, wovon mir eine fo große,
enge haben. Warum findet man fie dort nicht,
| fowohl als bier, wenn die Runen fhon zu der Zeit
befannt waren, welche Bruna⸗Old hieß, und in,
welcher man die Seichen verbrannte, und die, Aſche
auf dieſe Weiſe beerdigte?
Ich erinnere Hier im Vorbeygehen, daß eben bie
fes die fabelhafte Erzählung des Hrn. Lyſcander,
in ſemem Danſke Kongers Slaegre: Bog, S.
35. widerleget, wo er einer runifchen Aufſchrift über,
dem Grabmaale eines gewiſſen Cimbriſchen Richters
Namens Veſe, gedentt, welche zu feiner Zeit bey -
Schleſwig entdecket wurde. Ich habe meine Mey.
nung von dieſer Aufſchrift in Marmor. Dan. Tom. II.
p.23. eröffnet, Es ſoll aber dieſe nirgends aufinbender
Grabſchrift folgende geweſen ſeyn: N
der daniſchen Sprache. 467
Si leger Veſe of Hetuͤmby |
Under aabna Simlum oc. vodum Sty,
Ob ſchon diefe abgeſchmackte Erdichtung ihre Nich—
tigkeit ſchon durch die Schreibart verraͤth, fo kann
doch nicht gelaͤugnet werden, daß fie zur Beſtaͤti-
gung meiner Meynung diene; und hieran habe ich
genug. Es flinge nicht ungereimt, daß vor ſechs
oder fiebenhundert Jahren, als man die Todten nicht
verbrannte, fondern auf die Felder begrub, in der
Gegend Schlefwig, oder Hedebye ein gewifler Des
fe gewohnet Habe, der, mo nicht ein Fuͤrſt oder
Richter, dennoch von vornehmen Gefchlechte und
veich gemwefen ift. Denn, das im Sande Angeln ges
legene Dorf Veesbye wird, beym Cafp, Dank:
werth, einem gewiffen Veſe zugefchrieben ; und es
ift nicht unwahrfcheinfich, daß diefes Mannes Grab
mit einem Steine, oder Grabmaale gezieret gewefen
if. Die Aufſchrift gieng mit der Zeit verloren,
da viele taufend runifche Steine zu Gebäuden und
andern Dingen gebrauchet wurden.
Man BR ferner zugeben, daß die in Stein ger
Hauenen Worte durch die gemeine Nede bekannt,
und zum Spruͤchworte geworden ſeyn; denn, es find
noch ißo viele. alte Grabſchriften bloß, dem Gerüchte
nad), bekannt. Diefes ungetreue Gerücht bat niche
den wahren Schall der Worte benbehalten, fondern
benfelben nach) der neuen Mundart verändert, In⸗
deſſen Bat es davon doch fo viel bewahrer, als ich zu
meinem Vorhaben brauche, nämlich, daß die alte
Sandesfprache, nicht die deutſche, fondern die daͤniſche,
BEN, 1
*
468 Bon den Schiefaten
geweſen iſt, weil fie in den Grabfehriftenzu Erhaltung
des Andenfens der Berftorbenen gebraucher wurde,
a j E 4, —
Ein neuer Grund, woraus dieſe Wahrheit erhel⸗
let, läßt ſich daher nehmen, daß im IX, X, und XI
Jahrhunderte, als der Chriſtliche Glaube hier zu
Lande geprediget, und Öffentlich eingefuͤhret wurde,
die der deutſchen Sprache unerfahrnen Einwohner,
theils daͤniſch, theils frieſiſch redeten, und die vom
Erzbifchofe zu Hamburg und Bremen abgeſchickten
Prediger ſo lange tauben Ohren predigten, bis ſie
durch die Laͤnge der Zeit die Landesſprache lerneten.
Wer aus Traͤgheit oder Ungeſchicklichkeit dieſes nicht
zu Stande brachte, mußte ſich eines Dolmetſchers
bedienen, welcher die Predigt, die in der fremden
Sprache gehalten wurde, in der Landesſprache, ent⸗
weder Wort vor Wort, oder Gag vor Sag nach⸗
fagte. Daher entfland in der Kirche ein befonderes
Amt der Ausleger, welches aus vielen und wichtigen,
Urfachen fo mühfam und befchmerlich war, daß Koͤ⸗
nig Sveno Eſtrith, als erim Fahre 1053 mit dem
bremiſchen Erzbiſchofe Adelbert, zu Schleswich ei⸗
ne Zuſammenkunft hielt, auf deſſen Abſchaffung
drang; wie in Annal. Ecclef. Dan. Tom, I. p.202.
gezeiget wird. Es feheint auch der Erzbifchof in
des Königes Begehren gewilliget zu haben, und
zwar nicht allein in Anfehung der übrigen Provinzen‘
des Königreiches , fondern befonders auch in Anfer
bung des füdlichen Cimbriens. ‘Denn , es ſtunden
der daſigen Kirche von dieſer Zeit an faſt zweyhun⸗
dert Jahre lauter daͤniſche Lehrer und Aelteſten vor,
als Gunner, Occo, Hermann, Esbern, Occo
ll.
Der dänifchen Sprache. 469
il, Friederich, Waldemar, Nicholaus, Tycho,
Eftüd, Bondo, und Beichoid, welches lauter
Dänen waren, ‚und unter dem. Exzbifchofe zu. $unden
‚kunden... Sie befucheten alfo die von. ihm angeftell« /
‚en Kirchenverfammlungen, wurden in den Reichsrath
aufgenommen, und behielten die daͤniſche Sprache
ſo lange bey, bis das hoͤchſte weltliche Regiment an
Ausländer kam. Von dieſen wurden erſtlich Die Bi»
ſchoͤfe, und durch die Biſchoͤfe die uͤbrigen hohen und
niedern Geiſtlichen, ja ſo gar die gemeinen Moͤnche,
dahin gebracht, daß ſie die beurfche Partey ergrife
fen, und es in. der Sprache, ‚und: im den Sitten den
Deutſchen nachthaten. Es waren in dem füdtichen
Cimbrien zwey vornehme Klöfter, welche Herre
Eloftere biegen, Lömbolm, und Guldholm,
und nachgehends nad) Rye, oder Königsfeld, ver-
leget wurden, Dieſe waren, wie anderwärts gezei⸗
‘get worden ‚ nach damaliger Art zu reden, Töchter
des Kiofters Sora, und befamen alfo von ihren er-
ſten Einwohnern, den Dänen, ſowohl dänifche Sit«
‚ten, als Gebräudje. Ja e8 waren fogar die Fran
kennen Bettelmoͤnche, welche ſich in den Staͤdten
aufhielten, anfaͤnglich Daͤnen: allein, ſie mußten
ihren auswaͤrtigen Bruͤdern, welche aus Deutfehland
kamen und die deutſche Sprache mitbrachten, noch
lange vor Luthers Kirchenverbeſſerung Platz machen.
Es erhellet dieſes deutlich aus einem Briefe, welcher
in der Bartholiniſchen Sammlung gefunden,
und in der Univerſitaͤtsbibliothek zu Kopenhagen ver
wahre: wird, Hierinnen bittet ein König, deffen
Name nicht dazu gefchrieben aber, fo viel ſich aus
Den HaaaNRANDen ſchluͤßen läßt, Johann iſt, den Bor
G 9 3 ſte⸗
470 | Von den Schreien‘ ih
ſteher ber Francifcaner Mönche fehe Höflich enöde
tefich Mühe geben, daß die dänifchen Mönche, wels
che aus Flensburg wären vertrieben , und von den
eingedrungenen Deutfhen , wider und Bil⸗
ligfeit, lange übel gehalten roorden, wieder zu ihren
uralten Gerechtigfeiten gelangen, und ſich auch die,
übrigen Klöfter in felbigem Sande wieder zum Schooße
der daciſchen Kirche wenden möchten, weil fi e doch
anfänglich zu derſelben gehoͤret haͤtten. Die Worte,
welche hievon handenn — lauten alfo: Eu Bir haben,
| UN N
® Unde, Pariri RevötendeH ! honda veridica relatione
didicimus, paternitatem veſtram, forte ad aliquo-
rum fuggeftionem , feu potius finiftram informatio-
nem, miniftro regni noftri Dacie , in mandatis ſtri⸗
&iffime comififle, ut fratres aliene'nationis ad conven-
tum Flensburgenfen (de quo aliqui eorum , infaluta-
to hofpite , diu noctuque et contra voluntatem pro
tune vicarii provincialis , in fcandalum, veftri ordinis
fucceflive receflerunt) permitteret introduei , fratres
noftri regni laboribus et expenſis genitoris noftri chas
riſſi imi, pie memorie, et fuorum predecefforum in
principio Reformationis introdudtos , ac poft fugam
alemannorum iterumreductos (quorum’dodtrina et con-
verfatio laudabilis: a Clero et populo commendatur)
faceret reınoveri, quod fane et diffonum et promiflioni
nobis fadte per J9 generalis vicarii Cismontani,
penitus eſt alienum. Quas fiquidem literas diligenter
fecimus obfervari, eo quod fratres aliene nationis ad|
predidtum locun Flensburgenfem , nobis irrequifitis, '
aninime transferri debere,, apertiflime oftendunt : Qua- |
re veſtram paternitatem , ob noftri regni commodita-|
tem, ac pacis tranquillitatem , quam potius cupimus
alıgeri, quam diminui, fimmopere rogamus , quate-
nus praefatum locum 'Flensburgenfem fub regimine
fratrum Danorum, per‘ quos fuit primitus reformatus,
et ad bonum ftatum, in quoeft, reductus (prefato ge-
‚ultops
der daͤniſchen Sprache. - 47
ehrwuͤrdiger Water, aus glaubwuͤrdigen Machrich.
„ten vernommen, daß Euer Ehrmürden , vielleicht
„auf einiger Leute Anftiften, oder vielmehr fälfhlihes
Angeben, unferem Föniglidy daciſchen Minifter ges
meſſenen Befehl ertheitet hat, die ausländifchen
„Brüder in das Stift Flensburg einführen zu laſ⸗
„fen, aus welchem einige derfelben ohne Abſchied, fo=
„wohl bey Tag als Nacht, und wider Willen des
„damaligen Provincialvicarius zum Schimpf eures
„Ordens nach und nach entwichen find, dagegen wols
„let ihr die Brüder aus unferm Reiche, welche durch
„die Bemühungen und Koften , unferes lieben Ba:
„ters feligen Andenfens , und deffen Vorfahren im
„Reiche gleich zu Anfangeder Kirchenverbefferung dar»
„ein gefeget, und nad) der Alemannen Flucht aufs
„neue eingeführet worden find ; auch in Anſehung
„ihrer Sehre und ihres Lebens von der Geiſtlichkeit
„und dem Volke gelobet werben , daraus vertrieben
„wiſſen. Es fehicker ſich diefes gar nicht, und iſt
„dem Berfprechen, welches ung der Generalvicarius
„jenſeits der Gebirge durch Briefe gethan hat, ganze
„lich entgegen. Wir haben diefe Briefe fleißig auf
„heben laſſen, weil fie augenfcheintich zeigen, Daß.
„man feine ausländifdye Brüder, ohne unfere Ge
nehmhaltung in gedadytem Flensburg einführen duͤr⸗
»fe. Deswegen bitten wir Euer Ehrwürden, um
unſers Reiches Bequemlichkeit, Friede und Si⸗
| © | cher⸗
294
" nitori noftre chariſſimo eis fideliter afiftente) perma-
“ mere. Alios quoque conuentus in Ducatu noftro Hol:
fatie fituatos, ad gremium prouincie Daciane et regi-
men miniftri prouincialis noftri regni Dacie, prout ab
. antiquo fuerant , noftro intuitu ac favore, reducere
dignetur et velit,
x
472 .Bonden Schickſalen —
cherheit willen, welche wir lieber vermehret als ver⸗
„ihrer Gewalt bleiben laſſen. Eben fo bitten wir
„a
22
hat. Denn, es war allezeit mit dem daͤniſchen, nie⸗
mals aber mit dem roͤmiſchen Reiche, vereiniget und
verbunden, ob es gleich in den folgenden Zeiten, aus
Unwiſſenheit, von vielen mit Holſtein verwirret, und
mit dieſem Namen benennet worden iſt. Dieſe Un⸗
bedachtſamkeit beſtreitet der gelehrte und behutſame
Johann Woller mit einem gerechten Eifer, wenn
er in feiner Ifagog, ad Hiſtor. Cherfon, Cimbr, ©. 2.
fhreibt : * „Das füpliche Cimbrien theilet ſich in
- KAAPIUD ABB N. „die
* Difpecitur pars Cimbriae auftralis in Ducatus duos,
Slesuicenfem atque Holfaticum. Quos lieet PR.
GHENI-
der danſchen Sprache. A
bie ʒwey Herzogthümer,Schlefwigund-Holftein Wir
wundern uns zivar nicht, „wenn Unwiffende und
„Ausländer, aus einer alten, aber. falfchen, Ge
wohnheit zu reden, dieſelbigen mit einander verwir⸗
„ren: allein denjenigen ‚Die gelehrt und der Ge
„ſchichte ihres Vaterlandes kundig ſeyn wollen, ver⸗
eihen wir es gar nicht, wenn fie eben. dieſen "Seh.
„ler begehen, und fich nicht ſchaͤmen, zu behaupten,
„Daß. die Einwohner, des Herzogthumes Schleſwig
„mie Recht Holfteiner genenne werben. Dieſe Leu⸗
„te muͤſſen lernen, daß dieſe zwey Herzogthuͤmer von
„allen Zeiten her ganz verſchiedene Umftände, verfchie«
„dene. Regierungsformen, Nechte, und,endlic) auch
„in den alten Zeiten berfdiedene Regenten gehabt
„haben, Sie muͤſſen willen, daß Holftein ein Theil
„und wor des römifchen Reiches ; Schleswig. aber
| gs 4 MO
| — inueteratae, federroneae — confuetudi-
ni morem gerentibus, confundi haud miremur ‚merito ta-
"men; jis indignamur, qui, cum inter literatos et rerum pa-
triarum Efron velint'cenferi, in ‚eundem errorem tur-
ET TER Ye}
Holfatos San; —— non erubeſeunt. "Difkant
hi, diverfifimam ab omni aeuo vtriusque, ducatus fu-
’ iffe eonditionem , .diuerfam regiminis formam, diuer-
fa iura, dinerfor denique prifeis teınporibus Principes,
" Difeant Holfaticum Germaniae eſſe parteın et feudum
Imperii Romani; Slesuicenfem autem ab illius iurisdi-
‚ &ione immunem, regno Danico propipri nexu deuin»
„eiri. Legant hoc fine praeter epiftolam Godfchalchi
ab Ahlefeldt , Epife, Slesu, ad Camerae Imperial, iu.
dices an, 1526. exaratäın, et a I, A. ‚Cypraeo editam,
Matt: Chemnitü Jun. Aulae Gottorp: Caneellarii, an,
1627. defundti ‚(eriptum poflhumum an. 1629, exeur
ſum: Bericht von der Gelegenheit uf w. |
„von deffen Oberherrſchaft frey, und mit Dänemarf |
„näher verbunden ift. Man kann zu dem Endeden
»Drief nachlefen , welchen der Biſchof von Schleſ⸗
„die kaiſerlichen Kammerrichter geſchrieben, und J.
„A. Cypraͤus herausgegeben hat ingleichen des
„verftorbenen Martin Chemnitzens, Schrift, wel⸗
„he 1629 nad) feinem Tode unfer folgenbem Titel
„Unterfchied der
474 Don den Sitfater
»tDig, Sodfchalch von Alefettr ‚ im Jahre 1526. an .
„gottorpifchen Kanzlers, des jüngern im Jahre 1627.
„berausfam: Bericht von der Gelegenheit und
yden HerzʒogthuͤmerSchleſ⸗
„wig und Holſtein, worinn erwieſen wird,
„daß Schleſwig eine Pertinenz und Lehn det
„Rrone Dänemark ſey, das roͤmiſche Rech
„aber kein Recht darauf prätendiren koͤnne
„iveil es von demfelben durch Gränzen, und
„ſonſt in allem unterfchieden iſt. |
Den von Mollern angeführten Brief fchrieb God.
ſchalch von Ablefeld zur Zeit der Meformation,
als er ſich wünfchte, ein Glied. des roͤmiſchen Rei⸗
ches zu ſeyn, damit die Römifch » Katholifche Kicche,
wenn er diefes nur im geringften darthun Fönnte in
Sicherheit feyn möchte. Er enthaͤlt, unter andern,
folgende Worte: * „Indeſſen ift Schlefwig jederzeit,
„ſowohl in geiftlichen, als weltlichen Sachen, offen» ı
shaft geftanden, und von den eh in allen weltli⸗
„barer und bekannter Weife, unter dänifcher Herr⸗
chen
*
® Interea Slefuicum — ſubfuit fuperioritati Daniae,
tam in temporalibus quam in fpiritualibus , palam et
publice, feruanturque per Laicos in — iudiciis
fecularibus leges Danicae , a tanto tempore, citra cu-
äus contrarium non eft memoria hominum.
der daniſchen Sprache. 475
schen. Gerichten nach den dänifchen Geſetzen gefpro«
„hen worden ; und dieſes feit ſo umdenklichen Zeis
„ten, daß man ſich des Gegentheils gar nicht erin-
„nern Fann.,, Freylich ift es nur allzu gewiß, daß
diefes Sand anfänglich ſowohl Gefege als Dbrigfeiten,
und alfo auch die Sprache von Niemanden, als von
yon Dänen, bekommen hat. Diejenigen Juͤten,
Juͤthen, Guthen, oder Gothen, welche ſowohl dem
‚füdlichen,, als dem nordlichen Cimbrien den Namen
gegeben haben, haben’ vielleicht, als fie aus Goth⸗
land kamen, zuerſt in dieſen Gegenden, bey der Slye
angelander ; oder auch anderswo, weil ich mich niche
völlig auf die Erzählung des Petraͤus gründen will.
Indeſſen ift fo viel wahrfcheinlich, daß die Gothen
da, mo ißo Gortorp liege , ihren vornehmſten Sitz
gehabt, und demnach ihre gothiſche Sprache allda ein»
geführet Haben. Wenn Saro Brammatitus in
feinem IVren Buche von des Königes KDermund
Statthalter in Schleswig, Namens Frowin, und
deſſen zween Söhnen Ket und Dig erzählet, daß fie
noch etivas vor Chriſti Geburt den Tod ihres Vaters
an dem Könige in Schweden, Atislaus, gerochen hät:
ten ; fo meldet er ©. 64, man hätte es ihnen übel
ausgeleget, daß fie zu Vollziehung ihrer That einan«
der gemeinfchaftlich geholfen, und durch des Atis—
laus Tod dem dänifchen Namen eine Schande zus
‚gezogen hätten, da man den Gefegen und dem alten
Gebrauche nah, Mann vor Dann fechten, zweenen
widerſtehen, und bey der Dazmifchenfunft des drit⸗
ten die Flucht ergreifen müßte. Stephanius ſchlieſ⸗
ſet hieraus, daß die Schleſwiger Daͤnen ſeyn muͤß⸗
ten, weil ihr Verſehen der ganzen daͤniſchen Nation
„einzigen fochten, * ganzen, bänifchen Nation zum
7 | J— dert
* Hic etiam audies, Slesuicenfum delictum, quo contra
vnum et ſolum duo dimicarunt, Danieae gentis conuitio
ludibrioque adſeribi. Quare Slesuicenfes Danos olim
habitos eſſe, hinc firmiter colligas. Quod annoto
contra quorundam opinionem , qui regni Danici ter-
minos, citra quam par eft „ migrant ‚. Holfatos. (Sles-
vicenfes) Germaniae adferibentes, quod iure meritifi-
no prius Dania vendicauit. Nam quorfum alioqui
Slefuicenfium dixiffet ? —
doer daniſchen Sprache. 477
dert — mit Krieg überzogen , und einen
König aus ihrem Gefchlechte auf den englifchen Thron.
ſetzeten, viele daͤniſche Worte unter dieſe Mundart
miſchet haben; allein, ic) glaube, daß die cimbrie
(6 An Sande Angeln übliche Mundart, ſchon im er⸗
ften Heerzuge, unter Sengiftes und Horſtes An⸗
ſuͤhrung nach Britannien gekommen fey, und ‘daß zu-
gleich Hieraus erhelle, wie diefe Sprache Damals eis
gentlich fen befchaffen geivefen. Ich will zum Ep
empel. tun einige Worte anführen , welche mir iho
beyfallen , und theils cimbrifchen Urfprung haben,
eheils von den Englaͤndern auf cimbrifche, d. 1. auf
eine etwas rauhe, und. zärtlichen Ohren Harte Art,
ausgefpröchen werden. "Dergleichen find Beaft, Bel-
hi, Bolfter, Bow, Bull, Clow , Cow, Crawl,
Drown , Fork, Gap, Glow, Gnaw, Grow, Our,
Mani, ‚Want, und andere, Jedoch ich Habe nicht
nöthig, mich langer bey ungewiſſen und dunklen Zei⸗
ten aufzuhalten, ° Herzoh Canutus, König Eriche,
‚dee girtigen, oder Eye goods, Sohn, befam dieſes
Sand von feines Vaters Bruder, Nikolaͤus, als
ein Lehen, und wurde alſo der erjte eigentliche Hera
‚dog in Schleſwig. Er war zugleich König der Obo⸗
£riten, und erhielt vom Kaifer Lotharius den Titel
eines Königes der Vandalen: allein, er trug den
noch Schlefwig von Dänemark zu gehen. Er rich.
tete den Staat nad) Den dänifchen Gefegen ein,
und bekam daher den dänifhen Zunamen La—
ward, d. i. ein Bewahrer der Geſetze, meil er un.
gemein auf Recht und Billigfeit fahe, und die all.
gemeine Ruhe, befondersdurch Verfolgung der Raͤu⸗
ber, beförderte, welche damals die Wälder beſetzt,
vr. batsen,
43 Bon den Schickſalen
re „und die Straßen, un icher machten...» ‚Sein
nfel, Waldemar IT, gab im Jahre 1240 ‚feinen
Untertanen, ein Gefeß,, welches fie mit. den nördli-
hen Cimbrer n gemein haben ſollten, nicht in: Deutz
fcher, fondern in dänifcher Sprache: Diefes Geſetz
heißt heut zu Tage das juͤtiſche Geſetz, und wurde
etliche Jahrhunderte durch nicht anders, als dänifch, |
gelefen. So kann auch nicht geläugnet werden „daß
man von dem Urnehoveds Landsting, oder dem
ſchleſwigiſchen gandgerichte , Jo wie von dem Gerich-
‚ te zu Wiburg imnordlichen Eimbrien, an den Dan«
nehof, oder den daͤniſchen Reichsrath zu appelliren
pflegte. Dieſes war ‚eine der, vornehmſten Bedin ⸗
gungen, unter, welchen Koͤnig, Chriſtoph I, feines
Bruders Abels Sohn, dem Herzoge Waldemar,
im Sabre 1254 dieſes Land, zu Koldingen, als ein
$ehn überließ. Er mußte nämlich angeloben , daß
alfe Streitſachen, welche in dem Gerichte Urnehos
veds Ting nicht koͤnnten ausgemachet werden, wie
bisher vor den daͤniſchen Reichsrath fommen ſoll ·
ten, von welchem der Herzog, als. ein koͤniglicher
- Bafall, ſelbſt ein Beyſitzer war. Man ſehe Ar.
Zolefeid Tom.I.p. 241. Bis gegen das Ende des vos
‚ rigen Jahrhunderts, oder die Zeit des Blaſius E⸗
kenbergs, hatten die Schleswiger nicht einmal eine
voͤllig beutfche Ueberſetzung dieſes jͤtiſchen Geſebes
und diejenige, welche ſie gegenwaͤrtig haben, iſt von
daͤniſchen juriſtiſchen Worten überall voll, Syn dem
Archive zu Flensburg wird das uralte Geſetzbuch dies
fer Stadt, fehr zierlich auf- Pergament gefchrieben ,
und mit fi ilbernen Budeln befchlagen, aufbewahret.
Diefes Buch iſt nicht deutſch, ſondern ua ao
ben,
der. Dänifchen Sprache, 479.
ben, und zeiget deutlich an, was die Flensburger.
ehehin für-eine Sprache geredet, haben. Denn, es
faͤngt . E. an: Ser byrias Bymens Skraa af
Slensborg. Man fehe des Herrn Ernſt Joa⸗
chim von: Weſtphalen gelehrte und weitläuftige
Vorrede zu dem Tom. HI. Monument. Rer. Gimbric.
©. 91. in den Anmerkungen, lit.d. Bey diefem:
allen bleibe Fein Zweifel übrig, daß fich das füdliche
‚und das nördliche Cimbrien des daͤniſchen Rechtes,
‚und der daͤniſchen Sprache bedienet habe. Diefee:
war einer der vornehmften Gründe, auf welche ſich
König Erich, aus Pommern, in der Streitigfeie
gründete , welche die Holfteiner wegen der Lehensver⸗
bindung des Herzogthums Schlefwig erregten. So
ſteht auch beym Hvitfeld, Tom. J. p. 682. ein öfs
fentliches Zeugniß, welches am Lorenzentage 1421 vom
HSerzogthume Schlefwig , von vier jütländifchen
Biſchoͤfen, zehen Aebten , und den Dbriöfeiten der
meiſten Städte im nördlichen und füblichen Eimbrien
abgefaſſet wurde, und woraus erhellet, daß das füd«
‚liche Cimbrien von allen. Zeiten ber eine dänifhe -
Provinz gervefen fen, dänische Gefege gehabt , däni«
ſche Freyheiten genoffen, und, was das meifte ift,
daͤniſch gefprochen habe, X |
— | II.
Nun ift noch die andere Haupffrage übrig, naͤm⸗
lich „wenn und bey was für Gelegenheit die fremde,
oder deutſche Sprache, bier zu. Sande eingeführet,
und üblich geworden ift? Ich antworte Hierauf;
dieſes Haben theils die Landesherren, theils die Lan⸗
desitände, befonders aber die Edelleute und die ie
| | riſey
|
N
485 ‚Bon den Schicfalen
vifen aerhan, die ſich ſchon ſeit einigen Jahehi nder⸗
ten alle Muͤhe darum gegeben haben; und es nt
wundern, daß es hiemit noch nicht weitet grtonmen
iſt als wir wirklich ſehen. eh
Da das ſuͤdliche Cimbrien, te jedermann weiß,
fange ein Zankapfel geweſen iſt, der zu mancherley
Streitigkeiten und vielen Blutbädern und Niederla⸗
‚gen Gelegenheit gegeben hat; ſo iſt allerdings merk⸗
würdig, daß drey ſowohl wegen ihrer Klugheit, als’
wegen ihrer großen Thaten berühmte Regenten als
König Waldemar, der ſiegreiche Koͤniginn
Margaretha, und König Chriſtian II fo vieles
Unheil verattfaffer haben. Es ift diefes ein deutlicher
Beweis der menfchlichen: Gebrechlichkeit und unvoll ·
kommenen Klugheit, weil ſie hierinnen den groͤßten
Staatsfehler begangen , und dieſes Land vom Mana
veiche Dänemark getrennet Haben.
Vom Könige Waldemar iſt Bekannte, bp Dr
nemark unter feine Söhne in vier Theile getheilet Hai!
Denn, Erich wurde König, Herzog Canutus
befam Halland und Bledingen) Herzog Chriſtoph
$aland und Falſtern, und Herzog Abel das füdliche
Cimbrien. Von dieſer Zeit an Fann man’ in: der'
That fagen, daß diefes Land feine Regierung und
Sprache verändert habe» · „Abel wollte feinen ältern
Bruder und König nicht für feinen Lehnsherrn ers
kennen, und ſchlug ſich zu der kaiſerlichen oder gi⸗
belliniſchen Partey, wo er mit den ——
ſchen, holſteiniſchen/ bremiſchen branden⸗
burgifchen und fächfifchen Städten in ein Buͤnd⸗
niß trat. Dagegen hieit es ſein Bruder,’ der Ns
ng ’ mit den Gvelphen und hatte die en
ſchen
4
\
der daniſchen Sprache +49
de und luͤneburgiſchen Herzoge zu Bundesgenoffen,
I un glei Abe endlich. nachgeben, und den Koͤ⸗
„nig, für, feinen Herten erkennen mußte , fo hielt er es
och, nebft feinen Söhnen, beftändig mit den Gra⸗
fen in Holftein, und.dem deutfchen Kaifer, und leb⸗
‚se nac) den Reichsgeſetzen. Mit den Grafen war
er verwandt, und in den deutfchen Geſetzen hoffte er
«eher, als in den, daͤniſchen, eine Gelegenheit, zu fin-
‚Den, fich fein Sehen.erblich zu machen. Es wurde
zwar Waldemar, Abels Sohn, nach feines Baters
ungluͤcklichem, aber wohlverdientem Ende, gezwun—⸗
gen, daß er Schlefwig im Jahre 1254. von feinen
Better, dem Könige Chriſtoph, durch die gemöhn-
liche Uebergebung der Sahne, zu Koldingen als ein
sehen empfangen, und, angeloben ı mußte, den
Reichsrath, Danneboff genannt, für das hoͤchſte
Bericht in, feinem Herzogthume zu verehren.. . Allein,
da er bald wieder ſtarb, fo gieng auch Die alte Strei⸗
tigkeit wieder an, und die Herjoge in Holftein brach»
ten Den neuen Herzog in Schleſwich, Erich, den
ie mit ihrer Macht unterflüßeten, auf , und behaus
pteten, ‚er-ftünde nicht unter den Dänifchen Gefegen,
fondern beſaͤße fein Land. vermöge. des Erbrechtes,
und als oberiter fandeshere. Dieſes alücklich zu be
aupten, zeigte fich Die bequeme Gelegenheit, daß
x fi) der. meiften deutſchen Fuͤrſten Huͤlfe zu getrd-
jten hatten, Die Dänen aber in ſchlechten Umſtaͤnden
-faben. Denn, es wurde aus Unbedachtſamkeit ver
Koͤniginn Margaretha Sambiria in dem Felde
Lo⸗Heede kine Schlacht geliefert, bie Dänifche Ara
mee geichlagen, und der. noch fehr junge König,
Erich Hlipping, nebft feiner Mutter, als feinen
13 Band. —— 0
a2 Von den Schicſaten⸗
Vormuͤnderinn, gefangen, und nach Sei geberg
und Hamburg , welches graͤflich ——
waren, gebracht. Hier wurden ihnen ga um
trägliche Bedingungen vorgefchrieben, Und unter =.
dern auch, daß Fünftiahin die Herzöge von Sclef- |
wich, ohne jemandes MWiderrede, nach deutſchem
Rechte leben ſollten. Dieſe und andere nach einan⸗
der entſtandene Zwiſtigkeiten huben mit der Zeit die
Vertraulichkeit auf, welche bisher die Fuͤrſten des
ſuͤdlichen Cimbriens‘, fo wohl als ihre‘ Unterthanen,
aus Sandsmannfehäft „mit den Dähen gepflogen hat⸗
ten. Sie wurden von ihnen einmal über das an⸗
dere mit Krieg überzogen „ und verloren alſo die
Siebe zu ihrer Murterfprache, Alte Hoffnling wiirde
auf die benachbarten‘ deurfchen Sürften gefeger; es
wurden mit ihnen Buͤndniſſe uud Verfchmwägerungen
gemacht; e8 wurden ihre Geſetze, Sitten und Kine
fte eingeführer. "Das jütifhe Gefeg , welches Ko⸗
nig Waldemar gegeben harte, "behielt zwar das
Anfehen, welches es noch ißo hat: ‚allein, als
Slensburg, Ecklenfoerd, Appenrade Tun⸗
dern, und andere Handeleftäßre mit der Zeit Stadt:
recht bekamen‘, fo nahmen fie — und ande⸗
re auslaͤndiſche Rechte an. Dieß ge hahebefonbers
. besivegen, weil das alte Geſetz zu Furz war, und
viele ungervößnliche Falle, welche ben anwachſendem
- Handel vorfamen, zeigten, daß das alte‘ Geſetz
mangelhaft , und in den damaligen Zeiten unbraucht
bar wäre. Da alfo die Noth neue Zufäße erfor
derte, fo verdroß es fie, folhe von den Dänen zu
borden, oder in der dänifchen Sprache abzufaſſe en,
weil dieſelbe bey dieſer a —* |
unbrauchbar zu werden, “Da
-
der daͤniſchen Spraͤche. 48
Da die damſche Sprache dermaßen auf dem Sturze
ſtand ſo verfiel ſie durch eine Begebenheit, aus
welcher man gerade das Gegentheil höffen konnte,
völlig. Naͤmlich, es verſtarb im Jahre 1385. Hera
zog — ohne Erben, und das Land fiel alſo und
Ä ren den noch ſehr jungen König Dlaus , oder
vielmehr an’deffen Mutter, die Könighit Margate:
cha, welche als Bormünderinn regierte. "Niemand
hätte damals das, was wirklich geſchahe, vermu⸗
then füllen, nämlich daß das. Herzogthum Schlefi ,
wig vom Königreiche Dänemark mehr, als zuvor
Hetrennet, oder wenigſtens die Sprache ftärfer als bie»
ber, in Berfall gerathen ſollte. Allein, wie niemand zu
allen Zeiten vorfichtig genug iſt, "fo beſorgte die Kö:
niginn Margaretha, welche fonft Hißig genug mar,
einmal nichts Böfes, und trug fein Bedenken, den
Grafen von Holftein das Herzogthum Schleſwig
anzubiethen, ja gar mie Bitten zu sehen aufzutras
gen. Hieher Fam, was ich "hier ſonderlich brauche,
daß die holfteinifchen und ſchleſwigiſchen Edelleute,
welche bisher, zween unterſchiedene Körper ausgema
bet Hatten, fith in einen begaben, fich duch Schnöär
ger / und Verwandtſchaften genauer als je zuvor, mit
einander verbanden, einerley Sprache, Sitten, und
N Beſte annahmen, in“den Sandtägen und -
andgerichten, mozu fo wohl der Adel, als die Bor-
ficher der Städte und der Geiftlidjfeit, von Ham
burg on, bis an die Foldinger Brüde, zufammen
kamen, in einerley Sprache fich über das gemeine
Beſte beratbfchlageren, und alfo immer näher und
ei zufammen traten, War alfo die dänifhe
Spraihe bisher nicht ſonderlich geachtet worden, fo
1131 Hh 2 mar. ’
44 - Bon den Schickſalen 1
wurde ſie nunmehr in oͤffentlichen Angelegenheiten
bey nahe gar vergeſſen. Sie wurde zwar noch hie
Ps a en
st I HT el re
und da auf dem Sande in den untern Be, ‚den
Bauern: zu Siebe beybebalten: allein, da fie fich nicht |
weiter erſtreckte, fo Iernte faſt niemand mehr da«
nifch fchreiben,, fondern es wandte ſich alles. auf, ;die
deutſche Seite. Hiebey wurde es gelaffen, und im⸗ |
mer weiter und ‚weiter getvieben, auc) damals, als
Schleſwig im Jahre 1459. nad) Herzog Adolphs Tode
vn das Königreich Dänemark fiel, und vom Koͤ—
nige Chriftian I, Friedrich: den I,. und von deſſen
Sehne, Chriftian IH, ‚ feinen zweyen Da Be
7,
weniger als andere Stände, wie —56 ha |
beut zu Tage, vieles zur Vertilgung der daͤniſchen
Sprache, bengetragen habe, . Denn, nachdem. Die
öffentlichen Angelegenheiten deutſch abgehandelt, Die
Biſchoͤfe aus dem. holfteinifchen Adel, erwaͤhlet wur»
den, und der. Bilchof von Schleſwig fich, bey der
bald. erfolgten Kirchenreinigung , ‚von. der. Verbin⸗
dung und Oberherrſchaft des Erzbifchofs zu Sunden,
und, der Gewalt der dänischen Kirchenver ſammlun ·
gen, losmachte, ſo wurden meiſtens deutſche zu
Predigern ernennet. Beſonders geſchahe dieſes um
Die, Zeiten der Reformation, da, Die. evangelifchen
Prediger bier, zu, Sande felten waren, und man Yale
die eute aus den Schulen hinweg, und aus öffentlie ia,
d en Aemter rn zu⸗ Predigern nahm. Damals vera
aebiman aus, Magdeburg, und Wirrenberg ‚viele,
Mr atiche Sauren, Ar, darauf zu ſehen, ah ib
f
SE ——
der danſſhen Sprache. 48
nen die Sptache unbekannt war. Inzwiſchen wur⸗
de doch hoch in den meiſten Orten der Gottesdienſt
in 0 Sprache gehalten. Allein, mir der
Zeit ı murde @ den Predigern, die in Deurfchland
ftudieret hatten, zu ſchwer, daͤniſch zu predigen,
und fie. verſuchten ihrer Bequemlichkeit wegen, auch
auf dem Sande undıan foldhen Orten, wo das Bau⸗
ernvolk kaum eine ober zwo beuſch Redensarten
verſteht, ihre Predigten deutſch zu halten. An
gongie hiele man an einigen Orten allezeit die vier»
ferner die andere, und endlicy alle und jede
Predigten deutſch. Es hätte diefes freylich nicht ge
ſchehen koͤnnen, wenn nicht die oberften Geifttichen,
oder ſo genannte Generalfuperintendenten,, als Deut
fehe, mit den Predigern übereingeftimmer hätten.
Allein, da diefe ben Beſuchung der Kirchen, wegen
ihrer Umerfahrenheit i in der Sprache, meifteng nichts
ausrichteten, fo fuchten fie ihre Murterfprache, einzu«
führen, ob fie gleich dem Pobel unbekannt war, In
dieſer Abficht halte ich es dem Generalfuperintenden«
ten, D. Stepban Clotz, für, einen großen Fehler,
daß er in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, mit
des Volkes groͤßtem Verdruß und Widerwillen, den
Geiſtlichen zur heimlichen Freude die daͤniſche Spra«
‚che völlig abfchaffete , und dagegen in allenKirchfpielen
des Sandes Angeln, die nad) Flensburg gehöreten,
die deutfche einführen ließ. Es redet hier jeder
Bauer mit den Seinigen zu Haufe dänifh, und
hoͤret doch niemals eine daͤniſche Predigt. Eben
dieſer hoͤchſtſchaͤdliche Auſchlag wuͤrde in dem weit⸗
laͤuftigen Amte Tondern, wie auch in Broͤnlund,
oder Appenrade, laͤngſtens ausgefuͤhret worden ſe ef, |
953 *
\
= | Sonden Som
312
lage. hatte, Denn, es pflegte
Roch zu fagen;, der Herzog Friedri a —
polniſchen Kriege. umkam ‚hätte, befchloffen ge habt,
fo bald er glücklich zurüc Fame, „und. alle Shriig-
feiten beygeleget hätte die daͤniſche Sprache ‚aus
alten in feinem Sande heben, — un, *
Gen My ——— —*
je ‚wäre, wie. es F goit
side
che in en, HERE: Städten Bu Er sen
S. 150. Ob wohl die meiften Bürger die deut⸗
ſche Sprache verſtehen, und auch zu reden
wiſſen, geſtaltſam in den vornehmſten Kir⸗
chen zu St. Warien und St. Micoiai hoch⸗
deutſch geprediget wird: ſo redet doch das
gemeine Volk und das Geſinde in den Haͤuſern
gemeiniglich daͤniſch, dann auch die ganze
herum belegene Gegend ſich der dänifchen
Sprache gebrauchet. Es iſt aber der Flens⸗
burger Deutſch und Daͤniſch eins ſo gut als das
andere, diejenigen Perſonen ausgenommen,
die ſtudiret oder gereifer haben. Mit diefem
ſtimmet Olaus Borrichius in dilfertatione de cau⸗
fs
; doer daniſchen Sprache. 487
fis,dinerfi tatis liaguarum uͤberein, wo er ſpricht:
| Unſere rger reden wicht, ‚recht deutſch und
| „nicht recht daniſch, ihre Sprache koͤmmt mit feiner
| diefen baydem überein , weil ‚fie von allen bey⸗
Den etwas hat. Man kann dieſes überall ſehen,
wo die Graͤnze wiſchen zweyen Völkern iſt. ¶ Auf
gleiche, Weiſe finde ich, daß Chriſtiern Petri in
ſeiner Ueberſetzung der Pfalmen Davids, die zu Ant:
werpen im, Sabre 1531. heausfamen , . feine Le⸗
Be in der Vorrede warnet, ſich vor der flensburgi⸗
en, als einer groben Mundart zu hüten. Viel⸗
Teiche hat er durch diefe Worte. feiner Ueberſetzung
einen Vorzug, von der aͤltern Ueberſetzung des pe
‚ten Dormozds, zuwege bringen wollen.
Um ein geringes Beyſpiel von der Mundart dieſes
Hergogh umes zu geben, will ich ein alphabetiſches
Ver ʒeichniß lauter ſolcher Worte anhaͤngen, die nur
in dem ſuͤdlichen Cimbrien gebraͤuchůch in ben übri«
gen dänifchen Provinzen, aber meines Wiſſens, un⸗
befannt ſind. Es ſind einige derſelben halb. deutſch
andere uralt — itzo aber ungebräuchlich,, an
dere find dem. ‚Tone: nad) ‚zwar noch üblich, haben
aber hier eine ganz andere Bedeutung, als in an⸗
Yen Provinzena⸗ Dergleichen Worte ſind
Baater ‚eine —— Butter, welche aus
Buttermilch gemachet, und einigermaßen dem
Kaͤſe aͤhnlich iſt.
Ber, weiter,
Beimand, ein Bettler.
Dislau, Genfterläden, \
488 Von den Schicſalene
Blee Ye; kin‘ Leilach "bier ift es von den Windeln
giuuc wmorein man ı bie he | od
* Be * sit dh AR 4
Diöeh, ter — Yin vun BR |
Donnet, ‚der Donuer; ka tonm Adet don⸗
neben, es douner?; SER * J
Dun, das Tuch, Naͤſedug a8 Sn
Halsdug Halstuch Nia un 00
Due, eintunken d daher komme Duels, eine EI |
Dor an das a fo naͤchſt an der Hauchũ ·
rei
Draͤte traͤge faul, . orange n
Saaen ein eh Sn
"fey at baere fäden. au) FL
Seine; eire mit Gräben umgebene Wiee J * a,
Säsekyndig,, einfältig, IGBLEBLER TE RT OD
| rs Vorſaal/ gleichſan det fremmerfe
ulv
Foerhemmet ein Kmift, Boſtlo cal Ber
Fuͤrſtuet, BSierecꝛ u.) |
Grydſteeg, Rindfleiſch zu bewuwen iR, } *
die Dänen von den Deutſchin das Wort Brof:
fen Brad, welches von Grapen, einer Pfane-
ne, und Braten herkommt, 'geborger, die Schleß |
wiger aber ihr Grydſteeg behalten haben. " i
Gaard, ein Garten, ſchwediſch hi ns |
Basıd heißt auch ein Zaun. UT:
re ——— — Er 7 TER Laie
—5 at
da iii Sotache 489 |
at Hedeß Bier brauen, jeg hedte en Tonde or,
ich habe eine Ba Bier gebrauer. A
4, die Roſe eine. Krantheit, vom hol⸗
AMndiſchen: dachut ge Ding. ———
Yauslös , der alles durchgebracht bat, |
Sansbaer, Johannesbeer BEN N
Hylle, eine Müge, die in dem nordlichen Ein
brien Lue heißes
Haandklaeder, Handſchuhe |
Senlet, einfaͤltig ſchlecht, ſo ſo.
Bien, ein auf! Sänfen ftcher uͤnd etwas von
der Erde erhoͤhetes — wohin kein
NUngeziefer kommen ſoll.
Hoyem , das Hauptbret am Bette, Hauptkuſſen.
Hyvaſe, ein gepflfterter‘, und mit, ‚Stäben umgebea
ner W A
Iſpſer, der Deckel auf dem Bltten tfaffe, der die
Deffnung verfchließt , welche der‘ Stämpfelmadher,
Iſterbaand, eine Wurſt, Bratwurſt.
Jamling/ vor einem Jahre, — i dag — heu⸗
fe vor einem Jahre. |
Jonſen, kurz zuvor. Fe 1»
Riaert, ein Leuchter Kous dab Senblbe a
Rroven, zornig, ungeffim, we Er
Roft, die Hochzeit. 7 © en *
Rorlif, ein Unterhemde. | *
Klecke, genug ſeyn, ertheilen, — — er ingen Sors
kleck i, esift niche genug, —
Karm, eine Kutſche. “
Baad, eine Bauerhuͤtte, de” ‚Gegenteil von
Boel, ein Bauerhof.
Aloy, das innerfte des Haufes, | |
Sb 5 at
a9 Bomben Schiele
a.Ätitien wit. 3 —— faßreny; Reit
4 9 er
baare “eine arre. nz ehem ur e:?
Landſer, der das Seld bauet ein M
Le, das‘ Bi se eh —5 —
KRockenbropt „ Hveder De ae Varta
at Live, junge Amel Helen. sach —
at. Lutre, Ira kewein dautern, ai gig:
Hack, eine Stufe, Treppe. ai —— IE Ye
ioftbond, eine Seberwunfk.,, — F era
Mule, Brodt, mit Fett ge mer, IEERTIR ERS
mit der Rlhter tochen wipd. „beißt auch Y line,
Mon heißt H edes — ‚et — — i uſet,
ee — ui nöd —
De, ein Schaf, .ı; fs
Ove, fihreyen, in der vergangenen Ze jeg ‚oyte,
ich hahe gefchrien. ve A —
Dit, ein Saal. Zafelsimmer, u nn
at Prigle, Strümpfe Srinrhieit:
Tenden, eine gewiſſe ſe a die bequem
a zum Bierbraͤuen iſt. dar PART EE 20%. %4
Ray, hurtig, geſchwinde. er
Rompling ein, Stier, ern,
Roule, Rockenbrodt. pi Hl 27 ‚09 uaos
Staadf Erim, ein Käftchen, ERROR
en Spnter, eine Docking — NER
—
Spincke, ein Sperling. he
Syre, Sauerteig, sg sh —
Satt, fatt, a
Sammer, Seide. - Rt
at Snippe Dpfer, das ide mie, ones
—— das Sagen; vd 44
HANSER, ® Spuk
En. der danſchen Eu Dre >)
Sour ein aus zerſpaltenen Malen oder Fugen
Leſtehender Zaun · nm ind note
Spay⸗ eine Bruͤhe. cr oft 9 30 219 Mu} —
Stap, ein Melffaß. u) Ksnon: dia |
Strog, ein Fiedelbogen. Mara 5
Stammel;. ein'großer —— pi iR vi
un auf den: Bauerguͤtern mitten in der Stuberfteht,
daß die Maͤgde darum: fißen, ‚und ſpinnen / wo
aandere Arbeiten — 86
Staut, der ſich reinlich ankleidet , „en did.
Tikort/ Scherʒe zum Seitwertieib: nd ed
Tün), ein — kleines weithetn
Tadder Heydekorn.
Vaerren, sgehinh, und. far), eh, A} * de nö -
wehren kann. Al CE
Vampes ein Beibesunterfemd.
Varp, ein wollener Faden, der * Berfertigung
des groben Tuches i in den Eintracht fümmt.
Vinnecke/ein klaͤrerer An BER eben wie, It
Deus, eine Horniſſe.
Unden, Mittagsmahlzeit. - L;
Ingling, ein jähriges Schwein.
Noch etwas, welches merkwuͤrdig iſt, will ich bey dies
"fer Gelegenpet erinnern; und dieß iſt folgendes. Unter
denuUnterſcheidung eichen weiche die daͤniſche Sprache
hauptſachlich von der deutſchen unterſcheiden, iſt die⸗
ſes eines der vornehmſten, daß die Deutſchen das
Geſchlechtswort vorfegen, md das Hausder Wann,
die Srau fagen, die Dänen aber daffelbe den Wor⸗
ten anhängen, als Zander, Manden, Konen.
—— allein erhellet ſchon, wie weit die deutſche
Spa
492 DBondenSchiekfalenderdänifh..
Sprache, als eine Seuche in Dänemark um ſich a
griffen habe. Denn, die füdlichen Cimbrer , oder
Schleſwiger, als die naͤchſten Nachbarn von Deutſch⸗
land, ahmen laͤngſtens der deutſchen Sprache er
fegen das Gefchlechtswort vor’, und fprechen nicht :
snden, Zander, fondern ae Mand/ ae Band.
or 1 Diefes Woͤrcchen se iſt nicht nur in dem
füdlichen Cimbriew, ſondern auch in dem größten Theis
le des benachbarten‘ nordlichen faſt bis nach Scan
derburg, gebraͤuchlich. Denn / hier geht die alte
daͤniſche Sprache wieder an, ſo daß man ordentlich
Manden, Lander;"wf.w. ſaget. Die Beſchrei⸗
bung von dem Urſprunge und den Graͤngen dieſes Un⸗
terſchiedes will ich; als eine Aufgabe die eine wei⸗
tere Rettung verdienet, andern Siebhabern unferer
a und —— en at; —
ıy)
ee 493
** * x —
| a m e von mir eine aufrichtige Schilderung des
5 Großmuͤthigen verlangen, ſo ſollten ſie ich
® — Rt ig?
Srie da Grofmuth
aaus einem
Briefe des Herrn Coſtars an den
EStaatsminiſter Fucket.
der Samtalund De Briefe des Suse
x I. Iep. 53. |
Sraãdiger Herr,
die Mühe nehmen, und mir die Nachrich-
ten von dem, mas in ihrem Herzen vorgeht, mite
heilen. Ich würde in Demfelben eine (ebendige und
‚fruchtbare Duelle großer und edelmürhiger Handlun-
gen, die fie taͤglich gefunden, ausführen, und daraus
die feltenen und. merkwürdigen Kenntniffe geſchoͤpfet
haben, die ich in meinen Buͤchern vergeblich ſuche.
Allein Diefes iſt eine Hilfe , anädiger Herr, die ich
von ihnen nicht hoffen darf. Denn nach dem Ariſto⸗
teles, erfordert die Wohlanſtandigkeit von einem
Großmüthigen ‚ ‚der ſonſt vollfommen aufrichtig iſt,
daß, wenn er gezwungen iſt, von ſich zu reden, er ſey
von was für einem Stande von welchem er wolle, er
ar
fich einer. Verftellung und. der. Art von Spötteren
bediene „die man fonft den Guͤnſtling des Sokrates
Baal, Ich muß mich alſo — ihrem Be⸗
bin * el
— BEE Charakter a.
/
feste zu folgen / ohne dieſen Wörcheit don ihnen jw'ers
warten, und ohne ſie noch laͤnger aufzuhalten. Das
Wort Genereux koͤmmt aus dem Lateiniſchen ber, und
bedeutet einen Edelmann zoder nach dem Buchſta⸗
ben, "einen Menfchen , der einen Stamm’ und eine
Familie hat, woher er entſprungen ift ; gerade als
wenn atıdere Leute deswegen ſich felbft (gemacht hät«
ten, und nicht auch: mit, Ahnen verfehen wären : ob
fie, gleich.Feine aufweiſen Fönnen , ‚die ihr Leben merk⸗
würdig gemacht, und die Welt mit de Rufe ih:
res Namens angefüller haben. Bey den Spaniern
ift es eben fo : ein gemeiner Mann, ein Unedler hat
feinen Vater, nur dem Edlen gebähren diefer Vor⸗
zug, und dieſer nur hat das Recht die Würde.ei
Hidalgo zu befleiven. Die Großmuth iſt alſo auf die
Art nichts anders‘, als der Adel der Sede, und Dies
fer Mdetift nichts anders als ihre Größe; nur muß fie
regelmäßig abgemeffen, und wohl eingerichtet fepn.
Denn die Riefen find niche weniger Misgeburten als
die Zwerge, und man hat fie für Kinder der Erde
OEHADNEL: 44 4410 ng. 6
Der Name eines Großmuͤthigen gebührgt alfo dem,
der die Vernunft in einem unumfchränften, Grabe bes
fügt, Diefe unabhängige Herefehaft afe ih aber
” | | | durch)
⸗
der Grotmunh. 493
Bl nichts” Yehichait, "ale durch. den vollkommenen
Eiegü er diejenigen Seienfchaften, weiche die Herrſch
ta el, mächtigften und vermoͤgendſten find, ung
u enrfeßen „als: 5 . €. die Furcht vordem
und die fhmerzhaften Emmpfindiinken. Daher
othwendig / daß der groͤßte Muth und eint
Ibenmürbige Geduld die erften und ſchoͤnſten Zier.
Athen Ver Großmuth ausmachen.
uͤnd niches deſtoweniger nennen wir gewoͤhnlichet
maaßen weder die Herzhaftigſten noch die Beftändig:
ften arokmüthig , ‚ fondern wit ‘geben diefen prächti®
‚gen Tel niemanden , als denen Wohlthätern, wel:
che. die Srengebigfeit bis zu den aͤußerſten Gränzen
treiben, die fie von einer umüberlegren Werfehren,
dung abfondern ; oder denen vollkommenen Freunden,
die sich ſelbſt zu vergeffen und den Nutzen derer, ‚bie
ihnen angenehm find, ihrem eigenen vorzuziehen Ihe
nei. -
Und gewiß, die Ausſchweifung der Liebe die jeder
‚gen ſich ſeibſt träge, iſt fo aufruͤhriſch, fo wider:
he fo ſchwer unter den Gehorſam zu bringen, |
Daß ſie der Ehre des Triumphs der Vernunft nie
‚mals mehr ſchuldig ift, als wenn diefe die Ehre, ge
habt bat, fie zu übertreffen. _
Nach diefen: Grundfage wiirde derjenige ein 240
haftig Großmürbiger fenn , der fo wie jener Siege
geſinnet ift, welcher alle feine Beute‘, Die er von den
einden erhalten, austbeilere, und (ich für feine Per.
I on nichts als das Vergnügen vorbehielt, , diefelbe ans
dern gegeben zu haben;oder wie jener größePrinz,der al.
Te ‚Tugendhaften feiner Zeit mit Wohlthaten uͤberhaͤuf
te, ‚indem er uͤberzeugt war, daß alle fein u *
ilber
496 „Charakter...
ilber mit viel — Ehre und viel chereri in
Ei Händen, als in feiner" Kam waͤre; o
wie jener roͤmiſche Kaiſer, der diejenigen Tage ‚für
verloren hielt,die ex, ohne der Dürftigkeit bülfliche
Hand zu leiften, oder ohne treue Dienfte zu beloh⸗
nen, oder ohne die Verdienſte einiger ſeltenen Maͤn.
ner zu verehren, u ugebrache hatte, |
Iſt auf dieſe Art wohl jemals einer geweſen, gnã⸗
diger Herr, der weniger Zeit verdorben, und die ge⸗
ringſten Augenblicke beſſer anzuwenden gewußt hat,
als Sie? Gielaffen nicht allein keine Helegenheit aus
der, Hand , fondern fie ,.fuchen fie noch darzu, fie
rennen, darnadı, ja fie machen fie ſich ſelbſt. Es iſt
in unſern Tagen keine Tugend, die nicht das Gluͤck
gehabt hätte, bey ihnen Schuß und Beyſtand zu fins
J
den , wofern fie anders Her haftigkeit genug gehabt
bat, fi öffentlich zu zeigen; und kurz, ‚Der Gelzige
Eann nicht fo begierig nach Reichthümern, der Wolle
ſtige nicht ſo heftig auf ſeine Luſtbarkeiten der Ehr
geizige auf ſein Gluͤck nicht ſo erpicht ſeyn, als ſie ei⸗
frig ſind, ihre Gnade und Guſibeeigungen fo
oft ſich Gelegenheit findet, auszubreiten. Denn fie
find lebhaft überzeugt, gnädiger Herr, daß die Groſ⸗
fen der Welt nichts befisen, das der Vergnuͤglichkeit
und dem Unbeſtande der Dinge nicht unterworfen
wäre, ‚und daß bey einer fo erſchreklichen Veraͤnde⸗
rung Diefes das beite Mittel fey, einen beträchtlichen
Theil ihrer Güter in Sicherheit zu bringen, wenn fie
der Duͤrftigkeit tugendhafter Derfonen damit zu Lo
fe kommen. Denn fogfeich ändern Diefelben i ihre Nas
fur, fie haben ſich nicht mehr. für der Unbeftändigkeie
der Zeit zu, fürchten, fie werden dauerhaft a ie
| der Großmuth. 407
‚ben unverändert‘, mb: überhaupt; deſto größer fü
fie, an * daee bosgaftige Neiter ziehen ’
a "Dh ich merke Inädiger Hear, daß ich mich ihrents
negeh'von meinem Vorwurfe allzumeit entferne, und
daß ich mehr meine’ Neigung als’ ihre Neubegierde
zu befriedigen ſuche. Verzeihen ſi ſie mir dieſe kleine
Ausfehroeifung, ich bitte unterthänig darum , ich will
mic) in Zukunft beffer beherrfehen, und ich 9 mich
bemuͤhen, nie wieder in dieſen Fehler zu gerathen. Um
alſo da wieder anzufangen, wo ich es gelaſſen habe, f
fo find unfere Großmuͤthigen nichts anders, als Wohl:
thaͤter, die fic) zum Troſte des menfählichen Geſchlechts
gebohren zu ſeyn glauben, deren Geſchenke Feine Reiz
zungen feine Lockſpeiſen, Eeine Fallſtricke find, die fie
nicht ohne Abfichten austheilen, um hir auszutheilen,
und nicht wieder zu nehmen, und die durch die Betrach⸗
tung der Armuth ehrlicherseute die Empfindung und das |
Andenken der Ihrigen zu Grunde richten. Ich ſetze dieje⸗
nigen imeigennuͤtzigen Großmuͤthigen noch in eine vlel
hoͤhereClaſſe, die, da fie einen von den gemeiten Irtthuͤ⸗
‚mern gereinigten Berftand beſitzen, und die Tugend
mie viel aufgeflättern Augen anfehen, als der Poͤbel,
mehr Reizungen-und mehr Schönheiten in einer Bel»
denmuͤthigen Handlung der Gerechtigkeit finden „als
in dem Beſitze von Kron und Scepter. |
“Wenn Plutarch zwifchen dem Hcurg und dem
Numa ‘einen Vergleich anfteller, fo fpriche er : „Es
sift-eine fehöne Sadıe , ſich eines Königreichs durch |
eine Gerechtigkeit , wie Numa theilhaftig zu Mas
„hen? das ift aber auch fihön, die Gerechtigkeit ei»
nem Koͤnigreiche vorſugichen ſo wie theurgus.
"3 Dand, yi Die
u
48 auCharakter.;
Die ARE. Redlichkeit brachte dem erſtern ein
ſolches Anſehen zu wege, Daß ihn die Römer zu ihrem
Koͤnige verlangten, und eben diefelbe erhob den Murh
des andern fo hoch, daß, da: es ihn wenig Mühe ges
koſtet hatte, den Thron zu beſteigen, er lieber ein
Kind auf denfelben fegte, dem er nach. dem Re
der Geburt gehoͤrete.
" Dem ohngeachtet wird eine ‚folche har. Wenig
freindes und wunderbares in ihren Augen haben,gnä«
diger Herr. Denn außer dem, daß dieſelben in ih⸗
rer großen Seele eben dieſen Grundſatz fuͤhlen, der
der Welt bisweilen Wunderwerke i in dieſer Art fehen
läßt, fo werden ‚fie erwägen, daß eurg ein ftrens
ger Gefeßgeber. war, der ſich ganz befonders. gaſeine
vollkommene Ktugheit legetes
Was werden fie. aber vom. Ferdinand von ——
nien ſagen, der zu unſerer Vater Zeiten gelebet hat,
und der in den Armen und. dem Schooße des Gluͤt
des war erjogen worden , und bey dem man nicht we
nig Verachtung der Hoheit und der Eitelfeiten-ans
traf, Nach Abſterben des Königs, feines Bruders,
konnten ſich die Einwohner Arcagoniens nicht ent⸗
ſchließen, das Anſehen eines jungen Kindes zu erken⸗
hen , das er ihnen nachgelaffen hatte · Sieboten ihm
alſo die Krone an, fie zwangen ihn diefelbe —
men, und da ſie abfehlägliche, Antwort, ‚erhielten ‚ibei
riefen fie an einem beftimmen. Tage, die Stände zus
fanmen. Ferdinand fand. fich. ſowohl als Die ande
daſelbſt ein. Er hatte feinen kleinen Bruders Sohn
Unter dem Mantel ‚und hatte ibn mir, allen Zeicher
und Zierrathen eines Königesbg kleidet. Da er ſahe,
daß alle TR au RER waren,
us ihn
2 zu ihtem PR zu * = er eiiek
* a al der’ga erſammlung dies
eing. ° Meine Ay Y fagte er; Bier ft
ji ——— ‚werden ſich dem Gehorſam tina
aaa entziehen Fönnen, den ſie ihm ſchuſdig fihd,
ohne die Seiligkeit der Geſetze zu entbeiligen, dietoch
> Stüßen des Staats find, Folgen fie mir alſo
in altem nach, woferne fie nicht die gerechten Strafen
if ihre Haͤupter laden wollen, die auftühriſthe Un⸗
onen verdiene,
Kaum hattẽ er diefes geſagt, fo —* er feinen Beu⸗
Ber Sohn aufden Koͤnigl. Thron, der ſich bäfeibft de
fahb, er bezeigte ihm feine Ehrerbiethung ‚erteiftete ih
den Eid der Treue, und zwang Auf diefe rt alte dorriege
me Miniſters und obrigkeitliche Perfonen, dieſem jungen
Prinzen zu huldigen. Dis iſt noch mehr / gnaͤdiger exe,
Obgleich die barbariſchen Laͤnder ſehr unfruchebat" an
größen&rempeln einer beſondern Mäßigung find, ſo hat
doch das letztere Jahrhundert ein fehr erhabenes Bey⸗
ſpiel hervorgebracht , das wir Allen denenjenigen’chts
gegen fegen fönmen,, die uns ae dem’ unvergänglich
ſien Alterthume befannt find, "Acofta’ erzähle, wog,
ein tapferer Mericaner ſeinem Herrn das ganze Koͤ⸗
nigreich Mexico weggenommen, und doß er ſeine
Geanjen auf mehr als 360 Meilen: uͤber dieſes dand
hinaus gefeßt habe; der Konig war im Begriffe zu
fterben, ohne einen andern Erben/Afs-ein kleines Kind
in der Wiege‘, zu hinterlaſſen Seine Völker verei⸗
nigten ſich, den Tlacaͤlec (dieſes war der Name des
Ebberers) inſtaͤndig zur bitten, ſich der koͤniglichen
Wuͤrde zu bemaͤchtigen, und den rechtmaͤßigen Thron ⸗ |
srl ſen der Regierung rc ‚weil fie fein
Uns
— (aan fe m — und zu Befehlen.
Uber diefer große Geiſt verwarf ihre Ditten mit eis
ner edlen Großmuth , und wendete alles, Anſehen und,
alle Macht, die er fich erworben haste, darzu * daß
er den Sohn ſeines Koͤnigs vertheidigte. N
„Hier fehen fie einen Weifen ohne Kegeln und Vor⸗
ſchriften ohne Wiſſenſchaft und Unterricht, der nichts
als dem Lichte ſeiner geſunden Bernunft, gefolger iſt;
der keine Anweiſungen gehoͤret hat, als Diejenigen,
die ihm ſein Herz und ſeine Empfindungen gegeben
hatten; und kurz, deſſen Tugend bloß von der Natur
gebildet worden, die ſich zuweilen aus Eiferſucht gen
gen. die Kunſt erzuͤrnet, und ſie nicht wuͤrdiget, ſie
zum, Gefaͤhrten ihrer Arbeit anzunehmen, um Die Ch.
re. nicht mit ihr theilen zu duͤrfen, und da ſie ihre,
Hülfe verwirft, aus eigenen Kräften ——
Stuͤcke hervorbringt.
Unſere franzoͤſiſche Geſchichte vedet mie. Ruhme
von dem tapfern Herrn von Conch, der, da er ſich
ſelbſt zu einer ſtrengen Gerechtiakeit ‚geworden, und;
ſein Urtheil Durch, ſeine Eigenliebe ‚nicht verfaͤlſchen
ließ, den Degen: eines Connetabels nach dem Tode,
Bertrands von Gveſclin ausſchlug, und ‚Carl dem
ſechſten — ihn dem, Olivier von Cliffons zu er⸗
theilen., und zur, Zeit; Franciſci des erſten konnte ſich
Friedrich der ‚Herzog, von Sachſen, aller Stimmen
des Churfuͤrſti. Collegii verſichern, „allein er wandte
diefe Gunſt zu nichts an, als. Carin,dem fünften. auf,
den. Thron iu verhelfen, den er für viel fähiger hielt, ’
die Würde eines Kaiſers zu behaupten; und Die Rus,
be vor Deutſchland zu erhalten. Dem ohngeachtet
war weder, der frame Herr, noch der deutſche
Prinz,
nn) eo
der Großmuth. 301
Hr A —⏑— ——
rin, von der Gattung der Helden, die ich ermäß-
et habe, Det, erftere war teiter nichts als bes
fheiden, obgleich ‚in der That diefe Beſcheidenheit
hes unfterblichen Lobes würdig iſt; und der, andere
wär nichts als Flug, und konnte auch keinen hoͤhern
uhm verlangen. Denn es ift gewiß, daß ein
aͤchtiges Kriegesheer diefes jungen Siegers ‚bereit
| und, ohne auf ihn los zugehen, wenn er fo ehrgeizig
ewefen waͤre, die Krone anzunehmen, und wenn der
ekeügerifche Glanz der Ehre, die man ihm anboth,
m die Augen verblendet und verhindert hätte, ‚die
‚undermeidliche Gefahr zu erfennen, die ihm Drohete,
Ind in der That, 8 if fo gemiß, Daß die
lehnung großer Chrenftellen nicht ‚allezeit den Na-
men einer großmüthigen Handlung verdiene, daß
fie nicht u ro und Furchtſam⸗
feit wird. , Denn da Coleſtin der V, die päbitliche
Würde niederlegte, um fie dem Cardinal Benedict
von Anagnia in die Hände zu fpielen, deſſen Hoch»
muth und Ehrgeiz ihm bekannt war, ‚fo befchuldig-
ku diejenigen, Die von dergleichen Sachen recht
zu urtheilen wußten, einer Zaghaftigkeit, und. der
Dichter Dantes machte ſich Fein Bedenken, ihn un«
‚fer die Verdammten in feiner Hölle zu zählen, und
frey von ihm zu ſagen. DR
- - Vidi l’ombra di colui :
Che fece per Volta tal gran rifiuto,
Man muß bierbey die Mittelftrage in acht nehmen,
die wir bey dem Renaud von Taffe fehen mollen,
da er mit diefen Worten an feinen Bruder Gott
fried fchreibe: „Ich habe eine ftärfere Begierde,
* Ji 3 * „die
5%2 Ä Charatter | —
die oberſten ——— zu eye 1 ter J
-osfißeh, und wenn i ‚nur, 3:
— andere "Bin, * j mere ih mi
„‚tenig, 68 Durch Stand und eh u feyn, und.
„Halte mich. nicht für ‚berechtiget, di eHöhe, der? A
sten zu beneiden.. Wenn ide mich ‚ab va |
„fteffen vufet, und rt eilet, daß mir — Si
„mäßiger Weife aehören, fe werde, ich mich nic)
Wweigern; dleſelben anzunehmen ind. ih. erfreue
mich von dem, was ich werth bin „durch. Die an⸗
„genehmen Merkmaale verſichert zu werden, die fie
„mir don ihrer rund iu geben belieben. . re Sole
fe malı niche faſt be ehaupten, daB biefer, junge Ku
eben fo wohl ein Schüler deg Kuh teles | waͤre
Alexander? md ſtimmen diefe W orte nicht velfim
men mit den Sehten,,. dieſes Doiofopden ı überein, de
da. behauprer: „Daß fi) ein. Gre uͤthiger init
„mäßig an erhabenen. Ehrenftellen „beluftige , wenn
„fie ihm. gleich, durch Tugendhafte angetragen wer⸗
„den, heil er fie als. Güter anſieht, die ihm zůge⸗
„hören, und die man hm nicht ohne Unrecht vorent⸗
halten Fan. Sie werden ihm niedrig und ‚gering
vorkommen; da er ſelbſt erhaben iſt, er wird ‚fie
„Hoch weit unter ſich fehen, und. ent nimmt ſie aus
„feiner andern Urfache an, als weil die Menfihen
„nichts größeres geben, weit fe ihn belohnen
„eonnen.
Erinnern fie fich an die Ernſthafigkeit des Piſo,
gnaͤdiger Herr, da ihm Galba kund machte, da Ber
ihn an Kindes ſtatt und zu feinem Mitregenten ans
genommen hätte, Jedermann richtete die Augen
al ihn, nach em Berichte des Tacitus, und, ai
„man |
der. Großmuth. 503
mand wurde an ihm die geringſte Bewegung eines
aufgebrachten und vor Freude ausgelaſſenen Geis
„ſtes gewahr. Von dem Kaiſer redete er voller
Hochachtung, von ſich aber mit der größten Maͤßi⸗
gung und Beſcheidenheit. Man traf weder in ſei⸗
nen Handlungen, noch in feinem Geſichte eine Ber:
ssanderung an, und jedermann wer ihn fahe, hielt
„ln für fähiger zumberrfchen, als er zum Ehrgeize. ds
Eben dieſer serzählet vom Befpafian, daß erin
dan; Augenblicke, da ihn die Soldaten zum Kaiſer
- ausgerufen, feine Seele von aller Furcht gänzlich ents
lediget und ſie zu der Hoheit feines Gluͤckes erho⸗
ben habe, daß man weder Eitelkeit noch Hochmuth
an ihm wahrgenommen, und bey einer ſo ſchleuni⸗
gen Berändetutig ihn: —* —— noch erſchre⸗
cken geſehen.
Wenn man dem: Hängen Plinius Glauben eye
— ſo iſt Trajan bloß durch Unterwerfung
‚und: Gehorfam zur Herrſchaft gelanget, er thut
nichts, um ein Mitregente und Nachfolger des Mer:
va zu werden, als daß er ſich dazu würdig machte,
und Darein willigee; fo, Daß er bey Feiner Handlung
in feinem $eben mehreren Öehorfam und mehrere Unter,
thaͤnigkeit gezeiget, als zu Der. Zeit, da er die Höchfte
Gewalt annehmen wollte. Ich muß nicht vergefe
ſen, was ic) ‚an einem gewiſſen Orte vom Don Juan
von Defterreich gelefen babe, ver bis in fein 15, Jahr
wie ein gemeiner Edelmann erzogen worden, und
da er auf einmal erfuhr, daß er ein Sohn Carls des
Fuͤnften, undiein Bruder des Königs von Spanien
Philips des zweyten ſey, gqnz gelaffen und ohne bes
ver; ki werden, demjenigen ‚der ihm eine fo große
| | Ji 4 Nach⸗
a ee
Nachricht hinterbrachte, antwortete: "Mei is
“has mir es laͤngſtens geſaget, ich habe: es aber ic
** wollen. ln ud
In dieſem Falle nimmt der Großanchige Ehiens
„fielen an, wenn fisfeinen Verdienſten gemäß find,
und wenn fie ihm vom Perfonen angetragen werden, de» |
‚ren Urtheil ihm ſchaͤtzbar iſt. Wenn ſie aber von
gemeiner Art ſind, oder wenn ſie ihm von dem un⸗
wiſſenden und eigenſinnigen Poͤbel ertheilet wetden,
ſo ſchlaͤgt er fie mie Verachtung aus, und haͤlt ſie ſei-
nes Geiſtes für unwuͤrdig. Es wird ihm eben ſo
‚unerträglich ſeyn, ſich bey einer gemeinen und wen
zu bedeutenden Handlung oder Eigenſchaft (oben yu
hören, als wenn man ihm. Kronen anbiethet die
mehr von Myrthen und Roſen als Palmen und Lor⸗
Deerzweigen durchflochten find. AGHED NIB
‚Das, was ich von Ehrenſtellen fage, läßt ſich mit
viel größerer Gewißheit vom: Reichthume, von der
Mache, dem: Anfehen, und überhaupt von allen’ans
dern Gluͤcksguͤtern behaupten, Die der Großmuͤthige
ohne Heftigkeit verlanger, ohne Sorgen füchet, und
ohne Unruhe beſitzt. Und gewiß, ‚er wide gegen
alle Vortheile von dieſer Are eine ſehr gemaͤßigte
Neigung ſpuͤren Lafer „weil er dieſelben nur der Eh⸗
re wegen zu erhalten wuͤnſchet, und weil wir voraus
ſetzen, daß feine Ehrbegierde ihre ati ——
und ihr geſetztes Maaß bat. 7.0
Er weiß ſich bey Widennäreiäfeiten ’ — Ver.
luſte, und bey allerhand verdruͤßlichen Zufaͤllen eben
ſo ſtark zu beherrſchen, und da dieſes die Zeit iſt, da |
er. das meifte mit fich felbft zu thun hat; fo.iftes
- u die Zeit, da er mehrere Kräfte anwendet unum⸗
— |
- 4
der Großmuth. 505
ſchrankter Herr dabey zu bleiben, fein Herz recht
zu befeftigen und ftärfer zu machen, und ju derhin—
dern, daß es der Schmerz nicht elfinintme id bis
herrſchet. Sein Glück beweiſet, wie fchägbar er dem
Himmel if, und fein Unglück, wie fehr er verdienet, es
zu fen. Etr iſt nie größer) nie aufgemunterter, als
* ſich die Widerwaͤrtigkeiten bemühen ihr niederzu—
ſchlagen, und wenn ev bisweilen ganz uͤberwunden iſt, fo
ſieget er über feine Leberivinder oder vielmehrüber das
Gfüc ‚welches fo ungerecht geweſen iſt, einer ſchlim⸗
men Sache beyzutreten. Carl der fünfte ſahe ſeine
Flotte vor dem Hafen von Algier untergehen, und
er that nichts, als daß er Hände und’ Augen gen Hin
mel Hub, und dieſe Heiligen Worte öfters wiederhöhf-
te: Here dein Wille gefhepe. ' Philipp: fein Sohn
vernimmt, daß die fuͤrchterliche Schiffsflotte, die ihin
die gewifl e Eroberung von "England verfprochen,
durch einen erſchrecklichen Sturm zerſtreuet worden,
ind er begnuͤget ſich zu ſagen: Ich habe ſie⸗ —*
ausgeſchickt wider die Winde zů fechten. Unſer
Franciſcus der Erſte, ließ nicht die geringſte Klage
hoͤren, als er bey Pavia geſchlagen und gefangen
wurde, und in den erften Bewegungen feiner: Trau⸗
rigkeit ſchrieb er an die Koͤniginn ſeine Mutter: Es
iſt alles verloren, aber gebet euch zufrieden, wir
haben unfere Ehre gerettet. Was für eine Hoheit
der Gedanken äußerte fich nicht in Diefer einzigen fehr
überlegten Rede, und was für ein augenfcheinlicher
Beweis iſt dieſes nicht, daß der Großmuͤthige alles
fuͤr gering ſchaͤtzet, wenn er nur mit ſich ſelbſt zus
frieden iſt. Und gewiß, bisweilen ſcheint ſich Himmel
und Erde wider ihn verſchworen zu haben, und
Ji5 nichts
56 a Chawaktenins
nichts als fein Gewiſſen fuͤr ihn übeig zu bleiben
and: dem ohngeachtee verharret er in der groͤßten
Standhaftigkeit, Das Beyſpiel des Fabius hat
ſeines gleichen nicht, und dieſes iſt ein ubid, von
dem uns alle folgende Zeitalter nur unvollkommene
Abſchilderungen haben liefern koͤnnen. Seine Auffuͤh⸗
rung war uͤberhaupt in chlechtem Rufe, und die, fo
fein ‚Lieutenant hatte, erhob. man, bis an den Himmel,
Man ſchmaͤhlerte feinen Ruhm durch tauſend erdichte⸗
te Nachreden. Man zernichtete ſeine Macht durch
gift: und: Zuſammenverſchwoͤrungen : Man richtete
das Anſehen ſeines Standes zu Grunde,; indem man
aeutheikten Nichts von allen dieſen konnte feine
erſten Eufchließungen wankend machen, und endlich
überhäufte ihn: feine unüberwindliche Standhaftigkeit
mit Ruhme, und belegte die Verwegenheit ſeines
Mitregentens mit einer ewigen Schande. Er fand
Gelegenheit, fuͤr das Unrecht ſeines Hochmüchigen
Verfolgers Genugthuung zu erhalten, aber auf die
ſchoͤnſte erhabenſte und edelſte Art von den Welt.
Denn es geſchahe dadurch, daß er ſein Befreyer
wurde, ihm das Leben erhielt, und ſeine Erynaen
ausı “einer - unvermeidlichen Gefahr ‚errettete,..
sb fie, Diefer unvorfichtige Anführer verwickelt hatte,
Was für Bortheil, gnädiger Kern, mas für eine
Ehre; was für eine Wolluft! Das ift in, der That
diejenige Art von Rache, nach der man eifrig ſeyn
kann. An allem andern; finder der Großmuͤthige
ſchlechten Geſchmack. Das Unrecht, ſo man ihman⸗
thun will, verſchaffet ihm das Vergnuͤgen, zu ſehen,
wie weit er daruͤber erhaben iſt, oder die Ehre ſich durch
— — noch weit hoͤher zu erheben,
oder
pr
F
der Großmuth. 507
‚aber die en AN — sonne und
nd die Welt feine — 50
ud ſelbſt geroiffermaßen wild werden, und unfer $es
en der meiften beträchtlichen Vocheie beraubt fe
‚ben wuͤrden.
ui ‚Wenn fich der Großmuth ige ja zumeilen gezwun⸗
gen ſieht, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, fo
brauchet er, doch, nur Schwerdt wider Schwerdt, und
er achtet es für unanftandig, fortzufahren, denjenigen
feine Macht zu zeigen, die er entwaffnet bat,
So bald ex ſich feine Feinde. unterwürfig gemarhe
hat ‚ ‚fo betrachtet ev fie nicht mehr als; Feinde, fon.
dern als Elende, Erx haͤlt fie feines, Mitleides werth,
und des Zornes unwuͤrdig. Er iſt nicht fo ehrgeizig,
daß er nach dem Beyſpiele eines roͤmiſchen Capitai
der ſich in ſehr gluͤckliche Umſtaͤnde geſetzt hatte und
deſſ en Gluͤckſeligkeit man den unſterblichen Goͤttern
als ein tadelhaftes Verbrechen aufbuͤrdete, ſi *
Grabſchrift ſollte ſetzen laſſen: Hier liegt der
nach der Welt, dev feinen. Freunden das mei
Gute, und, feinen Feinden das größte Boͤſe erwie⸗
fen hat. Jene Grabſchriſt ſcheint ihm weit reizen ⸗
der
—
508 Charakter
der und erh cbener: Hier liebe derenige der ſeine
Feinde zu baͤndigen wußte, wenn ſie ſich widerſetzten
oder der ſie gewinnen konnte, wenn ſie es verdiene⸗
gen, Es ſcheint alſo, daß der Großmuͤthige de
aͤußorſten Haſſes nicht fähig ft: Weber dieſes fragt
man SR nn Kr ſich Bo — Liebe *
* finde. unge EL TI EEE |
om: ‚too! — als’ * ar * is
nicht wahrſcheinlich, daß Ein vollkommen Digendhaf⸗
gar, welcher nirgends ſo bequem noch ſo gerübret,
alsibey ſich ſelbſt iſt/ ſo lange außer ſich reißt 8
ben fette, "Allein, ohne mich bei diefer betruͤgeriſch
Spitzfindigkeit aufzuhalten, ſo iſt erſtlich gewiß, 9
allein der Groß muͤrhige fein Vaterland liebet;
es daſſelbe Herdiener, und daß es allein die Sr
muth iſt, die einen Coblus und Mehnecens in Grie⸗
chenand, und in Nom die Brutos, "die ‚Schvster,
und die Deeier hervorgebracht hof, die ſich willig.
fuͤr das Beſte ihres Baerlandes aufopferten die
Fi ihre erften Neigungen tiedmeten, und Dem
vie
be des Bluͤtes und der Matur nur den ändern
Hang einräumeten. Was bie Freunde anbelanger,
wer wird fie brünftiger Tieben als der Gropmüchige ?
Denn er verlangek und ſuchet ſie nicht, als nur den
She und Oreſt nachzuahmen/ Hu einen zu has
ben, dem er ins Elend folgen, uud'dem er feinen
Nußen, feine Ruhe, fein Vergnügen, und im Falle
der Noch ſelbſt fein’ eigenes Leben, aufopfern kann?
Dienen, verbindlich zu machen, zu Huͤlfe fommen,.
find Handiniigen der‘ Tugend, 2 und es iſt angeneh⸗
mer
der Großmuth. 509:
mer und. fchöner, diefelben gegen ſolche Perſonen aus»
zuüben, die wir lieben, als: gegen ſolche, die uns un⸗
bekannt und gleichgültig. find ; und wuͤrde alſo ein:
Weiſer nicht unbillig’handeln , wenn er ſich eines fo
großen eines ſo empfindlichen und eines fo rechtmaͤßi⸗
gen Vergnuͤgens berauben wollte? Sollte ſich der
zur Einſamkeit verdammen, der eben ſo geſellig, als
vernuͤnftig gebohren ft? und iſ dieſes nicht aͤrger
als die Einſamkeit ſelbſt, wenn man immer unter
Leuten ſeyn muß; gegen die. man ſich wicht getrauet,
fein Herz zu entdecken; noch feine Gedanfen in der;
Einfalt zu offenbaren, in der fie erzeuger werden?)
Unfere Freunde find: unfer' anderes Ich, denn fie
find beftändig mit uns, ihre gute Handlungen ruͤh⸗
ren! uns: eben, fo fehr, als'unfere eigenen, und weil fie: -
verfchieden find, ſo werden wir ſie beſſer gewahrt, denn
die Vorwürfe, die außer uns find, fehen wir durch
eine. gerade Einie, das aber, was im uns. vorgeht;
ſtellet ſich uns nur durch den Wiederſchein dar. Wuͤr⸗
de alſo der Großmuͤthige wohl Grund haben⸗ ‚dem
ſchoͤnſten Anblice freymillig zu entſagen? |
‚Aber, gnadiger Herr, bisher bin ich in der Scu
derung, die ich unternommen habe, nur meiner
eigenen Vorſtellung gefolget. Erlauben Sie, daß
ich mich: bey den übrigen von einem beſſern Geleits ⸗
manne führen laſſe, und Ihnen eine getreue Um⸗
ſchreibung der Gedanken des Ariſtoteles über die Nu
terie gebe, von der ich handele,
Der Großmuͤthige, fager diefer Belmeife, ift *
der ſich großer Unternehmungen würdig ſchaͤtzet, und!
der ſich in dem Urtheile nicht betriege, das er von
* Halle Derjenige, der nur: zu don kleinſten Unter«
neb»
50: _ Hcharatterr ·
nehmungen faͤhig iſt, und ſich deswegen ſehr gering
ſchaͤtzet, und, in keinem hoͤhern Preiße Hält, als er
yerbienet ; iſt eigentlich beſcheiden, und kann ſich des
Titels Größmüchig nicht: anmaßen), denn die Große
muth beſteht eben ſo in einer Hoheit; wie ein aͤußerli⸗
ches gutes Anfehen in einer: ‚vollfommenen‘. und vor⸗
theilhaften Stellung des Koͤrpers. Und gewiß, man
kann von einem kleinen Menſchen ſagen, daß er an-
genehm und artig ſey, daß feine -Gefichtszüge und:
feine ganze Perfon ein gutes Verhaͤltniß habe, aber:
eigentlich zu reden kann man * nicht unter die Schi
nemrechnen. u
Man — andere, bie vom. Sof ont Hoch⸗ |
muth ganz 'aufgeblafen find, ‚die wenig: Verdienfte,
und viel Eitelkeit befigen. Auf der-legten Stufe ber’
finden fich die Kleinmuͤthigen, Die ihre Kräfte nicht‘
fennen , und ſich Daher ‚geringer ſchaͤtzen, als fie’
follten ‚fie mögen: nun ‚größer ‚oder mittelmäßiger);
oder allein der: geringften Unternehmungen fähig ſeyn.
MNaͤchſt dieſen ftehen diejenigen, Die beflere Eigen⸗
fhaften befigen, und doch ohne allen Widerſpruch
ſchlimmer ſind, weil ihre Zaghaftigkeit nothwendig
auf das Aeußerſte gekommen ſeyn muß, da ſie in ih⸗
rer Niedrigkeit ſtille Liegen , und doch nicht unvermoͤ⸗
gend waͤren, ſich wieder in die Hoͤhe zu helfen): wenn |
ie Herzbaftigkeit darzu beſaͤßen.
‚Der Großmuͤthige haͤlt ſich zu den 6 Uner⸗ |
nehmungen fähig, und da ſich dieſes nur auf äußers
liche Güter beziehen kann, ſo folget daraus, daß es die
hoͤchſten Ehrenſtellen ſind, deren er ſich wuͤrdig ſchaͤ⸗
tzet, und in der That iſt dieſes die Ehre, die wir
den Gottern zum Geſchenke darbringen muͤſſen, wenn
11: wie
der Großmuth. x sig
wir ihnen ihre Wohlthafen vergelten — Dieß
it das, was bey Perſonen vom Stande am meiften
geſuchet mird, die fich an den erhabenſten Ehrenftels
len: befinden, und die wir die oberſten Wuͤrden ver⸗
walten eben, und dieß iſt endlich der Preiß und
die Belohnung der heerlichſten Thaten, wir koͤnnen
hieraus folgern, daß ſich der Srohmürhige indem,
"was Ehre und Schande betrifft , wie er folf,/beherts
fche, und daß er hiebey die ffrengen Geſetze der Det.
nunft auf das genanefte beobachtet, |
Es fließt ferner: hieraus, daß er — ei
gendhaft ift ‚weil wir voraus fegen , daß ihm die
allergrößten: Gücer rechtmäßig zugehören , und daß
man fie ihm ohne: ungerecht: zu handeln nicht wuͤrde
entziehen koͤnnen Mit einem Worte, der Groß⸗
muͤthige beſitzt alles, was in einer jeden Tugend: das
erhabenfte und herclichfte ift. Er weiß das Schönfte
und Reinſte herauszuziehen, und davon eine bewun⸗
dernswerthe Vermiſchung zu machen. Furcht und Hoff ·
nung koͤnnen ihn nicht anfechten. Er iſt bon allen
Schwachheiten frey, und da ſich feinen’ Augen alles
klein und weit unter ihm: entfernt! vorftelfet, ſo iſt
nichts vermoͤgend, eine unordentliche Begierde: in
feiner Seele zu erregen, noch ihn zu einer Ungerech-
‚tigkeit zu zwingen. Er verachtet die Reichthuͤmer
und fuͤrchtet weder Armuth noch De 7 Fe den
Tod felbitinicht.
++ Die Großmuth ift die Zierde: der ändeen., us
| wi Sie ſchmuͤcket fie, fie verfchönert fie, ſie erhoͤ⸗
het fie, fie macher fie majeftätifcher und’ ehrwuͤrdiger,
man trifft fie niemals ohne Begleitung alter “übrigen
— an, und es iſt daher ſchwer, einen wahr⸗
—
—
⸗
52 / C harakter
haftig ——— zu ſinden, ab: fich niemand
dieſen ‚prächtigen Titel zueignen kann der nicht ein
Mittel ausfuͤndig machet, alles das in ſeinem Her⸗
zen zu,fammlen, was unſer Wille von loblichen Ei⸗
|
{
genſchaften annehmen kann. ni
„Nichts deſtoweniger, ob er gleich überall Gelegen·
heit findet, ſich zu üben, fo muß. man doch befennen , ’
daß es bey Ehre und Schande am meiften und ei"
gentlichſten geſchieht.
Wenn ihm rechtſchaffene Leute Ehrenſtellen erthei⸗
len, die mit feinen Verdienſten in einigem Verhaͤltniſ⸗
ſe ſtehen, ſo wird er eine ſehr maͤßige Freude em⸗
pfinden, und wird dieſe Sachen als Guͤter anneh⸗
men, die ihm: zugehoͤren. Ob ſie gleich der Wich⸗
tigkeit feiner Berdienfte nicht gleich Eommen , ſo wird
er. fie, dody annehmen‘, und ſich damit begnügen,
weil er ſieht, daß die Menfchen: nichts beffers has
ben „. womit fie ihn belohnen Fonnen;,) und weil. er
ein heimliches Vergnuͤgen empfindet, aß. er, nie nach
Würden belohnet werden kann. Allein wenn er von
nieberträchtigen Perſonen oder ‚durch gemeine Handı
lungen beehret wird,.fo empfinden er mehr‘ Schmerz
x
als Dienſtbefliſſ enbeit bey fich, und wuͤrde dieſe Pros
ben. der Hochachtung: ausfchlagen , wenn es der
Wohlſtand und die, Höflichkeit zuiießen. Er ver
achtet, das Laͤſtern, das falſche Geſchwaͤtz, das übele
Nachreden und die Verlaͤumdungen, weil er verfi«
chert iſt, daß ſie ungerecht ſind, da ihnender Grund
fehlet, und daß ſie aus Mangel der Wahrheit, die
fie, erhalten und unterſtuͤtzen ſollte, ſich ſelbſt zu Grun⸗
de, richten werden. Was den Reichthum; das Anſe-⸗
ben hen gusen Ruß und die Gewogenheit, und uͤber⸗
Baus:
4
der Großmuth. | N.
Haupt alles das’ ‚betrifft, was man gutes Gluͤck nen
net, ‚fo wird er ſich deffelben fehr mäßig und mit einer
Nacapmangsibirdigen Beſcheidenheit bedienen. Er
wird fich bey gluͤcklichen Umftänden von der Freunde
nicht außer fich ſelbſt bringen , noch bey widerwärtis
gen’ Fällen von der Traurigkeie niederſchlagen laſſen.
Denn das Ende von allen diefen ift die Ehre, ob ihm
gleich. das. allergeößte Gut fehr geringe ſcheint/ fo
daß man ihn für einen Veraͤchter halten wuͤrde, wenn
er nicht die Macht hätte, einen Theil ſeiner Empfin⸗
dungen in feine Geele einzuſchließen und ſie zu der⸗
— ſich zu aͤußern. |
Zu der Bildung eines vollfommenen Großmürht
gen müffen fic) Kunft und Natur vereinigen ‚und
ihn mic ihren Wohlthaten erfüllen. “Denn man für
der bey einem Tugendhaften fehr felten einen erhabes h
nen Muth, wenn er nicht von einer‘ guten Geburt,
oder reich, oder mächtig ift, oder‘ eine gute Ehren. Ä
ftelle bekleidet, da er ſich Hochachtung und Ehrs
furche erwerben Fann. Und obgleicdy alle dieſe Vor—
theile nur Folgen der Tugend find, die allein wahre
Ehre verdienen : fo ift es doch faſt nothwendig daß
fie ſich mit derſelben vereinigen, eine fo feltene und
erhabene Eigenſchaft vollkommen zu machen.
Der anſehnlichſte Theil der Großen iſt einer fal—
fehen Einbildung nad) großmuͤthig. Sie wollen die
Großmuͤthigen vorftellen, fie find Machäffer derfel«
ben, und da fie ihre edle Handlungen nicht nachah»
men können, fo begnügen fie fich an denen Stücken,
da fie ihnen gleich werden Fönnen, als in ihrem Ges
folge, in ihrer Einrichtung, in der Größe ihrer Aug:
gaben, und in der Pracht. er Gebäude, Allein,
33 Band, wie
ns
2 ECharatter er nr
wie es fchwer ift, ſeine Gluͤckſeligkeit mit einer. ge⸗
wiſſen Anmuth zu beſitzen, wenn uns die Tugend
fehlet, und wie ohne dieſelbe die Gluͤckſeligkeit eine
Buͤrde iſt, die uns mehr druͤcket als zieret, ſo ſtrau⸗
cheln fie faſt bey jedem Schritte. Sie machen fal⸗
ſche Tritte, ſie werden ungerecht, veraͤchtlich, hochmů ·
thig und unertraͤglich.
Der Großmuͤthige zeiget ſich * alte Tage, und
er feßet fein Leben keinen Eleinen Gefahren aus. Er
ſuchet die Gefährlichkeiten nicht mit derjenigen Sorg⸗
falt, die wir bey jungen ehrbegierigen Perſonen wahr⸗
“nehmen, weil ihm alles gering ſchaͤtzig iſt, und ihm
Das , was wir forbrinftig verlangen , faum win-
fchenswerth ſcheint. Er ſchonet fich zu großen: und
wichtigen Borfällen, und wenn er in diefelben verwi⸗
ckelt ift, fo ſparet er auch fein Blut nicht, er glaus
bet , daß hiebey das Leben einer ſo mühfamen. Era
haltung nicht würdig ‚fey:, und hält ſeine Ehre: für
viel liebenswürdiger , als diefes. ı
Er iſt von Natur wohlthaͤtig, aber ſo ſehr er ſich ande⸗
ve verbindlich zu machen ſuchet, fo ſehr weigert er ſich, an⸗
dern verbindlich zu werden, Den jenes ift eingeichen der
Herrfchaft, und diefes ein Merkmaal der Abhängigkeit,
Wenn er aber ja von einen: eine Hoͤflichkeit erhals
ten hat, fo wird er nicht unterlaſſen, fie. ihm mie
Wucher zu vergelten, und er wird ſich nicht eher be⸗
friedigen, bis er ſich ſeinen Glaͤubiger zum Schuld⸗
ner gemacht hat. Das Andenken dererjenigen Per⸗
ſonen, denen er gewillfahret hat, iſt ihm viel ſchaͤtz ⸗
barer, als dererjenigen, die das Gluͤck gehabt. haben,
ihm einige Gefälligkeit zu erzeigen. Und bierinnen
BO fich fein Gedaͤchtniß nach ſeiner na *
v a REN
R der Großmuth. Si
in allen N sah das Oberſte wählen) Aug dieſen
Gruͤnden wird einer, der ihn um ‚feine Gunſt erſu⸗
chen will, ſehr vernuͤnftig Dandelm; wenn er nichts
von den Willfährigfeiten erwahnet die er ihm ers
wielen bat ‚ fondern: vielmehr die Gunftbereigungen
anführee F Die er von ihm erhalten hat..: Dieß tft es,
deſſen ſich die Theris bey Dem Homer bedienere‘, da
ſie den Jupiter um feinen Schuß fuͤr den Achill bath,
und dieſes beobachteten auch die Lacedaͤmonier, da fie
die Achenienfer erfucheten,, ihnen gegen die Thebaner
beyzuſtehen.
Er bemuͤhet ſich, alle Welt entrathen zu koͤnnen,
und wenn er ja einen wider ſeinen Willen bitten muß,
ſo ſuchet er auch im Gegentheil in alle dem zu will⸗
fahren, warum ihn andere erſuchen.
Bey Großen weiß er ſeine Groͤße zu erhalten, weil;
dieſes eine Handlung iſt, die, auf. der Herzhaftigkeit
berubet, und er erniedriget ſich nach dem Maaße de⸗
rer, die unter ihm ſind. Er begnuͤget ſich an dem
Vortheile, den er vor ihnen h hat, und er glaubet, daß,
wenn er anders lebete, er ihnen verhaßt und-fo ver
druͤßlich werden Notice, wie Diejenigen, bie ihre Kraͤf⸗
te und Staͤrke gegen Fränfliche und von Natur ſchwaͤch ⸗
liche Perſonen ruͤhmen.
Er geht nicht gern an ſolche Oerter, wo er an.
dern den Vorſitz einraͤumen muß, wenn ion nicht eis
ne unvermeidlihe Schuldigfeie oder eine dringen
de Noch darzu zwingt.
Man koͤnnte !hn unter die frägen und müßigen
Leine zaͤhlen, die ſich fuͤr aller Muͤhe ſcheuen, und
ihre G affte immer von einem Tage zum andern auf?
fihieben, fo langfam , I DEM und fo ſchwer ift
er
v
16 NE
er in Bewegung zu bringen; wenigſtens wenn er mes
der durch die Hoffnung Ehre zu erlangen, noch durch
die Wichtigkeit der Handlung, die er —— ſich
zur Arbeit ermuntern wird. a.
Er unternimmt wenig, aber lauter — und praͤch⸗
tige Gefchärffe.. Er liebet und haſſet alles öffentlich,
er verftellet fich niemals , denn er fürchter ſich vor
nichts. Er ziehe die Wahrheit affezeit. der Einbil⸗
dung und dem Scheine vor. Er ſaget und thut als
les ganz dreufte vor den Augen der ganzen Welt,
ohne fi) darum zu befümmern , mas man daruͤber
urtheilen wird.
Er iſt in allen ſeinen Aufagen und Worten geroiß,
es ſey denn , daß er von ſich felbft redet, da er ſich
aus Höflichkeit erniedriger, und die Lobeserhebungen
des Pobels befcheiden ablehnet, die er nicht achtet.
Den einem der größer ift als er, lebet er nicht
— wenn er nicht ſein Freund iſt, denn er iſt
von keiner knechtiſchen Gemuͤthsart und keiner nie⸗
dertraͤchtigen Höflichkeit fähig. |
Er ift fein großer Bewunderer denn er findet
nichts, das verdienet bewundert zu werden, nichts
das ihn in Schrecken, nichts das ihn in Entfeßen
bringen fönnte, nichts, das ihm fremd und außer»
‚ordentlich fchiene. |
Er vergißt das Unrecht fehr leicht, er hat eine ie
le und erhabene Seele, er erniedriger fich nicht leicht
fo weit, daß eran das Böfe gedenken follte, weld)es
ihm feine Feinde zugedacht haben, und er hält es
N ner Herzhaftigkeit viel anftändiger, 24 zu betr |
cd) uelle '
Er
der Öse —
Er redet nichee von andern Leuten, es ſey was eg
wolle, und man ſieht ſelten, daß er eine Geſellſchaft
weder mit ſeinen noch von anderer Leute Handlungen
unterhaͤlt. Es iſt ihm eben ſo verdruͤßlich von an⸗
dern Uebels zu reden, als ſich ſelbſt loben zu hoͤren.
Wenn er auf ſeiner Seite Lobeserhebungen austhei⸗
let; fo geſchieht es ganz ſparſam, und wenn er von
feinen Feinden Uebels redet, fo gefehieht es in ihrer
Gegenwart, um zu beſchimpfen und verwirrt zu
machen.
Er iſt sehe! von der Art, daß er fi RB: Klei⸗
nigfeiten beklagen foglte, die ihm fehlen, fie mögen
fo nöthig ſeyn als fie wollen ; noch vielmeniger, daß
er um diefelben bitten folfte, Denn er fpührer nur
ein ganz ſchwaches Verlangen darnach, und die Mü-
be zu bitten entzieht ihm das Vergnügen 2 das er
über ihren Befiß empfinden würde.
Das Anftandige mag auch fo fruchtlos feyn, als es
will: fo zieht er es doch allezeit dem Nuͤtzlichen vor.
Denn er ift mit ſich felbft vergnügt, und wenn er ſich
befist, fo befigt er alles. Sein Gang ift langfam,
feine Stimme ernfthaft, und feine immer gleiche und
gefegte Rede ift nie zu hoch noch zu laut. Denn dies
fe Ubereilung und Anftvengung ſchicket ſich nicht für
einen Mann der unbeweglich iſt, und der fi) an
nichts haͤngt.
Sehen Sie Gnädiger Herr , das ift die Abbil.
dung des Edeln und Großmürhigen,, nad) dem Ente _
twurfe eines vortrefflichen Malers, dem ſich die Natur
ganz entblößt gezeiget hatte, die fich fonft ordentlich
mit einem dicken Gewoͤlke umhuͤllet, und die ein
Vergnügen daran finder, lange verborgen zu bleiben.
| Kfz Wenn
*
+ ⸗
ss Charakter. der. Grogmuth.
Wenn Sie dieſe ſchoͤne Abſchilderung eines Blickes
wuͤrdigen wollen , ‚fo. werben ‚fie in derfelben die merk»
- Jichften Züge ihrer ‚großen, Seele mit, einem, empfind-
| lichen, Bergnügen gewahr werden, nur daß dieſelben
in Ihnen viel ordentlicher und edler, und folglich un:
gleich angenehmer, ruͤhrender und. vermoͤgender ſind,
ſich die Neigungen ‚anderer zuzuziehen, und gewiß,
ſie haben ſo gute Wirkung ‚gethan, ‚daß, wenn Sie
in einem Koͤnigreiche gebohren wären, welches dem
Lacedaͤmoniſchen ähnlich ift , mo man Diejenigen zu
einen Gelöftrafe verurtheilete „die fich, allzu ‚liebens-
wuͤrdig maceten, und weiche die Herzen-ihrer Mike
buͤrger an fich zogen, an flatt, daß. Sie, diefelben ges
meinf: haſtlich laſſen ſollten: fo würden, Sie fehr. übel
daran feyn, und in Gefahr gerarhen; fir ich zu ſtuͤrzen.
Denn ich halte ſie hierinnen fuͤr ſo unverbeſſerlich,
daß ich Urſache haͤtte, zu befuͤrchten, ſie wuͤrden taͤg⸗
lich in eben dieſen Fehler zuruͤckfallen. Aber, Gnaͤdi⸗
ger Herr ‚es iſt ein Glück für Sie „daß ſich unter den
Föniglichen Verordnungen keine. befindet , die es un⸗
terfagte, der. befte, frengebigfte, dienſtfertigſte, huͤlfreich⸗
fte und hoͤflich te Mann feiner Zeit zu fern... Und. fo
Fonnen Sie auch, ohne ſich Zwang anzuthun, fortfah⸗
ren, ſich die Siebe aller Kedlächgefinnten zuzuziehen,
und mit ihrer. Gemogenheit und Gnade zu en
Gyader gere —
ihren Para Diener
u.
III, Un
a ee
— he 1 We
i (oe * Unterſuchung
> des Leben?
und
dir Schriften des Homerus,
aus dem Engliſchen uͤberſetzt,
| durch
M Chriſtian Wilhelm Agricola,
Maſtoten zu Fienſtaͤdt, in der Grafſchaft
Manns feld. |
Sechſter RES
ua Senn ich die Art betrachte ‚ mie welcher ich
| ) bishero von dem Einfluſſe gehandelt, den
die oͤffentlichen Sitten in die Schriften ha⸗
bes; fo Aweifle ich nicht, die Frage werde nunmehro
da hinaus laufen: Wenn die befonderen Umſtaͤnde
und Sitten der Zeiten unumgänglich nothwendig zur
Hervorbringung der Dichter erfodert werden, „wie
„koͤmmt es denn, daß wir nur einen Homer haben ?
„Konnte denn ein Kaum von zwey bis dren hundert
Jahren, da ſich Briechenlind und die Küfte von
Aſien i in der gluͤcklichen Beſchaffenheit befand, die
„zu ſolchen Bildungen bequem iſt, nur einen einzigen
hervorbringen 2.
Kk4 Die
520 —— des Lebens
Die Antwort iſt leicht. Ob dieſe gleich unum ·
gaͤnglich nothwendig iſt, ſo iſt es doch nicht die ein⸗
zige Dedingung... Es werden außer derſelben noch
viele andere erfodert ; gar zu viele, als daß fie hier
angeführet werden fönnten. Ein, alle dazu erfor⸗
derlichen Eigenfchaften befigender , ‘erhabner Geift iſt
eine fo feltene Gabe, daß ein porteefflicher Schrift⸗
ſteller unſerer Nation der Meynung zu ſeyn ſcheint;
„Daß, unter alle der großen Menge von Menfchen,
„welche binnen einer Zeit von taufend Jahren leben,
„eher taufend auf die Welt kommen, welche die noͤ—
„thigen Eigenfchaften mitbringen, große Generals
„oder Staatsminifter zu werden, als die m der Ger
„Icichte die berühmtelten ſind, als ein einziger
„Mann, mit den erforderlichen Eigenſchaften, ein
„großer Dichter werden zu fönnen, geboren wirda). ;
Allein ob diefes gleich „übertrieben wäre , fo giebt
es doc viele auf, einander folgende Umftande des $es
bens, viele Bortheile der Erziehung ,.mand)e beque-
me Öelegenheiten, die Menfchen überhaupf keunen
zu lernen, und gewiſſe befondere,-fich zue Dichtkunſt
ſchickende, Gegenftände zu fehen, die felten bey einer
und eben derfelben Perfon zuſammen treffen koͤnnen.
Um diefes nur bey einem beſondern Umſtande J
von welchem man auf die Wichtigkeit der uͤbrigen ei⸗
nen Schluß machen kann, mit einem Exempel zu er⸗
laͤutern; ſo ſind viele Reiſen, und weitläuftige perſoͤn⸗
liche Beobachtungen, das boß der groͤßten epiſchen
Dichter geweſen. Si⸗ hatten bey dieſer Lebensart
haͤufige Gelegenheiten, fi mit PR Urbildern ihrer.
Abriſſe
2) Sie Williams Temple, Mifell Part. IL, FIN +
poesey.
Pr
ER ‚- r Me
und der Schriftendes Homerus. 521
Abriſſe und Erdichtungen bekannt zu machen, deren
groͤßte Vortrefflichkeit, ſie moͤgen materialiſch oder
moraliſch ſeyn, in ihrer Aehnlichkeit mit der Natur
und Wahrheit beſteht. Allein dieſes gluͤcket wenig
Menſchen, vornehmlich von einem poetiſchen Geiſte.
Sie ſind gemeiniglich keine von den geſundeſten Leu⸗
ten, und zu zärtlich, als daß fie, Die Ungemächlich«
feiten ausftehen,, oder der Gefahr frifch entgegen. ge=
ben koͤnnten, welche bey langen Reiſen unvermeidlich
find. Und doch hat, bey allen diefen Zufällen, ‚die
Welt dem Zeitpuncte, defien ich gedacht habe, da
die Sitten , die Neligion, und die Sprache Gries»
chenlandes ſich in ihrer rechten: zur Dichtkunſt erfor.
derlichen Größe befanden , diefem Zeitpuncte, -fage
ih, bat die Welt den Linus und Orpheus, den
Olympus, Wiufäus und Ampbion zu danfen ;
Männer, die uns als die Meifter in Verſen von den
größten unter ihren Nachfolgern , tiberliefert worden
find b). Es ift wahr, ihre Gefänge find feit langer
Zeit verloren gegangen , allein der weife und ftille
Heſiodus, von deſſen Auffägen ein Theil zu uns ge⸗
kommen ift, welcher unfere Bewunderung erheifcher,
ift feine Geburt eben diefem Zeitpuncte fchuldig.
Es kann auch Fein ftärferer Beweis von der Ges
walt feyn , den die Sitten, und der öffentliche Cha«
tafter über die Dichtkunft haben, als die bewunderns⸗
wuͤrdige Aehnlichkeit der alten Schriften. Es koͤn⸗
nen fich zwey Dinge einander nicht gleicher ſeyn, als
die alten Orakel, diefo genannten Sragmente des
Orpheus, und die alten Lobgefänge, den Ver⸗
ee KEISEN 99, NIEREN
b) Mufaeum ante omnes - - eneid. VI, Horat. Ode IL
Lib, III. et de Arte Poetica. N
!
*
552. Unterſuchung des Lebenn
ſen des Heſiodus und Homerus find. Zu geſchwei⸗·
Hei, daß fie überhaupt einerley Schwung haben, ſo
ſuid auch in ihnen allen einerley Beywoͤrter von Goͤt ·
fern und Menſchen, einerley Gedanken und Anfpies
hingen‘, 'einerlen Abmeſſung der Sylben und einerley
Stellung der Woͤrter; ja zuweilen fo gar einerley
Ausdruͤcke und Redensarten anzutreffen. Die Zuy-
sertonara, oder Coincidentien, welche die Kunſt⸗
richter angemerket, ſind unzaͤhlich; und kurz, die
Uebereinſtimmung ihrer Metapher und Einbildungs-
kraft ijt fo bandgreiflih, daß viele die Wirkungen
davon," daß fie nach einerley Mufter gebildet, und
von eirieefen Urbildern , und .in einerley einfältigen
Mundart gefchrieben find ‚ einem augenfcheinlichen
ab: ‚oder Yusfchreiben zugefchrieben haben, ®
» Allein. man hat nicht nothig, fo weit zu ‚gehen, Die
——— Urſachen ſind hinreichend, alle dieſe Aehn⸗
lichkeit hervorzubringen; zumal wenn wir uns erin⸗
nern, daß ſie gemeiniglich machen, Daß. fi) die
Schriftfteiter in ‚einer und ‚eben derſelben Materie
üben, welches ebenfalls ein Stuͤck ihres Einfluſſes iffe
Es iſt einem jeden Zeitalter eine gewiſſe Art der Wil:
ſenſchaft, und eine gewiſſe beſondere Weiſe ſie abzu⸗
handeln, eigen. Sie ſind beyde die Wirkung der
ſo oft gedachten Umſtaͤnde der. Zeit. Und ich kann,
da ich bey dieſer Materie bin, unmöglich. eine. Folge
vorbeygehen „die ſeit langer Zeit unter den Gelehiten
eine Aufgabe gewefen. iſt. Sie wird fehr. ‚artig von
einem Hoͤmer c), vorgetragen, der , wenn. feine,
— eben * * gepefen wäre, als feine Ge:
— lehrſam⸗
N c. Vellei. Be Hi, Roi Lib. 1. in fine. |. !
/
— der Schriften des A. Per
lehrſamkeit, vielleicht in dem erſten Range ihrer Ge
ſchichtſchreiber eine Stelle bekommen haben wuͤrde.
2bich, ſaget er, gleich wenig Raum dazu *
„be, fo faun ich doch nicht umhin, einer Sache zu ge⸗
Raten, die ich ofters in meinem Gemuͤthe erwogen,
„davon ich aber noch keine Urſache gefunden habe,
„die mir ein Genuͤge gethan hätte, Denn iſt es nicht
„außerordentlich ſeltſam, daß die größten Meifter i in
„einer jeden Kunſt oder Wiffenfchaft allemal in’ eis
„nem Zeitpuncte zum Börfcheine 'fommen, und von '
„einerley Denfungsart und Form find ? Ein Zeital⸗
„ter brachte, und das zwar in eben keiner großen
„Entfernung von — ‚den Aeſchylus So—
hokles und Euripides hervor, Maͤnner von
„einem goͤttlichen Geiſte weiche die Tragoͤdie zu ih—
„rer Hoͤhe brachten. Ss einem ‚andern blühete die
„alte Komödie unter dem Eupolis, Rratinus, und
Ariſtophanes; und die, neuere murde von dem
„Menander, und feinen Zeitverwandten, dem Di-
„pbilus und Dbi lemon, beydes erfunden, als zur
Vollkommenheit gebracht, ohne jemanden die Hoff:
„nung zu. lafjen R daß er fie nachahmen werde. -
„Was vor eine e kurze Zeit dauerten: nicht, gleicher
„Weile , die Weltweifen ‘aus der Sofrstifeben
„Schule, nach dem Tode des Plato und Ariſtote⸗
„les? Die Redekunſt betreffend, von wem fann man
„wohl behaupten, daß er vor dem Iſokrates, oder
„nach dem andern Geſchlechte von ſeinen Schuͤlern,
„in derſelben vortrefflich geweſen ſey? Sie kamen al⸗
„te fo dichte hinter einander, daß man feinen ‚großen
„Mann eine fonderlich beträchtliche Zeit von dem ans
* .. ſehen wird. „» Darauf gehtder Ger
khicher
#
524 Unterfüchung des Lebens Kin
ſchichtſchreiber weiter, und zeiger, daß ſich eben sie
fes auch unter den Nömern zugetragen ; und erſtre
cket, mit großem Rechte, feine Unmerkung nicht nur
über die hoͤhern Wiſſenſchaften ‚ fondern auch über
die Grammatiker, Maler, Bildhauer, Ku⸗
pferſtecher Erztgieher und alle nüsliche
Rünfte Es wäre auch) leicht darzuthun, daß
ſich eben dieſes bey allen andern Nationen zugetragen
habe, wo die Gelehrſamkeit jemals gebluͤhet hat , und
deren Geſchichte bekannt iſt.
Man hat, mein Lord, ſehr wunderbare Muth:
maßungen über diefe uns * verwirrende Erſcheinung,
und es ſind manche ſonderbare Betrachtungen ange
ftellee, um felbige aufzulöfen 4). Man hat gezweiz
felt, „ob nicht etwa irgend ein Einfluß der Geſtir⸗
„ne e), einige Kraft der Planeten , oder günftige
AAſpecten der himmliſchen Körper f), zumeilen un:
„fere Erdfugel berühren , und, einen oder den ans
‚dern.
d) Man fehe Difcours Phrfiane Eur les —— des A-
fires ; wodie Kräfte der Planeten nach den Lehrfägen
des Des-Cartes eingerichtet, und durch Die Materia fub-
tilis erflaret worden. ı2. Paris chez Coignard.-
e) Les Aftres,et principalement les Lignes & les Planetes
font (apr&s Dieu) lafeconde Caufe.des Moeurs. Le Poe-
te marque la Force qwelles ont fur ja-Complexion des
Hommes, quand, &c, - - Voila comment Virgile fait
P’Horofcope de ! Empire Romain , en fa naisfance.
P. Boffr du Poeme Epique Liv. N
f) -- - - Diftat enim, quae R
Sydera te excipiant , modo primos. ineipientem
Edere Vagitus, et Allan a Matre rubentem
Ventidius quid enim? Quid Tullius? ? Anne aliud —
ae et oceulti wiranda potentia fat
m N —
und dee Schriften des Homerus. 535
„dern liebgewonnenen Stamm auf derfelben mit eis
„nem bimmlifchen Geifte ſchwaͤngern möchte. „Man
hat übernatürliche Empfängnifte, und wunderbareg,)
Nahrungsmittel, als eine Ausfluchtfür-unfernGlaus
ben. erſonnen wenn bet Held oder der Weife Dinge
verrichtet ‚Die wir, Die Krafteder Menfchen zu uͤber—
fteigen, uns einbilden. Allein unfer Hof: Geſchicht⸗
ſchreiber verſteht es beſſer: und ob er gleich an dem
Ende eine ein wenig ſeltſame Sprache fuͤhret h, ſo
ſcheint er ſich doch in der Hauptſache auf einen ſiche⸗
rern Grund zu ſtuͤtzen. Das, was er fuͤr die Urſa⸗
che derſelben angiebt iſt die Tacheifer ung,, welche
gewiß fehr vieles zu der Vollkommenheit einer jeden
Kunſt und Wiſſenſchaft beytraͤgt, und ſehr ſtark
unter den AOIAOL, oder alten Digtern war, Die |
da
Zerkules, RE und Scipio ude fuͤr wirk⸗
liche Soͤhne des Jupiters ausgegeben, ob man fie
gleich fuͤr Kinder des Amphitryon, Philippus und
Pub. Scipio hielt. Demaratus kam dem Helden
Aſtrobacus + zu, und Orpheus, Homer und plas
to hatten, nach der alten Ueberlieferung,, bloß Muͤt⸗
ter von dem menfchlichen Geſchlechte. Pindar wiirde
von den Bienen felbft mit Honig aefpeifet. Achilles
ward mit Lömwenfette und Hirſchmarke ernaͤhret; und
‚ die Stifter Roms wurden von einer Wolfinn geſaͤu⸗
get; wiewohl der Gtifter der perfifchen Monarchie
nur eine Hundinn hatte, die ihm Diefen Dienſt Tei-
ſtete tr.
* Livius Hiftor. Lib. XXVI ch Herodot. Erato.
++ Juflin. Lib. I. |
b) Naturaque quod fummo Audio petitum eft, afcendit
in fummum , difhcilisque in perfecto mora ei natura-
literque, quod procedere non poteft, recedit,
Vellei. P. Hiftor. R. Lib. II.
*
—
556." Unterſuchumg des Lebens
da fie hauf enweiſe im Vorſcheine kamen, nlaß u *
We ſtreiten gaben er Allein dieſe Heennund giebe 1
bey weiten Fein völliges Genuͤge, welches Delle |
auch in der That niche behauptet, ag
Ach will nicht wiederholen, was fehon vor mir
— iſt: denn ic) zweifle nicht, dag man mir nicht
|
y #
N
zuborgefommen ſeyn, und daß Bw. Aodigebobt:
nen nicht ſchon allbereits die Anwendung gemacht
haben ſollten. Es ſind bloß die verſchiedenen pr
rioden oder ESchricte, die natürlicher Weifein dem
Fortgange der Sitten auf einander folgen, wel.
ehe man für die Urſache des, auf einander ſolgenden
Witzes und dus Geleh ſomt i angeben kann.
Ich habe Die von Griechenland in der Geſchich—
ce der Sprache angemerket ). Sie kommen mie
der bemundernsmürdigen a — hintereinan⸗
der folgenden Staͤmme von Dichtern, Rednern
und Weltweiſen uͤberein, die der roͤmiſche Ge⸗
ſchichtſchreiber erzaͤhlet. Denn ſie ſind feſtgeſetz⸗
te und einfoͤrmige Utfachen ,‚ und unterlaſſen
niemals ihre oirkungen zů thun, wenn eine
| OHR“ Gewatt —5 Ich bindert,
in Ju den —— des — welchen, wo hicht voͤl⸗
‚Lig. zu einer Zeit mit ihm, doch gewiß nicht fange
r ‚nach, dem "Homer: lebte, war ein ‚Dichter, ‚oder
"A01808 ein eben fo gemeined Handwerk, als ein. Tb:
pfer oder Zifcher, und Der Nacheiferung und dem
Ache eben ſo ſehr unterworfen.
Kor Keganaus Kegauer xorse; war Hart Taerar.
Kan ——— —— 'oYeovsiı, xir Aolo AolaQ.
Hol! Eey· xa⸗ Hug. |
k) Sich oben den g; Ofen
und der Schriften des Homerus. 327
In den früheften Zeiten des griechifchen Staa⸗
tes fchlete den wilden und barbarifchen Einwohnern
der Beyftand der Mufen, um fie zahm und zärtlich
zu machen. - Sie hatten es nötbig, daß ihnen eine
Ehrfurcht gegen böbere und unwiderſtehliche Kräfte
und. eine Luſt zu dem geſelligen Leben eingepräger
würde. Sie brauchten eine Götreriehte, um ſie
Durch Furcht und Schrecken, (als: welches der einzige
Ort iſt, dabey man einer rohe Menge faſſen kann,)
zu einem Gefuͤhle ‚der natürlichen Urſachen, und
ihres Einfluſſes zu bringen, den ſie in unſer Leben
und ir unſre Handlungen haben. Die Weiſen and
Rechtſchaffenen unter den Alten ſahen dieſe Noth—
wendigkeit, und halfen derſelben ab. Die Aelteſten
von dem begeiſterten Volke waren diee
Pii Vates, et Phocbo digna loquuti 1)
Sie macheten die Religion zu dem Inhalte, und das
Beſte des menfchlichen Gefchlechts zu dem Endzwes
cke ihrer Geſaͤnge. Wie unähnlidy waren fie in dies
ſem Stüde einigen neuern Schriftftellern von unferm
Gewuͤchſe! Welche, ich weiß nicht zu was Ende, vl.
der die Religion ihres Landes gefihrieben haben;
und, ohne etwas Beſſeres, oder leichter ehufichers,
an die Stelle defelben fchaffen zu wollen‘, uns unſe⸗
rer glüdlichen Einrichtung zu berauben ſuchen, bloß,
a LS N wie
1) Virgil; Aeneid. VI. Aus dieſem Grunde nennet
Ariſtoteles fie, ‚und die erften Weltweiſen zeurug >
Seoroynrarras, Die Erſten, fo von der Natur Bottes —9—
redeten. Ss f
Apısorer. Mera Ta Qvrixas Siehe weiter un⸗
ten den 7. Abſchn. U
—3
2 Unterfüchung des Lebeng
wie es fcheine, um das. Vergnügen zu haben, nie,
a |. und Unfug anzurichten.
Allein die erften Männer in Griechenland, die
| einige Wiſſenſchaft befaßen, welche die Natur der
Maenſchen beffer Eannten, und die Bortheile der Na⸗
tionalgebräuche einfahen, fehrieben auf eine verfchiedene
Weiſe. Die Bildung der Dinge, die Geburt der
Götter, ihre Eigenfchaften und Berrichtungen, fül-
leten ihre Gefänge zuerflian. Mach diefem wurden die
Helden gepriefen, welche Tyrannen ausgerottet, Uns
geheure vertilget, und Räuber bezwungen hatten,
Sie befangen die Sündfluch des Deucalion, und.
die Wiederherftellung des menfchlichen Geſchiechtes |
die Kriege der Centauren und das Schickſal der
Giganten.
Et faeuos Lapithas, et nimium Meno
Hylacum, domitolque Herculea manu
Telluris Tuuenes; vnde Periculum
Fulgens contremuit Domus
Saturni veteris m).
Diefes mein Lord, waren ihre Materien. Cs
waren zum Theil Beoruy OeAurngia, wie fie Pe⸗
nelope n) nennet: zum Theil
Egry’ avögavre Oewy TE, TATE — Rn EN
— der Menſchen und Goͤtter, ſo Dich⸗
ter pflegen zu preiſen.
Sie ſind eben ſo alt, als weit unſere Kenntniß von
den griechiſchen Alterehümern reichen fann; und
die
m) Horat. Carm. Lib. II. Od. 12, \
n) Den Menfchen —9 Gefänge: ber
e) Eben —
\
undder Schriften des Homerus. 529 _
die Acıdas, oder alten Dichter, welche fie mache.
ten und befangen, gehören unter die früheften Cha⸗
rafter.
Diefes erhellet aus der Nachricht, welche Homer
felbft von ihnen ertheilet: vornehmlich, wenn er er»
zählet, wie der größte Fuͤrſt unter den vereinioten
Briechen feine ſchoͤne Gemahlinn der Aufficht eines
Dichters anvertrauet habe; und wenn er ung forg:
fältig anzeiget, daß diefem Frauenzimmer nicht
eher beyzufonmen gemefen fen, als bis Diefe getreu—
en Aufſeher auf die Seite geſchaffet worden. Man:
che von denfelben lebten mit dem Homer zu einer
Zeit; und es feheint Fein Hof eines Prinzen ohne
einen, oder mehrere Derfelben gemefen zu fern. Sie
fanden ſich bey allen großen Seiten, und hoben Feyer⸗
lichkeiten in ganz Griechenland ein, un: den Opfern
beyzuwohnen, und das Volk zu unterhalten. Wir
wiſſen einiger von ihnen ihre Namen, die ihre Leyern
von den vorhingemeldeten Materien haben ertoͤnen
laſſen; allein ihre Geſaͤnge ſind verloren gegangen,
und mit denfelben mancher ſchoͤne Vers der wah—
ren Dichtkunſt und Nachahmung.
Siebenter Abſchnitt.
ir haben bisher die Sffentlichen Vortheile
Homers erwogen und gefunden, daß ſie ihm,
ſich auf das beſte fuͤr poetiſche Aufſaͤtze ſchickende
Gebraͤuche, und die edelſte Sprache darreichten,
ſelbige aus zudruͤcken. Wir haben dieſe zuerſt nach
ihren eigenen Schoͤnheiten betrachtet, und ſie her—
nach beydes nach den Zierrathen ihrer Gegentheile,
3 Dan, gl als
—
530 Unterſuchung des Lebens
als nach der Stärfe ihrer Folgen gepruͤfet, und ſie
für aͤcht und wahrhaftig befunden. Nunmehr. ha⸗
ben wir fein perfönliches gutes Glück vor uns.
Ich will fo viel fagen: „Was feine privat Erzier
„bung, feine Art zu leben, und der Fortgang i in ders
„felben, vor eine Wirfung auf ihn, in fo fern er
„ein Dichter gemefen, gehabt haben muß „.
Die Ueberlieferung, die wir von feiner Erzies
hung haben, tt fehr unvollfommen. Plurarch
übergeht, nachdem er die Begebenheiten feiner Mue:
fer um die Zeit feiner Geburt berichtet, den erſten
Theil feines Lebens mit Stillſchweigen. Wenn aber
die Nachricht davon, welche dem Herodotus zuges
fchrieben wird, wahr ift, fo wurde er auf die einzi—
ge Weife erzogen, die man damals in Abficht auf
die Gelehrfamfeit hatte. Die Wiſſenſchaften waren
—
in den damaligen Zeiten nur wenig bekannt, und es
ſcheint etwas ſeltſames zu ſeyn, daß ſich an ſo einem
Orte, als Smyrna, wo, zu Folge der grauſamen
Gewohnheit dieſer Zeitalter, die Lydier Furz vor-
her von einem andern Stamme vertrieben waren,
irgend eine-Perfon hätte befinden follen, , welche die—
felbe veritanden, oder gelehrer hätte,
Jedoch die fehlechten Umstände der Familie deg
Homerus fuͤhreten ihn und feine Mutter zudem
Haufe des Phemius, und ließen ihn zu feinem
Nachtolger in der Schule. Ich halte dafür, daß
Phemius einer von den AOTAOI oder alten. Dich—
tern, geweſen fen, welcher, wenn er zu Haufe war,
die Jugend in den Wiffenfchaften unterrichten mod)
te: denn ic) feße zum voraus, Daß die Gelehrſam—
feit Damals noch nicht gemein genug deweſen *
“pe
|
und der Schriften Des Homerus. 531
ſie für fich felbft ein Handwerk hätte ausmachen fol-
len. Wenn irgend einige Erkenntniß in dem Lande
anzutreffen war, ſo mußte ſie ſich in den Haͤnden
eines ſolchen Mannes befinden a). Und es ii alfo
in der That ein erheblicher Theil der Frage: Was
vor eine Gelehrſamkeit damals vorbanden,
und was vor eine Art von Erkenntniß, in
dieſem Zeitalter, zu erlangen möglich gewes
fen *
Einer von den gelehrteſten und arbeitſamſten vos
miſchen Schriftſtelletn hat es, nachdem er die Al—
terthuͤmer mit vielem Fleiße unterſuchet, zweifelhaft
gelaſſen, wenn oder wo die Dichttunſt zuerſt her⸗
vorgebracht worden. Allein er ſetzet hinzu: „Es iſt
„gewiß, Daß es ſchon vor dem trojaniſchen Kriege
„Gedichte gegeben hat b) ,. Da diefes die Geftalt
war, in welcher die Gelehrfamkeit zuerft in Grie⸗
chenland erfhien, fo würde es überaus angenehm
gewefen fenn, die Mennung dieſes großen Gelehrten
‚über diefe fruͤhzeitigen Früchte zu wiſſen; nicht nur
was fie vor welche geweſen, fondern auch ob die
. Gedichte, die in feinen Tagen noch vorhanden wa—
ven, die Achten Werke der Berfafler geweſen, deren
a) Tov de DHMION;, nraruız iFopıa didauoxarev yaredzı Aryas
TE ROMTS. avdez vodav, xıı usoaus xaroggoy = = = DiRocoQas
yap o Önmuos, xa Ræ a1 was AQIAO2Z. Evsad. 5 TyV&
Palo. Odvee.
Man fagt er habe ein Gedichte gefchrieben, NOC-
TON za aaro Teoıas ner Ayanzuvodaos avaxomicherrwr.
Hoaxa vaga Hisrary zee4 Meouuns.
b) De Poematum origine magna quaeftio eft: aute Tro-
zanum beilur: probäntur file, Plinii Hiſtor. RIM
Lib. VIL Cap. L VI.
*
z32 Unterſuchung des Lebens
Namen ſie trugen? Denn es war die Gewohnheit der
alten Dichter, und vornehmlich der Epiſchen und
Rhaͤpſodiſten, daß fie ihren Namen verſchwiegen,
welche auch die Natur ihrer Werke in der That eben
nicht anreizte zu erwaͤhnen. Wir haben einen uͤber—
zeigenden Beweis hiervon an den Kurgx Ern, eis
nem Gedichte von den cyprifchen Kriegen, welches
von dem Volke in den nachgehenven Zeiten für ein
Werk von einem nicht geringern Manne gehalten
jwurde, als Homer felbft war. Es erhellet, daß
man diefe Meynung noch in den Tagen Herodots
benbehalten Habe, als welcher diefelbe durch Verglei«
chung einer Stelle aus diefem Gedichte mit einer ans
‚dern aus der Ilias widerleget c). In Ermanges
"lung eines ſolchen Wegmweifers, der uns die Arten
der Gelehrfamfeit anzeigen Fönnte, die in den Zeiten
Homers im Schwange waren, müffen wir. e8 ver
fuchen, den Urfprung der Nationalgebräuche feiner
$andesleute ausfündig zu machen ; weil, wenn
man urtheilen will, was vor einer Art von Erfennt«
niß fie, oder ein ander Volk, zugethan gemefen,
man den erften Schritt, von der Unterfuchung
ihrer Duelle, thun muß. TR
Zu der Zeit, da die bürgerliche Verfaſſung ‚von
Griechenland nur noch erft eingerichtet wurde,
waren Affptien, Dbönicten und Aegppren ſchon
mächtige Reiche, die unter einer ordentlich eingerich⸗
teten Regierung blübeten, und das Gluͤck genoflen, |
das ihnen ihr fruchtbarer Boden, und.ihre Are denſel⸗
ben zu verbeffern, verfchaffete, Nachdem nad) einer
Reihe von Jahren, der lange Friede, deſſen fie ges
Ä : noſ⸗
e) Herodot. Euterpe, Lib. Il. —9
und der Schriften des Homerus. 533
2 nofien, und die Künfte, welche folche Zeiten hervor. ·
bringen, einen großen Theil von ihrer Verwaltung
in die Haͤnde des heiligen Standes gebracht hats
ten, nahm derfelbe alle mögliche Maaßregeln, fein
Anfehen zu erhalten, und war auf nichts mehr be.
dacht, als wie er den Ruf von feiner Weisheit und
Erfenneniß erhöhen wollte. Diefes machte die Leu⸗
fe von diefem Stande erftlich neidifch auf ihre Ent:
deckungen, und hernach forgfältig, eine Art auszus
finden, „wie fie diefelben auf ihre Nachkommen brin⸗
gen koͤnnten, ohne ſie dem gemeinen Manne mitzu⸗
„theilen „. "Hier mar der Urſprung der Allegorie
und der Parabel; und der Grund zu der befannten
Sage unter den Alten, AAAmyogewv evenuo Tav Ar-
yurrıw. Das Allegoeifieen ift eine aͤgypti⸗
ſche Erfindung.
Der Verſtand, den ich dieſer Marime:geben I
de, iſt diefer. Da es allen Nationen natürlich ift,
Anfpielungen zu gebrauchen, und in Gleichniffen zu
‚reden , fo haben die aͤgyptiſchen Priefter darauf ges
bauet, die figürlichen und verblümten Redensarten
feft gefegt, und felbige zu einer vollkommenern Kunſt
gemacht. Sie ließen es auch nicht hierbey bewenden,
fondern erfanden als eine zweyte Huͤlle, und als ein
Mittel wider die zunehmende Erfenntniß des Lan⸗
des, oder borgeten neue Charaktere, diefe Allegorien
zu fhreiben. Sie nannten es IEPA TPAMMATA
heilige Schriften, meil fie Feiner, als die Prie«
fter verftehen, und man ſich ihrer nirgends als bey
göttlichen Sachen bedienen durfte.
413 En.
534 4 Unterſuchung des Lebens
Ew. Hochgebohrnen werden ſich — daß
Ps.
;
4
g
Danaus der Aegyptier d), Kadmus der Phoͤ⸗
nizier, von aͤgyptiſchem Stamme, und der Phry«
gier Pelops, die erften Bepflanzer oder Verbeſſe⸗
rer Griechenlandes waren, Allein außer dem
tiefen Eindrucke der aſiatiſchen und aͤgyptiſchen
Sitten, welche dieſe Stifter der Staͤdte und Koͤnig⸗
reiche ihren neuen Unterthanen geben mußten e), ſo
wird es von jedermann zugeſtanden, daß die erſten
Weiſen unter den Griechen aus dieſen Laͤndern
ähre Wiffenfchaft, und ihre Gottesgelahrheit ins.
befondere aus Aegypten geholet: haben f).
Es ift wahr, die Weisheit war damals noch nicht
getrennet, der Weltweiſe und Gottesgelehrte, der
Gefeggeber und Dichter, waren. alle in einer Perfon
vereiniget g). Ein folcher war Orpheus und fein
‚Schüler Wufäus; wie auch Onomakritus und
Tholes h). And überhaupt fo bedieneten fich alle
Bart die
d) As AANAOY Suyadzene nyoav, a may verarmm waurm (Tu
. HermoPopıay Auunsgos) ed Auyuars efayayscan, xaı Ödazam
0 Tas Ierasyıwrıdas yuvmuazs,
Heoder. Evrsern.
£) Ad us ( MuSorouen) smı Mayo yeyovarıy ( namlich
‘ in Aſſyrien vder Babylon) aaru de wuga I um
20% zuap Asyvrrioss. etc.
HIRtS doprsr. zıgı Tray augadsdoune» Mudav * m
f) zyedov de zn ware 7a wouare var Om e& Asyumra
>EMHAUdE 15 Tray EAiadi.
Heoder. Evreomu,
2) Man febe weiter u unten, gegen dag Ende dieſes u.
ſchnittes.
h) OxAns, MeAorsıns ame, x vonoSerixor. Sirath Lib. X’
Lycurg, fagt man, fand den Thales auf feinen Rei:
fen in Creta, umd ſchickte ihn nach Lacedaͤmon.
4—
J
nd der Schriſten des Homerus. 55
die aften Gefeggeber der Mufen, ihre göttlichen Un—
terweiſungen auszubreiten, und ihre Sittenlehre bes
liebe zu machen i).
Die großen Männer, die nach ihnen fanden
und in diefer alten Schule des Gottesdienſtes
der Staatsklugheit erzogen waren, legeten ſich, da
fie die Regierungen Briechenlandes allbereits feſt
gefeger fanden, auf die Weltweisheit; wie Demos
Eritus, Pythagoras und der Mitefier Thales.
Dieſe Durchwwanderten , außer ihren Reiſen nad)
Aegypten, den größten Theil des Orients k),
Demokritus und Thales, welche in Zeiten fielen, ,
wo man noch nicht fo heimlich mar, machten ihre
Meynungen deutlich befanne: Orphens, Muſaͤus
und Onomakritus aber, ja ſelbſt Dytbagorss,
nahmen fehr vieles von der heimlichen an fich halten«
den Art ihrer Sehrmeifter an. Sie lehreten durch
die Allegovie, und affectirten etwas geheimnißvols
les in ihren gemeinften Handlungen,
Pythagoras, ob er gleich am fpäteften lebte,
fcheine vornehmlich die Errichtung einer Secte, oder
vielmehr einer Aehnlichkeit von einer Nepublif, im
Sinne gehabt zu haben: melches machte, daß er
ganz befondre Wege nahm, feine Schüler zu bil
den, und die Bewunderung der Leute zu erwecken.
Und es machte in der That, bey alle diefem, das -
sta Still:
3) Ilgoresov wer ev Fomuacı egehege 05 DıAocoDoı Ta doyun-
Tu, na vu: Aoyss, ware OP®EYZ x Heiodhs.
Ilsraex. vıgı Hv$. zu EI.
k) Pythagoras. et Democritus - - ambo, peragratis Per-
fidis ; rc Arabiae, Aeoyptique Masgis,
Plin, Lib. XXV. capı U.
-
536 Unterfuchung des Lebens.
| * *
Stillſchweigen und der Aberglauben einen nothwen⸗
digen Theil ihrer Anweiſungen aus. Allein zum
Glück für Griechenland hatten fie, ob fie gleich
ihre Lehren in die Fabel einfleiden konnten, doch fei-
ne unbekannten Zeichen, damit zu fchreiben; fo daß
ihre Lehren und Mennungen zum Borfcheine kamen,
da ihre Verſe oͤffentlich an das Licht traten, und id»
ve Weife bekannt wurde.
Linus fell, mit alten pelafgifehen Buchſta-
ben ven Feidzug des erfteren Bacchus befchrieben,
und Nachrichten von andern Begebenheiten ver fa-
beihaften Jahrhunderte hinterlaffen haben I), Er
fchrieb von der Entſtehung der Welt, und dem
Urfprunge der Dinge, von der gemeinen Grund»
legung der Aegyptier, und darauf von der grie⸗
chifchen Gottesgelahrtheit · Wie er für den Vater
ihrer Dichtkunſt gehalten wird, fo ſteht er auch in
den aͤgyptiſchen alten Nachrichten, die von ihren
Drieftern aufbehalten worden, an der Spitze der
Würdigften, welche in diefes Sand Erkenntniß zu
fuchen gefommen find m). Laertius hat die erfte
Zeile aus feinem — von der Schöpfung n) auf
behalten.
Hv zore Xgavos ETOG , EV OupAh TAT eRrıDunc
Es enthält eine Worftellung von dem alten
Chaos, oder urfprünglichen Zuftande der Natur,
Schrift⸗
I) Diodorus Sical, Biblioth. Lib, III. *
m) Ibid. ?
n) In Prooemio.
*
da die Elemente unter einander vermenget las '
gen, und Berwirrnng und Sinfternig eine
unbefchränkte Herrfchaft ausübeten. Eben diefer
—
und der Schriften des Homerus. 537
*
Schriftſteller fuͤget hinzu, man habe von dem Ana⸗
xagoras geglaubet, daß er von demſelben Gelegen⸗
heit genommen, ſeinen beruͤhmten Satz auf die Bahn
zu bringen: „Daß urſpruͤnglich alle Dinge, in einer
„mit fich felbft uneinigen und unordentlichen Maſſe,
„unter einander vermenget gelegen, bis endlich ein
„verſtaͤndiges Weſen gekommen und fie in Ord⸗
„nung gebracht habe —X
Zu einer Zeit mit dem Linus lebte Anthes von
Anthedon p), -einer Stadt in Boͤotien. Er
fhrieb Sobaefänge q) zum Preife der Götter; das ift
der Kräfte und Hervorbriigungen der Natur, deren
ftärfere Afpecten und rührende Empfindungen der
Urfprung der Entzuͤckung und der Verſe gewefen zu
ſeyn fcheinen. Feſte und Opfer berörderten die Ent-
zücfung fehr, und ſchickten fich vollkommen wohl zu
der damaligen Beſchaffenheit der Menſchen. Ho⸗
raz ſaget, die roͤmiſche Satyre habe an einem
Erdtenfeſte der alten Italiaͤner ihren Anfang be—
kommen, als ſie der Erde geopfert, und dem Schutz⸗
gotte der Wälder r) Milch ausgegoſſen; und die Ers
findung des beroifchen Splbenmaaßes wird einer
gl 5 Weis
0) Virgil hat ihn abgefchriehen :
Principio, Coelum ac terres, Camposque liquenteis
Lucentemque globum Lunae, Titaniaque Aftra
Spiritus intus alit; totamque infufa per Artus
MENS agitat Molem. Aeneid. Lib. VI.
p) Paufanias, Boeot. Lib. IX.
q) Plutarch. de Mufica.
r) Tellurem porco, Siluanum lacte piabant;
Floribus et Vino Genium, memorem breuis Aeui.
Horat.Ep.1.lib. II, ad Aug.
538 ERS des oebens
Weibeeperfon ; der Dhemonee; der erſten Price r
rinn des Apollo, zugelchrieben s). 4
Pampbo t) ein Attiker von Geburt und Schüler |
des Linus, fang zuerft von den Bratien, ohne
ihre Anzahl zu beftimmen, oder ihnen Namen zu
geben. Er bemweinete den Tod feines Lehrmeifters in
einem Trauerliede, OITOAINOZ genannt. Er
befang die Entführung der Proferping von dem »
Horte der Höllen, und ſchrieb Lobgeſaͤnge auf den
Jupiter, die Diana und Ceres. Philoſtratus
fager, Homer babe den tobgefang auf ben Tupiter
abgefchrieben,, und verbeffert u). |
Jedoch ARPHEUS, diefer in der Dichtkunſt
ſo große Name, hat den Ruhm aller übrigen vers
Dunkel. Man faget ebenfalls, daß er einer von den
Schülern des Linus gewefen fey; wiewohl Plu⸗
tarch ausdrücklich behauptet, daß er niemanden in
feiner Dichtkunſt oder Muſik nachgeahmet habe, fon
dern felbft ein Original gro fy w). Es —*
8) Ehningen xuraefar Asyere Tis DHMONOH om, Ilge-
Guris Aroddwvos
Eucæ9. wgoom. weos Onrgon
- and Steabo: Hewru ds — Qasıy yerscdaı zum
ar. Lib. I
eü) Paufantas Boeot.
u) Pampbo hat gefagt:
Zev uudige, meyise Deoy, BÄNKMEIE KOREm,
Mndein Te, Mm ITREN, X nusovem.
An defien Statt, hat es Bomer mit Bo Ans
ſtaͤndigkeit alfo verändert :
Zev wudise, meyıss, are, RR yarav.
DiAosear. Hewıxav.
w) Ods Ogpevs sdrrn Gaweren henıunperos, Ilsgı Meoixis.
e > |
—
—
amd der Schriften des Homerus. 539
bey alle dem gewiß, daß er eben fo wohl, als fein
vorgegebener Lehrmeiſter, eine Reife nach Aet gypten
gethan habe; wo er ſich lange aufhielt, und zu den
Geheimniſſen ihrer Weltweisheit und Religion hinzu⸗
gelaſſen wurde.
Nach ſeiner Zuruͤckkunft leiſtete er —— Vater⸗
lande, oder vielmehr dem Volke, unter welchem es
ihm zu leben gefiel, (denn man Hält ihn für gebürtig
aus Thracien), größere Dienfte. Selbſt feine
Handlungen find in eine Aflegorie eingekleidet, und
in eben der Art der Fabel erzähler worden, die er
bey feinen Göttern und Helden zu gebrauchen pflegte,
Ob er etwas von feinen eigenen Arbeiten in Schrifs
ten binterlaffen habe, das ift für mich ein großer
Zweifel. Ich finde feinen Grund zu fchließen, daß
er es nicht gethan habe. Allein der Ruf von feiner
Einficht war fo groß, daß wir von dem Suidas x)
die Auffchriften von fechszehn oder fiebenzehn Gedich-
ten haben, die unter feinem Namen, hauptfächlic)
von den Dytbagoräern melche feine Lehre annab:
men, gefehrieben worden ; und die Anzahl derer, die
es von andern find, Eönnen wir gut zweymal fo hoch
rechnen. Sie ſind philoſophiſch, prophetiſch
und gottesdienſtlich, und man glaubet, daß ſie
ſeine wahre Meynungen, und die natuͤrliche Art ſei⸗
ner Verſe enthalten.
Er fieng feinen Gefang von dem alten Chaos,
und deſſen Berwandelungen und Beränderungen an,
und fuhr in denfelben fort, mit den verfchiedenen
Stufen der Schöpfung; dem Geſchlechte des
Saturnus, oder der Seit, dem Aether, —
e
x) In Orpheo,
e 4
540 Unterſuchung des Lebens
be und der Yacht ; der Geburt und dem Gefchlech-
te der Giganten; und endigte denfelben mit der Bil
dung der Menfchen y). "Er fuchte durch feine Ger
heimnißvollen Lehren, eine Ehrfurcht gegen die Goͤt⸗
ter in dem Herzen feiner Zuhörer zu erwecken, damit
er fie von der Barbarey und dem Blutvergießen ab-
ziehen, und ihnen ‚eine Luſt zu einer freundlichen und
gefelligen Aufführung beybringen möchte. zZ) Wenn
‚uns Ariftophanes feine geleifteten — für; zlich
‚ erzählen will, fo fagt ers
OPDETZ nev ag TeXeras de nu —““
Dovav FT amexesa.
Es lebrete Orpheus uns die beitigen Bebräur:
che, vom Morden abzuftebn a).
Wie fein Name viele Zeitalter hindurch in Gries j
chenland in Abficht aufdie Heiligkeit und Weisheit,
der berühmtefte war, fo mußten feine $ehren, wo
fie nicht von ihm felbft der Schrift anvertrauer find,
durch die mündliche Uberlieferung feyn gültig gemacht
worden. Der Fürft der Weltweiſen zieht zwo zer
| len
* Er ſang ‚ Aexaıs nv mpure XAOYE aneyaprov Avaya
Kaı KPONON , osT sAoxevasv amagesıiocı vB’ orxoıs
AIOEPA, xaı didun wegiorea zudkos EPQTA,
NYKTOZ zeıyesyrus Tlarega xAuror 0 ps ANBHIA
Omdorsgos nadeucı BgoTos, mewTas yap eDardn. 3
EPIMOYE 7’ suduwaroıo yoras“ nd seyn
TITANTQN, oıAuygowwa Ovugays esadaıso
Zuesgun yarıs To wpnsHEer, ayev yevıs säsyevorro
ONHTLN, u xara ask amsipirev MIev guoh
OPdETZ. —
2) Horat. ad Piſon.
@) BATPAX.,
und der Schriftendes Homerus. 541
len aus ſeiner Theogonie an, ohne den geringſten
Argwohn merken zu laſſen, daß fie nicht aͤcht b) wär
ren; welches auch Ariſtoteles, der große Kunſtrich⸗
ter, beydes aus ihm c), als aus feinem Nachfolger
thut d). Ja, fo ſpaͤt ale-die Regierung des Rai.
ſer⸗ Augustus it, erwähner Divoor, der Sicis
lier , noch des Gedichtes vondem Örpbeus, als
‚eines Stüdes, Das damals fowohl megen feines In⸗
haltes, ais wegen des befondern Wohlflanges, in
welchem es aufgelegt war, ungemein bewundert wurs
dee). Und ich kann aud) in der That nicht zweifeln,
daß die Schriften Die_unter feinem Namen herum»
giengen, fie mögen nun von dem Muſaͤus oder O⸗
nomakritus gefchrieben feyn , nicht feine Achten Leh⸗
ren enthalten haben follten f).
Muſaͤus war der berühmte Schüler des Or—
pheus, und vielleicht gar fein Sohn. Virgil res
det von ihm, als dem Größten unter den Dichtern.
Er ſcheinet fid) mit der Einrichtung oder Werbeffe-
rung der Sitten weniger abgegeben zu haben, als
fein Lehrmeiſter; weil ihn vielleicht das ungluͤckliche
Ende viefes theologiſchen Helden davon abſchreck-
te. Doc) verfertigte er Weißagungen und $obge:
fange, und fehrieb heilige Linrerweifungen, wel
| | che
b) OKEANOS zgwros zurı2os nt yansın. |
Os ga xusıyyurnv omoumrees TnFov omas.
€) Apısorei. Osxovounwy. os | Kexrv) og.
d) dus yer xaı Maraos eve: , BPOTOIZE HAIETON AEI-
BEIN Agısor. Ar 9.
©) Kaıyap momum awarad: To Javualousvov zus zara zn wdyy
sumeAsıa dia Pepov. Asoobe. Zıxars BıßAıod. &
f) Sie wurden die OPOIKAENH genannt. E: reis Ogßr-
KO ARABHWOS EMETI ſagt Ariſioteles. ag Yuxns:a.
*
542 ° Unterfuchung des Lebend
che er an feinen Sohn richtete. Er verordnete Rei:
nigungen und Berföhnopfer, befang die Kriege der
Titanen, und hinterließ etwas von der Sternfe-
berfunft, Sein größtes Werf aber , und das in
Diefen Tagen die meifte Ehrebrachte, mar eine Theo,
gonie, oder Geſchichte von der Schöp ung g).
Paufanias ift der Meynung ‚ daß ein $obgefang
auf die Ceres das einzige Achte Uberbleibfel von dies
fem philofophifchen Didier fy h). Er hat einen
Sohn und eine Tochter, den Zumolpus und He⸗
lenen, welche beyde den Helikon beftiegen haben,
Der Sohn fchrieb von den Geheimniſſen der Ceres,
"und von den Bottesdienftlichen Bebräuchen des
Bacchus, und von dem Frauenzimmer erzählet
man, daß fie den trojanifchen Krieg ur ba:
be i).
Zu einer Zeit mit diefen lebte SYAHKU S,
deſſen Charakter noch mehr auf das eigentliche Amt
eines Dichters eingefchränft iftk). Aelianus faget,
er babe gleichfalls den trofanifchen Krieg beſun⸗
gen, und fey „Der erfte gewefen, der feiner Mufe
„über diefen edlen Inhalt den freyen auf gelaffen |
5 40» ——— nennet ihn SAGARIS
| and]
g) Diog. Laertus in Pro@m. Wo er einen Lehrſatz aus des
Muſaͤus Weltweisbeit anfuͤhret: Ed wos 72 zara yi-
wa, xaı 15 Tr aurov avaAuad ea, |
h)' Articis et Meſſeniacis.
i) Hepbaeltio apud Photium Codice CXC, Svidas in Eu-
molpo.
k) Or ZYATPOZ ris eysviro —XR ner oeo⸗a xæ Msoau0V,
05 Aryeraı rov TPOIKON TIOAEMON #earas acaı. —
xros vmodersds —V———— „x ERITaAuNnFas TauTn. -
Arıar, Hoxır. Isog: Buß: ud. ned. Pr
und der Schriften des Homerus. 543
und ſetzt ihn indie Tage des Homerus ſelbſt her-
unter; deffen Mebenbubler und Feind, wie er ſaget,
er war, ſo lange als er lebte, wie Xenophanes be⸗
wies „nachdem er todt war |).
Mit mehrerer Gewißheit koͤnnen wir berichten,daß
der Sohn des Amythaon, der prophetifhe ME:
ZAMPUS, die Geheimniffe ver Proſerpina aus
Aegypten nach) Griechenland gebracht Habe. Er
kehrete fie die Erzählung von den Titanen , und
nad) dem Diodor, To auvoAoy, ryy wegı rTaTIITAOH
TON ®BEON isogiav, „die ganze Gefchichte von den
„Thaten und — Begebenheiten der Goͤt—⸗
„ter m). Er wird von dem Homer ſelbſt geruͤh
met, welcher ſonder allen Zweifel mit ſeiner Goͤt⸗
terlebre befannt war n).
Um die Zeiten des Linus Fam DIEN aus Ly⸗
zien o), und verfertigfe die erftengobgedichte, Die zu
Delos bey ihren Feyerlichfeiten , welche unter die
älteften in p) Griechenland gehöreten, abgefungen
wur⸗
» In Procmio, und in dem Leben des Xenophanes,
yeypade de xaı &r eAsyamis, va Ixußos xu$’ HEIOAOY xas
OMHPOTY, serısrzworray auvrws va ze Dzwy erpnueva.
m) Disodor. Biblioth. Lib. I.
.n) Odver. Palo). o. wie auch Parad. o
©}
0). Ovros de 0 OAHN xaı ERS MASS TuS MAÄRIES HLIEE SrDIy-“
os ex Auxeme Ada Tas aesdousıns &v Anim. Heoder.
MsAzrousm. Bıßr. 2.
P) Avxsos de DAHN 05 za TUS umyas Tas aeXRIoTaTus enom-
ae EAinci. Ilzvoxv Bouiwr.
Piusarch verfichert, auf das Anfehen des Antikles
und Iſtrus, zweener alten Schriftſteller, die Bildfäule
des Apollo zu Delos habe in der einen Hand einer Bo—
gen gebabt, und mit der andern die drey Gretien aebal:
sen, von denen eine jede ein. muſikaliſches Inſtrument
gehabt;
544 Unterfuchung des Lebens
wurden. Homer beſuchte dieſe Feſte ſelbſt, um die
ſchoͤnen Kinder der Latona zu preifen, und den Jo—
niern zu fingen, welche ſich be diefen Gelegenheis
ten in großer Menge nad) Delos begaben. Er ruͤh⸗
met fih), daß er HAIZTOZ AOIANN, der anmur
thigſte Sänger fen, der dahin Fäme. ” re
THNMIETES, ein Enkel des Laomeden,
welcher zu den Zeiten Drpbeus lebte, wird als der
größefte unter den frübzeitigen Reifenden angefühs
vet. Er foll außer den damals befannten $ändern,
naͤmlich Afien und Aegypten, die er befuchte, durch
Africa nach den abendländifchen Gegenden gereifer
feyn. Daſelbſt fahe er die Inſel, auf welcher, wiedie
alten Einwohner behaupteten, Bacchus war erzo-
gen worden; und nachdem er von den Nyſaͤern die
Thaten diefes Gottes erfahren, verfertigte er, nach
feiner Zurück£unft, in der alten Mundart, und ſchrieb
‚mit den alten Buchftaben das Stuͤck, welches die
phrygiſchen Bedichte genannt wird. r)
Die Briechen befamen in der That ihre ordent
liche Mufik aus Klein Afien. Der Befeftiger von
Theben, ver berühmte Ampbion, wird der Er.
finder der Muſik genannt, ich verftehe in Grie⸗
chenland,;, Man lege er ‚die Bin bey, bie erſte
Ley⸗
die eine eine Leyer, die ano eine Flöte, nnd
die dritte eine Spring, oder Pfeife. Was dag After:
thum derfelben anbelanget, fo fagte man, Ovro d #u-
Auıov 854 To afıdevuun TET0o, WEL TuS ERYMTHMEIKS Aura, Tv
‘u Heunrsa meporior Pac eivaı. Tlegı Maæcixns-
q) Siebe den ten Abſchnitt. wich
r) Diodor. Biblioth, Lib, IIL
—
Brad A
‚Beyer s) gemacht zu haben ; und es iſt gewiß ‚daß
‚er ſich beydes feiner. lieblichen Melodien als’ feiner
Anſpruch auf die Erfindung der gedoppelten A8
‚te, und auf dae Sylbenmaaß, welches von feinent
Baterlande den Namen hat. Erftund bey den Als
sen in großer Hochachtung, und fcheint feine: poeti⸗
ſche Ader und Vollkommenheiten zu ſehr gewußt zu
‚haben, welches aus der Erzählung von feinem Streie
‚te mit dem Apollo zu erſehen ift. Es glauben eis
nöde, daß das unglückliche Ende dieſes Tonkuͤnſtlers,
—* welcher.
s) Plato ſagt, wenn er von der Erfindung der Kuͤnſte
redet, ra uss AAIAAAQ xarahan yeyovs trade OP®EI, ra
"ös HAAAMHAEI. rade ve2ı Marin MAPSTA «ai OAIM=
IN, eg Avpar de AMOIONI. Naar. y.
t) Muficam inuenit Amphion ; Fiftulam et Monaulum
-(MONAYAON). Par Mercurü ; obliquam Tibiam Mi--
das in Phrygia ; geminas Tibias Marfyas in eadem
gente; Lydios Modulos , Amphion; Dorios, Thamy: :
yas Thrax; Phrygios, Marfyas Phryx; Citharam, Am=
pbyon; vt alii Orpheus ; vt alii Linus ; feptem Chors
dis additis Terpander ; odtauam Sımunides addidit 5.
nonam Timotbeus. Cithara fine voce, tecinit Zbza
myras pritnus, cum cantu Ampbion ; vt alü Linus,
Citharadica Carmina compofuit Terpander ; cum Ti-
biis canere voce, Trezenius Dardanıs infituit.
Pliaii Hiftor, Nat, Lib. VII. $.56.
u) Suidas in Mugovası ———
13. Wand, MM: sur
546 Unterſuchung des Lebens
welcher unſinnig wurde, und ſich in einen —
ſtuͤrzete, der ſeinen Namen fuͤhret mr den Grund
zudiefer Fabel geleget habe GERT
‚Sein Schüler SYMPUS sheilee, mit ihm bie,
Ehre von der Erfindung des phrygiſchen Sylben⸗
maaßes x), und maaßet ſich den Ruhm an, der er⸗
fie gewefen zu ſeyn, der ein: Naͤnia, oder. Seichen«
gedicht, gefungen hat. Man ſaget von ihm, er ha⸗
beauf den Tod des Pythonauänezı EHIKHAEION
Avdısı. „ein Seichengedicht nach der Iydifchen. Weir
„fe auf der Floͤte gefpielet y).,,. ‚Seine Auffäge find
von dem Arijtoteles: ausgelefen worden, als die: als,
leranmutbigften, und geſchickteſten Den Gemuͤthern
der Zuhörer Leidenſchaften und Entzuͤckung z) einzu⸗
floͤßen. Und er hat das Zeugniß von dem fich hier⸗
auf verfiehenden Plutarch ‚= daß en feine Kunſt ſehr
hoch gebracht habe, indem er einige, der Welt bis
dahin unbefannte, Arten von Muſik eingeführer,
und der Fürftund Erfinder der ſchoͤnen griechiſchen
Weiſe geweſen a). Bi Kebling der Muſen, in
nd
w) * Araßar, BıßA. a. |
X) Nowsr de OAYMIIOY #44 MAPZYOTY Ppuyios x a xaæ⸗
Orvuroıv Erırunßıo. ' TloAvdsvx. Ovouesirov.
y) Hasswex. Ile Meciwns. Er ſagt, es gebe zween dieſes
Namens.
z) OAvurs ern lag as “cin Tas * WERTHER r
m "HoäA:r. &h :
Und ein wenig nachher, wenn er von den verfchiede-
nen Harmonien und ihren Wirkungen, redet; fpricht
er, Erdsasasınza M'nuas nenn Bevyisı (zemovia.) Daß
alfe Olympus der Urheber derfelben ift- 5
a) Daweras Oxrvmaros wvfneas Msciun, TW ayErmToV Tiy
oh — TARDAERRR vao ToV sumpodter erayayaı xœ⸗ RexnYyes
yesddas Tns 2AANyInng Ks zaAns Mösıuns. I ya ibid,
"nd der Shiften ds Seinttus, *
mehr als 4 1 erflande b 9 THAMYRAS: der
Ihrasier ,. fpielete-am erſten auf der Leyer, ohne
darein zu ſingen Dieſes that er um feine mannich⸗
faltige Gefäyiticgteit zu zeigen, denn er verferiigte
auch zu gleicher Zeit Lobgeſaͤnge ©), ‚als welches die,
9 Beſchaͤfftlgung der alten Dichter war. „Ex,
auch von den Kriegen der Titanen d) rund:
—3 ein Gedichte von dreytauſend Verſen über, Die,
PN Grundlegung der Religion und Sitreniehre ®
die KOSMOTONIA , oder Erzeugung der delt,
oder @EOTONTA, welches ein steicpiebeneutender
Ausdrud ift e).
‚Die Trösinienfer pralen. mit einem, epiſthen
Dichter, OROoEBANTus genannt, welcher vor
dem Homer gefchrieben haben foll, ich kann aber
nicht ſagen, über was vor einen Inhalt k). Allein
MEIESANDER der Mileſier beſang die
Schlacht der Lapithen und Cent uren g), welche
ein ſehr berühmtes Treffen in den frühen Ihrhun · |
| — geweſen zu ſeyn, und den jungen Mufeni in Grie⸗
1 chenland,
b ‚Siehe das Verzeichniß Taad 8. und den Artikel von
——
den Pylienſern unter dem Veſtor, mo. Somer des
Thamyris erwaͤhnet; wie auch die Anmerkungen des
Euſtathius.
c) IMaraoı Nouwv 9
d) Isragx. wen Msoınns.
e) Svidas ın Thamyre.
f) Orı n OPIBANTIOY 78 Teils Ern */0 Ounes , ws
'Qaoı 04 Tpoularie Aoya. Kaı von Dovya de AAPHTA, #
Deuyıny Mad erı xaı voV am scwlonsrn) vw; * po Oungs
xaı TuTov yaradı, Asysoı.
Asrıav. Hoi» so. Bud. vs x. Be
g) 55 OR e Mirysiss, AATIOQDN mar KENTATPON Ma-
zu ayganır. | Ibid,
[4
548 Unterſuchung des Lebens
chenland ein großes Feld, fi & darauf zu iben, an
die Hand gegeben zu haben heine. ae
Der weile PASAEPHATUS h) ſoll ein Sohn
des Hermes, und nicht lange nach der beruͤhmten
Dbemonse, geweſen ſeyn. Es hat nach ihm vie⸗
fe große Männer dieſes Namens gegeben; allein Dies,
fer bewundernswuͤrdige Alte befang die. Erzeugung,
des’ Apollo undder Disne, und den Streit der {Wis
nerva mit dem YTeptunus. Er fehrieb ein Ge⸗
dichte auf die Socken der Latond (AHTOTZIIAO-
KAMON) und ein anderes von einer nicht gemeinen
Art, „die Stimme und Reden der Venus und Lies
„bei).» Er verfertigte auch ebeufalls. eine KOZ--
MOTIOIA, oder Gefchichte von der © Höpfung der. -
Welt, in fünftaufend Verſen.
Diefeg find einige von den Männern ‚in Denk
Händen die alte Görterlehre und Dichtkunft: zufam«
menwuchs. Wenn ich diefelben überdenke, fo halte:
id) es für ein Gluͤck, daß das edle Werk des Heſio⸗
dus bis auf unfere Zeiten gefommen iſt. Wir wuͤr⸗
den ſonſt ſchwerlich wiſſen, was wir aus ſo vielen
OFOFONTAIC KOCMOHOHAIZ. und koc.
MOTONTATC, als wir erzählet Haben, machen folle
ten. So aber erkennen wir aus benfelben ‚ daß. die
Geburt der Götter, der Urfprung der Dinge,
und die Schöpfung der Welt, bloß abtoechfelnde
Ausdrüce find , und in der alten Schreibart einer
gerade eben das, als der andere bedeutet, - Sie was
ren der gemeine Snbale der .erften Dichter und Ger
feßgeber,, als der frübeften Weltweiſen „welche durch
ihre
h) Suidas in #araıdaros.
)-Doas aus Aoyss SCH TE Egirros. Id. ib,
und der Schriften des Homerus. 549
ihre vetſchiedene Verbeſſerungen und Zufäge den He⸗
fiodus und Homer, ihre Nachfolger, in den Stand
feßten, felbige unter gewiſſe Regeln zu bringen, wel⸗
chefo fange als Griechenland ein freyes Land war,
im Flor waren, und auch noch einige Zeit nach dem
Berlufte feiner Freyheit dauerten.
"Und nunmehro wollte ic) Em. Hochgeboenen gers
ne den Verdruß erfparen, noch. etiwas weiter von den
Büchern anhören zu meffen, die fich etwa in des
Phemius oder feines Schülers Vorrathe befunden
Haben mögen, wenn man nicht eine vorgefaßte Mey»
nung hätte, „daß diefe Schriften, Die ich genannt,
„fpäter wären , als unfer Dichter... Und. Diefer
Meynung ift der große Geſchichtſchreiber und Kenner
der griechifchen Alterthümer., HERIDAITUS
der Halikarnaffenfer. Was die Götter anbelan«
get, faget.er, „von wannen ein jeder don denfelben
„hergefommen ‚oder ob fie allezeit da gewefen, oder
„was vor eine Geftalt oder Form fie an fich hätten,
„davon wußten die Griechen nichts „ als bis fehr
„fpäte, Heſiodus und Homer find, mie ich glau⸗
„de, ohngefaͤhr vier Hundert Jahre älter als ich „und
„mehr nidye. Und diefes find die Männer , welche
„fie die Briechen eine Goͤtterlehre macheten; wel⸗
„che den Gottheiten ihre Namen gaben , ihre Eis
genſchaften beftimmeren „ ihre Ehrenſtellen anwieſen,
„und ihre Geſtalten beſchrieben. Was die Dichter
„betrifft, die vor dieſen Maͤnnern gelebt haben ſollen,
„fo bin ich der Meynung, daß fie nach ihnen
„gekommen find., k). So weit der Geſchicht.
FREE ‚welcher fonder. Zweifel den Linus, Dr:
Mm 3 pheus,
Sy Bruce Pıßı A,
J
559, uUnterſuchung des geben
pbeus und ihre Schuͤler unter den ni —*
het die er nicht nennet.
Was er von dem Heſiodus und Homer faget,.
das muß in einem oder dem andern von dieſen Fäle
len wahr ſeyn: fie haben ent weder ihr ganzes Le r⸗
gebaͤude unmittelbar aus Aegypten gebracht, und
es in Griechenland. bekannt gemacht, welches bis
dahin nichts von Religion und gottesdienſtlichen Ge⸗
braͤuchen gewußt; oder ſie haben ohne einen andern |
Beyſtand, als ihrem eigenen Wige, daſſelbe gänz-
lich ſelbſt erfonnen, Jedoch eins iſt ſo unglaublich |
als das andere,
Mer die Natur dieſer Art von. Schriften muB ehe
was fennet, Der batf nur. eine einzige Betrachtung
anſtellen, wenn er uͤberzeuget werden will, daß eine
Theogonie ein Stuͤck von tiefer Gelebrfamteit
und ungeheurer Arbeit iſt. „Es iſt ein Lehrge⸗
vboͤude von der ganzen Welt, welches in ei-
„ne Allegorie gebracht und. eingek leidet iſt:
„Es iſt ein Werk, das Aus unendlich vielen Theilen
uſammengeſetzt von welchen ein jeder fuͤr ſich
„ſelbſt eine Entdeckung geweſen, und demjenigen, der
darinn unterrichtet worden, als ein Geheimniß
„anvertrauef worden 1). Sie zu erſinnen und. zus
„fammen zu fegen ift ein Werk von einigen Jahr⸗
„Hunderten, und die vereinigte Bemůhum der
„Stästsklngbeit und Weltweisheit aemefen.
"Auf der andern Seite, fo waren Heſtodus und
Homer auch) nicht bie erften } welche die —— in
u
1) Tuwrsar udavarav re Oson Iran € ardeuzun ur
ZIETAZIN „-nre erası duggeran, Ihre zoureran
nze- xere. Ern |
..%
2
und der er Schetten des — |
Aegppten erlerneten, und ſie uͤber die See nach
Griechenland brachten. Auch nur, eine geringe
Bekanniſchaft mit ihren Schriften wird einen jeden,
der einen Geſchmack hat, uͤberfuͤhren, daß ſie die
Uebung eines Gottesdienſtes beſchreiben, der ſchon
ſeit langer Zeit in ihrem Lande eingeführet geweſen.
Hundert Stellen in beyden Schriftſtellern machen
es überfläßig Elar, daß die Griechen die Namen
und Naturen ihrer Götter gewußt; und Opfer, Ces
vemonien, Tempel, Priefter, Gebether und Gefän:
ge lange vorher , ehe Heſiodus oder Homer ae
. ven worden gehabt haben,
Jedoch es iſt unnoͤthig, andere Beweiſe zu ge⸗
brauchen, als die eigenen Worte dieſes edlen Ge⸗
fhichtfchreibers. Im Anfange eben diefes Buches,
wenn er von dem Urſprunge des Wortes IZEAN m),
redet, faget er: OMHPON de, NT Toy HPO-
TEPON TENOMENNN Tlonrov, doxew To 8v0-
-
Ku EÜEovTa , eıs.Tnv monaw ETEVRLIH. 9302
„mer hat, wie id) mir einbilde, oder einige Dichter
„die vorihm gelebet, dieſes Wort erfunden, and
„Der Dichtkunſt einverleibet. Oder wenn wir fo güs
„tig ſeyn, und zugeben wollen, daß er an dieſer
Stelle unachtfam, "und nad; der gemeinen Mey»
nung gevebet habe; wie tollen wir das zufammen
u
m) Es fcheint ein punifcbes oder: pbhönisifhes Wort
(Gg) zu ſeyn, welches eine Mark bedeutet; weil die
See die Graͤnze des feſten Landes iſt. Dieſes iſt viel⸗
leicht die Urſache, warum Homer den Fluß Nil dem
— nennet. Qxswrs Te Poas.
Mm 4 rei·⸗
J
F.
552 Unterſuchung des Lebens
reimen, wenn er uns ausdruͤcklich erzaͤhlet, Melam⸗
Gebraͤuche bey den Leichenbegaͤnaniſſen; ſo die Or⸗
phiſchen und Bacchiſchen genannt worden, waͤ⸗
„ren wirklich und urſpruͤnglich aus Aegypten? Und
„überhaupt, Daß die Argpptier die erften von dem
„menſchlichen Gefchlechte wären, welche Feyerlich—
„keiten im Gebrauche gehabt, Proceßionen angeſtellet,
„und Unterweiſungen in den Geheimniffen eingefuͤh⸗
„tet; und daß mag TOTTNN EAAnves uenadı-
„a⸗ P).Ote Griechen felbige von Be Belt
„net haͤtten ?, |
—
|
pus, ein Mann, den Homer felbft n) drey Ges
fchlechter vor den trojanifchen Krieg ſetzt, dieſer
Melampus habe die Griechen am erſten den Nas
men und Die Opfer: des Bacchus gelehret 0)? Die
Denn iſt es nicht keichte, “ den Schluß zu — |
daß, wenn die Seichengebräudhe ‚. Dpfer, und der
Name des Bacchus in dem Homer gefunden wer⸗
den; und der Gefchichtfchreiber ung erzähler, daß
Melampus und Orpheus diefelben am erften aus -
Aegypten gebracht, und. fie die Griechen gelehret
Härten; iftes fage,ich, nicht leichte zu Schließen, „daß
„diefer große Schriftfteller — welcher ſeinen Kopf voll
„von dem Alterthume der aͤgyptiſchen ‚gottesdienft-
„lichen Gebräuche gehabt, im Gegenfaße gegen Die
„‚erft neu aufgekommene Religion Griechenlandes
* |
n) Oduse. Palbuws. o.
0) Evursern. Bip. PB.
p) Ibid. A ie
und der Schriften des Homerus. 553
unverſehens in eine Unbeftändigfeie gerathen fen,
„wenn er faget, Homer und Heſiodus wären die
„Männer, twelche für die Griechen eine Goͤtter⸗
„lehrte gemacht, und ihnen den erften Unterricht von’
„den Namen und Naturen ihrer Gottheiten gegeben
„hätten ?,, Es bleibt daher übrig, daß diefe Väter
unferer Dichtkunſt, mo nicht Mufter nach welchen
fie haben arbeiten Fönnen, welches bey dem Heſio⸗
dus q) ftatt zu finden fcheint, Doch wenigfteng eine
Menge Materialien gehabt haben, von welchen fie
ihr Werf haben aufführen koͤnnen; und diefe Mate
rialien konnten nichts anders, als die entweder mind»
lich oder ſchriftlich aufbehaltenen Lehren der rar
feyn, deren ich ige gedacht habe r).
Und auf diefe Art finden wir eine Antwort auf die
Frage, was vor eine Gelehrſamkeit damals vor«
handen , und was vor eine Arc von Erkennt⸗
Mm5 niſſe
9 —X vs ua Hriode TEeAMoraBEV Tor ayy — rare,
‚(er vebet von der Natur des Saturnus) v2 ner ua,
Gib ich , aaga say APXAIOTATNN aurs rageAnDoros,
va 08 uulixuregn durs weder. w TERRw x mes
Isoroysas IepIaen-
VOPNOYT. #84 ray zagadedsusren Mudar. “Bi 2
£) - - - Fuit haec fapientia —
Publica priuatis ſecernere, ſacra profanis;
Concubitu prohibere vago, dare iura maritis,
Oppida moliri, leges incidere ligno:
"Sic honor et nomen diuinis vatibus, atque
—— venit. POST hos infignis Homerus.
Horat, ad ——
1.
Kr - N
—8
uUnter ſuchumg des Bene
at in! den "Tagen Homers zu erhalten möglich
gewefen? Sie war gänzlich fabelbaft und allego⸗
ud „Die Kräfte der Natur und die menfchlicyen
sseidenfehaften waren der Gegenftand derfelben ; und
* beſchrieben ihre verſchiedene ERLANGEN, mit ei⸗
Nuhr Handlängen. Sie fiengen an mit dem. Ur
—
—
prunge der Dinge und ihren Abwechſelungen und
Beroͤnderungen ; bezeichneten ihre Natur und ihren
„Einfluß; und gaben, in ihrer verblümten Schreib:
„art, einem jeden eine Derfon, Sprache. und
„Art von’ Wirkung, die fich zu ihren erfonnenen
Eigenſchaften ſchickte Dieſes nannten ſie denn
eine Geſchichte von der Geburt der Bötter +
von dem Simmel, das iſt der, Erde, Luft und
See; der’ ‚Sonne Monde, und Einteilung des
Beftiens: den Fluͤſſen, Wäldern, Selfen,
- Btimnen , und andern zu der Welt gehörigen Thei«
ins). Sie erzähfeten ihre Siebe und Feindfchaften,
ihre Heirathen, Ungluͤcksfaͤlle, Empörungen, . und
URL oder. in anbert; Ausbeicen 4 das heftige
ge N, OR Des
9) Sie deinde effatur, frondenti Tempora ramo
mplicat, et gemiumgne Loci, primamque Deorum
————— — — et adhuc jenare pre:
‚catur
Flumina; tum NOCTEM ‚Nodisque MEN SIGNA,
Idaeumque IOVEM ‚Phrygiamque € ex ordine MATREM
Inuocät, et duplicis Coeloque Erebogue. ‚Parentis, m
Ki gil,, Aeneid, VII.
⸗
undder Schriften des Homerus. 355
Beftreben ihrer entgegengefegten Naturen, und die
‚aus ihrem Aeguilibrium entjtehende Eintracht :
2 velit, aut poflit ‚ Rerum Concordia difcors.
‚So, war die Wiffenfchaft der frühen Alten befchaf-
fen; und man trifft aud) Feine andere Arc der Gelehr⸗
famfeit in dem Homer an: ich meyne eine folche
Gelehrſamkeit, die man durch Hülfe der Bücher
oder Lehrmeiſter erhält; denn was diejenige Erfennts
niß anbelanget , die er: f dyials ein Keiſender ſamm⸗
lete, fo ift diefelbe von einer andern Art, und vers
dienet an einem-andern Drte,näher und eigente
licher betrachtet zu werden,
: N I ne r
r w I) =
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» 3) , N.) nr 4— — J Dir: Pr 3 WU. c 4
gactit J
von einer Stiftung
des Herrn Stolp, iR *
aus dem Lateiniſchen überfget. El
„gehen, d.L mins 7
en 13. Octobr. vorigen Jahres ift Hr. Janus
$ Stolp in einem hohen Alter bey. ung. geſtor⸗
ben, den nicht ſowohl Ehrentitel als eine
——ñ— “ und gruͤndliche Gelehrſamkeit, Berftand,
‚und ausnehmende und. ungeheuchelte Gottesfurcht
allen, beſonders den Uebhabern * Wiſſenſchaften
ſchaͤtzbar machten.
Er hat der zolladiſchen hohen Sie zu ide, |
sehen tauſend Gülden vermacher , die Einkünfte da»
von follen von zwey zu zwey Jahren angewandt wers
ben, ein goldenes a von 250, Gulden nach
einem von ihm ſelbſt gegebenen Vorbilde zu praͤgen,
welches als ein Preiß demjenigen zu Theile werden ſoll,
der von folgenden Geg ſtaͤnden die beſte Seife
ausgearbeitet bat.
1 Die
Stiftung des Herrn Stop, — 557
„Die erften ʒwey Jahre foll das Dafeyn eines ewigen
Dolch unförperlichen, allmaͤchtigen und weir
ſeſten Schöpfers und Beherrſchers der Welt, deffen
Guͤte gegen die Geſchoͤpfe fich überall; zeiget, ag. der
Betrachtung der Welt, oder eines Theiles, von ihr,
mit Flaren und, unwiberfprechlichen Beweisthuͤmern
gewiefen werden, Daß diefes der Grund der; natürli
| On Religion Wo, , und zur —“ den *
ahne.
Die folgenben zwey Jahre foll die RT
der hriftlihen Sittenlehre, beſonders wie fie im Neuer
Teftamente enthalten ift, abgehandelt, und wie weit
fie über alles, was menfchliche: Vernunft erdacht har’,
— al geudeien röR DEN.
Die Schriften fi nd in ——— oder in belan
diſcher Sprache abzufaſſen. Zur Beſorgung dieſes
Geſtiftes hat er namentlich folgende von den hieſigen
Profefforen erſuchet, Herrn Schultens , aus. den
Gottesgelehrten, Herrn Ruͤcker und Weifen aus den
Rechtsgelehrten, Herrn van Royen und Gaub, aus.
den Yrztnengelehtten” Heren Hemfterhuys alıg den.
Criticis, Hn.$uloff und Allamand aus ben Philoſophen.
Sie ſollen aus eben den Claſſen der Profelforen n andere
Aue“ der abgehenden ermäblen —
Ale die ſich zur chriſtlichen Religion heben, fola |
len zu dieſem Streite eingeladen und zugelaffen wer.
den, nur follniemand etwas in feine SEHR, ke
| TEREONERTENEGE" |;
| 855 Nachricht ve von einer Stiftung
fen laſſen, Dr A eig von. 1 ideen ler }
En —
A at Er
——— * —* als Berfafer — Sm |
einige Art kenntlich machen. Mur ſoll er ihr einen
Wahlſpruch vorfegen ‘, und eben denſelbigen nebſt
ſeinem Namen und Tirel i in einem verfiegelten Papiere
belegen.“ Des Ueberwinders Papier wird allein er⸗
öffnet, die übrigen verbrennt man verfiegel,
Die Beforger dev Stiftung ſchlagen folgendes zum
Gegenftande der: erften Abhandlung vor. Was fuͤr
einen Brad der Gewißheit, die Gruͤnde errei⸗
chen koͤnnen, die man, das Dafepyn Gottes zu
erweiſen, aus Detrschtung der Welt her⸗
nimmt, und wie man dergleichen Beweiſe
diefe wichtige. Wahrheit darzuthun, aufs
befte aus der IE falrung ——— und Bas
dig machen fell... ;
‚Man hoffe — Stolpifche er
tung befördern helfen wollen, werden ihre Schriſten
ſo einrichten, daß keine wortceiche Weitlaͤuftigteit
den beſchaͤfftigten Gelehrten, die ſie durchgehen und pruͤ⸗
fen muͤſſen, mehr Zeit, als ſich geaißret, raube.
Die Schriften ſelbſt koͤnnen an Sp. Conr. Re
ckern I. C, und Prof, vor dem 1. Heumonates 1755.
ohne ihm Koften zu erurfachen, eingefande werden.
Er wird auch auf Erfodern einen Schein wegen des‘
Empfanges jeder Schrift nad dem Wahſſyruche⸗
mit ben fie bezeichnee iſt, Be |
| Was
des Herrn Stolp. 559
Was von den Einkünften des Bermächtniffes übrig
‚bleibe, foll nad) des Verftorbenen Anordnung ange«
wandt werben Schriften anzukaufen, die die Gottes.
gelahrtheit und chriftliche Sittenlehre, auc) die Na»
turlehreund Maturgefchichte betreffen, und in der öfe
fentlichen Univerfirätsbiblioche£ zu Leiden noch niche
zu finden find. Cie ſollen dieſer Bibliothek zum ge:
meinen Gebrauche einverleibee werden. °
ah sr st I ER HIT m i 30
F Inhalt
Sufalk a. ac
des fuͤnften Stückes im drehzehnten Sande,
3) Pontoppidanus Abhandlung von den Schick
falen der daͤniſchen Sprache im Herzogthume
Schleswig. 5, 451
2) Charakter der Großmuth aus einem n Briefe bes
Heren Coſtars, an den Staatsminifter Fu⸗
cket — 493
3) —— des Lebens und der Schriften des
Homerus 319
4) Nachricht von * ER des Herrn Stolp
| | 5
a ;y⏑⏑⏑
Hambweaifges
anain,
oder
geſammlete Schriften,
Aus der
aturforſchung und Den angenehmen
Wiſſenſchaften überhaupt, -
Des dreyzehnten Bandes ſechſtes Stud,
it Koͤnigl. Pohln. und Churfürfti. Saͤchſiſcher Grephein,
Hamburg und Leipzig,
ben Georg Ehrift, Grund und Adam Heine, Holle,
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JWerſuch
"über die Geſellſchaft
nt. der
Getchrten und der —
* uͤber
h den Kühn, die Maͤcenen und die
> geleprten Belohnungen.
'
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h ‚, Sine ii ira et Audio, quorum caufas procul habeo.
Ber) ; Tacıs, Ann. L., J. & Je
Bei ſt kein Volk, das nicht lange Zeie
Sy A 5 oder vielmehr unwiffend
RSgeweſen, denn es iſt noch nichtenitjchies
— — ‚den, ob dieſe Wörter einerley bedeu⸗
% =. sen. Unſre Nation ift aus Urſachen,
bie Ph ſo gefaͤhrlich zu entwickeln, als leicht einzu⸗
ſehen find, lange Zeit in der Sinfterniß gewefen; fie
war Deswegen nicht unglücklicher, wenn wir. gewiſſen
Sin ‚2 Phi⸗
5 Aus den Melangeı de Literature de Mr, PAlembert, |
564 Verſuch über Die Geſellſchaft
Philoſophen glauben follen, die ung zu unfrer Err
bauung bemweifen wollen, dag die menſchliche Natur
durch das Wachsthum der Einfichten verderbt wer⸗
de; eine Meynung, die ich nicht behaupten will, aber‘
von der ich glaube, daß fie anfteckend genug fey, um
ſelbſt diejenigen hinzureißen, die es verfuchen würden,
fie zu widerlegen. Denn ob gleid) die Menfchen fich
in allen Welcaltern bey nahe gleich find, fie mögen
unwiſſend oder aufgeklärt, feyn; fo. muß man doc)
befennen, daß fie gemeiniglich Darunter Teiden, wenn
fie befannt werden; und man hat allezeit weit um.
ftändlichere Machrichten von denen, Menfchen mit des
nen man lebt, als-von den vergangenen‘ Jahrhun⸗
derten. Ich will alfo. lieber glauben, daß dieſe
ehrlichen Leute irren, al e8 unternehmen, ihnen ih⸗
ren Jerthum zu beweifen, aus Furcht ich möchte end⸗
kich auch damit aufhören, daß ich ihrer Meynung fey.
- Doch dem ſey wie ihm wolle, der Tag ift uns
endlich aufgegangen; da "aber die Nacht ſehr lange
gedauret hat, fo ift die Dämmerung und die Mor-
genröthe gleichfalls fehr lang gewefen. - Carl V.
einer der weifefter und folglich einer der. beften Prinz
zen, die jemals regieret Haben, ob er gleichin der Ge—
ſchichte bey weiten nicht fo berühmte ift, als eine Mens
ge von Königen, dienichts als glücklich ‚oder mächtig
gewefen, wandte einige Bemühungen an, den Ges
ſchmack an den Wiffenfhaften in feinen Staaten zu
- beleben. Er war ohne Zweifel aufgeklärt genug,
um mitten unter den Unruhen feines Reiches’ einzu⸗
ſehen, daß das Studieren der Wiffenfchaften eines
von den unfehlbarften Mitteln ſey, die Ruhe der Mo—
narchien zu verfichern, und zwar aus einem Grun⸗
* X ss de,
der Gelehrten und der Großen. 565
de, der eben diefes Studieren den Republifen ſchaͤd⸗
lich machen kann, wenn e8 zu weit darinn getrieben
wird, diefe Urfache ift folgende, weil der Reiz, der
damit verfnüpfee ift, die Menfchen fo zu fagen zu
Einfiedlern rn gegen alle andre Gegenſtaͤnde unem⸗
pfindlich macht.
Es ſcheint, als wenn die Nachfolger dieſes Monars
chen die entiweder zu blödfinnig , oder auch defpo-
tiſch waren, die weiſe Abfiche deffelben aus der Acht
gelaſſen; aber die einmal eingedruckte Bewegung
dauerte, ob gleich ſchwach , bisauf Francifcum I. der
den eingefchläferten und, trägen Geiftern einen neuen
Stoß gab. Dieſer Prinz hatte entiveder fo viel na⸗
türlichen Berftand , daß er die Gelehrten liebte, oder
tar wenigftens fo Elug, daß er fie befchüger, denn
ohne fie zu lieben befhüse man fie zuweilen, und
der Eigennuß und die Eitelfeit betruͤgt die Gelehr⸗
ten leicht über die Bewwegungsgründe der Achtungen
die man für fie hat, auch haben fie ihre Erfenntlich-
feit gegen diefen Monarchen auf eine -ausnehmende
Art bezeuget, Die Gelehrten rechnen wie der Pöbel den
Prinzen die geringften Wohlthaten an, und es ift in
der That etwas fehr merfwürdiges in der Geſchichte
des menfchlichen Verftandes und Herzens, daß es
ſcheint, als wenn der Titel eines Vaters der Wiffen-
ſchaften mehr dazu beygetragen babe, die unzähligen
Sehler Francilei I. in Vergeſſenheit zu bringen, als
der weit verehrungswuͤrdigere Mame eines Vaters
des Volks beygetragen hat, die Fehler Ludwigs des XII.
auszuloͤſchen. Es feheint, als wenn die Gefchichte _
dem erften von diefen beyden Königen, feinen Mebens
buhler um * Kuhm', Carln den V. gleich gemacht
| Nnun 3 hab e,
366 DBerfuch uͤber die Geſellſchaft
babe, ‚der bey feinen weit vorzüglichern Gaben, wer
nige. Schriftflefler zu feinem Lobe aufmunterte,
und der die läppifche Eitelkeit‘, bey feinem Le⸗
ben der Abgott einiger Gelehrten zu ſeyn, der noch
weit weniger weſentlichen und ſchaͤdlicheren see 5 das
Schrecken Europens zu fen, — iR
So geneigt 5 ber frangöfilihe: Adel it, bie Koͤ⸗
nige blindlings zu Muſtern, ſelbſt in den Laſtern,
anzunehmen, ſo zeigte er doch nicht eben einen ſolchen
Geſchmack fuͤr die Wiſſenſchaften, als Franciſeus J.
Noch wenig entfernt von denen Zeiten, wo Helden,
die nicht leſen konnten, Schlachten gewonnen, und
Provinzen bezwungen, kannte er keinen andern
Ruhm, als den Ruhm der Waffen; und dieß iſt
eines von den feltenen- Beyfpielen, die wir in unſrer
Gefhichte haben, daß die Faulheit und das Vorur⸗
theil über das Berlangen, fi) dem Monarchen gen
fällig zu machen ‚. gefieget haben. "Die natürliche
Meigung der Hofleure für die Unwiſſenheit, befand
ſich unter den folgenden Koͤnigen weit beſſer, die alle
ſehr ſchlechte Beſchuͤtzer der Wiſſenſchaften waren;
ich nehme davon nicht aus, weder Carln den IX.
den Berfafler einiger Verſe, ‘von denen men nies
mals würde gereder haben, wenn fie nicht von einem
-Mornarchen gefchrieben wären; noch felbft Heinrich
den IV. der, wie man fagt, die Gelehrten ziemlich.
günftig aufnahm, der aber allen feinen Unterthanen
beynahe eben fo gut begegnete, weil ihm nad) der
Eroberung feines Rönigreihs noch übrig blieb , ſich
der Herzen feier Unterthanen zu verfichern, und
weil eine gar in vorzügliche Achtung gegen eine ge⸗
ringe“
|
der Gelehrten und der Großen. 567
ringe Zahl feltener Perſonen, vielleicht mir dazu ge«
Dienet hätte, das Volk abgeneige zu machen.
Indeſſen da auf der einen Seite die Macht dee
Könige immer flärfer ward, brachten auf der andern
Seite die Keime der Kenntniß, die die Bemuͤhun⸗
gen Franciſcus des I. bis zum Auffchiegen getrieben
hatten; nad) und nad) in dem Mittelpuncte der. Na⸗
tion einige Früchte ‚ohne fich bis auf die beyven
äußerften Gränzen derfelben fehr auszubreiten, das
iſt, weder bey dem Bolfe, das fich mit nothwendi⸗
gen Arbeiten befchäfftiget, um: feinen Unterhalt zu ges
winnen ‚ noch bey den Großen, die mit ihrem Müßige -·
gange und ihren Intrigven genug befchäfftiger waren,
Endlich erſchien Ludwig der XIV. und die Hochach-
tung, die er den Gelehrten bezeugete , gab einer Na⸗
tion bald den Ton, die gewöhnt it, ihn von ihren
Herren anzunehmen ; die Unwiſſenheit hörete auf das _
geliebte Antheil des Adels zu feyn, Das Wiflen und
der Verſtand, die zur, Ehre: gerechnet wurden , über«
ftiegen die Gränzen ‚ die ihnen wine unvernünftige
Eitel£eit vorgefchrieben zu haben ſchien. Vornehm⸗
lic Fam die Philofopbie, durch die Blicke des Mo—
narchen belebt , aus der Art von Gefängniß heraus, -
worein die Dummheit und der Aberglaube fie einges
fperret Hatten; Bornetheile von allerhand Are weis
chen ihr nach und nach ohne Geräufch, und ohne
Gewaltthätigkeit, weil es der wahren Philofophie
eigen ift, die voraefesten Schranfen niemals mit
Gewalt zu erbrechen, fondern zu warten, bis fie fih
von ſelbſt öffnen , oder fich wegzuwenden, wenn
fie fich niche öffnen wollen. Selbſt die Kenntniſſe
die fie nicht hervorgebracht hatte, und die Geifter
; | Nnu 4 die
568. Verfuch)übee die Geſellſchaft ·
die am wenigften für fi gemacht waren / zogen Be
ie aus ihres A
a
N
Diefer phitofophifche Geil, der ſich in allen Bü
chern und’ in allen Ständen verbreitet hat, ift der’
Zeitpunet des größten, Echtes einer Nation , alsdann
Fänge der ganze Kaufe des Volks an, Berftand zw
haben, oder vielmehr welches eineviey ift, ——
faͤngt er an einzuſehen, daß es ihm daran fehlet,
nachdem man ſich zweyhundert Jahre ——
Verſtand zu verſchaffen. Vornehmlich fangen als⸗
dann die Großen an, nicht allein die Werke, ſondern
auch ſelbſt die Perſonen, ſo wohl Keith ‚als.die:
- mittelmäßigen Schriftiteller aufzufuchen; und bemüs
hen ſich zum wenigften aus Eitelfeie den Gaben Zeis
‚hen ihrer Achtung zu geben, die oft mehr eigennügig,
als aufrichtig find. : Ihrer Einfamfeit entriffen, fer;
hen fich die Gelehrten: in einen neuen Wiebel fortge⸗
trieben , wo fie oft Gelegenheit "haben zu denken,
daß fie an der unrechten Stelle ſind. Dieß habe
ich oft Gelegenheit gehabt bey mir ſelbſt wahrzu⸗
nehmen ; denn ichhabe eben ſo, wie die andern , biefe
Meife gethan. Es ift erft nothwendig geworden,
dieſelbe zu unternehmen, und es iſt noch nothmendis
ger, fiezuverfürzen. Die Betrachtungen, ‚die ſie mir
an die Hand gegeben, werben ben Vorwurf diefer
Schrift ausmachen. Da die Menfchen in gleichen
Umſtaͤnden und ähnlichen Abfichten bey nahe eineriey
fehen , fo zweifle ich nicht daran, daß viele Gelehr⸗
ten eben. fosche Anmerkungen werben gemacht haben ;
es ift defto fchlimmer für, diejenigen, Denen fie neue
feyn werden, aber die meiften unter ihnen find nicht
im Stande, diefe Anmerkungen andern nuͤtzlich zu
“mA
der Seiepsten und der Großen. *
re weil. fieificy, ſo zu fagen ‚in dem Lande
niedergelaſſen haben, wodurch ich nur gereiſet bin,
und weil man wieder zu Hauſe ſeyn muß, wenn man
mit Bequemlichkeit von denen Nationen reden will,
die man Durchgereifer hat; ich wuͤnſche, daß meine:
Erfahrung denenjenigen von einigem Nugen feyn moͤ⸗
. ge,» Dieimir in eben dieſe Laufbahn folgen werden 5
und wenn ich mir auch nicht einen: folchen vernünftie
gen: Zweck vorſetzte ſo würde ich wenigſtens doch den
meiſten Reiſenden gleich, ‘die von Dem; was fie ges
fehen haben, zw ſehr geſattiget find‘, als daß fie Luft
haben follten ihre Reife noch einmal anzufreten, und
doch zufrieden genug damit Se um andere davon
zu unterhalten.
Es iſt nicht zu verwundern, daß die Geſellſchafe
der Großen eine Art von Reize für Die Gelehrten har.
Der wahre‘ oder anfcjeinende Nutzen, den fie aus ei⸗
nem folchen Umgange ziehen koͤnnen, ift leicht vorher
zu fehen, hingegen die Beſchwerlichkeiten fönnen niche
beffer eher, als in diefem Umgange felbft, erfannt wer⸗
- den. In der That fo ift die Natur aller, laffet uns
fagen , das Elend der Eigenliebe ‚ fo befchaffen,
daß ob ihr gleich. oft das tiefe Wunden ſchlaͤgt, mas
dem Anſehen nach, fie nur leicht berühren follte ‚und
ob ee gleich vielleicht leichter ift, fie misvergnügf, als
vergnuͤgt zu machen, ſie dennoch weit mehr dazu ge⸗
neigt iſt, ſich zum voraus an demjenigen zu weiden,
was ihr fhmeichetn wird, als dasjenige zu vermus
then, was fie beleidigen Eönnte.
Der erfte Vortheil, den die Gelehrten erhalten,
wenn fie fich in der großen Welt zeigen, befteht dars
innen, daß ihe Berdienft alsdann, wo nicht befannte
Nn5 doch
—
37% Verſuch uͤber die Geſelllhaſt —
doch wenigſtens mehr geprieſen wird, und daß ſe
vor einem andern Gerichte Po dem Gericht ihrer
Nebenbuhler gerichtet werden. Um dieſen Der
auseinander zu fegen ,’ und ihm zugleich zu ——
es noͤthig, weiter zurück zugeben‘; und zu: unterfi ii
chen, aus welchem Grunde und * welche Art man)
ſich die Art von Ruhm zu erwerben ſucht, der auf
>
die Gaben des Geiftes gegruͤndet iſt erdias }
Jemehr man Verſtand hatdeſto ————
iſt man mit dem, den man Hatsisiceberufemich zuf
die verſtaͤndigen Leute aller Zeiten und aller Volter.
Es iſt wahr, dieſe Unterſuchung die ſie uͤber ſich ſelbſt
halten, wird ſehr in geheim „und weun ich mich des
Ausdrucks bedienen darf, bey verſchloſſenen Thuͤren
angeſtellet; und man wuͤrde ſich ſehr aͤrgern, wenn
das ſtrenge Urtheil, das man uͤber ſich fetbft. faͤllet,
von der Menge beſtaͤtiget wuͤrde. Vielmehr muß die
Hochachtung der andern, die nachtheilige Meynung,
die wir von uns ſelbſt hegen, erſetzen; ſie iſt ein Rohr⸗
ſtab, auf den die Eigenliebe ſich zu ſtuͤtzen ſuchet. Es
giebt nicht mehr als zwo Arten von Geiſtern, die
mie fich zu Frieden find, wenn. fie fich beurtheilen z das
hoͤchſte Genie ‚das gar nicht da iſt, und die hoͤchſte
Thorheit, die nur gar zu ſehr da iſt. Das Unvermoͤ⸗
gen der letztern, das, was ihr fehlet, einzuſehen, erſe⸗
tzet dasjenige, was ihr wirklich fehlet, und daher fol⸗
get es, daß in der Austheilung der Güter die Tho—
ren von der Natur nicht am ſchlechteſten verſorget ſind.
Ich befuͤrchte nicht, daß diejenigen Gelehrten, die
ſich die Muͤhe genommen haben, bisweilen in ſich ſelbſt
hinein zu gehen und ſich als Philoſophen zu: unterſu⸗
Sn, mir hierinn GM [ehVeeNang werden. Es
ver⸗
der Gelehrten und Der Größen 571
verhälefich mit dem Verdienſte eines Menſchen eben:
fo, als mit dem Berdienfte feiner Werke „niemand
Fannifie beffer beurtheilen als er'felbft; weil niemand
fie näher und. länger betrachtet hat. Dieſes iſt die
Urfache, daß man ſich, je größer der. innere und von:
der Meynung unabhängige Werth: eines Werfes iſt,
um deſto weniger bemüher, ihm den Beyfall andrer;
zu verfchaffen ; Daher rühren die innere ſo reine and.
vollfommne Zufriedenheit, die das Studieren der Geo⸗
metrie gewaͤhret; der Fortgang, den man in dieſer
Wiſſenſchaft macht „der, Grad der Kenntniß, den
man darin erlangt hat, alles dieſes laͤßt ſich, ſo zu
ſagen, eben ſo genau abmeſſen, als die Vorwuͤrfe,
denen ‚fie ſich befchäfftiner z wir nehmen nur als⸗
dann zu dem Maaße anderer die Zuflucht „wenn diefes
Maak nicht genau beſtimmt iſt, und wenn wir hof⸗
fen koͤnnen, daß es uns vortheilhaft ſeyn werde. In
den Sachen des Geſchmacks aber und den ſchoͤnen
Wiſſenſchaften beſteht dieſes Maaß bloß in einer Art
von Hoch achtung die allemal ein wenig willkuͤhrlich
iſt, wo nicht im Ganzen, doch wenigſtens in einem ges,
wiſſen Theile, den die Leidenſchaften und der Eigen⸗
ſinn nach ihrem Gefallen erweitern, oder zuſammen
ziehen. Ich zweifle alſo nicht daran, daß die Mens
fchen in dem Falle, wenn fie. von einander ‚abgefen-
dert lebeten, „und ſich in dieſem Zuftande mis etwas
anders alsihrer Erhaltung beichafftigen Fönnten, das
Studieren ber ftrengen und eigentlichen WBiffenfchaften,
dem Studieren der angenehmen vorziehen würden.
Die legtern treibe man größfentheils nur für andere,
und für ſich felbft ſtudiert man Die erſtern. Ein Poet
würde wie mich deucht, ihm einer wuͤſten Inſel au
| nicht
4
572 .Verſuch über die Geſellſchaft
nicht eitel ſeyn da es der Mätpemarifer doch noch
ſeyn koͤnnte. J
Aus dieſen Betrachtungen Könnte man Tnatilichen:
Weiſe fchliegen, daß die Begierde nad) Ruhm’, fo:
natürlich fie auch den Menfchen feyn mag, doch: ſehr
geſchickt ſey, ſie zu demuͤthigen, wenn man dieſelbe
mit einem philo ſophiſchen Auge betrachtet, Aber
ohne uns länger bey einer ſo ſtrengen Folgerung' aufzus
halten, laſſet uns weiter gehen und der Eigentiebe in
alle ihren Runftgriffen und Schlichen nachfolgen.
Odb ſie gleich begierig iſt, andere zu betriegen, ſo
will ſie dennoch dieſelbe nicht auf eine gar zu grobe:
Art hintergehen; ; denn fie koͤnnten ihren Irrth
bald: erfermen , und alsdenn würden fie ſich durch
eine Verachtung rächen, die oft eben fo. —
als ihre Hochachtung. Aber wenn auch dieſer Irr⸗
thum dauern ſollte, ſo wuͤrde doch der Betrug der
Eigenliebe um deſto ſchwaͤcher werden, je groͤßer der
Betrug der andern ſeyn wuͤrde. Das Vergnuͤgen ‚be
wir empfinden, wenn wir andere betriegen , beſteht
zum Theil auch darin, daß wir ſehen, wie ſehr wir
ſie in der Kenntniß unfrer ſelbſt und — Gaben
uͤbertreffen. Soll aber dieſes Vergnuͤgen ſo rein und
fo vollfommen ſeyn, als es möglich iſt, fo iſt uns
daran gelegen, mit folchen Leuten zu hun zu haben,
die fo uneigennüßig find, daß fie ung nicht aus Eis
ferfucht oder Seibenfehaft herunterfegen, und die fo
aufgeklärt find , daß wir glauben Fönnen, daß fie un«
terfuchen , ehe fie den Ausfpruc) thun, die aber auch
zugleich 6 obenhin unterfuchen, daß wir Fein gar zu
ſtrenges Ei von — a rn haben. =
N, Die
der Gelehrten und der Großen. '573
Dieſes iſt wo ich mich nicht irre, die Urſache, wes⸗
wegen die meiſten Gelehrten ſich ſo ſehr um die Hoch⸗
achtung und guͤtige Aufnahme der Großen bemuͤhen.
‚Man glaube, daß ihnen die Erziehung, einen de
wiffen Ancheil von Einficht gegeben , man finder we⸗
nigſtens diefes Vorurtheil ziemlich allgemein angenom⸗
‚men, und weil die Eitelfeitihren Vortheil dabey fin«
det, fo mache ſie ſich daſſelbe zu Nutze; denn die Philo⸗
ſophen ſelbſt befoͤrdern diejenigen Vorurtheile, die
ihnen vortheilhaft ſind, mit eben der Hitze, womit ſie
diejenigen zu zerſtoͤren ſuchen, die ihnen ſchaden.
Man ſucht vornehmlich diejenigen Großen auf ſeine
Seite zu bringen, die ohne ſich den Wiſſenſchaften
‘ganz zu ergeben , fie dennoch bis zu einem Grade trei.
ben, die aber weder, auf ihre Gaben noch ihr Ans
fehen ihr Gluͤck bauen wollen ; da ſie in einer ver
ſchiednen Laufbahne eingefchloffen find, fo hat man
nicht zu befürchten , daß ihre Blicke zu feharffichtig
feyn werden. Man findet eben bey ihnen den Grad
der Einfichten , den die Eigenliebe zu ihrer Berichti⸗
‚gung fordern Fann. Inzwiſchen da diefe Art von
halben Kennern felbft noch fehr felten unter den Groß
fen ift, fo begnüge man ſich nicht damit um die Lob⸗
fprüche dererjenigen zu buhlen, welche die aufgeflär-
teften zu feyn feheinen 5 Man finder ein Vergnügen
daran, fi) der Sobfprüche von aller Art von Großen
zu bemächtigen, weil man hoffet, daß der Beyfall de»
rerjenigen, die dieſe Lobfprüche ertheilen,, eine Menge
. von geringeren $obrednern nach fich ziehen wird, weil
ſie in größerm Anfehen ftehen und bekannter find. Die
Stimmen diefes niedrigen Haufen würden fehr wenig
ſchmeicheln, wenn fie allein wären, da fie aber —9—
ma den
Verſuch über die Geſellſchaft
„den Hauptbeyfall gezieret werden , fo vermehren fie
nicht nur die Zahl, ſondern erlangen auch ſo gar eis
ne Art von Werthe. Die Eigenliebe, die nach Ruhm
geizet, ſuchet ſich Diejenigen unter den Großen geneigt
zu machen, die am meiſten von dieſen Echos zu ih⸗
ren Dienſten haben; eine weniger zaͤrtliche Eitelkeit
iſt ſchon damit zufrieden, wenn ſie zwey oder drey groſ⸗
ſe Namen auf die Liſte ihrer Bewunderer ſetzen kann.
Diß iſt der wahre oder vorgebliche Bortbeil, den
die Gelehrten aus dem Umgange mit den Großen fuͤr
ihren Ruhm zu ziehen glauben: ich verſtehe unter
Große alle diejenigen, die es entweder durch ihre
Vorfahren, oder durch ſich ſelbſt ſo weit gebracht
haben, daß ſie in der Geſellſchaft mit Anſehen leben;
denn die Macht des Prinzen, der in einemfor monat
chiſchen Staate, als der ‚franzofifche ift, nur! im ei⸗
gentlichen Berftande der einzige große Herr iſt, hat
viele Stände genaͤhret und vereiniget; der Ueberfluß
dieſes Pfand der Unabhaͤngigkeit und des Anſehens,
geſellet ſich gern eigenmaͤchtig zu der hohen Geburt,
und ich weiß nicht, ob man Unrecht hat, es zu leiden;
es fcheint fo.gar, Daß die niedrigen Stände, die dies
fer. beyden, Vorzuͤge beraubt find, ſie auf eine Linie
zu feßen fuchen, ohne Zweifel: um die Menge der Claſſen
von Menſchen zu verringern , die über die, ihrige:er-
haben find,, und einiger maßen Die verfchiedenen Drde
nungen, zu der natuͤrlichen Gleichheit zuruͤck zu we
gen ‚nach der. man immer. ſtrebet „ohne einmal da⸗
ran zu gedenken. de ginge se a
. - Man erlaube mir hund Diefeikustheit er —
und das Recht, ſo fie ſich anmaßen , ober ‚das ‚man
Km ‚bewilliger, deſſelben a "udn: |
der Gelehrten und der Großen. 575
Fältem Blute, ohne Verdruß und ohne Schmeiche ⸗
ley zu betrachten. Aber ehe ich mid) in dieſe Unter⸗
ſuchung einlaſſe, muß ich, wie mich deucht, anzei⸗
gen, daß ich nicht Willens bin, ganz allgemeine
Grundfäge: der» Sachen feftzufegen ; ich räume mit
Vergnuͤgen einige Ausnahmen ein, die Geburt und
das Glück fehliegen die Gaben des Geiftes nicht aus,
wie fie ſolche audy nicht geben Fünnen. j
Ich habe mich unterſtanden zum voraus, die Mey.
nung ein Borurtheil zunennen , vermöge welcher man
glaubet, daß die Großen ‚eine beffere Erziehung ge»
babe. haben, und folglich, wenn: fonft alles gleich ift,
beflere Kenner feyn.müffen, als.alle andere Menfchen,
Die Erziehung , die man ihnen giebt, und die immer
nur auf das Yeußere eingeſchraͤnket wird, kann ihnen
Dazu dienen , den Pöbel zu ihrem Bortheile zu hinter
geben, nicht aber die Menfchen zu beurtheilen. Wie
fabelbaft iſt nach ‚unfern Sitten ‚der Brief , den
Philippus an dem Geburtstage. des. Aleranders au
den. Aeifisees ſoces Was wuͤrde Eolrates von
Pt. ‚Der
u Bi Eine, * Aria an —* großen Geiſt
den er in’ feinen Staaten hatte, baben mir einen
Sohn gegeben, und ich Dante ihnen ‚nicht fowohl
dafuͤr, Daß fie ibn mir gegeben baben,, als dafür,
Daß fie ibn mie zur’ Seit des Kriftoreles gegeben ba:
ben. Diefer Brief, der dem Prinzen zum wenigſten
"eben fo viel Ebre macht , ald dem Philofophen muß
s den Philippus in den Augen der Weiſen weit, mehr
verewigen, als die gefahrliche Befchicklichfeit , mit
„ber er die Ketten Griechenlandes vorbereitere. Schon
ſeit langer Zeit erhalten.die Philofophen nicht mehr
R Apgaleichen Briefe, ich will nicht ſagen von —
ondern
I H
IR ö
576 DBerfuch uber die Geſellſchaft
der öffentlichen Erziehung unferer adlichen Jugend,
von den Lappereyen fagen, womit man fich ein Ver⸗
gnügen macht , fie zu nähren‘, als wenn ſonſt
nichts Gutes wäre, was man fielehren fönnte ?. Ge»
gen das Schickſal diefer jungen Seelen empfindlich,
die fo fähig find „die Eindrüde des Schönen, des
Großen und des Wahren zu faffen, würde er nur gar
zu oft Gelegenheit Haben, ihren Lehrmeiſtern diefen
Grundfag zu miederhohlen , den man bishero nur
bloß auf die Sitten angewandt hat, daß man die
Rindbeit nicht genug verehren und ſcheuen
könne. Wiefehr wuͤrde er fich vornehmlich darüber
derwunberh , daß man in dem Schooße einer fo de
muͤthigen Religion , als die Chriſtliche, und die fo
fehr gefchicke ift, die. Menfchen? einander zu nähern,
ſich beftändig bemüher, unſere junge Herren an den
Ruhm ihres Nahmens und ihrer Geburt zu — —
und daß man zu Ihrer Aufmunterung keine weſentli⸗—
chere und edlere Beivegungsgrühde zu finden weiß;
anftatt daß man ihnen beftändig aolederhopfensfollte;
daß die andern Menfchen nach der Abficht der Na—
eur ihnen gleich find , daß viele ſie durch die Gabe
des Geiſtes weit übertreffen, und daß ein, großer
Name für denjenigen , der denken Fann ‚eine eben
fo ſchwere Saft ift, als ein frühzeitige Ruhm,
ERDE mer 2m ron De
"fondern fo gar von denen nicht einmal, Die niemals
‚Hoffnung haben, es zu werden. Sm übrigen rede ich
von der Erziehung der Großen bier nur im Borbey:
‚sehen, und weil dieſe Sache mit meinem Vormurfein
einer nothwendigen Verbindung'ffeht. Wie vielbät:
te man noch von einer fo wichtigen Sache zu fagen ?
der Gelehrten und der Großen. 577
Ich befuͤrchte nicht, daß man dieſem zum Ungluͤck nur
zu gerechten Tadel der Auferziehung, ſo die Großen
empfangen, die Lobſpruͤche entgegen ſetze, die berühmte
Perſonen derfelben ertheilet haben, ich würde in diefem
Falle antworten, daß fie entweder nur von dem ges
redet haben, mas fie ſeyn Fonnte, oder wenn fie ja
won der Erziehung geredet haben, wie fie zu ihrer
Zeit geweſen, fo ſey fie ganz unfenntlich geworden; _
und ic) wuͤrde mich unterflehen zu Diefen Weiſen zu ſa.
gen : fommet und ſehet. Ich befuͤrchte eben ſo wenig,
daß man mir einige gluͤckliche Genies entgegen ſetze,
deren ſeltene Gaben der ſchlechte Anbau nicht hat erſti⸗
cken koͤnnen. Mit eben dem Grunde koͤnnte man vorge
ben, daß man die Ruſſen nicht verbeſſern duͤrfe, weil
der Eyaar unter ihnen qebohren worden.
Mit dieſem reichen Vermögen von Begriffen und |
Einfichten verurtheilen und beſchreyen fo viele große
Herren, Dasjeni ge, was fie verehren follten, und
iſt es zu verwundern, daß fie weder unter den Wera
fen nod) unter den Menſchen einen Unterfchied ma—
chen koͤnnen, da fie weder von andern noch Durch fich
felbjt Grundſaͤtze erlanget Haben, wodurch fie Das ges
ringite ſchaͤtzen koͤnnen? Der Gelehrte der am mei—
ftenum ihnen iſt, und ihnen am meilten (mei elt,
iſt fuͤr ſie, ſo mittelmäßig ex auch ift, der evfte in
feiner Art, fo wie die Gunftbezeugungen eines Minis
ſters nur für diejenigen beſtimmet find, die ihm am
bäufigften und fleigigften aufwarten, Diefer Gen
lehrte iſt ihr Orakel und ihr Rathgeber; fie find das
Echo feiner laͤcherlichen Entſcheidungen.
Auch iſt es ein ſehr angenehmes und ph loſbphi.
ſches Schauſpiel, weun man mſizht— wie ſehr ſie ſich i in
13. Band. Oo ihren
vr
578 Verſuch über Die Geſellſchaft
ihren Urtheilen widerſprechen; die laufende Mey⸗
nung, die ihre Schmeichler ihnen umgeben, iſt alle»
zeit die ihrige, weil ſie ſelbſt keine haben! Das letz⸗
te Werk eines beruͤhmten Mannes, der nicht das
Glück hat, ihnen zu gefallen, iſt allezeit dasfchlechtefte -
von feinen gelehrten Arbeiten; fie fangen nicht eher
an, ihm Gerechtigkeit. widerfahren zu laffen, als
bis er durch ein neues Werk der Satyre eine neue
Nahrung giebt; alsdenn verfichern fie, daß ſich in {
dem vorhergehenden. noch) einige Gaben zeigten, aber
nun müffe man von einem abgenügten Geifte nichts
mehr erwarten.
Es würde ein fehr wirffames Mittel ſeyn, dieſe
Ariſtarche vorſichtiger zu machen, wenn man fie da-
hin bringen koͤnnte, ihre Meynungen schriftlich zu
geben. . Mac) Verlauf weniger Jahre, wenn die
Wuth der Cabale und des Geiftes der Parteyen-
Dasukaı
dem Ausſpruche der Weifen Platz gemacht hätte, würs
den diefe eben fo jtrenge, als unwiſſende Richter , ent»
weder fich felbft oder dem Publico widerfprechen ;
denn ohngeachtee aller der Schmähungen, die man
rider das Publicum ausfchütter, und die es biswei-
len verdienet, giebt es doch ein Publicum, das mit
Einficht und Billigkeit entfcheidet. Esiftwahr, dieß
Publicum, das richter, das ift, welches denft, be
fteht nicht aus allen denen, welche entfcheiden, hoch |
ſelbſt aus allen denen, welche leſen; feine Ausfprüche
find niche lärmend, oft unterfucht es noch, wenn die
geidenfchaft und das Vorurtheil fehon entfchieden zu
haben glauben; und feineDrafel, die einigen weni-⸗
gen Perfonen zur Bewahrung gegeben werden, ſchrei⸗
ben endlich der Menge vor, was fie glauben foll, .
} i | Of
der Gelehrten und der Großen. 579
Vornehmlich trifft man diefe Perfonen unter den
Gelehrten, und auch nur unter ihnen allein an, nur
den Meiftern der Kunſt fomme e8 zu, die wahren
Schönheiten eines Werkes und den Grad der über«
wundnen Schwierigkeit zu fhäßen; wenn es den
Großen zufömmt, ein gefundes Urrheil darüber zu
fällen, fo koͤmmt es ihnen nur in fo fern zu, als fie
felbit im ficengen Werftande Gelehrte feyn werden.
Selten wird ein bloßer Liebhaber von der Kunft mit
fo vieler Einſicht, ich will nicht fagen, als ein ges
ſchickter Künftier, ſondern nur als ein mittelmäßiges
Kuͤnſtler urtheilen. Man bilde fich auch nicht ein,
daß die leichte und fo gemeine Gabe, fchlechte Werke zu
machen,denen man den ehrlichen Namen der geſellſchaft⸗
lichen Werke beylegt (ouvrages de Societe) ſchon das
Anrecht auf die Eigenfchaften eines Richters giebt.
Man kann die Geheimniffe einer Kunft nicht eher
recht einfehen lernen, als bis man alle ſeine Kräfte
anwendet, und bey allem dem hat die Natur
diefes Gefchenf im geringften nicht verſchwendet.
Will man aber alle feine Kräfte anwenden, fo muß
man fich im Schreiben nicht auf einen fleinen Zir«
‚fel von Freunden und gemeinfchaftlichen Schmeidys
lern einfchränfen, man muß fich entweder der großen
Welt zeigen, oder zum mwenigften fo arbeiten, als
- wenn man vor derfelben erfcheinen ſollte. Ungluͤck⸗
lich ift das Werf, deffen Berfaffer weiter nichts ſuchet,
als die Zeit zu vertreiben, oder fünf oder fechs Stim⸗
men zu erhalten, die ihm ſchon vor der Ablefung ſei⸗
nes Werks gewiß waren. ch berufe mich auf dieſe
unzeitigen Werke, die ihre erbabene Berfaffer mit
> fo vielem Rechte dazu — nie aus der —
02 el⸗
580 Verſuch fiber die Geflſchaft
kelheit hervorzukommen, und die von denenjenigen
in geheim verachtet werden, die dieſelbe laut gelobet
hatten. Vor allen andern berufe ich mich auf die Art,
wie das Publicum!fie aufnimmt, wenn fie ſich durch
ein Ungluͤck oder durch eine ungeſchickte Eitelkeit un⸗
terſtehen, oͤffentlich zu erſcheinen.
Aber, wird man ſagen, ihr uͤberlaſſet alſo dem Ge⸗
lehrten die Beurtheilung feiner Nebenbuhler, und
kann man hoffen, daß diefe Leute billig feyn werden,
vornehmlich alsdann , wenn fie ihre. Ausfprüche nicht
bey ſich ſelbſt behalten ? Um diefen Einwurf zu bes
antworten, merke ich an, daß es unter denen Ges
lehrten, die in einer Saufbahn eingefchloffen find, fo
‚wie verfchiedene Gaben alfo auch verfchiedene Claſſen
gebe. Diefe Elaffen find von ſich felbft zum Gewinn
beſtimmt; und die Gelehrten machen dieſelben, faſt oh⸗
ne es zu wollen, durch eine Art von ſtillſchweigendem
Vertrage. ch, geftehe es, ein jeder ſucht fich in eine
fo erhabne Eiaſſe zu ſetzen, als es ihm nur moͤglich
iſt, aber man hat nicht zu beſorgen, daß die Claſſen
durch dieſe Forderung ſehr verwirret werden, denn
die Eitelkeit iſt nur bis zu einem gewiſſen Grade
blind, es wird bloß das daraus entſtehen, daß man
wenige Claſſen haben wird, nie aber werden ſie in
eine einzige zuſammen fallen: ſelbſt derjenige, der
nach einer allgemeinen und beſtaͤndigen Monarchie
ſtreben wuͤrde, wenn er derſelben auch noch ſo wuͤrdig
waͤre, wuͤrde Gefahr laufen, viele Rebellen zu fine
den, die Anarchie die die politiſchen Staaten zerſtoͤ⸗
ret, mierſite und erhält im Gegentheile die Re⸗
publik der Gelehrten, höchftens leider man zwar einige
Magifiatsperfnen, aber Feine Könige. 1% 2 |
a
der Gelehrten und der Großen. 581
Da diefe Claſſen auf dieſe Art eingerichtet
und feine mit der andern etwas zu thun bat,
wird man doch faft allemal in den obern und wi
Claſſen billig gerichtet, wenn man ja in feiner eig—
‚nen Claffenicht richtig follte beurtheilet werden: Man
‚befrage diefe verſchiednen Claſſen befonders, aus der
Bereinigung ihrer verſchiedenen Ausfprüche wird ein
Urtheil erwachſen, womit man zufrieden ſeyn kann,
wenn man nicht im Stande iſt, ſelbſt zu urtheilen.
Huf dieſe Art werden die Feldherren nach dem Bey⸗
falle der gemeinen Soldaten und dee Subaltern Offi—
eiere weit billiger beurtbeilet, als nach dem Ausſpruche
ihrer Mebenbubler und einiger gedungnen Schmeid)
ker. Bey den Willenfchaften ift es eben fo, der
Ausfpruch der Kenner kann bloß eine langfamere Wirs
fung haben , weil er gemeiniglic) an einer gar zu
großen Anzahl ungerechter und laͤrmender Entfcheis
dungen Widerftand findet, Denn e8 verhält fid) mit
dem Wise und dem Gefchmäde eben fo als mit. der
Philoſophie, nichts ift feltner, als fie zu haben ,. nichts
iſt unmöglicher, alsjie zu erlangen, und nichts ift ges
meiner, als fiheinzubitden, fie in großem Grade zu
haben. Daher entfpringe fo oft ein angemaßter
Ruhm, mwenigftens auf eine Zeitlang; ein Ruhm,
‘der mittelmäßige Geifter nicht aufmuntert und befeele
und die wahrhaften Genies niederfihläge, der. fie des
muͤthiget, und der ihnen die Hände zeigt, durch welche
der Ruhm ausaetheiler wird; daher entfpringe die
"Menge von Eleinen®efellfihaften und@erichten, vor des
nen die großen Genies von Leuten geläftere werden,
die, nicht einmal wuͤrdig find, fie zu lefen,
"203 Wenn
382 Verſuch aber die Geſellſchaft
Wenn die practiſche Philoſophie, das iſt, derje—
nige Theil der Philoſophie, der dieſen Namen eigent⸗
lich allein verdienet, die erhabenen Gaben ein wenig
mehr als gewoͤhnlich begleitete, wie viel Vergnuͤgen
wuͤrden ihnen die Kriege dieſer kleinen Geſellſchaften,
die Verachtung, die ſie gegen einander annehmen,
oder vielmehr die ſtrenge Gerechtigkeit, die ſie ſich
widerfahren laſſen, das erhabene und entſcheidende
Anſehen, womit fie die Ausſpruͤche ihre Nebengeſell⸗
ſchaft aufheben um andre bekannt zu machen, die
eben ſo laͤcherlich ſind, und endlich die Neuerungen,
die fie in unſre Bücher eingefuͤhret haben, und wos
vor fich unfre beften Schriftfteller kaum hüten koͤnnen,
mie viel Vergnügen fage ich, würden ihnen alle dies
fe lächerlichen Borwürfe verurfachen ? f
Wenn man ein ſolches Schaufpiel mit den Augen
einer aufgeklärten und ruhigen Vernunft betrachtete,
‘fo würde diefer Anblick ſchon mehr als zu rührend
ſeyn, einen wahren Philofophen wegen des Mangels
einer Menge von nichtsmürdigen Lobſpruͤchen zu troͤ⸗
ften. Gleich einem furchtbaren Monarchen duch
feine Größe über alle Anfälle erhaben , würde er weit
unter fich und in der Ferne barbarifche Corſaren ſich ein⸗
der zerreißen fehen, nachdem fie vergeblich verfucht,
auf den Gränzen feiner Staaten einigen Schaden
- anzurichten. Aber die Philofophen, oder vielmehr
diejenigen, die diefen Namen führen, gleichen den
Monarchen nur gar zu fehr, und koͤnnen nicht die
geringfte Beleidigung überfehen; das Verlangen
ſich desfalls zu rächen ift oft weit fehädlicher \als die
Beleidigung felbf. Man muß den Neid fehr
ſchlecht kennen, wenn man ihn dadurch zum en
s weh
der Gelehrten und der Großen. 583
ſchweigen zu bringen glaubt, daß man ſich gar zu
empfindlich dagegen zeiget. Ein Mann der ſich durch
ſeine Gaben fuͤr wuͤrdig ſchaͤtzt, beruͤhmt zu werden,
darf nur die oͤffentliche Stimme reden laſſen, und
erwarten, wenn id) fo fagen darf, daß der Ruhm
fomme undfeine Befehle abhole. Siewird bald allen
fubalternen Stimmen ein Still ſchweigen auflegen, weil
die Staͤrke des Haupttons in einer ſchoͤnen Sympho—
nie alle Diſſonanzen zernichtet, die ihre Harmonie
ſtoͤren wollen. Aber iſt der Gelehrte, von dem ich
hier rede; fo wenig ein Philofoph , daß er ſich dar⸗
über ärgert ‚ daß man ihmnicht Gerechtigkeit wieder⸗
fahren laͤßt, und iſt er ſo unvorſichtig, daß er ſeinen
Verdruß ausbrechen läßt, ſo wird der Meid feine Anz
fälle verdoppeln; er wird ihn wider feinen Willen
auf Mebenwege führen, und ſich bemühen, ihm
durch ein lächerliches mehr Schaden zu thun, als er
ſich durch vortreffiiche Werke Ehre erwerben Fann.
Es geht bey dem Ruhme eben fo wie bey Kranfheis
ten, in beyden fhaden wir uns immer durch die Un⸗
geduld. Wie vielen erhabnen Genies koͤnnte man
nicht eben den Vorwurf machen, den man vormals _
‚entweder mit Recht oder Unrecht dem Feldherrn der
Carthaginenſer mahte. Die Götter haben einem
Menfchen nicht alle Gaben verliehen, du haft die Ga»
be zu fiegen, aber nicht die Geſchicklichkeit den Sieg
anwendet, ſich nicht der * ausſetzet, von ih⸗
| 20
zu gebrauchen, Der Ruhm iſt eine Art von Gefell«
fchaftsfpiele, worinn man von ohngefähr ohne Zweifel
bisweilen glücklich ift, aber wo die Geſchicklichkeit
des Gemwinnes weit mehr verfichert ift, mern man
nur dadurch, daß man die Kunftgriffe der Betrüger
nen
sg Verſuch uͤber Die Gelelthat
nen entdecket zu werden. | Aber man gewöhnet ſich
ein wenig gar zu ſehr, denſelben als eine bloße Lot⸗
terie anzuſehen, worinn mehr Niethen als Gewinn⸗
ſte ſind, und worinn man ſein Gluͤck zu machen glaubet
wenn man falſche Zettel macht.
Wenn ich das Reich derWiffenfehaften baknefians |
‚betrachte ‚fo deucht mid), als wenn ich einen Markt fehe,
wo eine Menge von Duacfalbern an ihrer breternen
Bi ihne ſteht, die Vorbeygehenden anruft, und das Volk
einnimmt, das anfänglic) über fie lache, und fich end»
lich von ihnen betrügen läßt. Durch diefes Hand⸗
werk verfchaffen ſich fo viele Schriftſteller eine Art
von Namen. Wollet ihr für einen witzigen Mann
gehalten werden? fihreyer laut aus, daß ihr es feyd.
Anfänglich werdet ihr dem größten Haufen lächerlich
i vorkommen, indeſſen werdet ihr doch einige Narren
. einnehmen, die fich um euch verfammlen werden,
der Haufen wird ſich nad) und nad) vermehren,
und felbft Diejenigen, Die euch nicht anhoͤreten, wer⸗
den endlich entweder der Meynung der Menge beyſtim⸗
men, oder zum Stillſchweigen gezwungen werden.
Auch iſt der Ruhm gewiſſer Gelehrten, wenn man
ihn mit ihren Werfen und Perſonen vergleicht, für
viele Leute eine außerordentliche Erfcheinung, Die fie
nicht verfuchen zu erklären, die fie aber aus Ehr⸗
furcht für das, was fie Pubticum nennen, einraͤu⸗
men muß. Sc) rathe ihnen in biefem Falle, dem
Beyſpiele jenes Narurfimdigers zu folgen , der erkläs
ven wollte, warum bie Keller im Winter wärmer.
als im Sommer find, und fagte, daß. Diefes viels
leicht von diefer oder jener Urſache, oder auch viel⸗
leicht von der Urſache herkomme, daß ee nicht wahr *
| Ay
' 5 y j ;
der Gelehrten und der Großen. 595
Ich will den. Gelehrten bier nicht alle: die allgemei—
nen Sprüche über die Berachtung des Ruhms vor»
predigen, die fo oft und mic fo fehlechter Aufrichtig⸗
keit von den Philoſophen angeprieſen worden. Ich will
mich nicht bemühen, Bewegunsgruͤnde herunter zu fer
gen, die, wern man es ſo haben will, feinen wahren
Grund haben, aber dennod) die Quelle aller großen
nüglichen und angenehmen Handlungen: der Mens
ſchen find. Die Hochachtung feiner Zeitgenofien und
Landesleute ift zum wenigiten ein Gut, das man das
für angenommen bat ‚(wie fo viele andre), und das
fo-alfgemein dafür erkannt wird, daß es unfinnig,
unnüg und gefährlich feyn würde; jemanden bier»
inn anders zu belehren. Aber wie, die öffentliche
Hochachtung große Werke hervorbringt, fo muß
man, diefeibe auch Durch große Werke erhalten, oder
wenigſtens verdienen, und nicht durch, unnuͤtze und
niedertrachtige Kunftgriffe zu rauben trachten.
Schreibet, kann man zu allen Gelehrten ſſagen, als
wenn ihr den Ruhm liebtet, bezeiget euch J als wenn
er euch gleichguͤltig waͤre.
Dieſe Berirachtungen ſcheinen denenjenägen fon=
derlich nüßlich zu feyn, die man ſchoͤne Geifter nen»
nee, und deren Werke am elendeften beuriheilet wer⸗
den, weil fie dazu gefchrieben find um -gelefen zu
werden. Sie find denen Gelehrten minder nöthig,
die ſich mit den eigentlichen Wifjenfchaften befchäfftte
gen, und deren Berdienft, um feftgefegt zumwerden,
nicht braucht, von andern erjt gemeffen zu werden.
an follte -indeflen, ganz anders davon. urtheilen,
wenn man die Mafchinen fieht, die fie anwenden,
um Lobfprüche zu erlangen, die mehr glänzend als
05 aufs
586 Verſuch tiber die Geſellſchaft
aufgeklaͤrt find, den giftigen Haß; den ſie gegen ei.
ander hegen , und ben fie nicht einmal’ aus Klug.
heit geheim halten ; diefe fo ſchwache Menfchen lafr
fen ſich dennoch) Philoſophen nennen, gleichſam als
wenn die Philoſophie, ehe ſie ſich einlaͤßt das Syſtem
der Welt gut oder ſchlecht einzurichten, nicht bey uns
ſelbſt anfangen und uns lehren muͤſſe, einer jeden
Sache ihren gehoͤrigen Werth beyzulegen. Man
ſetzt gemeiniglich den Haß der Poeten dem Weiber⸗
haſſe nach, ich weiß aber nicht, ob man nicht recht
daran thun wuͤrde, wenn man den Haß der Leute
von denen ich rede, zwiſchen beyde, oder gar vor⸗
an ſetzte. Ein ſchlechtes Sinngedicht ift bisweilen
die ganze Rache eines Poeten, die Rache unfrer
Weiſen ift weit anhaltender und überlegter; ob fie
gleich bisweilen keinen andern Grund hat, als ein
Frauenzimmer i in das Verzʒeichniß ihrer Anhänger zu
fegen, die fich etwas darauf einbilder, daß fie den
Verdruß ausgeftanden, phyſikaliſche Buͤcher u
fen, ohne fie zu verſtehen.
Ich bin weit entferne, zu glauben, daß dieſes
Bild ſich auf alle diejenigen erſtrecke, die in der ed⸗
len Laufbahn der Wiſſenſchaften laufen; noch weit
weniger iſt es meine Abſicht, daſſelbe auf eine Per:
fon befonderg anzumenden ; auf diefe Art würde ic)
durch die Satyreeine Schrift verunehren und veruns
falten, die ich einzig und allein der Syugend, dem
Vortheile der Wiffenfchaften und der Wahrheit wid»
men möchte. Die allgemeinen Schilderungen find
die einzigen, die fich die Philoſophle und die Menſch⸗
lichkeit erlauben follen: es ift wahr, weil man felten
darauf denkt, fie auf ſich achawenden ſo ſind is
nicht
der Gelehrten und der Großen. 587
nicht ſo nuͤtzlich, als ſie es ſeyn ſollten, aber befon«
dere und gleichende Gemälde find es Koch weniger.
Um einen ſolchen Vorwurf zu vermeiden, wollen
wir uͤber die traurigen Fruͤchte der Aufnahme, die man
den Gelehrten in der Welt wiederſahren laͤßt, die
Decke ziehen. Wenn ich von Gelehrten (Savans)
rede, ſo verſtehe ich nicht diejenigen darunter, die man
Gedaͤchtnißgelehrte (Erudits) nennet ; dies iſt eine
Nation, die bisher nur wenig bekannt‘, fehr ſchwach
iſt, fer wenig Handlung freibt, und darum gewiß
nicht mehr Tadel verdiener. Würden unfre Naturs
fündiger und Geometer nicht wohl daran thun, wenn
fie ihnen nachahmeten? Ihre Arbeit würde dadurch
beſſer gedeyen ; fie — weniger Aufſehen machen,
und vielleicht wuͤrde ſie dadurch nur beſſer werden.
Ein Auslaͤnder hat ein Buch von der Charlatanerie
der Gelehrten geſchrieben; dieſer Titel verſpricht ſehr
viel; ich kenne das Werk nicht; ſollte es aber zum
Ungluͤck ſchlecht ſeyn, ſo wuͤrde die Schuld nicht an
dem Mangel der Nachrichten, ſondern an dem Ver⸗
faſſer liegen, wofern er aber nicht in Frankreich ge-
wefen ift, fo bat er feinem Buche ein vortreffliches
Capitel entzogen.
Betrachte ich die Sachen ohne Borurtheil, fo ſe⸗
be ich nicht ein, warum man einem Gelehrten, an
den man ſich nicht fehret, einen Maturfündiger und
Geometer vorzieht , den man noch weniger verfteht,
und der allem Anfehen nach, deßwegen nicht mehr be=
luſtiget. Gewiß die Meynung und feflgefegte Ge-
wohnheit haben fehr viel Antheilan einem-fo willkuͤr⸗
lichen Vorzuge. Was hat die Geometrie einige Zeit⸗
ber bey uns fo fehr zur Mode gemacht ? Man hielt
Ä es
588 Verſuch über die Gefelfchaft
es fir eine ausgemachte Sache , daß ein Geometer
der aus feiner Sphäre verfeßt wuͤrde, Feinen Menfchens
verftand haben fönne : Man hätte fehr leicht aus dies
fem Irrthume kommen Fönnen, wenn man den Destar«
tes,den Hobbes, Pascal, Leibnitz und fo viele andre ger
Iefen hätte ; aber fo weit vertiefte man fich nicht; für
wie viele Leute find diefe großen Männer niemals da
gewefen! In Engeland begnügte man ſich Damit, daß
Mewton das größte Genie feiner Zeiten war ; in Frank:
reich hätte man auch gewollt, daß er liebenswürdig
gewefen wäre. Endlich hat ſich von ohngefähr ein
Geometer gefunden, den Preußen isund Frankreich
geraubet hat, der unter feinen Mitbruͤdern einen ver⸗
dienten Ruhm und zugleich eine gewiſſe feltene Ans
nehmlichfeit des Wiges befigt, die er durch weſent⸗
lichere Eigenfchaften zieret, die man aber igund ſo hoch
ſchaͤtzet, und die die Geometrie, wenn man fie eine
mal hat, eben fo wenig nehmen fann, als die ſchoͤ—
nen Wilfenfchaften fie geben Fönnen, wenn man fie
nicht hat, Mit einmal öffneten fih unfre Augen eis
ner außerordentlichen und neuen Erfcheinung: Man
erftaunte ganz darüber, Daß ein Geometer nicht eine
Art von wilden Thieren war. Wie man niemals die
dittelſtraße Hält, fo wurden in kurzer Zeit alle Geo=
‚ meter ohne Uunterſchied aufgeſucht; es ift wahr, dies
fer Unſinn Hat nicht lange gedauert, nicht darum, weil
man ihn wirklich für einen Unfinn erfannt bat, fons
dern weil kein LUnfinn bey: unfrer Nation lange ans
hält. Indeſſen dauert diefe Kaferey,obgleich ſchwach,
noch immer fort. Aber wenn ich in der; Stelle unfes
rer Geometer waͤre, fo wuͤrde mir, wie mich deucht, Die
gütige Aufnahme, die man ihnen wiederfahren läge,
nicht
der Selehrten undder Großen. 589
nicht fehr fehmeicheln. Die $obfprüche die man,
ihnen ertheilet beziehen ficy immer auf den nad)»
‚ theiligen Begriff, den man von ihnen hatte. Es iſt
ein geofier Geometer faget man, und dennoch ein wis
ı Biger Kopf, Lobfprüche, die im Grunde fehr demuͤ⸗
ihigen und denen lobſpruͤchen gleichen‘, die man ‚den
großen Herren aiebe. Man bewundert die Scharf:
finnigfeie Derfelben, wenn fie über ein Werk aus den
Wiſſenſchaften oder fehönen Künften mittelmäßig und
erträglich urtheilen; als wenn ein vornehmer Mann
Vermoͤge feines Standes verbunden wäre, weniger als
andere Menfchen vonden Dingen zu wiffen, wovon er
redet; mit einem Worte, man begegnet in Frankreich den
Geometernund den großen Herren eben ſo, als den tuͤr⸗
kiſchen und perſiſchen Geſandten; man iſt ganz er
ſtaunt, den gemeinſten Verſtand bey einem Men⸗
ſchen anzutreffen, der weder ein Franzoſe, noch ein Chriſt
iſt, und folglich ſammlet man die abgeſchmackteſten
tappereyen, als eben fo viel Denkſpruͤche aus feinen
Munde auf. In der That, wenn man Die Bewer
gunesgründe der Lobſpruͤche, die die Menfchen ver:
ſchwenden, genau unterſuchte; fo würde man in denfel:
ben einen fehr ſtarken Troft wider ihre Satyren, und
vielleicht felbft gegen ihre Verachtung finden.
Ich will diefe Materie nicht verlaffen, ohne vor⸗
her einige Betrachtungen über die Urſachen unferee
Zuneigung und Gefliffenheit gegen die Sremden ans
zuftellen. Ich entferne mich dadurch um fo viel wer
niger von meinem Vorwurfe, da ſie itzund überall
wohl aufgenommen werden , vornehmlich wenn fie
reich und vornehm find, und alfo in der Welt eine
befondere Elaffe ausmachen, die angemerfer zu —*
en,
590 Verſuch über die Geſellſchaft
‚den, verdienet, und von dem die Gelehrten gleich⸗
falls für den Ruhm, der ihnen fo ſehr am Herzen
liege, Bortheil zu ziehen ſuchen. KONNEN
Wenn man die Fremden, Die unfer uns verpflanzet
find , aufmerffam betrachtet , und ihre Perfonen de»
nen Sobfprüchen nähert, Die wir an fie verſchwenden, fo
findet man felten andre Bewegungsgruͤnde bey diefen
Sobfprüchen , als ein lächerliches Vorurtheil zu unferm
Beſten, nebft.einer Begierde, unfre Landsleute her»
unter zu fegen. Es follte mid) der Engelländer we—
*
gen, die wir ſo vorzuͤglich loben, aͤrgern, wenn ſie
uns andre Bewegungsgruͤnde beylegeten; man wird
mich vielleicht beſchuldigen, daß ich ihnch hier das
Geheimniß des Staats entdecke, aber ich glaube doch
nicht, ein großes Verbrechen zu begehen. Doch
dem ſey wie ihm wolle, ich muß ihnen geſtehen, daß
ich bey aller der Hochachtung, die ich fuͤr ihre Perſon
habe, ihre Nation dennoch hoͤher ſchaͤtze, und daß
ich in Paris auf einen Engellaͤnder eben ſo wenig neu⸗
gierig bin, als ich es in Londen auf einen Franzoſen
ſeyn wuͤrde. Mancher Mylord koͤmmt bier mit ei—
nem wohl verdienten Ruhme an, der in feinem ns
gange nichts als ein fehr gewöhnlicher Menfch zu feyn
ſcheint ; weilman ein großer Staatsmann feyn, und
in feiner eignen Sprache in den Berfammlungen feiner
Nation auf eine beredte Art Materien abhandeln Fann,
worauf man fich fein ganzes eben hindurch gelege
bat, und dennoch in Gefellfchaften „ deren Gebräus
che, Angelegenheiten, Lächerliches und; Nichtswuͤr⸗
diges man nicht Penner , in einer fremden Sprache
fostern kann.
Man
der Gelehrten und der Großen. 591
Man muß .esgeftehen, den Gelehrten hat die Ens
glifche Nation vornehnlich das erftaunliche Glück zu
danken, das fie unter uns gemacht hat. - Weit unter
der franzoͤſiſchen Nation in den Werfen des Geſchmacks
und der Annehmlichkeit, aber entweder durch das
Verdienſt, oder wenigſtens durch die groͤßere Anzahl
vortrefflicher Philoſophen, die ſie hervorgebracht hat,
über dieſelbe erhoben ‚hat fie uns nach und nad)
in den Werfen ihrer Schriftfteller: Diefe Eoftbare Frey⸗
heit zu denken mitgetheilet, die fi die Vernunft zu
Muse macht, die einige wißige Leute misbrauchen.,
und worüber die Narren murren. Es haben aud)
fo viele franzöfifche Federn Engelland gepriefen, daß
ihregobfprücheden Nationalhaß befänftiget zu haben
ſcheinen, wenigftens von unfrer Seite ; denn man
muß geftehen , daß wir in diefem Puncte mit ihnen
ein wenig im Vorſchuß find ; aber im Vorbeygehen
gefagt, füllte diefe Sparfamfeit mit $obfprüchen nicht
ein Befenntniß unfers Borzugs feyn ? Zum menig«
jten iſt die Ehre, die fieung erzeigen, indem fie nach
Frankreich fommen, um dafelbft unfren Geſchmack,
unfreManier,und fo gar unfreBorurtbeile anzunehmen,
eine Art von einem ftillfehweigenden und gezmung-
‚nen Lobe, das der franzöfifchen Eitelkeit angenehmer
ſeyn muß, als ein jedesandres Lob. Esfcheint inder
That, als wenn wir mit Engelland in einer Art von
Tauſche ſtuͤnden. Nachdem wir durch die Engelländer
unterrichtet und aufgeklärt find, fangen wir nunmehro
an, fie in den ſtrengen Wiffenfchaften zu übertreffen,
oder ihnen wenigftens das Gleichgewicht zu halten,
und fie fommen im Öegentheile, um aus unferm Um—
gange und Büchern den Geſchmack, die Anmuth ji
te
ü
RE a
92 Wer ſuch uͤber die Geſellſchaft
die Methode zu ſchoͤpfen die ihren Werken fehlen.
Laſſet uns auf unſrer Hut ſeyn, daß fie nicht bald ihre
Meifter übertreffen. menu m mu.) 4
Unfre Gelehrten , die zum Fortgange des Angli-
cismi ſoviel beygetragen haben!) haben nur gar zu |
gute Urfachen, ihr Werk zu ſchuͤtzen und zu verehren 5
fie ſchmeicheln ſich, daß die Achtung, die fieden Aus⸗
ländern bezeugen, mit eben der. Münze werde bezahlet
werden; daß diefe Ausländer, nady ihrer Zurückkunft in
ihr Baterland,ihre Bewunderer preifen und&ranfreich
durch ihre Schriften Schäße werden kennen Tehren,
die es bisweilen incognito und ohne Praleren beſeſ⸗
fen hat. Das beißt inder That Den Ruhm diegroße
Reiſe (le grand tour) thun laffen ; aber der weitefte
Meg ift in diefem Falle am wenigften gefährlich,
und wenn der Ruhm doch nur einmal anlangt, fo
‚ geduldet man fich ſchon. ss) Inst iA
Bisweilen verläßt man fein Vaterland: Man
fegee Dreyhundere Meilen‘ zwiſchen fih und dem
Meide , nachdem man vergebens wider Denfelben ges
fämpfet hat. Aber man bedenkt nicht, daß Diefe Ent«
fernung, die die Züge ber Satyre ſchwaͤchet, die Freund⸗
ſchaft noch mehr als den Haß erkaͤltet; und daß die
Berbindungen,die in ver Entfernung angefangen find,
durch die Gegenwart nur gar zu oft vernichtet: wer«
den. Man richtet alfo nichts weiter dadurch aus,
als daß man den Eifer. der Anhänger, Die man in
feinem Baterlande hatte, ſchwaͤchet, um in dem fans,
de, wohin man ſich begiebt, neue Feinde zu ſuchen.
Man mag. fih immerhin mit denen Gedanken
ſchmeicheln, daß die Ausländer eine Art von einer.
lebenden Nachwelt find, ‚deren unpartepifcher “er
fall Blinde oder boshafte Landesleute auf andere Se:
| danken bringen wird; man bedenkt nicht, daß, jemehr
| man fich den Ausländern nähert, fie um defto mehr
‚den Charakter der Nachwelt verlieren, wozu wenig⸗
ſtens die Entfernung der Derter erfordert wird, wenn
‚die Entfernung der, Zeiten fehle. Da fie gleichfam
$andesleute werden, fo nehmen fie die $eidenfchaften
derſelben an, weil fie ihr Intereſſe Haben, das höchite
Verdienſt kann die Stimme des Neides nicht erfti-
‚fen; und man muß warten, bis man nicht mehr if,
um die Belohnung der wahren Nachkommenſchaft zu
empfangen, vor der ſich die Eiferſucht BERN: und
alle kleine Gegenftände verſchwinden.
Unm dieſe Betrachtung zu endigen, will ich nur noch
den Wunſch hinzu ſetzen, daß uns ein beruͤhmter Schrift⸗
ſteller den Tempel des gelehrten Ruhmes auf eine
philoſophiſche Art beſchreiben möchte. In Erwar:
tung, daß ein geſchickterer Baumeiſter dieſe Arbeit
uͤbernehme, will ich meinen Leſern den Begriff mit-
teilen, den ich mir davon gemacht habe. |
Ich wuͤrde ihn folgendermaßen ſchildern. Ya
koͤmmt zu diefem Tempel durch einen ungeheuren
Wald, durch eine Art von einem Labyrinth, das durch
Erumme und enge Fußſteige durchfchnitten wird, mo
zween Reiſende ſich einander nicht begegnen kdinen
ohne daß einer den andern umſtoͤßt. Mitten in dies
fen Walde, und im Angefichte des Tempels, ift nur ein
großer Zugang, der von Straßenräubern unficher ges
macht und nur don einigen wenigen Leuten befuchet
noir, die furchtbar genug find, um ihnen zu widerſte⸗
ben, oder fie während ihres Dutchganges in Ehrer⸗
biet ung zu erhalten. Der Ruhm, eine Art von
3 Dund, Pp Geoe—⸗
Ver Gelehrten und der Broken. 595
⸗
9 Verſuch uͤber die Geſellſchaft er
Gefpenft, fo ans Mäulern und Ohren ohne Augen zu⸗
ſammengeſetzt iſt, und eine falſche Waage in der einen,
und eine verſtimmte Trompete in der andern Hand
hält, ‚läßt einen Theil der Reiſenden in vermiſchten
Haufen in den Tempel treten, wo alle Stände ver-
miſcht werden, da unterdeifen die übrigen Candidaten
voller Begierde herein zu kommen, und durch die Ge—
rechtigkeit oder durch den Neid zuruͤck geſtoßen, die
Gegend um den Tempel mit dem Schalle der Saty
ren erfuͤllen, die ſie wie diejenigen ausſtoßen, die hin⸗
ein gekommen find. Das Heiligthum wird nur von
Todten bewohnet, die in ihrem $eben nicht darinn ge-
wefen, oder von Lebendigen, Die man ſogleich nach ih⸗
rem Tode wieder daraus vertreiben wird. Einige
gute Buͤcher ſind ganz in dem Heiligthume, und einige
abgefonderte Blätter in größerer Anzahl; aber an
ber Außenfeite des Tempels lieft man den bloßen Titel
einer unendlichen Menge anderer Bücher, die an alle
Pfeiler des Einganges angefchlagen, und von einem
gemietheten Austufer den Vorbeygehenden gezeig
werden, faſt auf eben die Art, als die Zettel der Poſ⸗
fenreißer und Quackſalber an ihren Buden angeſchla⸗
gen ſind, und die wir hinnehmen, ohne fie zu leſen.
Dies ſind, meiner Meynung nach, die Gründe,
nach denen man den Ruhm ſchaͤtzen kann, den die Ge⸗
lehrten durch den Umgang mit den Großen zu erlan
gen glauben. Sie finden, ihrer Meynung nach, noch
einen Vortheil in dieſem Umgange, dies iſt das, was
ſie Anſehen (Confideration) nennen, und das man nicht
mit dem Ruhme verwechſeln muß. Der. lettere if
hauptſachlich die Frucht der Gaben oder der Geſchich
ae das Anſehen aber ua ben, ‚dem —— |
* & v .
von der Stel, den, Reichthuͤmern, oder überhaupt |
Der (
t ten und der Großen. 595
davon ab, i in wiefern man diejenigen nöfhig hat, de=
nen man daffelbe zuſteht. Die Abmefenheit und die
; Entfernung, ſchwaͤchen den Ruhm keinesweges, fondern
/
d ihm vielmehr bisweilen zutraͤglich; hingegen dag
Anfehen, das bloß im Aeußerlichen befteht, fcheine an
die Gegenwart-gebunden zu feyn. Ich will mic) be-
mühen, dieſe wichtige Materie aus einem philofophi-
k ‚en Gefichtspuncte zu betr BE, Ä
Die Dummbeit, die Schmeicheley und der Stol;,
mögen fagen,was fie wollen, alle Menfchen find durch
das Recht der Natur gleich: dieſe Gleichheit gründer
fih auf ihre wechſelsweiſe Beduͤrfniſſe und auf. die
Nothwendigkeit mit einander in Gefellfchaft zu leben;
“aber die natürliche Gleichheit wird einigermaßen durch
eine Ungleichheit, worüber man fich verglichen bat, auf
gehoben; diefe willfürliche Ungleichheit unterſcheidet den
Kang, und fehreibt einem jeden gewiſſe außere Pflichten
_bor,ich fage äußere; denn die innern und wahren Pfli ch⸗
ten ſind ſonſt fuͤr alle vollkommen gleich, obwohl von
einer verſchiedenen Art. Um nur von den Außerften
RR Ständen zu reden, jo ift der Prinz dem geringften
feiner Unterthanen im ftrengften Verſtande Gerech—
tigkeit ſchuldig, als dieſer letztere ſchuldig iſt, dem Prin⸗
zen Gehorſam zu leiſten.
Durch drey Dinge unterſcheiden ſich die Menſchen
hauptſachlich: durch die Gaben des Verſtandes, durch
die Geburt und das Gluͤck; man muß ſich nicht ver«
wundern, daß ich die Gaben des Geiftes zuerft nenne,
Sie machen in der That den mahren Unterfihieb der
Menfchen aus, Inzwiſchen wenn man dasjenige be
ſtimmen ſollte, was am meiſten zur Gluͤckſeligkeit bey⸗
Pp2 traͤgt,
596 Verſuch über die Gt
trägt, was uns am meiften von’ andern ah "
macht, mit einem Worte, was uns die meiften anfd):
‚enden Freunde und die wenigften offenbaren Neider
verſchaffet, fo kaͤme dem Gluͤcke die erfte Stelle H
Warum giebt man aber in der Ordnung der öffentli-
chen Hochachtung den Gaben des Öeiftes die erfte
Stelle? Dieß ift die Urfache, weil fie den Vortheil
haben, daß ſie ein gewiſſes Huͤlfsmittel ſind, das man
niemals rauben Fann, das Die Ungluͤcksfaͤlle nur im⸗
mer ſicherer und hurtiger machen; weil eine Nation
vornehmlich den Gaben des Geiſtes die Hochachtung
der Auslaͤnder und das Gluͤck zu verdanken hat, daß
fie eine Menge von billigen und eiferfü ichtigen Nach⸗
barn in ihr Land zieht.
Aber wenn die Gaben der öffentlichen Hochachtung
vor der Geburt und dem Gluͤcke den Vorrang haben,
ſo ſtehen ſie denſelben hingegen in der Ordnung der
aͤußerlichen Achtung weit nach. So wunderlich und
ſo ungerecht dieſer Gebrauch vielleicht iſt, ſo iſt er
dennoch nicht ganz ungegruͤndet; denn es iſt unmoͤg⸗
lich, daß alle Menſchen ohne Bervegungsgründe, iDe-
nigftens ohne fcheinbare Beivegungsgründe, ein Bor-
urtheil zulaffen follten,das dem größten Theile befchwer-
lich iſt. Dies ift meiner Meynung nad) der Grund
dieſes Gebrauchs.
N
Weil die Menfchen nicht gleich ſeyn koͤnnen, a ;
muß ſich der Unterfchied derfelben, wofern er gewiß
und big eyn foll, auf ſolche Vortheile gründen, die
weder fir
. nen; von der Art aber ift die Geburt und das Gluͤck.
Um Diefe beyden Vortheile zu ſchaͤtzen, wird weiter
nichts — als daß man Titel und Contracte le⸗
ſen
ig gemacht, noch gelaͤugnet werden Fon:
der Gelehrten und der Großen. 597
fen Fönne, und.diefe ift viel leichter, als den Gaben
des Geiftes ihre gehörige Stelle anzuweifen. Die
Ungleichheit, fo ſich zroifchen diefen letztern findet, wird
ya einmüthig erkannt werden, am allerwenigſten
von denen, die Theil daran nehmen. Man bat
| fich alfo darüber verglichen, daß die Geburt und das
Gluͤck die deutlichften Kennzeichen die Ungleichheit
feyn ſollten, und zwar aus eben der Urſache, vermoͤge
‚welcher in großen Geſellſchaften alles durch die Mehr⸗
heit der Stimmen entſchieden wird, ob gleich Die Mey—
nung, des gröfßtens Haufens oft nicht die beſte ift.
Dieß ift Die Urfache, warum die Achtung und der
Ruhm nicht nothwendig mit einander verfnüpft find;
ein Gelehrter, voller Redlichkeit und Gaben wird uns
endlich höher gefchäßet , als ein Miniſter, der zu fei-
ner Stelle nicht fähig iſt, oder als ein großer Herr,
der ſich verunehret hat. Indeſſen wenn ſie ſich mit
einander an einem Orte befinden, fo iſt alle Aufmerk—
ſamkeit nur für den Rang beſtimmt, und der Gelehr—
te koͤnnte mit dem Philopoͤmen ſagen: Ich be⸗
een die Intereſſen für mein fenlechtes Anfes
en. Vergebens wird man mir die Ehrenbezeigun⸗
gen vorwerfen, die dem Corneille wiederfahren ſind,
der, wie man ſagt, auf der Schaubuͤhne ſeine Stelle
hatte, und von der ganzen Verſammlung begruͤßt
ward, ſo bald als er ſich zeigte; ich antworte, daß man
die Sache entweder übertreibt,, oder daß diefer große
Mann bey befondern Gelegenheiten für den Vorzug
bezahlen mußte, den ihm die Nation öffentlich zus
geftand,
Es ift fo wahr. daß das Anfehen mehr von dem
Stande, als von den Gaben abhängt, daß man fo
Pp 3 gar
598 Verſuch uͤber die Gefährt
e
gar vor zween Gelehrten, dem duͤmmſten und reichſten
gemeiniglich die meiſte Achtung bezeugt. Wof ei
fid) die Gaben durch diefe Austheitung befeidiget h
ten ; fo müjfen fie es fich felbft beymeffen : laſſet fie
aufhören, ihre Huldigung an Leute zu verſchwenden,
die fie mit einem Blicke zu brechen glauben, und die e
ihnen felbft durch ihre Höflichfeitsbezeigungen anzu⸗
deuten ſcheinen, daß dieſe Hoͤflichkeit vielmehr eine
Wirkung ihrer Gnade als ihrer Gerechtigkeit iſt;
laſſet fie aufhören, die Geſellſchaft der Großen, oßnge: -
achtet der offenbaren und heimlichen Beleidigungen,
die fie ihnen zufügen, aufz zufuchen, laffet fie anfangen,
die Vorzüge einzufehen, die die DBortrefflichfeit des
Genies über andere Menfchen giebt, laſſet fie aufhö-
ven, fid) denenjenigen zu Füßen zu merfen, Die zu ih:
ren Knien liegen follten. Ein Mann von Berdienften
fheint mir bey diefer Gelegenheit die Rolle des Achilles
an dem Hofe von Scyros zu fpielen; er iſt glücklich, -
wenn er einen Ulyffes finden kann, der fo gefchicht if,
ihn heranszuziehen ; aber wo find die Ulyſſen?
Die Gelehrten, die den Großen ihre Aufivartung |
machen, teilen fich in verfchiedene Claſſen; einige
find. Sclaven, ohne es zu merfen, und folglich find fie
es auf ewig; andere,die über die Rolle, wozu man fie
zwingt, unwillig find, unterlaffen dennod) nicht, fie ge—
duldig zu erfragen, weil fie hoffen, dadurch für ihr
Gluͤck Bortheile zu ziehen; man it zu mitleidig ge⸗
gen fie, wenn man fie beflagee! fie Fönnten fich leicht
von felbft überzeugen, daß diefes Mittel zum Gluͤcke
zu gelangen, noch viel meitläuftiger als ſicher iſt, und
einfehen, durch wie 'viele nieberträchtige Höflichkeiten
fie den Eleinften Dienft erfaufen müflen. Eine dritte
| | Claſſe,
der Gelehrten undder Großen. 5399
Claſſe, die nicht fehr zahfeeich ift, ſchließt diejenigeh
ein, die, nachdem fie am Morgen den aufrichtigen
Vorfat gefaftet, frey zu fenn, den Abend mit der Scla-
deren befchließen, die zu gleicher Zeit Eühn und furcht⸗
Kim, ebelmüthig und eigennüßig find, und mit der ei-
nen Hand dasjenige zurück zu ſtoßen ſcheinen, wor⸗
nach fie mit der andern haſchen. Die wenige Be—
ſtaͤndigkeit in ihren Geſinnungen und in ihrer Auffuͤh⸗
rung macht fie zu einer Art von Zwittern, die nie auf:
hoͤren werden, es zu ſeyn. In der letztern Claſſe, die,
meiner Meynung nach, die tadelhafteſte iſt, befinden
fic diejenigen, welche den Großen öffentlich Weih-
rauch ftreuen, und fie in geheim verläftern, und gegen
ihres gleichen mit einer Philofophie prablen, die fie
nichts koſtet. Dieſe Claffe ift viel größer, als man
wohl denfen follte. Sie gleicht den Secten der alten
Philoſophen, die, nachdem fie öffentlich im Tempel ge=
weſen waren, den Jupiter in geheim lächerlich mach»
ten ; doch mit diefem Unterfchiede, Die griechifchen
und römifchen Philofophen wurden gezwungen in die
Tempel zu gehen, unfere Philofophen Hingegen zwingt
nichts, den Großen zu opfern. Ich mache diefen Vor
wurf, denenjenigen nicht, die darum mit den Großer
umgehen, um ihnen die Wahrheit zufagen. Dieß ift
ohne Ziveifel die fhönfte Holle, die man bey den Men
fehen fpielen Fann. Aber verdienen fie, Daß man ſich
ihrenthalben der Gefahr ausfege ? =
$ucian, den man den Swift der Griechen nennen : |
- Fann, weil ev eben fo, wie dieſer Engländer, über alles.
fpottete, felbft über Dinge, die der Mühe nicht werth
waren, hat uns eine fehr nachdruͤckliche Schrift über
“die Gehen hinterlaffen, die ſich dem Dienfte ver
Ppa Großen,
‚600 Verſuch uͤber die Geſellſchaft —
Großen wiedmen. Das Gemaͤlde, ſo er von ihnen
entwirft, verdiente dem Gemaͤlde der Verlaͤumdung
vom Apelles an die Seite geſetzt zu werden *. „Stel⸗
„let euch, ſagte er, das Gluͤck auf einem erhabenen
„Throne ſitzend vor, umgeben mit Abgruͤnden, um fie
„herum iſt eine unendliche Menge von Menfchen, die
„sich bemühen, hinaufzufteigen, fo fehr find fie durch ih:
„ren Glanz verblendet. Die Hoffnung bietet fich ihnen
„reich geſchmuͤckt zu einer Führerinn an, und hat den
„Betrug und die Knechtſchaft zur Seite ; hinter ihr
„iſt die Arbeit und Mühe, „„ (ich würde noch die
Langeweile hinzu feßen, diefe Tochter des Reichthums
und der Größe,) „die diefe Unglücliche quälen, und
„ſie endlich dem Alter und der Neue überlaffen.
Es verdrieße mich, daß eben diefer Lucian, nachdem
er gefagt hatte, daß die Knechtſchaft fih bey den
Großen unter dem Namen der Freundfchaft verfte-
de, endlich eine Stelle in dem Dienft eines Kaifers
angenommen, und was noch ärger iſt, daß er fich des-
wegen fchlechtrechtfertigte. Ex vergleicht fich aber. auch
felbft mit einem heiſern Marktſchreyer, der ein.un-
trügliches Mittel wider den Huften verkaufet. Lu—
cian war anfänglich ein Philofoph ; der Ruhm feiner
Werke mar die Urfache, daß: man ihn hervor fuchte,
er hätte nur dazu dienen follen, feine Einſamkeit defto
ftrenger zu machen ; denn die Philofophie gleicht der
Andacht, man koͤmmt darinn zurück, wenn man nicht
vorwärts geht; er überließ fich der Begierde, mit
der man ihn hervor zog, er ward ein Weltmann, ehe
er es gewahr ward, und endigte endlid) damit, daß
er ein Hofmann ward. Indem
* Siehe den Artikel Calomnie, in dem zweyten Bande der
Encyclopaͤdie. Eu n
der. Gelehrten u und der Großen. 60i
Ani Se der. Weife der Geburt und felbit dem Gluͤcke
Ka en entrichtet, die die Gefege der Geſellſchaft
ren, iſt er Doch gewiſſermaßen mic diefen
Biden geizig; er fehränft fie auf das Aeußerliche
‚ein, weil,ein Philofoph Die Borurtheile feiner Nation
ſchonet, ohne fie zu. verehren, und die Gößen des
Volkes grüßet, wenn man ihn dazu nöthiget, aber fie
nicht. von ſich ſelbſt ſuchet. Befindet er ſich in der
ſehr ſeltenen Nothwendigkeit, feine Aufwartung zu
machen, mozu ihn mächtige.und löbliche Bewegungs»
gründe verbinden koͤnnen; ſo huͤllet er fih in fei-
ne Gaben und in feine Tugend ein, und lachet ohne
Unmillen und Efel über die Rolle, die er gezwungen
iſt, zu ſpielen. Die Standesperſon, deren Verdien
nur in den Ahnen beſteht, iſt in den Augen ſeiner
Vernunſt, aufs hoͤchſte nichts als ein kindiſcher Greis,
der vormals große Thaten verrichtet hat, oder viel
mehr, ein Menfch, mit dem man, permöge eines will-
Führlichen Bergleichs, worüber man mit einander eins
geworden, eine gewiſſe Sprache redet, weil eine Per-
fon von eben dem Namen vor einigen Yahren entre:
der Genie vder Macht, oder Neichthiimer, oder
Ruhm, oder vielleicht auch nur Gluͤck und Gefchid-
lichkeit gehabt hat.
WVornehmlich vergißt der Weiſe niemals, daß, wenn
die Gaben dem Titeleine äußere &hrerbierhung ſchuldig
ſind, es auch eine wahrhaftere Ehrerbiethung giebt,
ſo die Titel den Gaben ſchuldig ſind, und bey denen man
fi niemals verſieht, wenn man ihrer würdig iſt
Aber fuͤr wie viele Gelehrten iſt der Umgang der
Großen eine Klippe? Wenn derſelbe nicht bis zu der
Vertraulichkeit und vollkommenen Gleichheit geht,
PP 5 ohne
ie De N
602 Verſuch be die Ge
‘ohne die ein jeder Urrgang ohne mei und
ohne Seele ift, "fo Demüthiger die Entfernung, weit
man oft Gelegenheit bat, fie zu fühlen ; verbindet fü ch
aber die Vertraulichkeit damit,
man ſpielt alsdann die Fabel mit dem Lwen, mit
dem es ſehr gefährlich zu (herzen ift. Em Ge
lehrter, „der durch fonderbare Umſtaͤnde ‚gezwungen |
ward, feine. Tage bey einem Minifter zuzubringen,
ſagte mit vieler Wahrheit und Einſicht: er will ſich
mit mic in Vertraulichkeit einlaffen, ‚aber ich
| ſtoße ibn durch die Ehrfurcht zurück.
Unter den Großen, die am gefelligften find, "gieße |
es fehr wenige, die ihre wahre oder vorgegebene Größe
o iſt es noch a ärger, |
bey den Gelehrten völlig ablegen, fo daß fie diefelbe
gänzlich vergeffen follten. Dieß ſieht man vornehm-
üch alsdann, wenn man nicht ihrer Meynung ift. Es
fcheint, daß, fo wie ſich der Fuge Mann verbirgt, die
Standesperfon in eben dem Maaße hervor fommt,
und die Achtung fordert, wovon der kluge Mann frey
gefprochen hatte. Es endiget fich auch) der vertraute
Umgang der Großen mit den Gelehrten nur gar zu _
oft durch einen öffentlichen Freundfehaftsbrud) ; der
faſt allezeit durch die Unterlaſſung der wechſelsweiſen
Achtungen verurſachet wird, woran man es entweder
von der einen, oder von der andern, und vielleicht gar
von beyden Seiten hat fehlen laffen.
Ich will indeffen aus Achtung für die Wahrheit,
und feinesweges aus einem andern Bewegungsgrun⸗
de, bekennen, daß es einige Große giebt, die hiervon
ausgenommen zu werden verdienen: und wenn ich
nicht befuͤrchtete, daß ihr Name und ihr Lob eine ver⸗
deckte und ungerechte Satyre dererjenigen ſeyn moͤch⸗
te,
/
der Gelehrten md der Größen. 603
te, die ich auslaffen wuͤrde, ohne ſie zu kennen ; "fo
wuͤrde ich fo muthig feyn, fie hier zu nennen. "Die
Ehrer rerbiethung, die man ihnen bezeiget, iſt um ſo viel
ichtigen, da fie auf die Ergebenheit gegründet iſt,
und um fo viel gerechter, da es ihnen nicht einfällt, fie
zu fodern; ihre Bertraulichkeit ohne Berftellung und
‚ohne: Stoß, hat nichts Verdaͤchtiges, weil fie die
Frucht ihrer Hochachtung fir die Gaben des Geiftes
und des wahren Bergnügens ift, fo fie in dem Um—
gange der Gelehrten finden. Dieß ift in der That
der nuͤtzlichſte und edelfte Umgang, den ein Mann,
der da denft, nur mwünfchen kann. Wenn die Kennt:
niffe die Sede fanfter machen, fo erheben fie diefelbe
auch; die eine von diefen beyden Eigenfchaften fließe
aus der andern, und man muß, ungeachtet der Vor-
twürfe, die man den Gelehrten macht, geftehen, daß
fie nicht nur durch ihre Einfichten über die andern
Menfchen erhaben find, fondern daß fie auch über-
haupt in ihren Gefinnungen und Betragen weniger
lafterhafe find. Da ihre Beaierden eingefchränfter
find , fo find fie einwenig zärtlicher über die Mittel,
fie zu befriedigen, und ein wenig erfenntlicher für
das, was man zu ihrem Beften thuf ; denn je weni⸗
ger Pflichten die Erfenntlichfeit zu entrichten bat,
deſto geriffenhafter ift fie in Erfüllung derfelben.
Herr Fouquet ward in feinem Ungluͤcke von allen de-
nen verlaffen, die ihm ihr Glück zu danken hatten;
nur zween Gelehrte blieben ihm getreu, La Fontaine
und Peliffon; ohne Zweifel hätte die Zahl derfelben
größer feyn fönnen , und es ärgert mich, daß ich die
Namen des Moliere und des großen Corneille nicht
zu dieſen beyden hinzu — kann. Aber die Ge⸗
| lehrten
=
| * —* * En
EL
Umfand, der Be ah den jöfenna
diefes Minifters fo rom ft, nicht m it. Webige
fallen erwaͤhnet hat. , :
4 Laſſet uns aus allem: dieſen den Ship ee, daß
— muß, ; Diejenigen find, die er. ganz,ficher als
feines gleicyen und als feine Freunde anfehen Fann,
und daß er alle die andern fliehen muͤſſe. Nachdem
Philoren einige Berfe des. Tyrannen Dionyfius ange⸗
hoͤret hatte, fagteer, man führe mich zu der Stein,
grube zurück 5 wie viel Gelehrte, die ihrer Dun=
kelheit entrifien iverden, und mit einmal in einen Zir-
kel von Hofleuten fallen, follten faft ſchon beym Eins
tritte fagen: man fuͤhre mich nach meiner Eins
ſamkeit zurück. Ich babe niemals begreifen Eön-
nen, warum man die Antwort bewundert, die Ari-
flippus dem Diogenes gab; Wenn du mit den
Menſchen zu leben wüßteft,.. fo würdeft du
nicht von Huͤlſenfruͤchten leben. - Diogenes
warf ihm nicht vor, daß er mit den Menfchen. Tebte,
fondern daß er einem Tyr annen ſchmeichelte. Dieſer
Diogenes, der in ſeiner Armuth dem Eroberer Aliens
trotzte, und dem nichts als der Wohlſtand fehlte, um.
das Mufter der Weifen zu feyn, ift.von allen Philofo-
phen des Alterthums am meiften verläumdet worden,
weil feine unerſchrockene Wahrhaftigkeit ihn zu einem
Geifte der Philofophen felbft machte ; er iſt in der
That einer von denen, Die die meifte Kenneniß der
N des wahren Werthes der *
aben,
—
J
der Gelehrten und der Großen. 605
|Bäben. Ein jebes Jahrhundert/ und vornehmlich
das unſrige, hatte einen Diogenes noͤthig, aber die
GN jfeit befteht darinn, wie man $eute finden
Ifölt, die Muth haben, Diogeneffezu ſeyn, und Leute, Die
Much haben, ihn zu leiden.
Unter den Großen, die einige Achtung fir die Ges
lehtten zu haben ſcheinen, machen diejenigen, die auf
den Wis Anſpruch machen, eine befondere Art aus ;
‚die Eitelkeit hat ihren diefe Anfprüche gegeben, dee
Stolz verbiether ihnen, fie allen und jeden ohne Un⸗
terſchled zu zeigen. Lingeachtet des allgemeinen $ich-
des, deffen fich unfer philofophifches Jahrhundert ruͤh⸗
met, giebt es noch fehr viele Leute, und mehr als man
glaubet, für die der Titel eines Autors oder eines Ge⸗
lehrten noch nicht edel genug iſt. Man muß es ge⸗
Erben, „ die franzöffche Nation twirft das Joch der
arbaren, das fie fo lange getragen hat, mit Mühe
ob. Man muß ſich darüder nicht verwundern; da
die Geburt ein Vorzug ift, den das Ohngefähr giebt,
fo ift esnatürlich, daß man nicht nur deffelben genießen
till, fondern Daß man demfelben auch alle die Bor:
jüge nachfeßt, die mit mehrerer Mühe erlanget wer-
den. Die Trägheit und die Eigenliebe befinden fich
bey dieſer Einrichtung gleich gut.
Ich weiß, daß der meifte Theil der Großen über
‚einen ſolchen Vorwurf fehreyen wird; aber laſſet fie
ihr Gewiſſen befragen, laſſet ſie nur ſelbſt ihre Reden
unterſuchen, ſo werden wir überzeuget bleiben, daß der
Name eines Gelehrten als ein niedriger Titel von ih⸗
nen angeſehen wird, der nur das Loos eines ſchlechten
Standes ſeyn Fam; als wenn die Kunſt, die Men
* zu unteren und BR, nicht nach 9
606° Verſuch über die Geſellſchaft 4
ſo feltenen Kunſt, fie wohl zu vegieven, das edelſte An⸗
theil des menſchlichen Zuſtandes ſey. | |
‚ Um fich von dem, was ich hier fage, zu überführen,
braucht man, nur auf die Art, wie. die Gel ehrten N h 3
der Welt aufgenommen werden, Acht zu geben, e
Aufnahme iſt faſt von eben der Art, als die, „fe, man
gewiſſen angenehmen Profefionen wwieberfahren läßt,
die ohne Zweifel Gaben erfordern, die wir en ‚aber.
felbft alsdenn, wenn wir fie ‚Suchen, ‚zu erniedrigen be-
muͤhen, fo wie wir andre Stände, ehren, ohne: zu wilfen,
warum, Die Langeweile will die Gaben ‚geniel ein,
und die Eitelkeit finder ein. Mitkel, ‚fie von der. Perſon
abzuſondern. Aus dieſer Urſache iſt die Rolle d
lehrten, nachſt der Rolle der Geiſtlichen, am ſchwer⸗
ſten in der Welt zu ſpielen; der eine von dieſen bey⸗
den Staͤnden geht beftändig —— der. Heucheley
und dem Aergerniſſe; Der zwiſchen denn! Stolge
und der Niedertraͤchtigkeit. |
Sollen alſo die. Geleh hrten der Geſelſchaſt der
Großen gaͤnzlich abſagen? Außer den Ausnahmen,
die ich oben von dieſer Regel gemacht babe, noͤthigen |
mich einige befondere Berrachtungen, dieſelbe u mäfe
figen und. einzuſchraͤnken. |
Diejenigen Gelehrten, denen ber Umgang: der Belt ;
zu den. Gegenftänden ihres Studirens nichts helfen
Fahn, müffen ſich auf Die Gefellfchaften, (fie mögen bes
ſchaffen ſeyn, wie fie wollen,) einſchraͤnken, worinn fie |
in den Annehmlichkeiten, des Zutrauens. ‚und. der |
Sreundfchaft eine nothwendige Erquicung finden.
Wozu würden einem. Philoſophen unſere nichtswuͤr⸗
digen Geſellſchaften anders dienen, als ſeinen Geiſt
a GEHEN, und ihn. der, dertreffichen Gedanken
der Gelehrten und der Großen. 607
u berau 37 * er durch das Nachdenken und dag
Ds, erlangen koͤnnte? Nicht in dem Pallaſte von
Rambouillet hat Descartes die Anwendung der Alge-
bra auf die Geometrie entdecket, und Newton hat ge-
der allgemeinen Schwere erfunden; und was die Art
‚zu ſchreiben anbetrifft, fo iſt Mallebt auche der in der
Einſamkeit lebte, und deſſen Ausrechnungen nichts als
Kinderſpiele waren, darum nicht weniger in ‚feinem
Stil das Mufter der Philofopden.
Mit denen, die man wißige Köpfe nennet, verhält
es fich ganz anders; Min die Menfchen in einem Werke
‚der Einbitdungsfraft zu malen, muß man fie fennen;
6 wie ſie wirklich beſchaffen ſind, darf man ſich niche
hmeicheln, fie zu errathen, und es ift defto fchlimmer
ie denjenigen, der fie etrathen will. Der Umgang
mit der Welt ift alfo dieſem Theile der Gelehrten un⸗
umgaͤnglich nothroendig. Aber es wäre zu wuͤnſchen,
daß fie wenigſtens bloße Zuſchauer in dieſer gezwun⸗
Ban Geſellſchaft abgeben und aufmerkſam genug
n möchten, um nicht nöthig zu haben, oft zu dieſer
g moͤdie wieder zurück zu fehren, die ſich nicht alle
mal gut nieder fehen läßt ; es waͤre zu wuͤnſchen, daß
ie derſelben auf eben die Art beywohneten, als das
wiß nicht an dem Hofe Carls des IIten den Grundſatz
.
Jarterre die Schauſpiele anſieht, welches die Acteurs
richtet, und daß die Acteurs nicht beleidigen dürfen,
mit einem Worte, daß fte eben fo gefinnet feyn möchten,
als Dionyſius Thhanaͤus war, als er nach Kom gieng,
um, wie er fagete, in der Mähe zu ſehen, was ein Ty⸗
| rann fuͤr ein Thier ſey.
Es iſt zu wuͤnſchen, daß diejenigen unter unſern
Schiftſtellern, die in einem — Stüde, oder
in
—
—
—
608 Ber ber Die Befäft
in einem andern Werke das Gemaͤlde unferer Zeiten ent:
Dod
dieſer verwirrten uneigenflichen. und barbarifchen
ihren Adei verliert, werden die großen —7 —
fie gleichfalls errathen, indem fie das kurzdauern
* e⸗
E
|
der Gelehrtenundder Großen. 609
Geſchwaͤtze unferer Gefellfchaften aus ihren Schriften
verbannen. Vielleicht wird es endlich. fo lächerlich
werden, daß unfere Schriftfteller fich noch lächerfi-
cher dadurch machen werden, daß fie es angenommen,
und daß man'endlich zu dem Wahren und Einfachen
‚zurück fehren wird. Bielleicht aber wird diefe glück:
liche Zeit nie wieder zuruͤck kehren. Es ift fehr
wahrfcheinlich, dag wir in eben den Umftänden find,
die die Sprache der Zeiten, des Auguftus auf ewig
verberbet haben. ST |
Eines der größten Uebel des Umgangs der Grof-
fen und der Gelehrten, welches indefjen eines der
hauptſaͤchlichſten Mittel iſt, wodurch dieſe Tegtere
Ruhm und Anfehen zu erlangen hoffen, ift die rafen«
de Begierde zu befhügen, die fo viele fo genannte
Mäcenen unter uns hervorbringt. Wie würde der
tiebling des Auguſtus erftaunen, wenn er feinen Na—
men fo entweiht fähe, und den Friechenden Ton hörete,
den diefe Gelehrten gegen diejenigen annehmen, die
ihn führen? Horaz fihrieb an den Mäcen, an den
größten Herrn des größten Reiches, fo jemals gewe⸗
fen, in einem Tone der Gleichheit, der beyden Ehre
macht; und unter unferer fo aufgeflärten und feinen
Nation, die fich für fo wenig felavifch hält, würde ein
Gelehrter, der mit feinen Befchüger fo reden würde,
als Horaz mit dem feinigen redete, felbft von feinen
Mirbrüdern getadelt werden. Die gemeine Einrich-
tung unferer Zufchriften iſt eines von denen Dingen,
welche die Wijfenfchaften ammeiften erniedriger haben.
Faſt alle erfchallen von der Ehre, die die Großen den
Wiſſenſchaften erzeigen, indem fie diefelben lieben,
und Feinesiweges von der Ehre und von der Noth—
3 Dand, 2g wen⸗
610 Verſuch ber die Geſellſchaft
wendigkeit, die fie haben, wenn fie folhe lieben. : Es
ſcheint als wenn man ſich daruͤber verglichen haͤtte,
daß die Niedertraͤchtigkeit und Falſchheit weſentliche
Stuͤcke dieſer Schriften ſeyn muͤſſen, als wenn die
Sobfprüche, die auf eine edelmuͤthige Art ertheilet wer«
ben, für diejenigen, die fie empfangen, nicht fchmei-
helhafter, und für diejenigen, welche ſie austheilen,
‚nicht ruͤhmlicher wären,
Kann man fid) nad) ällem diefen ai wohl ver⸗
wundern, daß ſo viele mittelmaͤßige Genies, die aber
demuͤthig ſind, ſich auf Koſten des wahren Genies em⸗
Beyſpiel zu ſuchen, der Orpheus unſerer Nation, der
der franzoͤſiſchen Muſik ſo ploͤtzlich eine andere Geſtalt
gegeben, und dadurch eine Veraͤnderung vorbereitet
bat, die wir einſehen koͤnnen, wenn wir anders wol-
len, der Gegenftand des Haſſes und der Verfolgung
vieler Maͤcenen, ohne daß er ſich eines andern Ber-
brechens gegen fie ſchuldig gemacht hat, als daß er
über diejenigen erhaben ift, die fie in ihren Schuß
nehmen ? Es ift wahr, daß eine Fleine Zahl von
Großen ausgenommen, die fo glücklich find, den ganz
Fen Werth der Gaben diefes berühmten Mannes
u empfinden, und die Muth genug haben, um es zu
En die an dem nicht das Vergnügen haben, daß
Das Publicum ihren Ausfpruch befräftige, und daß
fie endlich gezwungen werden, mit einem fchlechten
Anftande das Urtheil der Marion zu unterfchreiben,
ein Urtheil, das fie zuerft würden geſprochen haben,
(hne felber zu wifen, warum,) wenn der große Künft-
ler fich fo weit herab gelaffen hätte, fie zum Schein
über die Muſik zu Rech zu ziehen. Sein glüdli-
| cher
*
a —
use ni Zn a ee kt ne
por gefehwungen haben. Iſt nicht, um Fein anderes ,
) der Gelehrten und Der Großen. 6u
cher Erfolg und fein Ruhm befräftigen dasjenige,
mas ich «oben gefagt habe, daß das Anfehen der Ge
lehrten in der Länge durchdringe, Ihren Beyfall
hat er, mächft fich felbft, dvem Ruhme zu verdanken,
deſſen er ißund, dem Neide und der Cabale zum Troge,
genießet. Ich billige darum die Schwaͤrmerey eini«
ger feiner Bewunderer nicht, die Hochachtung des
Weiſen ift ruhiger; aber es iſt großen Gaben eigen,
Schmwärmer zu machen, und man muß diefelben in ei—
nem Jahrhundert erwarten, wo eine Art von Hel-
denmuth erfordert wird, um erhabene Genies zu prei⸗
fen, fo wie man ſich Rechnung darauf machen muß,
Enthufiaften, Geißler und Quaker in den Secten her⸗
vor zu bringen, die man verfolger.
Man muß fich nicht vermundern, Daß die kleinen
Gaben, die mehr nach dem Begriffe des Witzes und
der Seele der meiſten Menſchen eingerichtet find, vor=
züglich von ihm geliebet werden. Corneille ward zum
Troſt aller großen Genies, die Ihm folgen werden, be:
ftändig faft von allen Siebhabern feiner Zeit verfolger,
deren Helden Scuderi und Boisrobert waren. Es
mußte ud) fo feyn. In einem Borzimmer lernet
man nicht große Sachen zu denken, zu fagen, und zu
thun; und wenn Corneille fid) mehr in die Welt zer-
ſtreuet hätte, fo würde man ihn mehr gelobet haben,
aber den Polieuct würde er nie gemad)t haben. Ra⸗
cine, dem vielleicht, um den Corneille zu übertreffen,
nichts fehlete, als daß er fo, wie er gelebet hatte, hatte
Feinde zu beftreiten ; der Höflingsgeift, den er zu fehr .
befaß, und der ohne die Athalia, Phädra, und den
Britannicus feinen Ruhm einigermaßen befledfen
würde, fonnte ihn MIR vor den PARTIEN in
Id 2 Sicher:
612 Verſuch uͤber die Geſellſchaft
Sicherheit ſetzen, die er von denen Det,
deren Sclave und Göße Pradon war.
> Die muß indeflen die verfolgten Gaben tröffen,
daß fie fehen, mit welchem Vergnügen das Publicum
die Ausfprüche der. vorgegebenen Kenner aufbebt ;
ihre Hochachtung ift faft der gewiſſe Fall eines Wer:
fes; fie bilden fich ein, daß fie ein günftiges Borur-
cheil fuͤr ihre Clienten erwecken werden, wenn ſie die
Gabe derſelben ankuͤndigen; die Nation aber, der eine
jede Gelegenheit, ihre Freyheit auszuuͤben, koſtbar iſt,
und die einſieht, daß man ihren Beyfall ſtehlen oder
rauben will, iſt eben darum weniger geneigt, dieſen
guͤnſtigen Eindruck anzunehmen. Es verhaͤlt ſich eben
ſo mit denen Werken, die angekuͤndiget ſind, und die
man ſeit langer Zeit erwartet; das Publicum lebet
nicht von der Hoffnung; je länger dieſelbe geweſen,
am defto mehr verlanget es, daß die Wirfungen der-
felben Genüge thun follen, und unglüclich iſt derje-
nige, den feine Erwartung taͤuſchet. Nicht diefem
lächerlichen und unnüßen Ausprahlen, fondern aufge-
Elärten und ftrengen Freunden, die man in Geheim
zu Richtern macht, die nur alsdenn billigen, wenn fie
nicht umhin Fönnen, es zu thun, und deren Rathe man
gelehrig nachgiebt, haf man die gute Aufnahme eines
Werkes zu danfen.
Sch babe bisher nur von denen Liebhabern geredet,
die fi) Damit begnügen, die Gelehrten durch ihr mäch-
tiges Anſehen und durch ihren ſchwachen Beyfall zu
unterſtuͤtzen: ich verſtehe hier unter Anſehen, ein An—
ſehen, das vermögend iſt Bewunderer zu verſchaffen,
nicht aber das den Muth hat, maͤchtigen Gegnern die
Spige zu biethen. Die Eros _ nur gar
zu
4
der Gelehrten und der Großen. 613
zu fehr, daß die verfolgten Gaben von diefer Seite
nichts zu erwarten haben, und daß die Feinde die Be
fehiiger bald zerftreuen. Aber die Gelehrten glauben
vielleicht in den Einfichten gewiſſer Liebhaber, die man
in zwo Elaffen theilen kann, mehr Hülfe zu finden.
Die erfte Claffe enthält diejenigen, die fich felbft zu
gut Fennen, als daß fie fich mit ihren Arbeiten an das
Sicht wagen follten, die fich aber nicht, wie die meiften
ihrer Mitbrüder, damit begnügen, daß fie einem Dich⸗
ter nad) ihren Einfichten das Erhabene, und einem
Gelehrten Entdeckungen anpreifen; fie wollen ſogar
ihre Höflinge aufklären, ihnen Entwürfe ihrer Arbei—
ten geben, und ihnen in der Ausführung derfelben
helfen. ch bin erftaunt, daß Fein Elient ven Muth
hat, ihnen eben das zu fagen, was einige Handelsleute
zu dem Golbert, der fie unterrichten wollte, fagten:
2 afjen fie uns nur machen; dieſer Colbert, der
ein fo großer Mann war, daß er nur von Dingen re:
dete, die er verftand, und daß er felbft über die Hand-
fung nüglichen Rath ertheilen konnte, war inveilen
doch auc) groß genug, um es nicht übel zu nehmen,
daß Leute, die aufgeflärter als er waren, ihren eignen
Einſichten folgeten.
In der zwoten Claſſe der Maͤcenen befinden ſich
diejenigen, die ſelbſt auf den Ruhm der Autoren An-
fpruch machen. Dank fey es der Schmeicheley, die
ihnen opfert, felten mislingt ihnen ein folches Unter⸗
nehmen; follten fie aud) nur die angenommenen Vaͤ⸗—
ter eines mittelmäßigen Werks feyn, das man unter
ihrem Namen herausgiebt, fo werden fich ſchon hun-
dert Federn drängen, fie zu preifen; von den Helden -
bis auf die Therfites der Gelehrſamkeit werden ihnen
243 alle
64 Verſuch über die Gefellfchaft
alle zufchreyen, daß fie ein Meifterftück hervorgebracht
haben; hätten fie auch nur. einen Almanach gemacht,
fo wird man ihnen beweifen, daß fie das Weltfyftern
erfunden haben. Ä N.
Diefer Vorwurf geht vornehmlich auf gewiſſe aus⸗
waͤrtige Sfournaliften, (denn ich glaube nicht, daß fich
unter den franzöfifchen einige finden follten, die ihn
verdienen). Miet der einen Hand richten fie der
mächtigen Mittelmäßigkeit Statuen von Thon auf,
da fie ſich mit der andern vergeblich bemühen, vie
goldnen Etatuen großer Männer ohne Schuß und
Anfehen, zu verflümmeln. Syn ihren periodifchen
Dlättern, die man, wie der Herr von Voltaire die
Geſchichte nennet, ein ungeheures Archiv von $ügen,
und von ein wenig "Wahrheit nennen Fann, wird faſt
alles gelobet, nur das nicht, was ſollte gelobet werden.
Sie hun fich auch immer mehr Schaden durd) das
Gute, fo fie von fehlechten Büchern fagen, als durch
das Uebel, fo fie den guten zufügen wollen. Man
kann diefe Syournaliften mit den Thorfchreibern der
roßen Städte vergleichen, die den Zoll einnehmen ;
fe pifitiven das gemeine Volk fehr fcharf, laffen die
großen Herren ehrfurchtsvell vorbeygehen, erlauben
ihren Freunden den Schleichhandel, begehen ihn oft
felbft, und Halten dagegen dasjenige als contreband
an, fo nicht contreband ift. Man muß übrigens von
den Bücherrichtern Feine Ungerechtigkeit fordern, die
eben fo niederträchtig ift als die Schmeicheley; aber
es ift doch menigitens erlaubt, fie zu ermahnen, die
Schrift von dem Berfaffer zu unterfcheiden.
. Es giebt nod) eine letzte Art von Liebhabern, die _
mit Recht verdienen, höher als die andern geachtet zu
wer⸗
der Gelehrten und der Großen. 615
twerben, und. Die man als wahrhaftigere Beſchuͤtzer
der. Wirfenfchaften anfehen kann; Es find diejenigen,
die durch ihre Wohlthaten den Künften und Willen:
ſchaften aufzubelfen fuchen. Ich beklage die Gelehr. |
ten, denen ihre Gluͤcksumſtaͤnde eine fo traurige und
gefährliche Huͤlfe nothwendig machen. Wenigſtens
koͤmmt es ihnen zu, in ihrer Auffuͤhrung ſo viel Wuͤrde
und Adel zu zeigen, daß ihnen der Wohlthaͤter ſelbſt
verbunden ſeyn muß. Ich bezahle deinem Das
ter, fagte Eenophon zu einem feiner Schüler, feine
Gutthaten mır Wucher; denn ich bin die Ur⸗
ſache, daß ihn alle Welt lobet.
Der Abt von Saint Pierre, dieſer Mann, deſſen
Schriften die Traͤume eines redlichen Mannes ſeyn
koͤnnten, deſſen ſehr philoſophiſche Geſchichte aber fuͤr
unſer Jahrhundert in der That eine Art vom Traume
ſeyn wuͤrde, trat dem Varignon einen anſehnlichen Theil
feines Vermoͤgens ab, und ſagte zuihm: Ich gebe ih⸗
nen kein Gehalt, ſondern einen Contract; weil
ich nicht will, daß ſie von mir abhaͤngen ſollen.
Eine Art von Heldentugend, die verdienet, allen Wohls
ehätern zum Mufter vorgeftellet zu werden. Nur um
diefen Preis verdienet man ein Wohlthaͤter zu feyn;
aber wie wenige. wirden diefen Titel unter folchen
Bedingungen annehmen wollen ?
Welch eine Lehre ift das Beyſpiel biefes Abs für
geroiffe Wohlthäter, die oft eben fo geizig, als eitel
find, die fich wegen einiger Wohlthaten, die nach ih:
vem Vermoͤgen fehr geringe find, und die fich felbft
die Mühe geben, heimlich auszubreiten, für Väter der
Wiffenfhaften halten. Wenn man vechtfchaffene
seute verbindet, fo muß man die Erfenntlichfeit in
9 4 ihnen
616 Verſuch uber die Geſellſchaft
ihnen reden laſſen, fie weiß fich felbft fchon ftrenge Ge⸗
feße vorzufchreiben. Aber die Menfchen find fo auf-
merkfam, alles das zu erhaſchen, was fie über ihres.
gleichen erheben ann, daß man eine bewilligte Wohl⸗
that gemeiniglich als eine Art von Titel, als eine ‘Bes
- fißnehmung desjenigen, den man verbindet, als eine
Souverainitätsacte anfieht, deren man misbrauchet,
um einen Unglüdlichen von ſich abhängig zu machen.
Man bat fehr viel und mit Recht wider Die Undank—
baren gefchrieben, aber man hat die Wohlthäter, in
Ruhe gelaffen; dieß Capitel fehlet —* in der Ge⸗
ſchichte der Tyrannen.
Es ſind auch duͤrftige Umſtaͤnde für eine dd
te Seele die größte Hinderniß des Gluͤckes. Die
gänzliche Armuth führet weit ficherer zu Bedienun-
gen und Keichthümern, weil fie zu der Sclaverey
gezwungen ift, und fich folglich dazu gewoͤhnet. Wie
fehr macht der Defpotifmus und der Stolz der Wohl:
thäter die Wohlthaten fürchterlich, und: bisweilen de=
mürhigend! Wie viel Uebel fügen fie nicht felbft den
Gaben dererjenigen zu, die fie verbinden ? Die Wohls
thaten, die auf eine niederträdjtige Art empfangen
erden, feßen die Seele, und in dev Folge auch die
Begriffe herunter, und erniedrigen fie; felbft die
Schreibart wird dadurch angeſteckt, denn die Schreib:
art nimmt immer das Gepraͤge des Charakters an.
Seyd erhaben in euren Geſinnungen, und laſſet eure
Schreibart geſetzt und edel feyn. Ich will es nicht
laͤugnen, daß dieſe Regel ihre Ausnahmen haben koͤn⸗
ne, wie eine jede Regel hat; aber dieſe Ausnahmen
wuͤrden eine Art von ſeitenen Erſcheinungen ſeyn.
Die
\
der Gelehrten und der Großen. 617
Die Römer fagten: Brodt und Schaufpiele.
Wie fehr wäre es zu wuͤnſchen, daß alle ‚Gelehrte
den Muth hätten, zu fagen: Brodt und Freyheit.
Ich verftehe unter Freyheit nicht eine Freyheit, die
nur —— fondern die auch ihre Schriften an—⸗
geht. Ich vermenge fie mit der verdammlichen
tee nicht, die das anfällt, was fie verehren ſollte:
der wahre Much ift der, welcher das Laͤcherliche und
$after angreift, die Perfonen fchonet, und den Geſetzen
gehorchet. Freyheit, Wahrheit und Armuth,
| (denn wenn man biefe legtere fürchtet, fo ift man fehr
weit von den beyden andern entfernet) ſind drey Wor-
fe, die die Gelehrten, fo wie die Prinzen das Wort
Nachwelt, beſtaͤndig vor Augen haben ſollten.
Unter den verſchiedenen Maͤcenen unſers Jahr—
hundertes, befinden ſich auch einige, die durch die Wiſ—
ſenſchaften, oder das, was ihnen gleichet, gluͤcklich ge—
worden, und andere Gelehrten, die weniger reich und
bisweilen aufgeklaͤrter als fie find, in ihren Schuß neh⸗
men. Wenn man nad) der Art, wie fie ihnen be—
gegnen, urtheilen wollte, fo füllte man glauben, daß
das Wort, Nepublif der Gelehrten, fehr fchlecht aus-
gefonnen ſey; nichts ift weniger vepublifanifch, als
ihr Bezeigen gegen ihres gleichen. Sie fcheinen
‚ überzeugt zu feyn, daß fie allein verdienen, reich zu
feyn; man fagt ihnen, wenn fie fich bey einem anftän-
. digen Bermögen über ihre Armuth beflagen, von ei-
nem Gelehrten, der kaum das Nothwendige beſitzt,
fo werden fie gewiß feine Umſtaͤnde für fehr bequem
halten, Du haft Recht, würde einem‘ folchen Dio:
genes geantroortet haben; aber ich möchte dich nur
- einen zog an meiner Stelle *6
618 Verſuch uͤber die Geſellſchaft a
Dieſe Maͤcenen haben den Grundſatz, daß ein Ge-
lehrter arm ſeyn muß. Sie geben deswegen zur Urs
fahe an, die Armuth ſchaͤrfe den Geift, der Ueberfluß
aber ſchlaͤfere ihn ein und ſchwaͤche ſeine Uebung; aber
ihr wahrer Bewegungsgrund iſt dieſer, daß ſie auf
dieſe Art einen zahlreichen Hof und mehr —
haben koͤnnen. |
Ich geſtehe es, fie werden bismeilen dafuͤr ie
fet. Es fehler nicht ganz an Benfpielen, daß dieſe
Tyrannen im Reiche der Gelehrfamfeit, die von. den
Ausländern und Franzoſen gepriefen werden, zum.
Schrecken derer, die ihnen gleichen, ihren Ruhm übers,
leben, wenn fie durch Die Beränderung ihrer Umftande
unvermögend werden, zu nußen oder zu ſchaden.
+ Mach eben. diefem Grundſatze der. vorgegebex
nen Abhängigkeit, worinn die Gelehrten feyn follen,
bat der Geift. des Defpotifmus in einigen berühmten |
Akademien zu herrfchen angefangen, der, wie ich mie, _
zu behaupten getraue, dem Fortgange der Willen
fchaften fhädlich gewefen feyn würde, wenn nicht viele
Glieder dieſer Geſellſchaften fo vorzügliche Gaben ges
habt hätten; denn in einem defpotifchen Staate beftes
hen die Tugenden der Bürger darinn, daß fie fich be-
triegen lafien ; aber man muß fo geſchickt ſeyn, fich
bisweilen bemwiegen zu laſſen, und man findet
noc) immer Leute, die fo edel gefinnet find, daß ſie
fich betriegen laffen. Der Cardinal von Richelieu,
hatte der franzöfifchen Afademie eine fehr einfache und
edle Geſtalt gegeben, aber es war auch der Kardinal
von Kichelieus Er fabe, ungeachter feiner Meigung
zu einem defpotifchen Syſtem, das er fo weit ausdehnte,
2 ein, daß ſich vi einen ſolchen Staat, als die _
[ Repu⸗
der Gelehrten und der Großen. 619
Kepublik ver Gelehrten ift, die nur durch die Frey:
. heit beftehen Eann, die deinocratifche Regierungsform
am beiten ſchicke; dieſer feltene Mann, der den Werth
der Gaben wußte, wollte, daß in der franzöfifchen
Afademie der Wis in gleicher Linie dem Range und
dem Adel zur Seite gehen, und daß alle Titel dem Titel
eines Gelehrten weichen follten. Er wollte, daß dieſe
Akademie größtentheils aus den guten Schriftſtellern
der Nation beftehen follte, um fie in den Augen der Wei:
fen ehrwürdig zu machen, und aus einer Eleinen An—
zahl von Großen, um fie in den Augen des Pöbeis
ehrwuͤrdig zu machen ; dieſe letztern follten bloß die
Stellen ausfüllen, die die großen Schriftfteller Leer
laſſen würden, und auf Diefe Art follten bey der franz
zoͤſiſchen Akademie die Borurtheile dazu dienen, um
die Gaben zu ehren, und nicht die Gaben dazu Dies
nen, den Vorurtheilen zu ſchmeicheln. Vornehm—
lich ſollte man aufmerkſam ſeyn, diejenigen davon aus—
zuſchließen, Die zugleich Schriftfteller und große Herz
ven feyn wollen, und Feines von beyden find. Er
ftellte fid) nicht vor, daß es dereinft Leute geben wuͤr—
de, die fich daran ftoßen winden, wenn fie ſich in der
Akademie zwifchen dem Defpreaur und Kacine fä-
ben ; eine Stelle, woraus fih Maäcen eine Ehre
würde gemacht haben, und die er mit Befcheivenbeit
wuͤrde angenommen haben. Mit einem Worte, der
Cardinal von Richelieu fahe leicht ein, daß es gerähr-
lich feyn würde, in die gelehrten Öefellfchaften einen -
Geiſt der Ungleichheit einzuführen, der vermögend
it, Verwirrung darinn zu unterhalten, Die großen
"Gaben abzumeifen, in der Länge der Zeit diefe beruͤhm—
ten: BISHER mit mitselmäßigen $euten anzufül
len,
620 Verſuch über die Geſellſchaftt
Ien, denen der Titel eines Mitgliedes nothwendig iſt,
und die gelehrten Belohnungen von dem Eigenfinne
und dem Neide gar zu abhängig zu machen. ii
Dieſe Belohnungen find übrigens zur Aufnahme
der Wiſſenſchaften felbft unter unferer Nation fo noth-
wendig nicht, als man glaubt. Corneille, La Fon-
taine und viele andere haben diefelben nicht gehabt,
und vermuthlic) wuͤrde auch Nacine feine Trauerfpiele,
und Defpreaur feine Dichtfunft ohne diefelben ge-
macht haben ; ohne fie haben unfere Zeiten die Hen-
riade, den Geift der Gefeße (’Efprit des lois) den
Hippolyt und Aricie und viele ſchoͤne Werfe eben der:
feldigen Berfaffer und einiger. andern hervor gebracht.
Die großen Gaben haben um ſich zu entwickeln Feine
andere Triebfeder vonnöthen, als den Antrieb der
Natur. Sie ift es, und nicht das Glück, fo einen
großen Mann zwingt, es zu ſeyn. ie bevölferte
mitten in den bürgerlichen Kriegen Flandern mit ge-
ſchickten und armen Malern. Sie hat Italien fo
viele berühmte Künftler gegeben, wovon nur fehr we⸗
nige im Ueberfluſſe gelebt haben. NN. |
Man mürde ſich indeffen doch irren, wenn man
ohne alle Einfchränfung behaupten wollte, daß die
übel ausgetheilten Belohnungen allezeit den Muth
erhabener Geifter niederfchlagen : fie find bisweilen
dazu gut, große Dinge bey denenjenigen hervor zu
bringen, die fie nicht erhalten, fie arbeiten nicht in
der Abficht, Dazu zu gelangen, fondern fie zu verdie-
nen. Dieß it der vornehmfte Mugen diefer Beloh⸗
nungen, vornehmlich, wenn fie ohne Unterfchied und
mit vollen Händen ausgetheilet werden. Laſſet uns
nicht wünfchen, daß man ihre Quelle verftopfe. Dieß
| wuͤrde
der Gelehrten und der Großen. 621
würde die Gelehrten zum wenigſtens auf eine Zeit⸗
lang fo niederfchlagen, daß es meiner Meynung nad)
mehr ‚Schaden thun würde, als die Huldigungen
und die Art von Abgötterey, wozu der Eigens
nuß fie verbindet: und: ich will dem unfinnigen Kai⸗—
ſer nicht gleichen, der die Bibliothek zu Conftantinos
pel verbrennen ließ, weil die Gelehrten in feinem Reis
che die Bilder anbetheten, Ich glaube bloß, daß die
Belohnungen feltner feyn follten ; dieß würde dazu
dienen, daß fie beffer ausgetheilet würden , die Spar:
ſamkeit ift aufgeflärter, als die Verſchwendung, da⸗
durch wuͤrden die Menſchen mehr an ihre rechte Stelle
geſetzet werden, die Belohnungen, die ſchwerer zu erhal⸗
ten geworden, würden nur von denen ſtreitig gema—
chet werden, die fie verdammen; und die Schriftftel=
ler, die Philoſophen die berühmten Künftler werden
außerdem in der Hochachtung ihrer Nation einen
Preiß erlangen, der fehmeichelhaft genug für fie feyn
wird, um gebuldig andere Belohnungen erwarten zu
fonnen, oder diejenigen ſchamroth zu machen, die ih⸗
nen diefelben entziehen würden,
Aber die Großen müffen nie vergeffen, wenn fie
den Willenfchaften Gutes thun wollen, daß die per=
fönliche Achtung die wefentlichfte Belohnung der Ga⸗
ben ift, die alle andere erhöhet, die felbft ihren Ab—
gang erfegen Fann. Diefer Achtung hatte Griechen-
land die großen Männer zu danfen, die es in allen
Arten hervor brachte, dieß ift die fchäßbarite Gunft,
die die Willenfchaften in unfern Zeiten von einem
Monarchen erhalten, der den Thron mit allen Ein-
fichten und Tugenden des Julians befist, ohne feir
nen — zu haben. Die Gleichguͤltigkeit
Carls
622 Berfuch uͤber die Geſellſchaft
Carls des V. gegen die Wiffenfchaften, die bis auf ſei⸗
ne Nachkommen fortgepflanzee iſt, ſcheint eine der vor⸗
nehmſten Urſachen zu ſeyn, die das Wachsthum des
Geiſtes in ihren Staaten bisher aufgehalten hat.
Preußen wird feinem Friedrich aus einer entgegenge⸗
ſetzten Urſache den Fortgang verdanken, den es in
den Kuͤnſten und Wiſſenſchaften machen wird. Bey
dieſem Monarchen, der uͤber die Vorurtheile erhaben
iſt, unterſcheidet die Menſchen nichts, als das Ber:
dienſt. Das Licht und die Wahrheit, die den Prin-
zen fo nothwendig und gemeiniglich fo fehr verborgen
find, die er aber liebt und kennet, weil er ihrer wür:
dig üt, find die Frucht der weilen und feinesweges
zügellofen Freyheit, die er den Wiſſenſchaften zugeite-
het. Die Gaben des Geiſtes, das Ungluͤck und die
Philoſophie geben Anrecht auf ſeine Guͤte. Sein
Geſchmack an den Wiſſenſchaften und ſchoͤnen Kün-
ſten ift um fo viel aufgeflärter, um fo viel wahrer,
und um fo viel lobenswürdiger, da er feinen wichti—
gern Sorgen nichts entzieht, und da er vor allen
Dingen König zu feyn weiß. Es fihränfen ſich auch
die Lobfprüche, Die er erhält, nicht auf die Stimmen
feiner Unsertdanen ein ; von dem ganzen Europa be-
kraͤftiget, deſſen einmuͤthige Stimme der Probierftein
des Berdienftes der Monarchen ift, werden fie noch
von den Fünftigen Zeitaltern beftätiger werden, deren
Urtheil man ihm zum Boraus anfündigen kann, weil
er diefelben nicht fürchten darf, Möchte er doch die—
fes ſchwache aber uneigennüßige $ob eines Gelehrten
annehmen, deſſen Feder noch nie Durch die Schmei-
cheley entehret ift, der vielleicht. nie die Ehre haben
wird, fih ihm zu nähern, den Die Freundſchaft in fei-
nem]
der Gelehrten und der Großen. 623
nem Vaterlande zurücfe hält, weil fie ihm die Stelle
des Glückes vertritt, und der nichts von ihm verlan⸗
ge als feine Hochachtung.
Warum kann ich nicht zur Ehre unferer Nation
— dieſes von allen unſern Maͤcenen fagen ? Aber
die Wahrheit und die Gerechtigkeit widerfegen ſich
meinem guten Willen. Ich kann wenigftens be-
theuern, daß ich auf feinen ins befondere mit den cri-
tifhen Betrachtungen gezielet habe, die man in die—
fer Schrift findet. Wenn wider meine Abficht ſich
jemand darinn zu erfennen glauben follte, fo kann ich
ihm Feine andere Antwort ertheilen, als die, fo Pro-
togenes dem Demetrius gab : Sich kann nicht
glauben, daß ihr die Rünfte befrieger ; denn
ein unverftändiger Schuß iſt ein wahrhafter Krieg
wider die Gaben. Glücklich werden wenigſtens die
Gelehrten, feyn, wenn fie endlich erkennen, daß das
ſicherſte Mittel ſich Hochachtung zu erwerben, iſt,
daß ſie unter ſich vereiniget, und gleichſam eingeſchloſ⸗
ſen leben, daß ſie es durch dieſe Vereinigung leicht
dahin bringen werden, daß ſie den uͤbrigen Theil der
Nation in den Werken der Philoſophie und des Ge—
ſchmackes Geſetze vorſchreiben koͤnnen; wenn fie ein—
ſehen, daß die wahre Hochachtung diejenige iſt, die
von Leuten ertheilet wird, die wuͤrdig ſind, ſelbſt hoch
geſchaͤtzet zu werden; af die Prableren ein Poffen-
fpiel ift, das den Zufchauer und den Acteur beſchimpfet,
und daß der Durjt nad), Ruhm und Reichthuͤmern
‚eine von denen Urfachen if, die zum Berfalle der Wif-
fenfchaften unter uns das meifte beytragen werden.
Die find die Betrachtungen und die Wünfche ei-
nesSchriftitellers, ohne Künfte, ohne Intriguen, ohne
' Bey⸗
624 Verſuch Aber die Geſelſchaft x. |
Beyſtand, und folglich ohne Hoffnung, aber auch
ohne Sorgen und ohne Begierden. Ich weiß, daß
das falfche Intereſſe der Menſchen fich immer ihrem
wahren Bortheile widerſetzen wird, und ich kann viel-
leicht eine platonifche Republik entworfen haben ; in
diefem Falle werde ich nicht der erfie Mißionarius
ſeyn, der mit mittelmäßigen Gaben fehr guten Ab-
fichten, mit noch beffern Gründen und einer Auffüh-
‚rung, die feiner Lehre gemäß ift, das Unglück gehabt,
niemand zu bekehren. Vielleicht aber wird mein
Beyfpiel, ob es gleich an und fir fich felbft wenig
überreden und einnehmen kann, endlich von einem un-
ferer berühmteften und ausgedehnteften wißigen Köpfe
nachgeahmet werden. Ich zweifele nicht daran, daß
er, der dem ftürmifchen Meere entgangen it, Das ich
nur eben erblicfet habe, den Gelehrten mit vielem Nu-
Ben und mit vieler Wahrheit fagen koͤnne:
Parcite oues nimium procedere, non bie ripae
Creditur; ; ipfe aries etiam nune — ſiccat.
IL.
625
Krrr eK ****5 Er *** * * Kr
— Erklaͤrung
gewiſſen Bildfaͤule,
welche
einen galliſchen Prieſter
vorſtellet.
Aus ber Nouvelle Bibliotheque Germanique T. XII;
Part, Il. p. 379.
Mein Herr,
’ IL: Sie ohnlängft durch Genf reiſeten, ſo un⸗
=
—
terließen Sie nicht, alles daſelbſt in Augen⸗
ſchein zu nehmen, was man gemeiniglich den
Reiſenden zu zeigen pfleget. Bey dieſer Gelegenheit
vergaßen Sie die oͤffentliche Bibliothek nicht. Sie
betrachteten allda verſchiedene Merkwuͤrdigkeiten, dar⸗
unter aber einige, wie Sie ſagten, eine Erlaͤuterung
gebraucht haͤtten, welche man Ihnen nicht geben konn⸗
te, weil es gemeiniglich bey ſolchen Umſtaͤnden die
Zeit nicht verſtattet. Sie erinnern ſich itzo einiger
derſelben, von denen Sie gern mehreres Licht gehabt haͤt⸗
tehmen ſoll. Sie führen unter andern eine Fleine
ildfänle von Erzt an, welche einen m gallſchen Prie⸗
3 Band. Rr ” |
en, und Sie fhreiben an mich, daß ich diefes auf mich -
6 Erklärung di einer Bildfäule
ſter Hätte vorftellen follen, und welche Sie wegen ih⸗
rer Seltſamkeit nicht genug haͤtten betrachten koͤn⸗
nen. Davon ſoll ich Ihnen num gegenwärtig meine
Gedanken ſagen. Sie verlangen zu wiſſen, was
man für Beweiſe hat, daß ſich die Sache fo verhalte,
wie man Ihnen gefaget hat, und ob es nicht hierüber
verfchiedene Meynungen giebt. Ich ſoll sonen fer⸗
ner melden, wo und zu welcher Zeit man diefe Bilde
fäule gefunden hat; und endlich, ob man Aen!
lich erfahren Fann, in welchem Be i mag
feyn verfertiget worden. '
Diefe Bildfäule wurde zu Ende des vorigen Jahe ·
hunderts in hieſiger Gegend gefunden. Man arbei⸗
tete 1690 an einem Feſtungswerke auf der Seite ge—
gen die alte Vorftade St. Victor, und da man das
Erdreich aufgrub , fand man dieſes Stuͤck des Alter
thums. Sie iſt noch vollkommen unbeſchaͤdiget, und
ſcheint nur erſt aus der Arbeit gekommen zu ſeyn. Es
fehlet nichts daran, als ein gewiſſes Inſtrument, wel⸗
ches ſie in der linken Hand hatte, und welches weg—
gekommen iſt. Da Sie vielleicht itzo nur noch einen
unvollfommenen Begriff davon haben, fo will ich
niit einer etwas ausführlichen Beſchreibung derfelben
den Anfang machen. Diefe Bildfäule iſt nur fünf
oder fechs Zoll hoch. Sie ftellet eine Mannsperſon
vor, welche in ihren beſten Jahren iſt. Sie haͤlt
in der rechten Hand ein klein Gefaͤß, welches
leer iſt. Ihre ganze Bekleidung beſteht aus
einem kurzen und engen Gewand nach alter Art.
Dieſes iſt unter dem Halſe mit einer Art von Haken
zuſammengeheftet. Die Süße find nur mit einer Art von
kleinen
4
eines galliſchen Prieſters. 627
Kleinen Stiefeln bekleidet, welche nicht einmal bis an
die Waden reichen. |
Unſere Kenner der Alterehümer machten gar bald
ihre Muthmaßungen über diefen Fund bekannt. Ei—
ner von ihnen glaubte bey der erften Unterfuchung,
daß diefes Bild gar wohl einen von den römifchen
Kaifern, die nad) dem Adrian regieret Haben, vor—
ftellen dürfte, und einige Eleine Merfmaale beredeten
ihn, es wäre Antonin, der Fromme. Das Fleine Ge—
faß in der rechten Hand erflärete ev als ein Kennzeia
chen, oder Sinnbild feiner Vergoͤtterung, und er
muthmaßte, daß er in der linken Hand einen Wurfe
fpieß müßte gehabt haben. Er fuchte feine Muth—
maßung durch einige Münzen zu beflärfen, wo diefer
Kaifer alfo vorgeftellee wird. Er berufte fich fon-
derlich Darauf, daß man diefen Prinzen ehemals auf
einer Säule zu Nom in diefer Stellung gefehen bat.
Auf Befehl des Pabfts Sirtus des Fünften wurde
diefe Bildſaͤule weggefchaffer, und eine andere von dent
heiligen Paulus an deren Stelle gefeget, Nachdem
man indeffen die Sache reiflicher erwogen hatte, fo
wurde diefe Muthmaßung gänzlich verworfen. Wenn
diefe Bildfäule hätte den Antonin vorftellen follen, fo
hätte fie müffen einen $orbeerfranz haben. Ueber
diefes ift die Bekleidung der Füße weder römifch,
noc) dem Anzuge eines Kaifers gemäß, -
Ein anderer KRunftverftändiger, welcher wegen dies
fer Bildfaule gefraget wurde, verficherte, daß man
nicht das geringfte Kennzeichen der Faiferlichen Wuͤr—⸗
de daram fände, fondern daß es feiner Meynung
nach bloß ein römifcher Befehlshaber der Soldaten
ſeyn müßte, den man fo vorgeftellet häfte, als wenn
RR > Ä ’2 er
628 Erklaͤrung einer Bitdfäufe
er im Begriffe ftünde, vor oder nach in einem ‚Feld.
auge ein Opfer oder eine Libation zu verrichten. 2
Dieſer Kenner der Alterthümer wurde wieder von
einem andern beftritten, welcher ihm vorftellete, daß
man hey dieſem Bilde kein einziges Zeichen eines
Kriegsmannes, weder Schild, noch Helm, noch De⸗
gen, mit einem Worte, nichts, was zu einem Krieges⸗
bedienten gehoͤret, antraͤfe.
Endlich befand man nach einer noch ſchaͤrfern Un⸗
terſuchung, daß die Kleidung ganz und gar galliſch
war. An den kurzen Kleidern konnte man dieſe Na⸗
tion beſonders unterſcheiden; wie man aus dieſem la⸗
teiniſchen Verſe ſieht:
Dimidiasque nates Gallica Palla tegit.
Man erkannte hernach, daß das Gefaͤße, welches der
Gallier in der rechten Hand haͤlt, einen Bedienten
des Gottesdienſtes, oder eine gewiſſe Art von einem
Opferprieſter anzeigen muß. Man kann ihn weder
für einen Griechen, noch Nömer halten; denn bey
dieſen beyden Volteen mußten die Bedienten des Al⸗
tars ihr Amt in langen Roͤcken verrichten.
Eine noch genauere Betrachtung aller Umftände
beftärfete diefe Muthmaßung vollfommen. Sie koͤn—
nen fich leicht einbilden, Yijein Herr, daß man bie: |
fen Eleinen Mann, fo bald man ihn aus der Erde
gezogen, wird mit großer Aufmerffamfeit vom ‚Kopfe
bis auf die Füße betrachtet haben. Kein einziger |
Gefichtszug blieb unfern neugierigen Kunftrichtern |
verborgen. Nachdem fie feine Gefichtsbildung genau ||
unterſucht und befunden haften, daß fie vollfommen
allobrogiſch, das ift, grob * * war, ſo richteten
ſie
2
|
eines galifchen Prieſters. 629
fie ihre Aufmerfamfeit auf alles, was ihn noch —
-maßen weiter Fenntlich. machen Fonnte.
Sein Kopf ift bloß, aber er hat viel Haare; doch
diefes zeiget nur überhaupt einen Dpferpriefter an,
wie man bey den Alten, bemerket, ausgenommen in.
Aegypten, wo fie fi) Be die Haare abfcheren
lafien.
Diodorus Siculus und Sueroniig, berichten ung,
daß die celtifchen und alten deutſchen Priefter fich fehe
haben, und den natürlichen Mangel derfelben durch,
fremde Haare zu erfegen. - Die, welche man aufunfe-
ver Bildfaule erblicker, fcheinen auch falfch zu ſeyn.
Das Befondere, das die Priefter dieſer Nation hat-
ten, mar ihre Art, die Haare in Ordnung zu legen.
Sie ftrichen dieſelben uͤber der Stirne gegen den Wir—
bel des Hauptes in die Hoͤhe, und kruͤmmeten ſie her—
nach wieder herunterwaͤrts, dergeſtalt, daß dieſes einen
Buͤſchel oder eine Art von Wulſt auf der Stirn ma—
chete. Varro meldet uns, daß die Art, wie die Prie—
ſter ihre Haare herum zu Drehen pflegten, einen beſon—
fiehe diefen Auffag von Haaren fehr deutlich auf unſe-
rer Bildfäule.
Nachdem unfere Kerner der Alterthümer dieſen
Priefter einige Zeit bey den Haaren gehalten harten,
m fich feiner deſto beffer zu verfichern, fo faffeten fte
licher Schmud bey der gallifchen Priefterfchaft. Sie
emüheten fich, einen fo großen Bart zu haben als nur
oͤglich war. Der Bart an unferer Bildfänle ift
eit, überaus Dick und ſtark, wobey die Seitenhaare
Rr 3 nicht
angelegen ſeyn ließen, viel Haare auf dem Kopfe zu
dern Namen haͤtte, und Tutulus genennet wuͤrde. Man
ihn hernach bey dem Barte. Es war auch ein weſent-
—
60 Erklaͤrung einer Bildſaͤule
nicht in die Höhe geftrichen, fondern herunterwaͤrts
gekruͤmmet find. RE N. Br
Hierauf kam man auf das Gewand. Außer dem,
daß es fehr kurz ift, bemerfere man noch, daß es durch)
‚einen Gürtel zufammengezogen war, welcher mit Zier⸗
rathen mochte verfehen geweſen ſeyn. Man findet
den Gürtel allezeit auf den Münzen, welche einen alten
Dpferprieftet vorftellen. - Ich habe nicht nötbig, mein
Herr, Ihnen dasjenige zu wiederholen, was die heilige
Schrift von dem Gürtel des jüdifchen Hohenpriefters
erwaͤhnet. —— N Tg
Die Bekleidung der Füße befteht, wie ich ſchon ge=
fagt habe, in einer Art von hohen Schuhen, oder viel-
mehr Halbftiefeln, welche nur an den halben Fuß rei⸗
chen, und den ganzen Dbertheil veffelben bloß laffen.
Sie fcheinen bloß beftimmt geweſen zu feyn, die Bes
ſchwerlichkeiten der Reife deſto beffer auszuftehen. Al⸗
lem Anfehen nach war diefes der gemöhnliche Anzug
der ganzen Nation. .
Aber das Fleine Gefäß, welches der Priefter in der
rechten Hand hält, verdienete mehr Aufmerffamkeit als
alles andere, weil man daraus am allerdeutlichiten fe=
ben Fann, was die Bildfäule vorftellen fol. Wenn‘
man die Stelfung genau betrachtet, fo fheint es, daß
man einen Priefter hat abbilden wollen, wie er im Be⸗
griffe ſteht, den in diefer Schale befindlichen Wein
zwiſchen die Hörner des Schlachtopfers auszugießen,
| Ipfe tenens dextra Pateram inter Cornua fudit,
wie Birgil fagt. Hk i
Einige Schrifefteller Haben geglaubet, daß die Pa-
tera ſowohl ein Flein Gefäß zu den Sibationen, — |
RE | *
eines galliſchen Briefters, 631
auch ein größeres und breiteres bedeutete, welches ei»
nen Henkel hatte, und darzu dienete, daß man das Blut
Des Schlächtopfers auffieng. Aber die eigentlich fo-
genannte Patera hat weder Henkel noch fonft etwas,
mo man es anfaflen koͤnnte. N
Die gallifchen Priefter haften diefes Opfergefaͤß fo
oft in den Händen, daß uns Aufonius berichtet, man
bätte fie fetbft unter: viefem Worte zugleich verftan:
den. Dieſes werden fie in feinem fünften Gedichte
finden, welches die Leberfchrift hat:
Commemoratio Profeflorum Burdigalenfium..
Man findet dafelbft ven Sobfpruch des Redners Attius
Patera. Ich will folchen-ganz hieher feßen, um Ih—
nen die Mühe zu erfparen, es aufzufchlagen:
Tu Bagocafli flirpe Druidum fatus,
Si fama non fallit fidem,
Beleni facratum ducis e templo genus:
Et exinde Vobis nomina
Tibi PATERAE: fic Miniffros nuneupare
Apollinaris. Myftici.
Hier fehen Sie, daß er zu ihm fagt, er hätte den a
namen Parera erhalten, weil er aus einer Familie der
Druiden zu Bayeup in der Normandie geboren wor⸗
den. Mir erfehen hieraus, daß man eine gewiffe
Elafie ver gallifchen Priefter alfo zu benennen pflegte.
Solcergeftalt ift das Sinnbild, telches man unferm
Priefter in, die Hand, gegeben dat, ein überaus deutli⸗
ches Merkmaal, und läßt weiter Feinen Zweifel wegen
feiner Bedeutung übrig. Es bezieht ſich auf dieſer
Bildfäule alles auf die Borftellung eines Priefters,
welcher fein Amt verrichtet. Man kann mit vieler
Ä Wohrſcheinlichteit muthmaßen, daß, was er in der
v4 linfen
632 Erklärung einer Bildſaute
linken Hand gehabt und verloren gegangen, ein Opfer
meffer müffe gewefen ſeyn.
Als man Ihnen diefe Bildfäule‘ auf unferer Biblio⸗
thek zeigete, ſo gab man vor, ſie ſollte einen alten Drui⸗
den vorſtellen. Die Verſe des Auſonius bringen uns
auf dieſe Meynung. Was aber hier bey noch einigen
Zweifel erregen koͤnnte, iſt die Befchreibung, welche der
berühmte Herr von Bochat von einem Druiden ger
machet hat, der auf einem fübernen Opfergefchirr, dag
‚man in der Schweiz im Jahre 1633 gefunden, vorge:
fiellet wird. Man fieht an diefem Gefäße verſchiedene
Bilder in erhabener Arbeit, und unter andern einen
Druiden,
Dieſer gelehrte Renner der Alterthümer beſchreibt
uns dieſes Bild folgendermaßen: „Dieſes Bild, ſagt
„er, ſtellet einen Mann vor, der mehr alt als jung iſt,
„und einen kurzen ftarken Bart hat, wovon der Mund
„bedecket iſt. Er hat Eurze Haare. Der Rock ift
„nicht gegürtet, und bat faft gar Feine Falten, er geht
„ihm bis über die Waven. Das ift fein ganzer An-
„zug. Die Aermel,melche faft nur die Schulter und
„die Hälfte des Yrmes beveden, find bis faft an die
„Schulter mehr als einmal aufgefchnitten. :
„Was am meiften bey diefem ‘Bilde einem OH
„den Ahnlic) iſt, beſteht darinnen, daß er in der rech-
„ten Hand eine Art von Sichel oder großem Meffer,
„und in der linfen einen Zweig von Miftel, der auf
- „den Eichen wächft, Hält, welchen er mit feiner Sichel
abgehauen hat, oder etwas Eifenfraut, welches die
„Druiden eben ſo bielten und gehrghchten wie —
„Miftel, „, * » i
i Wienn
* Hiftoire ancienne wi Suiffe T.II.p. 412. °
< eines galliſchen Prieſters. 6533
Wenn man dieſe Beſchreibung mit unſerer Bild»
ſau⸗ vergleicht, ſo findet man zwar eine Aehnlichkeit
darinnen; aber der Anzug iſt ſehr verſchieden, welches
denn manchen bereden koͤnnte, daß einer von beyden
nothwendig Fein Druide ſeyn muͤſſe. Der, welchen
der Herr von Bochat beſchreibt, hat einen ziemlich lan⸗
gen Rock, aber der unſrige hat ein ſehr kurzes und mit
einem Gürtel zuſammengezogenes Gewand. Der
auf dem Opfergefaͤß abgebildete Druide hat gar Fei-
nen Gürtel, da ich doch ſchon gezeiget habe, Daß der
Gürtelein wefentlicher Zierrath bey den alten Prieftern
war.
Aber diefer gelehrte Kenner des Alterthumes eröff-
net ung etwas, welches dem ganzen Streite ein Ende
‚machen dürfte, Er gefteht,daß fein Druide ziemlich
viel Aehnlichkeit mit dem Gotte Sylvan hat. Man
pflegte dieſen Waldgott mit einer Sichel in der einen
Hand, und mit einem Zweige in der andern vorzuſtel⸗
en. Was der Herr von Bochat vor Mittel oder vor
Eifenfraut gehalten hat, fann gar leicht ein Zweig feyn,
welchen der Bildhauer würde größer gemacht haben,
wenn es-die Sänge des Dpfergefäßes verftattet hätte,
Ueberlegen Sie nur einmal, mein Herr, daß alle
die andern Bilder, welche um dieſes Gefäß herum ge=
macht find, Gottheiten vorftellen. Man fieht da den
Jupiter, den Mars, den Apollo, die Diane, den Mer:
fur. Das Bild, das dem vermeyntlichen Druiden
am naͤchſten fteht, und über welchen der Herr Bochat
zweene Raben zu bemerfen geglaubet hat, ift, allem
Aſehen nach, die Venus mit ihren zwo Tauben, wel-
ches die Sinnbilder find, die ihr die Poeten zur Beglei-
tung geben. Man wird alsdenn nichts als Gottheis
Rt: 5 | ten
654 Erklärung einer Bildſaͤule
ten auf dem Opfergefaͤß e ſchen und man kann nicht
begreifen, was ein Druide mitten unter dieſen Gott:
heiten machen follte. Die Eleinen Zufäße, die ich Ih—
nen ißo zu weiterm Machfinnen überlaffe, Fommen von
einem Gelehrten biefiger Gegend, welcher fich mic den
Alterthuͤmern fehr.befannt gemacht hat, welcher aber
zugleich dem Herrn von Bochat das Endurtheil hier:
über ——
Es iſt Ihnen bekannt, daß die Druiden bey den
Galliern Prieſter, Sittenlehrer, Aerzte, Meßkuͤnſtler,
oder vielmehr Sterndeuter, und fonderlich Richter mas
ren. Ihr Amt war, daß fie das Necht fprachen. Nur
fie entfchieden faſt alle Zwiftigfeiten, und feßten Stra-
fen und Belohnungen. Wenn es jemand nicht wollte,
ben ihrem Ausfpruche bewenden laflen, fo wurde er
‚von den Opfern ausgefchloffen. Der Bann war unter
ihnen eingeführet. Der Bann der Druiden war da-
mals eben fo erfchrecflich, als der Bann der Paͤbſte i in
den folgenden Zeiten.
"Die Druiden verſammleten ſich alle Sabre in der
Gegend. von Ehartres, und zwar ganz nahe bey der
Stadt diefes Namens, weiche ungefähr für den Mit⸗
telpunct von Gallien gehalten wurde, Einzelne Pers
fonen, welche Streitigkeiten unter einander hatten, bes |
gaben fich von allen Seiten in dieſe Berfammlung, |
welche an einem geweiheten Orte gehalten wurde, Hier
wurden die NRechtshändel gemeiniglich entfchieden, und
das Urtheil, welches die Druiden fälleten, galt faft ebert
fo viel, als ein göttlicher Ausſpruch. '
Die Druiden hatten ein gewiſſes Oberhaupt, wel⸗
ches man ale ihren Hohenprieſter betrachten konnte.
Dan. überließ u eine unumfchränete Gewalt, —
einem
eineg gallifegen Prieerd, 635
feinem Tode folgete ihm derjenige, welcher Die meiften
Berdienfte unter ihnen hatte. Er wurde gemeiniglic)
durch die Mehrheit der Stimmen erwähler. Aber
diefe Wahl verurfachete zuweilen. Uneinigfeiten und
Zerrüftungen, ſo daß es fogar bey verfchiedenen Ges
ALIEN zu Ihätlichfeiten Fam. :
Es würde fchon der Mühe werth feyn, daß man
ſich von ihren Grundſaͤtzen einen vollfommenen Bes
griff zu machen füchte; es fehlen uns aber die hierzu
erforderlichen Nachrichten. Es war einGefeg bey ihnen,
wornach fie fid) bey allen Umftänden richteten, daß fie
nicht das geringfte auffchrieben, weder ihre Geſetze, noch
ihre Gefchichte, noch die Geheimniffe ihrer Neligion,
Julius Caͤſar führer davon die Urfache an, in feinen
Büchern. Er faget, daß fie diefes vermuthlich dar-
um thaͤten, Damit der gemeine Mann nichts von ih—
rer Wilfenfchaft erfahren, und ihre Künfte nicht ihren
Werth verlieren möchten, wenn fie allen Seuten be
Fanne würden. Sie fanden ihre Rechnung beffer,
wenn fie das Volk in der Ummiffenheit erhielten, Es
war ein bequemes Mittel, fich deſto leichter deſſen
Hochachtung und Ehrfurcht zu erwerben.
Andere haben dafür gehalten, daß fie deswegen
gar nichts aufgefchrieben hätten, damit fie das Ge—
daͤchtniß ihrer Lehrlinge defto beffer üben Fönnten. Sie
pflegten ihnen eine große Anzahl Verſe auswendig
lernen zu laffen. Es gefchieht auch wirflich zuweilen,
daß Lernende vergeffen, die Kräfte ihres Gedächtnif-
fes zu verbeffern, wenn fie fich zu fehr auf das Schrei⸗
ben verlaſſen. Dieſe Gründe koͤnnten allenfalls ziem—
lich wahrſcheinlich ſeyn, in Anſehung ihrer Weltweis⸗
heit und Religion; aber es iſt doch nicht zu
en,
‚*
656 Erflärungeiner Bildfäule
ben, daß fieihre Geſetze, und fonderlich ihre Geſchich⸗
te nicht follten aufgezeichnet haben. Es iſt allerdings
zu verwundern, daß ſie nicht ſollten einige Schriften
bekannt gemacht haben, darinnen die Nachkommen
hätten die merkwürdigen Thaten ihrer — und
Mitbuͤrger leſen koͤnnen. |
Von ihrer Religion iſt faſt nichts weiter bekannt, |
als daß fie die Unſterblichkeit der Seele für einen der
vornehmſten Puncte ihrer Gottesgelahrtheit gehal-
ten, und diefe Lehre fehr bequem und nuͤtzlich befun:
den haben, ihnen eine Verachtung des Todes bey:
zubringen. Sie Sl bie Seelenwande⸗
‚rung.
Plinius (Hiftor. Natur. lib. xvi) erzaͤhlet die Art,
tie fie den Miftel von den Eichen.gefammlet haben,
welches fie als eine der wichtigften Ceremonien ihrer
Religion betrachteten. Diefer Baum wurde bey ih⸗
nen für heilig gehalten, man muß aber diefes nur von
den Steineichen verftehen. Sie pflegten fid) alle
Jahre zu einer gefeßten Zeit in einem Holze zu vers
ſammlen, und mit einer goldenen Sichel, oder Frum:
‚ men Meffer den Miftel abzunehmen, welcher auf dies
fer Art von Eichen wuchs. Sie verwahreten ſolchen
ſehr ſorgfaͤltig als ein ſeltenes Geſchenk der Gott:
heit. Sie opferten bey dieſer Gelegenheit Thiere,
und zuweilen auch Menſchen. Man beſchloß dieſe
Ceremonie mit einem Gaſtmahle.
Wir koͤnnten leicht unſern Druiden fuͤr einen von
denen ausgeben, welche zu dieſer feyerlichen Handlung
gebrauchet wurden. Man machet nicht leicht Bild⸗
ſaͤulen als fuͤr Leute, die einen beſonders großen Rang
haben. In dieſem Falle iſt nichts natuͤrlicher, * —
uth⸗
"einen galliſchen Prieſters. — |
Mathmoßung daß das Werkzeug ; y welches in feiner
Hand gewefen, und verloren. gegangen iſt, die golde-
ne Sichel gervefen feyn muß, welche man gebrauchte,
der Miſtel abzunehmen. Unterdeſſen, mein Herr,
damit Sie nicht Urfache haben, zu fagen, daß wir.
unfere Waare felbft lobeten, fo will ich es ganz gerne
bey meiner erften Muthmaßung beenden laffen: daß
nämlich dasjenige, was es inderlinfen Hand gehalten,
nur ein Opfermeſſer gervefen iſt. Solchergeftalt- wird
unfer Druide nur ein gemeiner Priefter, und zwar
aus der Ordnung der niedrigen Opferprieſter gewe⸗
ſen ſeyn.
Sie haben ferner zu wiſſen verlangt, ob man un:
gefähr das Jahrhundert erfahren hat, Darinne diefe
Bildfäule ift verfertiget worden. Es ift aber ſehr
ſchwer, hiervon etwas Beſtimmtes zu fegen.. Man
hat fo gar Urfache, ſich zu verwwundern, wie eine gut
Bildfäule hat koͤnnen von den Galliern gemachet wer⸗
den. Wenn man aber doch uͤberlegt, daß ſie mit den
Roͤmern Umgang gehabt haben, ſo iſt es ihnen nicht
unmöglich geweſen, etwas Bildhauerarbeit abzuler-
nen. Vorher verftunden fie ganz und ‚gar nichts von
Künften und Wiſſenſchaften. Das einzige, was ich
Ihnen alfa auf ihre Frage antworten kann, iſt die—
ſes, daß diefe Bildfäule nothmendig neuer feyn muß,
als die Eroberung von Öallien., Weiter fönnen wir _
nichts eigentlicheres angeben, wie alt fie ſeyn mag.
Ich bin - > -
. Genf, den } * Chriſtm.
| FRE 17 FE
I. Schrei⸗
633 Von der Beihnedung:
ee
| ae su
Schreiben. eines vornehmen Fraueninmers
an ben u
.Herin % EN In
von der
Beſchneidun derdleghpter.
rg der Nouvelle Bibliotheque Germanique "Tom!
AU Part. J. p· ig8.
Mein ——
8 ie Abhandlung, welche der —— Sabionsf
> ) ohnlängft von der Götterlehreder Aegypter ge⸗
ſchrieben bat, gab uns letztlich Gelegenheit,
von den Gewohnheiten diefes Volkes zu fprechen, und
wir Famen dabey auf. deren Beſchneidung zu reden.
Sie konnten einigermaßen meine Gedanken hieruͤber
errathen; weil ich aber Bedenken trug, mich vor un⸗
ſern damaligen Zuhoͤrern deutlicher zu erklaͤren, ſo
mußte ich ihnen verfprechen, folches ſchriftlich zu chum
Ich will alſo meinem REDE hiermit nach⸗
kommen. | Au —
Man kann aus der Gefchichte der Aegypter deutlich‘
wahrnehmen, daß die Beſchneidung nicht bloß bey die⸗
ſem Volke gebräuchlich geweſen iſt, ſondern daß man
vielmehr. bis auf bie ſpaͤteſten Zeiten zuruͤck gehen
* wenn man den Zeitpunct dieſes Gebrauches bes |
ER —
der Megypter. > 69
ftimmen will, ‚Es hat auch Herodotus nicht ausmas
chen koͤnnen, ob fich diefe Gewohnheit von den Aegy⸗
ptern felbft herſchreibt, oder ob dieſe ſelhige von den
Yerhiopiern * angenommen haben. Dieheilige Ge—
fchichte meldet uns im Buche FYofua 5, 9. daß die Be=
ſchneidung ſchon zu der Zeit,.da fic) die Kinder, Iſrael
in der Wüften lagerten, in fo großer Hochachtung ben
den Aegyptern war, daßes für einen Schimpf gehalten
wurde, nicht befchnitten zu ſeyn. Ich Eomme bier»
bey ganz natürlich auf folgende zwo Muthmaßungen,
darunter nur eine einzige gegründet feyn kann: ent=
weder muß die Befchneidung bey den Aegyptern vor
den Zeiten Abrahams gebräuchlich gewefen feyn, oder
fie haben felbige von dieſem Patriarchen und feinen
Nachkommen erhalten. ——
Es iſt aber nicht möglich, daß die Aegypter ſoll⸗
ten die Befchneidung vor den Zeiten Abrahams ge=
habt haben, weil fonjt hieraus folgen müßte, daß die
Philiſter, welche mit ven Aegyptern einerley Stamm:
vater haben, und welche mit ihnen in einem Lande ge—
wohnet hatten, Daraus fie nur Furz vor den Zeiten
Abrahams gegangen waren, daß diefe Philifter, ſage
id, würden haben eben dieſes Gefes beobachten
muͤſſen. J REN
Nun ift aber aus dem andern Buche Samuelis
‚31, 4. befannt, daß diefes ein unbefchnittenes Volk
war. Uebrigens fällt die Meynung dererjenigen,
welche glauben, daß die Beſchneidung bey den Aegy-
ptern vor den Zeiten Abrahams gebräuchlich gewe—⸗
| J— | fen
*Es ift eine ausgemachte Sache, daß man damals uns
‚ser dem Namen der Aethiopier Die Araber zu verſte⸗
ben pflegte. —9* —*
649 Von Rem Behebung
fer, von ſich feißft hinweg, wenn man bedenkt, daß die |
jüdifche Gefchichte ausdrücklich bezeuger, doh Abra--
ham der erfte gervefen ift, mit welchem Gott einen
folchen Bird aufgerichtet hat, und daß die Aegypter
bingegen,'töelche den Zeitpunet, darinnen diefe Cere-
monie ihren Urfprung "genommen, nicht beftimmen
Eönnen, geftehen, daß fie diefelbe von den Aethiopiern
Fönnten erhalten haben, welches denn fattfam bewei-
fet, wie ungewiß ‚ie in dieſem Stuͤcke fd.
Eben ſo wenig wahrſcheinlich iſt es, wenn man
ſagen wollte, daß die Aegypter die Beſchneidung von
Abraham feibft erhalten haben, weil diefer Patriarch
noc) nicht dieſem Gefeße unferworfen war, als er nach
Aegypten fam ; denn er empfieng den Befehl der
Befchneidung, allererſt etliche Jahre darauf. 1Buch
Moſ. 12 und ı7. And wenn auch diefes nicht wäre,
. glauben Sie denn wohl, mein Herr, daß esein Auslan⸗
der hätte koͤnnen fo weit bringen, daß die Aegypter
eine fo fehmerzbafte und gefährliche Ceremonie, wie
die Befchneidung ift, follten eingeführet haben ?
Wen foll man nun wohl die Einführung diefes
Gebrauches bey ven Aegyptern zufehreiben ? Meine
Meynung hiervon ift biefe :
Mofes berichter uns in dem andern Buch Mol.
2, 18, 19. daß ſich nad) dem Tode Joſephs ein neuer
König in Aegypten erhub, der von Joſeph nichts:
wußte. Diefer neue König, deſſen hier gedacht wird,
war allem Anfehen nach, einer von den Nachkommen
Iſmaels. Hier folgen die Beweisgründe, mein
Herr, welche meine Muthmaßung beitärfen follen.
Erſter Beweisgrund: Gott hatte Abraham verfpros
Gen ” Iſmael eine fehr große und zahlreiche TR
Be
der Aegypter. 641
kommenſchaft haben ſollte, daß er ihn zum Haupt
uͤber ein ſehr großes Volk machen wuͤrde, und daß
zwölf Fuͤrſten von ihm abſtammen ſollten. ı Bud)
Mof. 17, 20. Zweyter Beweisgrund: Die Murter
unddas Weib Iſmaels waren aus Aegypten, wie aus
dem ı Buch Mof. 16, 1. und 21, ar. erhellet. Drit-
ter Beweisgrund: Die Nachkommen Iſmaels han:
delten zugleich mit den Midianitern in Aegypten, zu
der Zeit, da ihnen Spofeph von den Söhnen Jacobs
verkaufet wurde. ı BuhMof. 17, 28. Woraus ich
den Schluß mache, daß die Iſmaeliter einen großen
Anhang in Aegypten hatten. Nun erwägen Sie nur
einmal, mein Herr, wie die Gefchichte der Aegypter
melde, daß Die Araber eine gewiſſe Zeit in Aegypten
regieret haben, und daß außerdem verfchiedene Ge-
lehrte ven Zeitpunck, darinn die Hirtenfönige-
regieret haben, in Die Zeit diefes neuen Königes, der
von Joſeph nichts wußte, feßen ; diefes machte denn
die Muthmaßung noch mahrfcheinlicher,, daß einer
von den Nachkommen Iſmaels damals Aegypten
müffe unter feine Gewalt gebracht haben. Diele Be=
trachtung erläutert verfchiedene Umſtaͤnde, welche man
‚außerdem würde ſchwerlich erflären koͤnnen. Man
‚erfieht Daraus fo gleich, mie die Befchneidung bey
den Aegyptern entftanden * ift, indem fie folche Tange
2 nach
*EEs ift fehr wahrfcheinlich, Daß ein Prinz aus dem Stam⸗
me Iſmaels wird Die Befchneidung bey den Aegyptiern
eingeführet haben. Go zwang Hircanus die Idumaͤer,
/ nachdem er fie bezwungen hatte, daß fie fich mußten bes
ſchneiden laſſen, Joſephe 13, 7 . Dean begreift ubrigeng
leicht, daß eine fo beſchwerliche Ceremonie, und die nur
durch menſchliche Gewalt war eingefuͤhret worden, den
Augenblich aufgehoͤret hat, da fie niche mehr durch eben
13 2and, 6; diefe
642 Von der Beſchn. der Aeghpter.
nach den Zeiten Abrahams, aber verſchiedene daher von
dem Ausgange der Kinder Iſraels aus Aegypten ange⸗
nommen haben. Denn die große Staatsveraͤnderung in
Aegypten erfolgte ungefaͤhr hundert Jahre zuvor.
Man kann zweytens, wenn man dieſen Satz vor
wahr annimmt, erklaͤren, warum die Aegypter die
Beſchneidung nicht eher als im vierzehnten Jahre
ihres Alters einpfiengen, da hingegen die Nachkom—
men Iſaacs den achten Tag nad) ihrer. Geburt be-
fhnitten wurden. Dieſer Unterfchied koͤmmt daher,
weil Iſmael allererft in feinem vierzehnten Jahre be-
fchnitten wurde, und weil er diefen Zeitpunct von fei-
nen Nachkommen wollte beobachtet wiſſen.
Man findet endlich durch meine Muthmaßung die
Bewegungsgruͤnde, warum dieſer neue Koͤnig in Ae—
gypten die Kinder Iſrael ſo toͤdtlich gehaſſet, und
warum er den gaͤnzlichen Untergang dieſes Volks ſo
ſehr geſuchet habe. Gal. 4, 22. 29. |
Wenn man diefe drey Umftände an fich. ſeibſt be
trachtet, fo find fie vielen Schwierigkeiren unterwor⸗
fen; aber diefe Schwierigfeiten. werden derfchwinden,
fo bald man die ißt gedachten Umſtaͤnde mit der Mey:
nung vergleichen wird, welche ic) ißo vorgetragen ha»
be, indem ic) voraus feßte, daß der neue König, von
dem Mofes im andern Buche a aus dem Sam:
me Iſmaels wäre.
| Nachdem ich Ihnen alfo mein Wort: gehalten ha:
be, mein Herr, fo erfuche ich Sie cn zu glau⸗
ben, daß ich bin — J
dieſe Gewalt unterſtůtzet aba und daß ſie nur unter
den Prieſtern, welche den Geheimniſſen ihrer Religion
‚eihrigfe J Waren, noch De ———— 4
I
IE U UNE).
ee See Ze ne *
ins,
Das Leben
des Faiferlichen
und
ſachſengothaiſchen Medaillers,
weiland
Herrn Chriſtian Wermuths,
in Gotha. 1— —
es habe im Jahre 1745. in den Altonaer ges
E ſlehrten Zeitungen im CI. Stüc auf der 830,
9 Seite das Leben meines feligen Freundes, des -
Bannöverifchen Kupferftechers, Herrn Nicolai See«
länders, beyder Nachwelt in gutem Andenken zu er.
halten geſucht. Nachhero habe ich im VI. Stüde
des VI. Bandes des hamburgifchen Magazins auf
der 648. Seite dem geſchickten Kupferftecher in Dreß⸗
den, mweiland Heren Moriz Bodenehr ein Denfmaal
geſtiftet. Weil nun verfchiedene Freunde, welche
giebhaber der Künfte find, mir durch Briefe ihren
Beyfall bezeuget, fo will ich ißo meinem feligen Freun«
de, obgenanntem Heren Chriftian Wermuth, einen
Liebesdienſt hun, und fein Andenken der Vergeffen«
den 38, December zu Altenburg in Meißen, Montags
—
heit entreißen, damit es nicht mit ſeinem Leibe im
Grabe verweſe. Er war die Erſtgeburt ſeiner lieben
Mutter, und erblickte das Licht dieſer Welt a, 1661
fruͤh
/
2
644 Leben des Herrn Wermuths,
- früh um 10. Uhr. Sein Bater Chriftian Wer
much war dafelbft fürftl. fachf. Hofgürtler bis a. 1664.
da er eben zu dergleichen Dienfte nad) Dreßden be
rufen wurde, und allda a. 1680. den 25. Martü
verftarb, feines Alters 43. Jahr und 7. Monat.
Sein Großvater welcher Matthaͤus Wermuth hieß,
war Burgermeifter und Gürtler in der Schönburgi:
fchen Herrfehaft im Voigtlande gelegenen Stade
Slauche. Die Mutter. unferes Herrn Wermuths
war auch aus diefer Stadt gebürtig, und des dafis
gen Archidiaconi, Herrn Zachariä Reinſeckels Tochter,
welche a. 1676. den 3. Auguft in Dreßden die Schuld
der Natur bezahle. Sein Bater wollte ihn anfäng-
lich in feiner Profeßion unterrichten, weil er aber
bey unferm Wermuth einen gefchickten Kopf und eine
große Meigung zum Münzeifenfchneiden frühzeitig
gewahr wurde, fo fieß er ihn diefe Kunft bey Herrn
Ernft Caſpar Dürren, churſaͤchſ. Minzeifenfchneis
der in Dreßden erlernen, bey welchem er a, 1681.um
Michaelis in die Lehre trat, Aeltern thun vernünftig,
wenn fie die Neigungen ihrer Kinder Flüglich abmer-
fen , und fie derjenigen Sache widmen, wozu fie die
Natur beftimmer zu haben fcheint. ‘Denn, wo ein
Kind wider feine Neigung und natürliche Gefchick-
lichkeit zu Ergreifung einer Sebensart gezwungen wird,
da thut es alles mit Verdruß, und es. wird auf Die
legte nichts daraus als Huͤmpeley. Unſer junger:
Wermuth ließ fich bey feiner Kunft recht wohl an,
und fo wenig es ihm an $uft zu derfelben fehlete, fo
wenig fehlete es ihm aud) an gehörigem Fleiße und
Geſchicklichkeit, weewegen ihn fein Lehrherr fehr lies
bere. Weil derfelbe nun: bin und wieder ——
| en
2
verſehen. Und weil er große ur trug, Medaillen zu
Ss
\
£aif. und ſachſengoth. Medaillers. 645
ben wurde, Stempel zu Münzen zu fehneiden, und
‚er diefen feinen gehrling eben fo wohl leiden, als brau«
chen Fonnte, fo mußte er ihn allenchalben mit bealeis
ten, wie er denn mit ihm ein Jahr in Seipzig, ein
Jahr in Jena, und zwey Jahr in Zerbft ſeyn mußs
te, auch ein Jahr Hin und wieder mit ihm nad)
Magdeburg, Berlin, und Sondershaufen reifen
mußte, Siegel und Münzen zu fehneiden. Diefer
fein Sehrhert hatte nad) funf zehnjaͤhrigen dreßdniſchen
Dienſten keine bleibende Stelle, und gieng von dar
in berliniſche, ſtettiniſche, und endlich in churlän«
difche Dienfte als Münzeifenfchneider ; hergegen uns
fer Wermuth murde a. 1686. den 20. Martii in hoch«
graͤfl. ſchwarzburgiſche fondershäufifhe Dienfte als
Münzeifenfchneider angenommen, Er befam dabey
Gelegenheit die Probierfunft, und was zum Münz«
weſen und einem Münzmeifter und Guardein zu tife
fen nöchig, bey dem fürftl. fächf. gothaifchen Münz«
meiſter Heren Thun zu erlernen, und übete fich vier
Jahre darinnen, worüber er auch einen ordentlichen
Lehrbrief befam. Weil nun feine Gefchicklichkeie im
Mimzeifenfchneiden befannt wurde, fo wurde er von
dem fürftlichen fächfifchen gothaifchen Hofe als Münz-
eifenfchneiver berufen. Er nahnt folche Stelle an, doch
mit dem Bedinge,daß er fie von Sondershaufen aus
verſehen durfte, bis er endlich, auf Werlangen des
durchlauchtigften Herzoges von Gotha von Sonders⸗
haufen dorthin 309g. Bon bier aus hat er ſowohl
hurfürftl. mainzifche, als auch bifchöflich hildesheimi-
ſche, herzoglich braunſchweigiſche und wolfenbuͤtteliſche,
auch etliche fuͤrſtl. fächfifche Dienfte mie Muͤnzruͤſtung
ver⸗
\
545 - Leben des Herren Wermuths,
verfertigen, fo that er auf eigene Koften unterfchiedene
Keifen, in Münzcabinetten großer Herren dergleichen
Gedaͤchtnißmuͤnzen zu fehen und Fennen zu lernen. Er
bemerfete das Niedliche und Saubere, auch Wohlge-
bildete in eprägen, und brachte eg Durch Gottes Öna-
de und Hülfe, auch unverdroffenen Fleiß und Uebung
ſo weit, daß er mit verfertigten Medaillen, die feine
Hand gemachet hatte, zum Borfcheine kommen £onnte,
wie er denn deren eine fehr große Menge verfertiger
bat, auf Kaifer, auf Könige, auf Fürften, auf Gene=
tals, auf Akademien, auf Gelehrte ausjallen Facultä-
ten, auf die neueften Begebenheiten in den Staaten,
in der Neligion, und in andern merkwürdigen Bege—
benbeiten. So hat er auch mancherlen fatirifche Mez ,
Daillen, welche zuweilen ziemlich beißend, aber doch.
wißig ausfallen, befannt gemacht. Von feinem Ehe-
ftande ift zu melden, daß er fich in Sondershaufen im
Jahre 1688 den sten Junii in ein chriftlich Ehegeloͤb⸗
niß eingelaffen mit Jungfer Elifaberh Julianen, einer
Tochter Herrn Julii Eberhard Voigtlanders, welcher
über 24 Jahre fürftt. braunſchw. Landvoigt oder Amt-
mann zu Bettmar-an der langen Wiefen gewefen, aus
deſſen Senden -fie entfproflen, und im Jahre 1670 den
28 Januarii geboren worden. Seine eheliche Ber:
Dindung mit. derfelben trat er den 25 September be-
- fagten Jahres zu Sangelsheim, eine Meile von Goß-
lar, bey ihrer Frau Großmutter an, welche den fürftl.
braunſchw. Dberförfter Kochen am Harze gehabt, und
führete fie den erften Detober. mit ſich nach Sonders⸗
haufen heim, mit welcher er viel Kinder gezeuget, un-
ter welchen mir befannt find: Frau Maria Juliana
Wachlerinn, welche 1692 den 2 Junii geboren, und
| an.
kaiſ und fachfengoth. Medaillers. 647
an einen Serretär in Gotha verbeirather worden, auch
feine Miffenfchaften hat, und im Emailliren fehr ge:
ſchickt iſt. Ein Sohn, Ehriftian Siegmund, geboh-
von 1711 den25 May, lebet noch als Fontal. pohln. und
churfuͤrſtl. ſachſ. Medailler in Dresden. Es legete
fi) auch der felige Mann auf die Chymie, in welcher
er in feinem Hinterhaufe arbeiter. Weiler auch einen
ſtarken Briefmwechfel nicht nur mie Gelehrten, fondern
auch mit Künftlern unterhielt, fo hatte er eine ftarfe
Sammlung von allerhand Kupferftichen, zu welcher
infonderheit der amfterdamer Kupferftecher, Peter
Schenk, vieles beygetragen, zufammengebracht; tie
nicht weniger ein trefflich Cabinet von allerhand Sel«
tenbeiten, von welchem er mir einsinals fchrieb: es
hätte ihn ein Faiferlicher Oberſter aus Mantua 24000
Thaler gebothen, welche er auf 30000 Thaler gehal⸗
ten, jenem aber vor 25000 Thaler gelaflen hätte. Es
hätte auch der Dberfte ihm gern 30000 Thaler geben
wollen, wenn er alles hätte fortzubringen gewußt.
So war er auch ein überaus großer Liebhaber von
Büchern, vor welchen er fich einen großen Vorrath
angefchaffee hatte; und. da er mit dem gelehrten Fönigl«
pohlnifchen und churfürftl. fächfifchen Rathe und His
ftorienfchreiber, Herrn Wilhelm Ernſt Tenzeln, in ges -
nauer Freundfchaft ftund, welcher ein großer Bücher:
fenner war, fo verfchaffere ihm derſelbe ſchoͤne Bücher.
Wie denn auch unfer Wermuth des Heren Tenzels
Bibliothek vor einige taufend Thaler an fich Faufete,
diefelbe Hernach durch Verſtechung feiner Saxoniae
Numifmaticae gegen andere Bücher, auch vor baares
‚Geld aus Auctionen vermehrete, wie er ſolches in dem
Re des eriten Theiles feiner ——— ſo er
Ss 4 im
R
*
*
648 Leben des Herrn Wermuths,
im Jahre 1738 den 7 Julii und folgende Tage in
Gotha an die Meiſtbiethenden überlaffen, meldet, Er
‚hatte auch ein Foftbares Münzcabiner von allerhand
raren Münzen, welche er aber. noch bey feinem Leben
an die Meiftbierhenden verfaufer hat, Sonſt war
er von einer aufgeweckten Gemüchsart, freundlich und
leutſelig, und mifchete in feinen Unterredungen bisweis
Ien einen anftändigen Scherz mit ein. Wie er denn,
als ich ihn 1735 den 26 May in Gotha befuchete, einft
zu mir fagete: Wenn wir immer bey einander feyn
müßten, fo wollten wir Sachen machen, daß Menfchen
und Vieh fich Darüber verwundern follten. Doch ließ
dieſes im Alter nach, da einige Ernſthaftigkeit daſſelbe
verdrunge, Daher gewoͤhnete er fi an, jedermann
die trockene Wahrheit unter die Augen zu fagen, un—
terfchrieb fich auch) in feinen Briefen vom Jahre 1739
an nicht mehr Wermurb, fondern Wahrmuth. Gegen.
gute Freunde war er auch nicht zähe, fondern freyge-
big, wie er mir denn 1739 den ıgten, unit, da ich
abermals in Gotha bey ihm war, verſchiedenes fehen-
fete, und in eben dem Jahre den 23 Detober mir:
Thomae Smithii vitas quorundam eruditiffimorum
et illuftrium virorum, Lond. 1707. in 4. zuſchickete,
welches er noch aus’ der Bücherfammlung des feligen
Heren Tenzels übrig behalten. Der Tod führete ihn
‚aus dem vergänglichen ins unvergängliche Leben den
3 Dee. 1739. Sein Gedaͤchtniß ift zum immerwaͤh⸗
renden Andenken auf die Nachwelt, in Gold, Silber,
Kupfer und Zinn fo vielmal eingepräget worden, fo
viel er Medaillen gepraͤget. Inſonderheit hat er es
vor der Vergeſſenheit zu erhalten gefucher durch vers
fhiedene Medaillen, die er auf ſich felbft ——
| Ä | Be:
kaiſ und ſachſengoth Medaillers. 649
Auf einer von einem Lothe ſteht auf der Hauptfigur
das Bruſtbild ſeines werthen Freundes, Herrn Ten—
zels, mit einer langen Peruque, nach der linken Hand
ſehend, mit der Umſchrift: WILH. ERNEST.
TENZELIg POLYHISTOR. Auf der
Ruͤckſeite iſt das Bruſtbild unſers Herrn Wermuths
mit einem Gewand uͤber der Schulter, und einer großen
Peruque, nach der rechten Hand ſehend, benebſt dieſer
Umſchrift: CHRISTIAN WERMV TH ME-
DALIATOR. Auf einer andern, von eben fol
chem Gewichte, hat er das Andenken feiner Hochzeit
zu ftiften gefucher. Die erfte Seite zeiget fein Bruſt⸗
bild, mit der Ueberſchrift: CHRISTIANVS
WERMVTHIVS. Altenb. Mifn. Die Nüd-
feite ftellee das Bruftbild feiner Ehegattinn dar, mit
der Umſchrift: ELISAB. JVLIANA WER-
MVTHIN. Na. VOIGTLENDERIN,
Auswendig auf dem Rande herum lieft man folgen=
des: Copulati Langelsheimii, prope Goslariam D.
XXV. Septembr, An. MDCLXXXIX. Noch eine
andere Medaille prägete er, deren vordere Seite fein
Bruftbild, nad) der linfen Hand fehend, zeigete, mit
einem Gewand über die Schulter, und einem gefräu-
felten Spigenhalstuche, auf dem Haupte eine Peruque
fragend. Die Umfchrift laute: CHRISTIANVS
WERMVTH. AltenBurgenfis Mifnicus. In
dem Abfchnitte unter der Schulter ift zu lefen: ETa-
tis. 41. Anno 1702. GOTHE. T’Huringorum. Die
Ruͤckſeite ſtellet fein Wapen vor, worüber er 1687 den
30 Sept. einen Wapenbrief befommen. Das Wapen
‚felbft Hat feine Helmdecken, welche weiß und blau fi ind,
und einen rechtwaͤrts gekehrten zugefchloffenen Helm.
5 Das
650 Reben deg Herrn Wermuths,
. Das Schild iſt deutſch, mit’ einer aufwärtsgehenden
eingebogenen Spiße vorher, Tinctur, und drey filbernen
Querbalken. Das rechte Feld ift blau, mit einemfils
bernen Kleeblatte. Das linke: ift filberfarben, wor⸗
auf der Mercurius mit feinem Schlangenftabe ſteht.
Ueber dem Helme find zwey ausgebreitete Flügel, zwi⸗
fchen welchen i in der Mitte fechs Stengel mit Days
blumen, ;wie es fcheint, und Blättern ftehen, ‚zur
Rechten des Flügels ſteht ein C, und zur Sinfen ein
W ‚welches: Ehriftian Wermuth heißen foll: Die
Umfcheift giebt diefes zu lefen: "(CAESARIVS
SAXONICVS SCVLPTOR NVMISMA-
ITVM PRIVILEGiatus. "Die Randſchrift faget
diefes: -OMNIA SI PERDAS FAMAM
SERVARE MEMENTO.. Roc eineandere
hat er ausgeferfiger, auf welcher die erfte Seiteeben fo
ift, wie an der vorigen ; die Nickfeite zeige einen
Storch mit ausgebreifeten Flügeln, nad) der linken
Hand fehend, welcher im Schnabel einen Froſch hat.
Er fteht auf. einem fumpfichten Erdreiche, fo mit
Schilfe bewachfen ift, und auf welchem Schlangen.
und Feöfche herumkriechen. Die Ueberſchrift heißt:
NON CVRAT. Unten im Abſchnitte jteht :
BREKEKEREX, COAX. COAX. Die
Kandfchrift beſaget diefes: CONSCIA MENS
RECTIFAMAE MENDACIA RIDET.
Bermuthlich zielet er darauf, daß er mancherley wi⸗
drige Urtheile von feinem Gepraͤge und chymifchen
Arztneyen nicht achte. Außer dem hat er mancherley
Schriften an das dLicht geftellet, welche ich, fo viel mir
deren befanne find, hier beybringen will, Es hat
auch Herrn N Freund, der gefchickte a |
kaiſ und ſachſengoth. Medaillers. 6sı
ſtecher in Amſterdam, Peter Schenk, ſowohl ſein, als
ſeiner Eheliebſten Bildniſſe, mit ſchwarzer Manier
auf groß Folio zum Andenken in Kupfer geſtochen.
| In Folio
Hat er durch J. G. Menzeln in Leipzig 12 Kupfer⸗
ſtiche von großen und mittelmaͤßigen Schauſtuͤcken auf
die Wahl Kaiſer Carls VI. glorwuͤrdigſten Andenkens,
auf einem halben Bogen ſtechen laſſen, uͤber welchem
oben ſtehet: NVMISMATA. GLORIOSIS-
SIMI IMPERATORISCAROLI VL
GERMANGCHISPAN HVNG.. BO-
HEM. etc. REGIS, ARCHIDVCIS AV-
STRIAE etc. AVGVSTAE DIGNITA-
DIS: AVSPIEIIS, ET- "MEMORIAE
ELECTIONIS ET CORONATIONIS
SACRATA D.D.D. CHRISTIANVS
WERMVTH, ET IOAN. CHRISTIAN.
KOCH. PROTOMISTAE GOTHANI
THVRINGIAE.
In Ouart
Hat er durch ſeinen Verlag die ſaͤchſiſchen Muͤn⸗
zen von Tenzeln beſchrieben in lateiniſcher und deut⸗
ſcher Sprache, und Kupferſtichen befoͤrdert. Der
erſte Theil hat dieſen Titel: SAXONIA NVMIS-
I\MATICA, oder Medaillencabinet von Gedaͤcht—
niffmünzen und Schaupfennigen, welche die Durch»
fauchtigften Chur und Fürften zu Sachfen, albertini-
Ifcher Hauptlinie prägen und verfertigen laffen, aus
‚vielen Eabineten mit Fleiß zufammen gelefen, in ſchoͤ⸗
ne Kupfer gebracht, und aus ber Hiſtorie und
Stamm:
N | —
’ * Er
652 . Reben des Heren Wermuths,
- Stammtegiftern erläutert durch Wilhelm Ernſt Ten-
zeln, Kon. Pohln. und Ehurf. Sächf. Rath und Hi-
ftoriographum, verlegt durch Chriftian Wermurben,
Kaiferl, privilegirten, auch Kon. Preußif. und Fürftl.
Sachſengothaiſchen Medailleur, zu finden in Franf-
furt am Mayn bey Friedrich Knochen, und in Leipzig
bey Philipp Wilhelm Stoden, Buchhändler. Dreß-
den, gedruckt beym Kon. Hofbuchdrucker, Joh. Nies
deln, 1705. 7. |
Der Titel des andern Theile lautet eben fo, nur
Daß gemeldet wird, daß darinnen die Medaillen der
erneftinifchen Linie abgehandelt werden, Beyde Theile
kamen 1714 mit Zuſaͤtzen und Regiſtern wieder her-
aus, unter folgendem Titel: Säcfifches Medaillen-
cabinet, von Gedaͤchtnißmuͤnzen und Schaupfennigen,
welche Die Durchlauchtigften Ehur- und Fürften zu
Sachſen, Erneftinifch- und Albertinifcher Haupflinien,
feine zwey hundert Jahren haben prägen und verfer-
tigen laſſen, aus vielen Cabineten mit Fleiß zufam-
men gelefen, in fchöne Kupfer gebracht, und aus der
Hiftorie und Stammregiſtern gründlid) erläutert,
durch Wilhelm Ernft Tenzel, Koͤn. Pohln, und Chur:
fürftt. Saͤchſiſ. Rath und Hifloriographum. Auch
mit zwey Hauptregiftern, nebſt zweyen Supplementis,
ausgefertiget durch Ehriftian Junker, aus Dreßden,
Fürftl, Saͤchſiſ. Hiftoriographum, des Fürftl. Saͤchſ.
Gyımnafıi zu Altenburg Direftorem, und der Königl.
Preußiſ. Societät der Wiſſenſchaften Mitglied. Ber-
legt durch Ehriftian Wermuth, Kaiferl. und Königl.
Preußiſ. auch Fürftl. Saͤchſ. privilegirten Medailleur.
Frankfurt, Leipzig und Gorba, zu haben bey Samuel
Tobias Hofer, Johann Georg Menzel, als der —
A daillen⸗
kaiſ und ſachſengoth. Medaillers. 653
dailfenfupferftecher und Andreas Schall, wie auch
bey dem Verfaſſer felbft MDCC XIV. In dieſer
Ausgabe find darzu Fommen die beyden Hauptregifter
Anno 1713, fo vor 16 Gr. befonders verkauft wurden,
und Anno 1714 Famer noch Supplemente darzu zu
dem ganzen Werke. Das ganze Werf koſtet 12 Thl.
In Octav.
Specification derer Medaillen, ode Schauſtuͤcke,
fo zeithero in Gold, Silber, vergüldt- und purem
Kupfer, auch englifhen Zinn-verfertiget und zu bes
kommen bey Ehriftian Wermuthen, Fuͤrſtl. Saͤchſiſ.
Medailleur in Gotha. Gedruckt durch Chriftoph
Reyherrn, Fürftl. Saͤchſ. Hofbuchöruder, 1698.
Continuation des im 1698 Jahre herausgegebenen
Catalogi, Gotha 1699. Fernere Continuation, Gotha
1700,ing. CHRISTIANI WERMVTHII Caefarei
priuilegiati et Ducalis Saxon. feulptoris metallici NV-
NORVM MNEMONICA Ordine deferipta, et
oculorum fenio confectorum gratia perſpicue expli-
cata. Opus vere Regium omnibus omnium ordi-
num, praefertim ciuilis prudentiae Studiofis vtile ac
iucundum. Cum gratia et priuilegio Sac. Caef.
Maieft. Gothae, Typis Chriftophori Reyheri, Ty-
pogr. Aul. MPCCII. In diefem Werkchen hat
er auf der erſten Seite die Häupter der römifchen
aifer, vom Julio Cäfare an bis auf Leopoldum, theils
aus alten Edelgefteinen und Münzen, theils von Ge:
älden abgepräget, und darbey die Lmfchrift ihrer
Mamen und, Titel beygebracht. Auf der andern:
Seite find kurz ihr Seben und Thaten befchrieben,
| | und
|
MISMATA omnium IMPERATORVM ROMA-
‚654 ‚Leben des Herrn Wermuths, }
und unten im Abfchnite ſteht ihr Symbolum alles in
fateinifher Sprahe. Es wurde diefes Werk Anno
1715 wiederum aufgeleget, worzu die Kupferftiche der
erften Seiten diefer Münzen kamen, welche Jacob
Petrus in Erfurt geflohen. Es foftet are
1.r Rthlr. |
Catalogus Bibliothecae Te zu einer
Lotterie von 2000 Thlr. jede Num. 8 Gr. deren
6000 und feine Nieren oder ledige Nummern ſeyn,
ſondern vor jede etwas Materie aus Diefer Bibliochek, |
vor die eingelegten 8 Gr. befommen follen, in Dctav
EI gedruckt, vor 8 Gr.
Catalogus, nicht allein fehr curiofen und raren al:
ten griechifch- und römifchen Münzen, j jene von Koͤ⸗
nigen, Provinzien und Städten, dieſe aber von Bür-
germeiftern und Kaifern, in Silber und Erzt gefchla-
gen ; fondern auch modernen, filbernen Medailles,
Thalern, halben Thalern, Orthsthalern, halben Oerth⸗
hen und Grofchen, auf Kaifer, Päbite, Könige, .
Chur⸗ und Fürften, Grafen und Städte, auch fonft
allerhand Begebenheiten verfertiger, welche alle un:
ter öffentlicher Auction den 2 December des 17175
Jahres, in Gotha, Vormittags von 9 bis 12 Uhr,
und Nachmittags von 2 bis 6 Uhr, an die Meiftbie- |
tenden follen verfaufer werden, Gotha, gedruckt mit. |
reyheriſchen Schriften. Es ift diefer Catalogus über-
aus wohl zu brauchen, denn vorne ftehen alte griechi⸗
ſche Muͤnzen, an der Zahl 63; hernach kommen auf
der gu. f. Seite 109 roͤmiſche Münzen, welche die
Buͤrgermeiſter haben fhlagen laſſen. Hernach auf
der 5ı und folgenden Seite füberne Münzen der alten
roͤmiſchen Kalfer, an der Zahl 217. Ferner auf der
2 | * 609
J
taiſ. und fachfengoth: Medaillers. 655
gı und folgenden Seite 429 eherne Muͤnzen der
römifchen Kaifer von größerer und mittlerer Größe,
Auf der 162 und folgenden Seiten, kommen die
Münzen der römifchen und conftantinopolitanifchen
Kaiſer mehrentheils von der Fleinften Öattung, an der
Zahl 464. Auf der 220 Seite u. f. find 40 padua⸗
nifhe und cavinianifche Münzen. Es ift diefer Ca—
talogus deswegen brauchbar, weil bey einer. jeden
Münze, wo anders diefelben bey Schriftftellern erflä-
vet worden, in die Schriften derfelben geiwiefen wird,
wo man fie nachfchlagen koͤnne. Auf der 225 Seite
fangen fid) Thaler von Kaiſern, Königen, Pabften,
Churfuͤrſten, Marggrafen, Herzogen, Fürften, Gra-
fen und Städten an, worzu noch auf-der 279 und fol-
genden Seite allerhand Schauftüce und Münzen
mit befondeen Ueberfchriften Ffommen. Hernach fol-
gen halbe, Biertel- und Achtelveichsthaler und Gro—
fhen in eben der Drönung, wie bey denen Tha-
lein | ER
Sonft ift no) zu merken, daß in dem Thefauro
Numifmatum huius faeculi , in Fol. im erften Theile,
im 1700 Jahre nachfolgende Kupferftiche von feinen
Medaillen zu finden. Fol. 9. 10,21.28. 33. infia bes
findlih. Im 1701 Jahre, oder andern Tomo, die:
jenigen, fo Fol. und Num. 86. 98, 99. ııt. 121, 128.
131. XL. 132. 134. 138. 139. 144. zu erfehen,
Im 1702 Jahre, oder dritten Theile, die, fo Fol.
Und Num. 149. 150. 151, 161. 162. 169, AX, 171.
XXII, 173. 175. 184. 185. 186, 201. 206, 208, 221.
227. 228. 230. 233 befindlich, ꝛc. |
Sm 1703 Jahre Fol. 293. 243. 256. 270. 278.
287. 291, 292, 297. 298, 299. 304. 310, 3II, 322,
336. | Bon
666 Leben des Heren Wermuths,
Bon dem Preiße feiner Medaillen ift noch folgen:
Des zu melden: Wenn eine Medaille ı Lord in Gil-
ber wiegt, fo koͤmmt fie in Gold 5 Ducaten ſchwer.
Was aber in Silber unter ı $oth wiegt, werden die
halben Lothſtuͤcke mit 16 Gr. die dreyachtel Sorhftü-
cken mit 16 oder 12 Gr. die acht Duentenftückchen
mit g oder 6 Gr. und die ganz Fleinen + Juentenftüc
chen mit 5 Gr. bezahlet, weil dergleichen Eleine Stück
‚ chen fehr mühfam find, auc) die zarten Stempel bald
entwey gehen. Vor die Fagon wird von jeden Du—
‚caten 4 Gr. und von jedem Loth Silber 6 Gr. vor
Abgang und Arbeit bezahlet.
J
Inhalt des ſechſten Stuͤckes
im dreyzehnten Bande. —
n) Verſuch über die Gefellfchaft der Gelehrten und der
Großen, über den Ruhm, die Mäcehen und die ge-
Iehrren Belohnungen \ Geite 563
0) Erklärung einer gemiffen Bildſaͤule, welche einen gal⸗
liſchen Prieſter vorſtellet nr;
3) Schreiben eines vornehmen Frauenzimmers an den f
Heren = = = = von der Beſchneidung der Aegy⸗
pter —3* 6338
4) Das Leben des kaiſerlichen und ſachſengothaiſchen
* Medaillers, weiland Herrn Chriſtian Wermuths, in
Gotha | une ce # 643
f a * x
Regi⸗
N y
FR 2 aa 77 l
Regiſter
; der merkwuͤrdigſten Sachen.
Hilles wird mit Loͤwenfette und Sifömate er:
⸗ naͤhret
525
t Aegypter , wo fie die Beſchneidung herbekommen
638 f.
Agath, Nachricht von einem ganz befondern 445. 446
Atademie franzöfifche, deren Errichtung 618
Allegorien, warum fie fo häufig in den alten —5
ten gefunden werden 76
Allegoriſche Schriften, warum fie erfunden wor-
⸗ » Antbes von Heide Wei er gelebet 537
3 Appenrade, Herleitung diefes Namens 463
kApus pifeiformis, Befchreibung diefes Inſektes 445
Armuch, ob ſie den Geift fchärfe 618
Athemholen ſteht mit der Bewegung des Gehirns
") in einer Berbindumg 248
3)
a >.
# Bart, wovon er bey verfchiedenen Frauenzimmern
herrühret ' 188.189
3
| ftina
fern dafelbft 102 ff.
ayie, feine Mishaͤlligkeit mit der Königinn =“.
Bearn, 2 von den mebicinifchen a |
‚den 533°
13 Band, ES Belli⸗
RE —
Belliniſcher Verſuch wird oft — 405.
Berlinerblau wird erfunden 34. woraus es be⸗
ſteht 34.45
Befäpneibung, 100 fie die. Yegppter herbefommen
6 640
Beutelgeſchwulſt, Nachricht von einer an der eige⸗
nen Lungenſchlagader 260 ff. |
Bewegung, ob fie von ber Empfindung berzuleiten
230°
Bildfäule, Erklärung einer, die einen gallifchen Prie- |
vorſtellet 625 ff.
Blut, in demfelben find Eifentheilchen vorhanden 31.
verſchiedene Verſuche, die Diefes beftätigen 36 ff. |
aus demfelben wird das Berlinerblau gemacht 34.
45. Verhaͤltniß des Menfchen- und Dchfen-Blutes |
in Anſehung der Eifentheilchen gegen einander 41
Drunnen werden zu Kornbehältniffen angelegt. 289 |
Bruſt, wird einer Weibsperfon abgefeßet 170. 332
Buͤcher, wie vielmal fie in RE cenfivet werden
müffen | | 88 |
— ——
Caͤleſtin V. warum er die — Wuͤrde nieder⸗
geleget 501
Carl der I. Koͤnig von England wird enthauptet 366.
Carl der V. geoßmüthiges Bezeigen deſſelben, als 72
ne Flotte vor Algier untergieng 505
Earl Buftav, wird zum Nachfolger der Koͤniginn
Chriſtina erfläret 354. merkwürdige Münze, die
er beym Antritte feiner Regierung ſchlagen laſſen
3701
Caſtanien, kt, wie ſe zur Viehmaſt zuguber
in 28:30
Chri⸗
Rediſter—
Cheifine, Koniginn in Schweden, Gedanken über
die Denkwuͤrdigkeiten derſelben 340, ihre Erzie—
hung und durchdringender Verſtand 347. Liebe
‚zur Freyheit 353. zu den Sprachen und der Phi—
lofophie 359. 360. erfläret den Carl Guftav zu
+ ihrem Nachfolger 361. ihre Freygebigkeit gegen
die Gelehrten 364. ihr: Anerbiechen gegen den
Scubery 365. fie leget die Regierung nieder 367.
und verläßt Schiveden 372: nimmt zu Brüffel
die katholiſche Religion an 373. wie es ihr in
Frankreich gefallen 377. womit man fie verglis
chen 378. laͤßt ihren Oberftallmeifter Monalde—
ſchi Hinrichten 379. fie will nach England geben
381. geht aber nach Nom zurück 382, bekoͤmmt
Händel mit dem Pabite 383. kehret nach Schwer
den zurüd, findet aber wenig Liebe 384. ' geht
nad) Kom zurücd 385. koͤmmt noch einmal nad)
Schweden 386. kehret misvergnügt wieder nad)
Nom zurücf 388. ſchicket einen Bevollmächtigten
nac) Nimwegen 390. ihr Umwilleüber den Bayle
397. ob fie wieder evangelifch werden wollen 399.
ihr Tod und Grabfohrift 399. 400. mas fie für
Werke aefihrieben 400
Ehurchill, Nachricht von diefen Slufe - 99
Eimbrien, das füdliche, ift das itzige Herzogthum
Schleswig 451. zwey omchme Kloͤſter darin⸗
nen 459
Clyſtiere, koͤnnen weggebrochen werben 273
Comoͤdie, worinn die neuere die alte — 93. 94.
worinn die Staͤrke der alten beftund 95. . wenn
bie neuere Bun“ gefommen : 96
£ | En Cor:
Eotneile, genießt große —* 3
wird verfolget |
Eromwell will die ſchwediſche Königinn Celine
‚in England nicht aufnehmen 381
D.
| Dinifi Sprache, Schickſale berfißen‘ im Sep
thume Schleswig 451 ff, davon finden fich viele ’
Worte in der englifchen 476. DBenfpiele von der
Mundart, die im füdlichen Eimbrien gebräuchlich
find 487⸗ 491
Daͤrme, wenn fie mit Gifte berühret werden, a.
alsdenn gefchiehe
Descartes geht nach Schmeden 356. 358. fiche |
daſelbſt 360
Deutfeben, ob biefelben ei in Dänemarf gemohnet,
ehe fie Deutfchland bevölkert haben 454
Dichter, was zu Hervorbringung derſelben unum⸗
gaͤnglich noͤthig iſt ch
Dichtkunſt, eine wahre findet ohne Tugend nicht
ſtatt 82. mas zur epifchen nothwendig erfordert |
wird 84. wenn fie erfunden worden. 531
Druiden, Nachricht — er 634 |
Edict von Nantes, deſſen Aufhebung 395
Ehrenſtellen, die Ablehnung derfelben ift nicht alle
mal ein Kennzeichen wahrer Großmuh ° 501
Eiche, wie lange fie waͤchſt, vollkommen bleibt, und
wieder eingeht ng 1
SEichenmiſtel, wie er ehemals geſammlet worden 630
Eis und Feuer, ob ſie ſich an einem Orte mit einan-
der vertragen koͤnnen 20. wie Eis durch Kunſt
hervorzubringen 197. i98
BL Eis⸗
Regiſter.
Risberge, islaͤndiſche, Erklaͤrung ihres Namens 13.
14.16. wo fie liegen 18. ihre Sänge und Breite
18.19. Maͤhrchen von denfelben 19. gemeine
Meynung von dem Urfpeunge diefer Berge 20.
befondere 203.205. fie ftecfen voll Salpeter 203.
‚und Steine, die Gold und Silber in fid) enthalten
204. bewegen ſich von einem Orte zum andern
207. wenn ſie am meiften fortruͤcken 207. Ur:
fache diefes Fortruͤckens 208, woher das ftarfe
Knallen bey demfelben rühret 209. vb die Aus-
dünftungen aus unterirdifchen Höhlen zureichend
find, fo viel Waffer zu geben, daß ganze Eisberge
daraus entftehen koͤnnen 210. 2ı1. auf was für
Art und Weife das Eis in die Höhe geftiegen und
zu Bergen geivorden 210, 214, wie die großen
> Klippen darein gefommen 212. «und die entfeßli-
chen Klüfte entftanden —2*8 217
iſen, Verſuch mit demſelben in der blauen Farbe 43 ‚
daraus kann das Berlinerblau gemacht werden 45
iſentheilchen befinden fi) im Blute 31
mpfindlichkeit, fiehe Roͤrper. |
Empfindung, aus derfelben wird alle Dana
© hergeleitet 230: iſt von der — unter⸗
ſchieden 432
rtrunkene, Br unge wird nicht mit Waflee
angefuͤllt ar ‚270
rudits und Savans, worin fie von einander unter
ſchieden ſin ind 87
€ "$: —F
Fabius, umbergfeichliche Großmuth beffelben 506
arbe, ra —* mit dem Eiſen in derſel⸗
Sben 6 er
DE | Tt3 Fer⸗
!
'
edit
Ferdinand von Arragonien — aus Groß⸗
muth eine Krone aus | 498. 499
Seuer und Eis, ob fie ſich an einem One mit einan⸗
der vertragen fönnen: "20
Sleifehgewächs, Befchreibung eines an der Ge⸗
baͤhrmutter hangenden 167
Slensburg, eigentliche Bedeutung diefes Wortes
462. 463
Fouquet behaͤlt in ſeinem Ungluͤck nur zween —
de
Franciſcus 1. Großmuth deſſelben, als er —
gen und gefangen ward 505
Frankreich, Gedanken über das Reiſen dahin 591
Frau, Nachricht von einer, deren Knochen weich
und biegſam geworden =» 0 ang +223
Fraͤuenzimmer mit Bärten | 189
Friedrich, Herz. zu Sachen, Großmuf defelben 500
Sroſt, wie ehe die Bäume —* Fran: 152
Geburt giebt einem Monfehen vor —— ander einen
gewiſſen Vorzug — 595
Gedaͤrme, deren Reizbarket 407. 425
Gehirn, Beobachtungen von — klei⸗
nen und großen Gehirns 195. deſſen Verbindung:
mit dem Athemholen 248
Geiſt, durch die Gaben deffelben unteren ſich die
Menſchen | 21595,
Geifter, welche man vie fehönen nennet 685
Gelehrte, die den Großen ihre Aufwartung machen,
verſchiedene Claſſen derſelben 598. wie ſich ihr
"Umgang mit denſelben gemeiniglich endiget =
Ä N Ä we
Regiſter.
welcher Großen ihren Umgang ſie zu ſuchen *
ben 604
| Beometrie, was dieſelbe ſo in die Hoͤhe gebracht 587
Geſchwulſt, eine waͤſſerichte am Fuße 166
Geſetz, das juͤtiſche, Nachr. von demſelben 478.479
Getreide, phyſikaliſche Anmerkungen, uͤber die Art,
daſſelbe zu erhalten 276. was man für Getreide
zum Aufbehalten wählen folle 278. 281.286. war⸗
‚um es fo leicht auswächft 291. - wie es vor dem
Ungeziefer zu verwahren 294. Unterſuchung der
innern Structur der Öetreideförner 301. wie die
Fruchtbarkeit deffelben zu vermehren 446
Gicht, wo der Schmerz davon eigentlich liege 242
Glas, woraus daffelbe gemacht wird 199. warum
es fich nicht biegen läßt 199. Zwiſchenraͤumchen
in demfelben 200.‘ \\
| Glüd erwecket Hochachtung und Vorzuͤge 596
Grimmdarm, Anmerkung über. die Klappe deſſel—
“ben 272.
Große, deren Geſelſcheft hat eine Art von Reize für ’
- die Gelehrten © 569, 574: 605 -
GSroßmuth, Charafter eines Großinüthigen 493:
w einige Beyfpiele von Großmuͤthigen 495. 496: waß
ein Großmütbiger eigentlich ift 497. 509. er ber
fißt alles, was in jeder Tugend das Erhabenſte und
Herrlichſte iſt 5IE -
Grotius wird nach Schweden —J 349. als
Abgeſandter nad) Frankreich geſchickkt 349. 350
Guͤrtel, ein weſentlicher Zierrath der alten Prie- -
fer 633
a Adolph, einige Anmerkungen über den- -
ſelben 344 ff.
Tt 4 95. Haar,
Kegifer
Börper, der menfchliche, was fuͤr Theile an bemfelben
empfindlich und veizbar find. 227. ff. welche -feine
einfachen und zufammengefeßten Theile find 232, -
‘von den veisbaren Theilen des menſchlichen Koͤr⸗
pers inſonderheit — 6
Rrankheiten, Beobachtungen von verſchiedenen
beſondern — 166 ff. 210 ff.
Lambecius * von der Königinn Ehriftina getrö-
ſtet 385
entſchuldiget des Monaldeſchi Ermordung
2379
AR Beobachtung ‚über diefoffidn, 121
Lucian wird gelobet 599. und getadelt 600
Dungenfchlagader, die eigene, Nachricht von einer
Beutelgeſchwulſt an derfelben. 2: 5 Do
Lycurg, Bergleichung heſehen mit dem Numa 497
| m. |
Mäcenen, Gedanken über diefelben. 609 ef
Magen, derfelbe iſt ziemlich veizbar. .. „421
Marſias, ob er die doppelte Flöte erfunden a.
Maſtdarm, Abgehung eines Theiles der jottichten |
Han deffelben durch den Stuhl 170
Maͤtthias, Johann, warum —* ſchwediſche Bir
ſchoff abgefeßet worden a >
Mehl, welches ſich ſehr lange hält 305. Ungeziefer
in demfelben. 306
Mehlthau, melde Bäume demfelben am u:
unterworfen feyn 149, wie er durch Kunftzumege .
zu. bringen 151. 152, 155, Sablit deſſel⸗
ben | ET ETTEE
6) ” , | Melam⸗ 4—
| Rediſter. | ie
Welampus bringt die Geheimniffe der Profetpina
aus Yegnpten nach Griechenland 543
Meleſander, ein berühmter griechifcher Dichter. 547
Menage wird von der Königinn Chriſtina Bas
ſchaͤtzet
Menſchen ſind durch das Recht der Natur gleich |
595. unterfcheiden ſich Hauptfächlich durch drey
Dinge 595. 596
Wicrorkosifhe Beobachtungen des Echimmels
auf Pflanzen Infuſionen 16 ff
Mitrometer , Nachricht von einem neu erfunde-
nen 334
Mil, Gedanken über ben Gebrauch beſtben ben
Kranken 105 ff,
Minorca , Urfachen der ‚heutigen fchlechten Hand»
fung. auf diefer Inſel 1IO: 112
Molinos, Michael, das Haupt der Quietiften 391
feine Berdammung in Kom 392
Monsldefchi wird ermordet | 379
Mufäus ein berühmter Schuler des Orpheus 541 -
Muskeln, warum das Fleiſch derfelben fehmerzet 234,
nicht alle ihre Kraft hängt vonden Musfeln ab 409
Muskelfaſer ift allein in dem Körper veisbar 430.
woraus fie beſtehe, und wo ne reisbare Kraft
fs | | BL.
rn. |
SER ob fie der wahre, und ‚erfte Grundftoff des
menfchlichen Körpers find 231. 238. ihre Empfind=
lichkeit 259., Die Reizbarfeit entſpringt nicht von
ihnen, fondern aus der Structur des reizbaren Thei-
les felbft 492 |
ne) Bergleichung deffelben mit dem Kung, 497
Osde
— —7 — —
megier.
> } 9*
©
— Beſchreibung eines, 6 von einer Preing |
der Schenfelblutader entftanden
Del, goldfärbigtes im Schnee or
Ölen, verfertiger die erften Sobgedihtee 543
Olympus, erfindet das phrygifche Sylbenmaaß 546
Oroͤbanthus, ein berühmter epifcher Dichter 347
Orpheus, Nachricht von demfelben _ 5382541
Oxenſtirn, welcher Regimentsform er den Vorzug
een ni ‚346.347
— ein beruͤhmter alter Dichter 548
ampbo, befinge zuerft die Gratin 538
Patera, voie fie befchaffen gewefen NE
Pflanse, Befchreibung einer ganz befondern -
ſchwammartigen 115. ihre verdorbene Säfte wer⸗
den verfchiedenen infeften angenehm 148. Pflan-
zen die ihre Natur ändern, wenn fie an: andere Der»
ter verſetzet werden Bd
DPhemius mar einer von den alten Dichfern 330
Phemonoe, eine Priefterinn des Apollo , 1338.
Dove) iſchẽ Bedichte, wer diefelben gefchrieben 544
Phyſi
223. 445448
Pindar, wird von den Bienen mit Honig geſpeiſet
ML
Hiſo Srofmutg deifelben “1802, 503
Prieſter ver Gallier, was fie befonberes an ich ges
Bay Kate) 7: Wi
jr year Hk
Cuieten, machen ein offen — 391
N: Nr
* BE R. Ra:
alifche Melanie sent 98-112. 219° .
tm 1 150 27 ren
Regiſter.
* R. H ’2,
cn hat viele Feinde —
Reizbarkeit, ſiehe auch Koͤrper. ſie hänge weder
von dem Willen noch von der Seele ab 409. 441.
iſt vonder Empfindung ganz und gar unterfchieden
432. was fie fey 434. Hiſtorie derfelben 435 ff.
Aeligionsveränderung, worauf fie fich —
theils gruͤndet
Richelien, Kardinal von, ftiftet die feanzöfifche Ykar
demie 618.619
Riefen, follen aufden Eisbergen in Island wohnen 19
Ruhm, Gedanken über denfelben 572.574. Tems
pel des Kuhmes, Begriff von einer Befchreibung
deffelben 593. warum Ruhm und Achtung nicht.
nothmendig mit einander verbunden find - 597
Buniſche Buchftaben, wo man ſich berfelben be: _
dienet bat 466
Säfte der Pflanzen, u Stockung ift der 8*
Grad zur Faͤulung
Salmaſius, wird von der Koͤniginn Chriſtina Koch.
geſchaͤtzet 364
Salpeter, wie er Eis verurſachet 197. 198. 202. 206
Salvius, wird ſchwediſcher Senator und befördert
den wejtphälifchen Frieden 352
Salze, deren Kraft, —— derb zu machen 201
Savans und Erudits, Unterfchied zwiſchen rn.
Schimmel auf Infuſionen von Pflanzen, —E
tungen bey demfelben - .uöff.
Schleswig, eigentliche Bedeutung diefes Wortes
461. Schickſale der dänifchen Sprache in diefem _
- Her⸗
Mae
Herzogehume 451 ff. »esift mit Holſtein nicht zu
verwechſeln 472. iſt jederzeit mit Daͤnemark ver⸗
einiget geweſen 472. 474. 477. wenn die deutſche
- Sprache in demſelben eingefuͤhret worden 479 ff.
— ee Z führer ein gewiſſes goldfarbenes Del bey
ſich wie derſelbe entſteht und vom Hagel
— iſt 23. warum er ſo viel Luft in ſich
enthaͤlt 23. ob er voll Salz ſo 202
Schriften, ſonderlich die Re A vichten fih * —F
den Sitten der Zeit 95
Schweine, zu erfahren, wie fett fie find 234
Schwindſucht, Anmerkung uͤber die Eur derſel⸗
ben BIER =
Seudery, was fi die Königinn Cheiſtina gegen ihn
erbothen 365
Seele, wo ſie ihren Sitz hat. 433
Seepflanzen, wie fie ihre Nahrung an fich ziehen 122
Seitenftechen, wo deſſelben Sitz zu fuchen fey 254
Sennen, diefelben find fehr unempfindlich 235. in
denſelben ift weder Werkzeug der Empfindung noch
_ Bewegung 236
Sitten einer Nation, wornach fie fi ch richten 77
Slaven, Merkmale derfelben in Sachſen, Schle—
fien und der Marf Brandenburg | 458
"Sprache, große Verwandtſchaft der daͤniſchen mit
der deutſchen 452. worinn fie hauptſachlich von
einander abgehen — 4
Sprachen werden durch Auszierungen verringert
84. mag die Sprache eigentlich fey 57. Gedan—⸗
fen über die fo genannten Mufterfprachen 63. Ein⸗
fluß der Religion, der Sitten und Zeiten i in & |
— |
Sit 1
Stiftung des Hein Stolp, zu babe gelehr⸗
ter Schriften 556
Stockung der Saͤfte bey Zieren und Pflanzen ift
der erſte au Ra ei | 148
Re
— ein muſikaliſches Stuͤckchen, das denen
von den Tarantuln Gebiſſenen vorgeſpielet wird 5
Tarantul, wo fie den Menfchen hinbeißt 4. trau—
tige Wirkungen Davon 5. Bezeigung der. er
biffenen bey der Eur 6.7. wie lange ein Gebifle-
ner lebt, ehe er ftirbt, wenn er nicht curiretwird 4.5
Teutoner, ob fie eher in Dänemarf gewohnt, als fie
Deutſchland bevölkert haben 453
Thamyras, ein beruͤhmter Dichter 547
Thiere, beſondere Anmerkung uͤber die verdorbenen
Säfte derfelben 148
Thymoetes, der erfte unter den früßgeitigen Keifen-
den 544
Tlacälec, Großmuth diefes Malanes 499
Trajan, wodurch er zur Herrſchaft gelanget 503
Trommelfell im Obre. eines Menfchen, befondere
Beobachtung daran 271
Tuberofe, ift ein indisnifches Gewaͤchs 46. erfor—
dert viele und gute Wartung 47. . wie e8 eigenf-
lich gepflanzet werde 48. wenn fie auszunehmen,
und wie fie den Winter über zu verwahren 53. 56.
wie. der Saame davon zu gewinnen 54. 55
"Tutulus, eine befanbere Art von Haarpuße 629
| U. —
Unempfindlich, welche Theile des menſchlichen Kör-
pers alſo zu nennen find 231
Unge⸗
’4
Fr
., ⸗ / nn.
/ i 7
Ei. / Erz ’
Regiſter.
| | Ungesiefer, verſchiedenes dem Gateide fhädlihes, |
wie es zu tilgen 2094 ff.
Vergt Sherungsgläfer,, Nutzen der einfachen ſtar⸗
fen 130. des doppelten =... z
Verſtaad, durch denſelben unteffeen ne —*
Menfehen
Voßiue Iſaac, fein Charakter eh, eo
| wm. ; * —
Woydkraut, Anmerkung über daſſelbe 280
| Weiſe (der) deſſen Aufführung gegen die en
601
Wenden, Merkmaale derſelben in Sachſen, ae
fien und der Marf Brandenburg
Wermutb, faiferlicher und fachfengothaifcher Me
dailleur, Nachricht von demfelben 645 ff.
Weitpbölifcher Friede wird gefchloffen 351. 352
Winde, welche mehr Schwefel, und: welche mehr |
Salpeter bey fich führen .
Wohlt haͤter gegen die Gelehrten, Gedanken über
diefelben 615
Wuͤrfel, glaͤſerner, Verſuch damit 442
Zähne, diefelben haben Empfindung A
Zeitalter, einem jeden ift eine gerifle Art der Wif
fenfchaften eigen 522
Sufchriften der Bücher, Gedanken darüber 609
— iſt ſehr reizbar * 30 j
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